»Die ersten Erbsen aus eurem Garten waren wirklich wundervoll zart, liebe Grete.«
Meine Freundin Erna, die Kreisfürsorgeschwester, die mit meinem Mann und mir auf der Veranda unseres Hauses beim Mittagessen saß, hatte indessen nicht lange Zeit, ihren schwelgerischen Erbsenerinnerungen nachzuhängen, denn schon kam Lina mit einer großen Schale eingezuckerter Erdbeeren an den Tisch. Ernas blaue Augen wurden weit und senkten sich zärtlich auf das purpurne Alpenglühen des Erdbeergebirges, darauf der Schnee des dicken weißen Zuckers zu schmelzen begann.
»Ach, Erdbeeren …«, hauchte sie entzückt.
»Leider ist die Schlagsahne sauer geworden«, sagte Wilhelm ernst und blickte vorwurfsvoll in den Schein der Junisonne, die, schwer und heiß über dem Garten brütete. Dieser Schimmer von Missbilligung verschwand auch nicht aus seinen Zügen, als er die erste süße Frucht in den Mund schob, vielmehr hielten ihn ernste Sorgen weiter gefangen.
»Übrigens, was ›sauer‹ anlangt – wir sprachen doch vorhin vom Sauerkraut. Es ist merkwürdig, dass es den Hausfrauen so selten gelingt, dieses gesunde, wohlschmeckende Gericht einwandfrei herzustellen. Und dabei ist es so einfach, es gehört nichts als die nötige Menge Salz dazu. Die meisten Frauen nehmen zu viel Salz, das hat zur Folge, dass die Gärung vorzeitig unterbrochen wird, um nachher im Körper wieder einzusetzen und die bekannten unangenehmen Erscheinungen hervorzurufen, zum Beispiel … na, also der gastro-kardiale Symptomenkomplex …«
Hier unterbrach ich meinen Mann, der, wie schon so oft in der letzten Zeit, wieder einmal der Unsitte huldigte, am falschen Ort und zur falschen Stunde die reichen Erfahrungen aus seiner ärztlichen Tätigkeit auszukramen.
»Du bemühst dich erfolgreich, unserem Gast und mir die Erdbeeren schmackhafter zu machen. Hör doch endlich auf mit deinem Sauerkraut! Seit Jahren mache ich es nach dem bewährtem davidisschen Rezept ein, es hat dir immer gut geschmeckt, und du hast auch nie Komplexe bekommen. Nur in der letzten Zeit, wo eigentlich dein Bauchansatz schon deutlich zeigt, wie gut dir mein Essen bekommt, findest du anscheinend viel Genuss daran, dir die Speisen außer mit Pfeffer und Salz noch mit einer kräftigen Dosis Kritik zu würzen.«
Wilhelm hatte nur unwillig zugehört. Er stand auf, murmelte etwas von den »engen Grenzen der weiblichen Psyche, der es versagt sei, sich in die Sphäre objektiver Kritik zu erheben«, und verließ uns.
»Unseres Herrgotts Tiergarten ist groß …«, seufzte ich vor mich hin.
»Auch für alte störrische Esel ist darin Platz«, meinte Erna, indem sie lächelnd die letzte Erdbeere mit der Zunge zerdrückte. »Ich finde tatsächlich, dein Wilhelm hat sich in letzter Zeit merkwürdig verändert, er kommt mir wahrhaftig oft vor wie ein störrischer Esel. Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, wenn ich mich mit diesen offenen Worten in die eisige Höhe objektiver Kritik erhebe …«
»Durchaus nicht! Vielleicht kannst du mir sogar einen Rat geben, wie so ein störrischer alter Esel wieder leidlich zur Vernunft gebracht werden kann. Dein Beruf hat dir doch die tiefsten Einblicke in schwierige Familienverhältnisse gewährt.«
Diese Veränderung in meines Mannes Wesen, über die Erna sich mit so dankenswerter Offenheit aussprach, war natürlich auch mir schon längst zum Bewusstsein gekommen. Meine sorgenvollen Gedanken hatten sich oft damit beschäftigt. Ich war mir darüber klar, dass Wilhelms reiche Anlagen, seine unbegrenzte innere Anteilnahme an allen Lebensfragen in dem enggebundenen Leben eines Landarztes zu verdorren drohten. So war es mir seit langem als eine Notwendigkeit erschienen, dass er sich für einige Wochen in jedem Jahr aus seiner gewohnten Umgebung völlig löste, um als freier Mensch, ohne Weib und Kind, auf Reisen sich selbst wieder zu begegnen. Aber Wilhelm hatte in den letzten Jahren nicht einmal mehr Urlaub genommen. Stattdessen hielt er Vorträge über die richtige Zubereitung von Sauerkraut. Ich war nun wirklich am Ende mit meiner Weisheit, und so kam es, dass ich eine letzte Hemmung überwand und meine lebenskluge Freundin Erna um Rat anging für die Behandlung meines geliebten Esels …
Und Erna hatte einen solchen Rat auch wirklich bereit:
»Dein Esel ist futtermüde«, sagte sie nachdenklich, »er muss einmal eine andere Weide begrasen.«
Ich erschrak nun doch etwas und blickte Erna bange fragend an.
»Du brauchst dich nicht weiter aufzuregen«, fuhr die Freundin fort, »ich denke hier keineswegs an tragische Konflikte und möchte um Himmels willen nicht die sogenannten Probleme der sogenannten ›modernen Ehe‹ gewälzt wissen. Es handelt sich nur um eine Kleinigkeit: dein Mann muss sich, auf Deutsch gesagt, einmal wieder tüchtig verlieben. Wenn du schon aus den reichen Erfahrungen meines Berufslebens schöpfen möchtest, so kann ich dir mit einer Beobachtung dienen, die ich gerade jetzt am Dr. Kilian in Lütgenade gemacht habe. Der Mann war ein unausstehliches Ekel geworden, vor dem das ganze Haus zitterte – nun hat er sich mit seinen sechzig Jahren in seine zwanzigjährige Nichte verliebt und ist plötzlich wie umgewandelt. Ein ganz neuer Mensch ist er geworden; von einer beinahe überschäumenden Liebenswürdigkeit gegen seine fast zu Tod gequälte Frau, die nun richtig wieder auflebt. Du glaubst nicht, wie dankbar die Frau ihrer Nichte ist, sie hat das Mädchen ganz in ihr Haus aufgenommen, will es gar nicht wieder weglassen, stell dir nur vor, wie schön das ist!«
Ich überflog schon im Geist die Reihe unserer Nichten und war im Grunde, glaube ich, ganz zufrieden, als ich feststellen konnte, dass die älteste Kandidatin demnächst ihren zehnten Geburtstag feiern würde, da enthob mich das Geräusch von hastigen Schritten auf dem knirschenden Kies des Gartenweges der peinvollen Bemühungen, über andere Lebensspenderinnen für meinen guten alten Esel nachzugrübeln. Ich drehte mich um und sah zwischen den Stauden, die zu beiden Seiten des Weges üppig in gedrängter Fülle emporblühten, die hohe, wuchtige Gestalt unserer Pastorsfrau auftauchen. Sie kam daher, gestreift von den überhängenden großen Kelchen der blauen und rosafarbenen Glockenblumen, die ersten Lilien waren aufgebrochen und entboten ihr einen feierlichen Gruß, ruhevoll standen die roten Stockrosen am Rande, aber der Rittersporn hatte sich mit der Fülle seiner stahlblauen Blüten herrisch in den Weg gedrängt und schien den ungewohnt hastigen Schritt der Ankommenden hemmen zu wollen.
Nun stand sie vor uns, die wir uns erhoben hatten zu ihrer Begrüßung. Das volle, fleischige Gesicht der Frau Pastor Fänger, das eigentlich immer den Ausdruck ruhiger Güte trug, war von einer befremdenden Erregung aufgewühlt, sie wischte die feinen Schweißperlen von ihrer Stirn, als sie sich zu uns setzte.
»Diese vielen Koffer«, stammelte sie, noch ganz atemlos, »vier Schrankkoffer sind allein dabei, das ist ja fürchterlich. Und diese Person, ›Amme‹ nennt sie sich, das ist ja noch viel schlimmer! Wo das Reitpferd eingestellt werden könnte, hat sie gefragt.«
Sie hielt inne, denn sie musste wohl den Blick aufgefangen haben, den ich Erna zuwarf und der meine wirklich tiefe Besorgnis über ihre offenbare Geistesverwirrung verraten mochte.
»Natürlich«, sagte Frau Fänger mit dem Versuch eines Lächelns, »Sie halten mich sicher für verrückt, liebste, beste Frau Löhnefink. Und halb bin ich es ja auch schon. Aber nun will ich doch versuchen, Ihnen der Reihe nach zu erzählen, was eigentlich vorgefallen ist. Also zuerst hat doch mein Mann auf seiner Reise nach Hamburg den Konsul Ellernkamp im Zuge kennengelernt. Es wird Sie ja nicht wundern, dass die beiden Herren bei der bekannten liebenswürdigen Neugier meines Mannes bald in ein angeregtes Gespräch gekommen sind. Diese Bekanntschaft haben sie bei der zweiten Flasche Mosel im Speisewagen so sehr vertieft, dass dem Konsul das Geständnis einer ihn gerade schwer bedrückenden Familiensorge geschickt entlockt worden ist: seine einzige Tochter Maren war durch eine unglückselige, anscheinend reichlich romantische Liebesgeschichte seelisch und leiblich zusammengebrochen. Dem Konsul lag daran, seine Tochter möglichst bald aus Hamburg zu entfernen, aber nun erhob sich die neue schwere Sorge: Wohin mit ihr? In den berühmten Seelensanatorien witterte der Konsul nur neue Gefahren für die ›komplizierte Psyche‹ seines Kindes, und die üblichen ländlichen Pensionen erschienen ihm als primitive Idyllen, die Maren weder die so nötige innere Befriedigung noch den gewohnten äußeren Komfort zu bieten imstande wären. Bei der dritten Flasche ergab es sich, dass mein lieber Mann wieder einmal in der glücklichen Lage war, zu raten und zu helfen: er konnte ein ländliches Heim vorschlagen, das eine geradezu ideale Verbindung von innerem Frieden und äußerem Komfort bot – nämlich das Pfarrhaus zu Wenzen. Der vierten Flasche blieb es vorbehalten, jene Vereinbarung zustande zu bringen, nach der Fräulein Maren Ellernkamp am ersten Juli für ein Vierteljahr im Hause Fänger Einzug halten sollte. Ich will meinen Mann nicht der Aufschneiderei bezichtigen, vielleicht hat der Konsul ihn unter dem Einfluss der dritten Flasche nur missverstanden, jedenfalls aber scheinen Vorstellungen von unserer Häuslichkeit erweckt worden zu sein, deren Auswirkungen ich heute in Gestalt der sieben Koffer und der als Quartiersmeisterin vorausgeschickten Amme zu meinem Entsetzen kennenlernen musste. Denken Sie sich, dieses Geschöpf hat laut gelacht, als sie unser Badezimmer besichtigte! Und ich war doch so stolz auf unsere neue Errungenschaft. Es ist durch die Waschküche so bequem zu erreichen, und der Hühnerstall darüber hat uns noch nie ernstlich gestört. Es kommt ganz selten vor, dass sich einmal ein Huhn in die Wanne verirrt, aber natürlich hat sich gerade heute eine Glucke zum Brüten dort niedergelassen. Das war ja nun Pech … Über unseren Pferdestall hat die Person auch nur die Achseln gezuckt, das wäre kein Aufenthalt für ein arabisches Vollblut. Das Schlimmste ist, dass Otto ihr nun gleich versprochen hat, er würde sofort ein neues Badezimmer und einen neuen Pferdestall bauen lassen. Während mein Mann zum Maurermeister Watermann gerannt ist, bin ich schnell hierhergekommen. Diese fürchterliche Amme ist eben dabei, die Koffer auszupacken, ich habe sie noch gar nicht zu fragen gewagt, ob sie etwa auch ein Vierteljahr bei uns bleiben will. Vielleicht gehört sie ebenso wie das Reitpferd und die sieben Koffer zum Lebensstil des Fräulein Maren Ellernkamp …«
Erschöpft sank Frau Fänger zurück, sie schloss die Augen und schnaufte hörbar. Unser beider aufrichtiges Mitleid wandte sich ihr zu.
Ich muss gestehen, dass ich im Augenblick dem Einbruch eines so großartigen Lebensstils in unser stilles Dorf ebenso wenig gewachsen war wie Frau Pastor Fänger. Auch Erna brachte nichts als ein Gestammel leerer Redensarten auf, aus denen unter anderem hervorging, dass auf dieser Welt bekanntlich nichts so heiß gegessen würde, wie es gekocht wäre.
Frau Fänger griff nach meiner Hand und umklammerte sie hilfesuchend.
»Nicht wahr, beste Frau Löhnefink – Sie versprechen mir, dass Sie dabei sind, wenn sie ankommt. Und in den ersten Tagen lassen Sie mich am besten überhaupt nicht allein mit Maren Ellernkamp. Können Sie nicht für ein paar Tage oder am besten gleich für ein paar Wochen ganz zu uns übersiedeln? Ihr Mann hat doch gewiss nichts dagegen?« Wieder tätschelte sie zärtlich meine Hand, auf ihren gutmütigen Zügen lag der Ausdruck wahrer Seelenangst. Dieser trefflichen Frau war ich viel Dank schuldig, denn sie hatte mich, als ich meinen Jungen erwartete, aus der Hölle unserer ersten Notwohnung beim Schuster Busse erlöst und liebevoll mütterlich in ihr Haus aufgenommen. Sie hatte mir auch sonst stets hilfreich zur Seite gestanden bei dem schweren Anfang, den ich hier in Wenzen zu bestehen hatte, als ich aus meiner Vaterstadt Altona zur Zeit der schlimmsten Inflation in dieses abseitige Weserdorf verschlagen wurde. So freute ich mich denn geradezu, dass Frau Fänger nun auch einmal meine Hilfe nötig hatte; ich nickte ihr in tiefer Rührung stumm meine Bereitwilligkeit zu.
Erna, immer mit beiden Füßen auf der Erde stehend und durch ihren Beruf an schnelles Entscheiden gewöhnt, hatte gleich einen Plan fertig.
