Ich muss gestehen, dass ich abergläubisch geworden bin. Das mag eine Frau wohl werden, wenn sie so einsam ist, wie ich es in den letzten Jahren gewesen bin. Mein Mann wurde ja gleich zu Anfang des Krieges als Sanitätsoffizier eingezogen, und meinen Jungen holten sie mir, kaum dass er siebzehn Jahr geworden war. Da war es mir nun immer ein Trost gewesen, dass unser Haus von den Fährnissen des Krieges verschont blieb. Ich gewöhnte mich schließlich daran, diese Unversehrtheit als das Sinnbild eines gnädig waltenden Schicksals zu deuten, das mir meine Männer heil und gesund wiedergeben würde.
Und nun mussten mir zum bitteren Ende, in diesen herrlichen Frühlingstagen des April 1945, die feindlichen Nachtflieger noch einen ihrer letzten Grüße aufs Dach senden. Es waren zwar nur ein paar Ziegel zerschossen, aber ich fühlte sogleich das ungestüme Verlangen, diesen Spritzer des Unheils so schnell wie möglich hinwegzuwischen, als ob ich dadurch die alte Gunst des Schicksals hätte zurückzwingen können. Ungesäumt begab ich mich also zum Nachbarn Ahlswede, dem Dachdecker.
Seine Hilfe wollte mir der freundliche Mann nicht versagen, wie er sie mir in so mancherlei Nöten, denen ich als alleinstehende Frau in den Kriegsjahren oft ausgesetzt war, nie versagt hatte – aber meine Hoffnung, dass er noch über einige Dachziegel verfüge, vernichtete er alsbald mit einem nachsichtigen Lächeln:
»Dachziegel …? Sie haben wohl auf dem Mond gelebt, Frau Doktorin Löhnefink. Betreffs meiner letzten Dachziegel, die habe ich schon voriges Jahr nach Hannover abgeben müssen. Hier gibt es weit und breit keine Dachziegel zu kaufen.«
Ich kriegte nun tatsächlich keine Dachziegel zu kaufen, aber ich brauchte nur ein paar Schritte zu gehen, um sie dennoch zu beschaffen. Ich erhielt sie sogar geschenkt. Vor meinem Auge erstand plötzlich das rettende Bild eines halb in die Erde gesunkenen alten kleinen Schuppens, der in der verwilderten Ecke eines nahen Gartens zwischen Weißdorn, Brombeergerank und Holunder seine schon lange nicht mehr genützten Tage verträumte. Das schiefe Dach war gerade noch imstande, die Last seiner gut erhaltenen Ziegel zu tragen. Nun, es gelang mir, dem alten Burschen seine Last abzunehmen. Der Bäckermeister und Kolonialwarenhändler August Probst, der Besitzer des Gartens, überließ mir gern die Steine. Seine treffliche energische Frau, mit der ich mich in den letzten schweren Jahren innig angefreundet hatte, rief auch sogleich ihre Verkäuferin herbei, und Frieda Binnewies half mir beim Abdecken der Ziegel. Freudig und geschickt ging mir das stattliche Mädchen zur Hand, bald hatten wir die Steine entfernt und in einem kleinen Handwagen verstaut.
Meister Ahlswede war nicht wenig erstaunt, als wir mit unseren unverhofften Schätzen vor ihm erschienen, er lobte mich höchlich ob meiner wieder einmal bewiesenen Umsicht, ganz besonders erfreut schien er aber, als ich ihm sagte, dass Frieda bei der Demontage der Ziegel so tüchtig geholfen hatte. Mit väterlichem Wohlwollen wandte er sich an das Mädchen:
»Ich war schon bange, Frieda, dass du in Hannover zu fein für solche Arbeiten geworden wärest. Aber nun wirst du ja wohl doch noch eine ganz tüchtige Dachdeckerfrau werden. Unser Anton muss ja nun bald wieder nach Hause kommen.«
Frieda beugte sich über die Ziegel, um ihr Erröten zu verbergen, sie begann, die Steine auszupacken.
»Anton …?«, sagte sie mit erkünsteltem Gleichmut, »der hat so lange nicht geschrieben, der hat womöglich eine andere kennengelernt. Dem ist so leicht keine fein genug.«
Schmunzelnd entfernte sich der Meister, um eine Leiter zu holen.
Während ich mit Frieda die Ziegel auf den Hausboden trug, erzählte mir das Mädchen, dass sie sich manche Sorge um Anton mache. Sie war mit dem Sohn des Dachdeckermeisters Ahlswede so gut wie verlobt. Der »feine Anton«, wie er vom ganzen Dorf wegen seiner Bemühungen um gehobene Umgangsformen genannt wurde, hatte tatsächlich nun schon ein ganzes Jahr nichts von sich hören lassen. Nur auf Umwegen hatte Frieda erfahren, dass er jetzt mit einer leichten Verwundung im Lazarett lag. Sicher hatte er irgendeine junge Krankenschwester kennengelernt, die ihm durch ihre vornehme Herkunft imponierte.
Ich versuchte Frieda zu trösten: Nach meiner festen Überzeugung würde Anton trotz seines bekannten »Fimmels« wieder zu ihr zurückzufinden.
»Ich lasse ihn auch nicht los«, sagte sie schon im Gehen, »ich kenne ihn besser, als er selbst sich kennt.«
Ich begleitete Frieda bis vors Haus und wartete dort auf den Meister, der bald darauf mit Leiter und Handwerkszeug zurückkam. Er gab der Hoffnung Ausdruck, dass ich nun auch einen brauchbaren Handlanger bei der schwierigen Arbeit des Dachdeckens abgeben würde. Wenn ich ihn nun auch zunächst enttäuschen und seine Aufforderung, mit ihm die Leiter zu besteigen, bei meiner Neigung zum Schwindel ablehnen musste, so erklomm ich doch wacker wieder meinen Hausboden und reichte ihm durch eine Luke unverdrossen die Ziegel zu.
Das Geständnis meiner Schwäche mochte in ihm den unwiderstehlichen Drang erweckt haben, mit seiner eigenen Schwindelfreiheit recht augenfällig zu prunken. In betont nachlässiger Haltung stand er auf dem First und stopfte sich zunächst einmal umständlich seine Pfeife. Obwohl ich dieser Schaustellung mit zitterndem Unbehagen beiwohnte, fühlte ich mich doch verpflichtet, sie geziemend zu bewundern. Aber das trieb ihn leider nur an, seine Anstrengungen zu verdoppeln und in einem erschrecklich virtuosen Hin- und Herlaufen seine Künste ins vollste Licht zu setzen. Als er sich nun gar, ohne jede ersichtliche Veranlassung, plötzlich auf den schmalen Kranz des Schornsteins schwang, auf dem er nur mit einem Bein mühsam stehen konnte, wurde mir die Sache denn doch verteufelt ungemütlich. Schnell beschloss ich, seinen mir wohlbekannten Drang, sich kindlich in Szene zu setzen, in weniger gefährliche Bahnen zu lenken: Ich brauchte nur auf den Knopf zu drücken, um ihn zu einem höchst genussreichen Bericht aus der großen Zeit seines Lebens zu veranlassen – ein Stichwort genügte.
»Wie war das eigentlich damals vor dreißig Jahren in Maubeuge, Meister Ahlswede? Da haben Sie ja wohl sogar auf einem Schloss das Dach geflickt?«
Blitzschnell sprang der Meister vom Schornstein und turnte über das steil abfallende Dach auf meine Luke zu. Der gierige Drang, mit einer Erzählung zu landen, machte ihn so unvorsichtig, dass er nun wirklich in Gefahr geriet. Er rutschte aus und sauste mehrere Meter in die Tiefe. Zum Glück konnte er sich aber an einem der in das Dach eingelassenen Haken festhalten, und so kam es denn, dass er nicht, wie ich schon gefürchtet hatte, zerschellt auf den Steinplatten unseres Hofes anlangte, sondern dicht über der Dachrinne hängenblieb. Mein schreckensbleiches Gesicht entlockte ihm nur ein Schmunzeln.
»Einen alten Dachdecker kann so was nicht aus der Ruhe bringen«, sagte er, um alsbald, noch während er sich zu mir heraufarbeitete, mit seiner mir allzu gut bekannten Saga anzuheben:
»Betreffs dem Schlosse, das war das letzte Quartier, wo ich mit meinem Leutnant drin lag. Am anderen Tage ist er natürlicherweise schon gefallen. Ich bin nur froh, dass ich ihm noch so ‘n schönes Brot geschmiert habe. Nun muss ich Sie mal erzählen, was ich da alles draufgepackt habe …«
Aber dieses Mal war es ihm nicht vergönnt, die Einzelheiten dieses berühmten Brotbelags zu schildern, er unterbrach sich plötzlich, ein Blick auf die Straße hatte ihn rau aus dem Rausch seiner Erinnerungen gerissen:
»Da kommen doch schon wieder Flüchtlinge … wahrhaftig, die halten hier an. Ich glaube, Sie kriegen Besuch, Frau Doktor. Ich muss doch gleich mal sehen, was die wollen.«
Seine Neugierde quälte ihn noch stärker als die Sucht, zu erzählen. Behände huschte er die Leiter hinunter und ließ mich allein auf dem Dachboden.
Einen Blick auf die Straße zu werfen, verbot mir das vorspringende Dach, aber ich hatte jetzt auch nicht das Verlangen nach einem solchen Blick: Was immer da unten herannahte, es würde mich früh genug erreichen. Es war wohl auch ein wenig Angst vor diesem »Besuch«, der noch mehr von den Wirrnissen fremder Schicksale in unser Haus bringen würde. Ich hatte ja schon eine vierköpfige ausgebombte Familie aus Hannover aufgenommen und war nun von dem begreiflichen Wunsche beseelt, den übriggebliebenen Raum für meine beiden Männer freizuhalten, deren Rückkehr ich erwartete.
Sehnsüchtig blickte ich über die Dächer des Dorfes hinweg auf die Berge, die sich aus den Höhenzügen um die Weser hervorschoben und unser weites Tal einfassten. Wie oft hatte ich diese Wälder mit meinem Mann durchwandert, im ersten Frühling, wenn die Buchen noch kahl waren, der Boden aber ein einziger Teppich schien, gewirkt aus bunten Blumen aus Märzenbecher, Buschwindröschen, Leberblumen und zwiefarbigem Lungenkraut, im Sommer, wenn die Kahlschläge von der süßen Fülle der Himbeeren überquollen und im Frühherbst, wenn in den länger werdenden Nächten sich der Steinpilz heimlich entfaltete und das Rothäubchen aus grasigen Wegen lockend hervorleuchtete. Würden uns solche Wanderungen auch in diesem Jahr beschieden sein …?
Als ob mir eine Antwort auf diese bange Frage zuteilwerden sollte, drang jetzt Meister Ahlswedes Stimme zu mir herauf.
»Frau Doktor Löhnefink – Sie werden hier unten verlangt. Nachricht von Ihrem Mann!«
Ich flog die Treppe hinunter und eilte vor das Haus. Auf der Straße hielt eine altmodische, durch schwere Ledervorhänge geschlossene Kalesche, bespannt mit einem Gaul, der mit seinen eingesunkenen Flanken und seinem struppigen Fell die Spuren einer langen und beschwerlichen Fahrt aufwies. Der Mann, der ihn gelenkt hatte, war dem Wagen entstiegen und kam auf mich zu. Es war ein guterhaltener Fünfziger mit rosigen Wangen und munteren blauen Äuglein. Sein freundlicher Bauch verriet, dass er nicht nur gut durch den letzten Winter, sondern auch durch den ganzen Krieg gekommen war.
Er begrüßte mich wie eine gute Bekannte, während ich ihn nicht unterzubringen wusste.
»Sie kennen mich wohl nicht wieder, Frau Löhnefink …? Ich habe doch mal Ihren Mann vertreten, es sind allerdings schon mehr als zwanzig Jahre darüber hingegangen, da kann man sich schon verändern. Allerdings – das muss ich sagen, Sie haben sich kaum verändert.«
Plötzlich dämmerte es mir, es war nicht zuletzt der unverfälschte sächsische Dialekt, der mich auf die rechte Spur brachte. Ja, das war dieser unglückliche Leipziger, den in den Anfängen unserer Praxis ein hartes Geschick nach Wenzen verschlagen hatte, wo er freilich mit seiner ängstlich gehegten Bronchitis vor den Unbilden unseres Klimas und den Tücken unseres Motorrades am zweiten Tage schon kapituliert hatte.
»Herr Doktor Schädlich«, rief ich mit fröhlichem Erkennen.
»Ganz recht, so hieß ich damals. Jetzt heiße ich anders. Ich habe Namensänderung beantragt: Helferding. Es war der Wunsch meiner Frau.«
Er wies auf die Kalesche, aus der ein Frauenkopf hervorlugte. Frau Helferding hub umständlich an, sich aus ihren Decken herauszuwickeln und unbeholfen aus dem hochrädrigen Wagen zu klettern.
Was mich bei diesem Besuch zuallererst bewegte, war die Aussicht, etwas über meines Mannes Schicksal zu erfahren, von dem ich seit Wochen nichts mehr gehört hatte. Er stand als Chefarzt eines Lazaretts im Osten der Provinz Brandenburg, der ja nun auch vom Vormarsch der Feinde erreicht sein müsste.
»Und Sie bringen mir wirklich Nachricht von meinem Mann?«, fragte ich den freundlichen Flüchtling.
»Ja, ja, die Welt ist doch klein. Stellen Sie sich vor, als wir mit unserem Treck durch Frankfurt an der Oder kamen, habe ich ihn zufällig kennengelernt. Damals, vor zwanzig Jahren, hatte ich ja leider nicht das Vergnügen, seine Bekanntschaft zu machen, umso mehr freute ich mich, das nachholen zu können. Er hat uns liebenswürdigerweise für eine Nacht in seinem Lazarett untergebracht, ich muss schon sagen, wir haben lange nicht mehr so gut geschlafen, nachdem wir bei einer guten Tasse Kaffee noch bis zwei Uhr geschwatzt hatten. Das war Anfang Februar, wir sind nämlich schon im Januar aufgebrochen und langsam getreckt, wir haben auch immer wieder liebe Menschen gefunden, die uns tagelang festhielten, es war manchmal direkt gemütlich. Auf einem Gut in der Nähe von Magdeburg zum Beispiel …«
Ich brachte nicht mehr die Geduld auf, seine Beispiele anzuhören, kurzerhand unterbrach ich seinen Erguss.
»Aber Sie wollten mir doch von meinem Mann erzählen, Herr Doktor Schädlich!«
»Helferding, wenn ich bitten darf. Ja, ich soll Sie natürlich grüßen von Ihrem Mann. Wir erzählten ihm nämlich, dass wir die Absicht hatten, uns in Richtung auf die Weser abzusetzen. Eigentlich wollten wir ja den Fluss noch überschreiten, denn von vielen Seiten wurde uns gesagt, dass die Russen möglicherweise bis an die Weser vordringen würden. Aber dann kamen wir doch zu der Überzeugung, dass wir die Grüße Ihres Mannes als einen Wink des Schicksals deuten sollen, das uns in Wenzen und nur in Wenzen sehen will. Ich darf wohl annehmen, dass Sie Platz für uns haben. Selbstverständlich übernehme ich gern die Vertretung Ihres Mannes.«
»Ich hoffe, dass mein Mann gar keinen Vertreter nötig hat, er wird doch hoffentlich bald zurückkommen, ich rechne jeden Tag mit seiner Rückkehr. Nun sagen Sie mir aber endlich, wie es ihm überhaupt geht.«
Und nun antwortete nicht Herr Helferding, sondern seine Frau, die während unseres Gespräches begonnen hatte, eine erschreckende Vielzahl von Koffern, Kisten, Reisetaschen, Pelzen, Decken und Bettstücken aus der Kalesche zu holen und als einen drohenden Berg vor unserem Hause aufzutürmen.
»Ihr Mann ist in Gefangenschaft, er wird so bald nicht zurückkommen.«
Das waren die ersten Worte, die sie, anstatt eines Grußes, an mich richtete. Sie sagte sie mit einer schrillen, unschmiegsamen Stimme, die mir umso mehr missfiel, als sie mir eine so böse Nachricht vermittelte.
Frau Helferding hielt es nun endlich für angezeigt, mir zum Gruß die Hand zu reichen, die nur eines schlaffen wesenlosen Druckes fähig war. Gleich darauf wandte sie sich wieder der Kalesche zu, deren Inhalt offenbar immer noch nicht erschöpft war. Es waren eine Kaffeemühle und ein Staubsauger, mit denen sie jetzt den Berg krönte.
»Nun sagen Sie um Himmels willen, woher wissen Sie das, Frau Helferding«, wandte ich mich an meinen unheilverkündenden Gast. Ich fühlte, wie mir die Knie weich wurden vor Schreck.
»Das steht in dem Horoskop, das ich auf der Flucht ausgearbeitet habe; meine Ephemeriden habe ich gottlob mitgerettet. Ihr Gatte hat mir während unserer nächtlichen Plauderstunde Tag und Stunde seiner Geburt verraten, er war sogar in der glücklichen Lage, bis auf die Minute genau anzugeben, wann er zur Welt gekommen ist. Auf diese Weise konnte ich eine Sicherheit der Prognose erzielen, die überhaupt keinen Zweifel zulässt.«
Die Unerbittlichkeit dieser Auskunft traf mich so schwer, dass ich mich wortlos abwandte und ins Haus wankte. Ich hatte nicht mehr die Kraft aufgebracht, diesen Gästen zu versichern, dass ihnen mein Haus zur Verfügung stünde, aber ich überzeugte mich bald von der Überflüssigkeit jeglicher Einladung. Denn, noch während ich mich entfernte, hörte ich, wie unser neuer Vertreter den Meister Ahlswede fröhlich aufforderte, mit ihm gemeinsam das Gepäck ins Haus zu schaffen.
Ich ging in mein Zimmer und weinte mich zunächst einmal nach Herzenslust aus. Obwohl ich dem astrologischen Können der Frau Helferding begreiflicherweise kein unbedingtes Vertrauen entgegenbringen konnte, lag doch die Vermutung nahe, dass sie in diesem Falle die Wahrheit gesagt hatte. Es dauerte eine Weile, bis ich mich aufraffen konnte, nach meinen Gästen zu sehen, die ich unten im Hause schon mit geräuschvoller Unbefangenheit herumhantieren hörte.
Als ich in die Küche trat, fand ich dort den Kaffeetisch bereits gedeckt. Frau Helferding betätigte gerade die mir bereits bekannte große Kaffeemühle, sie fuhr fort in ihrem Werke und erläuterte mit ihrer harten Stimme, die unnachgiebig das anheimelnde Krachen der Kaffeebohnen überschrie, ihre Maßnahmen.
»Ich dachte, wir trinken am besten gleich in der Küche. Ich darf Sie wohl einladen, wir haben noch ein Säckchen Kaffeebohnen gerettet. Ja, man muss sich von Äußerlichkeiten freimachen, wir haben zu Hause auch immer gleich in der Küche gegessen, nachdem uns der totale Krieg unsere Hausgehilfin glücklich noch weggenommen hatte.«
Ich ließ mich also von meinen Gästen in meiner eigenen Küche mit Kaffee traktieren, nachdem auch Herr Doktor Helferding hinzugekommen war. Er hatte das Sprechzimmer besichtigt und stellte fest, dass einige wichtige Instrumente fehlten, erklärte sich jedoch großzügig bereit, sie aus seinem eigenen mitgeretteten Instrumentarium zu ergänzen. Der Kaffee übte wieder die mir schon bekannte Wirkung auf ihn aus, er wurde »geschwätzsch« und nahezu menschlich.
Ich erfuhr nun, wie es kam, dass er, den ich als eingefleischten Junggesellen und als alteingesessener Leipziger in der Erinnerung hatte, in dieser Stunde als Ehemann und Flüchtling aus dem Osten vor mir saß. Seine Mutter, die ihm stets eine allzu behagliche Häuslichkeit bereitet hatte, war vor fünf Jahren gestorben und hatte ihn in der Misere des Großstadtlebens im Krieg hilflos zurückgelassen. So hatte er sich denn dazu durchgerungen, seiner zärtlich geliebten Vaterstadt endgültig den Rücken zu kehren und dafür in einer kleinen Stadt der Grenzmark Posen-Westpreußen Einzug zu halten. Dort nämlich hatte sich ihm Gelegenheit geboten, in eine »flottgehende« Praxis einzuheiraten, in der er schon wiederholt vertreten hatte. Mit gutem Humor hatte er den Verlust eines eben erst gewonnenen sicheren Lebens ertragen, während seine Gattin diese Katastrophe ungerührt, wenn nicht mit einem Gefühl kalten Triumphierens über das Eintreffen längst verkündeter düsterer Prophezeiungen hinnahm. Vielleicht war dieser Humor nur eine flüchtige Blüte, die das gerettete Säckchen Kaffee getrieben hatte, jedenfalls war er in der Lage, zum Schluss seines Berichtes nun auch mir seine menschliche Anteilnahme zuzuwenden.
»Ja, und nun sind wir hier bei Ihnen gelandet …«, endete er, »es tut uns ja herzlich leid, dass Sie nun noch so lange von Ihrem Mann getrennt sein werden, aber ich denke, es muss doch ein großer Trost für Sie darin liegen, dass Sie uns nun hier haben. Nicht wahr – wir werden schon gut miteinander auskommen …«
Er sah mich durch seine goldumränderten Brillengläser so treuherzig an, dass ich wirklich so etwas wie Trost empfand.
Während Herrn Helferdings trostreiches Geplauder munter weiterplätscherte, erhob sich seine Gattin mit einem Blick plötzlicher Entrücktheit und ging zielstrebig auf die Geschirrspüle los, über deren beide Becken sie die hölzernen Ablaufbretter deckte. So schuf sie sich ein Tischchen, vor dem sie sich alsbald niederließ, um sich in eine mir zunächst rätselhafte Arbeit zu vertiefen. Sie breitete eine große Karte vor sich aus und blätterte eifrig in einem Buch, in dem ich nach einem flüchtigen Blick auf seine Tabellen die schicksalsschweren Ephemeriden vermutete.
»Meine Frau ist für die nächsten Stunden nun nicht zu gebrauchen. Sie hat nämlich versprochen, ein Horoskop für Professor Schmelzkopf auszuarbeiten.«
Als er mein fragendes Gesicht sah, beeilte er sich, mir eine Erklärung zu geben:
»Herr Professor war nämlich unser Reisebegleiter, das heißt nicht er allein, es war ein großer Treck, mit dem wir von Magdeburg ab zusammen gefahren sind. Sie sind zu zehnt von einem großen Gut im Wartheland aufgebrochen, mit zehn Pferden und vier Wagen. Ich kann Ihnen sagen, das war eine interessante Reisegesellschaft.«
Und nun erzählte er mir von dieser Flüchtlingsfamilie.
Der junge Freiherr von der Eck hatte auf seinem ererbten baltischen Familienbesitz gesessen, der durch die litauische Bodenreform nach dem ersten Weltkrieg zu einem bescheidenen Restgut zusammengeschrumpft war. Bei der Umsiedelung der letzten Baltendeutschen hatte er sein litauisches Gütchen gegen ein stolzes Rittergut im neueroberten Warthegau vertauschen dürfen. Der junge, noch ledige Gutsherr, lernte in Berlin eine junge Dame kennen, die zusammen mit ihrer sehr jugendlichen Mutter ein Atelier für künstlerische Lichtbildnerei betrieb. Die Mutter war mit ihren vierzig Jahren kurz zuvor geschieden worden. Sie mochte dem Komponisten Wolfgang Amadeus Schmelzkopf mit ihrer schlichten, unverbogenen Bürgerlichkeit nicht mehr vollauf Genüge getan haben, nachdem ihm sein Genie durch die Verleihung des Professorentitels für einen zackigen, schnell berühmt gewordenen Marsch öffentlich bescheinigt worden war. Bei seinem titanischen Drang nach Freiheit nahm er es gern in Kauf, dass er bei der Scheidung schuldig gesprochen und zu einer erheblichen Unterhaltsbuße verurteilt worden war. Da seinem ungestüm vorwärtsdrängenden Genius wiederum die eine Freundin, die den äußeren Anstoß zur Scheidung gegeben, sehr bald nicht mehr genügte, er seine überströmende Liebesfülle vielmehr auf mehrere Frauen zu verteilen sich gezwungen sah, so blieb seine Unterhaltspflicht leider eine theoretische Angelegenheit. Frau Irene Schmelzkopf war zu stolz, um ihren Mann, den sie gründlich verachten gelernt hatte, durch eine Klage zum Zahlen zu zwingen. So hatte sie, die verwöhnte Tochter eines ehemals reichen Hauses, sich ungebrochenen Mutes und tatkräftig in einen Beruf gestürzt und aus der kultivierten Liebhaberei einer unbeschäftigten Frau ein ertragreiches Gewerbe gemacht. Es gehörte bald zum guten Ton in der Hauptstadt, sich von Irene Schmelzkopf fotografieren zu lassen. Ihre reizende Tochter Renate, die sie sich bald zu einer wertvollen Mitarbeiterin erzogen hatte, trug nicht wenig zum Erfolg des Unternehmens bei. Diese Tochter war es denn auch, die den jungen Baron von der Eck empfing, als er das Atelier Schmelzkopf betrat. Sie fertigte ein Bild von ihm an, das als eine Glanzleistung des Ateliers im Schaukasten ausgestellt wurde und starke Beachtung fand.
Der junge Herr von der Eck war von Haus mit einer tüchtigen Portion Selbstbewusstsein gesegnet, aber sein künstlerisches Lichtbild zeigte ihm erst, wer er eigentlich war. Und von dieser berauschenden Erkenntnis war es nur ein Schritt bis zur Liebe zu jenem Mädchen, das das Bild seines wahren Wesens so leuchtend ans Licht gehoben. Es dauerte nicht lange, so war Renate Schmelzkopf Gutsherrin im Warthegau. Sie, die Berlin bislang kaum verlassen hatte, fand sich in den großen landwirtschaftlichen Betrieb so überraschend schnell hinein, dass sie die Leitung des Gutes übernehmen konnte, als ihr Mann zum Heeresdienst eingezogen wurde. Bald darauf wurde das Atelier Schmelzkopf in Berlin durch einen Bombenangriff zerstört, und Renate war glücklich, der Mutter auf ihrem Gut eine neue Heimat bieten zu können.
Das Leben wurde allmählich aber auch für andere Leute in Berlin recht ungemütlich, und so kam es, dass der Komponist zackiger Marschmelodien urplötzlich von einer zärtlichen Sehnsucht nach seiner Tochter ergriffen wurde und ihr eines Tages die unverhoffte Freude eines Wiedersehens im Warthegau bereitete. Wer weiß, ob Papa diesen spontanen Besuch nicht zu einem soliden Daueraufenthalt ausgedehnt hätte, wäre ihm nicht die schneidende Kälte, mit der seine geschiedene Frau über ihn hinwegsah, denn doch auf die Nerven gegangen. So empfahl er sich nach einigen Wochen, um freilich in regelmäßigen Abständen dem Drang seines zärtlichen Vaterherzens zu folgen und immer wieder auf dem Gut zu erscheinen. Diese Besuche waren ein gräuliches Ärgernis für seine geschiedene Frau, die wochenlang ihr Zimmer kaum verließ, um eine Begegnung mit Wolfgang Amadeus zu vermeiden.
Ein unergründliches Schicksal wollte es, dass Herr Professor Schmelzkopf gerade in jenen Tagen auf dem Gut weilte, als alarmierende Nachrichten über das Vorrücken der Russen die Familie, bei der sich auch der aus einem Lazarett beurlaubte junge Gutsherr befand, zu einer überstürzten Flucht zwangen. In diese Fluchtgemeinschaft wurde denn auch der Professor mit hineingezwungen, zum Entsetzen der Frau Irene, die den Verlust der Heimat weniger schmerzlich empfand als das dauernde enge Zusammenleben mit dem verhassten Mann.
Außer dem dreijährigen Erben des Namens von der Eck gehörte zur Familie noch ein junges Mädchen namens Vera von der Eck, eine Base des Barons. Sie hatte auf dem Gut ein stilles, nahezu unbeachtetes Dasein geführt und war auch auf der Reise wenig hervorgetreten.
Sodann hatten sich dem Treck noch drei polnische Hausangestellte angeschlossen, die es vorzogen, die Ungewissheiten der Flucht auf sich zu nehmen, anstatt eine nähere Bekanntschaft mit dem Bolschewismus zu machen.
»Das waren also unsere Fluchtgenossen«, schloss Doktor Helferding seinen Bericht.
»Und wo haben Sie sich von ihnen getrennt?«, fragte ich, voll einer bangen Ahnung.
»Hier in Wenzen«, antwortete er fröhlich und unbefangen, »wir haben sie doch direkt hierher dirigiert.«
»Aber wo sind sie denn hier geblieben?«
»Ich habe sie ins Pfarrhaus geschickt. Da ist doch sicher Platz genug. Und außerdem sind da die großen leerstehenden Ökonomiegebäude.«
»Ach, der arme Pastor Fänger …!«, rief ich erschrocken. Ich dachte voller Besorgnis an den alten Mann, der nach dem Tode seiner Frau, meiner lieben Freundin, so hilflos zurückgeblieben war. Wie sollte er mit einer solchen Einquartierung fertigwerden!
»Ich bitte Sie, mich jetzt zu entschuldigen«, sagte ich und stand auf, »ich habe meiner Freundin auf ihrem letzten Krankenlager versprochen, mich um ihren Mann zu kümmern, wenn er mich nötig hat. Ich glaube, er hat mich jetzt nötig.«
Ich eilte ins Pfarrhaus.
2. Kapitel
Ich ging nicht die Dorfstraße, ich wählte den Weg, der hinter den Gärten um das Dorf herum zur Pfarre führte.
Da war ich nun an der Hinterpforte des Pfarrgartens, die ich nie durchschreiten konnte, ohne an jenes schreckliche Erlebnis zu denken, das mich zum ersten Mal mit der Pfarrfrau zusammenbrachte:
Es war in den ersten Tagen unseres Wenzener Lebens, kurz nachdem mein guter Wilhelm vor dreiundzwanzig Jahren seine Praxis hier begründet hatte. Er war aus der Stadt aufs Land gekommen und hatte den redlichen Willen mitgebracht, sich der Dorfgemeinschaft schlicht und dienend einzufügen. Diese demütige Unterordnung war ihm in der kurzen Zeit seines Wenzener Junggesellendaseins so vortrefflich geglückt, dass sich die Schustersleute, bei denen er wohnte, zu allerlei erniedrigenden Zumutungen geradezu gereizt fühlen mussten. So stellte ich bald nach unserer Heirat mit Entsetzen fest, dass sich seine Gutmütigkeit sogar dazu missbrauchen ließ, gelegentlich die Kühe zu melken und zu füttern. Gleich am Sonntag nach meiner Ankunft waren unsere Wirtsleute über Land gefahren und hatten Wilhelm damit beauftragt, im Stall nach dem Rechten zu sehen. Es kam dann schließlich folgendes dabei heraus: Jeder von uns beiden nahm eine Kuh am Halfter und führte sie an die grasbewachsenen Wegränder zur friedlichen Weide. Und dann wurde dieser Friede plötzlich rau zerstört – Wilhelm wurde zu einem Patienten abberufen, und nun waren beide Tiere meiner Obhut anvertraut. Kühe sind große und unheimliche Tiere, sie können aus ihrem scheinbaren Phlegma durch unbedeutende Dinge oft in eine jähe, erschreckende Raserei versetzt werden. In meinem Falle war es eine Bremse, welche die schlummernde Wut der Tiere hervorbrechen ließ und sie in eine wilde, kopflose Flucht hineintrieb. Da ich meine Halfterstricke gewissenhaft festhielt, wurde ich von den brüllenden Ungeheuern als hilfloses Bündel mitgeschleift und kam so in eine schmerzlich nahe Berührung mit den Steinen des Weges und den dornigen Schlehen an ihrem Rande. Als ich erschöpft endlich die Stricke fahren ließ und halb ohnmächtig liegenblieb, war ich übel zugerichtet. Von meinen zerrissenen Kleidern und meinem zerschundenen Körper will ich nicht weiter reden, aber auch mit meiner seelischen Widerstandskraft war ich am Ende. Ich fühlte mich in meinem Stolz zutiefst gedemütigt, und das Vertrauen zu meinem Mann, der mich in diese lächerliche Rolle hineingedrängt hatte, geriet so sehr ins Wanken, dass ich schon entschlossen war, zu meinen Eltern zurückzukehren. Aus dieser tiefen Verzweiflung richtete mich damals die Pfarrfrau auf, als sie aus der Gartenpforte heraustrat und mich gebrochenes Wesen entdeckte. Sie zog mich erst einmal schweigend an ihr Herz und dann spendeten ihre aus tiefer Mütterlichkeit kommenden Worte mir so viel Trost, dass ich zu bleiben und auszuharren beschloss. Damals wurde eine Freundschaft begründet, die mir in den kommenden Jahren immer wieder Kraft gab, den Widerwärtigkeiten des dörflichen Lebens zu begegnen.
Und nun hatte sie mich allein gelassen, und ihr einziges Vermächtnis war es gewesen, dass sie mir die Sorge um ihren einsamen und weltfremden Mann ans Herz legte. Diesen Mann, der sich in dem üppigen Gewucher seiner ständig wechselnden Liebhabereien zu verlieren pflegte und über die Seidenraupenzucht, die Koniferenkultur, die kostspielige Sammlung seltener Antiquitäten nunmehr gerade bei dem heroischen Versuch angelangt war, sein siebzigjähriges Leben, den natürlichen Wachstumsbedingungen gemäß, auf hundertvierzig Jahre zu bringen. Wieder drängte sich mir die bange Frage auf, wie Pastor Fänger sich mit der Aufgabe auseinandersetzen würde, die ihm das Schicksal heute gestellt hatte.
Als ich den Pfarrhof betrat, sah ich sogleich, dass der Pastor seine unverhofften Gäste jedenfalls nicht mit greisenhafter Nörgelsucht oder mit stumpfem Gewährenlassen empfangen hatte. Vielmehr zeigte er den jugendlichen Elan, mit dem er unlängst die Schwelle zu seiner zweiten Lebenshälfte überschritten hatte, voll hingebenden Eifers auch bei der Fülle der Arbeit, die sich aus dem Entladen der gigantischen Planwagen und der Aufnahme so zahlreicher menschlicher und tierischer Ankömmlinge ergab. Bekleidet nur mit einem Hemd und einer weiten leinenen Kniehose, die seine behaarten sehnigen Unterschenkel preisgab, sandalenbewehrt, lief er emsig überall zupackend zwischen den Wagen hin und her. Nur selten gönnte er sich ein kurzes Verschnaufen, dann strich er aus der schweißbedeckten Stirn das weiße Haar zurück, während der milde Wind des leuchtenden Apriltages in den schütteren Strähnen seines lang herabwallenden Bartes spielte. Bisweilen eilte er in die Grotte vor dem Pfarrhaus, wo unter dem noch kahlen Geäst einer riesigen alten Ulme die »Herrschaft« dieses Trecks sich an steinernem Tisch zu einem Imbiss versammelt hatte. Aber hier verweilte er nicht, er nötigte die Gäste zum »ungenierten Zugreifen«, holte sich neue Weisungen und stürzte sich fröhlich wieder in die Arbeit.
Unbeobachtet blieb ich eine Weile im Hintergrunde des Hofes stehen und sah mir dieses Treiben an, das den sonst so friedlich stillen Pfarrsitz in eine ungewohnte Aufregung versetzt hatte.
Die ungeheure Scheune, die so lange Jahre ungenützt und verschlossen dagestanden hatte, hielt ihre Torflügel weit zum Empfang geöffnet und schickte sich an, den Rest der mitgeführten Futtervorräte und das wenige gerettete Haushaltsgut der Flüchtlinge aufzunehmen. Auch die verödeten Stallungen hatten sich nun geöffnet, um einem Teil der Pferde Platz zu gewähren; das Scharren der Hufe und das geräuschvoll gierige Fressen der Tiere drang anheimelnd und zutraulich ins Freie. Auf der obstbaumbestandenen Wiese hinter den Ställen weideten die noch nicht untergebrachten Pferde das Gras, das sich in diesen ersten warmen Apriltagen noch zögernd und spärlich hervorgewagt hatte.
Als ich nun näher herantrat, war der Pfarrherr gerade damit beschäftigt, sich einen schweren Futtersack auf den dürftigen Rücken zu laden, um ihn in die Scheune zu schleppen. Das leise Keuchen, mit dem er seine Tätigkeit begleitete, machte mich nun doch einigermaßen besorgt. Ich rief ihm ein warnendes Wort zu, um seinen ungestümen Eifer zu bändigen, aber er beachtete mich nicht und verschwand im Dunkel der Tenne.
Ich sah verwundert, fast zornig nach dem Tisch in der Grotte hinüber. Die »Herrschaft« saß immer noch untätig da, während mein armer Pastor Fänger als Opfer seiner eingebildeten Jugendlichkeit sich für sie zuschanden schleppte. Ich wollte mich schon mit meinen Vorwürfen an diese Tafelrunde wenden – da erhob sich vom Tisch eine hohe Frauengestalt und trat auf mich zu. Schon ihre ersten Worte entwaffneten mich.
»Wir konnten nicht anders … Wir haben mit dem alten Herrn wirklich nichts anfangen können. Gleich nach unserer Ankunft hat er uns an diesen Tisch befohlen und uns bei Androhung seiner ganzen Ungnade verboten, ihn zu verlassen. Wir sollten uns erst einmal ausruhen von unserer langen Reise, er sei noch jung genug, das bisschen Ausladen zu beaufsichtigen. Ich sehe, Sie sind ihm wenig bekannt und ich bitte Sie, uns aus dieser recht merkwürdigen Situation zu befreien. Darf ich mich übrigens mit Ihnen bekannt machen – ich bin Frau Schmelzkopf.«
Ich nannte meinen Namen, und Frau Schmelzkopf fuhr mit einer Handbewegung auf die Tafelrunde, die sich inzwischen erhoben hatte, fort: »Meine Tochter und mein Schwiegersohn haben mich auf der Flucht vor den Russen mitgenommen.«
Ich begrüßte nun das junge Ehepaar, und dann begrüßte ich auch noch eine vierte Person, die sich, von den anderen nicht ohne eine gewisse Absicht im Hintergrund gehalten, mit einem unbeirrbaren, eitlen Lächeln hervorgearbeitet hatte, um sich selbst bekannt zu machen:
»Professor Schmelzkopf«, sagte er mit einer formvollendeten Verbeugung, »meine Frau vergaß mich vorzustellen.«
Er warf einen lauernden Blick, in dem sich Schadenfreude und heimliches Unbehagen seltsam mischten, auf seine »Frau« – aber die sah mit eisiger Nichtachtung über ihn hinweg. Wie sie dastand in der reifen, ein wenig strengen Schönheit ihrer vierzig Jahre, das schlichtgescheitelte blauschwarze Haar zu einem tief in den Nacken hängenden schweren Knoten gebändigt, verstand ich es wohl, dass dieser Mann darauf bestand, sie vor der Welt immer noch als »seine Frau« zu bezeichnen.
Frau Schmelzkopf stieß plötzlich einen leisen Ruf des Unwillens aus, sie fasste mich am Arm und lenkte meine Blicke auf den zunächst stehenden Wagen, aus dem der Pastor soeben einen zweiten Sack herauszerrte. Aber noch ehe er ihn sich aufladen konnte, waren wir hinzugeeilt und verhinderten einen erneuten Ausbruch seines jugendlichen Tatendranges. Es gelang mir nach einigem Zureden, ihn davon zu überzeugen, dass es jetzt das Wichtigste sei, den Gästen ihre Unterkunft anzuweisen, sie hätten das dringende Verlangen, sich erst einmal etwas frisch zu machen. Mit einem beinahe wehmütigen Blick ließ er den Sack fahren und überließ ihn einem der Polen, den Frau Schmelzkopf herbeirief.
Der Pfarrer führte nun die Reisegesellschaft in sein Haus. »Eigentlich«, so erklärte er, »ist mein Haus schon voll belegt, ich habe schon drei ausgebombte kinderreiche Familien und mehrere einzelne Personen aus Hannover und Braunschweig aufgenommen. Da sich alle Parteien aber sehr zwanglos ausgebreitet haben, muss es möglich gemacht werden, durch ein dichteres Zusammenrücken noch einige Räume zu gewinnen. Ich denke da zum Beispiel an Frau Herz, die allein zwei geräumige Zimmer bewohnt. Wir gucken am besten gleich mal herein. Die gute Frau ist am Tage doch nicht zu Hause, so wird sie ihr Wohnzimmer ganz gut entbehren können.«
Er öffnete eine Tür im Erdgeschoss, und wir betraten mit ihm das Wohnzimmer der Frau Herz. Es war ein großer, mit Biedermeiermöbeln wohlausgestatteter Raum, in dem ich mit meiner Freundin manche behagliche Stunde verbracht hatte. Frau Herz mochte ein trefflicher Mensch und eine gewissenhafte Bahnbeamtin sein, aber sehr ordnungsliebend war sie offenbar nicht. Über die Stuhllehnen waren Unterwäsche, Kleider und Strümpfe geworfen, auf der blanken Platte eines zierlichen Nähtischchens lag eine hässlich ausgehöhlte Kriegswurst im Kunstdarm, auf dem Spinett in der Ecke standen zwei kotbedeckte lange Stiefel, deren Schäfte wehmütig zur Seite hingen. Was mich aber am meisten schmerzte, war die tief eingebrannte Spur eines elektrischen Plätteisens mitten in der reich eingelegten Platte des Sofatisches.
Auch Frau Schmelzkopf war diese Verwüstung nicht entgangen, sie gab meinem stummen Entsetzen einen höchst temperamentvollen Ausdruck.
»Was ist denn das …«, schrie sie und stürzte sich auf das geschändete Möbelstück, »diese Person gehörte ja hingerichtet …!«
»Sie dürfen das der armen Frau nicht so schwer anrechnen …«, sagte begütigend der Pastor, »zunächst einmal hat sie kein Organ für antike Stilmöbel, und dann lebt das Menschenkind ja in einer ewigen Hetze. Um fünf Uhr morgens muss sie aufstehen, weil um sechs Uhr ihr Dienst im Stellwerk beginnt. Da hat sie sich nun einmal vor dem Dienst schnell noch ihren weißen Uniformkragen ausplätten wollen und in der Eile vergessen, den Stecker aus dem Kontakt zu ziehen. Wäre das nicht übrigens ein Zimmer für Sie, Frau Professor …?«
Frau Professor zeigte sich nicht abgeneigt:
»Ich will hier niemanden verdrängen. Aber wenn der Hausherr es so bestimmt, werde ich mich natürlich fügen.«
Froh über diese glückliche Lösung eilte der Pfarrer hinaus, ihm war schon eine andere Möglichkeit eingefallen, einen Raum freizumachen. Auch Herr Unverhau hatte zwei Zimmer inne, in die uns Herr Fänger jetzt hineinführte. Dieser Mieter war als Stammarbeiter einer kosmetischen Fabrik hierhergekommen, die nach ihrer Ausbombung in Hannover die Anfänge einer neuen Fabrikation in Wenzen gegründet hatte. Das Zimmer, das wir nunmehr betraten, war nicht weniger kostbar eingerichtet. Aber der Zustand der beiden prächtig geschnitzten alten Barockschränke war eine einzige bittere Anklage gegen das Benehmen eines Dieners im Tempel der Aphrodite. Herr Unverhau hatte die Seitenstücke und die Rückwände der Schränke abmontiert, vermutlich, um sie zu verheizen. Die repräsentativen Vorderwände hatte er schlecht und recht gegen die Tapeten gelehnt, wo sie als Gespenster ihrer einstigen Pracht und Fülle ein sinnloses Dasein führten. Unseren entsetzten Blicken begegnete der Pastor mit einer eiligen Entschuldigung:
»Ein gewisses Maß von Kunstverständnis kann man dem Mann ja nicht absprechen, er hat sich doch wenigstens darauf beschränkt, nur die schlichten, ungeschmückten Holzteile zu entfernen. Man kann es ja auch verstehen, dass er etwas zur Ergänzung seiner Heizvorräte tun musste, die Kriegswinter waren wirklich nicht von Pappe … Ich dachte mir, dies wäre vielleicht ein Raum für das junge Ehepaar. Herr Unverhau ist ein recht zugänglicher Mensch, mit ihm lässt sich schon verhandeln.«
Während der Baron von der Eck mit einem schwach ablehnenden Wägen seines langen, an den Schädel eines überzüchteten Rennpferdes gemahnenden Kopfes und mit einem unbeteiligten Zucken der schmalen Schultern den freundlichen Vorschlag des Pfarrers quittierte, schüttelte seine junge Frau weit energischer ihr zierliches blondes Köpfchen.
»Nein …«, sagte sie mit ihrer warmen, dunkel tönenden Stimme, in der ein herzliches Mitgefühl bebte, »das bringe ich nicht übers Herz, einen Menschen zu vertreiben, der sich seine Wohnung mit so viel Liebe und Mühe eingerichtet hat. Wo soll der arme Mann mit seinen Tabakpflanzen und Tomaten hin, die er sich hier in diesen Kästen am Fenster gezogen hat … Und was soll aus seiner Vogelhecke werden …?«
Sie wies auf eine Reihe großer Käfige an den Wänden, darin eine muntere Gesellschaft von Kanarienvögeln, Stieglitzen, Hänflingen und Dompfaffen ein überwältigendes Konzert vollführte.