»Das passt ja ausgezeichnet! Ich glaube, Wilhelm wird sehr empfänglich für den Gedanken sein, dass er sich einmal eine Zeitlang ohne dich behelfen soll. Du weißt doch, Eheferien sind immer noch heilsam gewesen. Ich bin überzeugt, dass dein Mann diese Zeit gut nützen und sich nicht etwa damit beschäftigen wird, dir ein neues Kochbuch zu schreiben. Am besten lässt er Konrad kommen, und die beiden führen hier ein Junggesellenleben nach ihrem Geschmack.«
»Lass mich mit dem Dichter in Ruhe!«, rief ich. »Der plündert nur wieder meine Tagebücher aus, und in seinem Streben nach ›innerlich notwendiger Abrundung von Schicksalen‹ lügt er das Blaue vom Himmel herunter. Das Ganze soll ich dann als ›Das vergnügliche Leben der Doktorin Löhnefink‹ erzählt haben! Ich war sehr peinlich überrascht, als ein Buch unter diesem Titel erschien und so meine geheimsten Gedanken ans Tageslicht gezerrt wurden. Wochenlang habe ich mich damals weder in Wenzen noch in Einbeck auf der Straße zeigen können.«
»Dann schließ deine Tagebücher künftig sorgsamer ein. Den Dichter lass nur getrost kommen. Und du gehst zu Frau Fänger.« Erna erhob sich nach diesen Worten, ihr Beruf erforderte noch einige Besuche im Dorfe. Auch die Pastorsfrau stand nun auf, sie schloss mich herzhaft in ihre Arme, als ich ihr versprach, sie in der ersten schweren Zeit mit der neuen Hausgenossin nicht allein zu lassen.
Ich begleitete die beiden Frauen durch den Garten zur Hinterpforte. Schon auf diesem Gang hörte ich hinter den Himbeeren die Geräusche schwerer, qualvoller Arbeit, die von Stöhnen und unterdrückten Flüchen begleitet wurde. Das schrille Klingen eines Spatens, der gegen Steine stieß, das dumpfe Poltern von Erdschollen, dann wieder das zornige Knirschen der Spitzhacke – eine bange Ahnung sagte mir, dass Wilhelm hier am Werke war.
Hinter den Himbeeren lag noch ein Stück Gartenland, das ich selbst vor einiger Zeit mit großer Mühe umgegraben und mit viel Fleiß geharkt hatte. Ich hatte es zur Aufnahme der letzten Kohlsorten, des Braunkohls und des Rosenkohls bestimmt und hatte nur noch den Regen abgewartet, um die Pflanzen zu setzen.
Bald musste ich erkennen, dass meine Ahnung mich nicht betrogen hatte: Wilhelm hatte tatsächlich mein schön geebnetes Kohlland in eine Wüste von Kratern verwandelt! Ich sah ihn in einem tiefen Erdloch halb verschwunden, die Hacke war aus seinen ermatteten Armen gesunken, und er wandte mir ein Gesicht zu, in dessen erloschenen Zügen eine große Traurigkeit lag. Ärger über diesen Zerstörer und Mitleid mit der Hilflosigkeit seines ganzen Gebarens kämpften in mir. Ich wusste wirklich nicht, was ich hierzu sagen sollte, und wollte mich schon schweigend abwenden, da fing er selbst mit müder Stimme zu reden an:
»Hier war alles voll Unkraut, das unbedingt ausgerodet werden musste.«
»Und deshalb wirfst du in meinem Kohlland Schützengräben aus?«
Wilhelm arbeitete sich wortlos aus seinem Erdloch heraus. Zu diesem Loch hin hatte er einen zwei Meter langen, schmalen Graben gezogen, an dem er nun entlangschlich. Am Ende des Grabens hielt er an, er wies auf einen kleineren Krater, der offenbar den Anfang seiner Arbeit bildete.
»Hier stand ein Ackerschachtelhalm«, sagte er ernst, »ich habe die Pflanze entfernt und von hier aus ihre Wurzel verfolgt. Aber ich habe ihr Ende noch nicht gefunden. Wenn es wahr ist, was die Leute sagen«, fügte er nicht ohne Bitterkeit hinzu, »dass nämlich an jedem Wurzelende dieser höllischen Pflanze ein Goldklumpen hängen soll, so muss dieses Gold sauer erarbeitet werden.«
Er schulterte seine Geräte und schickte sich an, den Schauplatz seiner fruchtlosen Bemühungen zu verlassen.
Ich folgte ihm, der gebeugt wie ein alter Mann durch den blühenden Garten dahinging. Als wir uns dem Hause näherten, sagte ich zu ihm:
»Ich werde dich demnächst für einige Zeit verlassen, Wilhelm.«
Er sah mich mit müdem Gleichmut an. Endlich fragte er gelassen:
»Willst du verreisen?«
»Nein. Ich will nur für kurze Zeit zu Frau Fänger ins Pfarrhaus ziehen.«
Und dann erzählte ich ihm, warum mich Frau Fänger gebeten hatte, zu ihr zu kommen.
Ohne Anteilnahme hörte er zu.
»Meinetwegen«, sagte er, indem er sich in sein Sprechzimmer begab, »erwarte aber nicht von mir, dass ich dich dort besuche. Ich habe keine Lust, eurer arroganten Asphaltblüte zu begegnen.«
Und er schloss die Tür hinter sich.
2. Kapitel
Ja, Wilhelm hatte sich wirklich sehr verändert, das hatte mir dieser Tag wieder mit schmerzlicher Deutlichkeit bewiesen. Ernas lebenskluge Ratschläge hatten mir wenig Trost geben können; denn abgesehen davon, dass bei unserem zurückgezogenen Leben kaum eine Aussicht bestand, dieses Rezept der »neuen Weide« auf Wilhelms ernsten Fall anzuwenden, schien mir ein solches Experiment die gefährlichste Ähnlichkeit mit jener Gepflogenheit zu haben, nach der man den Teufel durch Beelzebub austreibt.
Ich schlief die ganze Nacht nicht und kam verweint des Morgens an den Kaffeetisch. Wilhelm hingegen hatte vortrefflich geschlafen, er saß hinter seiner Zeitung verschanzt und bemerkte nichts von meiner Verstörtheit. Ich musste schon in die Küche gehen, um Verständnis und Trost zu finden.
Hier war das Reich unserer Lina. Sie war wirklich »unser« geworden, diese Lina. Vor acht Jahren, beim Einzug in unser neues Haus, war sie zu uns gekommen. In dieser langen Zeit hatte sie uns die Treue gehalten, sie war uns weit mehr geworden als eine Hausangestellte. Dass sie unseren Gottfried, der damals zwei Jahre alt war, mit »großgewartet« hatte, verband sie besonders innig mit dem Jungen und dadurch mit uns. So war es gekommen, dass sie vor mir keine Geheimnisse mehr hatte und dass auch ich mich gelegentlich ihr anvertraute in erleichternder Aussprache. Lina war ein kluges Mädchen, feinfühlig, taktvoll und vor allem verschwiegen. Von der im Dorf herrschenden Seuche des neidvollen Klatsches war sie ganz frei. Im Gegensatz zu dem Urbild des gängigen Hausdrachens, dessen Treue recht eigentlich in dem Mangel an körperlichen Reizen ihre Wurzel hat, war unsere Lina ein schönes, wohlgewachsenes Mädchen, dessen blaue Augen durch den dunkelbraunen Hintergrund der Haare an Leuchtkraft gewannen. So war es nicht ausgeblieben, dass sie viele Bewerber fand, die indessen an Linas allmählich gesteigerten Ansprüchen notwendig scheitern mussten.
An diesem Morgen nahte ich mich unserer Lina mit einem möglichst abgewendeten Gesicht, ängstlich suchte ich die Spuren meiner Tränen vor ihr zu verbergen. So arbeiteten wir eine Weile stumm nebeneinanderher, bis mir ein neuer Seitenblick auf Lina zeigte, dass ihr Gesicht von Tränen nicht minder verwüstet war als das meine. Da blickte gerade auch Lina auf, und so begegneten sich unsere Augen und enthüllten einander unseren gleichen leidvollen Zustand. Und nun, als ob das eine Leid sich an dem anderen nochmals entzünden wollte, brachen die mühsam zurückgehaltenen Tränen in beiden Gesichtern mit neuem Ungestüm los. Wir gaben uns beide der Wohltat dieser Tränen eine Weile schweigend hin. In diesem Wettstreit des Jammers errang ich als erste die Fassung wieder und fragte Lina nach dem Grund ihres Kummers.
»Ach, Ferdinand Hotopp, der hat …«, schluchzend war sie so weit gekommen, aber nun gingen ihre Worte in einem neuen Tränenstrom unter.
Mit Ferdinand Hotopp hatte es folgende Bewandtnis: Ferdinand, seines Zeichens ein Schuster, war seit acht Jahren Linas getreuester Verehrer. Das Haus seines Vaters lag neben dem unseren, und in solcher Nähe konnte es nicht ausbleiben, dass der schüchterne junge Mensch alsbald der Macht dieser blauen Sterne erlag, die da unverhofft über seinem liebearmen Leben aufgegangen waren. Ferdinands mutterlose Kindheit, war so trostlos gewesen, wie sie dem Sohn eines selbstsüchtigen Säufers, der seine Frau in ein frühes Grab getrieben, nur beschieden sein kann. Aber diese durch viele Schläge und eine allzu magere Kost verdüsterte Kindheit hatte ihn nicht verbittert. Zwar war er, klein, schmächtig und blass, ein rechter Kümmerling geblieben, doch hatte sich in diesem armen Körper eine feste, unverbogene Seele erhalten. Er war fröhlich, schaffensfreudig und von einer steten Hilfsbereitschaft, die er nun auch seinem unmenschlichen Vater in reichem Maße erwies. Der alte Hotopp war durch eine Alkoholneuritis zum Krüppel geworden, gelähmt und ganz von der Hilfe seines Sohnes abhängig. Ferdinand musste ihn bedienen wie ein kleines Kind, ihn füttern, an- und auskleiden und seinen Rollstuhl in die Sonne fahren. Dann zeigte der Alte, wie wenig er es verdiente, dass ihn diese Sonne beschien; mit ewigem Greinen, mit unflätigen Beschimpfungen des Sohnes dankte er diesem seine unverdrossene Freundlichkeit.
Für Lina, die zumal im Anfang dieser Bekanntschaft zu jung war, um Ferdinands grundgediegene Wesensart gebührend zu schätzen, kam der Nachbar als ernsthafter Bewerber nicht in Betracht. Niemals von Lina als Liebhaber anerkannt, hielt er ihr dennoch auf seine rührende und anspruchslose Art die Treue. Den ehrlichen Ernst seines so wenig aussichtsreichen Werbens zeigte er ihr im Dienen: Beinahe täglich kroch er durch den Gartenzaun, von dem er einige Latten vorsorglich gelockert hatte, zu uns herüber, leistete ihr in Haus und Küche entsagungsvolle Handlangerdienste, reichlich belohnt durch ein freundliches Wort aus Linas Mund. Als geschickter Gärtner hatte er eine Anzahl wilder Rosensträucher veredelt und sie als Geschenk für Lina in unseren Garten gepflanzt; ihre dunkelrote Glut kündete in jedem Sommer neu von der steten, unverminderten Macht seiner Liebe. Also demütig sich bescheidend, hatte er in langen Jahren den Wechsel von Linas Verehrern still und beharrlich überdauert, indem er von Zeit zu Zeit das schier Lächerliche seiner Bewerbung überwand mit dem prophetischen Ausspruch: »Ich kann warten, Lina. Ich weiß, dass du eines Tages doch noch mal meine Frau wirst.« Lina pflegte dazu lächelnd die Achseln zu zucken.
Wahrlich, wir hätten schon eine stattliche Reihe von Verehrern unserer Hausperle an uns vorüberziehen lassen. Alle hatten sie keine Gnade gefunden vor ihren Augen – bis auf zwei. Und diese beiden, denen sie ihre Liebe schenkte, waren ihrer nicht wert. Da war zunächst der Tischler Heini Krüger aus Linnenkamp. Lina war ihm bei einem auswärtigen Tanzvergnügen aufgefallen, und er hatte sich sogleich nach der Herkunft dieses ungewöhnlich schönen Mädchens erkundigt. Das sei Lina Reuker aus Wenzen, hatte man ihm gesagt. Und irgendjemand wusste von dieser Lina Reuker zu berichten, dass sie als Tochter eines wohlhabenden Viehhändlers eine reiche Aussteuer und eine Mitgift von achttausend Mark zu erwarten habe. Diese Auskunft genügte, um Heini ganz zu entflammen. Der stattliche und äußerst gewandte junge Mann ging noch am selben Abend mit so feurigem Ungestüm auf dies unverhofft sich bietende lockende Ziel los, so raffiniert wusste er, der mehrere Jahre in Hannover gearbeitet hatte, all die betörenden Töne der großen Welt anzuschlagen, dass Lina schnell gefangen war und zum ersten Mal in Liebe entbrannte. Es kam bald zu einer Verlobung, die sich in unserem Hause vollzog. Erst der nachfolgende Besuch bei Linas Eltern machte dem unglücklichen Bräutigam klar, dass er hier das Opfer einer peinlichen Verwechslung geworden war: es gab in Wenzen zwei Mädchen, die den Namen Lina Reuker trugen. Die eine war in der Tat als Tochter des Viehhändlers Reuker eine lockende Partie, während unsere Lina das Kind eines armen Wegewärters war. Es mag dahingestellt bleiben, ob Heini Krüger von seinen Gewährsleuten aus Unkenntnis oder aus Bosheit falsch unterrichtet worden – genug, er war an die arme Lina geraten. Als Mann der Tat und als klarer Kopf verschwendete Heini nicht weiter Gefühl noch Zeit an ein so wenig ergiebiges Unternehmen, sondern brach kurz entschlossen am Abend seiner Erkenntnisse noch die Verbindung mit Lina der Armen ab. Lina die Reiche war nun einmal sein wahres Ziel gewesen, Und dieses Ziel verfolgte er von Stund an bedenkenlos, klug und tatkräftig. Es störte ihn nicht, dass Lina die Wahre leicht hinkte und dass er ein puddiges, mit Pickeln übersätes Gesicht würde küssen müssen. Jedenfalls gelang es ihm, dieses Gesicht zu küssen und nach kurzer Zeit der Schwiegersohn des Wenzener Ferkelkönigs zu werden.
Das waren Tage und Wochen tiefen Kummers für Lina gewesen, aber auch ich hatte nicht minder unter der Gemeinheit dieses Verrates gelitten. Lina hatte sich mir damals ganz anvertraut, und wir hatten manche Tränen zusammen vergossen. Jahre dauerte es, bis Lina ein zweites Mal ihr Herz einem Mann zuwandte. Und dieses Mal geriet sie an einen Jüngling, der im ganzen Dorf als ausgesprochen »leichtsinniger Hund« berühmt war. Vielleicht, dass dieser schier legendenbildende Leichtsinn Fritz Brinkmann wie eine Art Nimbus umgab, der für Mädchenherzen gefährlich werden musste. Gewiss aber verliebte sich Lina mit aller Kraft in den flotten, hübschen Burschen, dem die Verwegenheit aus großen braunen Augen leuchtete. Meine Warnungen beantwortete sie mit den zuversichtlichen Worten, dass sie es als ihre Aufgabe betrachte, ihren Fritz mit der Zeit zu einem ordentlichen Menschen zu machen. In der Tat schienen diese pädagogischen Bemühungen auch wirklich Frucht getragen zu haben, zumal da Fritz in das schöne Mädchen heftig verschossen war. Der heutige Morgen sollte mich aber darüber belehren, wie unvollkommen Linas Erziehungswerk geblieben war.
Ferdinand Hotopp nämlich, der getreue Eckart, hatte es für seine Pflicht gehalten, Lina folgende Aufklärungen zu geben: Fritz Brinkmann hatte, wie Lina, von immer neuem Schluchzen unterbrochen, stockend hervorbrachte, etwas Schreckliches gemacht … Es kostete einen harten Kampf, aus ihr herauszuholen, dass es sich bei diesem »Schrecklichen« um einen Einbruch handelte. Unfähig, sich länger zu beherrschen, stürzte sie weinend aus der Küche.
Beim Mittagessen besprach ich mit Wilhelm, wie er sich in den Tagen meines Wegseins – denn nur für einige Tage gedachte ich im Pfarrhause zu bleiben – einrichten würde.
»Die Sorge für mein leibliches Wohl können wir getrost Lina überlassen«, antwortete er kurz, »im Übrigen habe ich an Konrad geschrieben und ihn gebeten, möglichst bald herzukommen. Die Konradsburg wird ja wohl so weit in Ordnung sein, dass er dort wohnen kann.«
Die »Konradsburg« war das Blockhaus, das der Dichter sich vor neun Jahren hatte errichten lassen, es war die Frucht seines ersten Bühnenerfolges. Es lag auf einer blumenübersäten Halde am Hange des waldigen Berges, der unser Tal gegen Norden begrenzte. In den schwindelreichen Tagen der Inflation war auf diesem Grundstück der kurze Traum einer weithin berühmten »Naturheilstätte« aufgeblüht. Das hässliche Erwachen war ein Konkurs gewesen, aus dem der Dichter das Land mit den durch einen rechtzeitigen Brand vernichteten Gebäuden wohlfeil erworben hatte. Drei lange Sommermonate hindurch hatte Konrad denn auch wirklich das Glück seiner neuen Sesshaftigkeit genossen. Der Bau des Hauses nach dem Erwerb des Grundstücks hatte seine finanziellen Kräfte erschöpft, das Urbarmachen wilden Landes, die schwere Arbeit im Garten, der Wegebau, die Wartung seiner Tiere hatten ihn körperlich hart mitgenommen, als dann aber der Herbst kam, die schlecht betreute Erde in diesem Jahr ihre Frucht versagte, als die Pilzzeit vorbei war und die rettende Ziege zum Dank für falsche Ernährung nun trocken zu stehen begann, als die letzten Kartoffeln von den Wildschweinen ausgewühlt wurden, da bedurfte es nur noch des feindlich aus der Tiefe heraufsteigenden ersten Nebels, um nach der finanziellen und körperlichen Erledigung des Dichters nun auch seinen seelischen Zusammenbruch herbeizuführen. Wilhelm fand ihn eines Tages da oben auf, wie er weinend auf seinem Feldbett saß und einen Salat aus feingeschnittenem Löwenzahn hinunterwürgte. Kniefällig bat ihn Konrad, ihm sein Grundstück zu jedem beliebigen Preis abzunehmen. Seinem zum Skelett abgemagerten Freund konnte Wilhelm diese Bitte nicht abschlagen, und so nahm er dem hartgeprüften Dichter zum Selbstkostenpreis das Besitztum ab, das von nun an bei uns die »Konradsburg« hieß, ein Name, der sich bald im ganzen Dorf durchsetzte. So hatten wir denn zu dem Wohnhaus, das wir uns zu jener Zeit in Wenzen bauten, noch ein »Wochenendhaus« hinzu. Wir verbrachten in ihm manche Nacht, nicht nur im Sommer, sondern auch in jenen Tagen, da die schneebeladenen Zweige der Fichten sich tiefer über das Dach hinuntersenkten und vom Ostwind geschüttelt gegen die niedrigen Fenster pochten. Ach ja, auch im Winter war es herrlich dort oben; dann kam der Wald vor die Tür mit den zierlichen Rehen, die sich gar bald an das Futter gewöhnten, das Wilhelm ihnen zur bestimmten Zeit hinlegen ließ. Dann kamen endlich auch die scheuen Hirsche – freilich nur bis zu dem Tag, da ein Wilddieb dieses von uns so geduldig genährte Vertrauen missbrauchte, um einen stolzen Vierzehnender an der Futterstelle zur Strecke zu bringen. Im Dorf war man sich darüber einig, dass hier nur der Anbauer Fritz Brinkmann am Werk gewesen sein konnte. Der Vater jenes schönen Fritz, mit dem unsere Lina jetzt ging, stand in dem Ruf eines rücksichtslosen Wilderers, und niemand zweifelte daran, dass ihm sein Sohn auf diesen dunklen Pfaden folgte.
Vielleicht war der Einbruch einer so verräterischen Feindseligkeit in diesen Frieden für uns der Anlass, die Konradsburg mehr und mehr zu meiden. Monate vergingen bisweilen, ehe wir dort oben einkehrten, doch war es uns zu einer festen, geheiligten Ordnung geworden, unseren Verlobungstag in dem Blockhaus zu feiern. Dieser Verlobungstag pflegte seine besondere Krönung darin zu finden, dass wir an seinem Abend eine von den dreizehn Flaschen Rauenthaler tranken, die uns meine gute Tante Agnes zur Hochzeit geschenkt hatte. Durch ein beigefügtes Gedicht hatte sie der Gabe eine feierliche Bedeutung verliehen:
Dreizehn Flaschen, edler Wein,
laden jährlich neu euch ein,
am Verlobungstag zu laben
euch an diesen Gottesgaben.
Trankt die letzte ihr in Frieden,
ist der Ehe Glück beschieden.
Zwölf von diesen edlen Flaschen hatten wir bereits in Eintracht zusammen getrunken, die letzten zehn in der Konradsburg, die ja in der Tat die gegebene Stätte für eine Stunde beschaulicher Einkehr war. In dem kleinen Vorratskeller der Blockhütte hätten wir die kostbaren Flaschen wohlverwahrt gehalten – nun lag noch die letzte Flasche dort oben. Doch unserem diesjährigen Verlobungstag im Oktober konnte ich nur mit Zagen und Bangen entgegensehen. Wir waren nicht abergläubisch, aber vielleicht brachten wir doch beide – ich freilich stärker als Wilhelm – die dreizehnte Flasche in einen dunklen Zusammenhang mit der Krise, die unsere Ehe bedrohte.
Der Abend schon sollte mir die peinigende Gewissheit bringen, dass über dieser letzten Flasche wirklich ein Verhängnis schwebte. Lina nämlich setzte ihre Beichte fort. Sie war nun wohl so weit, dass sie die Last ihres Geheimnisses von sich wälzen musste um jeden Preis.
Ja, Fritz Brinkmann hatte einen Einbruch begangen – und zwar in der Konradsburg. Ferdinand Hotopp hatte sich beim Sammeln der ersten Pfifferlinge im Wald verspätet. Sein Heimweg hatte ihn an der Konradsburg vorbeigeführt, und da hatte er in der späten Dämmerung des Sommertages einen Menschen aus dem Gebüsch vor dem Haus huschen sehen. In diesem Menschen, der schwer an einem vollen Rucksack schleppte, hatte er deutlich Fritz Brinkmann erkannt. Als er dann, von einem jähen Verdacht getrieben, an das Haus herantrat, hatte er in einem frisch erbrochenen Fensterladen und in einer zertrümmerten Scheibe den klaren Beweis eines soeben vollzogenen Einbruchs gefunden.
Kaum hatte Lina gestern Abend die schreckliche Kunde von Ferdinand erhalten, so war sie in ihrer ersten Erregung nach Brinkmanns Hof gestürzt, sie mochte sich an die Hoffnung klammern, dass es dem Geliebten ein leichtes sein würde, den bösen Verdacht zu zerstreuen. Als sie jedoch, mit der Hausgelegenheit vertraut, überraschend vom Stall aus in die brinkmannsche Küche drang, fand sie eine niederschmetternde Bestätigung von Ferdinands Worten: Mitten auf dem Tisch stand eine Flasche mit dem ihr wohlbekannten Etikett unserer Rauenthaler Kostbarkeit, der rebenumwobenen Burg über dem Strom. Diese Flasche war noch unerbrochen, doch hinter ihr zeugte ein wuchtiger Aufmarsch geleerter und halbgeleerter Flaschen verschiedenster Art von der fröhlichen Stunde, die sich Familie Brinkmann mit den Schätzen unseres Burgkellers bereitet hatte. Die beiden Männer hatten jeder ein Bierglas voll Wein vor sich stehen, aber die Alte, diese unheimliche Alte, Fritzens Großmutter, die nach dem Tode der Schwiegertochter ihr schlimmes Hausregiment wieder eingeführt und so die verhassten Spuren fraulicher Gesittung bald gründlich beseitigt hatte, sie hatte auch bei diesem Gelage von der geliebten Kaffeetasse nicht lassen mögen. Lina sah sie, wie sie gerade den Rest einer dickbauchigen Sektflasche in diesen blechernen Bottich hineingoss. So weit war die festliche Stimmung schon vorgeschritten, dass die Runde nicht einmal den Versuch mehr machte, hier etwas zu beschönigen. Mit frech erhobenen Gläsern suchte man Lina zur Teilnahme an der Orgie zu nötigen. Die aber war fassungslos wieder hinausgestürzt.
Angesichts der Gefahr, die unsere dreizehnte Flasche bedrohte, war es mir schwer, Lina noch einigen Trost zuzusprechen. Freilich konnte ich ihr auch beim besten Willen nicht viel entgegnen, als sie mir immer wieder versicherte, dass sie es nun satthabe, sich mit einem erwiesenen Lumpen abzugeben. Sie habe ihn wohl für leichtsinnig gehalten, aber nicht für einen Verbrecher.
An diesem Abend noch machte ich mich auf den Weg nach Brinkmanns Hof. Am Himmel hatten sich die Wolkenmassen jetzt zusammengezogen, die am Tag von der Sonne noch im siegreichen Kampf zurückgezwungen waren. Ihre westlich versinkenden Strahlen vermochten schier nichts, als das schwer heraufziehende Unheil des Wetters noch dunkler und drohender zu machen. Ich kam aus dem Dorf heraus und bog in einen Heckenweg ein, der nach dem einsam dem Walde entgegengelagerten Hof der Brinkmanns führte. Die letzten Vögel waren verstummt und huschten nun Zuflucht suchend in das schützende Dickicht des Heckengesträuchs. Das ferne Grollen des Donners kam über die Berge, und mit ihm erhob sich der Wind, sauste durch die Wipfel der alten Obstbäume in den Gärten zu Seiten des Weges. Vielleicht musste man bei solchem Wetter den Weg machen, den ich vorhatte. Denn ich wollte doch zu der alten Brinkmann. »Die alte Brinkmann« – wie schlimm stand es doch um mich, dass ich diese Frau aufsuchen musste. Alles, was im Dorf noch lebte an Aberglauben und an Zutrauen zur »Schwarzen Kunst«, hatte sich in den Namen dieses Weibes geflüchtet. Immer hatte ich Angst vor dieser Frau gehabt, obwohl ich sie nie zu sehen bekommen hatte. Auch vor dem Gewitter hatte ich stets große Furcht empfunden, an diesem Abend aber dachte ich nur an die gestohlene dreizehnte Flasche. Es mag wohl beinahe lächerlich erscheinen, wenn ich zugebe, dass ich dieser Flasche nachlief. Mir selbst und meinem Mann war ja das jährliche Opfern dieses Weines im Grunde nicht viel mehr gewesen als das folgsame Eingehen auf die romantischen Ideen einer guten alten Tante, das immerhin durch die Gewohnheit eine gewisse Bedeutung erhalten hatte. Aber Wilhelms so offenbar verändertes Wesen, meine Unterredung mit Erna, der Raub der letzten »Rauenthaler« hatten zusammengewirkt, diese Flasche zu einem Symbol meines bedrohten Eheglücks zu verdichten.