»Ich bin überzeugt«, fuhr sie fort, »dass Herr Unverhau diese Schränke nur verheizt hat, um seine Pfleglinge nicht frieren zu lassen.«
Der Pfarrer wehrte gütig mit der Hand ab:
»Da schaffen wir schon Rat. Herr Unverhau hat nebenan ein großes Schlafzimmer, in dem er alle seine Sachen noch gut unterbringen kann. Auch für seine Vögel ist dort Platz, ich glaube, er wird gern mit ihnen die Nächte teilen.«
»Nun sei nur nicht so übertrieben rücksichtsvoll«, wandte sich Frau Schmelzkopf an ihre Tochter, »ein alleinstehender Mann braucht wirklich keine zwei Zimmer.«
Herr von der Eck hielt es nun endlich für angezeigt, aus seiner betont uninteressierten Haltung herauszutreten:
»Auf alle Fälle brauchen wir zwei Zimmer, denn wir sind schließlich mit dem Kind drei Personen.«
Der Pfarrer sah ihn mit einem verlegenen Blick an, vielleicht schämte er sich für seinen Gast, der sich jetzt anschickte, mit lässigen, leicht schlotternden Schritten den Raum auszumessen. Der Ausdruck peinlicher Verwunderung in den Zügen seiner Frau vermochte ihn nicht zu beirren.
»Ich fürchte, ich kann Ihnen im Augenblick keinen zweiten Raum zur Verfügung stellen«, sagte der Hausherr, »ich kann die anderen Familien unmöglich noch mehr zusammendrängen. Vielleicht helfen Sie mir einmal selbst, diese Frage zu klären.«
Er zog einen Notizblock aus der Hintertasche seiner weiten Leinenhose und entwarf blitzschnell einen Lageplan sämtlicher Räume des Hauses:
»Sehen Sie hier – die Familie Messerschmidt mit acht Köpfen in drei Zimmern, die Familie Becker mit sechs Köpfen in zwei Zimmern, die Familie Schulze, ebenfalls sechs Köpfe, hat auch zwei Räume, dann ist hier noch das Konfirmandenzimmer und daneben sind meine beiden Räume. Das ist alles.«
Der Baron hatte seine Wanderung eingestellt, er beugte sich flüchtig über den Lageplan:
»Das mag nun sein, wie es ist … Ich bitte trotzdem dringend um zwei Zimmer, verehrter Herr Pfarrer. Wir sind es nun einmal nicht gewohnt, in einem Raum zu hausen.«
Frau von der Eck errötete vor Unwillen.
»Nimm doch Vernunft an, Adalbert. Wir werden uns noch an ganz andere Dinge gewöhnen müssen.«
Adalbert nahm schweigend dem Pfarrer den Lageplan aus der Hand und studierte ihn eingehender.
»Das Konfirmandenzimmer scheint doch ein recht großer Raum zu sein, Herr Pastor, beinahe ein Saal. Ließe sich da nicht eine Schlafgelegenheit schaffen? Man könnte vielleicht eine Holzwand ziehen …«
»Nein …«, erwiderte der Pastor nachdenklich, »nein, eine Holzwand kann ich in diesem Dienstraum nicht ziehen lassen. Außerdem muss ich den Raum häufig betreten, es stehen die Pfarrakten darin. Nein, da ließe sich kaum ein Schlafraum für Sie schaffen …« Plötzlich schlug er sich an die Stirn, eine jähe Erleuchtung kam über ihn. »Aber so ließe sich die Sache machen: Ich stelle mir im Konfirmandenraum ein Bett auf, und Sie beziehen mein Schlafzimmer! Dass wir nicht gleich auf diese glänzende Idee gekommen sind!«
Frau von Eck schüttelte den Kopf:
»Das spricht sehr für Ihr gutes Herz, Herr Pastor. Aber es kommt natürlich gar nicht in Frage, dass wir einen alten Herrn um seine Ruhe und Behaglichkeit bringen, wir werden doch Ihre liebgewordenen Gewohnheiten nicht stören.«
Der Pastor fuhr auf, er schien geradezu beleidigt:
»Liebgewordene Gewohnheiten …«, sagte er mit einem bitteren Lachen, »das heißt, einen Menschen zum alten Eisen werfen, wenn man auf seine liebgewordenen Gewohnheiten Rücksicht nimmt! Ich bin doch schließlich kein Tapergreis, dem der Kalk aus den Hosenbeinen rieselt. Ich fange überhaupt erst an, richtig zu leben. Ich pfeife auf Ruhe und Behaglichkeit und vor allen Dingen auf liebgewordene Gewohnheiten. Man muss sich immer wieder von Grund auf umstellen können, das erhält jung. Ich freue mich geradezu darauf, die Behaglichkeit meines Schlafzimmers mit einem harten Feldbett in der Ecke des Konfirmandenraums zu vertauschen. Die Schlafzimmereinrichtung überlasse ich Ihnen, Herr von Eck.«
Obwohl ich es von vornherein für aussichtslos hielt, ihn umzustimmen – denn ich kannte ja die Zähigkeit, mit der er sich in seinen jeweiligen Marotten festzubeißen pflegte –, bäumte sich doch alles in mir dagegen auf, dieses leichthin gemachte Angebot unwidersprochen zu lassen. Ich vermisste schmerzlich bei ihm die Beweise einer pietätvollen Verbundenheit mit seiner langjährigen Lebensgefährtin. Es erschreckte mich, dass er einen Räum, in dem jedes Stück mit dem Wesen der Verstorbenen durchtränkt war, schier begeistert aufzugeben bereit war. Es war mir im Augenblick auch ganz gleichgültig, was etwa die Gäste von meinen mahnenden und ihren Interessen schnurstracks zuwiderlaufenden Worten denken mochten:
»Ich kann mir nicht denken, dass es im Sinn Ihrer lieben Frau gehandelt ist, wenn Sie sich so leicht von dem trennen, was Sie beide ein ganzes Leben hindurch in der innigsten Gemeinschaft gehalten hat.«
»Ach was – in der ängstlichen Pflege dieser vergänglichen Dinge besteht nicht die wahre Gemeinschaft mit einem Toten. Die Erinnerung an meine Frau ist frisch in mir. Wenn man erst tote Dinge nötig hat, um Erinnerungen wachzuhalten, dann ist man wirklich alt geworden. Halten Sie mich etwa für alt?«
Hierauf konnte ich nichts erwidern. Auch die Gäste wagten es nach diesen Worten nicht weiter, dem heroischen Entschluss des Pfarrers ihre kleinlichen Einwendungen entgegenzusetzen, und so war denn dieser Fall erledigt.
Aber nun meldete noch jemand seine Ansprüche an.
»Und wer küsst mich …?«, fragte der Professor Schmelzkopf schelmisch lächelnd. Seine geschiedene Frau zuckte empört zusammen und blickte aus dem Fenster.
»Na ja …«, meinte der Baron, »vielleicht lässt sich in dem Konfirmandenzimmer noch ein zweites Feldbett aufstellen.«
»Von mir aus gern …«, sagte der Pfarrer, »ich schlafe allerdings sommers und winters bei offenem Fenster, auch pflege ich um fünf Uhr früh aufzustehen, um Tau zu treten.«
Herr Professor Schmelzkopf indessen wehrte mit der größten Entschiedenheit ab:
»Bei offenem Fenster … Das kann ich mir bei meiner Neigung zu Katarrhen nicht zumuten. Ich muss auch darauf hinweisen, dass ich unmäßig laut zu schnarchen pflege, meine Frau wird Ihnen das bestätigen …«
Wieder warf er einen seiner lauernden Blicke nach seiner geschiedenen Frau hinüber. Aber die bestätigte ihm nichts, sie fuhr herum und rauschte mit einem Blick unaussprechlicher Verachtung aus dem Zimmer.
»Und wenn meine Frau es auch nicht bestätigt, ich versichere es Ihnen auf mein Ehrenwort, dass ich unerträglich schnarche, Herr Pastor. Ich kann unmöglich mit Ihnen in einem Raum schlafen.«
Der Pastor zuckte höflich die Schultern.
»Dann weiß ich wirklich nicht, wie ich Sie unterbringen soll, Herr Professor.«
Frau von Eck wandte sich zu ihrem Vater, in dessen Gesicht das ewig parate Lächeln einem Ausdruck des Ärgers und der Enttäuschung gewichen war:
»Ja, lieber Papa, dann bleibt wohl nichts übrig, als dich und Vera auszuquartieren. Hier im Dorf wird ja wohl noch eine passende Unterkunft aufzutreiben sein.«
»Da muss ich Sie allerdings enttäuschen«, sagte der Pastor, »das Dorf ist schon reichlich mit Ausgebombten belegt, und die wenigen Räume, die etwa noch zu haben sind, dürften für Herrn Professor und Fräulein von der Eck nicht geeignet sein. Wenn nicht vielleicht bei Löhnefinks noch Platz sein sollte …?«
Auch ich musste Herrn Professor Schmelzkopf enttäuschen. Ich fand nunmehr Gelegenheit, zu erwähnen, dass sich gerade kurz zuvor seine Fluchtgenossen, Herr Doktor Helferding und Frau, bei mir einquartiert hätten. Ein wenig trösten konnte ich ihn durch die Mitteilung, dass sich Frau zu Helferding in meiner Küche unverdrossen daran gemacht hatte, sein Horoskop auszuarbeiten. Der mürrische Ausdruck verschwand aus seinem Gesicht, und wieder tauchte das eitle Lächeln auf, das der ganzen Welt mit unbegrenzten Erwartungen entgegensah.
»So …? Na, dann wird sie mir am Ende auch sagen können, wo ich mal unterkommen werde.«
»Kommt Zeit, kommt Rat«, sagte der Pfarrer, »vorerst möchte ich Herrn und Frau Eck einmal ihr neues Schlafgemach zeigen.«
Wir verließen den Raum. Als wir den langen Flur hinuntergingen, kam uns ein junges Mädchen entgegen. Der Professor rief ihr schon von weitem zu:
»Fräulein Vera, uns beide kann man in diesem Hause nicht gebrauchen, wir müssen ausquartiert werden. Nur weiß leider kein Mensch, wohin.«
Das junge Mädchen war herangekommen. Herr von der Eck stellte sie mir als seine Base vor. Ich fühlte mich sogleich zu ihr hingezogen. Unter ihrer reinen Stirn standen zwei klare braune Augen, die mich mit einem freundlichen Ernst anblickten. Sie mochte nicht viel älter als zwanzig sein, aber sie hatte den Ausdruck eines Menschen, der viel durchgemacht hat und viel mit sich allein gewesen ist.
»Ach, Frau Doktorin Löhnefink …«, sagte sie, als ob ihr plötzlich etwas einfiele, und nun ging ein leises Lächeln von unaussprechlicher Anmut über ihre Züge, »ich habe von Ihnen gelesen … und ich habe viel von Ihnen gelernt.«
In diesem Augenblick wusste ich, dass es meine Pflicht war, diesem Mädchen zu helfen, und schon tauchte auch wie eine Vision der rettende Hafen vor mir auf, in den ich sie geleiten würde: Oskar in der »Schwinge« …
»Ich weiß, wo Sie bleiben werden, Fräulein von der Eck. Morgen früh bringe ich Sie in Ihr neues Heim.«
»Aber bitte, mich nicht vergessen!«, sagte der Professor und lächelte mich schelmisch an.
»Sie, Herr Professor, nehmen wir auch noch mit in Kauf.«
Damit empfahl ich mich.
3. Kapitel
Am nächsten Morgen wurde ich sehr früh aus dem Schlaf gerissen; es war noch nicht sechs Uhr, als die Nachtglocke stürmisch, wie in alten Zeiten, das Haus durchgellte. Ich warf mir einen Mantel über und schloss die Tür auf – draußen stand ein altes Mütterchen mit vermummtem Gesicht. Ihre wehleidig vorgebrachte Frage nach dem »neuen Doktor« verriet mir, dass die Kunde vom Eintreffen unseres »Vertreters« durch den mitteilungsfreudigen Meister Ahlswede offenbar schon weithin verbreitet worden war. Frau Dörries kam aus Eimen, einem drei Kilometer westwärts gelegenen Nachbardorf. Sie jammerte, dass sie, von einem Zahngeschwür gepeinigt, schon zwei Nächte kein Auge zugetan hätte. Deshalb hätte sie es als eine Gottesfügung freudig begrüßt, dass endlich der Vertreter für meinen Mann angekommen wäre. Frau Dörnte, die Botenfrau aus Holtensen, hätte diese gute Nachricht gestern Abend mitgebracht. Sie zeigte mir umständlich ihr bis zur Unkenntlichkeit verschwollenes Gesicht, versagte sich auch nicht den Genuss, in eingehenden Schilderungen ihrer durchgemachten Nöte zu schwelgen, und ganz zum Schluss gab sie noch ihrer Empörung Ausdruck, dass sie beinahe daran gehindert worden wäre, den rettenden Gang zum Doktor anzutreten. Hierauf verfiel Frau Dörries in ein mürrisches Schweigen, und es bedurfte meiner erstaunten Frage nach der Art dieses Hindernisses, um sie endlich damit herausrücken zu lassen:
»Na, wo doch die Amerikaners im Dorfe sind … Die wollten mich natürlicherweise nicht rauslassen. Und wie ich sie meine Backe gezeigt habe, da haben sie mich noch was ausgelacht. So ’ne Schnuutjungens! Denen habe ich aber meine Meinung gesagt … Und da haben sie mich natürlicherweise laufen lassen.«
So erfuhr ich auf dem Umwege über die dicke Backe der Frau Dörries, dass am 8. April 1945 die Panzerspitze der amerikanischen Armee morgens um vier Uhr in unserem Nachbardorf Eimen ihren Einzug gehalten hatte.
Wenn ich also meine neue Freundin Vera von der Eck in ihr Heim bei Oskar in der »Schwinge« geleiten wollte, so hatte ich keine Zeit mehr zu verlieren. Die Amerikaner würden auf ihrem Vormarsch auch Wenzen bald genug erreichen. Ich beschloss, sofort ins Pfarrhaus zu gehen, aber vorher musste ich noch die Patientin unserem neuen Vertreter übergeben. Auf dem Wege zum Schlafzimmer des Ehepaares warf ich einen Blick durch die offenstehende Küchentür – da sah ich, dass Frau Helferding bereits am Werke war. Tief über den Küchentisch gebeugt wälzte sie ihre Ephemeriden und murmelte umständliche Worte vor sich hin. Sie sah kaum auf, als ich ihr zurief, sie möge ihren Mann wecken, damit er seine erste Patientin betreue, sie brachte nur ein kurzes, unwilliges Kopfnicken auf.
Ich kleidete mich nun eilig an und sah noch beim Verlassen des Hauses Herrn Doktor Helferding mit weißem, wehendem Mantel im Sprechzimmer verschwinden …
Als ich das Pfarrhaus betrat, fand ich Vera von der Eck schon aufbruchsbereit vor. Sie stand an dem großen Flurtisch und war dabei, ein Köfferchen zu schließen, neben dem ein gepackter Rucksack und ein Mantel lagen. Ein warmes Aufleuchten kam in ihre Augen, sie begrüßte mich wie eine gute alte Bekannte:
»Ich ahnte es, dass Sie schon so früh kommen würden, Frau Löhnefink, ich hatte nämlich einen sehr lebhaften Traum … Die Amerikaner waren gekommen und wollten uns nicht mehr aus dem Dorf lassen. Wir sind, dann aber doch noch herausgekommen, Sie und ich, und sogar glücklich bei unserem Oskar in der ›Schwinge‹ angelangt, obwohl die Amerikaner hinter uns her schossen.«
Sie gewahrte meinen staunenden Blick und fuhr fort mit einem Lächeln, das gleichsam um Nachsicht zu bitten schien:
»Ich hatte beim Erwachen gleich das Gefühl, dass dies ein echtes Traumgesicht war, so etwas geschieht ja wohl manchem bisweilen …«
»Ihnen ist es jedenfalls heute Nacht geschehen – die Amerikaner werden bald hier sein, im Nachbardorfe sind sie schon eingerückt. Und da Sie ja Ihre Sachen gepackt haben, wollen wir nicht zögern und sofort aufbrechen.«
Dennoch zögerte Vera noch ein wenig. »Und Herr Professor Schmelzkopf …?«, fragte sie.
»Der sieht mir allerdings nicht so aus, als ob er Wahrträume haben könnte.«
»Ob er geträumt hat, weiß ich nicht. Aber ich habe ihn geweckt. Ich sagte ihm, dass Sie bald kommen würden, doch nun muss er sich erst noch rasieren, und ohne Frühstück will er auch nicht aus dem Haus. Was machen wir da?«
Ich wusste auch nicht, was da zu machen war, aber Herr Pastor Fänger wusste es. Der alte Herr hatte inzwischen, vom morgendlichen Tautreten kommend, ungehört von uns auf leisen, nackten Sohlen den Flur betreten und gab nun die Antwort auf Veras Frage:
»Den Professor schicke ich nach, ich leihe ihm mein Fahrrad. Gehen Sie nur schon los.«
Er verschwand wie ein Schatten, und wir gingen los. Als wir die Dorfstraße erreichten, stockte unser eiliger Schritt: Aus der Ferne drang ein drohendes Rollen herüber, das sich ständig steigerte – die Panzer kamen. Überall waren aus den Häusern ringsum die Menschen getreten und lauschten in der Gelähmtheit des ersten Schreckens dem nahenden Unheil entgegen. Es kam mir in diesem Augenblick nicht zum Bewusstsein, dass sich nunmehr der endgültige Niederbruch des Vaterlandes vollzog, ich war nur von dem einen Verlangen beherrscht, hier fortzukommen. Hastig zog ich Vera in eine Nebengasse, die auf einen Heckenweg am Rande des Dorfes führte. Irgendwo am anderen Ende des Dorfes fiel ein Schuss, und dann begann plötzlich eine Glocke zu läuten. Das Rollen der Panzer war schon ganz nahegekommen, wir liefen jetzt. Keuchend erreichten wir die Hauptstraße, die das Dorf schon hinter sich gelassen hatte. Wir würden auf ihr eine Zeitlang ungestört gehen können, denn die Amerikaner hatten zunächst genug damit zu tun, das Dorf zu besetzen und durchzukämmen. Wir eilten dahin, gefolgt vom Ruf der Glocken, und erst nach einer Biegung des Weges verlangsamten wir unseren Schritt. Ebenso unerwartet wie es begonnen hatte, verstummte jetzt das Läuten der Glocke, auch das Rollen der Panzer war zur Ruhe gekommen – dem jähen Aufruhr war eine ungeheure Stille gefolgt.
In diese Stille fielen die ersten Worte meiner Begleiterin. Ich fühlte plötzlich meine Hand erfasst und kräftig gedrückt:
»Ich bin so dankbar, dass unsere schreckliche Fahrt ein Ende gefunden hat. So wie sich unsere Reisegesellschaft bislang gezeigt hat, könnten Sie vielleicht den Eindruck empfangen haben, als ob unsere Flucht ein mehr oder weniger vergnügliches Abenteuer gewesen wäre. Aber wenn wir selbst auch dank unseres rechtzeitigen Aufbruchs uns noch mit allem versehen konnten, was eine Flucht erträglich macht, so haben wir doch unsere lange Reise mit einem Strom des entsetzlichsten menschlichen Elends und der äußersten Verzweiflung machen müssen. Diese Bilder des Grauens kann man doch nie mehr loswerden. In den ersten Wochen unserer Flucht hat es mir immer wieder einen Halt gegeben, dass meine Mutter sie nicht mitzumachen brauchte. Sie hätte diese Flucht ja auch nicht überstanden, sondern nur die vielen Gräber am Rande der Straße um eins vermehrt. Sie war schon lange schwer leidend, in der Nacht vor unserem Aufbruch ist sie gestorben …«
In schweigendem Mitgefühl drückte ich ihr die Hand, die immer noch in der meinen lag.
Unser Weg hatte bislang durch die tiefste Einsamkeit geführt. Die Felder waren leer, kein Mensch und kein Tier war auf ihnen zu sehen. So blickten wir denn erstaunt und mit einer gewissen Unruhe jenem Radfahrer entgegen, den wir als fernen Punkt schon vor einiger Zeit auf einem Feldweg hatten herangleiten sehen, der dann hinter einer Geländewelle verschwunden war, um plötzlich dicht vor uns auf die Landstraße einzubiegen. Wir erkannten ihn jetzt – es war Professor Schmelzkopf. Auch ihn mochte diese unverhoffte Begegnung mit Menschen einen Schrecken eingejagt haben, er warf nur einen flüchtigen Blick aus kurzsichtigen Augen auf uns und trat dann wütend weiter seine Pedale. Erst auf Veras wiederholten Zuruf hielt er an und stieg vom Rade. Mit zitternden Händen wischte er sich den Schweiß von der Stirn, er schien sehr erregt und war zunächst unfähig, ein Wort hervorzubringen. Endlich gelang es ihm, die sensationelle Neuigkeit zu offenbaren:
»Die Amerikaner sind im Dorf … Ich bin mitten durch ihre Panzer hindurchgefahren, beinahe wenigstens … Wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, machen Sie, dass Sie schleunigst weiterkommen.«
Was ihn betraf, so bewies er anschaulich, wie wert ihm sein Leben war, er schwang sich hurtig wieder aufs Rad und misshandelte von neuem die Pedale. Es dauerte auch nicht lange, so war er in einer kleinen Staubwolke unseren Blicken entschwunden.
»Wenn er dieses Tempo hält, wird er in einer kleinen Viertelstunde am Ziel sein«, sagte ich.
»Und das Ziel …? Was ist das eigentlich, ›Oskar in der Schwinge‹, Frau Löhnefink?«
Und nun erklärte ich ihr, was für eine Bewandtnis es mit diesem Oskar und seiner »Schwinge« hatte.
»Wenige Kilometer von hier macht die Hauptstraße Hamburg–Basel eine große Kurve, bei den Fernfahrern ›Die Schwinge‹ genannt. In dieser ›Schwinge‹ liegt das weltberühmte Fernfahrer-Lokal von Oskar Panitz, der in der Presse des In- und Auslandes schlicht ›Oskar‹ genannt wird. Ich will Ihnen jetzt nicht viel von diesem trefflichen Menschen erzählen, Sie werden ihn kennenlernen. Nur so viel will ich Ihnen sagen: es gibt keine bessere Zuflucht für Sie.«
»Also eine Gastwirtschaft …«, kam es ein wenig enttäuscht aus ihrem Mund. »Nein, nicht eine Gastwirtschaft – die Gastwirtschaft. Ich sagte schon, Sie werden sie kennenlernen. Und Sie werden auch die Frau kennenlernen, die darin waltet.«
Wir gingen eine Strecke schweigend weiter. Plötzlich fiel mir ein, mit welchen Worten mich Vera gestern Abend begrüßt hatte:
»Übrigens müsste Ihnen Ihr neues Heim eigentlich schon ein wenig vertraut sein. Ich habe ja in meinen Erinnerungen davon erzählt, als ich meine ›Drei Esel‹ vorführte …«
»Ja – von Ihren ›Drei Eseln‹ habe ich gehört, aber ich habe sie leider nicht in die Hand bekommen.«
»Die bunte, üppige Fülle des Lebens, die damals täglich neu die ›Schwinge‹ durchströmte, ist freilich seit Kriegsbeginn verebbt. Vor dem Kriege gab es kaum einen Fernlastzug, kaum eine der großen Gesellschaftsfahrten, die nicht vor Oskars gastlicher Terrasse haltgemacht hätten. Auf dem riesigen Parkplatz trafen sich die Lastzüge aus der Schweiz und Schweden, aus Dänemark und Italien, auf der Terrasse drängten sich die Vergnügungsreisenden des halben Kontinents und gaben sich ein heiteres, wahrhaft völkerversöhnendes Stelldichein. Sie waren wie eine große Familie zusammengeschlossen durch Oskars unermüdliche Gastlichkeit, die alle in gleicher Weise betreute. Wie ein Märchen aus einer schöneren Welt leuchten jene Tage herüber, als die Gattin des Fabrikbesitzers Gerding den großen Schokoladenautomaten plünderte, um eine durchreisende Schulklasse zu traktieren, da Pastor Fänger neben der ›Schwinge‹ einen kleinen Verkaufsstand aufmachen wollte, um durch den schwunghaften Handel mit Lederkirschen einem drohenden Vermögensverfall zu steuern, da mein Mann und der Dichter Konrad sich bös in die Haare gerieten im Wettstreit um die Gunst des Mädchens Maren, das im Reitdress auf der Terrasse saß und gelassen sein Pferd mit Zucker fütterte …«
Ja, es war wie ein Märchen. Und jetzt waren wir auf der Flucht vor den Amerikanern, der schrecklichste Krieg lag hinter uns, und vor uns lag eine Zukunft, an der nur das gewiss schien, dass sie uns niemals wieder solche frohen Stunden bringen würde. Und selbst der Krieg war immer noch nicht ganz zu Ende gegangen, seine letzten qualvollen Zuckungen erlebten wir jetzt aus nächster Nähe. Auf der großen Hauptstraße, die nach einer Biegung unseres Weges plötzlich in weiter Ausdehnung vor uns lag, rasten in wilder, aufgelöster Flucht die gespenstischen Nachzügler der geschlagenen deutschen Wehrmacht dahin – Kraftradfahrer, Lastwagen, vereinzelte Panzer und Kübelwagen der Offiziere, endlich mühsam am Rande des Weges sich fortschleppende Infanteristen, die meisten ohne Gewehr, aber mit weithin leuchtenden Verbänden.
Wir hatten kaum Zeit gehabt, den Anblick dieses regellosen Rückzuges in uns aufzunehmen, als plötzlich ein schnell und schrecklich sich näherndes dunkles Orgeln in der Luft erstand und über unsere Köpfe hinweg zog. Vom Westen drang wie ein dumpfes Grollen der Abschuss eines schweren Geschützes herüber, und im selben Augenblick bewies uns das jähe Aufwirbeln eines Erdpilzes im Gelände, dass eine Granate krepiert war.
»Mein Traum …«, flüsterte Vera, »jetzt schießen sie schon hinter uns her.«
»Das gilt uns nicht …«, sagte ich möglichst unbefangen, obwohl mir gar nicht sehr zuversichtlich zumute war, »das gilt den armen Soldaten. Die Straße kann von Wenzen aus genau eingesehen werden. Wir werden auf unserer Landstraße hier nichts abkriegen.«
Unsere Landstraße indessen schien für die Amerikaner doch nicht ganz ohne Interesse zu sein, denn kaum hatte ich diese Worte gesagt, als sich das dumpfe Orgeln, unendlich verstärkt, von neuem erhob und gleich darauf ganz in unserer Nähe, an der Böschung des Weges, vier Einschläge erfolgten. Sie waren dicht nebeneinander hingesetzt und überschütteten uns mit einem Regen von Erde und Steinen.
»Es wird ungemütlich«, sagte Vera, erstaunlich gefasst, »wir wollen ein wenig zur Seite treten. Sie werden sich hoffentlich bald ausgetobt haben.«
So traten wir denn ein wenig zur Seite. Neben dem Weg hatte sich ein kleiner Steinbruch in die Böschung gefressen. Mit seinen steilen überhängenden Wänden schien er uns genügend Sicherheit zu bieten. In einer entlegenen Ecke lag ein großer rohbehauener Stein, umwuchert von Holundergesträuch, das vom ersten Grün des Frühlings überhaucht war. Hier setzten wir uns nieder und ließen, jetzt leidlich beruhigt, den Fortgang des Beschusses über uns hinweggehen.
»Hier kann uns ja weiter nichts passieren«, meinte Vera, »aber hoffentlich schießen sie uns die ›Schwinge‹ nicht noch kaputt. Ich bin doch nun sehr neugierig geworden und möchte sie gern noch unzertrümmert kennenlernen. Was ist das übrigens für eine Geschichte mit der jungen Dame, die Sie zum Schluss erwähnten?«
»Ach ja – die Geschichte der Maren Ellernkamp … Ich werde gerade hier sehr lebhaft an sie erinnert, denn es war auch in so einem alten verschwiegenen Steinbruch, wo sie selbst mir aus ihrem Leben erzählte. Sie war die Tochter eines reichen Hamburger Kaufmanns, eine Studentin der Medizin. Durch eine romantische Liebesgeschichte war sie seelisch durcheinandergeraten, und ihr Vater hatte sie in das stille Wenzener Pfarrhaus geschickt, damit sie dort ihr Gleichgewicht wiederfände. Sobald sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatte, ging sie erfolgreich, wenn auch unabsichtlich, daran, das Gleichgewicht meiner Männer zu stören. Denn mein Mann und unser Freund, der Dichter Konrad, überboten sich in allen jenen Torheiten, deren ein fünfundvierzigjähriges Männerherz fähig ist, wenn es das Wohlgefallen einer Zwanzigjährigen erwecken will. Aber sie war ein so gesunder, ehrlicher Mensch, dass eine Aussprache zwischen uns beiden Frauen genügte, um sie mit leichter Hand alles wieder in Ordnung bringen zu lassen … Sie erinnern mich manchmal etwas an Maren, Fräulein Vera.«
Die Batterie im Westen hatte ihr Feuer keineswegs eingestellt, die Abschüsse erfolgten noch immer in regelmäßigen Abständen, aber die Einschläge drangen jetzt aus größerer Ferne herüber, aus der Richtung der Stadt Einbeck. Wir hätten nun eigentlich gehen können, aber Vera schien noch nicht daran zu denken. Sie hatte sich auf den harten Sitz enger an mich geschmiegt, ich spürte, dass sie mir etwas anvertrauen wollte. So wartete ich geduldig. Und dann kamen ihre ersten tastenden Worte:
»Sie haben sicher viel erlebt und für vieles Verständnis. Ich glaube, Ihnen kann man alles sagen. Ich hatte auch eine Liebesgeschichte, aber sie war nicht romantisch und am allerwenigsten ihr Abschluss. Ich hatte auch kein stilles Pfarrhaus, in das ich mich hätte flüchten können, um mein Gleichgewicht wiederzufinden. Ich musste mit dem Mann, mit dem ich verlobt gewesen war, weiter unter einem Dach leben, wie ich mein ganzes Leben mit ihm unter einem Dach verbracht habe. Unsere Väter waren Brüder, sie hatten in Litauen jeder ein großes Gut. Bei der Bodenreform wurde beiden zusammen nur ein kleines Restgut gelassen, das wir als einzige Kinder nach dem Tod unserer Väter gemeinsam erbten. Wir haben uns als Kinder nie vertragen können, er war zehn Jahre älter als ich und hat mir in seiner kurzen, herrischen Art eigentlich immer nur Befehle erteilt. Und es war wohl auch nur ein Befehl, als er mir eines Tages eröffnete, dass wir uns heiraten würden. Ich war noch nicht siebzehn Jahre alt und hatte weder Liebe empfunden noch über Liebesdinge nachgedacht. So ließ ich mich ganz einfach von ihm leiten und wurde seine Verlobte. Als Bräutigam kehrte mein Vetter dann so viel liebenswerte Eigenschaften und so viel unverhofften Charme hervor, dass ich es für Liebe hielt, was ich ihm an Zuneigung entgegenzubringen begann. Ich verlebte damals eine glückliche Zeit, zumal auch meine Mutter noch leidlich gesund war. Aber dann kam unsere Umsiedlung in den Warthegau und sie wurde meiner Mutter zum Verhängnis. Ich werde nie den Tag unserer Ankunft vergessen. Wir fuhren die breite Lindenallee entlang, die zu unserem neuen Heim führte. Adalbert hatte uns voller Stolz schon viel von dem Schloss erzählt, das uns erwartete, und als am Ende der Zufahrt der alte Herrensitz hinter weiten Rasenflächen sich entfaltete, sah er meine Mutter und mich erwartungsvoll und triumphierend an. Meine Mutter war schon während der ganzen Reise still und bedrückt gewesen, der endgültige Abschied von ihrer Heimat war ihr sehr schwer geworden, aber der nun sich enthüllende Anblick unseres neuen, schier fürstlichen Besitzes wandelte den Ausdruck stiller Schwermut auf ihren Zügen in helles Entsetzen. Mein Verlobter beachtete das nicht, und selbst als Mutter wie verzweifelt die Hände vor das Gesicht schlug, focht ihn das nicht weiter an, er fuhr fort, den neuen Reichtum in glühenden Farben zu schildern. Aber mir sagte eine bange Ahnung, dass Mutter sich in einer Heimat, die mit dem Unglück eines vertriebenen Besitzers erkauft war, niemals würde glücklich fühlen können. Wie eine Kassandra durchwanderte sie in der ersten Zeit das Schloss, um immer wieder jammernd auszurufen, dass dies nicht von Bestand sein könne … Diese Wanderungen hörten freilich bald auf, ihr altes Herzleiden, das ihr bisher nur wenig zu schaffen gemacht hatte, verschlimmerte sich bald so sehr, dass sie ihr Zimmer und schließlich auch ihr Bett nicht mehr verlassen konnte.
Ich musste mich nun immer mehr der Pflege meiner Mutter widmen und konnte daher meinem Verlobten nicht mehr so ausschließlich zur Verfügung stehen, wie er es bisher unbedenklich von mir verlangt hatte. Er beklagte sich bisweilen darüber und warf mir vor, dass ich unser neues Glück nicht dankbar genug zu würdigen wisse, sondern mich allzu sehr von den ›albernen Unkereien‹ meiner Mutter beeinflussen ließe. Es kam recht häufig zu unangenehmen Auseinandersetzungen zwischen uns, und so war es mir fast eine Erleichterung, dass eine ihm neu übertragene Stellung im Nährstand ihn oft zu längeren Reisen zwang …«
Sie hielt inne, als lauschte sie auf das Orgeln der Granaten, das immer noch über unsere Köpfe hinwegging, um mit einem weit entfernten Aufschlag zu enden. Was sie nun noch zu berichten hatte, war mit leiser und zögernder Stimme gesprochen.
Sie hatten Einquartierung bekommen. In einer der langen Pausen zwischen den Kämpfen war eine niederösterreichische Kompanie auf ihr Gut gelegt worden. Als dieser Besuch erschien, war der junge Gutsherr gerade für einige Wochen nach Berlin gefahren. Es hätte Vera als stellvertretender Herrin obgelegen, den in ihr Haus eingewiesenen Offizieren alle Pflichten der Gastfreundschaft zu erweisen, aber die Schwierigkeiten, die sich aus ihrer Stellung als Braut des abwesenden Hausherrn und aus dem erzwungenen Fernbleiben ihrer Mutter ergaben, ließen sie im Verkehr mit den Gästen die äußerste Zurückhaltung üben. Und doch war es gerade die Krankheit ihrer Mutter, die eine erste nähere Berührung zwischen ihr und dem jungen Kompaniechef herbeiführte. Sie trat eines Nachts in den Kreis der Offiziere und bat Hauptmann Rankl um seine Hilfe. Ihre Mutter hatte einen bedrohlichen Schwächeanfall, und der Hausarzt war telefonisch nicht zu erreichen. Rankl sorgte dafür, dass der Regimentsarzt sofort geholt wurde, er zeigte auch weiterhin so viel zarte Anteilnahme und echte Besorgnis, dass Veras Zurückhaltung schnell in dem glücklichen Gefühl eines grenzenlosen Vertrauens dahinschmolz. Sein knabenhaft reines, herbes und doch gütiges Wesen zeigte ihr einen Menschen, der sehr im Gegensatz stand zu jenem Mann, den sie einmal zu lieben geglaubt hatte. Ja, sie hatte zu lieben geglaubt, aber jetzt erst wusste sie, was Liebe war. Und doch gab es eigentlich nichts zwischen diesen beiden Menschen. Es gab nur, nachdem der Befehl zum Abmarsch bereits gegeben war, einen abendlichen Gang durch den Park, ein paar Minuten schweigenden Zusammenseins auf einer Bank und einen ersten, scheuen Handkuss. Aber dies wenige genügte, um in beiden das schöne, schlichte Gefühl zu wecken, dass sie füreinander bestimmt waren.
Es war nichts geschehen. Aber obwohl Vera kaum eine Hoffnung hegen durfte, ihr Leben mit dem Rankls zu vereinen, so wusste sie doch, dass sie ein Leben mit dem Verlobten nicht würde führen können. Es war ein Gebot ihrer klaren, aufrechten Natur, das ihr befahl, mit dieser Erkenntnis vor den Vetter hinzutreten.
Der Vetter kam zurück. Beim Nachmittagstee, den sie gemeinsam und an diesem Tag zu zweit einnahmen, war Vera fest entschlossen, ihr Geständnis zu machen. Während sie nun dasaß, mühsam ihre Erregung meisternd, und verzweifelt nach Worten suchte, begann Adalbert nach einem schicklichen Vorspiel harmlosen Geplauders plötzlich mit glatten, wohlüberlegten Worten seine Eröffnung: Er hatte in Berlin eine Frau kennengelernt, der er die beglückende Überzeugung verdankte, von Grund auf verstanden zu werden, woraus sich für ihn die unabweisliche, wenn auch schmerzliche Erkenntnis ergab, dass sein Lebensweg sich von dem Veras würde trennen müssen. Es kam hinzu, dass ihm Bedenken aufgestoßen waren, ob eine Ehe zwischen so nahen Verwandten überhaupt wünschenswert sei.
Er hatte geglaubt, ihr eine niederschmetternde Mitteilung gemacht zu haben, aber in ihr war nur das atemraubende wilde Aufjubeln über eine so unverhoffte Befreiung. Es war das erste Mal, dass sie von dem ungestümen Verlangen gepackt wurde, sich ihrem Verlobten in die Arme zu werfen. So heiß war das Gefühl des Dankes in ihr, dass sie diesem Verlangen nachgab. Wortlos und mit einem nachsichtigen Lächeln erduldete Adalbert diese Zärtlichkeit, die er als ein Zeichen ihrer tiefen Liebe ungerührt, aber nicht ungeschmeichelt deutete. Noch ehe er sich zu einem Wort milden Trostes sammeln konnte, hatte sie sich losgerissen und war aus dem Zimmer geeilt. Sie musste allein sein mit sich und ihrem wogenden Gefühl, sie verließ das Schloss und ging die breite Lindenallee hinunter, deren schattendes Dämmern ihrem heißen Herzen eine wohlige Kühle entgegenhauchte.
Vom Ende der Allee sah sie einen Mann heraufkommen – es war der Postbote. Er winkte ihr mit einem Brief zu. In der jäh auflodernden Hoffnung, dass ihr Glück in dieser Stunde noch eine Steigerung erfahren müsste, eilte sie ihm entgegen: Das würde die erste Nachricht von dem Geliebten sein!
Es war die erste Nachricht von ihm. Aber er hatte sie nicht selbst schreiben können. Sie kam von einem der Kameraden, die mit ihm im Schloss einquartiert gewesen waren, und sie meldete, dass der Hauptmann Rankl im ersten Gefecht während des neuen Einsatzes gefallen war.
»Ich blieb im Schloss wohnen«, beendete Vera ihre Erzählung, »wo hätte ich auch hingehen sollen mit meiner schwerkranken Mutter. Ich blieb, und dieses Weiterwohnen hatte mich schließlich so weit gebracht, dass ich nur noch Dank empfinden konnte, als meine Mutter in der Nacht vor unserem Aufbruch aus dem Leben schied, um diesen Treck nicht mitmachen zu müssen, als dessen geduldetes Anhängsel ich nun hierhergekommen bin.«
Wir blieben noch eine Weile sitzen. Die Abschüsse der Batterie im Westen waren immer seltener, die Einschläge immer ferner geworden. Endlich standen wir auf und verließen den Steinbruch. Als wir bald auf der nun völlig leergewordenen Hauptstraße dahingingen, hatte sich Vera schon wieder so weit gefasst, dass sie mit einem Lächeln des Professors gedenken konnte:
»Wie mag der arme Mann wohl den Beschuss überstanden haben …?«
Was dies betraf, so sollten wir nicht lange im ungewissen bleiben. Wir konnten schon die steinernen Pfeiler der großen Brücke sehen, die dicht vor der »Schwinge« über ein tiefes, schluchtartiges Tal führte, als ein plötzliches Rascheln im dichten Gebüsch des Straßenrandes uns zur Seite blicken ließ: Die Zweige hatten sich auseinandergetan, und zwischen ihnen erschien das blasse Gesicht des Professors. Er sah uns mit ungläubigem Staunen entgegen und verließ zögernd seine Deckung, die ihn vielleicht gegen Sicht, aber wohl schwerlich gegen die Wirkung einer Granate geschützt haben mochte. Er sah sich nach allen Seiten um und winkte uns hastig zu sich heran:
»Kommen Sie schnell mit in meinen Busch! Wie können Sie bei dieser fürchterlichen Schießerei mitten auf der Straße herumlaufen …?«
Wir gingen mit in seinen Busch. Es gelang mir sogar, ihn zur Aufgabe seines Verstecks zu bewegen, indem ich ein verlockendes Bild des bombensicheren Kellers in der »Schwinge« entwarf. Blitzschnell übersprang er den Straßengraben und stürzte sich mit überraschendem Feuereifer auf sein Rad, das an einen nahen Baum gelehnt stand.
»Ich mache schon Quartier für Sie, Baronesse!«, rief er uns noch zu, während er davonbrauste.
Die Baronesse lächelte hinter ihm her … Dann folgten wir ihm und hatten bald die große Brücke erreicht.
Wir sahen in das Tal, das sich gleich hinter der Brücke zu einem mächtigen Kessel erweiterte und ein friedliches Dorf auf seinem Grunde trug. Wir sahen auf die Hänge, an denen die ersten frühen Kirschbäume blühten, und dann schritten wir in das Gasthaus »Zur Schwinge« hinein, das, wie ich hoffte, Vera eine neue Heimat bieten würde.
4. Kapitel
Die große Gaststube, die wir nun betraten, schien ein einziges Heerlager. Sämtliche Tische waren dicht besetzt von Soldaten aller Waffengattungen, die sich hier eine kurze Rast gönnten, um ihre Flucht mit neuen Kräften fortsetzen zu können. Zwischen den Tischen drängte sich mühsam die zarte Gestalt der Frau Panitz hindurch, um die schnell geleerten Tassen der Soldaten aus dampfender Kaffeekanne immer wieder neu zu füllen. Ihre Schwester Anni folgte ihr mit einer riesigen Schüssel belegter Brote, die sie emsig und mit umsichtiger Freigebigkeit verteilte.
Vor einem Tisch in der Mitte des Raumes, dicht umdrängt von Landsern, stand Oskar Panitz. Er hatte sich über eine ausgebreitete Karte gebeugt und setzte dem Gewirr besorgter Fragen nach den sichersten Fluchtwegen seine ruhigen, klaren Weisungen entgegen.
Unschlüssig blieben wir in der Nähe der Tür stehen; der Professor hingegen hatte sich zielbewusst durch das Gewühl bis an den Tisch des Wirtes hindurchgekämpft. Auch ihn schien eine Frage zu quälen, wir sahen, wie er sich vergeblich bemühte, die Aufmerksamkeit des Wirtes auf sich zu lenken. Was er sagte, verstanden wir nicht, und erst, als er seine Stimme zu einem ungeduldigen Schreien erhob, erfuhren wir, dass er nach einem »bombensicheren Keller« Verlangen trug. Diese letzte verzweifelte Anstrengung hatte einen überraschenden Erfolg: Panitz richtete sich auf und wandte sich dem Professor zu. Über sein Gesicht ging ein Lächeln, als er antwortete:
»Bombensicherer Keller …? Ach so – Sie wollen sich vor dem Artilleriebeschuss in Sicherheit bringen …«
Seine Worte fielen in ein tiefes Schweigen, das sich plötzlich im ganzen Raum ausbreitete.
Der Professor nickte sichtlich erfreut:
»Das war in der Tat meine Absicht. Vielleicht haben Sie die Güte, mir schnell den Weg zu zeigen.«
Der Professor hatte nunmehr glücklich erreicht, dass die Aufmerksamkeit aller Anwesenden sich ihm zuwandte. Seine letzten Worte wurden mit einem allgemeinen fröhlichen Gelächter begrüßt, dem Herrn Schmelzkopf nur seine empörten Blicke entgegenzusetzen vermochte.
Der Wirt wartete gelassen, bis der Sturm der Heiterkeit sich gelegt hatte. Dann antwortete er mit freundlichem Ernst:
»Ja …, ein bombensicherer Keller ist allerdings unter dem Haus, er ist sogar in den Felsen der Talwand eingelassen. Aber ich kann Sie nicht hineinlassen. Der Schlüssel ist in Hannover bei der Intendantur. Die hat den Keller nämlich beschlagnahmt und Heeresgut darin ausgelagert.«
»Heeresgut …?«, rief eine Stimme aus dem Hintergrund, »das soll wohl den Amerikanern noch nicht in die Hände fallen …!«
Nach diesen Worten erhob sich ein ungeheurer Tumult. Alles war aufgesprungen und schrie durcheinander: »Auf mit dem Keller! Her mit den Sachen! Da gibt es sicher Schnaps … und Kaffee … und Zigaretten! Und heile Hemden … Den Keller auf! Wo ist ’ne Axt …?«
Unerschüttert ließ Oskar Panitz sich von diesem Aufruhr umbranden. Schließlich hob er die Hand mit einer Bewegung, die sich schnell Ruhe erzwang:
»Kameraden, der Keller ist voll von allen schönen Sachen, die ihr euch nur denken könnt. Aber wir wollen keine Plünderung vornehmen, wir wollen alles gerecht verteilen. Die Tür werden wir schon aufkriegen. Ich gehe jetzt mit zehn Mann von euch hinunter, die können dann die Sachen herauftragen. Alles andere bleibt oben. Die Frauen übernehmen die Verteilung.«
Bei diesen Worten nickte er Vera und mir freundlich zu und winkte uns heran. Er drückte uns zur Begrüßung noch schnell die Hand und dann verschwand er mit den kräftigsten Männern, die er mit sicherem Blick eilig ausgewählt hatte.