Während ich weiterging, wurde es allmählich völlige Nacht, denn die Gewitterköpfe arbeiteten sich von allen Seiten herauf, um sich über unserem Dorf zusammenzudrängen. Aus diesem Dunkel, das von spärlichen Blitzen jäh und schrecklich erhellt wurde, gebaren sich alle die schlimmen Geschichten neu, die man sich im Dorf über die Brinkmanns zuflüsterte. Da war der alte Forstwart Brinkmann, der Mann der Alten, die den Sekt aus Kaffeetassen zu trinken pflegte. Er war noch einer von denen gewesen, die der Teufel bei lebendigem Leibe geholt hatte. In seiner Jugend hatte er bei dem berühmten Forstmeister von Veltheim gedient, jenem bösen alten Mann, der nach seinem Tod immer weiterjagen musste und so zu einem zweiten Wilden Jäger, zum »Hackelberg« unserer Wälder, geworden war. Der Forstmeister und der Forstwart waren unzertrennlich gewesen, Tag und Nacht durchstreiften sie gemeinsam die Wälder, die damals noch sehr wild und voll von jagdbarem Getier waren. Manchmal hausten die beiden wochenlang zusammen in einer entlegenen Jagdhütte, und da war es eines Tages geschehen, dass der Forstmeister, der schon an die Siebzig war, freilich noch rüstig wie ein Vierziger, Besuch bekommen hatte von einem Mann. Dieser Mann hatte leicht gehinkt, sonst hatte er ausgesehen wie jeder andere Mensch. Der Forstmeister war mit dem Mann in den Wald gegangen und erst nach mehreren Stunden zurückgekommen. Da hatte man ihm plötzlich ansehen können, dass er ein alter Mann war: die Hände hatten ihm gezittert, und das Gesicht war grau und faltig. Gebeugt wie unter einer schweren Last kam er angewankt, lange konnte er kein Wort hervorbringen. Erst die Flasche schweren Weins, die er mit seinem Forstwart am Abend leerte, hatte ihm die Zunge gelöst. An jenem Abend mag es zu der Vereinbarung gekommen sein, nach der sich der Forstmeister zehn Jahre längeren Lebens auf Kosten seines Forstwarts erkaufte. Brinkmann glaubte weder an den lieben Gott noch an den Teufel, und so schloss er lachend einen vorteilhaften Handel: er trat zehn Jahre seines Lebens an den Alten ab und erhielt dafür eine Summe Geldes, groß genug, um sich die Anbauerstelle zu gründen, die Brinkmanns jetzt, nach fünfzig Jahren, noch innehatten. Der Forstmeister, so sagte die Sage, war nach zehn Jahren pünktlich gestorben, sein Tod war qualvoll und schwer gewesen. Aber auch sein Forstwart hatte sich nicht lange des neuen Besitzes freuen können, man hatte ihn, wenige Jahre nach dem Tod seines Paktgenossen, im Wald tot aufgefunden. Sein Körper war schrecklich zugerichtet, die Splitter einer vom Blitz getroffenen Eiche hatten ihn buchstäblich gepfählt. Das Gesicht, das ihm im Nacken saß, war bis zur Unkenntlichkeit zerschmettert – der Teufel hatte seinen Pakt erfüllt …
Ich kam jetzt am Friedhof vorbei, dessen weiße Grabkreuze unter einem grellen Blitzstrahl aufleuchteten, ich dachte an die beiden wüsten Jäger, die da, in einem alten, verwilderten Winkel des Gottesackers einander benachbart, der Ewigkeit entgegenschliefen. Deutlich hatte ich die hohe weiße Marmorsäule auf dem Grab des Herrn von Veltheim erkennen können.
Während ich weitereilte, erstanden der Sohn und der Enkel des Forstwarts vor meinen Augen; es schien wahrhaftig, als ob sich ein alter Fluch in ihrem Leben auswirkte. Und dieses unheimliche alte Weib, das als Mutter und Großmutter in ihrem Hause herrschte, war nicht der Mensch, einen Fluch zu lösen. Wenn man ihr freilich auch nachrühmte, dass sie mit ihren Besprechungen Mensch und Vieh in hoffnungslosen Fällen von aller Krankheit befreit haben sollte, so wurde sie doch viel mehr gemieden als gesucht. Denn an dem Pakt, den ihr verstorbener Mann mit dem Bösen geschlossen, konnte sie nach der Meinung der Dörfler nicht ganz ohne Anteil sein. Auch sie musste ihr gut Teil abbekommen haben, auch sie hatte etwas erhandelt – denn woher waren ihr sonst die Gaben des bösen Blickes, des Wahrsagens und anderer teuflischer Künste gekommen … Und jetzt wollte ich dieser Frau entgegentreten.
Nun stand ich schon vor ihrem Haus, es lag in tiefer Dunkelheit da, die Haustür war geschlossen. Ich ließ mich treiben auf dem Weg, den Lina am Abend zuvor gegangen war, ich tappte mich durch den dunklen Stall, ich hörte das dumpfe, verschlafene Brummen der Kühe, das tiefe Schnarchen der Schweine, ich hörte die Hühner im Wiemen schlaftrunken sich blustern, ich sah zwei glühende Kohlen zu meinen Füßen aufleuchten, eine Katze schmiegte sich weich an mein Bein. Wieder stieß ich eine Tür auf, jetzt musste ich in der Küche sein. Sie lag in lautloser, schwerer Finsternis, ich zauderte bange an ihrer Schwelle. Klopfenden Herzens lauschte ich in das dunkle Haus hinein. In der Stube nebenan holte eine Wanduhr rasselnd zum Schlag aus, zehn heisere Schläge fielen zögernd in die Nacht. Immer noch stand ich, wie gelähmt, in der Tür – da zerriss ein mächtiger Blitzstrahl den Himmel, er tauchte die Küche für eine Sekunde in grelles Licht, ich sah den Tisch, und mitten auf ihm sah ich die dreizehnte Flasche, ich sah auch deutlich zwei Gläser und eine Tasse, wie bereitgestellt für ein neues Gelage. Mit einem schnellen Entschluss sprang ich zu, ergriff meine Flasche, huschte zurück durch den Stall in die Nacht. Ein Donnerschlag empfing mich draußen, ihm folgten die ersten schweren, lauwarmen Tropfen des Regens, der bald mit voller Gewalt auf mich niederstürzte. In rasender Hast lief ich durch den Aufruhr des Himmels, die Blitze zeigten mir den Weg.
3. Kapitel
Wenige Tage darauf siedelte ich ins Pfarrhaus über. Ich musste meinen Mann zunächst sich selbst und Linas Pflege überlassen, denn Konrad hatte uns mitgeteilt, dass er erst in acht Tagen würde kommen können. Er befand sich nämlich mitten im Umzug: er hatte sich in Hamburg, wo er seit einiger Zeit wohnte, eine prächtige Villa gemietet. Zunächst etwas ärgerlich über die so hinausgezögerte Ankunft des Freundes, hatte Wilhelm denn doch diese glückliche Wendung im Leben des Dichters freudig begrüßt, denn er sagte sich, dass Konrad in einem solchen Heim vor seelischen Zusammenbrüchen durch Misswachs. wilde Schweine und trockenstehende Ziegen bewahrt bleiben würde.
Beim Pastor Fänger war Meister Watermann schon eifrig am Werke. Von dem Pferdestall war nur noch das durch Balken abgestützte Dach vorhanden. Auch im Pfarrhaus selbst hatten die Maurer eine Wand eingerissen, um aus zwei nebeneinanderliegenden Kämmerchen einen würdigen Baderaum zu schaffen. Der Herr des Hauses war abwesend, er hatte sich am Tag zuvor auf die Reise nach Lugano begeben müssen, wo er als Vorstandsmitglied des Deutschen Koniferenzüchter-Verbandes auf einem internationalen Kongress die Belange seines Landes zu vertreten hatte. Die Koniferenzucht war die jüngste seiner oft und unvermittelt einander ablösenden Liebhabereien, mit denen er das eingebrachte Vermögen seiner allzu nachgiebigen Frau zu verschwenden liebte. Bewies sie gemeinhin eine bewunderungswürdige Fassung gegenüber dem ausschweifenden Wechsel seines außeramtlichen Betätigungsdranges, so sah ich sie heute doch recht niedergeschlagen zwischen den beiden von ihrem Gatten angestifteten Unruheherden in einer Grotte des Gartens sitzen. Die fleißigen Hände, von deren Schaffen noch eine Fülle ausgepalter Erbsen auf dem Tisch zeugte, waren herabgesunken, in ihren Augen standen große Tränen. Sie erhob sich und kam mir zu wortloser Begrüßung entgegen. Dann saßen wir eine Weile schweigend zusammen am Tisch und hingen unseren trüben Gedanken nach. Frau Fänger saß mit gesenktem Haupt über ihren Erbsen, nur zuweilen blickte sie mit schwachem, traurigem Kopfschütteln auf, wenn das Dröhnen der Maurerarbeiten unheilvoller anschwoll.
»In zwei Stunden müssen wir losfahren«, sagte sie endlich mit einem schweren Seufzer, »mein Mann hat ›Seine Wenigkeit‹ bestellt, sie soll uns zur Bahn fahren.«
»Seine Wenigkeit« war der Mann der unbegrenzten Möglichkeiten im Dorf. Er ernährte seine vierzehnköpfige Familie schlecht und recht durch seine Tätigkeit als Kirchendiener, Glockenläuter, Bälgetreter, Totengräber, Fleischbeschauer, Flurwächter, Leichenbitter und Spaßmacher bei den dörflichen Festen. Diese mannigfachen und verantwortungsvollen Ämter übte er aus, indem er sich »Seiner Wenigkeit« stets demütig bewusst blieb. Der Pastor hatte ihn wohl dazu ausersehen, heute das Amt des Kutschers zu übernehmen, weil er als gedienter Kavallerist über einige Erfahrung im Umgang mit Pferden verfügte. Wie gewissenhaft Herr Fänger vor seiner Abreise nach dem sonnigen Süden diesen großen Empfang der Hamburger Dame bis in alle Einzelheiten durchdacht und vorbereitet hatte, das sollte uns bald der überwältigende Augenschein lehren. Die Hunde der Dorfstraße fielen plötzlich in ein wildes Gebell, dann mischten sich wütend die beiden großen Doggen des Pfarrhofes hinein, und dann verstummte mit einem Male der dumpfe Arbeitslärm im Pferdestall, um schnell dem lauten, fröhlichen Gejohle der Maurer zu weichen. Jetzt ging die Gartenpforte, vorsichtige Männerschritte näherten sich auf den Sandsteinplatten des Weges, und nun schob sich durch die unserer Grotte vorgelagerten Büsche die hagere Gestalt »Seiner Wenigkeit«. Entsetzt sprangen wir beide auf beim Anblick des biederen Mannes. Er hatte sich sehr verändert, aber durchaus nicht zu seinem Vorteil. Sein dürrer Leib war umschlottert von einem langen grünen Livreerock, auf dessen großen goldenen Knöpfen feierlich das Wappen derer von Avendshausen prangte. Dieses Wappen zierte auch als Kokarde die Mütze, die, viel zu klein, über dem ehrlichen Haupt unseres Kutschers schwebte, eine herausfordernde Verhöhnung aller Maße. Auch die gelben Stulpenstiefel hielten es nicht anders, indem sie da, wo bei ihrem Eigentümer die Waden saßen, die dünnen Unterschenkel der Wenigkeit weit umhüllten, wohingegen sie deren langen Füßen jene wohltuende Ausdehnung versagten, die dem menschlichen Schreiten Kraft und Sicherheit zu geben pflegt. Wie das Mützchen auf seinem Kopf, so schwebte der ganze Mensch gleichsam über der Erde, denn es war deutlich zu sehen, dass seine Füße nur mit den Zehen die Stiefelsohlen berührten, indessen die weitausladenden Hacken im unteren Teil des Schaftes steckengeblieben waren. Unruhig trat er von einem Fuß auf den anderen, während er zu seinem gutgemeinten, wenn auch etwas missratenen Bückling ausholte.
»Was meine Wenigkeit anbetrifft«, begann er stotternd, »die kann gar nicht richtig auftreten, von wegen den Stiefeln.«
»Aber lieber Herr Jürges«, entfuhr es mir, »es ist doch gar kein Fest heute! Warum haben Sie sich denn wieder als Spaßmacher verkleidet?«
»Betreffs der Hamburger Dame«, wimmerte Herr Jürges, »nach Spaßmachen ist mich in diese Stiefel gar nicht zumute. Diese ganze Montur, die hat mich Max vom Baron Avendshausen gebracht.«
In Frau Fängers gütigem Gesicht vertiefte sich der Ausdruck der Niedergeschlagenheit, den ihr die letzten Tage aufgezwungen hatten:
»Nun weiß ich auch, warum die Christenlehre in Avendshausen am letzten Sonntag so lange gedauert hat. Da ist Otto natürlich hernach zum Baron gegangen und hat sich die Kutscherlivree ausgeliehen. Beim jungen Herrn von Avendshausen hat sie wie alle anderen Livreen in der Rumpelkammer gehangen, aber für Ottos Ehrgeiz war sie gerade noch gut genug … Ziehen Sie sich doch wenigstens diese schrecklichen Stiefel aus, lieber Herr Jürges!«
Herr Jürges schüttelte das graue Haupt:
»Was meine Wenigkeit mal angezogen hat, das behält sie auch angezogen, und wenn meine Wenigkeit den kalten Brand in die Zehen kriegt. Ich habe es Herrn Pastor Fänger in die Hand versprochen, dass ich die Hamburger Dame ordentlich abhole von der Bahn, und dabei hat es sein Bewenden.«
Herr Jürges bat sich nun von Frau Pastor Fänger den Schlüssel für den Wagenschuppen aus, und dann entfernte er sich, jeder Zoll ein Mann, jedes Trippeln ein Schmerz …
Die unausgesprochene Frage meines bangen Blickes verstand Frau Fänger gar wohl; wieder schüttelte sie müde den Kopf:
»Es hat keinen Zweck, diesen Mann zum Ablegen seiner Montur zu bewegen. Er würde sich lieber vierteilen lassen, als auch nur einen Knopf dieses scheußlichen Fossils von Livree preiszugeben. Wir werden mit ihm fahren, wie er gekleidet ist, oder wir werden nicht fahren.«
Und wir fuhren. Wir fuhren mit einem funkelnagelneuen Gig, den mir Frau Fänger mit einem wehmütigen Lächeln zeigte, ehe wir uns ins Haus begaben:
Im Wagenschuppen fanden wir »Seine Wenigkeit« damit beschäftigt, das Kutschgeschirr zu putzen. Dabei irrten seine Blicke immer wieder sorgenvoll auf das neue Gefährt, das er bereits auf den Hof geschoben hatte; mit einem schier bösartigen Funkeln reckte es dort seine unheimlichen Formen in der Sonne. Beim Anblick der beiden mannshohen Räder, zwischen denen die zierlichen Sitze fast ängstlich hingen, überfiel mich sogleich die dunkle Ahnung einer drohenden Gefahr. Die ungeheuren Speichen grinsten mich an wie die gierig gebleckten Zähne eines fremden Raubtiers.
»Das hat Otto nun auch noch eingekauft in Hannover«, sagte Frau Fänger, »ich hätte ihm wahrhaftig gegönnt, dass er selbst sich heute auf diesen Kutschersitz bemüht hätte, anstatt nach Lugano zu flüchten.«
Herr Jürges war nun auch herzugetreten, er hatte eine Sidolflasche in der Hand und wies mit ihr vorwurfsvoll auf den besagten Sitz, den ein kunstvoll ausladendes eisernes Gestänge hoch über den hinteren Rand des Wagens erhob.
»Wenn meine Wenigkeit bloß wüsste, wie ich auf diesen Bock raufkommen soll. Das ist ja ein Aufenthalt für einen Trapezkünstler, aber nicht für unsereinen. Da muss ich mich noch eine Trittleiter holen, sonst kommt da meine Wenigkeit nicht mit zuquäke.«
Wir überließen ihn seinen Sorgen, um uns nunmehr unseren eigenen Sorgen zuzuwenden. Denn unser harrte die Aufgabe, uns würdig anzukleiden zum Empfang des Fräulein Maren Ellernkamp. Mit hineingerissen in die feierliche Pracht dieser Vorbereitungen, empfand ich das schlichte Kostüm, das ich für diesen Besuch zunächst angelegt hatte, denn doch als zu ärmlich. Ich hatte noch ein besonders elegantes langes Sommerkleid im Koffer mitgebracht, das ich nun im Fremdenzimmer anzog. Als ich gleich darauf wieder den breiten Flur betrat, wie jedes Mal noch entzückt von den prunkvollen, reich geschnitzten Barockschränken, die Otto Fängers verschwenderischer Sammeleifer aus den Versteigerungen ganz Niedersachsens in den letzten zwei Jahrzehnten zusammengekauft hatte, wurde ich aufgeschreckt durch ein lautes Schluchzen hinter Frau Fängers Schlafzimmertür. Ich köpfte an, und ein kaum hörbares müdes »Herein!« lud mich zum Nähertreten.
Ein erschütterndes Bild bot sich mir. Der Pastorin hohe Gestalt lag völlig zusammengesunken in einem Sessel, sie hatte die Hände vor das Gesicht gelegt, vielleicht, um das nicht sehen zu müssen, was ich jetzt staunend erblickte: Über die Betten, Sessel und Stühle des Schlafzimmers war eine überwältigende Fülle kostbarer Kleider ausgebfeitet. Eine Anzahl geöffneter Kartons verriet mir, dass es sich hier offenbar um eine jener »Kollektionen« handelte, wie sie große Modehäuser bevorzugten Kunden ins Haus zu senden pflegen. Zu Füßen der weinenden Dulderin lag ein Brief, auf den sie wortlos mit der Stiefelspitze hinwies. Ich hob ihn auf und las:
Sehr geehrte gnädige Frau!
Bezugnehmend auf die mit Ihrem Gatten gehabte Unterredung vom 27. courant gestatten wir uns, Ihnen mit gleicher Post eine Kollektion elegantester Damenkleider zu übersenden. Wir legen Ihnen laut Wunsch Ihres Herrn Gemahls ausschließlich Pariser Modellschöpfungen vor und erklären sich daraus die verhältnismäßig hohen Preise unserer Artikel. Dieselben liegen zwischen 300 und 450 Reichsmark, und machen wir ergebens darauf aufmerksam, dass die Notierungen sich noch bedeutend höherstellen würden, wenn unser Herr Junior nicht infolge eines Fallissements einen besonders günstigen Einkauf getätigt hätte. Unter Vorbehalt Ihrer Wahl hat uns Ihr verehrter Gemahl eins von den gesandten Kleidern fest in Auftrag gegeben und hoffen wir gern, dass Sie die nie wiederkehrende Gelegenheit benützen und noch ein zweites Kleid abnehmen werden. Den Rest bitten wir als Wertsendungen möglichst umgehend zu retournieren.
Sehr gern zu Ihren Diensten
hochachtungsvoll ergebenst
Nymphius & Neddermeyer G. m. b. H.
»Das Haus der Dame«.
Ergriffen schwieg ich einen Augenblick. Dann sagte ich vorsichtig tastend:
»Ihr Herr Gemahl ist aber doch wirklich recht aufmerksam, liebe Frau Fänger. An so etwas würde mein Wilhelm niemals denken.«
Aller Jammer, der in der gequälten Frau lange gewühlt haben mochte, brach nun gewaltsam aus. Sie riss die Hände vom Gesicht und schrie mich an:
»Mein Herr Gemahl ist ein Hanswurst! Ein gewissenloser Verschwender ist mein verehrter Herr Gemahl! Drei große Häuser in Hannover habe ich von meinem Vater geerbt, und zwei davon hat er nun schon glücklich durchgebracht! In den ersten Jahren hat er sich noch damit begnügt, mit seiner ›Unkrautbekämpfungsversuchsstation‹ die Äcker von ganz Wenzen zu verseuchen, aber je älter er wird, desto kostbarer werden seine Leidenschaften. Zwei Autos hat er kaputtgefahren, und eins ist ihm ausgebrannt. Ein Glück, dass er plötzlich alle Lust zum Autofahren verloren hat. Nein, ich mache das nun nicht weiter mit, ich habe mich jetzt durchgerungen – ich lasse mich von Otto scheiden! Wir haben keine Kinder, und so können wir uns vielleicht ohne große Schwierigkeiten in Güte trennen. Ich fahre heute noch zu meiner Schwester nach Hannover.«
Sie sprang auf, emporgerissen von einem krampfhaften Entschluss. Wie sie nun aber begann, in sinnloser Auswahl die verschiedensten Dinge vom Waschtisch und aus hastig aufgerissenen Schubladen zusammenzuraffen und mit zitternden Händen in ein Köfferchen zu stopfen, da bot sie doch ein Bild kläglicher Verwirrung. Denn welche Dienste versprach sie sich wohl von dem Rasierapparat und dem einen heruntergetretenen Hauslatschen ihres Gatten, und wozu bedurfte sie des Talismans in Gestalt eines kleinen Schornsteinfegers, der an den Hinterfenstern jener verflossenen drei Autos geschwebt hatte, ohne sie vor ihrem Untergang bewahren zu können? Hoffte sie, dass er ihrer Flucht mehr Glück bringen würde als den unheilvollen, verwegenen Fahrten ihres Gatten?
Ich fühlte herzliches Mitleid mit der armen Frau, mir wurde klar, dass mir das Schicksal dieselbe Rolle zuwies, die Frau Fänger vor Jahren in meinem eigenen Leben gespielt hatte. Damals, in meinen ersten Wenzener Tagen, war ich ähnlich zerfallen mit meinem Mann und mit aller Welt. Wilhelm nämlich, der dem Fehler so manchen Städters erlegen war, sich anfangs allzu nachgiebig und gutwillig unter die »mythische Einfalt« des Dorfes und seiner Pflichten zu beugen, hatte mich mit den beiden Kühen unserer verreisten Wirtsleute auf einen Weidegang geschickt. Die Tiere waren mir wild geworden und hatten mich mit hineingerissen in jene schreckliche Flucht, die erst vor der Pforte des Pfarrgartens zum Stillstand kam. Gebrochen war ich zu Boden gesunken, überwältigt von Scham und Zorn auf meinen Mann. Da war es Frau Fänger gewesen, die mich aufrichtete, um mich mütterlich an ihr Herz zu ziehen und mir mit ihrem entwaffnenden Humor den verzweifelten Gedanken an eine fluchtartige Rückkehr zu meinen Eltern auszureden.
Und heute war ich es, die Trost und gütlichen Zuspruch spenden musste. Diese neuerliche Häufung von Untaten des Pastors, von der prahlerischen Empfehlung seines Hauses an den Konsul über die irrsinnigen Umbauten, den Kauf des schrecklichen neuen Wagens, die Verwandlung »Seiner Wenigkeit« in einen herrschaftlichen Kutscher von Anno dunnemals bis zur Bestellung Pariser Modellkleider – das alles machte es mir wirklich nicht leicht, die rechten Worte zu finden. Schließlich aber brachten mir gerade die Ausschweifungen der hier zutage tretenden edlen Großzügigkeit den rettenden Gedanken. Als Frau Fänger gerade dabei war, in ihren planlos vollgestopften Koffer obenauf noch einen dicken Wälzer in Lexikonformat – es war, wie mich ein neugieriger Blick belehrte, die »Geschichte der Braunschweigischen Landeskirche« – hineinzuzwängen, war mein Gedanke so weit gereift, dass ich plötzlich laut auflachen musste.
»Sie werden jetzt nicht abreisen, liebe Frau Fänger, sondern Sie werden in dem teuersten dieser Pariser Modellkleider Fräulein Ellernkamp von der Bahn abholen. Außerdem werden Sie sich noch eins oder am besten noch zwei von diesen Kleidern zurückbehalten. Sodann werden Sie Ihren Mann, wenn er von Lugano zurückkommt, mit der Nachricht erfreuen, dass Sie eine neue Esszimmereinrichtung und einen neuen Flügel bestellt hätten, die alten Möbel und das Klavier hätten Sie verschenkt. Desgleichen hätten Sie sich zum Kauf eines ›Horch-Achtzylinders‹ entschlossen und mit dem Fahrkursus in Einbeck bereits begonnen. Für den August hätten Sie mich zu einer Fahrt mit dem neuen Wagen in die Schweiz eingeladen, die Sorge für seinen Schützling Maren möchte er einer neu zu verpflichtenden Hausdame übertragen. Sie werden diese Angaben glaubhaft zu machen wissen, und ich werde Ihnen dabei helfen. Sie werden endlich einsehen, dass Sie selbst diesen Zustand verschuldet haben, unter dem Sie so leiden: Sie haben durch ein höchst unangebrachtes Übermaß von Anspruchslosigkeit und Nachgiebigkeit den Hang Ihres Mannes zu Absonderlichkeiten selbst großgezogen. Ich mache jede Wette, dass Herr Pastor Fänger ein sparsamer Hausvater werden wird, wenn Sie sich dazu aufraffen können, ihn nach meinen Ratschlägen zu behandeln. Und jetzt werden Sie sich dieses Kleid zu vierhundertfünfzig Mark anziehen und mit mir zur Bahn fahren. Mit Fräulein Maren Ellernkamp werden wir dann auch fertig werden.«
Frau Fänger war nicht imstande, mir hierauf irgendetwas zu antworten, mir lag jetzt auch nichts an ihren erwidernden Worten. Schnell verließ ich das Zimmer, ich wusste, dass sie mir in ihrem neuen Modellkleid nach wenigen Minuten auf den Hof folgen würde.
Dort hatte »Seine Wenigkeit« mittlerweile angespannt. Er war nun schon dabei, mit Hilfe einer Trittleiter den olympischen Kutschersitz zu erklimmen. Er hatte mich noch nicht bemerkt und gab sich daher dem ungestörten Genuss eines erleichternden Schimpfens hin. Nur der Schmerz seiner qualvoll eingezwängten Zehen ließ ihn bisweilen aufstöhnen. Dann unterbrach er die ehrlichen Schmeicheleien, mit denen er seinen im fernen Süden weilenden koniferenzüchtenden Auftraggeber liebkoste: »Durchgedrehter alter Bengel … Au, verflucht, mein kleiner Zeh! … Solltest dich man selber diese Stiefeletten angezogen haben und in diese Affenschaukel da oben klettern. Du musst doch wahrhaftig ’nen Wurm im Koppe haben, solche Kutsche zu kaufen … Autsch – jetzt fängt der andere auch an! Ich freue mich man bloß, wenn der gnädige Herr Pastor hier von oben erst mal runterfällt …«
Mit einem neuerlichen erleichternden Stöhnen ließ er sich auf dem glücklich erreichten Kutschersitz nieder, und nun bemerkte er mich endlich, die ich näher herangetreten war. Der Ausdruck ängstlichen Unbehagens in seinem Gesicht wich sogleich dem einer betont überlegenen Sorglosigkeit.
»Das war dich mal ’n guten Gedanken von Herrn Pastor, so ’nen hübschen Wagen zu kaufen«, sagte er mit einem etwas krampfhaften Lächeln, »und was das für ’n feinen Kutschersitz ist, was man da für ’ne wunderbare Aussicht von hat! Ich habe es ja immer gesagt, Herr Pastor Fänger ist ein Mann, der passt in die Welt.«
Seine Lobeshymnen auf diesen weltmännischen Pfarrer wurden jäh beendet, erbleichend krümmte er sich hastig zusammen und fuhr mit beiden Händen an die linke Wade:
»Jetzt kömmt dich auch noch ’n Wadenkrampf«, wimmerte er.
Was mich betraf, so kann ich nicht leugnen, dass mir nun doch schwere Bedenken aufstiegen, ob diese Fahrt eine glückhafte sein würde. Das fortgesetzte klägliche Wimmern unseres Kutschers, auf dessen Stirn große Schweißperlen hervorgebrochen waren, trieb mich ins Haus zurück. Ich holte schnell eine Flasche Kognak und ein Glas aus dem Esszimmer und brachte beides der mit ihren Krämpfen ringenden Wenigkeit. In diesem Augenblick öffnete sich oben in der Pfarre das Fenster der Frau Fänger, ihr lauter Hilferuf drang zu mir herüber:
»Warum lassen Sie mich denn mit diesen schrecklichen Kleidern allein, Frau Löhnefink? Kommen Sie doch, bitte, schnell mal herauf!«
Ich eilte ins Haus zurück und fand oben die Pastorin in einem aussichtlosen Kampf mit dem teuersten ihrer Modellkleider. Gleich wohl lag schon wieder ein erster Schimmer zurückgewonnenen alten Humors auf ihrem Gesicht:
»Ich komme mit dieser Robe ebenso wenig zuquäke wie ›Seine Wenigkeit‹ mit dem neuen Kutschersitz. Sie müssen mir helfen!«
Und ich half ihr. Es war nicht leicht, dieses rüschenreiche, plissierte Gewoge aus duftiger Seide Frau Fängers junonischer Fülle richtig anzupassen. Als sie sich dann aber endlich im Spiegel erblickte – wir hatten eine Viertelstunde anstrengender Arbeit hinter uns –, da war sie von der Verzauberung ihres äußeren Menschen ebenso überwältigt wie ich. Mit dem Glanz dieses Kleides warf der Spiegel ihr voll wiedererblühtes Lächeln zurück. Und wahrhaftig, es wäre kein echtes Weib gewesen, das in einem solchen Gewände nicht gelächelt hätte.