Es dauerte nicht lange, bis ein dumpfes Krachen uns verriet, dass die Kellertür gesprengt war. In der Gaststube waren inzwischen die Tische hurtig abgeräumt und zusammengeschoben, um den erwarteten Segen aufnehmen zu können. Und schon kamen sie wieder herein, die Männer, und hielten in klammernden Armen die Fülle der Ballen und Büchsen, der Kisten und Kartons. Wir Frauen hatten uns hinter den Tischen aufgestellt, um dem Ansturm zu begegnen. Schnell waren die guten Dinge ausgepackt, und dann begann die Verteilung. Es gab Zigaretten und Kaffee, Schokolade und Wurst in Büchsen, es gab Zucker und gepressten Tee, es gab Unterhosen und Hemden. Es gab diese guten Dinge in solcher Fülle, dass jeder leicht zufriedengestellt werden konnte. Einer nach dem anderen zog sich zurück, um seinen Anteil in Sicherheit zu bringen. Und nun erschien auch Oskar Panitz auf der Bildfläche, er trug in jeder Hand eine Flasche.
»Ah – da kommt der Schnaps!«, begrüßte ihn ein freudiger Ruf.
»Jawohl, meine Herren, für jeden ein Glas. Ihr sollt euch hier nicht besaufen, ihr sollt zusehen, dass ihr heil wieder nach Hause kommt.«
Er öffnete die Flaschen und goss, unbeirrt durch das enttäuschte Gemurre, das sich hier und da erhob, eine hinreichende Anzahl Gläser voll. Als jeder Soldat mit einem Glas versehen war, erhob der Wirt das seine:
»Auf euer Wohl, Kameraden, und auf glückliche Heimkehr! Ihr müsst machen, dass ihr weiterkommt, die Amerikaner können jeden Augenblick hier sein.«
Die Landser leerten ihre Gläser und dann verschwanden sie.
Ich hielt es nun für angebracht, mein Anliegen vorzubringen, aber Oskar hatte noch keine Zeit für uns.
»Entschuldigen Sie mich, Frau Doktor, ich muss erst dafür sorgen, dass das Lager gründlich geräumt wird. Die Amerikaner sollen nichts mehr vorfinden.«
Er ging an das Telefon neben dem Tresen und wählte eine Nummer.
»Herr Hartmann«, rief er in den Hörer, »können Sie sofort mit Ihrem Lastwagen herüberkommen? … Ganz recht, ehe die Amerikaner hier sind. Wir wollen schnell reinen Tisch machen mit unseren Sachen im Keller … Also schön, ich verlasse mich darauf.«
Gleich darauf wählte er eine neue Nummer:
»Hör mal, Karl, komm gleich doch mal bei mir rein und bring deinen Gemeindediener mit. Du musst als Bürgermeister hier eine wichtige Amtshandlung vornehmen, wir wollen das Lager in meinem Keller räumen, es eilt, du weißt schon, weshalb. Bring auch ein paar vertrauenswürdige Leute von deinen Ausgebombten mit und ein paar Handwagen dazu. Wir wollen doch dafür sorgen, dass jeder warmes Unterzeug kriegt und Wolldecken. Ein bisschen was zu essen ist auch dabei … Was, Schnaps willst du auch noch haben? Naja, da fällt für jede Familie wohl eine Flasche ab, und von dem Rest machen wir uns dann mal eine fidele Gemeinderatssitzung, das können wir brauchen in diesen traurigen Tagen …«
»Nun stehe ich Ihnen zur Verfügung, Frau Löhnefink«, wandte er sich mir zu.
Ich hatte inzwischen Zeit gehabt, Vera Frau Panitz vorzustellen, und nun sagte ich dem Wirtsehepaar, was uns hierhergeführt hatte. Obwohl die Gastwirtschaft »Zur Schwinge« über Logierzimmer nicht verfügte, bestanden, wie ich erwartet hatte, keine Schwierigkeiten, die Flüchtlinge unterzubringen, beide Wirtsleute waren vielmehr freudig bereit, Vera und dem Professor zwei von ihren eigenen Räumen zur Verfügung zu stellen.
»Der Herr Professor«, sagte Panitz lächelnd, »scheint ja ein ganz patenter Kerl zu sein. Er hat sich sofort bereit erklärt, unten den Keller zu bewachen.«
Auch Frau Panitz lächelte, es war ein Lächeln verzeihender Güte:
»Der arme Mann scheint wirklich recht furchtsam zu sein. Er hat gewiss schon viel durchgemacht. Da kann man schon mal die Nerven verlieren. Wir Frauen haben meistens mehr Courage, nicht wahr, Fräulein von der Eck?«
»Früher war ich mutiger«, erwiderte Vera mit einem verschmitzten Lächeln, »vielleicht hat er seine ganze Courage verausgabt, als er seinen berühmten Marsch ›Niemals zurück!‹ komponierte. Sie haben ihn ja sicher oft genug gehört.«
Sie summte die Anfangsworte des zackigen schmelzkopfschen Marsches vor sich hin:
Niemals zurück, wenn die Kugel auch pfeift,
Wenn die Wut der Granate auch streift,
Wenn die Maschinengewehre auch knattern –
Niemals zurück, lass die Fahne flattern!
Alle hatten wir ergriffen die letzten Worte mitgesummt, wir waren wohl alle stolz darauf, einem so berühmten Zeitgenossen begegnet zu sein … Wir hätten vielleicht, mitgerissen von den zwingenden schmelzkopfschen Rhythmen, den ganzen Marsch noch heruntergesungen, wenn uns nicht das Brummen eines vorfahrenden Lastwagens aus den Höhen unserer Begeisterung rau auf die Erde zurückgeführt hätte.
»Da kommt Herr Hartmann …!«, rief Oskar Panitz und stürzte hinaus. Gleich darauf kam er in Begleitung eines jungen blondschopfigen Riesen wieder herein, den er Vera als den Mühlenbesitzer Karl Hartmann vorstellte. Während Oskar Panitz mit Hartmann besprach, was alles aufgeladen werden sollte und wo die Sachen am sichersten versteckt werden könnten, betrat ein Soldat die Gaststube. Ich erkannte ihn sogleich, es war der »feine Anton«, der Sohn meines Nachbarn Ahlswede. Er berichtete uns, nachdem er mit einigen formschönen Verbeugungen bewiesen hatte, dass er seinen Namen zu Recht trug, wie er hierhergekommen war. Er hatte in einer Göttinger Klinik gelegen, war tags zuvor trotz einer noch offenen Wunde kriegsdienstverwendungsfähig geschrieben und mit der Weisung entlassen worden, sich zu seinem in Hannover liegenden Ersatztruppenteil durchzuschlagen. Durch die Nähe der Heimat verlockt, hatte er sich einen kleinen Abstecher genehmigt, der ihn zu kurzen Besuchen nach Wenzen führen sollte. Nun war er in der Schwinge eingekehrt, um seinen alten Freund Panitz zu begrüßen und sich über die Lage der Dinge zu informieren. Das raue Leben der Landser hatte offenbar nicht vermocht, den Schmelz seiner Courtoisie zu zerstören, er schien mir vielmehr in der Beherrschung der feinsten Umgangsformen noch sicherer geworden zu sein, es war mir jedenfalls eine Überraschung, dass er Vera, an die er sich vorzugsweise wandte, wiederholt mit »gnädigste Baronesse« titulierte. Für so viel Aufwand von guter Lebensart schien Vera nicht unempfänglich zu sein, denn wenn sie auch ein leicht belustigtes Lächeln kaum unterdrücken konnte, so bewies sie doch dem »feinen Anton« ein freundliches Wohlwollen:
»Wie wollen Sie denn um Himmels willen in Ihrer Uniform den Amerikanern entgehen, Herr Ahlswede?«
»Ich bitte gnädigste Baronesse, sich darüber keine Gedanken machen zu wollen. Ein alter Dachhase ist nicht so leicht zu fangen, wie mein Vater immer zu sagen pflegt. Ich danke übrigens für das gütige Interesse, das gnädigste Baroness meiner Persönlichkeit zuzuwenden belieben.«
Diese Konversation hätte vielleicht noch weit schönere Blüten getrieben, wenn Herr Hartmann den »feinen Anton« nicht jetzt zu dringlicheren Aufgaben gerufen hätte. Es galt nunmehr, unverzüglich den Keller zu räumen, und dabei wurden Antons kräftige Arme gebraucht. Auch wir Frauen boten unsere Hilfe an, wurden aber von Herrn Hartmann zurückgewiesen. Ich machte mich nun zusammen mit Frau Panitz und ihrer Schwester daran, in der Gaststube ein wenig Ordnung zu schaffen, Vera jedoch brannte darauf, an der wichtigen und gemeinnützigen Bergung der Kellerschätze mitzuwirken. Sie verließ uns daher, kam aber schon nach wenigen Minuten zurück, sie zeigte eine auffallende Entrüstung, deren ich sie gar nicht für fähig gehalten hätte:
»Dieser Müller ist ja abscheulich, ein ganz rücksichtsloser Kerl ist das! Er hat mir doch eine Kiste mit Konservenbüchsen einfach weggerissen! Und was für alberne Reden er dabei führte … Das wäre nichts für meine zarten, kleinen Hände, so schwere Arbeit zu leisten … Als ob ich auf unserer Flucht nicht noch ganz anders hätte zufassen müssen … Das sind ja überhaupt komische Leute hier – der eine traktiert mich fortgesetzt mit ›gnädigste Baronesse‹, und der andere wird brutal und schwafelt dann noch von meinen ›zarten, kleinen Händen‹!«
Frau Panitz suchte sie zu beruhigen:
»Herrn Hartmann müssen Sie erst einmal richtig kennenlernen. Brutal ist er nicht. Im Gegenteil, er hat ein sehr weiches Herz. Sie sollten einmal sehen, wie er sich um seine alten Eltern sorgt. Und dann müssten Sie mal die Ausgebombten reden hören, die er aufgenommen hat … Nein, der ist nicht brutal.«
Draußen war jetzt das Geräusch heranrollender Handwagen zu hören – der Bürgermeister kam mit seinen Vertrauensmännern. Neugierig, wie die geplante Verteilung wohl vor sich gehen würde, traten wir vor das Haus. Die Vertrauensmänner schienen nicht ganz dichtgehalten zu haben, denn der Bürgermeister stellte alsbald ärgerlich fest, dass auch einige ungerufene Gäste erschienen waren. Frau Panitz fasste erschrocken an meinen Arm:
»Ach, du liebe Zeit … ausgerechnet die Verwandten meines Mannes mussten nun noch mitkommen. Mein Mann wird ja außer sich sein. Er hat sie auf ihre Bitten aus Berlin hierhergeholt und sie im Dorf gut untergebracht, aber er hat von Anfang an durch sie nichts als Aufregungen und Verdruss gehabt. Sein Schwager und sein Vetter haben früher nichts von ihm wissen wollen, als er noch ein einfacher Kellner war, und auch später, als er die ›Schwinge‹ übernahm, haben sie auf den armen Wirt einer Dorfkneipe herabgesehen. Sie sind ja auch als Kaufmann und als Privatgelehrter von jeher etwas Besseres gewesen. Aber jetzt, wo wir es ein bisschen weitergebracht haben, ist mein Mann gut genug, um ihre ewig neuen Ansprüche zu befriedigen, und die sind wahrhaftig manchmal nicht ganz bescheiden. Einen Handwagen haben sie sich ja vorsorglich mitgebracht, sie wollen sicher hier tüchtig erben. Wir wollen mal sehen, wie sie das wohl anfangen.«
Wir sahen es bald. Die Verwandten (der Kleine mit der Brille und dem stubenfarbenen Gesicht war sicher der Privatgelehrte und der robuste Knebelbart mit den roten fleischigen Wangen der Kaufmann) ersparten sich die Mühe, wie die übrigen in den Keller zu gehen und die guten Sachen heraufzuschleppen. Sie wandten vielmehr die weit einfachere Methode an, aus den halb beladenen Wagen der anderen die ihnen konvenierenden Artikel möglichst unauffällig und unbefangen in ihren eigenen Wagen hinüberwandern zu lassen. Wir bewunderten die Geschicklichkeit, mit der sie sich blitzschnell den Wagen der jeweils in den Keller hinuntersteigenden Vertrauensleute zuwandten. Sie hätten ja nun eigentlich diesen Fischzug, der ihnen langentbehrte Schätze einbrachte, mit einer gewissen Fröhlichkeit vornehmen müssen, aber sie führten diese einträgliche Beschäftigung mit einem tiefen, schwermütigen Ernst aus, als wären sie dabei, ein Grab zu schaufeln. Vielleicht ahnten sie schon, was bald genug kommen sollte. Es war Herr Panitz, der kam.
Der Wirt zur Schwinge blieb vor ihnen stehen, die muskulösen Arme untergeschlagen. Wortlos beobachtete er eine Weile das Treiben der lieben Verwandten. Er wartete, bis der Wagen gefüllt war. Er wartete sogar, bis der Privatgelehrte zum guten Ende noch einen großen Packen Unterhosen auf die Ladung warf, um damit sein Werk zu krönen. Dann erst gönnte er ihnen das Wort:
»Seid ihr nun fertig?«
Der Privatgelehrte nickte grämlich. Der Wirt aber fuhr fort mit einer Stimme, deren harte Entschiedenheit keinen Widerspruch duldete:
»Dann packt mal alles wieder aus! Ihr denkt, das ist herrenloses Gut hier. Schön! Aber das ist immer noch kein Grund, dass sich jeder nach Belieben bedient. Das Lager wird verteilt, aber es soll jeder etwas haben. Dafür bin ich mit dem Bürgermeister verantwortlich. Und ihr glaubt doch wohl selbst nicht, dass für meine Verwandten eine Extrawurst gebraten wird. Dann würde ja alle Welt mit Recht von Schiebung reden. Also nun mal schnell den Wagen leergemacht!«
Die beiden Männer hatten mit düsteren Mienen die Worte des Wirtes angehört, aber sie schickten sich keineswegs an, den Wagen zu entleeren. Noch einen schwermütigen Blick schenkten sie der vollen Ladung, dann stahlen sie sich wortlos davon und ließen den Wagen, den sie sich offenbar nur geliehen hatten, im Stich.
Auf dem Feldweg, der sich von dem gegenüberliegenden Hang auf die große Straße herabsenkte, hatte ich schon vor einiger Zeit zwei Radfahrer bemerkt. Ich sah, wie sie jetzt abstiegen, um ihre Räder die letzte steile Strecke des Weges herabzuschieben. Und nun erkannte ich sie: Es waren der Fabrikbesitzer Carl Wilhelm Gerding und sein Sohn. Ich glaubte zu träumen. War denn das möglich, dass der große Riechstoff-Fabrikant, der reichste Mann im weiten Umkreise, der selbst den kurzen Weg von seiner Wohnung zur Fabrik nur in seinem eleganten Wagen zurückzulegen pflegte, hier mit einem Tretrad des Weges kam … Aber die Zeit war aus den Fugen geraten, und man tat wohl gut daran, sich das Wundern abzugewöhnen.
Die Radfahrer überquerten jetzt die Straße und kamen auf das Wirtshaus zu – der letzte Schleier von Traum verwehte, die beiden Gerdings waren blutvolle Wirklichkeit geworden. Herr Gerding sah abgespannt und mitgenommen aus, und was er mir nach kurzer Begrüßung zu erzählen hatte, zeugte von der Opferbereitschaft eines liebenden Vaterherzens. Sein Sohn war bei den Eltern in Holzminden auf Urlaub gewesen und hatte sich bis zum heutigen Abend beim Ersatztruppenteil in Northern zurückzumelden. Da die Züge nicht mehr verkehrten und Benzin nicht zur Verfügung stand, sah sich der Sohn gezwungen, auf das urtümliche Beförderungsmittel des Tretrades zurückzugreifen, und der Vater hatte von seinem Portier ein Rad entliehen, um sich dem Sohn anzuschließen und bis zum letzten Augenblick mit ihm zusammen sein zu können. Auf meinen Einwurf, dass sie schwerlich noch ihr Ziel erreichen würden und sich somit weitere Anstrengungen ersparen könnten, winkte der Vater müde und resigniert ab:
»Mein Sohn ist Offizier!«
Jetzt kam auch Oskar Panitz hinzu und begrüßte Herrn Gerding mit der erstaunten Frage, wie er es denn angefangen habe, den Amerikanern zu entgehen, die doch wohl längst in Holzminden sein müssten. Der Fabrikant, dem jetzt erst zum Bewusstsein kommen mochte, dass er eine Welt von Besitz und Komfort als Radfahrer verlassen hatte, um sie vielleicht so bald nicht wiederzusehen, antwortete mit trauriger Stimme:
»Wir sind schon gestern Nachmittag aufgebrochen, als wir hörten, dass die Amerikaner sich dem westlichen Weserufer näherten. Da wir die Hauptstraßen meiden mussten, konnten wir nur auf großen Umwegen durch die Wälder fahren. Die Nacht verbrachten wir in einer Köhlerhütte …« Er seufzte schwer. »Mitten zwischen den Tieren des Waldes.«
»Vater, wir müssen weiterfahren«, drängte sein Sohn, um dann, mit einem Blick auf die gebrochene Gestalt des Vaters, fortzufahren: »Oder bleib du lieber hier, du hältst vielleicht die Fahrt bis Northeim gar nicht mehr aus. Dir als Zivilisten kann ja schließlich hier nichts passieren.«
Der gebeugte Rücken des Vaters straffte sich:
»Ich fahre mit dir.«
Er drückte uns allen die Hand und brachte es sogar fertig, sich zum Abschied ein Lächeln abzuquälen. Dann schwangen sich beide auf die Räder und waren bald hinter der großen Kurve unseren Blicken entschwunden. Die bittere Erkenntnis eines beginnenden tiefen Sturzes kam über mich, als ich in den letzten mühseligen Pedaltritt eines Mannes sah, der mir immer der Inbegriff gesicherten Besitzes und sorglosen Wohlbehagens gewesen war.
Die Handwagen waren inzwischen vollgepackt und fuhren nun fort, auch Herr Hartmann war mit dem Aufladen fertig geworden und hätte nun schleunigst abfahren müssen. Er hatte auch schon den Führersitz bestiegen und den Motor angelassen, aber in letzter Minute musste ihm wohl noch etwas eingefallen sein, denn er kletterte unversehens noch einmal vom Wagen herunter und kam auf uns zu. Merkwürdigerweise schien ihm jedoch sein Einfall wieder entschwunden zu sein, denn er druckste eine Weile herum, ehe er zögernd und unsicher begann:
»Übrigens, Frau Panitz … meine Mutter lässt schön grüßen … und ich soll Ihnen bestellen … ach ja, wegen der Gössel … also, Sie können sechs Stück bekommen.«
»Das ist ja schön«, sagte Frau Panitz mit einem feinen Lächeln, »allerdings hatten Sie mir das gestern schon bestellt.«
»Soso …, dann nichts für ungut …«, stotterte er, und dabei irrte sein Blick scheu zu Vera hinüber, die freilich kaum Notiz von ihm nahm. »Na ja … dann schicke ich sie Ihnen morgen früh gleich rüber … oder am besten bringe ich sie selbst … die kleinen Dinger sind ja so empfindlich …«
Mit dem Ausdruck eines großen, schuldbewussten Bernhardiners blickte er noch einmal flüchtig auf Vera, die aber nicht ihn ansah, sondern gespannt nach der Brücke hinüberspähte.
Es war ein Kübelwagen, der ihre Aufmerksamkeit erregt hatte. Mit aller Geschwindigkeit, die ein luftleerer Hinterreifen noch gestattete, kam er jetzt polternd vorgefahren. Der einzige Insasse, ein junger Major, entstieg dem Wagen und machte ein paar Schritte auf uns zu. Sein Gesicht war bleich wie ein Leinentuch, aus dem Ärmel seines Waffenrockes sickerte ein dünnes Rinnsal Blut über die Hand. Nach den ersten Schritten schon begann er zu taumeln, und nur der schnell hinzuspringende Oskar Panitz bewahrte ihn vor einem jähen Hinfallen.
»Die Amerikaner kommen«, stieß er hervor. Mit einem Blick auf uns Frauen versuchte er sich von dem Wirt loszumachen: »Ich danke Ihnen, es geht schon wieder, war nur im Augenblick so ein komisches Gefühl, ich glaube, ich habe ein bisschen viel Blut verloren …« Er wies auf den beladenen Lastwagen: »Wenn Sie übrigens noch etwas wegzuschaffen haben, so beeilen Sie sich, es kann sich nur noch um Minuten handeln, bis die Panzer hier sind. Sie müssen mir hier irgendwie helfen, mit meinem Wagen komme ich nicht mehr weiter.«
»Herr Hartmann – ab mit dem Wagen in den Wald! Der Kübelwagen muss auch verschwinden. Anni …! Setz dich mal schnell ans Steuer, du fährst immer hinter Herrn Hartmann her.«
Anni schien das Gehorchen gewohnt zu sein, sie sprang aus der Gaststube herbei, sauste auf den Kübelwagen und rumpelte hinter dem Mühlenbesitzer her über die Brücke hinweg, dem nahen Wald entgegen.
Der Wirt hatte auch für uns Frauen Aufträge bereit:
»Hol doch mal die Klamotten von Janek herunter«, wandte er sich an seine Frau, »Sie müssen schleunigst aus der Uniform heraus, Herr Major, das kann nun nichts helfen, für die nächsten Stunden müssen Sie bei mir Polenknecht spielen, ein Segen, dass der Bengel gestern noch abgehauen ist. Frau Doktor Löhnefink sieht nach Ihrer Wunde, und Fräulein von der Eck geht ihr dabei zur Hand. Und wir beide, Herr Major, trinken zunächst einmal einen uralten Korn, damit wir wieder jung werden.«
Wir gingen alle in die Gaststube, wo der Wirt zwei Gläser füllte. Wuchtig baute er sich vor dem Major auf, den er auf einen Stuhl gedrückt hatte und der jetzt mit einem amüsierten Lächeln zu ihm aufsah. Panitz erhob sein Glas:
»Was uns nicht umbringt, macht uns stark! In diesem Sinne, Herr Major …«
Ich hatte mittlerweile aus einem kleinen Apothekenschrank, der, mit einem roten Kreuz versehen, zwischen den Bierseideln hinter dem Tresen hing, das nötige Verbandmaterial herbeigeholt und besah mir nun die Wunde des Majors. Es war ein glatter Durchschuss im Oberarm, der den Knochen nicht verletzt, aber einen starken Blutverlust zur Folge gehabt hatte. Es gelang mir, mit einer festangelegten Wattekompresse das immer noch reichlich herausquellende Blut zum Stehen zu bringen. Vera, die mir dabei half, blickte mich ein paarmal besorgt an, aber ich konnte sie bald beruhigen – die große Oberarmschlagader war nicht getroffen.
Frau Panitz erschien in der Tür und rief dem Major zu, dass Janeks Arbeitskluft im Nebenzimmer bereit liege. Der Major erhob sich und dankte uns höflich für unsere Hilfe. Der Korn hatte seine Wirkung getan und seine Wangen gefärbt, die graublauen klaren Augen in dem schmalen und strenggeschnittenen jungen Gesicht blickten uns mit einer ruhig wägenden Freundlichkeit an. Es kamen mir Bedenken, ob dieses Urbild eines deutschen Aristokraten mit seiner hohen, geschmeidigen Gestalt auch in der trefflichsten Verkleidung jemals als ein polnischer Knecht durchgehen würde.
Diese Zweifel verstärkten sich, als er wieder erschien und mit einigen knabenhaft übermütigen Gesten die Dürftigkeit seines Anzugs vollends zur Wirkung brachte.
»So können Sie sich unmöglich den Amerikanern zeigen«, rief Vera, »kein Mensch wird Ihnen den Knecht glauben. Zum allerwenigsten muss ich Ihnen noch etwas Arbeitsschminke beibringen. Kommen Sie mal gleich mit in den Stall!«
Als wir über den Hof gingen, hörten wir schon deutlich das Rollen der herannahenden schweren amerikanischen Panzer. Vera rührte beherzt aus Lehm und Kuhmist ihre Schminke zusammen und machte sich alsbald daran, die Hände des Majors stilecht zu färben, sie sorgte auch dafür, dass ein paar Spritzer dieser Couleur sich auch in das Gesicht ihres Pflegebefohlenen verirrten. Bei dieser Arbeit redete sie eifrig auf ihn ein:
»Sie dürfen nicht vergessen, dass Sie jetzt ein polnischer Knecht sind. Es ist möglich, dass bei den Amerikanern ein paar Polen sind, die Sie ins Verhör nehmen werden. Am besten spielen Sie den Schwerhörigen, Sie sagen bei jeder Frage, die man an Sie richtet, nur das eine: Sprechen Sie lauter, ich bin taub! Das heißt auf Polnisch folgendermaßen: …« Sie sagte ihm nun einige polnische Worte, die ich nicht behalten hab’ und die der Major so oft wiederholen musste, bis er sie zu ihrer Zufriedenheit wiedergeben konnte.
»Und hier haben Sie Ihr Arbeitsgerät …« Sie drückte ihm eine Mistforke in die Hand. »Und nun viel Glück – ich glaube, die Amerikaner kommen schon. Ich bleibe auf alle Fälle in der Nähe.«
Die Amerikaner kamen. Das Rollen der Panzer verstummte, von der Straße drangen ein paar Kommandoworte herüber. Dann hörten wir das Geräusch vieler Schritte, Türen wurden geschlagen, die Stufen der Haupttreppe knarrten unter schweren Stiefeln, ein lautes Gefrage und Gerufe verbreitete sich vom Keller bis auf den Boden. Endlich war die Durchsuchung des Hauses beendet, und nun kam der Hof an die Reihe. Zwei amerikanische Sergeanten traten aus der Hintertür, musterten flüchtig den Hof und gingen dann auf den Stall zu, vor dessen Tor Vera und ich stehen geblieben waren.
»Fräuleins haben keine Waffen …?«, fragte uns der eine lachend, »sind auch nicht Soldat in Verkleidung?«
Er musterte uns wohlwollend und wandte sich dann zusammen mit seinem Kameraden dem Stall zu. Mir klopfte das Herz, und auch Vera war sichtlich beunruhigt. Wie würde der Major sein Debüt als Schauspieler bestehen …?
In der Stalltür war die hohe Gestalt des Majors erschienen.
»Was du hier machen?« fragte ihn der erste Sergeant: »Hier deutsches Soldat versteckt oder Waffen?«
Der Major hielt die Hand an die Ohrmuschel und betete sein polnisches Verslein her.
Vera trat vor und erklärte:
»Der Mann ist Pole und außerdem schwerhörig. Sie müssen laut mit ihm sprechen.«
Der zweite Sergeant richtete nun in polnischer Sprache eine Frage an den Major. Der wiederholte seinen Spruch, wandte sich mürrisch ab und hantierte ungeniert mit seiner Forke, dass der Mist lustig herumflog. Achselzuckend wandte der Sergeant sich ab und begann mit seinem Kameraden den Stall zu durchsuchen. Da sie weder »deutsches Soldat« noch Waffen fanden, kehrten sie bald wieder ins Gasthaus zurück. Gleich darauf rollten die Panzer ab und nahmen den Weg ins Dorf. Der Major war gerettet.
Frohen Herzens gingen wir in die Gaststube.
5. Kapitel
Der Major war zurückgeblieben. Lachend hatte er uns versichert, dass er den Posten, auf den ihn das Schicksal nun einmal gestellt habe, nicht vorzeitig verlassen werde. Er sei viel zu sehr Landwirt, um es ruhigen Herzens mit anhören zu können, dass die Kühe vor Hunger und Durst brüllten, nachdem ihnen in der Unruhe dieses Tages offenbar ihr Recht nicht geworden sei. Er werde nun erst einmal richtig füttern …
Die Stimmung in der Gaststube stand einigermaßen im Gegensatz zu dem frohen Aufatmen, mit dem wir den Stall verlassen hatten. Oskar Panitz zeigte eine besorgte Miene: die Amerikaner hatten den Professor mitgenommen. Sie hatten die unter einem Bretterhaufen versteckte Uniform des Majors gefunden und gleich darauf auch ihren vermutlichen Eigentümer. In dem Keller der Intendantur hatte Panitz über die zurückbehaltenen Spirituosen einen großen Haufen Stroh gedeckt. Unter diesen Haufen war der Professor bei der Ankunft der Amerikaner gekrochen, aber leider nicht tief genug, dass nicht noch einer seiner Füße aus dem Stroh hervorgelugt hätte. So war er denn an diesem Fuß aus seinem bombensicheren Versteck bald wieder herausgezogen worden. Die findigen Amerikaner hatten den Unglückseligen gleich mit der aufgefundenen Uniform in Verbindung gebracht, es überstieg ihr Vorstellungsvermögen, dass ein harmloser Zivilist sich ohne Not dergestalt im tiefsten Keller verkriechen könnte. Mit der Entdeckung des Professors glaubten die Amerikaner dem Strohhaufen sein eigentliches Geheimnis abgelistet zu haben, sie suchten also nicht weiter, und so war denn Herr Schmelzkopf ganz ungewollt zum Retter der alkoholischen Heeresreserven geworden. Das ungewisse Schicksal, dem der Beklagenswerte entgegenging, bot freilich Grund zu einiger Besorgnis. Einen ganz schwachen Trost suchte Herr Panitz sich und uns zu spenden, indem er der Vermutung Ausdruck gab, dass der Professor als deutscher Major immerhin eine ehrenvolle Behandlung erwarten dürfte …
Unterdessen hatte Frau Panitz einen kleinen Imbiss hergerichtet, den sie jetzt auftrug. Wir setzten uns schweigend zu Tisch und bemerkten nicht ohne Ergriffenheit, wie Herr Panitz jetzt eine der durch Schmelzkopfs Opfer erhalten gebliebenen Flaschen entkorkte. Mit ernster Miene füllte er die Gläser, und dann stießen wir an auf das so fraglich gewordene Wohl des großen Komponisten. Wir tranken den köstlichen Rheinwein und schenkten dem Entschwundenen noch eine Minute wehmütigen Gedenkens …
Aus dieser schweigenden Trauer wurden wir jäh aufgescheucht durch ein lautes Rascheln und Poltern, das aus der Küche herüberschallte. Ein Angstschrei aus weiblicher Kehle ertönte und gleich darauf ein befreites Gelächter. Und dann erschien die Ursache dieses Gepolters leibhaftig im Gastzimmer – es war der »feine Anton«.
In diesem Augenblick freilich bot Antons äußere Erscheinung einen derart verwüsteten Anblick, dass nur seine unverändert feinen Umgangsformen seinen ehrenvollen Beinamen noch zu rechtfertigen vermochten. Nach einer tiefen Verbeugung gegen uns Frauen hub er folgendermaßen an:
»Es erfüllt mich mit lebhaftem Bedauern, dass ich Sie so erschreckt habe. Ich bitte insbesondere die gnädigste Baroness, es gütigst entschuldigen zu wollen, dass ich mich in einer derartigen Verfassung hier zeige. Ich hatte mich vor den Amerikanern in den Schornstein geflüchtet, mit dessen Inneren ich als Dachdecker ja vertraut bin. Ich war vom Dach aus hineingeschlüpft und wäre auch auf diesem Wege wieder herausgekommen, wenn nicht ein durchgerostetes Steigeisen unter meinem Fuße nachgegeben hätte.« Bei diesen Worten sah er vorwurfsvoll auf den Wirt, der ihn schadenfroh anlächelte. »So kam es, dass ich den ganzen Schornstein heruntersauste und unter der alten Esse in der Küche landete. Dass ich mich dabei stark mit Ruß beschmutzte, ist wohl begreiflich, bitte ich aber nichtsdestoweniger nochmals freundlich zu entschuldigen. Ich habe nunmehr das dringende Bedürfnis, mich zunächst einmal gründlich zu säubern.«
Er schloss seine Ansprache mit einer abermaligen tiefen Verbeugung und schickte sich an, den Raum zu verlassen.
»Herr Ahlswede«, rief ich ihm zu, »warten Sie noch mit Ihrer Säuberung! Ich glaube, es ist besser, Sie kriechen noch einmal in Ihren Schornstein zurück. Die Amerikaner kommen wieder!«
Während Anton mit einem mir gar wohl vertrauten Pathos seine Worte formte, hatte ich aus dem Seitenfenster gesehen, das einen Blick auf den ins Dorf hinunterführenden Weg eröffnete. Und auf diesem Wege hatte ich drei Männer heraufkommen sehen, in denen ich zu meinem Schrecken bald den Professor und zwei amerikanische Soldaten erkannte. So war denn der Major doch noch nicht gerettet …
Auch Vera erkannte die Gefahr. Sie sprang auf und wandte sich an Anton:
»Warten Sie noch einen Augenblick, Herr Ahlswede! Der Major ist doch noch da. Sie müssen ihn mit in den Schornstein nehmen!«
Sie stürzte fort und kam gleich darauf mit dem Major zurück, den sie Antons Obhut anvertraute. Der junge Dachdecker bemerkte ihre Erregung, er glaubte ihr Mut zusprechen zu müssen:
»Keine Angst, gnädigste Baronesse, ich werde den Herrn Major das Kaminklettern schon beibringen.«
Die beiden verließen eilends das Zimmer. Der Wirt räumte geschwinde die Weinflasche und die Gläser vom Tisch, er hatte sie kaum im Schränkchen des Tresens verschlossen, als auch schon die beiden amerikanischen Soldaten mit dem Professor hereinkamen. Während die Amerikaner abweisend ernste Mienen zeigten, wies das Gesicht des Professors den Ausdruck einer großen, hilflosen Verstörtheit auf. Dieses Gesicht und die Tränen, die er sich bisweilen mit einem seidenen Taschentuch aus den Augen tupfte, machten es uns klar, dass er keine große Mühe gehabt haben mochte, die Amerikaner von seiner grundzivilen Harmlosigkeit zu überzeugen.
Mit einer Handbewegung auf den weinenden Schöpfer des Marsches »Niemals zurück!« sagte der eine Sergeant zum Wirt:
»Dies kein Major. Dies bloß Professor. Wo ist wirklicher Major?«
Panitz bedauerte auf das höflichste, mit einem wirklichen Major nicht dienen zu können. Die aufgefundene Uniform stamme von einem verwundeten Major, der vor einigen Tagen hier verbunden und dann mit dem Krankenwagen weitertransportiert worden sei. In der Hast sei die Uniform dann versehentlich hier zurückgelassen worden, und er habe sie versteckt, um nicht den falschen Verdacht zu erwecken, dass er einen Wehrmachtsangehörigen verberge.
Mit dieser Erklärung wollten sich die Amerikaner durchaus nicht zufriedengeben. Sie schritten vielmehr zu einer abermaligen gründlichen Durchsuchung des Hauses und der Nebengebäude. Sie ließen sich Zeit. Erst nach einer Stunde, die wir bange durchwarteten, kehrten sie zurück. Ihre Gesichter waren bei dieser ergebnislosen Suche nicht heiterer geworden.
Der zweite Sergeant – es war derselbe, der den Major auf Polnisch angesprochen hatte – fragte jetzt wütend nach dem Verbleib des Knechtes. Ein paar Sekunden lang herrschte qualvolles Schweigen. Dann sprang Vera plötzlich auf und überschüttete den Sergeanten mit einer wilden Suada polnischer Worte. Eine große Entrüstung durchbebte diese Worte, die ich nicht verstand, sie ballte die Fäuste und schien hinter einem Entschwundenen her zu drohen. Auch der Sergeant erwiderte zunächst sehr erregt, aber je mehr Vera sich in ihre Wut hineinsteigerte, desto ruhiger kamen die auf Polnisch gegebenen Antworten des Amerikaners heraus. Schließlich kam gar ein verständnisvolles Lächeln in seine Züge, mit einem leichten Achselzucken wandte er sich ab und verließ mit seinem Kameraden den Raum. Wir gingen alle ans Fenster und sahen ihnen nach, wie sie ins Dorf hinunterstiegen.
Auch der Professor sandte den Soldaten, die jetzt hinter dem ersten Haus des Dorfes verschwanden, einen letzten müden Blick nach. Dann entrang sich seiner Brust ein tiefes Aufstöhnen, in dem sowohl die Erinnerung an erlittenes Ungemach wie auch ein erstes Gefühl der Erleichterung mitschwangen.
»Herr Panitz«, wandte er sich an den Wirt, »Sie können sich denken, dass ich nach den grauenvollen Erlebnissen dieses Tages das dringende Bedürfnis spüre, ein wenig zu ruhen. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mich auf mein Zimmer führten.«
Herr Panitz nickte: »Gewiss. Aber erst müssen Sie noch einen Happen in den Kopf stecken. Sie haben doch sicher den ganzen Tag noch nichts gegessen. Ich hole Ihnen schnell noch einen Teller Suppe.«
Der Professor winkte mit düsterer Miene ab:
»Mir ist aller Appetit vergangen …«
Und dann raffte er sich plötzlich auf zu einer schrecklichen Anklage gegen das Schicksal, das ihm so böse mitgespielt hatte:
»Bedenken Sie doch – erst musste ich mich durch die feindliche Panzerarmee schlagen, dann habe ich eine Radfahrt unter ununterbrochenem schwerstem Granatfeuer hierher gemacht, und schließlich werde ich hier verhaftet und wäre ums Haar noch erschossen worden!«
Er schauderte erinnernd noch einmal zusammen:
»Nein, nein … essen kann ich nichts.«
»Dann trinken Sie wenigstens ein Glas Wein«, sagte der Wirt, holte Flasche und Glas aus dem Schränkchen und schenkte dem Professor ein. »Sie haben sich diesen guten Tropfen redlich verdient. Wenn Sie nicht unter das Stroh gekrochen wären, dann wäre sicher ein amerikanischer Sergeant darunter gekrochen und hätte den ganzen Schatz gehoben. Nun probieren Sie schon, und dann zeige ich Ihnen auch Ihr Bett. Den beiden Kaminkehrern sagen wir bei dieser Gelegenheit auch gleich Bescheid, dass die Luft rein ist.«
Der Professor leerte sein Glas und verließ mit Panitz das Zimmer. Mir fiel ein, dass auch Vera gewiss das Verlangen haben würde, ihr neues Heim kennenzulernen. Sie tat mir leid, wie ich sie jetzt so still und verloren neben ihrem Köfferchen und ihrem Rucksack sitzen sah:
»Ich bringe Sie jetzt erst einmal auf Ihr Zimmer. Frau Panitz hat eben doch keine Zeit, aber ich weiß hier ja Hausgelegenheit.«
Vera ergriff ihr Gepäck und ging mit mir ins obere Stockwerk des Hauses hinauf. Wir betraten ein freundliches Mansardenzimmer, aus dessen Fenster wir einen weiten Blick über das Dorf hinweg auf die bewaldeten Bergkuppen hatten. Vera zeigte große Freude über den behaglichen Raum und über die Aussicht, die unser schönes Land im ersten zarten Blühen des Frühlings zeigte.
»Hier muss man sich ja wohl fühlen«, rief sie begeistert aus, »ich habe Ihnen wirklich sehr zu danken, dass Sie mich hierhergeführt haben.«
Vera nahm meine beiden Hände und presste sie. Ein tiefes Gefühl des Mitleids mit diesem verlassenen, tapferen Geschöpf stieg in mir auf, ich zog sie in meine Arme und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn … Mein Blick fiel auf das zweite Bett im Zimmer, und es war wie eine bange Ahnung kommender Dinge, die mich mit einem leisen Seufzer sagen ließ:
»Ja, es ist schön hier. Am liebsten bliebe ich gleich bei Ihnen … Auf alle Fälle werde ich Sie bald einmal besuchen.«
Auf Veras Gesicht zeigte sich die ehrlichste Freude:
»Oh, wenn Sie das wahrmachen … Oder bleiben Sie doch gleich hier, Helferdings helfen sich schon allein, so wie ich sie kenne.«
»Davon bin ich allerdings auch überzeugt. Aber gerade deswegen möchte ich doch in der ersten Zeit nach dem Rechten sehen.«
»Jedenfalls warte ich auf Sie …« Zaghaft fügte sie nach einer Weile hinzu: »Ich habe noch nie eine Freundin gehabt und mich doch immer danach gesehnt …«
Als wir das Gastzimmer wieder betraten, fanden wir dort den Major und den feinen Anton schon vor. Sie hatten sich inzwischen von den Spuren ihrer Kaminbesteigung gesäubert. Der Major steckte immer noch in seiner Polenkluft, aber Anton hatte seine Uniform mit einem Anzug des Herrn Panitz vertauscht. Sie saßen vor einer ungeheuren Schüssel mit Bratkartoffeln, auf denen etliche Spiegeleier glänzten. Der Wirt stand daneben und beobachtete schmunzelnd die eifrigen Esser. Die beiden waren so völlig aufgegangen in den Freuden dieser Mahlzeit, dass sie kaum aufhorchten, als aus dem Tal jetzt das Geräusch rollender Panzer herausdrang.
»Sie kommen doch wohl nicht wieder …?«, fragte Panitz besorgt. Er trat ans Fenster und spähte ins Dorf hinunter. »Nein, sie scheinen tatsächlich wegzufahren. Da bin ich doch neugierig, ob sie nicht noch irgendein Kommando zurückgelassen haben. Entschuldigen Sie mich, ich will doch gleich einmal nachsehen.« Damit eilte er aus dem Zimmer.
Der Major hatte seinen Teller fortgeschoben, aber Anton war immer noch emsig am Werke. Wir sahen ihm bewundernd zu, wie er zierlich mit Messer und Gabel hantierte. Die bräunlich glänzenden Scheiben der Bratkartoffeln behandelte er wie ein köstliches Fleischgericht, indem er sie zierlich mit dem Messer zerlegte. Während er noch aß, begann er munter zu plaudern, wir sollten ihn nun auch als Helden eines galanten Abenteuers bewundern lernen.
Schon einmal war er der Gefangenschaft nur mit knapper Not entgangen. Wie sein Vater vor dreißig Jahren, so hatte auch er in einem französischen Schlosse in Quartier gelegen. Auch er war Bursche gewesen und als solcher hatte er viel in der Küche zu tun gehabt. Es konnte nicht ausbleiben, dass ein Mensch mit seinen Umgangsformen die Herzen des weiblichen Küchenpersonals im Sturm eroberte. Er blieb aber ungerührt von den feurigen Blicken, die ihm die schönen Französinnen über den Küchenherd zuwarfen, es gab im Schloss ein edleres und seiner Persönlichkeit würdigeres Wild, auf das seine geübten Jägerblicke sich richteten. Es war keine geringere als die Schwester des gräflichen Schlossbesitzers, die Komtess Madeleine. Dieses Edelfräulein mochte die dunkle Schönheit seiner vierzig Lenze für einen aus fernem Land kommenden Eroberer aufgespart haben. Anton war ehrlich genug, um einzugestehen, dass er anfänglich seinen Blick nicht zu solcher Höhe zu erheben gewagt habe. Aber musste es ihm nicht schließlich zu einer berauschenden Gewissheit werden, dass sie seinen Weg kreuzte, wo immer es möglich war. Auf den langen Gängen des weiträumigen Schlosses kam sie ihm immer wieder entgegen, um das betörende Rauschen ihres seidenen Gewandes in unheimlicher Nähe an ihm vorbeizutragen. Immer häufiger machte sie sich in der Küche zu schaffen, die sie nach den Beteuerungen der Köchin sonst kaum jemals betreten hatte. Aber das alles hätte noch nicht ausgereicht, ihn vollends davon zu überzeugen, dass sich ihm hier ein edles, reifes Frauenherz anbot, es musste erst dazu kommen, dass Komtess Madeleine eines Abends auf der dämmerigen Treppe einen Fehltritt tat und mit einem kleinen Aufschrei seligen Schreckens in die Arme sank, die Anton hilfsbereit ausgebreitet hatte. Über das viele Schöne, das nun wahrscheinlich gefolgt war, ging Anton mit einem vornehmen Schweigen hinweg, er überließ es einem still nachsinnenden Lächeln, uns den süßen Inbegriff seines Erlebnisses anzudeuten. Da aber immer noch Krieg war und der böse Feind ganz in der Nähe stand, kam es bald zu einer abschließenden Krönung dieses großen Erlebnisses. Außer dem feinen Anton lagen begreiflicherweise auch noch andere Soldaten im Schloss, und zwar ein ganzer Divisionsstab. Gegen diesen Stab richtete sich der geplante Handstreich eines französischen Stoßtrupps, und zweifellos wäre dieser Vorstoß auch gelungen und der ganze Stab gefangengenommen worden, hätte nicht der feine Anton im Herzen der Komtess eine Liebesflamme entfacht, so heiß, dass in ihr selbst das starre französische Vaterlandsgefühl machtlos dahinschmolz. Die Komtess Madeleine kam eines Nachts in Antons Kammer gehuscht und weckte ihn mit allen Anzeichen höchster Erregung: Das Schloss war von den Franzosen umzingelt, sie waren in solcher Übermacht erschienen, dass jeder Widerstand des Stabes sinnlos gewesen wäre. Nur eine schleunige Flucht konnte noch Rettung bringen. Ein geheimer Ausgang des Schlosses eröffnete den Weg in die Freiheit, und die Komtesse wies Anton diesen Weg. Anton wollte ihn nicht allein gehen, er weckte seine Kameraden, und so wurde mit ihm der ganze Divisionsstab gerettet …
»Was die Komtess betrifft …«, schloss Anton, »so ging das noch weiter.«
Er machte eine kleine Kunstpause, vielleicht, um unsere Neugierde etwas zu reizen, aber ich tat ihm leider den Schmerz an, mich an Vera zu wenden:
»Fräulein Vera. Sie sind uns immer noch eine Erklärung schuldig. Wie haben Sie es überhaupt fertiggebracht, den amerikanischen Sergeanten von der Spur des Majors abzulenken? Von Ihrer langen polnischen Rede haben wir natürlich kein Wort verstanden.«
Vera wurde rot, dann sagte sie lächelnd:
»In diesem Falle musste ich zu einer faustdicken Lüge meine Zuflucht nehmen. Ich musste mich sogar schwer entrüsten über den treulosen polnischen Knecht: Als er in seiner Schwerhörigkeit endlich begriffen, dass die Amerikaner als Befreier sämtlicher Kriegsgefangenen gekommen wären, hätte er schleunigst seine Arbeitskluft abgelegt, sich den besten Anzug des Herrn Panitz aus dem Schrank geholt und das Weite gesucht. Und zum Schluss habe ich den Sergeanten noch gebeten, uns zu helfen, den Mann und damit den Anzug wieder zur Stelle zu schaffen. Über eine solche Zumutung konnte der Amerikaner freilich nur lächeln, und damit hatte ich gewonnenes Spiel.«
Der Major stand auf und verneigte sich gegen Vera:
»Dann haben Sie mich also heute zum zweiten Mal vor der Gefangenschaft gerettet, gnädiges Fräulein. Und dabei habe ich Ihnen noch gar nicht für das erste Mal gedankt. Ich bitte, das nachholen zu dürfen, aber ich bin mir bewusst, dass ich mit armseligen Worten allein diesen Dank keineswegs abstatten kann. Ich fühle mich tief in Ihrer Schuld.«
Er ergriff ihre Hand und zog sie an seine Lippen:
»Sie haben wirklich eine erstaunliche Geistesgegenwart bewiesen. Wenn ich bedenke, was Sie alles gewagt haben bei dieser Komödie …«
»Sie messen der Sache viel zu viel Bedeutung bei«, sagte Vera und überwand ihre Verlegenheit durch ein leichtes Lächeln, »dies bisschen Theater hat mir ja schließlich auch Spaß gemacht. Hoffentlich ist es das letzte Mal gewesen, dass Ihnen eine Gefangenschaft droht. Sie sind ja noch keineswegs sicher, die amerikanischen Truppen rücken doch jetzt erst richtig vor. Ist es nicht das Beste, dass Sie hierin der ›Schwinge‹ bleiben?«
»Nein, hierbleiben kann ich auf keinen Fall. Wenn ich diese Kluft auf dem Leibe trage, werde ich mich schon durchschlagen. Ich muss unbedingt zu meiner Truppe zurück. Ich hoffe, dass mir das Schicksal weiter gewogen ist und mich vor der Gefangenschaft bewahrt. Es hat mich schon einmal davor bewahrt, das war in Russland …«
Er schwieg eine Weile, als ob er einer bedeutungsvollen Erinnerung nachginge. Diese gute Gelegenheit, abermals zu Worte zu kommen, konnte Anton unmöglich verstreichen lassen:
»Die Sache mit der Komtess hatte nämlich noch ein Nachspiel. Ich nehme an, dass die Herrschaften das gern noch hören möchten …«
Dieses Mal tat ihm Vera den Schmerz an, seinen so lange gestauten Redestrom wiederum zu stoppen:
»Gewiss, Herr Ahlswede, Ihre Komtess interessiert uns außerordentlich, wir haben uns alle schon Gedanken gemacht über ihr Schicksal. Aber ich schlage vor, wir bitten nun erst einmal den Herrn Major, uns zu erzählen, was er in Russland erlebt hat.«
Sie sah den Major erwartungsvoll an. Der zündete sich in aller Ruhe eine Zigarette an, tat ein paar tiefe Züge und dann begann er gelassen und ernst:
»Das ist eigentlich gar nicht viel zu erzählen, und ich selbst spiele eine sehr passive Rolle bei dem Ganzen. Ich war damals auch bei einem Divisionsstab, und wir waren auch eingeschlossen, allerdings nicht in einem Schloss, sondern in einer sehr hässlichen Fabrik. Es war auch keine Komtesse da, die uns einen geheimen Ausgang hätte weisen können. Dafür wurde aber eine ganze Kompanie eingesetzt, um uns herauszuhauen. Es war die einzige zur Verfügung stehende Truppe, sie gehörte zu einer in der Nähe liegenden niederösterreichischen Division. Das Unternehmen glückte vollkommen, und das war wohl in erster Linie dem Kompanieführer zu verdanken, einem jungen Hauptmann, der mit besonderem Schneid und mit großer Umsicht an die Sache heranging. Erfreulicherweise waren auch die Verluste sehr gering, aber leider wurde der Führer des Unternehmens schwer verwundet. Ich habe ihn im Lazarett besucht, und ich habe ihn auch sterben sehen. Ich habe schon viele Menschen sterben sehen, aber noch niemals habe ich so den Tod als die Krönung eines erfüllten Lebens empfunden wie bei diesem Knaben. Ja, wie ein schöner Knabe lag er auf seinem letzten Lager. All die Qualen, die er sicherlich ausstehen musste, schienen nicht durchzudringen bis zum Kern seines Wesens, sie fanden keinen Ausdruck auf seinem Gesicht, das von einem seltsamen Glanz erhellt wurde. Ja, dieser junge Mensch war völlig durchstrahlt von irgendeiner großen Freude, die ihm das Leben noch unlängst geschenkt haben mochte, und die er nun unverblasst mit hinübernehmen wollte in ein anderes Dasein.«
Der Major erhob sich unvermittelt nach seinen letzten Worten:
»Ich muss nun sehen, dass ich weiterkomme, ich habe keine Ruhe mehr. Aber ich darf wohl noch einmal von mir hören lassen. Übrigens – Logau ist mein Name, ich habe es im Drang der Ereignisse versäumt, mich vorzustellen. Auf alle Fälle danke ich Ihnen noch einmal herzlich.«
Auch wir standen nun auf und gaben ihm die Hand. Anton, obwohl in Zivil, machte eine zackige Ehrenbezeugung.
Vera und ich begleiteten den Major vor die Tür. Ich machte mir einige Sorge um ihn und wollte ihm doch wenigstens noch die Wege beschreiben, auf denen er am sichersten weiterkommen konnte. Als ich meine Weisungen beendet und der Major sich nach dem letzten Lebewohl schon abgewandt hatte, rief ihn Vera zu meiner Überraschung noch einmal zurück.
»Herr Major …«, rief sie, und eine große Erregung bebte in ihrer Stimme.
Der Major wandte sich um, kam aber nicht zu uns heran.
»Sie haben eben von einem Hauptmann erzählt«, sagte Vera, »nennen Sie mir doch bitte seinen Namen.«
»Er hieß Rankl«, antwortete der Major und blieb noch einen Augenblick abwartend stehen. Da sich Vera gleich darauf zur Tür wandte und ins Haus zurücktrat, ging er kopfschüttelnd weiter. Ich folgte dem Mädchen ins Haus. –
6. Kapitel
Gegen Abend ging ich mit dem feinen Anton nach Wenzen zurück. Wir gingen auf Nebenwegen, um eine Begegnung mit etwa nachrückenden amerikanischen Truppen zu vermeiden.
Vera war durch den Bericht des Majors tief erschüttert, sie hatte viel geweint, und ich hatte ihr versprechen müssen, recht bald wiederzukommen. Kurz vor unserem Aufbruch war noch Herr Hartmann erschienen, er schleppte einen großen Deckelkorb, aus dem ein monotones, zartes Gepiepe drang. Er beteuerte eifrig, dass ihm die Erfüllung seines Versprechens keine Ruhe gelassen habe, Frau Panitz werde gewiss schon ungeduldig auf ihre Gössel warten. Er habe auch die kräftigsten Tierchen ausgewählt … Und dann lud er uns alle ein, sie zu bewundern. Er hob die gelbflauschigen Federbällchen vorsichtig einzeln aus dem Korb und setzte sie auf die Tischplatte, die sie alsbald mit ihren niedlichen Kringelchen verzierten. Besonders Vera zeigte ein helles Entzücken an diesen drolligen kleinen Vögeln, denen man ihren Lebenszweck als Weihnachtsbraten noch so wenig anzusehen vermochte. Sie streichelte sie immer wieder und gab ihnen Kosenamen voll jenen Unsinns, den junge Mütter bisweilen ihren Säuglingen gegenüber improvisieren. Herr Hartmann beobachtete voller Genugtuung diesen Freudenausbruch, er mochte ihm wohl den Mut geben, noch einmal in den Korb zu greifen und Vera ein kleines Mitbringsel zu überreichen. Seine Gabe war sorglich in ein Leinentuch gehüllt, und als Vera dieses behutsam entfaltete, kam eine lebende weiße Taube zum Vorschein, die sich zutraulich in ihre Hände schmiegte. Verdutzt und ein wenig hilflos sprach Vera ihren Dank aus, aber Herr Panitz schien keinen rechten Sinn für die zarte Symbolik dieses Angebindes zu haben:
»Die wird Ihnen meine Frau heute Abend gleich braten. Es müsste ja eigentlich noch allerlei drangefüttert werden, aber mein Taubenschlag ist leer, und eine einzelne Taube wird sich nicht darin halten. Von einem fetten Suppenhuhn hätten Sie mehr gehabt.«
Er sah lächelnd auf Herrn Hartmann, der sich voller Verlegenheit noch einmal über seinen Korb hermachte, um nach umständlichem Kramen noch mit einer anderen Gabe herauszukommen.
»Das ist etwas anderes …«, rief der Wirt und wies lachend auf die in eine Fetthaut eingenähte dicke Mettwurst.
Der große Mann war noch verlegener geworden, als er nun stammelnd eine Erklärung seines überraschenden Geschenkes hervorbrachte:
»Ich habe Sie heute Morgen wohl in etwas grober Weise angefahren, Fräulein von der Eck …, Aber ich war wirklich erschrocken, als ich Sie so mit den schweren, schmutzigen Kisten hantieren sah. So etwas würde ich zu Hause nicht einmal meine Magd machen lassen, und nun musste ich eine junge Dame wie Sie bei solcher Arbeit sehen. Mein dummes Benehmen tut mir sehr leid und ich bitte Sie, mir nicht länger böse zu sein …«
Vera schien gerührt durch diese Zerknirschtheit des treuherzigen Riesen; der Ernst, der während der letzten Stunden auf ihrem Gesicht gelegen hatte, hellte sich ein wenig auf:
»Ach, und zum Zeichen, dass ich Ihnen verziehen habe, soll ich nun diese Kostbarkeiten annehmen? Nun, das Täubchen lasse ich mir noch gefallen, aber diese gewaltige Wurst kann ich doch unmöglich behalten. Was würde wohl Ihre Frau zu einem so empfindlichen Eingriff in die Wurstkammer sagen?«
Da ich vermutete, dass Veras letzte Worte Herrn Hartmann endgültig aus dem Konzept bringen würden, hielt ich es für angebracht, ihm zu Hilfe zu kommen:
»Herr Hartmann ist nicht verheiratet, Fräulein Vera. Und was diese Wurst betrifft, so nehmen Sie sie um Gottes willen an. Wenn Sie in Ihrer Jugend einmal Karl May gelesen haben, so werden Sie vielleicht wissen, dass es in den Kneipen des Wilden Westens für eine tödliche Beleidigung gilt, einen angebotenen Drink auszuschlagen. Da werden gleich die Bowiemesser gezückt und die schweren Coltrevolver knallen los. Sie sind hier auch in eine Art Wilden Westen geraten, und was drüben ein Drink ist, dass ist hier eine harte Mettwurst. Ich rate zur allergrößten Vorsicht – Sie wissen noch gar nicht, welche Saiten Herr Hartmann aufziehen könnte, wenn Sie diese Wurst verschmähen. Und außerdem kann ich Sie Ihnen wirklich nur aufs wärmste empfehlen, denn die hartmannschen Würste sind berühmt.«
Vera lachte hellauf:
»Das scheint mir doch eine gefährliche Sache zu sein, Sie zu beleidigen, Herr Hartmann. Dann will ich diese bedeutsame Wurst lieber mit Dank annehmen.«
Nach diesem heiteren Zwischenspiel war ich bald mit dem feinen Anton aufgebrochen. Ich nahm die beruhigende Gewissheit mit, dass Vera in einer freundlicheren Stimmung zurückblieb. –
Während wir durch die dämmerigen Felder gingen, von denen die Lerchen zu ihrem letzten Jubelgesang aufstiegen, wurde Anton schnell wieder zu dem naiven Nachbarsjungen, den ich hatte aufwachsen sehen. Ungeduldig überfiel er mich mit einer Frage, die ihn die ganzen letzten Stunden schon gequält haben mochte, als er, immer stiller werdend, in unserem Kreis saß:
»Tante Doktor – habe ich mich denn nun auch richtig benommen?«
Wie oft hatte er seit seinen ersten Jünglingsjahren diese Frage an mich gerichtet … Früh schon war in ihm der Drang erwacht, sich über seine dörfliche Umgebung zu erheben. Er war als einziges und zudem kränkliches Kind von seinen Eltern sehr umhegt und verwöhnt worden, das schon mochte in ihm das Gefühl geweckt haben, etwas Besonderes zu sein. Dann hatte mein Mann sich als Arzt viel um ihn bemühen müssen, und auch ich hatte ihn, als älteren Spielgefährten meines Jungen, manche Stunde um mich gehabt. Das alles hätte wohl schon ausgereicht, sein Ringen um gute Lebensart zu erklären, aber für die Psychologie des Dorfes bedurfte es eines handgreiflichen Eingriffs in sein Schicksal, ein so absonderliches Streben zu deuten. Es musste sich erst ein Schuss aus einer von vorwitziger Knabenhand angelegten Vogelflinte lösen und ihm die Kopfhaut aufreißen … Nun wusste man, wie Anton zu seinem »Vogel« gekommen war. Die stark blutende, wenn auch ungefährliche Wunde war für das ganze Dorf ein Erlebnis gewesen. Den Knaben, die in späteren Jahren etwa leichtsinnig mit einer Flinte hantierten, wurde immer wieder als schreckliche Folge solcher Spielerei Antons »Vogel« warnend vorgehalten. Anton machte es freilich dem Dorf immer leichter, über ihn zu spotten. So hatte er sich schon als Dachdeckerlehrling jenes Büchlein angeschafft, das in seinem Vorwort verheißungsvoll beteuerte, dem aufmerksamen und fleißigen Leser die Wege in die höchsten Gesellschaftskreise zu ebnen: »Der gute Ton in allen Lebenslagen.« Anfangs hatte er sein Studium arglos im abendlichen Familienkreis betrieben, aber das Schimpfen seines Vaters und die Tränen seiner Mutter hatten ihn mit seinem Büchlein bald in die äußerste, verschwiegene Einsamkeit getrieben.
An einem lauen Sommerabend saß ich erbsenkrüllend in unserer Gartenlaube. Im Wipfel der nahen Blautanne schluchzte eine letzte Drossel, und der lautlos taumelnde Flug der Fledermäuse strich um die blühende Akazie. Plötzlich drang durch das Gebüsch hinter meiner Bank ein halblautes Gemurmel, das sich allmählich verstärkte. Bald konnte ich einzelne Worte unterscheiden: Es schien jemand eindringlich auf einen anderen einzusprechen, der seinerseits in einem absoluten Schweigen verharrte. Es war ein gnädiges Fräulein, das immer aufs Neue umkreist wurde vom sanften Fluss betörender Höflichkeitsfloskeln: »Darf ich mir die Frage erlauben, gnädiges Fräulein, wie Ihnen die Reunion des gestrigen Abends bekommen ist?« »Ich schmeichle mir mit der Hoffnung, dass Gnädigste meine Verspätung gütigst verziehen haben. Mein Dienst beim Amtsgericht hat mich etwas länger in Anspruch genommen.« »Ich bitte gnädiges Fräulein, diese Erkältung nicht zu leicht zu nehmen. Als angehender Arzt fühle ich die Verpflichtung, um Ihr verehrliches Wohl ganz besonders besorgt zu sein.« »Nach Ihnen, gnädiges Fräulein, nach Ihnen …« »Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung, gnädiges Fräulein, Ihr gehorsamster Diener …«
Dieser Monolog wurde jäh unterbrochen durch ein lautes Krachen, ich hörte noch ein Rascheln.in den Büschen und dann war Stille. Auch die Drossel hatte erschrocken ihr Schluchzen eingestellt.
Eine Erklärung dieses seltsamen Vorgangs fiel mir nicht schwer. Anton hatte sich zum Studierzimmer jene Stätte der Erleichterung gewählt, die in kultivierten dörflichen Anwesen als ein abseits gelegenes und möglichst dezent in ein Gebüsch geschmiegtes Häuschen errichtet ist. Immer stärker berauscht von der Schönheit der auswendig zu lernenden Formeln, hatte er die Worte mit den dazu gehörigen Gesten begleitet. Zum Schluss war er in solche Ekstase geraten, dass er von seinem harten Holzbrett aufgesprungen war, um einen schwungvollen Diener einzuüben. Dabei hatte er das Gleichgewicht verloren und war durch die angelehnte Tür in die Büsche hinausgeflogen. Aber dieses Missgeschick hatte seinen Eifer nur wenig dämpfen können, und so hatte ich noch an manchem Sommerabend die Freude, seinen heimlichen Exerzitien als lauschender Zaungast beiwohnen zu können. Später mochte ihm dann der tote Buchstabe nicht mehr genügen, denn er kam häufig zu mir und fragte mich, ob er sich in dieser und jener Situation richtig benommen habe, oder er fragte mich um Rat, wie er sich bei bevorstehenden Ereignissen schicklich zu benehmen habe. So nahm ich helfend an der Entwicklung seiner ersten Liebe teil, mein Rat begleitete ihn durch die Zeit, da er die Handwerkerschule besuchte, und selbst als Soldat verschmähte er es nicht, seinen immer feiner gewordenen Formen durch mich den letzten Schliff geben zu lassen. Der gute Junge hatte kein Geheimnis vor mir, und so wunderte es mich nicht, dass er am Ende unserer Wanderung mit einem Geständnis herauskam: Vera von der Eck hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht, den tiefsten, den er jemals von einem weiblichen Wesen empfangen hatte. Ich war nicht boshaft genug, ihn in diesem Augenblick an die Komtesse Madeleine zu erinnern, er tat mir nur leid, nichts als leid …
Als ich unser Haus erreichte, kam ich gerade noch recht, um Herrn Helferding in einer sehr schädlichen Tätigkeit zu unterbrechen. Ein neuer Schub Amerikaner war gekommen und hatte unser Haus sowie einige benachbarte Anwesen beschlagnahmt. Eine sofortige Räumung war befohlen. Der weltkundige Vertreter meines Mannes hatte das Wort »Räumung« .so gedeutet, dass das Haus von der gesamten Einrichtung befreit werden müsste. Herr Doktor Helferding stand im weißen Mantel auf der Straße und konnte mich bei meiner Ankunft voller Stolz auf das bereits von ihm Geleistete aufmerksam machen: Da er systematische Arbeit liebte, hatte er mit der Räumung beim Boden angefangen und das dort lagernde Gerümpel durch die Hausinsassen auf die Straße schaffen lassen. So konnte ich ein wehmütiges Wiedersehen mit längst vergessenen Dingen feiern. Da stand ein altes haarloses Schaukelpferd meines Jungen, eine Ritterburg und eine Dampfmaschine, ein verrostetes Bauer unserer Lore, die schon vor zehn Jahren ihr Papageienleben unter den Fängen unserer Katze ausgehaucht hatte. Die Koffer standen da, die Begleiter unserer seligen Ferienfahrten, Stöße alter Zeitschriften und Bücherkisten – dies alles war mit einem tiefen Sinn für Ordnung der Reihe nach aufgestellt. Zwischen zwei Kisten eingeklemmt stand eine alte Fahne aus der Zeit des Kaiserreiches, deren schwarz-weiß-rote Bahnen traurig wallend über den ganzen Plunder hinwegstrichen.
Auf meine entsetzte Frage, ob es denn unbedingt nötig gewesen wäre, dies alles herauszuschaffen, antwortete er nur mit dem einen Wort: »Unbedingt!«
Der amerikanische Ordonnanzoffizier, der in der Nähe stand und an den ich mich hilfesuchend wandte, hielt diese Art von Räumung nicht für unbedingt nötig. Er erklärte mir höflich, dass wir alles im Hause lassen könnten, es sei mir aber freigestellt, das für meine Umquartierung erforderliche Bettzeug und meine Kleidungsstücke herauszuholen. Er persönlich habe sich schon gewundert über das Schaukelpferd und die Dampfmaschine – was um alles in der Welt wir denn gerade mit dem Spielzeug jetzt anzufangen gedächten …
Es fiel mir schwer, Herrn Helferding von der Nutzlosigkeit seiner Bemühungen zu überzeugen. Als ich ihn endlich so weit hatte, verlor er jegliches Interesse und wandte sich verschnupft ab. Die Praxisräume wären Gott sei Dank von der Räumung ausgeschlossen, »out of limits«, wie er mir nicht ohne Stolz erklärte. Er habe sich, um immer parat zu sein, mit seiner Frau ein Notlager im Sprechzimmer eingerichtet. Ich hatte nun die schöne Aufgabe, das Gerümpel auf den Boden zurückschaffen zu lassen. Das wichtigere Problem meiner Ausquartierung löste sich, während ich beaufsichtigend noch auf der Straße stand, mühelos und ohne mein Zutun. Zunächst war Meister Ahlswede erschienen.
»Betreffs Ihrem Nachtquartier«, hatte er mir gewichtig versichert, »da lassen Sie sich man keine grauen Haare wachsen. Sie kommen natürlicherweise zu uns. Ich habe schon eine Matratze in meiner Mutter ihre Kammer gelegt.«
Gleich darauf kam die Witwe Meyer und bat mich flehentlich, in ihrer Kammer zu nächtigen. Ich wunderte mich über diese Einladung, denn Frau Meyer zählte nicht gerade zu meinen Freundinnen. Sie hatte eine lose Zunge und hatte viel Freude daran, den Dorfklatsch überall herumzutragen und zwischen die ältesten Freundschaften »Hundehaare zu hacken«.
Kaum war diese Einladung ausgesprochen, so kam atemlos Anna, unser früheres Mädchen, angestürzt und beschwor mich im Namen ihrer Eltern, bei keinem anderen Zuflucht zu nehmen als bei ihnen. Das Abendessen sei schon bereit.
Da mir viel daran lag, möglichst nahe bei meinem Hause zu bleiben, fiel mir die Entscheidung nicht schwer. Ich nahm Meister Ahlswedes Einladung an, die anderen vertröstete ich: Ich würde in der nächsten Zeit sicher noch Gelegenheit haben, bei jedem einmal zu nächtigen.
Ich hatte ein wenig Herzklopfen, als ich am Abend die schmale Stiege zur Dachkammer der alten Mutter Ahlswede erklomm. Frau Ahlswede war schon seit Jahren bettlägerig, sie litt an schwerem Gelenkrheumatismus, der ihre Glieder so versteift hatte, dass sie völlig unbeweglich geworden war. Die Beweglichkeit ihres Geistes hatte aber dadurch nicht gelitten, ich sollte bald einen überzeugenden Beweis davon bekommen. Sie drückte mir sogleich ihre Freude darüber aus, dass sie nach so langer Einsamkeit Gesellschaft bekomme, sie liege die Nächte über schlaflos und habe nun doch endlich einmal Gelegenheit, sich gründlich auszusprechen. So sehr ich der alten Seele ihre Aussprache gönnte, sah ich ihr doch mit Sorge entgegen, denn ich war nach dem langen, anstrengenden Tage rechtschaffen müde geworden. Wenn ich mich zunächst der Hoffnung hingab, dass diese Aussprache einseitig bleiben und ich als passiver Partner am Ende doch noch in den Schlaf finden würde, so sah ich mich darin bald getäuscht. Das listige Weiblein griff zu allerlei Tricks, um meine Aufmerksamkeit immer aufs Neue zu erregen und irgendwelche Rückäußerungen von meiner Seite zu erzwingen. Wurde ich gar zu schläfrig, fing sie laut an zu stöhnen und bat mich etwa, ihr ein schmerzendes Gelenk mit der guten Salbe zu massieren, die in der Fensterbank stehe. Ich wurde dann jedes Mal wieder hellwach und konnte weiter dem nie versiegenden Strom ihrer Erzählungen folgen. Schließlich versuchte ich gar nicht mehr, die Augen zuzumachen, und dann fand ich auch wirklich manches, das des Aufhorchens wert war.
Die Kunde von dem großen Zusammenbruch, der sich da draußen lärmend vollzog, war, zu einer Sage gedämpft, auch in ihre Kammer gedrungen. Sie hatte sich darüber ihre Gedanken gemacht, die darin gipfelten, dass die wachsende Hartherzigkeit und Habsucht der Menschen an allem Unglück schuld seien. Ihre Philosophie belegte sie mit mancherlei Beispielen, und eines davon war sehr dazu angetan, zu beweisen, welcher Segen auf dem Tun eines Menschen ruhe, der jenen grassierenden Untugenden noch nicht verfallen war.
Da war dieser Gastwirt, der Vorjahren eine verkommene Dorfkneipe übernommen hatte. Er und seine fleißige junge Frau hatten alle ihre Ersparnisse darauf verwandt, das Haus auf das sauberste instand zu setzen und eine anständige, ordentliche Wirtschaft daraus zu machen. Türen und Fenster waren mit fröhlichen Farben bemalt, vor dem Hause war eine einladende Terrasse gebaut und mit zierlichen Blumenkästen geschmückt. Durch Zeitungsanzeigen lud er das Publikum zur feierlichen Eröffnung ein, für die er eine reichhaltige Speisekarte und eine Fülle von gut gepflegten Getränken verhieß. Aber die Wirtsleute warteten den ganzen Tag vergeblich auf die eingeladenen Gäste. Es war ein schöner Sommertag, und viele Menschen gingen vorbei, aber niemand kam herein und kein Auto hielt – der Ruf der Verkommenheit lag immer noch wie ein wehrender Bann über dem Haus. Es wurde Abend und es war immer noch niemand eingekehrt – erst mit der Dunkelheit kam ein Gast. Die Terrasse erstrahlte jetzt im Licht von vielen bunten elektrischen Lämpchen, und so konnte man recht deutlich sehen, wer da gekommen war: Es war ein alter Landstreicher, der seine mit Lumpen umwickelten mageren Beine unter den gastlichen Tisch gestreckt hatte. Wenn der Wirt nach den Enttäuschungen des ganzen Tages über diesen ersten Gast wenig Freude empfand, so ließ er sich das nicht merken. Ein einziger Blick auf die ausgemergelte Gestalt und die hungrigen Augen des Alten genügten, ihn schweigend in die Küche gehen zu lassen, wo er eine reichliche Mahlzeit bestellte. Als der Gast stumm und gierig seine Schüssel geleert hatte, fragte ihn der Wirt, ob er gesättigt sei. Der Alte nickte nur. Der Wirt entfernte sich und kam gleich darauf mit einer Flasche Wein und einer Kiste Zigarren wieder. Er goss zwei Gläser voll, trank dem Alten zu und sagte:
»Sie sind der erste Gast, das wollen wir doch feiern. Dies ist der beste Wein, den ich im Keller habe.«
Der Wirt setzte sich zu dem Gast, und dann sprach er mit ihm, nicht, als ob er einen Landstreicher vor sich habe, er sprach zu ihm wie zu einem alten Freunde, dem er sein Herz ausschütten wollte. Die ganze bittere Enttäuschung dieses Tages entlud sich vor den Ohren des Alten, alle seine fröhlichen Hoffnungen glaubte er zu Grabe tragen zu müssen. Der alte Mann sagte nichts dazu, er mochte wohl auf seinen langen einsamen Fahrten das Sprechen verlernt haben. Endlich erschien die Wirtin und beendete diese seltsame Feier; sie kam, um dem Gast zu sagen, dass ein Nachtlager für ihn bereit sei.
Am nächsten Morgen wurde der Alte auch noch mit einem guten Frühstück und einer gehörigen Wegzehrung versehen. Auf die Frage des Wirtes, wie er geschlafen habe, wurde der Gast gesprächig:
»Ich bin eingeschlafen, aber ich wurde bald wieder aufgeweckt. Es war so ein großer Lärm vor dem Haus. Von allen Seiten kamen schwere Lastwagen angefahren und hielten mit kreischenden Bremsen. Viele Menschen riefen durcheinander und dann kamen sie ins Haus und schlugen die Türen. Ich trat schließlich ans Fenster und sah auf den Platz vor dem Haus hinab, da konnte ich die vielen Wagen auch sehen, die ich vorher nur gehört hatte. Wenn wirklich einmal einer abfuhr, kamen gleich zwei neue wieder vorgefahren, und so ging das die ganze Nacht. Nein, Schlaf habe ich nicht viel bekommen.«
Der Wirt schüttelte mit einem wehmütigen Lächeln den Kopf:
»Ich habe das leider nicht gehört, ich habe die ganze Nacht geschlafen. Vielleicht haben Sie das geträumt.«
Der Landstreicher zuckte die Achseln:
»Dann war es jedenfalls ein sehr lebhafter Traum. Kann sein, dass er noch einmal wahr wird. Ich wünsche es Ihnen.«
Und sein Wunsch wurde wahr, schloss die alte Ahlswede, die Wohltat, die Oskar Panitz seinem ersten Gast erwiesen hatte, war ihm zum Segen geworden.
Aber auch von dem Fluch, den die Hartherzigkeit auf sich lud, wusste die schlafloses Alte zu erzählen.
Da hatte es in ihrem Heimatort eine alte blinde Frau gegeben, die war so arm, dass sie sich bei den Bauern reihum das Essen erbettelte. So kam sie denn auch alle vierzehn Tage zu dem Vollspänner Schlüter, das war der reichste Mann im Dorf. Er hatte vier Jungen, die waren noch klein, aber doch schon so boshaft, dass sie der Alten das Essen missgönnten. Einmal kam sie auch wieder, und da plagte den jüngsten schlüterschen Bengel der Teufel, dass er der Alten in die Suppe spuckte, die er ihr hinbringen musste. Die Brüder lachten laut dazu, aber die Alte hatte nichts gemerkt und wollte schon anfangen, ihre Suppe zu löffeln. Da kam ein Knecht vom Pferdestall, der hatte gesehen, was mit der Suppe geschehen war. »Iss die Suppe nicht!«, rief er der Alten zu, »der Hermann hat reingespuckt.« Die vier Brüder lachten wieder vor lauter Bosheit und Schadenfreude und dann gingen sie weg. Aber die Alte rief noch hinter ihnen her: »Ihr verfluchten Hunde – ihr sollt alle vier blind werden! Und euer Brot sollt ihr euch mal so zusammenbetteln wie ich!«
In demselben Jahr noch explodierte abends beim Füttern im Stall eine Karbidlampe und verbrannte dem Jüngsten die Augen. Es verbrannten aber auch die Ställe und eine große Scheune mit viel Vieh und der Getreideernte. Versichert aber war der alte Schlüter nicht. Im nächsten Jahr wurde die Scheune wieder aufgebaut, wenn auch viel kleiner. Auf dem Bauplatz spielten die Jungen herum und dabei bekam einer von ihnen ungelöschten Kalk in die Augen. Davon wurde er blind. Als die beiden anderen Jungen dann in den ersten Weltkrieg zogen, war der Hof schon so verschuldet, dass dem Vater kaum noch ein Ziegelstein gehörte. Schon in den Kämpfen in Belgien verlor der dritte seine Augen durch einen Schuss, und dem vierten wurden nach seiner Gefangennahme die Augen durch einen Senegalneger mit dem Messer herausgeschnitten. So waren sie alle vier blind geworden. Den Hof hatte der Vater inzwischen verloren, er hatte nach dem Brand der Scheune nichts als Unglück gehabt. Sein Vieh war durch Seuchen umgekommen, und mehrere Missernten hatten den letzten Rest seines Vermögens dahinschmelzen lassen. Sie waren alle bettelarm geworden, der Fluch der alten Frau hatte sich schrecklich erfüllt.
Es war schon heller Tag, als Mütterchen Ahlswede ihre letzte Erzählung beendete. Da ich jede Hoffnung auf Schlaf aufgegeben hatte, erhob ich mich und ging hinunter.
In Ahlswedes Küche fand ich die Familie schon beim Kaffeetisch. Meister Ahlswede gab der Hoffnung Ausdruck, dass ich eine geruhsame Nacht gehabt hätte, er fragte mich auch nach meinen Träumen:
»Betreffs den Träumen, die einer in der ersten Nacht in einem anderen Hause hat, die gehen nämlich in Erfüllung, Frau Doktor.« Er musste sich eine scharfe Zurechtweisung von seiner Frau gefallen lassen:
»Du bildest dir doch wohl nicht ein, Heinrich, dass einer ein Auge zutun kann, wenn er mit deiner Mutter in einer Kammer liegen muss. Ich habe auch nicht eine Minute geschlafen, als ich Mama mal habe musste pflegen. Da weißt du natürlicherweise nichts von.«
Ich bekannte freimütig, dieselben Erfahrungen gemacht zu haben wie Frau Ahlswede. Ich bat auch gleich, es mir nicht übelzunehmen, wenn ich die nächste Nacht bei Frau Meyer verbringen würde. Ich müsste ja nun doch einmal reihum schlafen.
Meister Ahlswede bedauerte es zwar, dass ich nicht noch einen zweiten Versuch machen wollte, bei seiner Mutter zu schlafen, gab mir im Übrigen aber recht – es sei nicht ungefährlich, Frau Meyers Freundlichkeiten zurückzuweisen und dadurch ihren Unwillen zu erregen. Er selber habe das im letzten Herbst wieder zu spüren bekommen, als sie ihm einen Korb voll Birnen von ihrer reichen Ernte als Geschenk angeboten habe. Nun war in jenem Jahr die Birnenernte auch bei Ahlswedes so gut ausgefallen, dass der Meister nicht wusste, wohin mit dem Segen. So hatte er dankend verzichtet auf die Birnen der Frau Meyer. In der folgenden Nacht waren natürlicherweise der Frau Meyer sämtliche Birnen vom Baum heruntergeholt:
»Und mögen Sie es mir nun glauben oder nicht, Frau Doktor, da geht dich doch diese Frau hin und erzählt im ganzen Dorfe, ich hätte ihr die Birnen geklaut.«
Er bemerkte den Schrecken in meinem Gesicht und tröstete mich schnell:
»Na ja, betreffs Birnenklauen, das wird sie ja gerade bei Frau Doktor nicht sagen. Aber immerhin, man kann nicht wissen, was so ’ne Frauensperson einem alles anhängen kann.«
Demnach stand es für mich fest, dass ich die nächste Nacht bei Frau Meyer verbringen würde.
7. Kapitel
Ehe ich das gastliche Haus unseres Nachbarn verließ, nahm mich Frau Ahlswede schnell noch einmal heimlich beiseite. Ich ging jetzt ja wohl zu Helferdings hinüber, sie habe gehört, tuschelte sie, die Frau solle ja so prima die Karten legen. Ich möchte doch Frau Helferding fragen, ob sie nicht auch Frau Ahlswede diesen Dienst erweisen würde, auf eine Büchse Wurst solle es bei ihr dabei nicht ankommen. Sie wüsste doch gar zu gern, ob Anton ihr bald eine ordentliche Schwiegertochter ins Haus bringen würde. Die Frieda beim Bäcker wäre ihr ja gerade recht, sie hätte eine schöne Aussteuer und könnte auch arbeiten. Aber der dumme Bengel hätte ja nun mal seine Graupen im Kopf, und Frieda wäre ihm immer nicht fein genug gewesen.
Als ich bei diesen Worten nur ungläubig den Kopf schüttelte, fuhr sie eifrig fort:
»Ach, das wissen Sie wohl noch gar nicht, dass Frau Helferding Karten legen kann … Gestern hat sie den ganzen Tag im Wartezimmer gesessen und hat gerechnet und Bilder gemalt. Sie hat immer nur dagesessen und nicht aufgeguckt, und als Frau Beulshausen sie schließlich gefragt hat, was sie denn da machte, hat sie gesagt, sie sähe in die Zukunft. Da hat Frau Beulshausen sie natürlicherweise gefragt, ob sie nicht auch mal in ihre Zukunft gucken könnte, und da sind auch die anderen angekommen und wollten was wissen. Da ist sie dann ärgerlich geworden, sie hätte keine Zeit und jedem Beliebigen sagte sie überhaupt nicht die Zukunft. Das kann man sich ja auch denken, die ist natürlicherweise auch was Besseres –, die Frau, und umsonst soll sie es ja auch nicht machen, aber ich meine, so ’ne Büchse Wurst …«
Ich ging also zu Helferdings. Ich ging ins Wartezimmer, denn das war seit gestern der einzige Zugang in unser Haus. Frau Helferding saß richtig wieder am Tisch, sie saß vor ihren aufgeschlagenen Ephemeriden, einer großen Tierkreiszeichnung und einem Kännchen Kaffee. Frau Helferding beachtete mich gar nicht, sie ließ sich in ihrer Arbeit nicht stören, aber die Patienten, die ehrfürchtig schweigend dagesessen hatten, erhoben sich und begrüßten mich freudig. Immer wieder wurde ich nach meinem Mann gefragt, dessen Rückkehr von allen sehnlichst erwartet wurde. Ein Bauer erklärte mir, dass seine Frau schon längst hätte zum Doktor gehen müssen, aber sie hätte nun einmal nur zu meinem Mann Vertrauen und wollte daher lieber warten, bis er zurück wäre. Das könnte ja nun nicht mehr lange dauern.
Frau Helferding hatte nunmehr endlich eine ihrer Berechnungen abgeschlossen, sie schenkte sich eine neue Tasse Kaffee ein, und dabei erst schien sie mich zu bemerken. Nach einem dünnen Gruß machte sie einen wenig überzeugenden Versuch, menschliche Töne anzuschlagen, indem sie mich flüchtig fragte, wie ich die Nacht verbracht hätte. Meine Antwort wartete sie jedoch nicht ab, sie fuhr vielmehr im selben Atemzug fort und berichtete mir von dem Horoskop des Herrn Professor Schmelzkopf. Es wäre eine sehr schwierige Arbeit gewesen, aber sie hätte ihr viel Freude gemacht, denn bedeutsame Dinge hätten sich gezeigt:
»Der Mann schwebt vorerst in unmittelbarer Lebensgefahr, dann folgt ein Versinken in Passivität, aber dann kommt ein phänomenaler Aufstieg, ein Wirken in der Öffentlichkeit, ich sehe Tag und Nacht viele Menschen um ihn, das Geld fließt ihm von allen Seiten zu.«
Ich war so beeindruckt von diesem glänzenden Zukunftsbild, dass ich kaum die Bitte der Frau Ahlswede um die Deutung eines Schicksals vorzutragen wagte, das gewiss sehr bescheidener aussehen würde. Frau Helferding schüttelte hochmütig den Kopf:
»Ich bin doch keine gewerbsmäßige Wahrsagerin. Lassen Sie die Frau doch zur Kartenlegerin gehen!«, sagte sie laut und zornig.
Das war das Stichwort für ein ängstlich aussehendes Bäuerlein, das sich nun mit einem plötzlichen Ruck erhob, eine große Mettwurst hervorzog und sie wortlos vor Frau Helferding hinlegte.
Dieses so überaus gewichtige Argument ließ den stolzen Widerstand der Frau Helferding schnell dahinschmelzen. Sie trommelte nachdenklich mit den Fingern auf dem Tisch, dann murmelte sie:
»Man muss ja schließlich ein Herz für die Menschen haben, sie haben natürlich jetzt ihre besonderen Nöte. Ein richtiges Horoskop kann ich allerdings für jeden nicht ausarbeiten, da müsste ich schon einen astrologischen Schnelldienst einrichten.« Mit einem Blick auf die Wurst fuhr sie fort: »Mein verehrter Meister hat das auch gemacht und viel Segen damit gestiftet.«
Ich griff nunmehr fördernd in ihre Überlegungen ein und sagte leise:
»Frau Ahlswede bringt Ihnen auch eine Kilobüchse Wurst mit. Darf sie nun kommen?«
»Also in Gottes Namen, lassen Sie die Frau kommen. Und Sie …«, wandte sich die Astrologin an den Spender der Wurst, »Sie können nachher gleich hierbleiben, wenn Sie bei meinem Mann fertig sind.«
So verhalf ich mit meinem Auftrag ungewollt dieser Frau zu einer astrologischen Praxis, die bald besser florieren sollte als die ärztliche ihres Mannes. Aber ich erwarb mir dadurch keineswegs ihr Wohlwollen. Als ich mich verabschiedete, begleitete sie mich vor die Tür, nicht etwa, um mir draußen diskret eine Provision von dem durch mich vermittelten Wursthonorar anzubieten, sondern um mir mit nackten Worten zu eröffnen, dass sie eine Wiederholung meiner Besuche im Wartezimmer nicht wünsche. Ihr Mann sei gestern von der amerikanischen Militärbehörde offiziell als Distriktarzt bestätigt worden und habe nun die gesundheitlichen Interessen der Bevölkerung in jeder Beziehung zu wahren. Das könne er aber nicht, wenn durch mein Erscheinen die alberne Sentimentalität der Patienten immer aufs Neue geweckt würde. Diese gefühlsselige Anhänglichkeit an meinen Mann könnte die armen Leute vielleicht verführen, auf seine Rückkehr zu warten und damit manche Krankheit in verhängnisvoller Weise zu verschleppen.
Ich war zwar gerührt durch so viel selbstlose Besorgnis um das wahre Wohl der Bevölkerung, hatte aber doch das traurige Gefühl, nun völlig heimatlos geworden zu sein.
Verzweifelt und todmüde stand ich auf der Straße, ich wusste nicht, wohin ich mich wenden sollte. Ich ging die Gasse hinunter und kam auf die Hauptstraße. Sie bot ein ungewohntes Bild. Statt der Ackerwagen waren Panzer vor den Häusern aufgefahren, amerikanische Ordonnanzen eilten geschäftig hin und her, und die weibliche Dorfjugend hatte sich schon zahlreich eingefunden, um mit dem Unterricht in der englischen Sprache zu beginnen, während sich die Kinder um freigiebig hingeworfene Schokoladetafeln balgten. Vor einer Feldküche drängten sich die Frauen und nahmen in mitgebrachten Schüsseln die dampfende Suppe in Empfang, die bei der Austeilung an die Truppe übriggeblieben sein mochte. Dies alles und noch manches andere sah ich, aber recht zum Bewusstsein kam es mir wohl nicht. Mechanisch ging ich weiter, bis ich vor dem Haus des Bäckermeisters August Probst haltmachte. Unwillkürlich hatte ich meine Schritte hierher gelenkt, zu der guten Frau Probst, die mir in den letzten Jahren zu einer wahren Freundin geworden war.
Frau Probst stand im Laden, als ich eintrat. Sie überließ Frieda die Bedienung der Kunden und führte mich in ihr Wohnzimmer. Mein übernächtigtes Aussehen veranlasste sie dazu, mich ohne viel Worte zunächst einmal auf die Chaise zu packen. Ich wusste wohl, dass Frau Probst mich nicht hatte aufnehmen können, weil sie das Haus von oben bis unten voll hatte, angesichts meines erschöpften und verstörten Zustandes aber glaubte sie sich doch noch entschuldigen zu müssen. Selbst die Chaise, auf der ich läge, wäre des Nachts ein Lager für ihre Nichte aus Hannover, die sich vor den Bomben hierher geflüchtet habe. Fürsorglich deckte sie mich zu und ließ mich erst einmal allein. Es dauerte auch nicht lange, so war ich in tiefen Schlaf versunken.
Es war Mittag, als ich erwachte. Der Tisch war bereits gedeckt, für mich natürlich mit. Beim Essen erzählte mir Frau Probst, dass sie inzwischen in einige Verlegenheit geraten war: Ihre Frieda war weinend zu ihr gekommen und hatte sie um Urlaub gebeten, da ihre Mutter plötzlich schwer erkrankt war und sie zu Hause dringend benötigt wurde.
Ich muss bekennen, dass ich seit jenem Weihnachtsfest, da mir das Christkind einen Kaufmannsladen brachte, den unvergänglichen Wunsch gehabt habe, einmal selbst in einem solchen Laden zu stehen und zu verkaufen. Die hübschen Pyramiden aus Seifenstücken und Margarinewürfeln, die großen Glashafen mit ihrem bunten Inhalt, die Tönnchen mit Gurken und Rollmöpsen, die flachen Käsekisten mit ihren sauber aufgereihten Rollen, die vielen Schubladen, die jede ein anderes Geheimnis bargen, der unbeschreibliche Zusammenklang der verschiedenen Düfte – das alles hatte immer wieder einen unwiderstehlichen Zauber auf mich ausgeübt.
Blitzschnell erspähte ich die Gelegenheit, meinem langgehegten Wunsch ein wenig auch nur flüchtige Erfüllung zu verschaffen. So bot ich denn meine Hilfe an, und Frau Probst erklärte sich nach einem ersten verlegenen Zögern schließlich auch lachend bereit, mich in Dienst zu nehmen. So stand ich denn bald hinter dem Ladentisch und verkaufte die wenigen Dinge, die es in jener Zeit zu kaufen gab. Die Markenwirtschaft machte diesen Verkauf freilich zu einer etwas komplizierten Angelegenheit, als sie mir in meinen Kinderträumen vorgeschwebt hatte. Der eigentliche Handel war schnell abgetan, aber dann kam die Tätigkeit der großen Schere. Es war nicht immer leicht, die richtigen kleinen Abschnitte zu finden und kunstvoll herauszuschnipseln, um sie sogleich in bestimmte Kästen zu sortieren. Doch bald war ich in Übung gekommen, und wie jede Tätigkeit, der man gewachsen ist und die man gern ausübt, eine Quelle der Freude ist, so geriet auch ich bald in eine zufriedene, ja, heitere Stimmung und vergaß alle meine Nöte. Gelassen und zu einem kleinen Scherz bereit, konnte ich auch jenem Kunden entgegentreten, den ich hier wohl am wenigsten erwartet hatte – dem Baron von der Eck, als er blasiert schlendernd und hochmütigen Gesichtes den Laden betrat.