In heiterster Stimmung betraten wir den Hof. In heiterster Stimmung fanden wir auch »Seine Wenigkeit« vor, die mit einem entrückten Lächeln der Seligkeit auf ihrem erhabenen Sitze schwebte. Die Kognakflasche war leer.
»Das war dich aber ’ne feine Medizin«, schmunzelte Jürges, »betreffs meinen Wadenkrämpfen, die sind ganz weg. So was sollte man Ihr Mann auch öfter mal verschreiben, Frau Doktor.« Er knallte herausfordernd mit der Peitsche. »Nun müssen Ihre Wenigkeiten aber einsteigen, sonst kommen wir zu spät nach der Bahn.«
Wir stiegen also ein und fuhren los. Es war eine herrliche Fahrt. Die Sommersonne lag voll auf den wogenden Kornfeldern zu beiden Seiten der Landstraße, und die Lerchen jubelten im wolkenlosen Blau des Himmels. Über unseren Köpfen schwebte das lange Pferdeleit, das »Seine Wenigkeit« in kundigen Händen hielt. Dem Widerhall, den dieser Lerchenjubel in unser aller Herzen weckte, gab unversehens unser Kutscher einen würdigen Ausdruck; aus seinem bärtigen Mund drang jetzt ein froher Gesang:
»Unser Herzog hat uns wohl bedacht,
Bier und Branntwein uns mitgebracht,
junge Mädchen zum Vergnügen,
alte Weiber zum Bedienen,
zu Lust und Pläsier –
lust’ge Braunschweiger, das sein wir!«
Obwohl uns dieser überraschend ausbrechende Frohsinn der sonst so gemessenen Wenigkeit eigentlich mit ernster Sorge hätte erfüllen müssen, so summten wir doch die Melodie des deftigen Landsknechtsliedes munter mit, im Rausch der wiegenden, schnellen Fahrt über das spiegelglatte Teerpflaster der Straße. Dann aber bogen wir ab auf den holprigen Nebenweg, der nach dem kleinen Bahnhof am Waldrand hinaufführte. Während nun die wachsenden Schwierigkeiten des immer steiler ansteigenden Weges nur dazu angetan schienen, die gute Laune unseres Kutschers zu einer wahren Ausgelassenheit zu steigern, während sein Gesang immer ungestümer anschwoll, begann das dieser Fahrt von Anbeginn bestimmte Schicksal seine ersten Schatten in unser beider ahnungsvolle Frauenseelen zu werfen. Wir verstummten. Wir sahen es wohl, dass der Weg schmaler wurde und dass wir nicht mehr weit von der Stelle entfernt waren, da er an einer steilen Böschung vorbeiführte. Und nun sahen wir schon mitten im Wege den großen Bruchstein liegen. Ein Wagen des Meisters Watermann, der uns auf seiner Fahrt vom Steinbruch nach dem Neubau des Fängerschen Pferdestalls vor dem Dorfe begegnet war, mochte ihn just zur rechten Zeit und an der rechten Stelle verloren haben. Wir sahen auch in freundlicher Nachbarschaft, am Fuße der Böschung, das dichte Gestrüpp aus Weißdorn, Schlehen und Brombeerranken. Mir war es nicht anders, als ob es aufnahmefreudig zu uns heraufwinkte.
Um »Seine Wenigkeit« stand es so, dass ihn die Medizin der Kognakflasche nicht nur von seinen Wadenkrämpfen, sondern auch von seiner gewohnten ängstlichen Vorsicht gründlich geheilt hatte. Mit einem beinahe jubelnden Triller, mit draufgängerischem Peitschengeknall ging er jetzt mutig das unbedeutende Hindernis des Bruchsteins an: das rechte Wagenrad hob sich jäh in die Höhe, einen schrecklichen Augenblick lang stand der Wagen in banger Schwebe über dem Abhang, dann kippte er um. Ich weiß nicht, wie ich es fertiggebracht hatte, vor diesem Sturz noch den rettenden Sprung auf den Weg zu tun – fast aber wünschte ich jetzt, mit hineingerissen zu sein in die jammervolle Verwirrung, die ich da unten erblickte. Meine beiden Fahrgenossen, die sich im Sturz aneinandergeklammert hatten, wälzten sich als zuckender Knäuel in der dornenstarrenden Wand des Buschwerks. Zuerst löste sich Frau Fänger aus dieser Verkrampfung des Unheils, mühsam erhob sie sich, während »Seine Wenigkeit« noch stöhnend liegenblieb. In den derben Stoff seiner Livree hatten sich die Dornen fester hineingebohrt als in das lockere Gewebe des Pariser Modellkleides zu vierhundertfünfzig Mark. Es war nicht mehr viel übriggeblieben von dieser Pracht; ein Gewirr von Fetzen und Strähnen umhing abenteuerlich die stolze Gestalt der Pastorin.
»Mir ist weiter nichts passiert!«, rief sie mutig herauf. »Tun Sie mir um des Himmels willen die Liebe und gehen Sie voran, damit jemand an der Bahn ist, wenn Fräulein Ellernkamp eintrifft. Ich komme sofort nach, sobald ich ›Seine Wenigkeit‹ erst wieder beinig gemacht habe. Um das Pferd brauchen Sie sich nicht zu kümmern. Nur schade, dass der gute Max diesen schrecklichen Gig da oben festgehalten hat, ich hätte mich wirklich gefreut, wenn das Monstrum bei dieser guten Gelegenheit auch den Rest bekommen hätte!«
In der Tat hatte Max den Wagen wieder auf den Weg gezogen, das treue Tier stand jetzt ganz ruhig in der Deichsel des auf der Seite ruhenden Gefährtes. Anerkennend klopfte ich ihm auf den Hals und schritt rüstig weiter, dem Bahnhof und Maren Ellernkamp entgegen. Gerade als der Zug einlief, kam ich atemlos vor dem Bahnhofsgebäude an. Nun hielt der Zug. Ich sah, wie aus dem Gepäckwagen einige Koffer ausgeladen wurden, meine Blicke liefen die Wagenreihe entlang – gleich musste sich in einem Abteil der zweiten Klasse eine Tür öffnen, und sie würde mir entgegentreten, diese Dame aus der großen, mir fast feindlich entfremdeten Welt, diese arrogante Asphaltblüte, gegen die Wilhelm sich so zornig verwahrt hatte … Aber es öffnete sich keine Tür; die Pfeife des Zugführers ertönte, die Lokomotive zog an …
Allein stand ich auf dem leeren Bahnsteig. Die Spannung der letzten Tage löste sich in einem Gefühl grenzenloser Ernüchterung. Für dieses Nichts also war der Aufruhr der eben durchlebten Stunden über uns hinweggebraust, hatte die Wenigkeit ihre Wadenkrämpfe bekommen, davon sie sich nur durch ein Übermaß von Kognak befreien konnte, hatte der neugekaufte Gig zum Sturz kommen müssen, war ein Modellkleid zu Fetzen geworden. – Traurig wandte ich mich zum Gehen. Als ich den Bahnsteig verließ, kam mir Frau Fänger schon entgegen. Sie hatte sich mit einigen Sicherheitsnadeln die ungebärdigsten Fetzen ihres Kleides notdürftig festgesteckt, dennoch bot sie einen erschreckenden Anblick. Ihr wildzerzaustes Haar fiel ihr in ein verschwollenes, mit Schmutz und Blut besudeltes Gesicht; auf der Stirn hatte sie eine klaffende Wunde, deren immer wieder hervorsickerndes Blut sie alle Augenblicke mit dem Taschentuch abtupfte.
»Wo ist sie?«, rief sie mir mit gedämpfter Stimme zu.
»Sie ist nicht gekommen«, sagte ich.
»Wo Fräulein Maren Ellernkamp ist, meine ich«, wiederholte sie ihre Frage.
Es wurde mir schwer, ihr klarzumachen, dass unsere Fahrt zur Bahn vergeblich gewesen war. Ich musste schon mit ihr den kleinen Warteraum des Bahnhofs aufsuchen und mir vom Bahnhofsvorsteher Pape ausdrücklich bestätigen lassen, was sie nicht glauben wollte: niemand war dem Zug entstiegen.
Für Herrn Pape war der traurige Zustand der Frau Fänger weniger ein Grund, bestürzt als erfreut zu sein. Er hatte vor kurzem mit einigen anderen Bahnbeamten einen Sanitätskursus unter Wilhelms Führung durchgemacht und musste mithin danach lechzen, seine frisch erworbenen Kenntnisse erstmals zu betätigen. Kaum dass er eine kurze Höflichkeitsfrage nach dem Hergang dieses hochwillkommenen Unfalls vorgebracht hatte, so stürzte er fort, um einen großen, mit Segeltuch überzogenen Verbandkasten herbeizuschleppen. Während er sich geschwind noch einmal in einem Büchlein über »Die erste Hilfe bei Unglücksfällen« unterrichtete, fand Frau Fänger Zeit, sich in einem an der Wand hängenden Spiegel zu betrachten. Hatte der Spiegel in ihrem Schlafzimmer ein erstes, zartes Lächeln ihr abgewonnen, so ließ dieser Spiegel sie in ein lautes, grässliches Gelächter ausbrechen. Diese Lache war so unheimlich, dass Herr Pape mich besorgt ansah, um dann zunächst einmal zu einer Flasche Baldriantinktur zu greifen. Willenlos schluckte seine Patientin die ihr dargereichten beruhigenden Tropfen – nun aber ging Herr Pape ans Werk. Feierlich und voll Umstand, wie ein opfernder Priester, handhabte er seine Pinzetten und Scheren, wie eine Monstranz hielt er das Jodfläschchen, und wie er die Streifen der Mullbinde um den Kopf der Pastorin mit großen, weitausladenden Gebärden legte, schien er eine Beschwörung zu vollziehen. Würdig dieser weihevollen Handlung war dann aber auch das Ergebnis. Herr Pape trat einige Schritte zurück, er musterte ernst und sichtlich ergriffen sein Werk, er nickte mit tiefer Befriedigung vor sich hin, denn siehe, es war sehr gut. Es war ihm gelungen, vom Haupt seines Opfers auch den letzten Rest Menschlichkeit zu verhüllen. An dieser großen, gespensterhaft weißen Kugel sah man weder Stirn noch Augen noch Ohren noch Nase noch Mund. Gespensterhaft wirkte auch die Regungslosigkeit und das Schweigen dieses Ergebnisses der papeschen Sanitäterkünste.
Nunmehr fassten Herr Pape und ich Frau Fänger unter die Arme, um sie in die Wohnung des Bahnhofsvorstehers zu geleiten. Es ergab sich, dass auch Frau Pape weit mehr Freude als Schrecken über unseren Besuch zeigte:
»Das passt sich, aber prima!«, rief sie entzückt, »dass Sie nu aber auch Ihr Kleid kaputtgerissen haben. Frau Pastorin, das kömmt ja nu wie gerufen! Wo ich doch vorige Woche gerade zur Hochzeit von Mariechen Helmke ein neues seidenes Kleid gekriegt habe! Die Leute haben alle gesagt, da hätte ich den Vogel mit abgeschossen mit dem Kleid. Das können Sie sich jetzt gleich anziehen. Ich koche unter der Zeit eine Tasse Kaffee.«
Sie führte uns in ihr Schlafzimmer und holte aus dem Kleiderschrank jenes Gewand, mit dem sie auf Mariechen Helmkes Hochzeit so großes Aufsehen erregt hatte. Es war ein vortreffliches Kleid, die Schneiderin Minna Hesse in Wenzen hatte es weder an Fantasie noch Stoff noch Zutaten fehlen lassen. Unzweifelhaft saß es Frau Pape auch ganz vorzüglich, unzweifelhaft aber war sie auch um anderthalb Hauptlängen kleiner als die Pastorin, woraus sich für meinen Kennerblick sogleich ergab, dass dieses Prunkstück im günstigsten Fall die Knie meiner so hart heimgesuchten Freundin bedecken würde. Und so war es denn auch. Aber Frau Fänger sah dieses Mal nicht in den Spiegel, so dass ihr weitere seelische Erschütterungen glücklich erspart blieben.
Während wir in Papes Wohnzimmer eine Tasse Kaffee tranken, sahen wir vom Fenster aus »Seine Wenigkeit« langsam den Bahnhofsweg heraufkommen. Die schrecklichen Stulpenstiefel hatte er ausgezogen, er ging mit nackten Füßen neben dem Pferd, das den unversehrten Gig hinter sich herzog. Wir liefen alle hinaus, um uns von seinem Befinden zu überzeugen. Herr Pape war bitter enttäuscht, als uns der Kutscher sogleich versicherte, dass außer dem freilich stark mitgenommenen Livreerock des Herrn von Avendshausen an ihm nichts zu Schaden gekommen sei; beim Sturz in die Dornenwand hatte Frau Fänger ihm als rettendes Polster gedient.
Schweigend traten wir nun die traurige Heimfahrt an. Wir hatten uns davon überzeugt, dass der Schreck »Seine Wenigkeit« wieder völlig nüchtern gemacht hatte, und trugen daher kein Bedenken, den Wagen zu besteigen. Freilich verschmähte es Herr Jürges jetzt auch, den Kutschersitz zu erklimmen, sondern blieb, das Pferd am Halfter führend, der Erde treu. Als wir vor dem Dorf ankamen, schlug ich Frau Fänger vor, zunächst einmal bei uns vorzufahren, damit Wilhelm ihre Wunde, nach Entfernung des unmenschlichen Verbandes, richtig untersuchte. Aber die Pastorin litt im Augenblick nicht so sehr unter der Wunde als unter dem Hochzeitskleid der Frau Bahnhofsvorsteher Pape, sie lehnte jegliche Fahrt durchs Dorf entschieden ab. So sehr war sie von dem Wunsch beseelt, jedem Menschenauge auszuweichen, dass sie »Seiner Wenigkeit« jetzt befahl, auf einen das Dorf umführenden Feldweg abzubiegen; ungesehen wollte sie durch die Hinterpforte mit mir in den Pfarrgarten schlüpfen.