»Womit kann ich dienen, Herr Baron?«, fragte ich ihn, »soll es ein Pfund Butter sein oder ein Kilo Kaffee?«
Der Baron stutzte und sah mich forschend an:
»Ah – ich hatte doch bereits die Ehre … Frau Doktor Löhnefink, nicht wahr? Hier hatte ich Sie allerdings nicht vermutet.«
»Vor einer Stunde hatte ich selbst noch nicht vermutet, dass ich meiner Freundin helfen dürfte. Aber wir leben nun einmal in Tagen, die alle Vermutungen über den Haufen werfen. Heute Morgen bin ich aus meinem eigenen Hause geworfen worden, und heute Mittag bin ich froh, dass ich hier im Laden verkaufen darf … Ich kann Ihnen übrigens mitteilen, dass Fräulein von der Eck und Ihr Herr Schwiegervater glücklich in der Schwinge angekommen sind. Sie sind auch gut untergebracht.«
»Soso …, das freut mich …«, sagte der Baron, ohne ein sonderliches Interesse zu verraten. »Also … weshalb ich hierhergekommen bin – ich wollte nichts kaufen. Ich hätte nur gern Herrn oder Frau Bäckermeister Probst einmal gesprochen.«
Auf mein Rufen erschien Frau Probst und fragte den Baron nach seinem Begehren. Der zeigte eine unerwartete Beflissenheit, er verbeugte sich verhältnismäßig tief:
»Von der Eck … Ich kam vorgestern als Flüchtling hierher und habe im Pfarrhaus Unterkunft gefunden. Ich habe auf meiner Flucht einiges mitgebracht, was Sie vielleicht interessieren dürfte, ich denke, wir können ein Geschäft miteinander machen. Ich habe etwas Kaffee und Tee mitgebracht, auch etwas Rauchwaren.«
»Zunächst muss ich wissen, woher die Waren stammen«, sagte Frau Probst sehr resolut, »es kommen jeden Tag Leute, die mir so etwas anbieten. Wenn ich da beim Ankauf nicht vorsichtig bin, habe ich nur Scherereien, das müssen Sie richtig verstehen, Herr …«
»Von der Eck …«, verbeugte sich der Baron, ich verstehe das vollkommen, Frau Probst. Aber ich kann Ihnen versichern, dass ich die Sachen weder gestohlen noch sonst irgendwie unrechtmäßig erworben habe. Ich hatte ein Gut von über fünftausend Morgen im Warthegau, für die Verpflegung meiner zweihundert Leute betrieb ich eine eigene Kantine, deren Restbestände ich natürlich beim Anrücken der Russen mitgenommen habe. Ich hatte die Sachen ja auch eingekauft und von meinem Geld bezahlt. Trotzdem hätte ich die Bestände noch an meine Leute verteilt – aber meine Leute waren noch vor mir in alle vier Winde zerstoben, es waren nämlich Polen.«
Diese Erklärung beruhigte die Bedenken der Bäckersfrau so weit, dass sie eine Probelieferung der angebotenen Kostbarkeiten bestellte, worauf sich der Baron empfahl.
Im Laufe des Nachmittags erschien noch weitere Kundschaft aus der Pfarre, es waren Frau von der Eck und ihre Mutter, Frau Schmelzkopf. Sie waren freudig überrascht, mich hier anzutreffen, denn sie hatten schon den vergeblichen Versuch gemacht, mich in meinem Haus zu sprechen. Eifrig wandte sich Frau Schmelzkopf an Frau Probst und mich.
»Wir haben nämlich einen Plan, und zu seiner Durchführung brauchen wir den Rat von intelligenten Menschen, die mit den örtlichen Verhältnissen gut vertraut sind. Da hat uns Herr Pastor Fänger in erster Linie an Sie und an Frau Probst verwiesen. Ich möchte gleich vorausschicken, dass meine Tochter und ich uns vor keiner Arbeit scheuen. Wir haben zwar noch einige finanzielle Reserven, aber wir sind beide nicht so geartet, dass wir uns seelenruhig hinsetzen und unser letztes Geld verbrauchen könnten. Der Wert des Geldes wird ja auch von Tag zu Tag fraglicher.«
»Dann wollen Sie wohl gar einen kleinen Handel anfangen?«, lächelte Frau Probst, »aber das besprechen wir besser in der Stube, bitte kommen Sie doch herein.«
Sie führte uns ins Wohnzimmer, wo Frau von der Eck, nicht minder eifrig als ihre Mutter, sogleich mit der Entwicklung des Planes fortfuhr:
»Ja, wir hatten uns wirklich so etwas wie einen Handel gedacht. Aber wir möchten nicht nur handeln, sondern auch produzieren. Kurz herausgesagt, wir möchten hier Gemüse bauen. Ich habe gestern, als ich kochen wollte, festgestellt, dass ein Gemüseladen hier im Dorf überhaupt nicht existiert. Da habe ich mich gefragt, wo die Leute nur ihr Gemüse herkriegen. Von den Einheimischen will ich nicht reden, die mögen sich ja aus ihren Gärten versorgen. Aber die vielen Ausgebombten und Evakuierten und dann die Flüchtlinge, die ja wahrscheinlich noch in Mengen kommen werden, die können doch unmöglich alle ihren eigenen Kohl bauen. Was meinen Sie dazu?«
»Da haben Sie recht«, sagte Frau Probst, »Gemüse ist hier schlecht zu kriegen. Wer sich nicht selbst etwas angebaut hat, muss entweder nach Einbeck oder nach der Domäne Voldagsen, und das sind beides stundenweite Wege. Wenn man dann glücklich hingekommen ist, gibt es meistens nichts.«
Ich musste ihr beipflichten:
»Ja, eine Gemüsegärtnerei habe ich hier in Wenzen schon immer vermisst. Damit wird sich hier sicher eine Existenz gründen lassen.«
Ich sah voller Bewunderung auf die beiden Frauen, die nach dem Verlust ihres Besitzes und nach ihrer langen, zermürbenden Reise sich ungebrochenen Mutes sofort wieder an die Arbeit machen wollten und mit sicherem Instinkt herausgefunden hatten, wo im Wirtschaftsleben ihres neuen Wohnorts wirklich etwas fehlte.
»Das habe ich mir gedacht«, sagte Frau von der Eck und fuhr dann mit einem lächelnden Seitenblick auf ihre Mutter fort, »und Mama weiß auch schon, wo wir mit dem Gemüsebau anfangen werden. Sie hat nämlich heute Morgen Herrn Pastor Fänger beim Tautreten Gesellschaft geleistet, und dabei hat sie festgestellt, dass der riesige Pfarrgarten nahezu ungenützt daliegt. Der Pastor erklärte, dass er auch fernerhin nicht die Absicht habe, den Garten im größeren Umfange zu bestellen. Nach dem Tod seiner Frau habe er die Freude daran verloren. Er ist bereit, uns zwei Morgen Gartenland zu verpachten. Und da Sie uns nun so viel Mut gemacht haben, wollen wir gleich in den nächsten Tagen mit der Bestellung beginnen.«
Die beiden tüchtigen Frauen erkundigten sich nun noch, was für Gemüsearten hier am besten gediehen und was wohl am meisten verlangt würde. Dann verabschiedeten sie sich – wie Menschen, die ihren Weg klar vor sich sehen und ihn nun freudig beschreiten.
Nachdem ich bei Probst noch zu Abend gegessen hatte, verabschiedete auch ich mich. Wohl sah auch ich meinen Weg klar vor mir, aber ich konnte ihn nicht freudig beschreiten, denn er führte mich in die Kammer von Frau Meyer.
Wohl umschmeichelte mich, gleich nachdem ich das Haus betreten hatte, der Duft frisch aufgebrühten Kaffees, wohl grüßten mein Auge, nachdem ich die Stube betreten, vom Tische herüber eine dicke Butterkremtorte und ein Gebirge von langgeschnittenen Streifen des köstlichsten Zuckerkuchens, wohl empfing mich die betuliche Witwe mit einer energischen Umarmung – aber das alles vermochte die Beklommenheit nicht zu lösen, mit der ich diesem Nachtquartier entgegensah. Als nun gar noch eine große Flasche alten Schlehenschnapses auf den Tisch gestellt wurde, fragte ich mich bangen Herzens, womit ich dieses Übermaß von Gastfreundschaft wohl verdient haben mochte. War es die Angelegenheit Ahlswede, bei deren gründlicher Erörterung ich helfen sollte, war es mein abwesender Mann, den es einer ernsten Kritik zu unterziehen galt, war es der allgemeine Dorfklatsch, den sie in seinen reichen Abwandlungen vor mir ausbreiten wollte …? Es war alles zusammen.
Ich saß in der Mitte des Sofas, auf dem Ehrenplatz, Frau Meyer saß mir gegenüber an dem runden Tisch. Was sie mir nun erzählte, war erst nur eine Tändelei, eine Art Vorspiel zu den schweren Schlägen, zu denen sie ausholen wollte:
»Was sagen Sie denn dazu, Frau Doktor, dass Minna Küster gestern Abend schon mit einem Amerikaner in die Kreuzebeeke gegangen ist … Und heute Morgen hat sie natürlicherweise Frau Ahrens gleich eine Tafel Schokolade für 5 Mark verkaufen wollen. Die sollte sich doch wahrhaftig vorsehen, wo man noch nicht mal weiß, von wem sie ihr letztes Kind hat. Grete Beye hat heute Morgen auch zwei Packungen Zigaretten gehabt, kann mir schon denken, wie sie sich die verdient hat. Für achtzig Mark hat sie sie verkauft, so ’n Sündengeld …«
Während dieser Worte hatte sie mir den Teller voll Kuchen gepackt, sich selbst aber keineswegs vergessen. Sie hatte ihren Teller schon geleert, ehe ich beim zweiten Stück angelangt war. Ich bewunderte die Fertigkeit, mit der sie unausgesetzt ihren Mund voll Kuchen schob, ohne auch nur einen Augenblick mit dem Sprechen auszusetzen. Selbst das reichliche Nachspülen mit Kaffee unterbrach ihren Redestrom kaum.
»Haben Sie denn schon gehört, dass Fritze Wielert und Heinrich Deike von den Amerikanern festgenommen sind? Die sind beide gestern Abend aus dem Lazarett in Gandersheim gekommen, und heute Morgen haben die Amerikaner sie schon verhaftet. Da soll sich der feine Anton nur vorsehen, der hat sich doch auch nicht gemeldet. Ich will ja Ahlswedes nichts Schlechtes nachsagen, obwohl ich natürlicherweise nicht gut mit ihnen kann, wo der Alte mir doch die Birnen geklaut hat. Das war doch eine Gemeinheit, Frau Doktor, das müssen Sie doch selbst sagen, nicht wahr … Ich möchte bloß mal wissen, ob das noch was wird mit dem Anton und der Frieda, so ‘n Mädchen verdient der ja gar nicht, Frau Doktor, und Ihr Kaffee wird ja ganz kalt. Nun wollen wir man erst mal den Likör probieren, der stammt noch von meinem seligen Mann, die Schlehen dazu hat er noch selbst vom Dörenberg geholt.«
Da ich nach der reichlichen Abendmahlzeit bei Probsts noch nicht recht zugreifen konnte, griff sie für mich mit zu, und auch ihren Kaffee ließ sie nicht kalt werden. Mit dem »Probieren« des Likörs hörte sie bald überhaupt nicht wieder auf, ihre anfänglich noch hämisch verhaltenen Worte strömten nun immer freier heraus:
»Die Frieda, das wäre doch nun eine Frau für meinen Neffen in Eimen, die ist ja viel zu schade für diese Birnendiebe da drüben. Aber mein Neffe, das wär der rechte Mann für sie, wo der doch nun mit seiner Mutter allein sitzt in seinem großen Geschäft. Vier Gesellen hat er und zwei Lehrlinge. Der Vater ist ja natürlicherweise vor dem Krieg elendiglich zugrunde gegangen, das hat ja leider Ihr Mann nicht richtig erkannt mit dem seinen Krebs, sonst hätte der vielleicht noch gerettet werden können.«
Peinlich berührt von diesem tückisch-jähen Hieb auf Wilhelm zuckte ich zusammen. Frau Meyer füllte fix unser beider Likörgläser und trank mir zu:
»Nun machen Sie man nicht so ‘n Gesicht, Frau Doktor, irren kann sich jeder mal, sogar Herr Doktor Löhnefink. Das sagen Bonhagens auch, die lassen jetzt immer einen Doktor aus Einbeck kommen, wo doch Ihr Mann gesagt hatte, die Erna wäre im fünften Monat und dabei hatte sie man bloß ein Gewächs im Unterleib.«
Diese neue Bosheit ließ mich aufstehen:
»Ich glaube, es ist an der Zeit, zu Bett zu gehen. Übrigens ist mir der Fall Buchhagen sehr genau bekannt. Mein Mann hat sich durchaus nicht geirrt, es lag tatsächlich eine Schwangerschaft vor. Und was das angebliche ›Gewächs‹ betrifft, so hat Herr Schmolarski es entfernt, er hat dafür und für die Entfernung ähnlicher ›Gewächse‹ fünf Jahre Zuchthaus bekommen.«
Auch Frau Meyer war aufgestanden:
»Sie wollen doch wohl noch nicht zu Bett gehen, Frau Doktor? Wo wir hier so gemütlich zusammensitzen. Das habe ich natürlicherweise nie geglaubt, was Bonhagens sagen. Was Herr Doktor Löhnefink ist, der macht nicht so ’ne Fehler …« Damit drückte sie mich mit sanfter Gewalt wieder aufs Sofa zurück, sie unterließ auch nicht, ihr Glas von neuem zu füllen. »Ist denn das wahr, dass bei Pastor Fänger ein richtiger Baron eingezogen ist? Zwanzig Pferde soll er mitgebracht haben. Und zehn Wagen voll Kaffee und Tee. Und seine Schwiegermutter, die ist heute Morgen schon mit nackten Beinen zusammen mit Herrn Pastor im Garten herumgelaufen. Und da mögen Sie meiner bei gedenken, der alte Bengel verheiratet sich auch noch mal.«
So ging es in uferlosen Klatschereien fort, bis die letzte Tasse Kaffee getrunken und der letzte Likör in ihr Glas geflossen war. Zum Schluss war sie immer ausgelassener geworden, ja, endlich gar einer schrecklichen Heiterkeit verfallen, sie lachte laut und genießerisch, wenn sie wieder einmal einem Menschen die Ehre abgeschnitten hatte. Aber diese Heiterkeit vermochte mein beklommenes Herz nicht mitzureißen, ich ahnte schon, was mir bevorstand.
Plötzlich schlug die wilde Ausgelassenheit der Witwe Meyer in das Gegenteil um, sie wurde apathisch und drohte einzuschlafen. Immer wieder senkten sich ihre schweren Lider über die Augen, immer wieder riss sie sie mühsam hoch. Endlich fuhr sie mit einem jähen Ruck auf:
»Ich muss zu Bett …«, murmelte sie, »war ein sehr schöner Abend, hat mich sehr gefreut, dass Sie mich mal besucht haben, nun kommen Sie bald mal wieder …«
Sie reichte mir zum Abschied die Hand, doch mit einmal schien ihr der eigentliche Zweck meines Besuches wieder einzufallen:
»Ach so … Sie wollen ja heute bei mir schlafen. Na, dann will ich Sie man raufführen …«
Was das »Raufführen« betrifft, so musste ich das übernehmen. Während ich die Witwe mit großer Mühe die Treppe hinaufschob, begann sie weinerlich zu jammern:
»Das sollte mein seliger August wissen, was ich mir habe müssen alles gefallen lassen, einer Witwe können die Leute so was natürlich bieten …«
Ich erfuhr nie, was die Leute ihr eigentlich alles geboten hatten, ich vermochte auch nicht weiter darüber nachzudenken, denn als wir jetzt die Kammer betraten, war ich entsetzt genug über das, was Frau Meyer mir für diese Nacht zu bieten hatte: In der Kammer stand nur ein einziges Bett. Frau Meyer deckte es auf und wies einladend hinein:
»Sie sind nun mal mein Gast, und deshalb sollen Sie auch an der Wand schlafen, da ist es sicherer und da ist auch so ’ne schöne Kuhle, die hat mein seliger August da reingelegen. Sonst liege ich da immer, aber heute will ich mich man an die andere Seite legen, da störe ich Sie wenigstens nicht, wenn ich raus muss, ich muss nämlich öfter mal raus.«
Ich wagte noch schüchtern einzuwenden, dass ich die Witwe nicht aus der Kuhle ihres seligen Mannes vertreiben wollte, aber die duldete keinen Widerspruch: Sie wüsste wohl, was man einem Gast schuldig sei. So ergab ich mich denn in mein Schicksal und fand mich bald in Augusts Kuhle wieder.
Viele Menschen haben die Gewohnheit, zu schnarchen, sie schnarchen auf verschiedene Art. Es gibt ein sanftes monotones Murmeln, es hat den ruhigen und beruhigenden Atem eines über Kiesel dahinglucksenden stillen Waldbächleins und kann schier einschläfernd wirken. Es gibt die sogenannten »Säger«, Schnarcher von einer erstaunlichen Tatkraft, die mit gleichmäßigem, starkem Einsatz beginnen, dennoch aber sich unablässig steigern, bis sie an einen harten Ast geraten, der ihnen einen jähen Halt gebietet. Aber sie werden nicht mutlos, unermüdlich fangen sie immer wieder von neuem an, immer wieder kommt ihnen der verhängnisvolle Ast in die Quere, und so geht es die ganze Nacht … Auch an diese kann man sich gewöhnen, wenn man erst einmal hinter die Schliche ihres Rhythmus gekommen ist. Dann gibt es eine dritte, die gefährlichste Art, zu schnarchen. Die Töne, die hier hervorgebracht werden, sind von einer zermürbenden Willkür, sie halten sich an kein Gesetz und an keinen Rhythmus. Sie sägen, sie pfeifen, sie rasseln, sie pusten, sie schnorkeln in einem wilden Durcheinander. In ihrer Gegenwart Schlaf zu finden ist völlig unmöglich. So fand ich auch in dieser Nacht keinen Schlaf, denn Frau Meyer gehörte zu dieser letzten Kategorie der Schnarcher.
Ich dachte in dieser Nacht viel an das Mansardenstübchen in der »Schwinge«, es wurde mir zu einem Sinnbild der Geborgenheit. Und als ich am anderen Morgen wie gerädert aus Augusts Kuhle herauskroch, war ich entschlossen, die »Schwinge« aufzusuchen und Vera um Gastfreundschaft zu bitten.
8. Kapitel
So stand ich denn bald wieder mit meinem Köfferchen auf der Straße. Da ich damit rechnen musste, längere Zeit von Wenzen fernzubleiben, hielt ich einen Abschiedsbesuch im Pfarrhaus für angebracht. Ich wollte mich davon überzeugen, wie der alte Herr sich weiterhin mit seiner neuen Situation abgefunden hatte. Auch Frau Propst wollte ich noch Lebewohl sagen.
Ich wollte mich gerade in Bewegung setzen, als der feine Anton die Straße entlangkam. Er stürzte auf mich zu und riß mir den Koffer aus der Hand:
»Das wäre ja noch schöner, wenn Sie sich hier mit Ihrem Gepäck abschleppen wollten. Wo darf ich Ihnen den Koffer hintragen?«
Ich sagte ihm, dass ich zunächst einmal ins Pfarrhaus gehen wollte, und er beteuerte erfreut, das gleiche Ziel zu haben:
»Der Herr Baron von der Eck war nämlich heute Morgen schon bei uns, er bat mich, mir das schadhafte Stalldach einmal anzusehen. Das ist aber ein vornehmer Herr, ein Kavalier vom Scheitel bis zur Sohle, nicht wahr …?«
»Ja, er hat ein sehr sicheres Auftreten, für meinen Geschmack beinah etwas zu sicher. Und nachher wollte ich dann auch noch zu Frau Propst, ich möchte doch mal sehen, wie sie sich nun behelfen wird. Ich habe ihr gestern schon beim Verkaufen helfen müssen, weil Frieda ja plötzlich zu ihrer kranken Mutter musste.«
»Soso …«, sagte Anton ziemlich uninteressiert, »ja, die Frieda ist ja ein ganz gutes Mädchen, und ich glaube auch, dass sie etwas für mich übrig hat, aber wenn ich sie so mit Fräulein von der Eck vergleiche – das ist doch ein ganz anderes Format.«
»Ich will dir mal was sagen, Anton, du bist doch immer ein vernünftiger Junge gewesen und hast auch immer auf meinen Rat gehört. Was soll denn dabei herauskommen, wenn du dich mit dem Format von Fräulein von der Eck beschäftigst? Ich will mal ganz offen mit dir reden: Glaubst du vielleicht im Ernst, dass sie dich jemals heiraten würde?«
Anton schien daran zu glauben:
»Warum denn nicht…? Wenn sie auch noch so vornehm ist, sie ist doch schließlich jetzt ein armes Mädchen. Und ich bin Dachdeckermeister und habe ein gutes Geschäft, das ich auch noch vergrößern will. Eine neue Stube habe ich mir auch schon bestellt, da gehören Anrichte und Glasschrank und Ausziehtisch mit sechs Stühlen und eine Couch zu. Suchen Sie mal jemand, der heutzutage so etwas beschaffen kann. Wir Handwerker können eben kompensieren. Nein, Fräulein von der Eck könnte sich bei mir schön ins warme Nest setzen.«
»Jawohl, Anton, und deine Mutter würde sich ganz besonders freuen über die feine Schwiegertochter. Nimm wirklich einmal an, Vera von der Eck würde sich damit abfinden, Ziegen zu melken und das Schweinefutter zu kochen und den Stall zu misten – und ich glaube, sie würde das können – dann wäre noch nichts damit gewonnen. Deine Mutter würde sich entweder genieren, sie diese Arbeit machen zu lassen, oder aber die feine Schwiegertochter würde ihr niemals etwas zu Danke tun. Und du ständest immer dazwischen, und schließlich würdest du mit deinen Eltern ganz auseinanderkommen – oder mit deiner Frau. Nein, nein, schlag dir das aus dem Kopf, Anton. Mit Frieda ist das ganz etwas anderes. Erst einmal ist sie mit den ländlichen Verhältnissen von Jugend an vertraut und kann tüchtig arbeiten, das hat deine Mutter gerade noch gesagt. Ich verstehe wohl, dass ein Mann von deinen Umgangsformen keinen gewöhnlichen Dorftolpatsch heiraten kann, dazu hast du schließlich dein Leben lang zu viel an dir gearbeitet. Aber die Frieda hat auch was zugelernt, das weißt du noch gar nicht. Sie ist im Krieg zwei Jahre in Hannover gewesen, als Verkäuferin in einem großen Konfektionsgeschäft, und da kann man schon Manieren lernen. Sieh sie dir wenigstens einmal an, du wirst sie überhaupt nicht wiedererkennen.«
Wenn ich auch später erleben sollte, dass meine Ratschläge nicht in den Wind gesprochen waren, so war ich doch zunächst keineswegs überzeugt, Anton umgestimmt zu haben. Er druckste vor sich hin und antwortete mir nicht. Aber plötzlich wurde er lebendig. Kurz bevor wir den Pfarrhof erreichten, hatten wir dort einen Wagen vorfahren sehen. Eine junge Dame entstieg ihm – es war Vera von der Eck. Gleich darauf schob sich die riesige Gestalt des Herrn Hartmann aus dem Auto.
»Da ist sie ja …«, raunte Anton und stieß mich an. Er enteilte mir und stürzt auf Vera los. Ich hörte nicht, was er zu ihrer Begrüßung vorbrachte, ich sah nur seine tiefe Verbeugung. In dem Bestreben, ihn in einen schicklichen Hintergrund zu drängen, wies ich auf den Baron, der in der Stalltür stand:
»Herr von der Eck scheint schon auf Sie zu warten, Anton! Ich glaube, Sie sehen sich erst einmal Ihr Dach an.«
Ich begrüßte Vera und Herrn Hartmann, der sie hierhergefahren hatte, um den Rest ihrer Habe abzuholen. Herr Hartmann schien seit gestern stark an Selbstbewusstsein gewonnen zu haben, er stand neben dem schönen Mädchen und strahlte sie immer wieder an, während er ihr die Vorzüge seines eleganten kleinen Kabrioletts auseinandersetzte, das er glücklich durch den Krieg gerettet hatte.
»Da habe ich ja Dusel gehabt«, sagte ich lachend, »ich fürchtete schon, dass ich meinen Koffer auf einer Fußwanderung in die ›Schwinge‹ schleppen müsste. Sie wissen noch gar nicht, was für ein Glück Ihnen bevorsteht, Fräulein Vera – ich bin aus meinem Haus herausgeworfen und möchte mich bei Ihnen einquartieren. Herr Hartmann hat vielleicht noch ein Plätzchen in seinem Wagen für mich …«
Da ich sah, wie sich Herrn Hartmanns Züge plötzlich umdüsterten, lenkte ich gleich ein:
»Ich kann natürlich auch ebenso gut zu Fuß gehen. Wenn ich Sie dann nur bitten dürfte, meinen Koffer mitzunehmen …«
»Mein Wagen ist natürlich nur klein«, wand sich Herr Hartmann verlegen, »und ich weiß auch nicht, wieviel Gepäck Fräulein von der Eck hat …«
»Dann machen wir uns alle auch etwas kleiner«, sagte Vera, »oder ich mache Ihnen einen Vorschlag: Frau Löhnefink und ich gehen zu Fuß, und Sie fahren mein Gepäck. Damit ist mir auch schon geholfen.«
»Aber mir nicht«, lachte Herr Hartmann, »die Damen fahren selbstverständlich beide mit. Notfalls fahre ich eben noch ein zweites Mal.«
Während Vera und Herr Hartmann ins Haus gingen, um das Gepäck zu holen, begab ich mich in den Garten, aus dessen Hintergrund ich die weiße Leinenhose des Pfarrers hatte aufleuchten sehen. Näherkommend bemerkte ich, dass er damit beschäftigt war, das Unkraut aus dem Tennisplatz auszuhacken, der vor Jahren zu Maren Ellenkamps Ehren angelegt worden war. Nachdem das gute Mädchen im wiedererrungenen Gleichgewicht ihrer Seele Abschied genommen hatte, war der Platz bald verwahrlost. Nun hatte er es dem ungestüm erwachten Tatendrang des jugendfrohen Siebzigers zu danken, dass er seiner schönen Bestimmung wieder zugeführt werden sollte. Bei allem Verständnis für die schwungvollen Extravaganzen des Herrn Fänger war ich über dieses Maß von Weltentrücktheit denn doch einigermaßen befremdet.
»Aber bester Herr Pastor«, rief ich, »was wollen Sie denn um Himmels willen mit dem Tennisplatz anfangen?«
»Tennis spielen«, sagte der Pastor und blickte mich mit freundlichem Gleichmut an, während er eine vielleicht nicht ganz unwillkommene Unterbrechung seiner Arbeit vornahm. Er war leicht von Atem gekommen und stützte sich auf seine Hacke.
»Aber ich bitte Sie – wer hat denn heute noch Zeit und Lust, Tennis zu spielen, wo alles um uns zusammenbricht. Und dies war doch auch die schönste Weide für die jungen Gänse, mit dem vielen Löwenzahn darauf …«
»Sie sind noch immer die alte Materialistin. Gerade weil heute alles zusammenbricht, ist es von der größten Wichtigkeit, dass noch jemand den Mut aufbringt, zu spielen, wirklich zu spielen. Frau Schmelzkopf und ich, wir haben diesen Mut.«
»Hat Frau Schmelzkopf denn auch die Zeit dazu, wenn sie schon den Mut hat? Gestern erst erzählte sie mir, dass sie sehr viel arbeiten wolle.«
Der Pastor lächelte geheimnisvoll:
»Das törichte Kind … Sie wird schon Zeit finden, wenn sie nicht mehr Frau Schmelzkopf ist.«
Ein schrecklicher Gedanke durchfuhr mich, die unheilvolle Prophezeiung der Witwe Meyer kam mir wieder in den Sinn. Sollte der »alte Bengel« wirklich mit Heiratsabsichten umgehen?
»Ich glaube aber, Herr Pastor, Frau Schmelzkopf nimmt es sehr ernst mit der Arbeit, die sie sich vorgenommen hat.«
Ich wies in eine ferne Gartenecke, wo Frau Schmelzkopf und ihre Tochter schon eifrig am Umgraben waren.
Der Pastor hatte nur ein mildes Lächeln:
»Nun ja, sie haben mir zwei Morgen Grabeland abgeschwatzt, warum soll ich ihnen das Vergnügen nicht lassen. Sie hat so ihre Plänchen, die Frau Irene, aber ich habe auch meinen Plan.«
Er wandte sich wieder seiner Arbeit zu, und ich ging in die Gartenecke zu den beiden Frauen, die ebenfalls froh waren, ihre Arbeit einen Augenblick unterbrechen zu dürfen.
»Was sagen Sie bloß zu diesem unsinnigen Tennisplatz?«, fragte mich Frau Schmelzkopf, nachdem ich sie und ihre Tochter zu ihrem tatkräftigen Beginnen kurz beglückwünscht hatte. »Wir gingen gestern an dem Tennisplatz vorbei, und da erwähnte ich, dass ich früher eine begeisterte Spielerin gewesen wäre. ›Dann hoffe ich, mit Ihnen noch manche Partie spielen zu dürfen‹, antwortete er, und heute steht er nun schon seit dem frühen Morgen da und hackt. Wenn das so weitergeht, macht er mir morgen schon einen Heiratsantrag, der komische alte Jüngling.«
»Da seien Sie nur auf der Hut, liebe Frau Schmelzkopf. Ich kenne ihn schon seit vielen Jahren: Wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, ist er nicht so leicht davon abzubringen. Jetzt hat er nun die fixe Idee, ein Jüngling werden zu wollen, und zu diesem Neubeginn seines Lebens gehört natürlich auch eine neue Frau. Sie werden noch Ihre Last mit ihm haben. Seien Sie nur vorsichtig, schon das gemeinsame Tautreten wird falsche Hoffnungen in ihm erweckt haben.«
»Ja, über dieses unglückselige Taupatschen habe ich mich auch schon geärgert. Aber er hat mich damit einfach überrumpelt. Schon am ersten Abend schilderte er mir die Wunderwirkungen dieses Frühsports in den glühendsten Farben, er schwärmte so rührend von den Segenskräften, die gerade in den ersten Morgenstunden darauf warteten, aus dem Schoß der Erde in den Körper des Menschen überzuströmen, dass ich schon aus Höflichkeit nicht nein sagen konnte, als er mich bestürmte, doch wenigstens einmal mit ihm zu patschen. Und wirklich klopfte er schon am nächsten Morgen um 5 Uhr an meine Tür und erinnerte mich ungeduldig an das, was er ›unsere Verabredung‹ nannte. Was blieb mir also übrig …?«
Sie seufzte leicht und sandte einen sorgenvollen Blick über die ungeheure Fläche, die noch verkrautet vor ihr lag.
»Frau Schmelzkopf«, sagte ich, »wollen Sie das Land denn ganz allein mit Ihrer Tochter umgraben? Daran hätten Sie ja wochenlang zu arbeiten, und das wäre auch ein unwirtschaftlicher Kräfteverschleiß. Für solche Arbeit müssen Sie ein halbes Dutzend Frauen oder Burschen aus dem Dorf anstellen. Dann behalten Sie den Überblick und können Ihre Kräfte da einsetzen, wo sie am nötigsten sind bei der Durchführung Ihres Unternehmens.«
»Das habe ich mir auch schon gesagt, liebe Frau Löhnefink. Aber ich kenne hier niemanden im Dorf, und für Geld arbeitet auch heutzutage kein Mensch.«
»Aber für Kaffee und Zigaretten kriegen Sie so viel Arbeitskräfte, wie Sie wollen. Ich hörte, dass Herr von der Eck einen ganz netten Vorrat an diesen Sachen mitgebracht hat. Ich würde Ihnen gern einige Leute nachweisen, aber ich stehe im Begriff, in die ›Schwinge‹ überzusiedeln, weil mein Haus von den Amerikanern beschlagnahmt ist. Aber ich mache Ihnen einen Vorschlag: Gehen Sie doch einmal zu Frau Probst und fragen, ob Sie dort nicht ein paar Tage im Laden aushelfen können. Dann lernen Sie die Leute hier am besten kennen und kriegen auch gleich etwas Übung im Verkaufen. Denn Sie werden doch sicher die Absicht haben, Ihr Gemüse später in einem eigenen Geschäft gleich an den Verbraucher zu verkaufen.«
»Aber natürlich, das haben wir vor. Wir haben vorhin gerade darüber gesprochen, dass wir uns um die Konzession bemühen wollen. Vielleicht sind Sie so liebenswürdig, mich noch Frau Probst als Verkäuferin zu empfehlen, ehe Sie abfahren. Ich würde dann gleich mit Ihnen gehen.«
Sie steckte ihren Spaten in die Erde und wir gingen auf den Pfarrhof zurück. Als wir uns dem Haus näherten, trat gerade der junge Müller aus der Tür. Die schwere Kofferlast, die er sich aufgebürdet, hatte seiner Miene nichts von dem sorgenvollen und gequälten Ausdruck aufgezwungen, der Lastträgern insgeheim eignet; das Bewusstsein, Vera zu helfen, gab seinem Gesicht eine große Freudigkeit, die schier sieghaft von ihm ausstrahlte.
Frau Schmelzkopf sah ihn – sie hielt ihren Schritt an, fasste mich am Arm und flüsterte mir zu:
»Wer ist denn das … Sagen Sie doch bloß …«
»Der junge Herr Hartmann, der Besitzer der großen Mühle bei Kuventhal. Er hilft Fräulein Vera, ihr Gepäck in die ›Schwinge‹ zu schaffen. Mich nimmt er auch gleich mit.«
Wir kamen an das Auto, in dessen Gepäckraum Hartmann eben einen großen Koffer verstaute. Ein zweiter Koffer stand noch neben dem Wagen. In ihrer schönen impulsiven Hilfsbereitschaft fasste Frau Schmelzkopf nach dem Koffer, um ihn dem Müller, der in den Wagen geklettert war, zuzureichen.
»Alle Wetter …«, stöhnte sie und ließ den knapp angehobenen Koffer wieder sinken, »der hat aber ein Gewicht …«, und dann, gegen den jetzt zum Vorschein kommenden Hartmann gewendet: »Und von dieser Sorte haben Sie zwei Stück geschleppt, Herr … Mit Ihnen möchte ich es nicht im Bösen zu tun haben. Ich bin übrigens Frau Schmelzkopf, ich hoffe sehr, dass ich es mit Ihnen immer im Guten zu tun haben werde.«
Herr Hartmann schien die freimütige und unbefangene Art der Frau Schmelzkopf wohl zu gefallen. Er schmunzelte und mochte erfreut sein, im Gespräch mit dieser neuen Bekannten gleich einen schicklichen Anknüpfungspunkt zu haben:
»Frau Schmelzkopf …? Ich hatte schon die Ehre, Ihren Herrn Gemahl kennen zu lernen. Dann haben wir sicher oft das Vergnügen, Sie in der ›Schwinge‹ zu sehen, gnädige Frau.«
»Ich weiß nicht, ob es eine Ehre ist, meinen geschiedenen Mann kennenzulernen. Ich habe jedenfalls nichts mehr mit Herrn Professor Schmelzkopf zu tun.«
Ihre abweisende Miene ließ Herrn Hartmann mit Schrecken innewerden, dass er ein heißes Eisen angefasst hatte.
»Nichts für ungut …«, sagte er treuherzig, »das habe ich nicht gewusst. Den Fehler mache ich nicht wieder.«
Frau Schmelzkopfs Unmut war schnell verflogen, sie sah ihn an mit einem Lächeln, das aus weiter Feme zu kommen schien, um nun auf ihm auszuruhen. Es war, als ob sie sich geradezu weidete an der entwaffnenden Arglosigkeit dieses Menschen.
»Ich bin Ihnen gar nicht böse«, sagte Frau Schmelzkopf mit einem warmen, schier mütterlichen Lächeln, »ich glaube, Ihnen kann man überhaupt nicht böse sein. Nein, ich bin nur immer etwas ärgerlich, wenn ich mit einem Mann in Zusammenhang gebracht werde, von dem ich mich längst getrennt habe.«
»Das kann ich verstehen«, versicherte Hartmann eifrig, um dann, sichtlich erfreut durch einen jäh in ihm aufschießenden guten Einfall, gewichtigen Tones fortzufahren: »Wissen Sie, was ich an Ihrer Stelle täte … Ich würde meinen Mädchennamen wieder annehmen.«
Hierauf erwiderte Frau Schmelzkopf nichts weiter, sie gab dem freundlichen Ratgeber zum Abschied lächelnd die Hand.
»Ich bin bereit«, sagte sie dann zu mir, »wenn Sie mich jetzt kurz bei Frau Probst einführen wollen, wäre ich Ihnen dankbar. Herr Hartmann holt Sie dann vielleicht dort mit dem Wagen ab.«
Nach einer Viertelstunde zwängte ich mich in das wirklich recht vollgepackte Kabriolett.
»Sie haben tatsächlich Dusel gehabt, Frau Doktor«, sagte Hartmann, als wir schon auf der Landstraße dahinrollten, »wenn Sie zu Fuß gegangen wären, hätte es Ihnen heute leicht passieren können, dass Ihnen Ihr Mantel ausgezogen wäre und vielleicht die Schuhe und Strümpfe auch. Die ganze Gegend wimmelt seit einigen Tagen von dem übelsten Gesindel, das nicht nur den Fußgängern, sondern auch den Radfahrern auflauert. Die Leute werden von den Rädern gerissen und oft bis aufs Hemd ausgezogen.«
Die vielen Raubüberfälle, die er nun im Einzelnen schilderte, jagten mir eine Gänsehaut über den Rücken, und auch Vera schien unruhig zu werden, sie blickte fortwährend um sich. Als wir uns jetzt einem Waldstück näherten, das sich bis an die Straße heranschob, packte sie plötzlich den Arm des Fahrers:
»Halten Sie …«, stieß sie hervor, »da unter den Bäumen bewegt sich etwas!«
»Ich habe es schon gemerkt«, sagte Hartmann, »ich fahre langsam …«
In diesem Augenblick krachte es, die Windschutzscheibe zersplitterte, und ein faustgroßer Stein polterte in den Wagen. Auf der Stelle hielt der Müller das Auto an, blitzschnell holte er unter dem Sitz einen dicken Knüppel hervor, den er für den Fall der Gefahr mitgenommen haben mochte, dann sprang er aus dem Wagen. Er entwickelte eine Behändigkeit, die man seinem wuchtigen Körper nicht zugetraut hätte. Einen Augenblick war der Wagen von wüsten Gestalten umringt, aber der Knüppel des Müllers fuhr mit solchem Ungestüm zwischen die Wegelagerer, dass sie schnell wieder in dem Gebüsch verschwanden, aus dem sie hervorgebrochen waren.
Während dieses kurzen Kampfes hatte sich Vera schnell entschlossen ans Steuer gesetzt und den Motor wieder angelassen. Sie riss die gegenüberliegende Wagentür auf und rief Hartmann zu: »Schnell hier herein! Ich fahre gleich los!«
Hartmann sprang hinein, und der Wagen brauste ab. Wir hörten noch ein wildes Geschrei, und dann wurde uns auch noch ein Schuss nachgesandt, der ein Loch in das Verdeck riss. Aber schon hatten wir eine Biegung des Weges hinter uns und waren in Sicherheit.
»Alle Hochachtung«, sagte Hartmann zu Vera, »wenn Sie nicht so schnell von Entschluss und so fix gewesen wären, hätten wir vielleicht noch mehr Schüsse abgekriegt. Da müssen wir Ihnen ja wirklich dankbar sein.«
»Ich glaube, dass wir es sind, die zu danken haben. Das war ja großartig, wie Sie unter den Strolchen gewütet haben. Die hatten sich das sicher etwas anders vorgestellt, wie eine gemütliche kleine Plünderung. Der eine hatte eine Zigarette im Munde, und der andere hatte noch ein Butterbrot auf der Faust. Ich glaube, wir waren ihnen gerade ins Frühstück geraten.«
Hartmann teilte Veras schon beinahe humorvolle Betrachtung der Dinge nicht ganz; sein Gesicht war ernst, als er sagte:
»Ein zweites Mal fahre ich mit Ihnen nicht wieder in der Gegend herum, ich mache mir schon Vorwürfe, dass ich es überhaupt getan habe. Wenn Ihnen etwas passiert wäre, ich wäre nie wieder froh geworden …«
Mit einem Blick, der sein ganzes Herz enthüllte, sah er zu Vera hinüber. Die wurde rot und trat auf den Gashebel.
Gleich darauf kamen wir vor der »Schwinge« an.
9. Kapitel
Der weite Platz vor dem Wirtshaus, der in den ersten Tagen des amerikanischen Vormarsches so öde dagelegen hatte, war wieder mit Fahrzeugen bedeckt. Aber es waren die Fahrzeuge des Elends – statt der schweren Lastzüge und der schnittigen Limousinen herrschte jetzt ein hoffnungsloses Durcheinander von Karren, Handwagen, Hundegespannen, Kinderwagen und klapprigen Kastenwagen mit halbzerfetzten Planbedeckungen. Die Angst vor den anrückenden Russen hatte sie in Bewegung gesetzt und nach Westen getrieben. Auf ihrer ziellosen Flucht hatten sie zu einer kurzen Rast hier haltgemacht, wo sie eine unverhoffte und ungewohnte Hilfe finden sollten. Denn wenn ihnen die Wirtsleute auch keine neue Heimat bieten konnten – sie fanden, was ihnen im Augenblick vielleicht am meisten nottat, ein tiefes und tätiges Mitgefühl. Ein Teil der Flüchtlinge hatte sich auf der Terrasse niedergelassen. Teller dampfender Suppe und große Schüsseln mit Pellkartoffeln standen vor den erschöpften Menschen. Diese wohltuende Durchwärmung nach langer Wanderung in der Morgenkühle hatte den ersten Schimmer wiederkehrenden Frohsinns auf die grauen, übernächtigten Gesichter gezaubert. Die dünnen Klänge einer Mundharmonika verliehen diesem zaghaften Aufatmen den rührenden Ausdruck; ein junger Bursche hatte beim überhasteten Aufbruch nicht vergessen, dieses wichtige Instrument zu sich zu stecken. Nun spielte er es mit Hingebung und Ausdauer.
Auf einem Tisch im Hintergrund stand ein großer Kessel, vor ihm war ein Mann damit beschäftigt, die Suppe an die Flüchtlinge auszuteilen, die mit ausgestrecktem Teller der Reihe nach herantraten. Er hatte eine blaue Leinenschürze umgebunden, so wie sie Hausdiener zu tragen pflegen, und er stand hemdsärmelig da, aber ich erkannte ihn sofort – es war der Professor Schmelzkopf. Er tat seine Pflicht mit einem mürrischen Ernst, seine Beschäftigung schien ihm zu missfallen und auch die Klänge der Harmonika mochten kein Labsal für sein verwöhntes Ohr sein. Aber plötzlich fuhr er zusammen, die Hand mit dem zum Austeilen bereiten Schöpflöffel blieb erstarrt in der Schwebe stehen, sein Gesicht wurde jäh übergossen von jenem öligen Glanz, den nur die liebe Eitelkeit zu verleihen vermag: Der Harmonikaspieler hatte sich im Rausch seiner Melodien in eine stolzere Zeit zurückverirrt und war in die zackige Weise des Marsches »Niemals zurück!« geraten. Die Klänge weckten keinen Widerhall und keine Sehnsucht in dieser Gemeinschaft der Heimatlosen, es war nur der Schöpfer dieser klingenden Parole, der sich aus tiefstem Herzen zurückzusehnen schien. Das eitle Glänzen auf seinen Zügen zerschmolz zu einer einsamen Zähre, die sich langsam die Wange hinunterstahl … Er ließ den Schöpflöffel sinken und fuhr verloren mit dem Handrücken über sein Antlitz.
»Sie wundern sich wohl über den fleißigen Herrn Professor …«, meinte Vera, während wir das Haus betraten, »aber Herr Panitz hat ihn gestern schon in sein großes Hilfswerk mit eingeschaltet. Er hat ihm sehr freundlich erklärt, wenn er essen wolle, müsse er auch etwas tun. Dieser Unglücksrabe ist als einziger von uns ganz ohne Mittel auf die Flucht gegangen, denn sein Konto in Berlin konnte er ja nicht abheben. Sie werden wahrscheinlich auch noch angestellt werden, Frau Löhnefink, es gibt jetzt hier Tag und Nacht zu tun. Herr und Frau Panitz haben schon an mehrere hundert Flüchtlinge warmes Essen abgegeben, und die meisten konnten nicht bezahlen. Herr Panitz ist bei den Bauern herumgelaufen und hat Korn und Kartoffeln und auch ein bisschen Fett zusammengebettelt, um die Mahlzeiten verteilen zu können. Herr Hartmann hat auch sein Teil dazu beigetragen.«
Der Müller wehrte bescheiden ab, das sei ja nicht der Rede wert, was er geliefert habe … Er brachte nun noch das Gepäck auf unser Zimmer und dann verabschiedete er sich von uns:
»Ich hoffe Sie bald einmal bei mir zu sehen, meine Damen. Fräulein von der Eck wird es vielleicht interessieren, meinen Betrieb kennenzulernen, und auch Frau Löhnefink wird gewiss meinen Eltern gern einmal wieder guten Tag sagen. Am besten machen wir gleich einen Tag aus. Passt es Ihnen am Sonnabendnachmittag? Dann trinken Sie doch bitte eine Tasse Kaffee bei uns.«
Wir nahmen seine Einladung gern an. –
In den nächsten Tagen wurden Vera und ich voll eingespannt in den umfassenden Hilfsdienst, den Oskar Panitz in der »Schwinge« errichtet hatte. Meine Anwesenheit hatte ihn auf den Gedanken gebracht, nun auch noch eine Ambulanz einzurichten. Ein Sanitätssoldat von der kleinen amerikanischen Abteilung, die das Dorf inzwischen besetzt hatte, lieferte ihm bereitwillig Verbandzeug, Salben, Pflaster und einfache Medikamente, und die Erfahrungen, die ich als Krankenschwester im ersten Weltkrieg gesammelt hatte, kamen dem Unternehmen dabei zu Hilfe. Ich hatte bald so viel zu tun, dass ich Vera als Assistentin einstellen musste. Es waren wohl hauptsächlich wunde Füße, Geschwüre und Darmkatarrhe, die ich zu behandeln hatte, aber auch Herz- und Kreislaufmittel musste ich oft an die älteren Flüchtlinge verabreichen.
So mussten wir uns denn die Stunden für unseren Besuch in der Mühle geradezu stehlen, aber wir hatten diese Ausspannung auch redlich verdient, denn selbst nachts waren wir oft kaum zur Ruhe gekommen. Wir freuten uns beide ehrlich auf den Kaffee bei Hartmanns …
Durch den Wiesengrund, in dem schon die Sumpfdotterblumen und das Wiesenschaumkraut blühten, gingen wir im Leuchten der Frühlingssonne der Mühle entgegen. Wir kamen bald an den Bach, dessen Lauf wir folgten, bis er sich zu dem großen gestauten Mühlenteich erweiterte. Vor uns lag, in einen Kranz von Obstbäumen gebettet, das stattliche Anwesen der »Grundmühle«. Durch das Gesumm der Bienen in den Kirschblüten, durch den inbrünstigen Gesang der Vögel, die in den Hecken ihre Nester bauten, schritten wir auf das Wohnhaus zu. Freundlich leuchtete uns der weiße, weinumrankte Fachwerkbau entgegen, der von der Mühle und den Stallgebäuden flankiert wurde. Herr Hartmann hatte uns wohl schon kommen sehen, er trat aus der Haustür und eilte auf uns zu. Er begrüßte uns freudig, um uns dann gleich zu zeigen, was er besaß, mit dem ganzen kindlichen Stolz eines Knaben, der einem Freund sein Briefmarkenalbum erklären will. Er führte uns in den Stall und wir mussten die Sau mit ihren zehn Ferkeln bewundern, die gestern zur Welt gekommen waren. Er zeigte uns die sauber gehaltenen, glänzenden Kühe und die schweren, wohlgenährten Ackerpferde. Der ganze Stall mit seinen neuartigen, praktischen Sparkrippen, seinen betonierten Ständen, seiner Selbsttränkeanlage zeugte von einem gediegenen Wohlstand, der hier mit einem tiefen Gefühl für Verantwortung verwaltet wurde. Hartmann führte uns nun über den Hof, um uns die Mühle zu zeigen, aber noch ehe wir sie betreten konnten, wurde im Wohnhaus ein Fenster aufgerissen und eine weibliche Stimme rief im bestimmtesten Kommandoton, der jeden Widerspruch ausschloss:
»Der Kaffee ist aufgegossen! Jetzt wird erst mal getrunken!«
Der große Mann zuckte zusammen, er machte sofort kehrt und sagte mit einem verlegenen Lächeln: »Ja, dann hilft das nichts … Unpünktlichkeit kann Albertine nun mal nicht vertragen. Sie ist nämlich schon vierzig Jahre auf dem Hof und führt ein strenges Regiment. Heute ist sie sowieso schon schlechter Laune, das ist sie sonnabends nach dem Großreinemachen immer.«
»Und dann müssen Sie sich heute ausgerechnet auch noch Kaffeebesuch einladen …«, sagte Vera.
Herr Hartmann straffte sich plötzlich; er mochte versuchen, mit dieser Geste sein Selbstvertrauen zu stützen:
»Warum denn nicht … Schließlich bin ich doch hier Herr im Hause.«
Wir betraten nun das Haus, in dem er Herr war. Es war ein behäbiges, großes Bauernhaus, dessen Flur noch mit Sandsteinplatten gepflastert war, während man die steile alte Stiege schon durch eine neuartig behagliche, breite Treppe mit geschweift ausladendem Geländer ersetzt hatte. Dass dieses Haus auf das eifrigste gepflegt wurde, dafür gab uns Albertine alsbald einen handgreiflichen Beweis. Wir waren nämlich kaum auf dem Flur erschienen, als das alte Mädchen, im letzten Rausch der Großreinemachefeier, von der offenstehenden Küchentür aus einen Eimer Wasser über die Flurplatten ergoss. Die Ausläufer dieses breit hin flutenden Gusses umspielten freundlich unsere Füße, ein sehr eindrucksvoller Gruß des Hausgeistes, der vier Jahrzehnte hier gewaltet …
Das Walten dieses Hausgeistes und seine schon erwähnte schlechte Laune hatten eine unheilvolle Wirkung auch auf die alten Hartmanns ausgeübt, die wir nun im Wohnzimmer begrüßten. Wie verschüchterte Kinder saßen die beiden Leutchen in ihren Sesseln am Fenster, sie waren weißhaarig und so klein, dass man in ihnen kaum die Eltern dieses jungen Riesen vermutet haben würde.
Sie bewiesen uns anfänglich eine scheue Reserve, aus der auch Veras ehrliche Herzlichkeit sie nicht herauszulocken vermochte. Vergeblich waren die Worte der Bewunderung, die sie für die mustergültigen Stallungen, das treffliche Vieh und die schönen alten Möbel des Wohnzimmers fand – die Alten verblieben im Bann einer seltsamen Ängstlichkeit. Plötzlich und unvermittelt fragte der alte Müller seinen Sohn:
»Hast du denn nun den Weizen für Kuhlmanns schon aufladen lassen? Albertine hat es doch schon zweimal gesagt.«
Auf diese Weise erfuhren wir, was die alten Leute die ganze Zeit über bedrückt hatte: Es war nicht der fremde, vornehme Gast, es war Albertines noch nicht befolgter Befehl und ihr drohender Unwille.
Jetzt machte sich der junge Hartmann ganz stark. Er warf den Kopf zurück und versicherte mit einer vertrauenerweckenden Sorglosigkeit:
»Was Albertine sagt, darauf kommt es ja hier letzten Endes nicht an. Ihr habt überhaupt Albertine viel zu groß werden lassen. Die maßt sich ja plötzlich einen Ton an, als ob sie der Müller wäre …«
Die beiden Alten starrten ihn fassungslos mit offenem Mund an. Als erster fasste sich der Vater so weit wieder, dass er stammelnd seinem Entsetzen Ausdruck geben konnte:
»Karl – was ist denn bloß in dich gefahren …?«
Es dauerte noch eine Weile, ehe auch die Mutter Worte fand:
»Ist dir auch klar, Karl, dass du von Albertine sprichst? Sie hat dich großgewartet …«
Wieder hob sich der junge Müller mit einem forschen Ruck über sich selbst hinweg:
»Dieses Großwarten … Das hat sie mir mein ganzes Leben schon vorgehalten! Sie kann doch nicht anfangen, das ganze Haus zu tyrannisieren, weil sie mich vor fünfunddreißig Jahren mal gewartet hat!«
Die Mutter schüttelte beschwörend den Kopf:
»Aber Junge, was heißt denn ›anfangen‹ …? So ist sie doch immer schon gewesen.«
Karl wurde rot:
»Egal … Auf alle Fälle muss das jetzt anders werden. Ich nehme eine junge Kraft ins Haus. Mit Albertine will ich schon fertig werden!«
Kaum waren diese Worte vermessensten Übermutes laut geworden, so brach das also herausgeforderte Schicksal in Person herein. Die Tür wurde aufgerissen, und Albertine stand auf der Schwelle. Sie war eine rüstige Sechzigerin von untersetzter, rundlicher Leibesgestalt, in ihrem fleischigen und faltenlosen Gesicht standen zwei kleine, kugelrunde Augen, die flink wie Mäuse das Zimmer absuchten. Sie stemmte die Hände in die Hüften und verharrte noch eine Weile in drohend abwartendem Schweigen, wie wenn sie sich weiden wollte an dem lähmenden Entsetzen, das ihr Erscheinen hervorgerufen hatte. Die beiden Alten saßen tiefbekümmert in sich zusammengesunken da, während der Sohn sich vergeblich bemühte, die erst vor kurzem angenommene stolze Haltung zu bewahren. Er raffte sich sogar zu der Kühnheit einer Frage auf:
»Und du wünschst, Albertine …?«
»Was ich wünsche …? Ich wünsche mir, dass du nicht so lodderig wärest, den Schweinestall offenzulassen. Nun ist doch glücklich die Sau in den Garten gelaufen und hat die ganzen Erbsenbeete und die Frühkartoffeln aufgewühlt. Und die Ferkel, die habe ich müssen alle einzeln wieder einfangen, als ob ich am Sonnabendnachmittag nichts Besseres zu tun hätte, wo du dir nun auch noch dazu Kaffeebesuch eingeladen hast … Und der Weizen für Kuhlmanns ist auch immer noch nicht aufgeladen, und dann möchte ich endlich auch gern mal wissen, wo du mit den fünf Gösseln abgeblieben bist, und von den harten Mettwürsten, da fehlt auch eine. Das passt mir alles nicht!«
Die peinvolle Lage, in die Karl Hartmann insbesondere durch die Erwähnung der fehlenden Mettwurst hineinmanövriert worden war, gab ihm die Kraft, aufzuspringen und laut zu schreien:
»Und mir passt das schon lange nicht! Du gehst zu weit, Albertine!« Und dann, nach einem neuen, gewaltsamen Anlauf: »Ich kündige!«
Albertine stieß ein unheimlich klingendes Gelächter aus, dann spreizte sie mit beiden Händen den Rock auseinander, setzte einen höhnischen Knicks hin und sagte mit spitzer Freundlichkeit:
»Und ich nehme die Kündigung an, Herr Hartmann.«
Damit entschwand sie. Sie ließ ein allseitiges, peinliches Verstummen zurück. Vera versuchte die heillose Situation zu retten, lächelnd sagte sie endlich:
»Wo viel Schatten ist, da ist auch viel Licht. Sie muss ja wirklich eine sehr tüchtige Person sein.«
Aus ihrer Gebrochenheit heraus nickten ihr die Alten stumm ihre volle Zustimmung zu.
Karl Hartmann, der mit aufgeregten Schritten das Zimmer durchmessen hatte, wandte sich jetzt mit dem Versuch eines Lächelns an Vera und mich:
»So weit kommt es, wenn man fünfunddreißig Jahre lang großgewartet wird. Ich bitte Sie, diesen lächerlichen Auftritt zu entschuldigen. Sie hat sich viel herausgenommen … aber, Sie haben recht, Fräulein von der Eck, tüchtig ist sie.«
»Ja«, sagte ich, »das ist ja weit und breit bekannt … Aber nun müssen Sie uns einmal Ihre Mühle zeigen und auch den Garten. Ihre Eltern begleiten uns doch sicher …?«
Wir brachen alle auf und gingen hinaus. Im Garten fand Karl Hartmann bald Gelegenheit, mit Vera, die ein besonderes Interesse für seine Imkerei verriet, einen Gang nach den Bienenständen zu machen. Ich besichtigte unterdessen mit den Alten die Gartenanlage. Vor den frisch aufgewühlten Beeten blieben die beiden stehen und seufzten tief …
Als Vera und ich abends das Lager aufgesucht hatten, besprachen wir noch einmal unseren Besuch in der Mühle. Darüber erlosch unsere dürftige Kerze und wir verstummten. Nach langem Schweigen sagte Vera in die Dunkelheit hinein:
»Ich glaube, Karl Hartmann wird bald eine Frage an mich richten …«
»Und was würdest du ihm antworten?«
»Ja …, er ist sicher ein sehr guter Mensch, aber …«
»Aber …? Du hast wohl Angst vor Albertine?«
»Ach nein – Albertine würde ich schon in Kauf nehmen, aber, ich weiß es wirklich nicht …«
Ich konnte nicht einschlafen, und auch Vera lag noch lange wach. Trotzdem sprachen wir kein Wort mehr.
Wieder war eine arbeitsreiche Woche vergangen. Der Strom der Flüchtlinge nahm noch immer zu, und das vermehrte Elend erheischte eine vermehrte Hilfe. Oskar Panitz hatte nun so viele Portionen Essen auszuteilen, dass die Spenden aus dem Dorf Kuventhal nicht mehr ausreichten; er musste auch die Nachbardörfer heranziehen. Trotz der allgemeinen Natural- und Tauschwirtschaft, die sich in jener Zeit durchzusetzen begann, konnte ein so weitläufiges Hilfswerk wie das seine ganz ohne bares Geld nicht durchgeführt werden. Oskar interessierte also einige seiner reichen Freunde, Großindustrielle, die auf ihren Geschäftsfahrten dem Zauber der »Schwinge« verfallen waren. Da war der »Riechstoffmagnat« Carl Wilhelm Gerding in Holzminden, da war der große »Basaltkönig« aus Hannover, da waren die »Gipsköpfe« aus Stadtoldendorf, die Asphalt- und Zementgrößen der Gegend und manche andere hochmögende Herren. Da die Eisenbahn nicht verkehrte, sandte Oskar ihnen seine Bittschriften durch Radfahrer zu. Das waren gewiefte Burschen, die sich vor den überall auftauchenden Wegelagerern wohl in acht zu nehmen wussten. Er schickte sie nicht vergeblich los.
Wenn auch die Wirtschaft zur »Schwinge« von Flüchtlingen überflutet war, so fanden sich doch bei kleinem schon wieder Gäste aus der Umgebung ein. Eines Tages bemerkte ich zu meinem Erstaunen zwei Gäste aus Wenzen – den Baron Adalbert von der Eck und den feinen Anton. Sie saßen mit einem ausländisch wirkenden Herrn in einer Ecke des Gastzimmers und tuschelten eifrig. Als sie fortgingen, nahm ich mir Anton noch einmal kurz beiseite und fragte ihn, welche Geschäfte ihn mit Herrn von der Eck zusammengeführt hätten, und wie es zu dieser merkwürdigen Konferenz gekommen wäre.
Anton setzte eine wichtige Miene auf, dann sagte er geheimnisvoll:
»Darüber zu sprechen ist mir nicht gestattet. Ich möchte deshalb Frau Doktor bitten, dieserhalb nicht weiter in mich zu dringen.« Er trat näher an mich heran, um mir vertraulich zuzuraunen: »Ich kann Ihnen nur das eine sagen – das Geld liegt heutzutage auf der Straße, man muss es nur aufnehmen. Ich nehme es auf. Herr Baron von der Eck hat mir gezeigt, wie man das macht. Das ist ein ganz smarter Geschäftsmann, kann ich Ihnen sagen. Ich bitte Sie übrigens, der gnädigen Baroness meine Empfehlung zu übermitteln, ich habe sie leider nicht angetroffen, ich höre, sie ist ins Dorf gegangen. Aber ich muss mich beeilen, der Herr Baron wartet schon.«
Er ging und ließ mich mit der bangen Ahnung zurück, dass er einer großen Zukunft entgegenschreite …
Antons sinnschwere Worte fielen mir wieder ein, als beim gemeinsamen Abendessen Herr Panitz darüber Klage führte, dass die ihm zur Verfügung gestellten Geldmittel schon wieder einmal erschöpft seien.
»Die Bauern haben ja zuerst allerlei hergeschenkt, aber nun haben sie selbst nicht mehr viel, und für das bisschen, was sie noch herausrücken, wollen sie am liebsten Textilien und Schuhe oder Haushaltungsgegenstände haben. Wenn sie aber für Geld etwas hergeben, dann verlangen sie gepfefferte Preise, und die gehen von Tag zu Tag noch in die Höhe. Wo bleibe ich da mit meinen Papierlappen, wenn ein Zentner Roggen schon hunderte kostet …«
»Aber das Geld liegt doch auf der Straße …«, wendete ich ein, »man braucht es doch nur aufzuheben. Das hat mir heute erst einer Ihrer Gäste verkündet.«
»Ja, ich weiß wohl, dass hier jetzt alle möglichen Leute in den Ecken sitzen und kungeln, ich kann es leider nicht hindern. Das sind diese Wirtschaftshyänen, die immer prompt zur Stelle sind, wenn irgendwo ein großes Aas am Boden liegt. Und was ist denn Deutschland heute anderes … Es stecken eigentlich immer Ausländer dazwischen, und deswegen kann ich leider diese ›Geschäftsleute‹ meistens nicht vor die Tür setzen. Ja, für diese Art Leute liegt das Geld natürlich auf der Straße, aber ich kann nun mal meinen Rücken nicht krumm genug machen, um es aufzuheben.«
Vera war sehr nachdenklich geworden, kleinlaut sagte sie:
»Mit meinen paar Kröten wird es ja nun auch bald zu Ende gehen. Ich habe mir schon immer den Kopf zerbrochen, wie ich auf ehrliche Weise etwas Geld verdienen könnte. Das ist heute sicher sehr schwer.«
»Wie wär’s denn mit Schneidern, aus alt mach neu …?«, fragte der Wirt, »eine geschickte Schneiderin findet immer ihr Brot. Ich könnte Ihnen eine gute Kundschaft vermitteln.«
»Das Schneidern habe ich leider nicht gelernt, ich habe immer nur in der Wirtschaft zu tun gehabt. Von der Milchwirtschaft und der Geflügelhaltung verstehe ich ein bisschen, das ist alles.«
»Das ist aber genug!«, sagte Panitz nach einer Weile kurzen Nachsinnens. »Passen Sie mal auf – Sie werden hier eine Geflügelfarm aufmachen!«
Dieser jäh aufgetauchte Plan brachte ihn geradezu in Begeisterung, seine Worte überschlugen sich, als er nun mit seinen Vorschlägen herauskam:
»Ich habe hier beim Haus doch noch den Streifen Grasland liegen, ich wollte ihn sowieso verpachten, dann kann ich ihn ja ebenso gut Ihnen geben. Die nötigen Gebäude wollen wir schon daraufsetzen, die liefern meine Gipsfreunde, das bisschen Draht und was sonst noch dazugehört, werden wir auch organisieren – was meinen Sie?«
Vera wurde von seiner Begeisterung mit fortgerissen:
»Dazu hätte ich Lust, große Lust sogar. Aber ob mein bisschen Geld ausreichen wird, das alles zu beschaffen …?«
»Hören Sie mal zu – Sie haben doch zehn Pferde mitgebracht, und soviel ich weiß, gehört Ihnen davon die Hälfte. Sie verkaufen zwei Pferde, und die ganze Finanzfrage ist geregelt. Die anderen drei Pferde vermieten Sie an die Bauern, und dafür kriegen Sie Ihr Futter für das Geflügel. Abgemacht?«
»Ja, aber die Pferde hat mein Vetter noch, und er hat mit mir noch gar nicht darüber geredet, wie wir uns eigentlich auseinandersetzen wollen. Offen gestanden, spreche ich nicht gern mit ihm über geschäftliche Dinge, er ist in dieser Beziehung etwas schwierig.«
Herr Panitz lächelte:
»Kann mir schon denken … Wenn Sie gestatten, werde ich das übernehmen. Ich glaube, ich werde mit ihm schon klarkommen.«
»Ja, das wäre sehr lieb von Ihnen … hoffentlich haben Sie Glück …«, sagte Vera, immer noch ein wenig nachdenklich.
Auch ich wurde von dieser Nachdenklichkeit ergriffen. Ich fragte mich, ob es selbst der Energie und Menschenkenntnis eines Oskar Panitz gelingen würde, mit dem Baron in dieser Angelegenheit erfolgreich zu verhandeln …
Wieder saßen wir beim Abendessen, es war einige Tage darauf. Zu unser aller Verwunderung war der Professor Schmelzkopf noch nicht erschienen, der sich sonst immer als erster am Tisch einzufinden pflegte. Wir tauschten unsere sorgenvollen Vermutungen darüber aus, was ihn wohl veranlasst haben könnte, dieser für ihn so wichtigen Verrichtung fernzubleiben.
»Ob ich einmal auf sein Zimmer gehe, vielleicht ist er krank geworden …«, sagte Frau Panitz in ehrlicher Besorgnis.
»Womöglich hat er zu viel Rübenschnaps getrunken …«, meinte Vera, »er liebt ja hochprozentige Getränke, und Emil Thies hat ihm gestern noch gesagt, er möchte ihn mal unten im Dorf besuchen, er hätte frisch gebrannt.«
»Dann tippe ich schon eher auf Erna Hasselmann«, lächelte der Wirt, »das ist nämlich seine neueste Errungenschaft. Mit Lieschen Bruns ist es schon wieder vorbei.«
Der Professor erlöste uns bald aus unserer angstvollen Ungewissheit. Wir wollten uns gerade vom Tisch erheben, als er angekeucht kam.
»Ich soll wieder verhaftet werden …«, stieß er hervor, »seit heute Mittag halte ich mich schon im Wald versteckt, ich will auch die ganze Nacht da bleiben, aber ich halte es vor Hunger nicht mehr aus. Packen Sie mir doch bitte schnell etwas Brot ein, ich gehe sofort wieder zurück. Morgen kommen sie schon.«
»Nun setzen Sie sich erst einmal hin«, sagte Oskar Panitz. »Wenn sie morgen kommen, brauchen Sie doch heute nicht schon in den Wald zu gehen.«
»Sicher ist sicher«, sagte der Professor, »es könnte ja immerhin sein, dass heute schon einer käme. Erna Hasselmann hat von ihrer Freundin, die Dolmetscherin auf der Kommandantur in Einbeck ist, erfahren, dass ich verhaftet werden soll, wahrscheinlich morgen. Ich soll ein Kriegsverbrecher sein, stellen Sie sich vor – ich! Ein Militarist soll ich auch noch sein – wo ich doch nie in meinem Leben Soldat gewesen bin! Keinem Menschen habe ich jemals ein Haar gekrümmt – ich und ein Kriegsverbrecher …!«
Auch ein weiteres Zureden des Wirtes vermochte ihn nicht zu bewegen, wenigstens eine Mahlzeit einzunehmen. Er ließ sich ein paar Brote einwickeln und wollte schon fortstürzen, als Panitz ihn noch einmal zurückrief:
»Warten Sie noch einen Augenblick! Wo wollen Sie denn überhaupt hin? Sie können sich doch nicht einfach unter die Bäume legen. Ich habe da in dem alten Steinbruch in der Hube ein Quartier für flüchtige Soldaten eingerichtet, es ist allerdings nur eine Höhle, aber es liegt Stroh genug darin, und wenn Sie sich eine Decke mitnehmen, haben Sie ein ganz leidliches Nachtquartier. Den Weg kennen Sie ja. Also nun los, da auf dem Sofa liegt eine Decke! Und morgen Abend in der Dunkelheit schicke ich Ihnen einen Topf mit Essen herauf.«
Es musste wohl eine Nacht unbeschreiblichen Grauens gewesen sein, die der Professor in seiner Höhle verbracht hatte, denn schon am anderen Vormittage kam er, ohne Scheu vor der alles enthüllenden Frühlingssonne, als ein gebrochener Mann in die »Schwinge« zurückgekrochen.
Seinem Gestammel konnten wir nur mit Mühe entnehmen, dass die Höhle die ganze Nacht hindurch von unheimlichen Gestalten umhuscht und von schauerlichen Lauten heimgesucht worden wäre. Wenn er noch eine zweite Nacht dort verbringen müsse, würde er wahnsinnig werden.
»Beruhigen Sie sich«, sagte der Wirt, »Ihre Retter kommen schon. Der Wahnsinn bleibt Ihnen erspart, Sie brauchen sich nur im Jeep mitnehmen zu lassen.«
Er zeigte auf die Landstraße, auf der jetzt ein mit zwei Amerikanern besetzter Jeep vorgefahren kam. Unaufgefordert und plötzlich gefasst ging der Professor auf den haltenden Wagen zu.
»Hier bin ich«, sagte er schlicht und nicht ohne Würde, »mein Name ist Schmelzkopf.« Er machte eine tiefe Verbeugung.
Die Amerikaner blickten voll unverhohlenen Misstrauens auf die verwahrloste Gestalt, die unrasiert, mit tief in die Stirn hängendem, ungeordnetem Haar, die reichlichen Spuren eines Nachtlagers aus Stroh und Laub verratend, sich vor ihnen aufgebaut hatte.
»Nichts mit dir zu tun«, sagte der eine, »du betrunken.« Sie fragten den Wirt nach irgendeinem Weg und fuhren dann weiter. Es waren noch nicht die Retter des großen Komponisten Wolfgang Amadeus Schmelzkopf gewesen. Erst am Abend, nach einem qualvoll durchwarteten Nachmittag, kamen die wahren Retter und nahmen ihn mit in ein Gewahrsam, in dem er vor Eulen und Füchsen sicher war.
Wir hatten wieder einmal viel zu tun in der Ambulanz. Nachdem wir eine Anzahl Flüchtlinge versorgt hatten, kam auch ein Soldat angehumpelt. Er erzählte uns, dass er nach kurzer Kriegsgefangenschaft von den Amerikanern entlassen worden sei. Eine ihm angebotene Lazarettbehandlung habe er ausgeschlagen, er habe es vorgezogen, sich trotz seines noch nicht ganz verheilten Streifschusses an der Wade zu Muttern auf den Weg zu machen. Es war ein munterer Bursche, den die Freude, seine Heimat nach Jahren der Trennung nun endlich bald wiederzusehen, besonders gesprächig gemacht haben mochte. Er erzählte von seiner tagelangen Wanderung, die ihn aus Süddeutschland heraufgeführt hatte; die Mühsal seiner Reise hatte er vergessen, nur die mancherlei heiteren kleinen Erlebnisse waren in seinem Gedächtnis haften geblieben. Er kramte sie mit so viel schönem Humor vor uns aus, dass wir oft herzhaft lachen mussten. Seine Heimat war Holzminden, wo er in Carl Wilhelm Gerdings chemischen Werken als Fahrer angestellt gewesen war. Meine Zweifel, dass er als solcher zurzeit wohl kaum wieder beschäftigt werden könnte, denn selbst ein Gerding würde heute schwerlich über Autos verfügen, zerstreute er mit einem zuversichtlichen Auflachen:
»Dann kennen Sie unseren Chef schlecht! Wenn einer Autos freikriegt, dann ist es Carl Wilhelm! Und wenn er auch kein einziges Auto laufen hätte, würde er mich doch wieder einstellen. Das hat er mir fest versprochen, als ich damals Soldat wurde. Und was der versprochen hat, das hält er auch. Das wissen wir alle. Die ganze Belegschaft da ist wie eine große Familie, und Carl Wilhelm ist unser Vater.«
Als wir ihn fertig verbunden hatten, zögerte er noch etwas, um dann leise und in geheimnisvollem Ton zu sagen:
»Und dann habe ich noch was abzugeben: … Für ein Fräulein von der Eck …, die soll ja hier im Hause wohnen.«
Vera, die sich an dem Verbandsschrank zu schaffen gemacht hatte, drehte sich hastig um:
»Ich heiße von der Eck. Was haben Sie für mich?«
Der Soldat holte einen zerknitterten und beschmutzten Brief aus seinem Mützenfutter hervor und gab ihn Vera.
»Den hat mir ein Kamerad gegeben, mit dem ich zusammen im Lager war. Es war ein Major, wie er heißt, weiß ich nicht.«
»So … Na, dann wird er wohl auch bald entlassen?«, fragte Vera ruhig.
»Och … der kommt auch bald«, sagte der Soldat gutmütig, um dann, während Vera den Brief zu lesen begann, mir zuzuflüstern:
»Da kann sie lange warten. Die höheren Offiziere lassen sie so bald nicht laufen …« Er buckelte seinen Rucksack auf und verschwand mit fröhlichem Dank.
Während Vera noch ihren Brief las, fuhr das leichte Kutschwägelchen des Herrn Panitz vor. Er hatte schon am frühen Morgen angespannt und war über Land gefahren, jetzt brachte er einen Fahrgast mit – Frau Schmelzkopf.
Ich ahnte, wie sehr Vera mit ihrem Brief beschäftigt war und wollte ihr jetzt eine Unterhaltung mit Frau Schmelzkopf ersparen. Ich ging also vor das Haus, um den Besuch abzufangen.
Frau Irene fiel mir um den Hals:
»Was sagen Sie dazu, beste Löhnefinken, dass ich nun auch in die Schwinge ziehe! Das tue ich nämlich, ich habe es bereits mit Herrn Panitz abgemacht. Im Pfarrhaus kann ich unmöglich mehr bleiben, ich muss Ihnen schrecklich viel erzählen …«
Ich unterbrach sie und machte ihr den Vorschlag, mit mir in den gegenüberliegenden kleinen Wirtsgarten zu gehen, wo wir ungestört plaudern könnten.
So saßen wir denn bald unter dem ersten blühenden Birnbaum des Gärtchens, und Irene Schmelzkopf konnte erzählen:
»In der Pfarre ist die Hölle los! Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, zu erzählen. Na, nehmen wir mal das Lustigste zuerst: Der Pastor hat mir vor einigen Tagen glücklich einen Heiratsantrag gemacht. Das hat mich ja nun nicht weiter erschüttert, denn das hatte ich ja kommen sehen. Ich habe das leider erst von der komischen Seite genommen und ihn nur freundlich ausgelacht. Dieses Lachen hat er keineswegs übelgenommen, sondern nur als eine meinem Temperament gemäße Form des Jaworts gedeutet. Nun behandelt er mich, als ob ich seine Braut wäre, unausgesetzt bugsiert er die unmöglichsten Blumenarrangements in mein Zimmer und, wenn ich nicht mit einer geradezu brutalen Energie abgewehrt hätte, so hätte er mir schon die Perlenkette seiner verstorbenen Frau umgehängt. Er hat die tollsten Pläne für eine großartige Neugestaltung des alten Pfarrhauses und fragt mich fortwährend nach meiner Meinung über alle möglichen Einzelheiten des Umbaus in seinem Wolkenkuckucksheim. Mit den Zwangseinquartierungen könne es ja nicht mehr lange dauern, bald werde man wieder frei über seine Räume verfügen und auch wieder nach Herzenslust bauen können …«
Ich konnte mir den alten Plänemacher so recht lebhaft vorstellen. Sein unruhiger Geist gebar immer neue Wünsche, und wenn ihn so ein neuer Wunsch erst einmal richtig am Schopf gepackt hatte, vergaß er jede Wirklichkeit. So hatte er denn auch jetzt das ungeheure Getöse, mit dem unser aller Vaterhaus zusammenkrachte, einfach überhört – er wollte nur sein eigenes kleines Haus umbauen für eine Braut, die ihn nicht einmal heiraten wollte …
»Das Schlimmste ist nun«, fuhr Frau Irene fort, »dass er auf seinen Umbau natürlich nicht warten kann und infolgedessen auf andere Weise Raum schaffen muss für sein junges Eheglück. Was hat er gemacht? Er ist zu meinem Schwiegersohn gegangen und hat ihm erklärt, dass er das Schlafzimmer wieder räumen müsste, er werde von der Ecks ein anderes Unterkommen besorgen. Im Laufe der Auseinandersetzung ist der Baron leider sehr massiv geworden, auf die geheimnisvollen Andeutungen, die der Pastor bezüglich seiner zarten Absichten machte, hat mein Schwiegersohn mit dem schönen Wort vom Esel und dem Glatteis reagiert. Sie können sich ja denken, dass das alles nicht günstig auf den Hausfrieden eingewirkt hat, die beiden Herren verkehren nur noch schriftlich miteinander. Inzwischen bin ich selbst nun mit meinem Schwiegersohn aber so weit gekommen, dass ich am liebsten auch nur noch schriftlich mit ihm verkehren möchte. Er hat doch meiner Tochter rundherum erklärt, ihre geplante ›Gemüsehökerei‹ wäre einer Baronin von der Eck nicht würdig. Wenn ich das machen wollte, so könnte er mich nicht daran hindern, ich sollte mir aber nicht einbilden, dass er für solche blödsinnigen Pläne auch nur eine Zigarette opfern würde. Zigaretten und Kaffee wären heute Devisen, und mit Devisen machte man keinen Gemüsekramladen auf. Sagen Sie mal, Frau Löhnefink – was halten Sie überhaupt von meinem Schwiegersohn?«
Diese Frage versetzte mich in einige Verlegenheit, nachdenklich blickte ich auf die Straße. Da sah ich zwischen den parkenden Flüchtlingskarren eine hohe Gestalt hindurchschreiten, es war der junge Herr Hartmann. Auch Frau Schmelzkopf hatte ihn bemerkt, sie vergaß ihren bösen Schwiegersohn und meinte erfreut:
»Ah – das ist ja mein junger Freund, der hünenhafte Müller! Wenn ich mir den so ansehe - ich glaube, der ist das gerade Gegenteil …«
Sie sah dem Müller nach, der jetzt im Hause verschwand.
»Ja, ja, mein Schwiegersohn, der fängt jetzt an, sich in seiner ganzen Schönheit zu enthüllen. So lange einer noch fünftausend Morgen hat, da hat er’s leicht, als vornehmer Charakter durchzugehen. Aber was meinen Sie, was er heute Morgen Herrn Panitz geantwortet hat, als der ihn in Veras Auftrag um die Herausgabe ihrer Pferde ersuchte … Er hat geantwortet, Veras Pferde wären im Warthegau geblieben. Sie hätten auf dem Hauptgut zwanzig Pferde gehabt, davon hätte er seine Hälfte mitgenommen. Wenn seine Base sich um ihre Hälfte nicht bekümmert hätte, so wäre das nicht seine Schuld. Herr Panitz ist durch diese zynische Unverfrorenheit so sehr in Harnisch geraten, dass er Veras Sache zu seiner eigenen gemacht hat. Er hat dem Baron mit einem Prozess gedroht und ihm versichert, dass er Veras Klage mit allen Mitteln unterstützen würde und wenn er dabei Haus und Hof verlieren sollte. Schließlich hat der Baron denn auch drei Pferde herausgerückt, das andere wird sich noch finden. Ich habe in dieser Beziehung unbegrenztes Vertrauen zu Herrn Panitz, ich kann Ihnen überhaupt gar nicht sagen, wie glücklich ich bin, mich ganz unter seinen Schutz stellen zu können. Ich hatte mich aus der immer peinlicher werdenden Atmosphäre des Pfarrhauses in den letzten Tagen schon oft in die ›Schwinge‹ gesehnt, wo ich Sie und Vera wusste, aber mein geschiedener Mann versperrte mir ja dieses Asyl. Als mir Herr Panitz dann heute Morgen im Pfarrhaus von der unverhofften ›Abreise‹ des Herrn Professor Schmelzkopf erzählte, habe ich ihn sofort gebeten, mich mitzunehmen – so, wie ich gehe und stehe. Wissen Sie, es gibt ja so Menschen, die man kaum kennt, und die man doch um alles bitten kann, so als ob man vor ihrer gütigen Überlegenheit irgendwie zum Kind würde … So ein Mensch ist Oskar Panitz.«
Wir standen auf und wollten nach dem Wirtshaus hinübergehen. In diesem Augenblick kam der junge Müller aus der Tür. Gesenkten Hauptes und mit schweren Schritten ging er fort. Er sah uns nicht. Frau Schmelzkopf schüttelte den Kopf:
»Was ist denn mit meinem Müller los? Der geht ja, als ob er hinter einem Sarg herschliche …«
Was mit dem Müller los war, erfuhr ich am Abend.
Vera und ich waren in unserem Kämmerchen. Den ganzen Tag hatte Vera es vermieden, mit mir zu sprechen. Erst als wir uns niedergelegt hatten und das Licht erloschen war, begann sie zu reden:
»Der Major hat geschrieben …«
»Was schreibt er denn?«
»Er würde mich niemals vergessen und er würde wiederkommen, sobald er könnte.«
Sie schwieg eine Weile, dann sagte sie:
»Und dann kam Herr Hartmann … Er fragte mich, ob ich seine Frau werden wolle. Er wollte alles für mich tun, er hätte sogar die alte Albertine schon entlassen …«
Sie schwieg wieder eine Weile, dann fragte ich sie:
»Und was hast du ihm geantwortet?«
»Ich könnte seine Frau nicht werden.« –
Ich hatte eine schlechte Nacht. Irgendeine Unruhe war in mir und ließ mich keinen rechten Schlaf finden. Einmal war es mir, als käme mit dem Wind ein Gewirr aufgeregter Schreie herüber. Dann wurde es wieder still, und endlich schlief ich ein.
Ich stand früh auf, Vera schlief noch. Unten empfing mich Herr Panitz mit einer bösen Nachricht:
»In der Nacht ist die Grundmühle von bewaffneten Banditen überfallen. Sie haben die beiden alten Hartmanns mit Knüppeln niedergeschlagen, die alte Albertine, die ihnen zu Hilfe kommen wollte, haben sie angeschossen, und als der junge Hartmann ankam, hat er auch noch einen Schuss abgekriegt. Doktor Hoffmann aus Einbeck ist schon dagewesen.«
»Ja, um des Himmels willen – das sagen Sie jetzt erst … Warum haben Sie uns denn nicht geweckt? Wer sorgt denn nun für die armen Menschen?«
Beruhigend und mit einem nur ganz leichten Zucken seiner Mundwinkel sagte Oskar Panitz:
»Frau Schmelzkopf ist schon da.«
10. Kapitel
Ja, Frau Schmelzkopf war schon da, aber auch ich wurde noch geholt. Noch am selben Vormittag erschien ein Kind der bei Hartmanns einquartierten ausgebombten Familie und überbrachte mir eine dringende Aufforderung der Frau Schmelzkopf, in die Mühle zu kommen: sie brauche meine Hilfe zur Krankenpflege. Da ich annehmen musste, dass ich für mehrere Tage benötigt werden würde, packte ich abermals mein Köfferchen.
Ich fand die Mühle im vollen Betrieb, ich hörte das dumpfe Dröhnen des Mahlgangs und sah die beiden Knechte auf dem Hof damit beschäftigt, einen großen Planwagen mit Mehlsäcken vollzuladen. Es waren zwei ältere Männer, von denen der eine mit unbewegtem Gesicht in seiner Arbeit fortfuhr, während der andere sichtlich erfreut die Gelegenheit wahrnahm, eine kleine Pause einzulegen. Sein rundliches Gesicht strahlte vor Genugtuung, als er mir erklärte:
»Ja, Frau Doktor – Glück muss der Mensch haben. Von gestern ab sollte ich nun im Wohnhause schlafen, das hat mir der junge Chef vor ein paar Tagen endlich erlaubt. Zwanzig Jahre habe ich mussten in der Mühle schlafen, weil Albertine das natürlicherweise so haben wollte. Und dabei hat mir Ihr Mann doch hundertmal gesagt, ich müsste eigentlich meinen Beruf aufgeben betreffs meinem Asthmaleiden und dem Mehlstaub. Wenigstens sollte ich versuchen, eine andere Schlafgelegenheit zu kriegen, damit dass ich nicht auch nachts noch den Staub einatmete. Und nun war es endlich so weit, und Albertine hatte nicht mehr das Sagen und ich sollte ins Haus ziehen, und was meinen Sie, da bringt dich doch mein Kollege gestern Abend eine große Flasche Korn mit, zum Abschied hat er gesagt, und wir trinken sie leer, und was ist das Ende vom Lied – ich bleibe in meinem alten Bette liegen und von der ganzen Schießerei habe ich nichts gesehen und gehört. Das nennt der Mensch Schwein – nicht wahr?«
Ich gratuliere dem freundlichen Egozentriker. Mit einem spitzbübischen Lächeln fügte er noch hinzu:
»Und wollen Sie wohl glauben, dass die Dame, die hier seit heute die Wirtschaft führt, von mir verlangt, dass ich jetzt noch ins Haus ziehen soll … Das habe ich aber dankend abgelehnt. Na, dafür hat sie aber einen anderen Dummen gefunden.« Er wies lachend auf seinen Kollegen, der immer noch unbeirrt seine Mehlsäcke auflud.
Das Haus, dem ich nun entgegenschritt, lag in seinem gewohnten behäbigen Frieden da, nur ein paar eingeschlagene Fensterscheiben neben der Tür kündeten von dem nächtlichen Überfall. Ich betrat den Hausflur, und da die dünn scheppernde Türglocke niemanden herbeirief, warf ich zunächst einmal einen Blick in das Wohnzimmer, in dem wir noch vor kurzem Karl Hartmanns bösen Zusammenstoß mit Albertine als drohendes Vorspiel der blutigsten Katastrophe erlebt hatten. Aber das Wohnzimmer war leer – nur zwei Katzen hatten es sich in den Sesseln der Alten am Fenster bequem gemacht und sahen mich gelangweilt aus blinzelnden Augen an. So ging ich denn in die Küche, und dort traf ich Frau Schmelzkopf. Sie stand in einer langen grauen Schürze, die sie von Albertine entliehen haben mochte, vor dem Herd und war so eifrig am Werk, dass sie mein Kommen überhört hatte. Jetzt wandte sie sich um und begrüßte mich erfreut:
»Gott sei Dank, dass Sie endlich kommen, beste Löhnefinken! Ich habe hier das reine Lazarett übernehmen müssen. Mit der Kocherei werde ich ja wohl noch fertig, obwohl jeder meiner vier Pfleglinge sein besonderes Essen haben muss. Aber die Krankenpflege habe ich nun mal nicht gelernt, da müssen Sie mir helfen. Wissen Sie überhaupt schon, was alles passiert ist? Am glimpflichsten ist noch die alte Albertine weggekommen, die hat nur einen Fleischschuss in den Oberschenkel abgekriegt. Auch Frau Hartmann hat nur eine leichte Gehirnerschütterung, aber ihr Mann ist erst seit kurzem aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht. Der Arzt befürchtet einen Bluterguss ins Gehirn. Doch am meisten macht mir mein junger Müller Sorge. Bei ihm ist der Schuss glatt durch die Brust gegangen. Die Gefahr einer Infektion ist natürlich sehr groß, aber Doktor Hoffmann meint, dass er von den Amerikanern für diesen Fall Penicillin erhalten wird. Damit müssen dann regelmäßig Injektionen vorgenommen werden, und das wäre dann Ihre Aufgabe. Wir gehen am besten gleich einmal in die Krankenzimmer.«
Wir gingen ins obere Stockwerk und sahen uns die Kranken an. Die Alten lagen still und teilnahmslos in ihren Betten; sie waren so klein und die Betten so ungeheuer, dass man sie nur mit Mühe finden konnte. Sie sprachen auch nicht, als Frau Schmelzkopf die Kompressen auf ihrer Stirn erneuerte und ihnen sorglich die Kissen zurechtschüttelte. Auch der junge Hartmann sprach nicht, es war ihm vom Arzt verboten. Aber er sah mich mit einem Lächeln zaghafter Erwartung an, als ob meinem Besuch noch ein anderer folgen müsste. Als jedoch nach uns niemand die Stube betrat, verschwand das Lächeln und ein kaum hörbarer Seufzer kam aus seinem Mund …
Irene Schmelzkopf war ganz besorgte Mütterlichkeit.
»Dies ist mein artigster Patient«, sagte sie und strich dem jungen Müller über die Stirn, »er hat kein Wort mehr gesprochen, nachdem Doktor Hoffmann ihm das verboten hat. Ich möchte ihm aber auch nicht raten, ungehorsam zu sein, sonst würde er mich mal richtig kennenlernen. Angst brauche ich ja jetzt nicht mehr vor ihm zu haben, mein Bär ist zahm geworden. Wenn ich bedenke, wie ich mich erschrocken habe, als ich ihn zum ersten Mal sah … Wie er da mit Veras schweren Koffern herumhantierte, als wären es Federn, dieser Hüne …«
Dieser Hüne lächelte schwach, in seinem Blick leuchtete eine Dankbarkeit auf, die ihn sogar zum Ungehorsam verführte.
»Wie lieb Sie zu mir sind …«, flüsterte er, »zu einem fremden Menschen … Wie soll ich Ihnen das wiedergutmachen.«
Irene Schmelzkopf legte die Hand auf seinen Mund:
»Erst einmal sollen Sie ruhig sein. Und im Übrigen machen Sie sich keine Sorgen, meine Rechnung werde ich schon präsentieren.«
Albertine, die wir nun aufsuchten, war kein so artiger Patient wie ihr junger Herr. Sie war schon aus dem Bett geklettert und stand vor ihrem Waschtisch, emsig damit beschäftigt, das Geschirr auszuwischen.
»Nun aber sofort wieder ins Bett!«, rief Frau Schmelzkopf, »Sie wollen wohl durchaus, dass Ihre Wunde wieder blutet oder dass sie sich erst noch richtig entzündet. Sie sollen doch bald wieder besser werden, damit Sie hier tüchtig mithelfen können.«
Albertine drehte sich nicht um, bitter sagte sie:
»Meine Hilfe wird hier nicht mehr verlangt. Karl braucht eine jüngere Kraft, die alte Albertine ist zu nichts mehr nütze.«
Frau Schmelzkopf ging zu ihr und legte den Arm auf ihre Schulter:
»Können Sie denn bei dem großen Unglück, das die Familie Hartmann betroffen hat, Ihren alten Hader nicht vergessen? Wenn der junge Herr Hartmann Ihnen wirklich gekündigt hat, so glaube ich, dass ihm das jetzt schon sehr leidtut. Nun seien Sie vernünftig und gehen Sie ins Bett.«
Frau Schmelzkopf führte die widerstrebende Alte an ihr Lager. Murrend ließ diese sich nieder:
»Was die Albertine ist, die lässt sich nur einmal beleidigen. Vierzig Jahre bin ich hier gewesen und nichts wie Undank habe ich geerntet. Mit einem weißen Stock soll ich aus diesem Haus herausgehen …« Sie begann laut zu schluchzen und zog sich die Kissen über den Kopf. Wir überließen sie vorerst ihrem genussreichen Jammer und gingen hinaus.