Diesen Wunsch konnte ich ihr allerdings nachfühlen. Das Meisterwerk der Schneiderin Minna Hesse war wirklich nicht für Frau Fängers Gestalt zugeschnitten, das wurde immer offenbarer, je länger sie es trug. An ihrem üppigen Körper war es nunmehr bedrohlich zusammengeschrumpft, die Ärmel hatten sich bis an die Ellbogen hochgeschoben und unten verhüllte das Festgewand nur noch zur Hälfte die kräftigen Schenkel der Pfarrfrau. Zwischen dem Kleidersaum und den gediegenen schwarzen Wollstrümpfen, die Frau Pape als Ersatz für Frau Fängers zerrissene seidene Strümpfe freudig mitgeliefert hatte, lachte ein handbreites Stück rosig schimmernder Haut hervor. Ja, ich konnte verstehen, dass die Ärmste in diesem Aufzuge sich niemandes Augen preisgeben mochte.
Und doch war es ihr vom Schicksal bestimmt, also bekleidet und nicht in einem Pariser Modell zu vierhundertfünfzig Mark den Augen zu begegnen, vor denen sie so lange gezittert hatte.
Als wir, aus dem Hintergarten kommend, um das Haus bogen und aufatmend schon in die Tür schlüpfen wollten, fuhren wir beide mit einem Schrei des gleichen Entsetzens zurück – in der rettenden Tür stand ein Mensch. In der Tür stand ein junges Mädchen, das uns freundlich entgegenlächelte.
Wir wussten es beide sofort, dass dies Maren Ellernkamp war und niemand anders. Wir waren vielleicht den ganzen Tag schon dunkel darauf vorbereitet, dass unsere erste Begegnung mit diesem Mädchen so verlaufen musste – so und nicht anders. Dass Otto Fängers kluge und weitschauende Rechnung dieses Ergebnis haben musste und kein anderes. Und was geschah nun angesichts eines so fürchterlichen Ergebnisses?
Die Pfarrfrau stand einen Augenblick regungslos, beide Hände aufs Herz gepresst. Sie sah in die Augen des Mädchens, sah in diese klaren und freudigen Augen, die wie das Stahlblau des Rittersporns leuchteten. Sie vergaß ihrer Angst, vergaß ihres Gewandes, vergaß ihrer nackten Knie und ihrer wollenen Strümpfe, vergaß ihres unmenschlich verhüllten, gespenstischen Hauptes – mit einem schluchzenden Aufschrei warf sie sich an die Brust des Mädchens Maren.
4. Kapitel
Und jetzt saßen wir wieder im grünen Dämmer dieser von dichtem Efeu umsponnenen Grotte des Pfarrgartens. Die langen, zärtlichen Wedel der über das Steinwerk hangenden Farne wehten uns Ruhe und Kühlung zu – uns dreien. Denn nun saß sie mit uns am Tisch, diese verwöhnte Dame aus der großen Welt, diese arrogante Asphaltblüte – dieses prachtvolle, frische Mädel aus Hamburg. Wie eine reinigende Brise ihrer geliebten Nordsee war sie gekommen und hatte die bange, stickige Schwüle der letzten Tage sieghaft zerrissen. Befreit und beseligt hingen die Augen der Pfarrfrau an diesen anmutigen und ungemalten Lippen, über die sprudelnd der Bericht des ersten Wenzener Abenteuers kam. Freilich hatte es nicht in Wenzen, sondern in Brunsen begonnen, das war die Station vor Wenzen, und beim Ausrufen hatte Maren, getäuscht durch den ähnlichen Klang des Namens, sich schon am Ziel gewähnt. Fröhlich hatte sie ihr Handköfferchen ergriffen und war ausgestiegen. Erst im dortigen Pfarrhaus war es ihr allmählich klargeworden, dass sie sich ins falsche Dorf verirrt hatte.
»Stellen Sie sich vor, wie ich erschrak, als ich in das Studierzimmer eines Mannes geführt wurde, der so ungefähr das Gegenteil von allem war, was ich mir nach den Erzählungen meines Vaters unter Herrn Pastor Fänger vorgestellt hatte. Zuerst konnte ich ihn überhaupt kaum erkennen in dem dichten Nebel, mit dem seine lange Pfeife die Stube ganz ausgefüllt hatte. Aber dann sah ich mich einem weißhaarigen, bebrillten alten Mann gegenüber, der mich mit strengen und beinahe abweisenden Blicken musterte. ›Ich habe Sie schon gestern erwartet‹, sagte er muffig. ›Sie können sich denken, dass ich Wert auf Pünktlichkeit legen muss; schließlich sind Sie nicht die Einzige, die einen Stammbaum aufgestellt haben will. Setzen Sie sich. Die Ergebnisse meiner in Ihrem Fall wirklich sehr mühevollen Forschungen sind wenig erfreulich. Das heißt, ich habe Ihre mütterlichen Ahnen bis ins siebzehnte Jahrhundert verfolgt, aber ich kann wohl sagen, dass ich selten auf eine solche Fülle von menschlichen Unzulänglichkeiten im Verlauf einer Erblinie gestoßen bin. Ihr Vater hat keinen guten Griff getan, als er sich eine Frau von dem bötelschen Kleinkötnerhofe holte.‹
Ich versuchte vergebens, ihn zu unterbrechen, aber er winkte so unwillig ab, dass ich eingeschüchtert seine Ausführungen weiter über mich ergehen ließ. Er kramte nun einen großen Bogen hervor und breitete ihn umständlich auf dem Schreibtisch aus. Dann winkte er mich mit kurzer Bewegung heran und wies mit seinem langen, gichtisch gekrümmten Greisenfinger auf die Ahnentafel der Bötels:
›Sehen Sie gefälligst einmal diese rot eingezeichneten Linien an‹, sagte er grimmig, ›dies hier ist der Einschlag des Alkoholismus, zu Deutsch des Säufertums, den Ihre Großmutter als einzige Mitgift einbrachte. Sie war natürlich unehelich geboren, wie überhaupt gut die Hälfte Ihrer Ahnen. Sie machen sich gar keinen Begriff‹, fuhr er mich vorwurfsvoll an, ›wie diese vielen unehelichen Kinder die Ahnenforschung erschweren! Dann sehen Sie mal diese Linie: hier schleppte Ihr Urgroßvater die Tuberkulose ein. Und diese Linie – hier sind lauter sogenannte Sonderlinge, um nicht zu sagen Schizophrene, in praxi jedenfalls asoziale Schädlinge.‹
Er lachte düster auf, dann zeigte er mit seinem hässlichen langen Finger auf mich: ›Und dies ist nun das Produkt dieser entarteten Erblinien! Ich fürchte, Sie haben die Absicht, zu heiraten. Lassen Sie sich sagen, dass Sie damit ein Verbrechen begehen würden!‹
Er sah mich lange durchbohrend an. Ich war derart gelähmt durch diese schlimme Vorhersage, dass es eine Weile dauerte, bis ich ihm klarmachen konnte, dass ich nicht die Absicht hätte zu heiraten. Im Übrigen stammte meine Mutter nicht vom bötelschen Kleinkötnerhofe zu Brunsen, sondern sei eine Tochter des Reeders Habbo Onnen Habbinga aus Emden. Und außerdem sei ich nicht zu ihm gekommen, um meinen Stammbaum entgegenzunehmen, sondern für ein Vierteljahr die Gastfreundschaft seines Hauses zu genießen.
Jetzt erst erfuhr ich, dass ich nicht zum Pastor Fänger in Wenzen, dass ich vielmehr zum Pastor Rothermund in Brunsen gekommen war. Der alte Mann bewies noch so viel Menschlichkeit, dass er mich bis vor die Haustür brachte und mir den Weg beschrieb, auf dem ich nach einstündiger Wanderung Wenzen erreichen würde.«
Frau Fänger lächelte glücklich. Sie konnte wieder lächeln; denn ich hatte ihr, sobald wir Maren Ellernkamp nur erst einmal ihr Zimmer zugewiesen hatten, den üppigen papeschen Verband abgenommen und ihn durch ein paar schlichte Pflasterstreifen ersetzt. Sie hatte auch das nicht minder üppige Kleid der Frau Pape abgelegt. Maren hatte ebenso fröhlich darüber hinweggesehen, wie sie vielleicht auch über das Pariser Modell hinweggesehen haben würde. Nur der grässliche Verband hatte ihre menschliche Anteilnahme geweckt und ihr eine besorgte Frage nach unserem Unfall abgenötigt. Ja, die Pfarrfrau hatte allen Grund, diesem Gaste befreit entgegenzulächeln …
»In diesem Pastor Rothermund«, wandte sie sich an das Mädchen. »haben Sie eine Berühmtheit auf dem Gebiet der Ahnenforschung kennengelernt. Wenn Sie das, was er Ihnen vortrug, auch glücklicherweise nichts anging, so war es doch zweifellos das Ergebnis gewissenhaftester Forschung. So rückhaltlos, wie er Ihnen diese Eröffnungen gemacht hat, wird er zu jedem sprechen, der ihn nach seinen Ahnen fragt, ob es nun eine Bauernmagd ist oder ein Regierungsrat aus der Stadt. Dadurch, dass er sich nicht auf rein sachliche Nachweise beschränkt, sondern ratend und warnend auch praktische Folgerungen aus seiner Arbeit zieht, hat er schon manche unerwünschte Ehe verhindert und so viel Segen für unser Volk gestiftet, freilich sich oft auch recht unbeliebt gemacht … Aber nun müssen Sie uns noch erzählen, wie Sie so schnell nach Wenzen gekommen sind, nachdem Sie das Kolleg bei Rothermund überstanden hatten. Sie können doch unmöglich zu Fuß gegangen sein.«
»Das bin ich auch nicht«, sagte Maren Ellernkamp mit einem beinahe pfiffigen Lächeln, »ich bin keineswegs zu Fuß gegangen, sondern im Auto gefahren. Zunächst allerdings machte ich mich rüstig auf den Weg mit meinem Koffer, aber schon am Ausgang des Dorfes geriet ich in Ungewissheit, wie ich weitergehen sollte, denn da teilte sich die Straße in drei Wege, die in verschiedenen Richtungen auseinanderstrebten. Unschlüssig blieb ich stehen und hielt nach irgendeinem Menschen Ausschau, bei dem ich mich nach dem rechten Wege erkundigen konnte. Da fiel mein Blick auf ein Auto, das vor dem letzten Häuschen des Dorfes hielt. Der Besitzer des Wagens kam eben aus der Haustür und schickte sich an einzusteigen. Ich rief ihn an und fragte ihn, auf welchem von diesen Wegen ich nach Wenzen käme. Er stieg erst einmal mit voller Gelassenheit in seinen Wagen, dann schrie er mir durch das Fenster barsch zu: ›Immer links halten!‹ Ich hielt mich nun links, wobei ich gleich darauf von dem Auto überholt wurde. Eine ungeheure Staubwolke wurde von dem trockenen Lehm des Feldwegs aufgewirbelt. Ich ließ meinen Koffer fahren und sprang in den Straßengraben, um überhaupt atmen zu können. Als sich die Staubwolke verzogen hatte, sah ich zu meinem Ärger, dass der widerwärtige Wagen wieder hielt. Es war ein hochbeiniger alter Ford mit Speichenrädern und sicherlich seit Monaten nicht mehr gewaschen. Ich kenne diese Dinger zur Genüge, auf solch einer Karre habe ich das Fahren gelernt …«
Sie hielt inne, als ob sie auf irgendeiner Erinnerung ausruhte. Ich erschrak, denn auch ich kannte diese Dinger zur Genüge, auch Löhnefinks hatten einen Fordwagen mit Speichenrädern, der seit Monaten nicht gewaschen war …
»Verdrießlich nahm ich meinen Koffer zur Hand«, fuhr Maren fort, »und ging weiter. Ich hatte mich damit abgefunden, dass ich dieselbe Staubwolke von dem weiterfahrenden Wagen nochmals würde schlucken müssen, aber als ich an dem Ford vorbeikam, rief mir aus seinem Innern dieselbe mürrische Stimme zu: ›Können meinetwegen auch einsteigen. Fahre auch nach Wenzen!‹ Wenn ich nun auch zunächst nicht seinetwegen einstieg, so stieg ich doch ein.«
Eine traurige Ahnung ließ mich Maren Ellernkamp fragen:
»Haben Sie sich gut unterhalten auf dieser Fahrt?«
»Ganz vorzüglich«, erwiderte sie mit einer mir unheimlichen Lebhaftigkeit, »das war ein ganz fabelhafter Mann. Zuerst dachte ich, es wäre ein Reisender in Fetten und Ölen, aber dann kam er mir doch plötzlich ganz anders vor. Wir fuhren durch den Wald, und da wurde er mit einem Male lebendig. Es gab da so vieles, was er mir zeigen konnte, da war eine alte, einsame Eibe in einer Felswand, auf zweitausend Jahre schätzte er ihr Alter, es war ein kleiner, unscheinbarer Baum, aber ich sah ehrfürchtig zu ihm auf, als er mir von ihm erzählte, ich hatte ihn ursprünglich nur für einen verkrüppelten Wacholderstrauch gehalten. Er zeigte mir den Seidelbast, dessen rote Beeren durch das Laub des Unterholzes schimmerten; er schwärmte erinnernd von dem berauschenden Duft seiner Blüten, die der erste Gruß des märzlichen Frühlings in diesen seinen Wäldern wären. Wirklich, es kam mir vor, als ob es seine Wälder wären, durch die er mich fuhr. Jeden Baum, der am Wege stand, schien er zu kennen, jeder Stein war ihm vertraut, die Reiche des Muschelkalks und des Buntsandsteins und ihrer Vegetationen zeigte er mir, so dass sich mir schließlich die Frage aufdrängte, ob er Geologe oder Botaniker sei. Da sagte er mir, dass er ein einfacher Landdoktor wäre …«
»Dieser einfache Landdoktor war mein Mann«, sagte ich hastig. Es schien mir, als ob Maren mich beinahe erschrocken anblickte – ich atmete auf, dass eben jetzt das Hausmädchen kam, um uns zum Kaffee zu bitten. –
Am anderen Morgen erschien zu meiner großen Überraschung Wilhelm in der Pfarre. Ich befand mich gerade im Vorgarten und war dabei, einige Rosen für den Frühstückstisch zu schneiden. Meine Überraschung wuchs, als er mich mit einer ganz ungewohnten Gesprächigkeit begrüßte. Er erkundigte sich eingehend nach meiner Nachtruhe und entschuldigte sich, dass er nicht schon gestern gekommen sei:
»Ich habe eben erst von eurem Unfall erfahren, heute Morgen brachte mir Lina die Nachricht als letzte Neuigkeit aus der Molkerei mit. Ich bin nur froh, dass du dabei so gut weggekommen bist, hoffentlich haben deine Nerven nicht so sehr gelitten, du warst mit ihnen in der letzten Zeit doch sehr herunter …«
Er unterbrach sich und ließ scheu seine Blicke an den weinumrankten Fenstern des Pfarrhauses entlangwandern, dann, als ob er sich selbst ertappte, fuhr er schnell fort in einem Ton, dessen gemachte Unbefangenheit einen aussichtslosen Kampf mit seiner sichtlichen Verlegenheit aufnahm.