»Sie wird sich noch besinnen«, sagte Frau Schmelzkopf, »das ist sie schließlich ihrer Widerborstigkeit schuldig, dass sie nicht gleich beim ersten Mal nachgibt. Aber sie hat ja doch ein Herz von Gold, jedenfalls muss sie wie eine Löwin gekämpft haben, als die Banditen auf die alten Hartmanns eindrangen. Sie hat mir selbst erzählt, dass sie den einen Kerl mit dem Besenstiel ins Gesicht gestochen und ihm eine gehörige Schmarre beigebracht hätte. Einem zweiten, der auf sie angelegt hatte, hat sie den Arm heruntergeschlagen, so dass der Schuss nur ihr Bein getroffen hat. Nein, um die gute Albertine ist mir nicht bange, sie ist so couragiert, dass sie sogar mit sich selber fertig werden wird.«
Unten begab ich mich ins Wohnzimmer, das für die nächste Zeit mein Schlafraum werden sollte. Ich zog mir gerade meinen weißen Schwesternkittel über, als in der Einfahrt des Hofes ein Radfahrer auftauchte. Es war eine jugendlich wirkende, drahtige Erscheinung, bekleidet mit altertümlichen »Pumphosen«, einem auf Taille gearbeiteten Sportjackett neueren Datums und einer verwegen sitzenden Baskenmütze. Das scharf geschnittene bartlose Gesicht kam mir irgendwie bekannt vor, aber ich vermochte es nicht unterzubringen. Erst das Fahrzeug, das ich jetzt in seiner ganzen absonderlichen Länge überschauen konnte, brachte mir eine schreckliche Erkenntnis: es war jenes »Tandem«, mit dem der Pastor Fänger vor dreißig Jahren seine Frau zu Weihnachten überrascht hatte. Helene Fänger hatte von diesem Symbol wahrhafter Kameradschaft niemals Gebrauch gemacht, es erschien ihr nicht so verlockend wie ihrem Gatten, gemeinsam strampelnd über die Landstraßen zu brausen. So hatte denn dieses Fahrzeug drei Jahrzehnte auf dem Pfarrboden verträumt, um jetzt, im Licht der ersten Maiensonne, eine späte, gespenstische Auferstehung zu feiern. Ja, das Fahrzeug erkannte ich, so musste ja wohl der Mann, der jetzt abstieg, der Pfarrer sein … Er war es wirklich; aber ohne seinen langen weißen Bart. Er lehnte sein Rad an die Wand unter meinem Fenster, nestelte umständlich einen großen Strauß herrlicher Tulpen von der Lenkstange los und betrat das Haus. Gleich darauf klopfte es an der Wohnungstür. Er war sehr überrascht, mich hier vorzufinden, kam aber nichtsdestoweniger blitzschnell auf das zu sprechen, was ihn hierhergetrieben hatte:
»Sagen Sie mir ja nicht, dass Frau Schmelzkopf nicht hier ist! In der ›Schwinge‹ berichtete man mir, dass sie sich hier einquartiert hätte. Gestern ist sie unbegreiflicherweise aus meinem Haus geflohen, die Nacht hat sie in der ›Schwinge‹ verbracht, und jetzt soll sie hier sein. Das arme Kind scheint etwas verwirrt zu sein.«
»Ist Ihnen das wirklich so unbegreiflich, dass Frau Schmelzkopf Ihr Haus verlassen hat?«
Mit einem Lächeln behutsamen Verständnisses erwiderte er:
»Nun ja, ich kann mir diese Flucht schließlich so deuten, dass es sich hier um ein letztes verzweifeltes Ankämpfen gegen ein aufkeimendes, unverstandenes Gefühl handelt. Es ist wohl die Scheu eines Mädchens, das sich selber entfliehen möchte. Aber ich werde sie schon wieder einfangen …«
Selbstgefällig blickte er auf den Tulpenstrauß in seinen Händen, als prüfe er das Netz, mit dem er den flüchtigen Vogel wieder einfangen wollte.
»Dann wünsche ich guten Erfolg, Herr Pastor. Auf alle Fälle finde ich es schön von Ihnen, dass Sie auch die armen Opfer des Überfalls hier im Haus nicht vergessen haben und die alten Hartmanns mit Blumen erfreuen wollen. Ich will sie gleich mal ins Wasser stellen.«
Aber der Pastor ließ sich die Blumen nicht entwinden, er führte vielmehr die Hand mit dem Strauß geschwind hinter den Rücken.
»Ja, ja, natürlich … die armen Hartmanns und Albertine wollte ich natürlich auch besuchen. Aber Blumen – wissen Sie, daraus machen sich die Leute hierzulande nicht viel, das ist doch nur ein besseres Unkraut für sie … Mein seelsorgerischer Zuspruch wird ihnen mehr geben. Für die Blumen hatte ich mir eine andere Verwendung gedacht – würden Sie vielleicht so gut sein, mich jetzt erst einmal zu Frau Schmelzkopf zu führen?«
»Frau Schmelzkopf ist in der Küche beschäftigt, sie hat im Augenblick noch keine Zeit. Sie müssen sich noch etwas gedulden, nehmen Sie doch bitte Platz.«
Widerwillig setzte er sich auf eine Stuhlecke. Die Wartezeit verkürzte er sich durch sein Geplauder:
»Denken Sie an, ich habe doch zunächst gar nicht gewusst, wohin Frau Schmelzkopf sich gewendet hatte. Wenn nicht die alte Frau Binnewies gestorben wäre, die Mutter von Bäckers Frieda, dann wüsste ich es jetzt noch nicht. Gestern Abend kam Frieda zu mir und meldete den Tod ihrer Mutter, und dabei kam denn zutage, dass Frau Schmelzkopf, die sie ja beim Bäcker vertreten hatte, mit Herrn Panitz in die ›Schwinge‹ gefahren ist. Die arme Frieda hat mir wirklich leidgetan, sie trauert ja nun nicht nur um ihre Mutter, sondern auch um ihren treulosen Bräutigam, denn mit dem Anton, das war doch so gut wie abgemacht. Ich sagte ihr noch, du kannst froh sein, dass es mit dir und Anton nichts geworden ist, denn Anton scheint doch jetzt ganz auf Abwege geraten zu sein. Früher hatte er nur seinen harmlosen Vogel, aber jetzt ist er doch weiter nichts als ein Schieber. Aber mit diesen Worten hatte ich gänzlich vorbeigeschossen, sie blitzte mich zornig an, und dabei bemerkte ich, dass sie doch ein verflixt hübsches Mädchen ist: Sie wäre noch immer Antons Braut und sie hielte auch an ihm fest, und vor allen Dingen duldete sie nicht, dass jemand schlecht über ihn redete, und wenn es der Pastor selber wäre. Und wenn er jetzt durch seinen Fimmel auch mal verleitet wäre, einem Baron nachzulaufen und mit ihm alle möglichen Geschäfte zu machen, so kenne sie ihn doch besser, er würde sich schon wieder zurechtfinden. Was dieses ›Zurechtfinden‹ betrifft, so habe ich ja meine gelinden Zweifel, ich habe das Frieda zwar nicht gesagt, aber ich bin doch überzeugt, dass Anton sich auf Sachen einlässt, die ihn eines schönen Tages mit dem Gesetz in Konflikt bringen werden.«
»Da will ich doch mal mit Anton sprechen«, erwiderte ich, »ich glaube, dass ich einigen Einfluss auf ihn habe.«
»Ich fürchte, auch das wird nicht viel nützen. Sie müssen bedenken, dass sein ganzes bisheriges Leben gleichsam nur die Vorbereitung auf eine so vornehme Beziehung war, wie er sie jetzt endlich gefunden hat. Die Wonne, sie ganz auszukosten, wird er sich von niemandem vergällen lassen, auch nicht von Ihnen. Er folgt dem Baron durch dick und dünn. Und dieser Baron ist nun schon weit genug gediehen. Da kommt doch neulich seine Frau zu mir und zeigt mir einen wertvollen Schmuck, den der Baron ihr abschwatzen wollte. Er habe eine sehr günstige Gelegenheit, ihn zu verkaufen, die Ausländer zahlten dafür die höchsten Preise; man könnte jetzt das Hundertfache des ursprünglichen Wertes erzielen. Aber einmal widerstrebte es der jungen Frau, sich auf solche Geschäfte einzulassen und dann sagte sie sich, dass sie von dem Erlös auf keinen Fall profitieren würde. Nun braucht sie aber dringend Geld, um ihren Gemüsebau weiter zu finanzieren. Und so hat sie mich denn gebeten, den Schmuck mit einer angemessenen Summe zu beleihen. Ich hatte gerade noch zehntausend Mark liegen, die habe ich ihr gegeben. Nun kann sie sich erst einmal etwas weiterhelfen.«
»Und wie weit ist sie nun mit ihrem Gemüsebau gekommen?«
»Ach, das müßten Sie einmal sehen! Als ihre Mutter in die Bäckerei abwanderte, da hat sie das umständliche Graben aufgegeben und das ganze Land gleich pflügen lassen. Einen ganzen Morgen hat sie mit Felderbsen bestellt, und dann hat sie tausend Kohlpflanzen gesetzt und Sellerie und Porree – es ist ein wahres Vergnügen, das anzusehen. Und wenn ich für den Baron sehr schwarzsehe, so bin ich überzeugt, dass seine Frau ihren Weg machen wird. Sie hat es sogar verstanden, die schwerfälligen Bauern zu überreden, dass sie mehr Gemüse anbauen. Und passen Sie auf, die wird es noch zu einem gut florierenden Gemüseladen in Wenzen bringen. Die Konzession wird sie in der nächsten Zeit wahrscheinlich erhalten, und für den ersten bescheidenen Anfang hat sie schon eine Bretterbude in Auftrag gegeben. Na ja, das ist ja auch nicht weiter zum Verwundern – sie ist eben die Tochter ihrer Mutter.«
Diese Mutter trat jetzt ins Zimmer und verwandelte den so verständig redenden alten Pfarrer jählings in einen jugendlich schwärmerischen Liebhaber. Er sprang auf von seiner Stuhlecke und stürzte ihr mit ausgestrecktem Tulpenstrauß entgegen. Frau Schmelzkopfs erstes Zurückfahren und das darauf folgende belustigte Lächeln entsprach so sehr dem fehlerhaften Rezept seiner Marotte, dass er sich geradezu ermutigt fühlte, den Arm um sie zu legen. Seine Worte hätten nun eigentlich das ganze Feuer einer jugendlichen Verliebtheit ausstrahlen sollen, aber sie kamen nur im Ton väterlich überlegener Milde aus seinem Mund:
»Was hat mein armes Kind nun wieder für Torheiten gemacht … Hat es sich wieder einmal verlaufen? Ich bin gekommen, um dich wieder heimzuführen, Irene.«
Irene musterte ihn jetzt mit einem schier fröhlichen Gesicht von oben bis unten, dann sagte sie:
»Wie haben Sie sich bloß wieder zurechtgemacht? Und wo haben Sie überhaupt Ihren schönen Bart gelassen? Den habe ich immer so besonders gern an Ihnen gehabt. Sie sahen mit ihm so würdig aus, jetzt wirken Sie wie ein alter Geck, schade …«
»Meinen Bart habe ich mir gestern abnehmen lassen. Er war doch nur das zufällige Überbleibsel einer längst überwundenen Epoche in meinem Leben. Du wirst dich an meine Bartlosigkeit gewöhnen, Kind, wie du dich auch an manches andere gewöhnen wirst. Vor allem musst du mir jetzt versprechen, nicht wieder solche törichten Seitensprünge zu machen. Und nun lass uns losreiten, mein Ross steht schon gesattelt vor der Tür.«
»Das interessiert mich aber doch«, lachte Irene Schmelzkopf, »die Pferde will ich mir wenigstens einmal ansehen.«
»Du brauchst nur aus dem Fenster zu sehen, Kind, da stehen sie und scharren ungeduldig mit den Hufen.«
Frau Schmelzkopf öffnete das Fenster und brach nach einem kurzen Blick in ein schallendes Gelächter aus:
»Sie sind ja ein ganz goldiger Mensch, lieber Pastor …« Sie fiel ihm um den Hals. »Ihre Rosse haben so feurig gescharrt, dass sie einen Plattfuß bekommen haben. Nun können wir unseren Heimritt leider nicht ausführen.«
Der Pastor überzeugte sich durch einen Blick aus dem Fenster, dass seine Rosse tatsächlich Schaden genommen hatten.
»Das soll unseren Heimritt nicht lange aufhalten«, sagte er, »ich habe Flickzeug in der Satteltasche. Der Schaden ist bald beseitigt.«
Er schickte sich an, aus der Tür zu gehen, aber Frau Schmelzkopf hielt ihn zurück:
»Bester Herr Pastor, denken Sie denn gar nicht daran, dass ich hier eine Aufgabe zu erfüllen habe? Schließlich habe ich doch die Sorge für vier verwundete Menschen übernommen. Ich kann jetzt unmöglich mit Ihnen mitreiten.«
Der Pastor zeigte sich immer noch nicht bereit, zu verzichten, mit einer vorwurfsvollen Handbewegung auf mich sagte er:
»Aber Sie haben doch hier den besten Ersatz in der bewährten Frau Löhnefink. Die wird schon mit allem fertig werden. Ich will jetzt erst einmal mit den Verwundeten sprechen und ihnen den Trost geben, den sie nötig haben. Und dann wollen wir losfahren.«
Es bedurfte nun auch noch einer eingehenden Begründung von meiner Seite, um ihn davon zu überzeugen, dass Frau Schmelzkopf tatsächlich jetzt nicht abkömmlich war. Seufzend fügte er sich endlich:
»Nun, das Warten habe ich in meinem Leben ja gelernt. Ich werde wiederkommen. Und dann wirst du mit mir gehen, Irene.«
»Aber, wenn ich bitten darf, ohne Plattfuß …«, lachte Frau Schmelzkopf.
Der Pastor nickte versonnen und ging dann mit uns hinauf, um die Kranken zu besuchen.
Oben war er wieder ganz der erfahrene Seelsorger. Er vermochte sogar die Eltern zu einigen mitteilsamen Worten anzuregen, um ihnen alsbald auch kräftigen Trost zuzusprechen und sie über das Ergehen ihres Sohnes und der alten Albertine zu beruhigen.
Ehe wir zu dem jungen Hartmann hineingingen, unterrichtete ich ihn kurz über sein Zerwürfnis mit der alten Magd, das ihn nach meinem Empfinden schwer bedrücken müsste. Der Pfarrer nickte nur in schnellem Begreifen:
»Das wollen wir schon in Ordnung bringen … Lassen Sie mich jetzt erst einmal allein zu Albertine hineingehen. Gehen Sie nur schon zu dem jungen Hartmann, ich glaube bestimmt, dass ich mit Albertine bald nachkommen werde, vorausgesetzt, dass sie überhaupt aufstehen kann.«
Und tatsächlich kam er schon nach einer kleinen Viertelstunde mit dem alten Mädchen in Karl Hartmanns Zimmer. Auf seinen Arm gestützt, humpelte sie mühsam herein. Wenn ihre Augen uns anfänglich noch flink und feindselig musterten, so schmolzen doch Trotz und Bitterkeit beim Anblick ihres erschöpft in seinen Kissen liegenden jungen Herren in einem erlösenden Ausbruch von Tränen dahin.
»Karl, mein Junge«, schluchzte sie endlich, »ich will dir ja alles vergeben, wenn du nur bald wieder besser wirst. Herr Pastor meint, ich wäre ja auch nicht gerade immer ein Engel gewesen, das sehe ich ja wohl ein, aber ich habe doch nur das Beste gewollt. Und wenn du nun eine jüngere Kraft einstellen willst, dann habe ich auch nichts dagegen. Aber so ‘n bisschen mit helfen, das darf ich doch wohl noch …«
Karl Hartmann hatte Tränen in den Augen, als er mit einem stummen, nachdrücklichen Nicken ihren letzten Worten zustimmte. Er versuchte ihr seine Hand hinzuhalten, aber er war noch zu schwach, sie ganz zu erheben. Albertine stürzte hinzu und ergriff sie mit ihren beiden Händen.
Wir gingen hinaus, um die glücklich Versöhnten eine Weile allein zu lassen.
Während der Pfarrer auf dem Hof damit beschäftigt war, den Reifen seines Tandems zu flicken, kam ein amerikanischer Jeep vorgefahren. Die hilfreichen Yankees hatten, praktisch wie sie waren, nicht nur das Penicillin und den Arzt mitgebracht, sondern auch einen Strolch, der sich ihnen durch seine kennzeichnende Schmarre im Gesicht verdächtig gemacht hatte. Sie äußersten die Absicht, ihn mit Albertine zu konfrontieren und ließen sich zu diesem Zweck durch Frau Schmelzkopf zu dem alten Mädchen hinaufführen. Doktor Hoffmann erklärte mir unterdessen, wie ich das Penicillin zu dosieren und zu verabfolgen hätte.
Herr Hoffmann war mir als Kollege meines Mannes seit langem bekannt. Ich kannte seine ungewöhnliche Gutmütigkeit, und ich wusste auch, dass es geradezu seine Leidenschaft war, sie an den Mann zu bringen, wo es nur anging. Es war eine Leidenschaft, die ständig nach neuen Opfern Ausschau hielt. Und wenn ihm das Leben die Objekte seiner überströmenden Menschenliebe nicht in befriedigender Menge lieferte, so scheute er nicht davor zurück, sich auf ahnungslose Seelen zu stürzen und sie zu Opfern zurechtzukneten. So war er zum Meister geworden in der Technik, einen Menschen in seiner heiteren Unbefangenheit aufs tiefste zu erschüttern und ihn hilfs- und trostbedürftig zu machen. Diese Meisterschaft sollte auch ich jetzt erfahren:
»Ich muss Sie bewundern, gnädige Frau, dass Sie nach einer solchen Katastrophe den Mut aufbringen, in einer abseits gelegenen Mühle die Krankenpflege zu übernehmen. Dies ist nun schon die fünfte Mühle, die in den letzten Wochen überfallen worden ist. Und glauben Sie ja nicht, dass es mit einem Male abgetan ist – in der Hennebergsmühle sind die Banditen vor einer Woche eingedrungen, haben eine Scheune angesteckt und einen Knecht niedergeschlagen. Und heute Nacht sind sie wieder erschienen und haben die ganze Familie des Müllers ausgerottet. Ich musste heute früh zur Leichenschau – ich kann Ihnen sagen, die Opfer waren scheußlich zugerichtet. Besonders das eine Kind, das sie in den Mahlgang geworfen hatten …«
»Hören Sie auf …«, rief ich voller Entsetzen, »ich bin ja gar nicht so mutig wie Sie denken …«
Er hatte mich so weit, wie es den Absichten seines weichen Herzens entsprach. Nun schaltete er um:
»Sie brauchen sich aber absolut nicht zu ängstigen. Die Amerikaner haben eine umfangreiche Fahndungsaktion eingeleitet, und außerdem kann ich Ihnen die beruhigende Mitteilung machen, dass von heute ab die einsamen Gehöfte durch starke nächtliche Patrouillen bewacht werden. Sie können also versichert sein, dass es mit diesen Überfällen endgültig vorbei ist. Selbstverständlich werde ich auch nachts noch einmal kommen und nach den Kranken sehen.«
Ich begann wieder aufzuatmen, besondere Zuversicht flößte mir aber das Auftreten der Amerikaner ein, die jetzt mit einem großen Hallo die Treppe herunterkamen. Sie stießen den mitgebrachten Strolch vor sich her, dem sie inzwischen die Hände gefesselt hatten. Albertine hatte ihn tatsächlich als den Übeltäter erkannt, dem sie mit ihrem Besenstiel ins Gesicht gefahren war. Die Amerikaner, die durch ihren guten Fang in eine lärmvoll-fröhliche Laune versetzt waren, bestätigten die tröstlichen Mitteilungen des Arztes und versprachen, besonders auch auf die Grundmühle ein wachsames Auge zu haben.
Nachdem Doktor Hoffmann noch die Patienten besucht hatte, kletterte er wieder in den Jeep der Amerikaner, die geduldig auf ihn warteten. Beim Abschied klopfte er mir noch einmal freundlich beruhigend auf die Hand:
»Kopf hoch, Frau Löhnefink! Sie brauchen sich wirklich nicht mehr zu ängstigen.«
Nach diesen letzten Worten war ich nun glücklich wieder so ruhig und zuversichtlich, wie ich vor seiner Ankunft gewesen war.
Nachdem die Amerikaner fortgefahren waren, rüstete sich auch Pastor Fänger zum Aufbruch. Er konnte es sich nicht versagen, uns zum Abschied sein Vehikel in einigen lockenden Proberunden auf dem Hof vorzuführen. Es war ein ergreifender Anblick, den resignierten alten Mann auf einsamer Fahrt über den weiten Hof dahinradeln zu sehen. Ein aufquellendes Mitleid mochte Frau Schmelzkopf den schönen Gedanken eingeben, dem einsamen Radler einen jähen Halt zu gebieten:
»Warten Sie mal, Herr Pastor! Sie könnten mir eigentlich einen Gefallen tun und mit mir in die ›Schwinge‹ fahren, ich muss dort noch etwas abholen. Auf einem Doppelfahrrad habe ich zwar noch nie gesessen, aber unter Ihrer Führung werden wir schon mit heiler Haut zum Ziel kommen.«
Der Pastor hatte diese willkommene Botschaft kaum vernommen, als er prompt angebraust kam und sich elastisch vom Rad schwang. Hastig öffnete er eine Aktentasche, die im vorderen Teil des Rahmens hing, und entnahm ihr ein zusammengerolltes Kleidungsstück.
»Für diesen Fall«, erläuterte er sachlich, »habe ich vorsorglich eine Damen-Pumphose mitgebracht. Ich hatte sie für meine selige Frau besorgt, aber sie hat ja leider niemals Gebrauch davon gemacht. Ich hoffe, sie wird Ihnen passen, Sie haben ja ungefähr dieselbe Statur wie meine Frau.«
Irene Schmelzkopf unterdrückte mühsam ein Lachen:
»Passen wird mir diese Pumphose schon, aber sie ist ja nun leider etwas aus der Mode gekommen, man trug sie zur Zeit unserer Großmütter. Ich bin offen gestanden etwas eitel und möchte mich mit ihr nicht in der ›Schwinge‹ präsentieren. Mit den langen Röcken, die man früher trug, konnte eine Dame ja auch nicht radfahren, aber die heutige Mode der kurzen Röcke gestattet dieses Vergnügen auch ohne Pumphosen. Wir wollen es gleich einmal probieren.«
Beide bestiegen nun das Rad, es folgte noch eine befriedigende Proberunde und dann glitten sie in eleganter Kurve aus dem Hoftor hinaus.
11. Kapitel
Ich war wieder in die »Schwinge« zurückgekehrt.
Auch Frau Schmelzkopf hatte mit mir die Mühle verlassen wollen, denn nachdem sich der Zustand der Patienten schnell gebessert hatte, fühlten wir uns beide ein wenig überflüssig. Besonders Albertine hatte sehr bald ihre alte Rüstigkeit zurückgewonnen, und als sie wieder ihren Einzug in die Küche gehalten hatte, zeigte sich Frau Schmelzkopf doch ein wenig bedrückt. Sie gestand mir, dass sie schon immer unter dem Gedanken gelitten habe, als Eindringling hierhergekommen zu sein. Jetzt wisse sie das Haus in der besten Obhut und wolle nun auch keinen Tag länger bleiben. Das hatte sie mir gesagt, und dasselbe hatte sie gleich darauf dem jungen Müller erklärt. Aber der junge Müller hatte kein Verständnis für ihre Erklärung aufgebracht, er war richtig aufgeregt geworden: Wie sie sich bloß einbilden könne, als Eindringling angesehen zu werden … Sie habe doch das ganze Haus durch ihre schnelle Hilfsbereitschaft und ihre unverdrossenen Liebesdienste geradezu vor dem Tod errettet … Wenn sie das so drehen wolle, dann sei schließlich jeder Wohltäter der Menschheit ein aufdringlicher Geselle. Und was sie denn überhaupt in der »Schwinge« wolle? Dorthin könne doch jeden Tag ihr geschiedener Mann zurückkommen. Sie möge doch um Himmels willen bleiben, er könne sich die Mühle gar nicht mehr ohne sie denken …
So war denn Irene Schmelzkopf in der Mühle geblieben, und ich war allein in die »Schwinge« zurückgekehrt.
Der Strom regelloser Flüchtlingstrecks war inzwischen verebbt, und dafür standen schon wieder häufig Lastwagen vor dem Wirtshaus. Sie kamen zumeist aus skandinavischen Ländern oder aus der Schweiz. Die ausländischen Fahrer brachten auf ihrer Fahrt durch das ausgehungerte Deutschland ihre Lebensmittel mit, sie brachten Dinge, die wir nur noch der Sage nach kannten, sie brachten Butter in großen, gelbglänzenden Klumpen, sie brachten ganze Keulen von Hammeln und Kälbern, sie brachten Zucker in strotzenden Säcken, sie brachten Büchsenmilch, Kaffee und Tee, sie brachten gefrorene Schellfische und Seelachse, sie brachten geräucherten Speck und sie brachten sogar Kartoffeln und Brot mit. Die Tätigkeit des Wirtes bestand dann darin, diese guten Dinge in der Küche zuzubereiten, in der Frau Panitz bald wieder, umwogt von den Düften leckerer Braten, wie in schönen alten Friedenszeiten emsig herumhantierte. Diese Küche mit ihren betörenden Gerüchen und mit den erregenden Geräuschen brotzelnd gebratenen Fleisches und mit den zierlich verlockend vorbereiteten Speisen auf dem breiten Tisch erschien mir wie eine Oase in der Wüste Deutschland. Aber ich lernte es, ohne Neid an dieser Stätte unwahrscheinlichen Überflusses vorbeizugehen, denn die gutherzigen Fahrer bedachten auch oft genug Vera und mich. Wir waren nun so weit gekommen, dass wir uns nicht schämten, wenn wir ein Stück dänischen Käse oder ein Fischfilet oder ein Scheibchen Speck in die Hand gedrückt kriegten …
Vera war unterdessen mit der Einrichtung ihrer Geflügelfarm ein gutes Stück weitergekommen. Sie hatte zwei ihrer Pferde verkauft und dafür Baumaterial, Maschendraht, Zuchttiere und Futter erhandelt. Die Stallungen waren zum größten Teil fertig, und auch der Zaun war schon gezogen. In dem kleinen Gehege war ein munteres Leben erwacht, es schnatterte und kreischte, es gackerte und kullerte bunt durcheinander. Es war schon allerhand zu tun unter dem kleinen Volk, und ich ging Vera gern dabei zur Hand, zumal ich in unserer Ambulanz kaum noch Arbeit fand. Ich hatte mich zuvor nie viel um Geflügelvieh bekümmert, ich hatte es nur als Masse gesehen. Die einen gackerten, die anderen schnatterten, kreischten und kullerten, das war alles. Jetzt lernte ich diese Tiere als Individuen kennen und war überrascht von der scharf ausgeprägten Eigenart jedes einzelnen Wesens. Es gab verträgliche und streitsüchtige, raffige und bescheidene, trübsinnige und fröhliche, Weise und Narren, es gab Helden und Feiglinge unter dem Federvieh. Was mich aber am schnellsten mit den Tieren verband, war das unbedingte Vertrauen, das sie bald ihrer neuen Pflegerin und Futterspenderin entgegenbrachten. Ich beneidete Vera bald um ihren schönen Beruf.
Eines Tages saßen wir auf der kleinen Bank, die Vera in ihrem Geflügelhof hatte errichten lassen. Wir hatten den Tieren gerade ihr Futter hingestreut und freuten uns nun daran, wie sie gierig und dankbar ihre Körner aufpickten. Vera schien heute nicht ganz bei der Sache zu sein, es fiel mir auf, dass sie ihr Lieblingshuhn, das ihr auf den Schoß flatterte, um noch einen besonderen Leckerbissen zu erhaschen, achtlos beiseiteschob. Ich sollte auch bald erfahren, was sie bedrückte: Seit einigen Tagen hätten ihre Hühner auffallend wenig gelegt, und heute Morgen hätte sie nun etliche kunstgerecht angebohrte und offenbar ausgetrunkene Eier gefunden. Sorgenvoll rechnete sie mir vor, welcher finanzielle Verlust ihr dadurch schon entstanden sei. Sie hätte sich entschlossen, eine Nacht in ihrem Hühnerhaus zu verbringen, um nach Möglichkeit den Dieb auf frischer Tat zu ertappen. Ein solches immerhin nicht ungefährliches Wagnis wollte ich Vera nicht allein auf sich nehmen lassen und so bat ich ihr an, mich an dieser Nachtwache zu beteiligen. Wir malten uns schon die Einzelheiten unseres nächtlichen Abenteuers aus und steigerten uns in eine Begeisterung hinein, die uns jede Gefahr vergessen ließ. Unsere Schwärmerei wurde jäh unterbrochen durch das laute Geklapper eines vor dem Wirtshaus vorfahrenden kleinen Personenwagens.
Ich spähte nach der Straße hinüber und sah zu meinem Erstaunen, wie die lässig vornehme Erscheinung des Fabrikbesitzers Carl Wilhelm Gerding diesem dürftigen Wägelchen entstieg. Behutsam half er einer elegant gekleideten Dame beim Aussteigen. Obwohl sich alles in mir dagegen sträubte, seine schöne, gepflegte Frau in eine Verbindung mit diesem armseligen Gefährt zu bringen, konnte ich doch bald nicht mehr im Zweifel sein, dass meine Freundin Ilse Gerding ihren Mann begleitet hatte. Schließlich kletterte auch noch ihr Sohn Karl-Heinz aus dem Wagen. Er trug noch die Uniform der deutschen Wehrmacht, offenbar war er gerade aus der Gefangenschaft entlassen.
So sehr ich mich freute, dass hier den Eltern ein Sohn wiedergegeben war, so gab es mir doch beim Anblick des jungen Gerding einen Stich durchs Herz. Ich musste plötzlich wieder an meinen eigenen Jungen denken, den ich ja seit Monaten schon in Gefangenschaft wusste, ohne dass ich etwas Näheres über sein Schicksal hätte in Erfahrung bringen können. So war es wohl begreiflich, dass ein Gefühl des Neides in mir aufschoss – und mit diesem hässlichen Gefühl im Herzen ging ich ins Haus, um meine Freunde zu begrüßen.
Ich glaubte diese Begrüßung im Ton echter Herzlichkeit vorgenommen zu haben und war umso mehr befremdet, als Gerdings auf den angefügten Stoßseufzer, mit dem ich nun auch meinen Jungen zurückersehnte, auffallend kühl reagierten. Carl Wilhelm zuckte die Achseln und sagte leichthin, ich müsste eben Geduld haben. Wie sein Sohn ihm berichtet hätte, wäre ein großer Teil der Gefangenen nach Frankreich zu Aufräumungsarbeiten abtransportiert, ich sollte mich also darauf gefasst machen, dass es mindestens ein Jahr dauern würde, bis ich meinen Jungen zurück hätte … Als ich hierauf ein etwas enttäuschtes Gesicht machte, nahm mich Ilse in die Arme und sagte:
»Ach, meine gute Grete ist neidisch …? Und dabei wollten wir dir gerade eine Freude machen und mit Karl-Heinz gleich nach seiner Entlassung zu dir kommen. Wir wollten schon in Wenzen kommen, aber da hörten wir zufällig in Einbeck, dass du in der ›Schwinge‹ wärest. Wir sind also hier ausgestiegen und hier haben wir ja auch die beste Gelegenheit, die Entlassung unseres Jungen mit dir ein bisschen zu feiern, Herr Panitz wird ja wohl noch eine anständige Flasche für uns locker machen. Ich verspreche dir feierlich, dass wir in ein bis zwei Jahren, wenn dein Gottfried zurück ist, hier wieder zusammenkommen und anstoßen wollen.«
Wortlos wandte ich mich ab. Es erschien mir plötzlich unbegreiflich, dass ich mit einer derart herzlosen Frau zwei Jahrzehnte hindurch innig befreundet gewesen war. Ich trat ans Fenster, um meine Tränen zu verbergen …
Direkt vor diesem Fenster stand Gerdings schäbiges Wägelchen, in der Versunkenheit meines Schmerzes musterte ich mit quälender Eindringlichkeit die vielen Mängel dieses Fahrzeugs – die verbeulten Kotflügel, den Sprung in der Fensterscheibe, die abgefahrenen Reifen ohne Profile, die rostigen, verbogenen Stoßstangen … Dass diesem Wagen nun noch ein anderer Insasse entstieg, kam mir zunächst kaum zum Bewusstsein. Was hätte mich an ihm auch sonderlich fesseln sollen – es war eben ein junger Soldat in abgetragener Uniform, wie ich sie in den letzten Wochen zu Hunderten gesehen hatte. Er drehte mir den Rücken zu, aber wie er jetzt sein Käppi abnahm und mit einer weitausholenden Bewegung durch sein langes blondes Haar strich, durchzuckte es mich plötzlich. Ich riss das Fenster auf und wollte einen Namen schreien, aber da hatte er sich schon umgewandt und kam auf mich zugestürzt – es war mein Sohn.
Er schwang sich durchs Fenster zu mir herein, und dann hielt ich ihn in meinen Armen …
Als wir uns nach einer Weile ins Zimmer zurückwandten, sahen wir, dass Gerdings an ihrem Tisch aufgestanden waren. Nicht nur meine Freundin Ilse, auch Carl Wilhelm hatte feuchte Augen, als er nun zu reden begann:
»Ja, liebe Grete, es scheint so, als ob wir nun ja doch nicht mehr zwei Jahr auf deinen Jungen zu warten brauchen. Kurze Entschlossenheit ist die Zierde des Unterführers – das unerwartete Auftauchen deines Jungen hat mich veranlasst, schnell noch eine zweite Flasche bei Herrn Panitz zu bestellen.«
Unfähig, meine Empfindungen in irgendeine Ordnung zu bringen, fiel ich dem Sprecher um den Hals. Einmal in der Übung, umarmte ich auch Herrn Panitz, der gerade mit zwei Flaschen beladen an den Tisch kam. Dann sank ich in Ilses geöffnete Arme. Sie klopfte mir beruhigend auf die Schulter und sagte:
»Wir haben den Scherz vielleicht ein bisschen zu weit getrieben, Grete. Aber schließlich ist dein Gottfried selbst der Urheber dieses Planes. Als wir ihn nämlich heute Morgen in der Gefangenensammelstelle in Empfang nehmen konnten, bestand er darauf, seine Mutter nun auch mit allen Schikanen zu überraschen. Wenn wir dich also anfangs etwas roh behandeln mussten, dann bedank dich bitte bei deinem Sohn.«
Ich bedankte mich bei meinem Sohn mit einem Kuss, und dann setzten wir uns zu einer kleinen Feier nieder. Wir hatten das erste Glas noch nicht geleert, als Ilse mit einer Erklärung herausrückte, die sie schon lange gequält haben mochte: Ich hätte mich doch gewiss über das Fahrzeug gewundert, mit dem sie hier aufgetaucht seien. Aber dieses Monstrum sei als einziges Vehikel der allgemeinen Beschlagnahme ihres stattlichen Wagenparkes entgangen. Vor ein paar Tagen erst sei es ihrem Carl Wilhelm geglückt, ein noch sehr gut erhaltenes Kabriolett zu erwerben, mit dem sie leidlich bestehen könnten.
»Unglücklicherweise musste es mir nun einfallen, noch ein Radio einbauen zu lassen, und so kam es, dass der Wagen noch nicht fertig war, als wir heute Morgen losfahren wollten. Du glaubst ja gar nicht, Greten, wie ich mich geschämt habe, als wir mit dieser alten Kutsche starten mussten. Ich habe laut geweint, und mein guter Mann konnte mich nur trösten, indem er mir versprach, dass der neue Wagen uns auf unserer Rückfahrt bis zur ›Schwinge‹ entgegenfahren sollte. So kommen wir doch wenigstens in Ehren nach Holzminden zurück.«
Ich nahm somit zur Kenntnis, dass in einer bis in Fugen erschütterten Zeit auch eine Frau wie Ilse Gerding ihr Päckchen Sorgen zu tragen hatte. Nichtsdestoweniger wünschte ich ihr Glück zum neuen Wagen …
Wir waren bislang die einzigen Gäste gewesen, aber jetzt füllte sich die Gaststube allmählich. Es waren zumeist ausländische Fahrer, deren Lastzüge vor der »Schwinge« haltgemacht hatten. So dauerte es denn auch nicht lange, bis wieder aus der Küche die köstlichsten Düfte hereindrangen und in unsere Armut eine berauschende Kunde vom heiteren Überfluss der großen Welt trugen.
Die Fahrer waren noch mit ihrer Mahlzeit beschäftigt, deren üppigen Verlauf wir gebannt in ergriffenem Schweigen verfolgten, als zwei neue Gäste den Raum betraten. Es waren der Baron von der Eck und der feine Anton. Anton hatte im Verkehr mit dem vornehmen Freund die letzte steile Höhe eines weltmännisch-distinguierten Benehmens nunmehr erklommen. Die Verbeugung, mit der er uns im Vorbeigehen bedachte, hatte alles schülerhaft-eckige überwunden und zeigte eine zwanglos edle Abgewogenheit. Er trug auch nicht mehr den blauen Sonntagsanzug, den ihm der Schneidermeister Fröchtenicht vor dem Krieg verfertigt hatte, sondern ein höchst elegantes Gewand aus schwerstem englischem Wollstoff. Die beiden Ankömmlinge setzten sich zu einem einsamen Gast, den sie wie einen alten Bekannten begrüßten. Dieser Gast, offenbar ein Ausländer, nahm nun in gedämpftem Ton eine Verhandlung mit Anni auf, die bald darauf mit einigen reich bedeckten Schüsseln zurückkehrte. Anton aß langsam und ohne Gier, ganz wie ein Mensch, der es von Jugend an gewohnt war, von solchen Schüsseln zu speisen. Er schien auch bald gesättigt zu sein, mit gelangweilter Gebärde schob er den Teller zurück und bediente sich dann eines Zahnstochers, indem er die Hand vor das Gesicht hielt und sich diskret abwandte. Auch der Baron hielt sich nicht gar zu lange mit dem Essen auf, ich sah, wie er aus seiner Brusttasche ein Kästchen hervorzog und es möglichst unauffällig dem Fremden hinschob. Der öffnete das Kästchen und musterte den Inhalt mit großem Interesse. Es folgte ein eifriges Getuschel, das bald zu einer allerseits befriedigenden Vereinbarung zu führen schien. Der Fremde schob das Kästchen in seine eigene Brusttasche und holte dafür eine Flasche aus seiner Aktentasche. Anni musste drei Schnapsgläser bringen, und nun hob ein eifriger Umtrunk an, der augenscheinlich der Feier eines glücklichen Abschlusses galt …
Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und Vera erschien. Sie schob einen heulenden Jungen, den sie fest am Kragen gepackt hielt, vor sich her.
»Herr Panitz …«, rief sie, mit zorniger Röte im Gesicht, »hier haben wir nun endlich den Eierdieb! Er hat sich am helllichten Tag im Hühnerstall versteckt. Nun sagen Sie mir bloß, was wir mit dem Bengel anfangen wollen.«
Herr Panitz erhob sich von unserem Tisch und sah sich den Übeltäter, der sich die Hände vors Gesicht hielt, näher an:
»Ach, du bist’s, Hermann …«, rief er überrascht, »dir hätte ich so etwas nicht zugetraut. Wie kommst du denn dazu, Eier zu stehlen?«
»Wenn ich doch immer so hungrig bin …«, schluchzte der Junge, »und meine Mutter hat nichts zu kochen … Und das schöne Fräulein ist immer so freundlich … Mehr als vier Eier am Tage habe ich auch meistens nicht genommen, zwei habe ich gleich ausgetrunken und die anderen hat Mutter gekriegt. Ich will es auch bestimmt nicht wieder tun, und wenn es dem Fräulein recht ist, will ich ihr helfen und ihr elektrisches Licht in den Ställen anlegen, das kann ich nämlich …«
Vera schob den kleinen Sünder schnell aus der Tür. Sie war durch sein reumütiges Geständnis bald entwaffnet worden und mochte nun fürchten, dass Herr Panitz ihm doch noch eine Züchtigung verabfolgen würde. Aber in diesem Falle hatte sie Oskar Panitz falsch eingeschätzt, er zuckte die Achseln und lächelte leicht:
»Das haben Sie recht gemacht, Fräulein von der Eck. Ich hätte dem Jungen auch nichts getan. Er hat tatsächlich Hunger. Seine Mutter ist mit vier Kindern in Braunschweig ausgebombt, der Vater ist gefallen. Er hat viel bei mir ausgeholfen, und ich habe ihn nie bei einer Unehrlichkeit ertappt. Übrigens ist er ganz hervorragend geschickt, er ist mit seinen fünfzehn Jahren ein perfekter Elektrotechniker, die Lichtanlage in meinem Saal hat er beinahe ganz allein gemacht.«
Frau Ilse horchte auf:
»Das wäre ja einer für dich, Seuter«, flötete sie ihrem Gatten zu, »es ist doch nun einmal deine Liebhaberei, dir überall tüchtige Leute am Wege aufzulesen.«
Der Seute zog sein Notizbuch und zückte seinen goldenen Bleistift:
»Du hast recht, Seuterchen. Herrn Panitz’ Empfehlung genügt mir. Vielleicht ist er so freundlich, mir den Namen und die Adresse des tüchtigen Eierdiebes zu nennen. Er soll sich dann in den nächsten Tagen bei meinem Personalchef, dem Markgrafen von Pallavicini, melden.«
Er wandte sich dann an Vera, die ich inzwischen mit Gerdings bekannt gemacht und an unseren Tisch gebeten hatte. Er zeigte ein reges Interesse für ihre Geflügelfarm und erkundigte sich insbesondere danach, zu welchen Preisen sie die Eier verkaufte, über die sie nach Erfüllung ihres Ablieferungssolls frei verfügen durfte.
Sie nannte einen Preis, der in der Nachbarschaft eines Tisches, an dem der feine Anton seine Abschlüsse tätigte, geradezu lächerlich gering erscheinen musste
Der Riechstoffgewaltige zuckte zusammen, in einer Art instinktiver Missbilligung solcher geschäftlicher Unerfahrenheit schüttelte er den Kopf, um dann schnell gefasst zu erklären:
»Ich biete Ihnen das Doppelte, wenn Sie mir die gesamten freien Eier Ihrer Farm regelmäßig zur Verfügung stellen. Ich möchte sie für meine Werks-Kantine haben.«
Vera zeigte sich keineswegs erschüttert durch dieses großzügige Angebot, ruhig erwiderte sie:
»Von den herumreisenden Händlern wird mir das Fünffache geboten. Aber ich setze meine Eier hier im Dorfe ab, und da haben die Leute eben nicht mehr Geld.«
Dem Fabrikanten war zwar somit ein Geschäft entgangen, aber wie ich ihn kannte, musste es ihm doch gefallen, dass Vera es verschmähte, in die trübe Sphäre des Schwarzhandels abzugleiten.
»Mit anderen Worten«, sagte er, »verschenken Sie Ihre Eier. Das ist immerhin ein Standpunkt, den wir armen Kaufleute uns nicht leisten können. Ich bin überzeugt, dass Sie auch mit dieser Methode zum Ziel kommen werden, jedenfalls wünsche ich es Ihnen aufrichtig.«
Er sah sie mit jenem Wohlwollen an, von dem die Kenner behaupteten, dass es mehr wert sei als tausend Taler in Gold …
An dem Tisch in der Ecke hatte der Umtrunk inzwischen die Stimmung weitgehend aufgelockert. Aus der anfänglich gedämpften Unterhaltung erhob sich immer wieder Antons helle Stimme.
Er begrüßte Vera und mich und hatte auch für meinen heimgekehrten Jungen ein freundliches Wort. Der riss erstaunt die Augen auf:
»Donnerwetter, Anton – du hast dich aber schnafte herausgemacht! Du hast wohl die Dachdeckerei an den Nagel gehängt und bist unter die Schieber gegangen …«
Anton überhörte das vornehm und bat mich, ihn Gerdings vorzustellen. Hierauf nahm er Platz und erfreute uns durch eine breit angelegte Schilderung seiner geschäftlichen Erfolge, die ihn mühelos bis in die Kreise der Hocharistokratie hatte vordringen lassen. Diskret verschwieg er, welche Art von Geschäften er mit diesen hohen Herrschaften tätigte, er ließ aber durchblicken, dass es sich um große Objekte handelte. Dieser ganze Vortrag war, wie ich wohl spürte, darauf berechnet, Vera zu imponieren, denn mir entgingen nicht die vielen Blicke, die er ihr bei besonderen Höhepunkten seiner Rede flüchtig zuwarf. Aber es fiel mir auf, dass er sich nicht mehr mit der alten naiven Ausschließlichkeit an Vera wandte, er hatte es gelernt, eine weltmännisch überlegene Zurückhaltung zu beweisen …
Wir empfingen somit das Bild einer glanzvollen Tätigkeit, der nach Antons Klagen nur noch eines mangelte – ein Fahrzeug, das ihn instand setzen würde, die mannigfachen Chancen seiner reichen Beziehungen rechtzeitig wahrzunehmen. Denn mit seinem alten Fahrrad, das war doch so ein Ding hin … Abgesehen davon, dass es einen wenig repräsentablen Eindruck machte, wenn man mit so einem Fahrzeug anstrampelte, kam man ja auch häufig zu spät, wenn es einen besonders günstigen Abschluss zu tätigen galt.
Hier horchte der Fabrikbesitzer, der bis dahin mit einem wohlwollenden Interesse Antons Worten gelauscht hatte, plötzlich auf. Er nickte eifrig zustimmend mit dem Kopf:
»Mit dieser letzten Bemerkung haben Sie mir direkt das Wort aus dem Mund genommen, ich war schon ein paarmal versucht, Sie zu unterbrechen. Ein Mann wie Sie muss doch unbedingt motorisiert sein. Ich kann wohl verstehen, dass Sie bisher Bedenken gehabt haben, ein Auto anzuschaffen. Sie wohnen auf einem Dorf und fürchten vielleicht die hämischen Bemerkungen der lieben Nachbarn. Aber darüber muss sich ein Geschäftsmann mit solchen Erfolgen doch hinwegsetzen … Schon als Dachdeckermeister könnten Sie jederzeit die Zulassung eines Wagens beantragen, aber Ihrem derzeitigen Geschäft sind Sie ein Auto doch geradezu schuldig. Nach allem, was ich von Ihnen gehört habe, sind Sie ja geradezu ein Liebling des Schicksals, und so wird es Sie kaum wundern, wenn ich Ihnen sage: Ihr Auto steht vor der Tür!«
Antons Gesicht war in diesem Augenblick nichts als vollendete Verständnislosigkeit. Der Fabrikant lächelte milde:
»Bitte sehr – Sie brauchen sich nur hinauszubemühen. Ich werde Ihnen den Wagen gleich vorführen.«
Wir standen alle auf, denn wir alle ahnten eine große Stunde. Und dann folgten wir alle dem vorausschreitenden Magnaten auf die Straße, selbst Antons totale Verständnislosigkeit wurde mit hineingerissen in diese Gefolgschaft.
Eingekeilt zwischen mehrere Fernlastzüge standen draußen zwei Personenwagen – das dürftige Fahrzeug, mit dem Gerdings gekommen waren und ein schnittiges Kabriolett. Ich hatte es, während mein Blick bei Antons langer Rede einmal aus dem Fenster schweifte, geräuschlos vorfahren sehen. Meine Vermutung, dass es sich hier um Gerdings neues Auto handelte, bestätigte sich, als dem Wagen jetzt der Fahrer entstieg, um sich bei seinem Chef zu melden.
Dem feinen Anton war es wohl inzwischen gedämmert, dass wieder einmal ein großes unverhofftes Glück auf ihn zugekommen war. Diese plötzlich in ihm aufgeblühte Erkenntnis hatte nach der verzögernden Ungläubigkeit eine rauschvolle Überheblichkeit gegenüber dem Schicksal zur Folge: Er stürzte sich auf das Kabriolett, riss den Schlag auf und setzte sich ans Steuer.
Der Fabrikbesitzer ließ ihn lächelnd eine Weile sitzen. Dann öffnete er den Wagen, klopfte Anton väterlich auf die Schulter und sagte:
»Gefällt Ihnen der Wagen? Nun will ich Ihnen auch Ihren eigenen Wagen zeigen. Kommen Sie mal her …«
Anton entstieg wie ein Traumwandler dem Kabriolett und ließ sich zu dem anderen Wagen führen. Er schien ihm weniger zu gefallen. Trotzdem leistete er keinen Widerstand, als Carl Wilhelm Gerding einladend das Wägelchen öffnete und ihn hineinschob. Herr Gerding selbst setzte sich ans Steuer, und nun starteten sie zu einer Probefahrt …
Während dieser Fahrt musste es wohl zu einer schnellen Vereinbarung gekommen sein, nach der Rückkehr jedenfalls konnte der Fabrikant den feinen Anton mit einer würdigen Geste als den neuen Besitzer des Wagens vorstellen. Benommen von seinem Glück nahm Anton diese Vorstellung zur Kenntnis, er war blass und sichtlich ergriffen …
12. Kapitel
Es dauerte nun allerdings einige Monate, bis Anton sein Fahrzeug gründlich überholt hatte, aber es war denn auch wirklich ein »neuer Wagen« daraus geworden. Anton musste alle seine Beziehungen spielen lassen, um die Ersatzteile zu beschaffen. Mit nimmermüdem Eifer bereiste er alle Autofriedhöfe Niedersachsens. Das Chassis holte er sich aus Braunschweig, die Kardanwelle aus Lüneburg, das Getriebe und das Differential aus Hannover, den Motorblock erhielt er erst nach langem Kampf in Göttingen, und schließlich gelang es ihm, die hundertprozentig abgefahrenen Reifen in Hildesheim durch solche zu ersetzen, die nur zu achtzig Prozent abgefahren waren.
Anton berichtete uns regelmäßig über die Fortschritte, die er in der Reparatur seines Wagens aufweisen konnte. Bei einer solchen Gelegenheit erfuhr ich zufällig von ihm, dass die Besatzungstruppen schon vor einigen Tagen unser Haus geräumt hatten. Er gab mir den Rat, möglichst schnell nach Wenzen zurückzukehren, denn Helferdings wären dabei, über das ganze Haus nach ihren Plänen zu verfügen. Herr Doktor Helferding habe bereits seinen Chauffeur aufgenommen, und seine fünfköpfige Familie werde ihm bald folgen. Außerdem habe Frau Helferding die Absicht, eine Frau, die in ihrer Wahrsagepraxis hülfe, ins Haus zu nehmen, und diese Frau sei verheiratet und werde ihren Mann natürlich mitbringen. Wenn ich für mich und meinen Jungen noch etwas Raum im eigenen Haus behalten wolle, müsse ich mich beeilen …
Ich beeilte mich also. Es stellte sich heraus, dass Helferdings mich noch nicht ganz vergessen hatten. Sie hatten für meinen Jungen und mich immerhin zwei Räume reserviert und leidlich mit Möbeln ausgestattet: für Gottfried das winzige Dachstübchen, das wir aus einem alten Taubenschlag auf dem Boden hatten ausbauen lassen, und für mich die Kammer unserer ehemaligen Hausgehilfin. Sie gestatteten sogar, dass wir die Küche und das Wohnzimmer mit ihnen gemeinsam benutzten. Das Wohnzimmer freilich mit der Einschränkung, dass es der Frau Helferding und ihrer Mitarbeiterin während ihrer astrologischen Sprechstunden allein zur Verfügung stünde.
»Ich habe nämlich eine Hilfe bekommen«, erklärte mir die tüchtige Dame. »Es handelt sich um ein Pendel-Medium, das ursprünglich eine eigene Praxis hier in Wenzen betrieb. Ich habe sie einmal aufgesucht und dabei festgestellt, dass die Frau wirklich begabt ist. Ich konnte sie davon überzeugen, dass unser beider Künste sich in der wertvollsten Weise ergänzen und dass es für beide Teile viel vorteilhafter ist, wenn wir uns zusammentun, anstatt uns gegenseitig Konkurrenz zu bereiten. Selbst mein astrologischer Schnelldienst arbeitet nicht so prompt wie das Pendelverfahren. Wenn es sich zum Beispiel um einen vermissten Soldaten handelt, so braucht die Frau nur ein Original-Lichtbild auf den Tisch zu legen und auszupendeln, ob der Betreffende tot oder noch am Leben ist. Auf diese Weise treffen wir eine Auswahl der zu bearbeitenden Fälle. Ich brauche mich also nur noch um das Schicksal der Lebenden zu bemühen, und das genügt mir bei der ungeheuren Fülle der Konsultationen. Ein dauernder Konnex ist bei unserer gut eingespielten Zusammenarbeit natürlich notwendig; deshalb habe ich mich entschlossen, die Frau ins Haus zu nehmen, ihren Mann bringt sie selbstverständlich mit.«
Auch Herr Doktor Helferding wusste mir in seiner fröhlichen und sorglosen Art klarzumachen, dass sein Chauffeur unbedingt im Hause wohnen müsse, er beschrieb mir mit großer Anschaulichkeit, wie er darunter gelitten habe, bei nächtlichen Anrufen in der Dunkelheit einen langen und schwierigen Weg durchs Dorf machen zu müssen, um seinen Chauffeur zu benachrichtigen. Bei seinem weichen Herzen war es ihm natürlich unmöglich gewesen, dem Mann die Bitte abzuschlagen, seine Familie nachkommen zu lassen.
In einer Zeit, da ich so viele Schicksale zerbrechen sah, brachte ich nicht den Mut auf, diesem naiven Verfügen über mein Haus einen ernstlichen Widerstand entgegenzusetzen. Ich war schon froh, dass mein Junge und ich wieder unter unserm eigenen Dache schlafen konnten. Durch mein Nachgeben erreichte ich, dass unser Zusammenleben reibungslos und sogar in einer gewissen Harmonie vonstattenging. Das war schon viel, denn ich musste bald erkennen, dass in vielen anderen Häusern das erzwungene Zusammenleben zu unerträglichen Zuständen führte.
So war es in dem Häuschen, das Friedas Vater, der Maurer und Hausschlachter Binnewies, bewohnte. Er hatte sich dieses Haus, unterstützt von Frau und Tochter, mit eigenen Händen erbaut, er hatte die hellen Sommernächte hindurchgearbeitet, er hatte auf den bescheidensten Lebensgenuss verzichtet, er war krumm und lahm geworden, aber er hatte sein Haus hingestellt. So hatte er sich einen Besitz geschaffen, den ihm kein göttliches und menschliches Recht streitig machen konnte, und er konnte sich in keiner Weise damit abfinden, dass er nun in seinem eigenen Hause auf einen einzigen Raum beschränkt werden sollte. Mit derselben Unerbittlichkeit und Härte, die er sich selbst und seinen Angehörigen bewiesen hatte, begegnete er nun auch seinen neuen Hausgenossen. Der alte Mann ersann immer neue Schikanen und Schwierigkeiten, um ihnen die Benutzung der Waschküche und des Holzstalls, ja, sogar des Abtritts unmöglich zu machen. So musste es denn zu jenen blutigen Auseinandersetzungen kommen, bei denen der alte Binnewies mit dem Beil die Flüchtlinge über seine Hausherrnrechte zu belehren versuchte. Er selbst hatte dabei freilich den Kürzeren gezogen, und Frieda kam spätabends, um Herrn Helferdings Hilfe für ihren Vater zu holen, der mit einer stark blutenden Kopfwunde im Bett lag. Da Herr Doktor Helferding über Land gefahren war, setzte sich Frieda zu mir in die Küche. Frieda sagte mir, dass sie ohnehin am nächsten Tag zu mir gekommen wäre, sie hätte etwas Wichtiges mit mir zu besprechen.
»Es betrifft nämlich Anton …«, begann sie etwas verlegen: »Sie werden sich vielleicht wundern, dass ich mich immer noch so um ihn habe, aber ich kann nun einmal nicht von ihm lassen. Ich kann mich auch noch nicht einmal schämen, wenn es so aussieht, als ob ich ihm nachliefe, denn ich habe ihn kennengelernt, wie er wirklich ist, ohne seinen Fimmel. Das kam so: Es sind nun wohl schon fünfzehn Jahre her, da spielten wir Kinder mal auf dem Feuerteich, der zugefroren war. Das Eis hatte aber noch eine dünne Stelle, und da musste natürlich der kleine Erich Paland einbrechen, dieser Unglücksrabe. Im Sommer war er vom Baum gefallen und hatte sich den Arm gebrochen, und dafür hatte er von seinem Vater noch eine Tracht Prügel bezogen. Nun steckte er bis an den Kopf im muddigen Wasser und konnte auch nicht wieder heraus, denn das Eis bröckelte an der Einbruchsstelle immer mehr ab. Wir anderen Kinder konnten nur schreien, und die meisten liefen weg. Bloß Anton, das sehe ich noch genau vor mir, der war der Einzige, der das Herz auf dem rechten Fleck hatte, der lief gleich in den nächsten Garten und holte ein Bündel Bohnenstangen und warf sie über das Eis, und dann kroch er auf ihnen so weit vor, dass er Erich fassen konnte, und dann zog er ihn heraus. Und damit seine Eltern nichts merkten, nahm er ihn mit nach Haus und setzte ihn an den Ofen und trocknete seine Kleider. Na ja, seine Prügel hat Erich ja denn doch gekriegt, aber da konnte Anton nichts für, der hat es gut im Sinn gehabt … Und der hat es auch heute noch gut im Sinn, das weiß ich ganz genau, wenn er auch jetzt diesen Baron in die Hände gefallen ist, mit dem er zusammen Fleisch und Kaffee und Zigaretten und alles Mögliche andere verschiebt. Und wegen dieser Geschäfte wollte ich gerade mal mit Ihnen sprechen …«
Sie hatte sich warm geredet, und Tränen waren ihr in die Augen getreten. Wie ich sie so vor mir sitzen sah mit ihrem reichen, wohlgepflegten Haar und ihren großen braunen Augen, mit ihrem schmalen Gesicht, dessen strenge Züge sich jetzt in einer aufwallenden Röte gelöst hatten, da musste ich dem Urteil des Pastors beipflichten, der sie »ein verflixt hübsches Mädchen« genannt hatte.
»Ich will nun nicht weiter drumherum reden …«, fing Frieda wieder an, »also … mir hat einer erzählt, der es genau wissen muss, dass bei Ahlswedes in den nächsten Tagen Haussuchung gehalten wird. Man hat nämlich Anton im Verdacht, dass er große Mengen Lebensmittel aus Schwarzschlachtungen in seinem Haus lagern hat. Wenn ich nun Anton selbst warnen würde, dann käme er vielleicht auf den Gedanken, dass ich bei ihm anschmusen wollte, und der alten Mutter kann ich mit so etwas auch nicht kommen, die würde ja halb verrückt vor Angst und macht womöglich noch Dummheiten. Und da habe ich mir gedacht: Du gehst mal zu Frau Doktor Löhnefink und sagst ihr Bescheid, die kann sich Anton mal vornehmen.«
Ich nahm mir also Anton vor. Anton zeigte sich keineswegs beunruhigt, erklärte vielmehr gelassen:
»Die sollen nur kommen, bei mir werden sie nichts finden. Mit dem Besuch solcher Schnüffler muss ja jeder anständige Mensch heutzutage rechnen.«
»Kannst du dich denn wirklich noch zu den anständigen Menschen rechnen, Anton? Diese Schiebungen mit Lebensmitteln sind doch wirklich ein recht schmutziges Geschäft. Durch den Schwarzhandel wird ja das bisschen, auf das die Ärmsten angewiesen sind, um nicht gerade zu verhungern, noch weniger.«
Anton schien durch meine Worte doch etwas betroffen zu sein, er schwieg eine Weile. Schließlich sagte er:
»Wenn Sie das so auffassen, haben Sie ja eigentlich recht … Es wäre vielleicht besser, wenn ich mich auf andere Artikel konzentrierte, es gibt ja so manches, was nicht unbedingt zum Leben notwendig ist, für das aber viele Menschen gern ihr Geld ausgeben … Aber woher wissen Sie denn überhaupt, dass bei mir geschnüffelt werden soll?«
»Ich weiß es von Frieda. Sie hat mich gebeten, dich zu warnen.«
»Aha … Das hätte ich mir ja beinahe denken können. Die weiß das natürlich vom Landjäger Haberstroh. Ist ja doch ein gutes Mädchen, die Frieda … Ich hätte sie ja auch wohl heiraten können, aber … wenn man so etwas anderes kennengelernt hat … Na ja, das ist nun vorbei. Sie können sie ja mal grüßen und sagen, ich ließe ihr danken für die gute Absicht.«
Pastor Fänger war plötzlich ernsthaft erkrankt. Herr Doktor Helferding, der sogleich hinzugezogen wurde, stellte eine Lungenentzündung fest. Er machte ein bedenkliches Gesicht, bei Leuten dieses Alters sei das immer eine gefährliche Sache …
Ich war nicht einmal sehr überrascht, als ich diese traurige Nachricht erhielt, ich hatte fast mit solcher Katastrophe gerechnet. Bei meinem letzten Besuch im Pfarrhaus hatte er mir einen abenteuerlichen Plan entwickelt, der auf nichts anderes hinauslief als darauf, ein wirkliches und wahrhaftiges »Jungbad« zu nehmen. Bei seinen wiederholten Besuchen in der Grundmühle hatte er sich schließlich davon überzeugt, dass Frau Schmelzkopfs lächelnde, aber beharrlich ablehnende Haltung nicht als das mädchenhaft scheue Ausweichen zu deuten sei, das er sich vorzugaukeln beliebt hatte. Vielmehr war in ihm die Erkenntnis gereift, dass es der Altersunterschied von lächerlichen dreißig Jahren sei, über den die arme Frau sich nicht hinwegsetzen konnte. Nun war es ja sein Plan, wieder zum Jüngling zu werden, aber die Mittel, mit denen er diesen Plan zu verwirklichen suchte, waren zwar erprobt, wirkten jedoch für diesen besonderen Zweck zu langsam. Hier musste also etwas geschehen, und zwar schnell. Und nun sollte ihm bei einem Krankenbesuch, den er der Frau des Halbspänners Huchthausen machte, eine halb scherzend hingeworfene Bemerkung des Ehemannes den rechten Weg weisen! Der alte Bauer hatte ihm beim Abschied gesagt:
»Ja, da ist ja wohl nun nicht mehr viel zu machen. Die hat eben ihre 75 Jahre auf dem Buckel … Das Einzige wäre, dass man sie noch mal zum Hünenborn brächte. Da wird einer ja dreißig Jahre jünger, wenn er da drin badet.«
Diese Bemerkung war dem Pfarrer eine Erleuchtung. Sie erschien ihm wie eine Führung des Schicksals, das ihm den Weg in die Tiefe des Volksglaubens weisen wollte. Er ging der Hünenbornsage nach und bekam durch eifriges Nachforschen bei den ältesten Leuten glücklich heraus, dass man in diesem Quell genau um die mitternächtliche Stunde einer Vollmondnacht steigen müsse, um dreißig Jahre jünger zu werden. Dreimal müsse man untertauchen, und dann dürfte man sich beileibe nicht abtrocknen, über den nassen Körper müsse man die Kleider ziehen und so nach Hause gehen.
»Früher«, hatte mir der Pfarrer bedeutet, »hätte ich über einen so albernen Aberglauben gelacht. Aber abgesehen davon, dass in der modernen Medizin das Wasser wieder zu Ehren gekommen ist, bin ich heute grundsätzlich anderer Ansicht in der Beurteilung des sogenannten ›Aberglaubens‹ In diesen verachteten Sagen haben sich die Erfahrungen aus Jahrzehntausenden verdichtet, aus einer Zeit jedenfalls, da die Menschen dem Wirken des Irrationalen noch voll aufgeschlossen waren, in ihrer Hingabefähigkeit noch nicht verkümmert durch diesen lächerlichen Stolz auf die Errungenschaften ihrer Zivilisation. Man muss nur den Mut haben, aus dem Aberglauben den Glauben zu machen. Und ich habe den Mut.«
Er hatte den Mut gehabt – und nun hatte er seine Lungenentzündung. Als ich jetzt an sein Krankenlager eilte, konnte ich ihn mir so recht lebhaft vorstellen auf seinem mitternächtlichen Gang durch den Wald zum Hünenborn, der am Fuß einer alten germanischen Fluchtburg entsprang, um sein eiskaltes Wasser alsbald in einem von uralten Eichen umschatteten Becken zu sammeln. Ich sah ihn in dieser Wildnis fröstelnd seine Kleider ablegen und dann mit einer Art böser Entschlossenheit in das Becken steigen. Ich sah ihn, wie er bis ins Mark erschauerte bei seinem dreimaligen Untertauchen, und ich sah ihn schlotternd vor Kälte mit nassen Gliedern in die Kleider fahren und zurückhasten …
Und jetzt sah ich ihn leibhaftig in seinem Bett liegen. Er lag da mit fieberglühenden Wangen, mühsam um Atem ringend und schon so schwach, dass er kaum sprechen konnte. Immerhin war er fähig, flüsternd einen Scherz vorzubringen, der mich hoffnungsvoll stimmte:
»Ich fühle mich gar nicht wie vierzig Jahr, eher wie hundert. Vielleicht habe ich einen Fehler bei meinem Bad gemacht …« Mit einem schwachen Lächeln fügte er hinzu: »Oder sollte es zu dieser Kur gehören, dass der Körper erst einmal tüchtig durchgeschmolzen wird …?«
Ich war in ernster Sorge um den alten Mann. Herr Doktor Helferding, der bald darauf wieder erschien und dem ich mitteilte, dass ich die Pflege übernehmen würde, versprach mir, sein Bestes zu tun. Er entwarf einen Heilplan, der mir denn auch Vertrauen einflößte:
»Wir wollen«, so erklärte er, »die neuen Mittel selbstverständlich anwenden, aber auch auf die bewährten alten Mittel nicht verzichten. Ich denke mir, wir machen zuerst einen kräftigen Sulfonamid-Stoß, am besten vierzehn Tabletten pro Tag, dann geben wir Chinin und Kampfer und regelmäßige Injektionen zur Stützung des Kreislaufs, außerdem C-Vitamine. Und die guten alten feuchten Wickel wollen wir auch nicht vergessen.«
Ich hatte also allerlei zu tun mit den Einzelheiten dieses Planes und kam Tag und Nacht nicht zur Ruhe. Diese anstrengende Pflege sollte aber die schönsten Früchte tragen, zumal die Sulfonamide sehr bald eine erstaunliche Wirkung zeigten. Das Fieber fiel innerhalb vierundzwanzig Stunden von vierzig Grad auf normale Temperaturen. Wenn auch eine große Schwäche für längere Zeit zurückblieb, so hob sich doch der Appetit und damit auch bald das Allgemeinbefinden. Doktor Helferding konnte mir schon nach wenigen Tagen eröffnen, dass Herr Pastor Fänger über den Berg sei.
Herr Pastor Fänger war aber nicht nur leiblich, sondern auch seelisch über einen Berg gekommen. Eines Morgens überraschte er mich mit einer Art Beichte:
»Heute muss ich einmal als Seelsorger zu Ihnen reden, aber als einer, der sich um seine eigene Seele sorgt.
Ich hatte mit meinem Leben abgeschlossen und war bereit, vor Gottes Thron zu treten. Ich prüfte mich auf Herz und Nieren, ob ich vor ihm bestehen konnte, ob ich mein Leben richtig gelebt hatte. Ich prüfte auch die Vorwürfe, die ich von meiner guten Frau so oft gehört hatte. ›Otto‹, sagte sie, ›du bist schrecklich, wenn du dir etwas in den Kopf gesetzt hast.‹ Ja, ich war schrecklich, das sehe ich jetzt ganz klar. Ich war selbstsüchtig und rücksichtslos bei der Durchführung meiner immer neuen Ideen, und wenn ich nicht zum Dieb oder Mörder geworden bin, so habe ich das nur der Gnade meines Herrgotts zu verdanken, der mir die schwersten Versuchungen erspart hat. Ich bin auch oft zum eitlen Narren geworden und ich glaube, besonders in der letzten Zeit. Meine Frau hat viel Geduld mit mir haben müssen, und auch Sie, liebe Freundin, haben allerlei mit mir durchgemacht. Sie haben viel für mich getan, und jetzt habe ich noch eine Bitte an Sie …«
Er zögerte etwas und fuhr dann mit leiser Stimme fort:
»Sagen Sie doch bitte jener Frau, dass ich mich aufrichtig schäme, sie in so törichter Weise belästigt zu haben. Und dass ich mich freuen würde, das ein wenig gutmachen zu können. Wenn ich jetzt an meinen letzten Besuch in der Grundmühle zurückdenke, so sehe ich doch klar, was ich damals in meiner Eitelkeit nicht wahrhaben wollte – dass zwischen Frau Schmelzkopf und dem jungen Hartmann ein recht inniges Einverständnis herrscht. Es würde für mich eine große Freude sein, wenn ich dieses Paar noch einmal vor dem Altar zusammentun könnte.«
Ich glaube, ich hatte Tränen in den Augen, als ich ihm versprach, seinen Auftrag auszuführen …
Der Pfarrer war genesen, und ich war in mein Haus zurückgekehrt. Prompt erschien nun auch Anton, um mir seinen inzwischen fertiggestellten Wagen vorzuführen. Anton lud mich ein, mit ihm eine kleine Probefahrt in das Hilsgebirge zu unternehmen. Der Wagen schnurrte nur so die Berge hinauf, Anton brauchte kaum zu schalten.
Eines Tages tauchte auch der Major wieder auf. Er hatte sich mit seinem ehemaligen Burschen ausgedacht, dass sie zusammen Fernfahrer werden wollten.
Er konnte auch die junge Frau nicht vergessen, die ihn vor der Militärstreife gerettet hatte.
Und da er es noch nicht verantworten konnte, sie um ihre Hand zu bitten, hatte er den sehnlichen Wunsch, sie wenigstens öfter zu sehen. Das war vielleicht der Hauptgrund, weswegen er so ruhelos war und gern Fernfahrer werden wollte.
Wir saßen gerade im Wohnzimmer, als sich plötzlich die Tür öffnete.
Auf der Schwelle standen Vera und der Major. Sie standen Hand in Hand, und sie lächelten beide.
Da wusste ich, dass ich mir um Veras Schicksal keine Sorgen mehr zu machen brauchte.
13. Kapitel
Es war wieder einmal ein warmer, leuchtender Sommermorgen – wir schrieben das Jahr neunzehnhundertsiebenundvierzig.
Wilhelm war wieder da. Ja, zum ersten Mal seit vielen Jahren saß ich wieder neben meinem Mann im Auto. Vor wenigen Tagen erst war er aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückgekommen. Er war körperlich in leidlichem Zustand, aber die Enttäuschung, die ihm seine so gänzlich veränderte Häuslichkeit bereiten musste, ließ bald eine beängstigende Gereiztheit in ihm aufkommen. Zwar war er mit Doktor Helferding bald zu einer Verständigung über eine gemeinsam auszuübende Praxis gekommen, und auch das Wohnungsamt hatte versprochen, die fünfköpfige Familie des Chauffeurs anderweitig unterzubringen, aber vorerst hatte mein armer Heimkehrer sich doch mit einer sehr beengenden Hausgemeinschaft abzufinden, die ihm durch die »flottgehende Praxis« der Frau Helferding und ihres Pendelmediums nicht traulicher wurde. So hatten wir uns denn kurz entschlossen, uns für ein paar Tage freizumachen und einen Besuch auszuführen, der mir doppelt am Herzen lag: Einmal hatte ich Vera schon seit langem das Versprechen gegeben, ihr meinen Mann gleich nach seiner Entlassung vorzuführen, und zum andern hatte sie mich jetzt nochmals dringlich gebeten, die unlängst zur Welt gekommene kleine Eva zu bewundern.
Ich hatte Wilhelm natürlich die Wichtigkeit dieses Besuches klarzumachen versucht. Aber wie ich in den letzten Tagen schon oft bemerkt hatte, dass er mit seinen Gedanken noch in Russland war und ich alle meine Worte an ihm vorbeiredete, so musste ich auch jetzt wieder feststellen, dass ihm Zweck und Ziel dieser Fahrt noch nichts bedeuteten. Ich erschrak ein wenig, als er mich bei den letzten Häusern des Dorfes fragte:
»Sag mal, wohin fahren wir eigentlich? Ich weiß natürlich, zu deiner Freundin. Aber, entschuldige, es ist mir immer noch nicht ganz klar, was es nun eigentlich mit dieser berühmten Vera auf sich hat.«
Und nun erzählte ich ihm, was es mit dieser Vera auf sich hatte. War Wilhelm anfangs noch etwas zerstreut gewesen, so bemerkte ich doch zu meiner Freude, dass er meiner Erzählung mit immer stärkerer Anteilnahme folgte. Bei kleinem stellte er es ein, nervös an seiner kalten Pfeife zu saugen, und schließlich legte er sie ganz zur Seite. Wir hatten unser beengendes Tal hinter uns gelassen und waren auf der befreienden Höhe des »Odfeldes« über Eschershausen angekommen. Angesichts der ungeheuren Aufgeschlossenheit dieser Landschaft aus weithin verblauenden Kuppen und Bergzügen löste sich seine Verkrampfung in einem ersten beglückenden Lächeln:
»Dass Vera zu ihrem Recht gekommen ist, habe ich inzwischen gemerkt. Aber was ist aus den anderen Mitwirkenden geworden? Es wäre doch nett, wenn du mir das wenigstens in großen Zügen erzähltest.«
Und ich erzählte es ihm:
Der von mir vorausgeahnte Sturz des feinen Anton vollendete sich. Anton wurde von zwei Landjägern erwartet und aus dem Wagen heraus verhaftet. Die Polizei hatte nochmals eine Haussuchung bei Ahlswedes vorgenommen, und dieses Mal wurde sie geradezu gezwungen, etwas zu finden. Die Beamten hatten das Haus vom Keller bis zum Dachgeschoss ohne Eifer und deshalb auch vielleicht ohne Ergebnis durchsucht, sie waren schon dabei, den Boden zu verlassen, als das leichte Künstlerblut des Meisters Ahlswede die letzte Gelegenheit ergriff, sich mit einer kühnen Herausforderung des Schicksals noch einmal in Szene zu setzen.
»Wir haben reine Sache, hier kann keiner was finden!«, rief er prahlerisch den Beamten zum Abschied zu, und zur Bekräftigung seiner Worte klopfte er mit geballter Faust herausfordernd gegen eine Gipswand, die kunstlos gefügt und wenig überzeugend einen größeren Winkel des Bodenraumes verschloss.
Ein schweres Poltern übereinander stürzender voller Büchsen folgte seinen Worten. Der Landjäger Haberstroh warf ihm, wohlwollend wie er nun einmal war, einen Rettungsring zu und sagte augenzwinkernd:
»Ihr habt aber tüchtig Ratten im Hause, Meister Ahlswede. Und hungrig scheinen sie auch zu sein, sonst würden sie nicht am hellen, lichten Tage solchen Krach machen.«
Der vermessene Drang, diese Szene zu Ende zu spielen und auch die letzten Grenzen der polizeilichen Geduld abzutasten, ließ den Meister die kühnen Worte finden:
»Betreffs Ratten, da können Sie lange suchen. Und wenn wir welche hätten, dann fänden sie auch was zu fressen. Bei uns hungert keiner, das können Sie sich mal merken!«
Diese letzten Worte hatte er mehr an den fremden, aus der Kreisstadt gekommenen Polizeibeamten gerichtet, und der war es denn auch, der sich diese Worte merkte.
»Tja …«, sagte er mit einem beinahe resignierenden Achselzucken, »wenn partout keine hungrigen Ratten da sein sollen, dann hilft es ja nun nichts, dann müssen wir doch mal nachsehen.«
Er sah nach, indem er eine Gipsplatte, die eigentlich nur angelehnt war, entfernte. Es kamen an die zweitausend Büchsen mit Eingeschlachtetem zutage. Sie waren kunstvoll aufgebaut, sie bildeten zwar eine massive Grundlage, erhoben sich auf ihr aber zu steilen Türmen, zierlichen Bastionen und allerhand anderen spielerischen Gebilden von leicht zu erschütterndem Gleichgewicht.
Immerhin waren diese Büchsen gewichtig genug, um Antons Verhaftung zu veranlassen, der bald darauf seine Verurteilung zu einem Vierteljahr Gefängnis folgte.
Als der feine Anton nach Verbüßung seiner Strafe entlassen wurde, stand Frieda vor dem Tor des Gefängnisses. Sie, die in weit weniger gewichtigen Angelegenheiten stets zu Anton gehalten hatte, bekannte sich auch jetzt zu dem mit zwei Tonnen Schweinefleisch belasteten Jugendgeliebten. Nach vier Wochen war sie seine Frau, und Anton war wieder ein ehrsamer Dachdeckermeister.
Sein Lehrmeister in der Kunst des Schwarzhandels, der Baron von der Eck, war seit dem Tag der Haussuchung verschwunden. In Wenzen ist er nie wieder gesehen worden, aber einige unternehmungslustige Dörfler behaupteten, ihn in Hannover und auch in Hamburg gesehen zu haben. Albert Arnd behauptete sogar, vor dem Hauptbahnhof in Hannover von dem Baron eine Büchse gemahlenen, echt amerikanischen Kaffees eingehandelt zu haben. Als er sie dann zu Hause öffnete, gewärtig des berauschenden Aromas, fand er nichts als Gips darin – dies wäre also der letzte Gruß des Barons an Wenzen gewesen, wenn man dem freilich von jeher etwas großsprecherischen Albert Arnd Glauben schenken will …
Erfreulicheres ist von seiner Frau zu berichten. Sie ist auf dem Wege, den sie gleich nach ihrer Ankunft so tapfer beschritten hatte, zielbewusst und erfolgreich weitergegangen. Bald nachdem sie ihren Gemüseladen in Wenzen eingerichtet und zur Blüte gebracht hatte, wurde ihr vom Kreiswirtschaftsverband eine Großverteilungsstelle für Obst und Gemüse übertragen. Es kam ihr nun zustatten, dass sie aus der Hinterlassenschaft ihres verschwundenen Gatten noch zwei Pferde gerettet hatte. Zu jener Zeit konnte man die zierliche junge Frau wöchentlich zweimal ihr Gespann nach Einbeck lenken sehen, wo sie ihre Ware in Empfang nahm. Mit dem stärkeren Einströmen der Flüchtlinge aus dem Osten vergrößerte sich ihr Betrieb bald so sehr, dass sie einen Knecht einstellen musste, der die Fuhren übernahm. So konnte sie zu Hause bleiben, um sich ganz ihrem Geschäft und ihrem Kind zu widmen. In ihrer Familie hatte sie manche Freude, nicht nur an ihrem prächtig gedeihenden Söhnchen, sondern auch an ihrer jugendlichen Mutter, für deren Hochzeitstafel sie bald die feinsten Gemüse und Früchte liefern durfte.
An einem schönen, milden Oktobertag des Jahres neunzehnhundertfünfundvierzig gab Pastor Fänger Irene Schmelzkopf und Karl Hartmann vor dem Altar der Wenzener Dorfkirche feierlich den Segen. Es erfüllte alle Hochzeitsgäste und die reichlich herbeigeströmten Zuschauer mit tiefer Rührung, als sie den kleinen von der Eck seiner bräutlichen Großmutti die Blumen streuen sah …
Im folgenden Frühling erlebte ich wieder eine Hochzeit. Vera von der Eck heiratete den Major von Logan.
Sie heirateten im Mai. Die Hochzeit fand in der »Schwinge« statt, sie wurde ein großes Ereignis für dieses berühmte Lokal. Entgegen dem Rat des Generaldirektors Gerding, der für diese Feier ein im ganzen Weserbergland bestens renommiertes Hotel vorschlug, hatte Vera es durchgesetzt, dass ihr Ehrentag in der Schwinge begangen wurde. Das Haus, in dem sie auf ihrer Flucht eine so warme Geborgenheit gefunden und in dem sie auch die erste schicksalsschwere Begegnung mit ihrem Lebensgefährten gehabt hatte, war ihr zu einer zweiten Heimat geworden …
Diese beiden jungen Menschen würden ihr Schicksal meistern.
Noch während ich erzählte, hatten wir uns bei Bodenwerder über die Weser setzen lassen, und als ich mit meinem Bericht beim Ende angelangt war, fuhren wir schon mitten durch das liebliche Hügelgewoge des lippischen Ländchens. Ich hatte mit meiner Erzählung Wilhelm ganz aus seiner Lethargie herausgerissen, er lachte bei meinen letzten Worten herzhaft auf.
»Das hast du wieder einmal fein gemacht, Löhnefinken! Nun bin ich aber wirklich neugierig auf deine Vera und ihren Major. Sind wir denn noch nicht bald da?«
»Doch – hinter jener Waldecke biegt der Weg nach der Farm ab, die sie sich erarbeitet haben.«
Und nun fuhren wir schon diesen Weg. Wir fuhren durch wogende Weizenfelder, an Kartoffel- und Kleeschlägen vorbei eine kleine Anhöhe hinauf, auf der das neue Wohnhaus errichtet war. In dem neu angelegten Garten waren noch keine Bäume herangewachsen, so war es noch ganz von Sonne überflutet …
Als unser Wagen vor der Haustür hielt, trat Vera heraus. Auf dem Arm trug sie die kleine Eva, die fröhlich krakeelte. Vera aber lächelte uns glücklich entgegen. –
Werksvorschau
Konrad Beste
gehört zu den berühmten Erzählern und Dramatikern unseres Jahrhunderts.
Er wurde am 15. April 1890 in Wendeburg bei Braunschweig als Pfarrerssohn geboren, studierte in München, Berlin und Heidelberg Philosophie. Seine Jugend verbrachte er in Stadtoldendorf im Weserbergland, wohin er auch nach längeren Jahren seines Hamburg-Aufenthaltes in der Mitte seines Lebens zurückkehrte. Dort starb er am 24. Dezember 1958.
In seinen Werken prägt sich die kraftvolle Schilderung, und dort, wo er Humor walten lässt, schürft er aus der Tiefe seines Herzens und zeichnet lebensnah die Menschen, insbesondere aber seine schrulligen Gestalten. Die liebenswürdige Art, wie Konrad Beste erzählt, und sein gepflegter Stil machen auch diese heitere Geschichte der Löhnefinks zu einer amüsanten Lektüre des Wohlbehagens.
Das vergnügliche Leben der Doktorin Löhnefink 160 Seiten DM 4,80
Die drei Esel der Doktorin Löhnefink 160 Seiten DM 4,80
Hier ist die entzückende Geschichte von dem Junggesellen Bernhard Buse, der ins Großstadtleben gerät und umwerfend komische Sachen erlebt. Sein Freund John Hasenjäger hatte ihn aus der Kleinstadt nach Hamburg gerufen, weil er überzeugt war, die richtige Frau für ihn gefunden zu haben.
Deutscher Literatur-Verlag Hamburg 70
Otto Melchert
Klappentext
Konrad Beste
Löhnefinks leben noch
Ein heiterer Roman
Konrad Beste hat für die Nachkriegserlebnisse, die er erzählt, selbst die treffende Formel geprägt. Ein „Löhnefinksches Lächeln“ hellt die tragischen Realitäten auf. Das eben ist das Besondere seiner Erzählkunst, humoristische Gestaltungskraft, die keineswegs verharmlosen will, sondern eine neue Dimension der Geschehnisse aufrollt, die kleinen Alltäglichkeiten: Zwietracht, Streit, Belastungen, Einquartierungen, alles gemeistert mit der Tapferkeit des Herzens. Hinzu kommt die köstliche Typensammlung angenehmer und unerfreulicher Zeitgenossen, geschildert mit dem humorvollen Zwinkern toleranter Menschlichkeit.
Ein Buch, das lesenswert ist und zugleich bewusst machen sollte, dass Kriege, Vertreibungen, Flüchtlingstrecks leider immer noch zum Alltag unserer Welt gehören.
Weitere Informationen zum Buch
„Löhnefinks leben noch“ spielt in den Jahren 1945 bis 1947 im Dorf Wenzen, heute ein Ortsteil der Stadt Einbeck im Landkreis Northeim in Südniedersachsen. Wenzen liegt an der Bundesstraße 64 in einem Tal zwischen den Mittelgebirgen Hils und Elfas und gehört landschaftlich zu Weserbergland und Leinebergland. Der Ort liegt rund acht Kilometer von Einbeck entfernt und zählt heute etwa 650 Einwohner. Er befindet sich an der Bahnstrecke Altenbeken–Kreiensen; der ehemalige Bahnhof liegt am Waldrand des Hils, mehr als einen Kilometer vom Dorf entfernt.
Für den Roman wählte der Autor für Wenzen und einige andere Orte fiktive Bezeichnungen, während alle übrigen Ortsnamen der Realität entsprechen. In diesem Digitalisat wurde das Pseudonym „Hunzen“ durch das tatsächliche Wenzen ersetzt, die „Domäne Odagsen“ durch die reale Domäne Voldagsen und das drei Kilometer westlich von Wenzen liegende Nachbardorf „Flöthe“ durch das echte Dorf Eimen.
Der erfundene Ortsnamen „Holtensen“ wurde beibehalten, da die Zuordnung zu einem realen Ort nicht eindeutig ist. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um die kleine Siedlung Hallensen.
Der fiktive Name „Hunzen“ führte gelegentlich zu Verwechslungen, da nur 22 Kilometer nordwestlich von Wenzen bei der Stadt Eschershausen das reale Dorf Hunzen liegt.
Die Familie des Landarztes Doktor „Löhnefink“ in Wenzen hat ein historisches Vorbild: die Familie Sievers. Der Sohn, Gottfried Sievers, besuchte nach dem Zweiten Weltkrieg gemeinsam mit dem Eschershäuser Kaufmann Lothar Kaese die höhere Handelsschule in Holzminden. Fotografien und persönliche Korrespondenz sind im kaeseschen Familienarchiv erhalten; ein Löhnefink-Buch mit persönlicher Widmung von Gottfried Sievers ging jedoch verloren.
Auch der im Roman auftretende Wenzener Pastor „Otto Fänger“ hat ein reales Vorbild. In Wirklichkeit hieß er Johann Runge und hatte zwei Söhne, die beide das Gymnasium in Holzminden (heute Campe-Gymnasium) besuchten. Runge stammte aus Heyen bei Bodenwerder und war im Ersten Weltkrieg Kamerad von Carl Kaese junior (1892–1968). Beide traten 1914 als Kriegsfreiwillige in das Infanterie-Regiment 164 ein. Runge beendete den Krieg als Leutnant. Aufzeichnungen über ihn finden sich in den Kriegserinnerungen Carl Kaeses. Lothar Kaese erinnert sich noch heute an die Besuche des eigenwilligen Pastors.
Die Gaststätte „Zur Wilhelmsbrücke“ existierte tatsächlich. Sie lag in Kuventhal bei Einbeck und gehörte, wie im Buch beschrieben, dem Gastwirt Oskar Panitz. Direkt in der Nähe der Gastwirtschaft überquerte eine nach König Wilhelm IV. von Hannover benannte Brücke von 1831 das Tal des Krummen Wassers. Über sie führte die heutige Bundesstraße 3, die den Ort durchquert. 1957 wurde die ursprüngliche Konstruktion durch eine moderne Straßenbrücke ersetzt. Seit dem Bau der modernen, höheren, Straßenbrücke floß der Verkehr nicht mehr direkt an der Gaststätte vorbei. Im Jahre 1960 wurde im Einbecker Gebiet dann die Autobahn 7 eröffnet, wodurch sich der Nord-Süd-Fernverkehr von der Bundesstraße auf die Autobahn verlagerte. Die um 1900 gegründete Gastwirtschaft bestand mehr als ein Jahrhundert und wurde im Herbst 2020 geschlossen. Das heute als Wohnhaus genutzte Fachwerkhaus hat die Adresse „Zur Wilhelmsbrücke 1“ in Einbeck-Kuventhal.
Die Figur „Carl Wilhelm Gerding“ geht auf Carl‑Wilhelm Gerberding (1894–1984) zurück, den Gründer und Eigentümer des Holzmindener Unternehmens Dragoco. Sein Sohn Carl-Heinz („Karl-Heinz“ im Buch) übernahm nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen mit seinem Bruder Horst die Geschäftsleitung der Firma. Nach Auskunft von Lothar Kaese bestätigt sich hier ein weiteres Detail des Romans: Gottfried Sievers war Soldat und kehrte gemeinsam mit Carl-Heinz Gerberding aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Die gerberdingsche Firma Dragoco fusionierte 2003 mit dem ebenfalls in Holzminden ansässigen Unternehmen Haarmann & Reimer zur Symrise AG, einem bis heute bestehenden Großkonzern der Geruchs- und Geschmackstoffindustrie. Im ersten Band der Reihe (Das vergnügliche Leben der Doktorin Löhnefink) trug der Mäzen des Autors noch den Namen „Carl Wilhelm Dieckmann“ und war dort als Inhaber eines Holzwerkes dargestellt.
Der im Buch geschilderte Raubüberfall auf die „Grundmühle“ der Müllerfamilie Hartmann und der Mehrfachmord in der „Hennebergsmühle“ beruhen leider auf realen Ereignissen. Am 28. Januar 1946 wurde die Große Mühle der Domäne Voldagsen von einer polnischen Bande überfallen, wobei drei Menschen ermordet wurden.
Im Roman wird geschildert, wie die Amerikaner am frühen Morgen des 8. April 1945 Eimen erreichten und im Laufe des Tages weiter nach Wenzen und Kuventhal vorrückten. Diese Darstellung entspricht den historischen Abläufen: Bereits am 7. April standen US-Truppen im vierzehn Kilometer nordwestlich gelegenen Eschershausen, und am 9. April übernahmen sie Einbeck, acht Kilometer südöstlich.
Am früheren Wohnhaus des Autors, dem „Sperberhaus“ in der Kellbergstraße 52 in Stadtoldendorf, ist ein Gedenkstein mit einer Inschrifttafel angebracht. Südlich von Wenzen in Blickrichtung Eimen befindet sich ebenfalls ein Gedenkstein für Konrad Beste.
Notizen zur Digitalisierung des Originals
Titel: Löhnefinks leben noch
Untertitel: Ein heiterer Roman
Autor: Konrad Beste (1890–1958)
Erstveröffentlichung: 1950
Verlag: Deutscher Literatur-Verlag Otto Melchert, Hamburg
Satz: Mero-Druck Otto Melchert KG (GmbH & Co.), Geesthacht an der Elbe
Konrad Beste schrieb drei Bücher über die Familie Löhnefink: „Das vergnügliche Leben der Doktorin Löhnefink“ (1934), „Die drei Esel der Doktorin Löhnefink“ (1937) und „Löhnefinks leben noch“ (1950).
Die hier digitalisierte Ausgabe des dritten Bandes der Reihe ist ein Taschenbuch aus dem Jahr 1984 im Format von 18 cm × 11,5 cm. Der Buchblock hat 160 Seiten. Gesetzt wurde es in der Antiqua-Schrift Times New Roman; Textauszeichungen gibt es keine. Auffällig ist die abweichende Schreibweise des Autorenvornamens: Auf dem Vorderdeckel steht er mit „C“, auf Buchrücken und Rückdeckel hingegen korrekt mit „K“.
Für diese Digitalisierung diente ein Buch aus kaeseschem Familienbesitz als Vorlage.
Für das Digitalisat sind die wenigen Satzfehler korrigiert, einige behutsame stilistische Änderungen vorgenommen, sowie Schreibweisen an die aktuelle Rechtschreibung angepasst. Absätze sind vom Original übernommen.