»Ich habe dir übrigens ein paar Strindberg-Bände mitgebracht, du lasest doch gerade in den ›Inselbauern‹, und da dachte ich mir, du würdest sie sicherlich vermissen. Und hier – ›Am offenen Meer‹, das musst du unbedingt auch lesen; diese Schilderungen der Schären sind das Großartigste, was ich an Naturbeschreibungen kenne …«
Wieder glitten seine Blicke auf die Fenster des Hauses ab, um dieses Mal ziemlich lange zu verweilen. Ich musste lächeln:
»Du freust dich wohl, wie schön der Wein angesetzt hat?«
»Ja, natürlich … Aber vor allem stört mich die Fensterscheibe, da oben unter dem Dache, die hat schon seit Jahren einen Sprung. Ich wundere mich, dass Herr Fänger das noch nicht hat in Ordnung bringen lassen, er ist doch sonst so eigen mit seinem Hause. Also … mich würde so etwas gar nicht zur Ruhe kommen lassen.«
Hierbei fiel es mir ein, dass er seit ebenso viel Jahren in seinem Wagen eine zersprungene Windschutzscheibe hatte, die seine Seelenruhe noch nie ernstlich gefährdet hatte.
Im offenen Hauseingang waren jetzt zwei Frauenstimmen zu hören, deutlich konnte ich Maren Ellernkamps helles Lachen erkennen – nun kamen sie näher, diese Stimmen.
Wilhelm wurde unruhig, er drückte mir eilig die Bücher in die Hand, sein Gesicht verriet eine mich tief rührende Hilflosigkeit.
»Ich muss jetzt fort«, sagte er, »ich bin vor der Sprechstunde nur schnell mal hier vorgekommen … Grüße Frau Fänger, sie kommt dann vielleicht nachher einmal zu mir mit ihren Verletzungen.«
Er küsste mich hastig und verließ eilends den Garten, wie eine Flucht sah sein Abgang aus …
Ich hätte meinem Mann im Grunde genommen nun folgen können. Denn die Angst vor dem neuen Gast, die Frau Fänger bewogen hatte, mich für einige Tage zu sich zu bitten, war ja längst einer freudigen Ruhe gewichen. Aber ich blieb. Die Freundin bat mich, nun auch ihr Glück zu teilen, nachdem ich all die Trübsal hatte tragen helfen, die uns aus Otto Fängers ebenso weitschauenden wie unheilvollen Empfangsvorbereitungen erwachsen waren.
Was Otto betraf, so hatte er einen kurzen Ansichtskartengruß aus Lugano geschickt, der uns beim Frühstück erreichte. Auch seine Maurer hatten sich wieder eingefunden, der ungestüm einsetzende Lärm ihrer Arbeit veranlasste Frau Fänger zu einigen erklärenden Worten:
»Hier«, sagte sie, indem sie nach dem Hofe wies, »wird nun für Ihr arabisches Vollblut eine würdigere Behausung geschaffen, als sie unser alter Stall zu bieten vermochte. Und dort das Getöse im Hause zeugt von den verheißungsvollen Anfängen eines neuen Badezimmers, das Otto eigens für Sie bauen lässt, Fräulein Maren. Unser altes Badezimmer hat ja leider keine Gnade vor den Augen Ihrer Amme gefunden.« Sie lachte belustigt auf.
»Das sieht meiner alten Henriette allerdings ähnlich«, erwiderte Maren einigermaßen verlegen, »was mögen Sie nur von mir gedacht haben, als unser Familiendrache eintraf, um für mich Quartier zu machen. Aber Tante Swolke Habbinga, die seit Mutters Tode unseren Haushalt leitet, war ja nicht davon abzubringen, Henriette zu schicken. Es ist ganz schrecklich – jedes Mal, wenn ich ins Semester fuhr, reiste sie voraus, um die Ankunft einer großen Dame anzukündigen, die ich gar nicht sein will. Ich habe mich so sehr nach einem unbefangenen kameradschaftlichen Verkehr gesehnt, und immer hat sie mir einen Strich durch meine Rechnung gemacht. In Heidelberg hat sie mir für mein erstes Semester eine ganze Villa gemietet, in der sie mich bemuttern wollte. Aber ich habe sie dann, Gott sei Dank, bald allein in der Villa zurückgelassen und bin zu meiner Freundin in die Karpfengasse gezogen. Das war fein, da wohnten wir bei der Familie Leppert-Rimmler-Kopf. Der Mann hieß, Leppert, die Frau, mit der er zusammenlebte, hieß Rimmler, und die unverheiratete Tochter hieß Kopf. Die Dauer eines Semesters genügte nicht, uns hinter das Rätsel dieser Familienzusammenhänge kommen zu lassen.«
»Das wusste ich ja gar nicht, dass Sie Studentin sind«, sagte Frau Fänger erstaunt.
»Na ja – ich habe acht Semester Medizin studiert. Nach dem Physikum habe ich es dann bei Papa glücklich durchgesetzt, dass er mich ohne Henriette auf die Universität ziehen ließ. Nur vorausgereist ist sie mir jedes Mal, und so ist sie auch leider zu Ihnen gekommen und hat mir hier den Anfang erschwert …«
Sie sprang auf und ergriff Frau Fängers Hand, flehend sagte sie: »Nicht wahr, Sie nehmen es mir nicht übel, dass ich so lächerlich bei Ihnen eingeführt worden bin. Papas Geld und Tante Swolkes verkalkter Feudalstil richten sich immer noch nach ›Dombey und Sohn‹ … Nun können Sie sich wohl denken, wie ich mich freue, hier in Wenzen gelandet zu sein. Wenn ich bloß nicht auch hier den Neubau von Pferdeställen und Badezimmern veranlasst hätte. Und sogar einen Gig und ein Pariser Modellkleid habe ich auf dem Gewissen, wie Frau Löhnefink mir verraten hat.«
»Das braucht Ihr Gewissen nicht zu belasten«, lachte Frau Fänger, »Ihre Ankunft war für Otto nichts als der hochwillkommene Anlass, mein Geld auszugeben. Wenn Sie nicht gekommen wären, so hätte er es sicher einem viel unwürdigeren Zweck geopfert.«
»Sie müssen wissen«, mischte ich mich ein, »dass Herr Pastor Fänger ein Prachtmensch ist. Man kann ihn wirklich einen Idealisten nennen, er setzt sich für das, was ihn gerade begeistert, bis zur Erschöpfung seiner persönlichen Kräfte und seiner Kasse ein. Nur schade, dass seine Ideen so oft wechseln. Auf diese Weise ergeben sich immer neue Gelegenheiten für ihn, das Vermögen der guten, allzu nachgiebigen Frau Fänger zu verzetteln. Der Pferdestall und das Badezimmer haben wirklich noch einen gewissen Sinn, aber da ist nun jetzt die Koniferenzucht, die sicherlich bald wieder entschlummern wird. Nach seinen dunklen Andeutungen nämlich gehen ihm neuerdings auch die Seidenraupen im Kopfe herum. Maulbeerbäume hat er schon bestellt, und mit dem Bau von Baracken wird es wohl nun auch bald losgehen …«
»Ach ja …«, seufzte die Pfarrfrau, »Otto ist ein herzensguter Mann, aber ich habe wirklich manchmal meine liebe Not mit ihm.«
»Wir wollen auch gar nicht auf Ihren Mann schelten«, sagte ich, »wir wollen uns nur überlegen, wie wir ihm seine kostspieligen Liebhabereien etwas abgewöhnen. Und da möchte ich Sie bitten, meinen gestrigen Vorschlag als ganz ernsthaft, zu betrachten.«
Ich weihte nun auch Maren in den Plan ein. der mir angesichts der zwischen ihren Pariser Modellkleidern zusammengebrochenen Gattin des liebenswürdigen Verschwenders gekommen war. Das junge Mädchen war begeistert.
»Da lassen Sie mich bitte mithelfen! Das ist eine ganz vorzügliche Idee! Aber das sage ich Ihnen gleich: die Sache darf keinen Pfennig kosten! Die Modellkleider haben wir gar nicht nötig, die werden allesamt zurückgeschickt. Was das Auto betrifft, das stelle ich zur Verfügung. Ich habe nämlich ein funkelnagelneues Sportkabriolett in Harvestehude stehen. Papa hat es mir geschenkt, um mich auf andere Gedanken zu bringen … damals, nach dieser dummen Geschichte …« Sie lachte ein wenig gezwungen auf. »Ich war nämlich in diesem Frühling ein bisschen durchgedreht … Na, davon ein anderes Mal. Also ich habe jetzt wenigstens ein Auto, und das lasse ich kommen. Wir werden es hier sofort ummelden und mit einer Nummer aus dem hiesigen Kreise versehen lassen. Sie werden es als Ihren neuerworbenen Wagen ausgeben und auf ihm auch fahren lernen. Das wird nun allerdings doch etwas Geld kosten, aber die paar Mark sind nicht sinnlos weggeworfen, ein Fahrkursus bedeutet heutzutage eine Ausgabe, die sich immer verzinst.«
»Das ist ja prachtvoll!«, rief ich, »da hätten wir also das erste Erziehungsmittel!«
»Und ich weiß sogar noch ein viel besseres«, fiel eifrig das Mädchen ein, »Sie haben doch noch ein großes Zinshaus in Hannover, wie Frau Löhnefink mir auch schon verraten hat. Sie werden Ihren Gatten mit der Nachricht erfreuen, dass Sie sich entschlossen haben, es zu verkaufen, natürlich zu einem Spottpreis, aber Sie haben eben dringend Geld nötig. Bei diesem Geschäft kann ich einen ausgezeichneten Mitarbeiter stellen. Ich habe da in Hamburg einen netten alten Onkel sitzen, Enno Piepenschneider heißt er, ich bin sein ganzer Verzug, und er tut mir jeden Gefallen. Er hat mir schon versprochen, mich in drei Wochen auf seiner Reise nach Süddeutschland zu besuchen, und es wird ihm ein Vergnügen sein, hier als Makler aufzutreten und Ihrem Gatten einmal tüchtig die Hölle heiß zu machen. Am besten setzen wir jetzt gleich einen Brief auf und bereiten ihn mit weniger Schonung als heilsamer Deutlichkeit auf alles das vor, was ihn bei seiner Rückkehr erwartet.«
Es war ein recht sauersüßes Lächeln, mit dem Frau Fänger diesen Vorschlag zunächst entgegennahm. Das hätte doch noch Zeit, meinte sie gutmütig beschwichtigend. Den ganzen Jammer des vorhergehenden Tages schien sie nun, in der überraschend wohltuenden Gesellschaft der neuen Hausgenossin, völlig vergessen zu haben, so dass ich mich fast über ihre Schwäche ärgerte. Ich hatte es in den letzten Jahren mit Sorge immer wieder festgestellt, dass die Generaluntugenden der beiden Eheleute aneinander geradezu wuchsen: je üppiger Fängers Leichtsinn sich in den buntesten Blüten entfaltete, desto mehr wurde ihr ursprünglicher starker Wille von weicher Nachgiebigkeit überwuchert, so wie der härteste Fels bisweilen unter dem sanften, geduldigen Mooswuchs verschwindet. Und je milder die Frau wurde, desto ungebärdiger wurde der Mann – es war ein hoffnungsloser Kreis, in den ihrer beiden Fehler gebannt waren. Nun schien es mir an der Zeit, diesen Kreis zu zerreißen.
»Der Brief wird auf alle Fälle geschrieben, und zwar noch in dieser Stunde und an diesem Tische!«, sagte ich.
So wurde denn wirklich der Brief geschrieben:
Lieber Otto!
Gestern ist Fräulein Ellernkamp hier glücklich eingetroffen. Nicht ganz so glücklich verlief unsere Fahrt zum Bahnhof. Seine Wenigkeit war ein Opfer der Freiherrlich-von-Avendshausenschen Livree geworden, die Du mit so viel dankenswerter Umsicht für ihn beschafft hattest. Nur eine Kleinigkeit war Deiner Aufmerksamkeit entgangen: die prächtigen Stulpenstiefel saßen Herrn Jürges so eng, dass er in ihnen Wadenkrämpfe. bekam, von denen er sich mit einer halben Flasche Kognak befreite. Ich muss nun wohl doch um Entschuldigung bitten, dass ich ihm in diesem Zustand den neuen kostbaren Gig anvertraut habe. Tatsächlich hat Seine Wenigkeit uns denn auch umgeschmissen. Es wird Dich beruhigen, dass der Wagen keinen Schaden gelitten hat, nur ich selbst habe den wohlverdienten Denkzettel für meinen Leichtsinn erhalten, indem ich mir eine kleine Schramme an der Stirn zuzog. Das Dornengebüsch, in dem Seine Wenigkeit und ich fünf Meter unterhalb des Bahnhofsweges landeten, hat, nebenbei bemerkt, auch das Pariser Modell – besten Dank übrigens für seine Besorgung; ich hatte das für vierhundertfünfzig Mark gewählt – etwas zerfetzt. Immerhin verdankte ich ihm die glanzvollste halbe Stunde meines Lebens, in der ich viel an Dich gedacht habe. Fräulein Ellernkamp wurde sogleich in die heiterste Laune versetzt, als ich ihr in dem Kleide der Frau Bahnhofsvorsteher Pape entgegentrat. Unsere neue Pensionärin ist sehr nett, nur äußerte sie einiges Befremden darüber, dass in einem Hause, von dem ihr Vater ihr nach Deinen Schilderungen so verheißungsvolle Dinge berichtet hatte, nicht einmal ein Auto vorhanden sei. Du wirst verstehen, wie peinlich mir die ganze Sache ist, und ich glaube zweifellos in Deinem Sinne gehandelt zu haben, wenn ich kurz entschlossen bei den Einbecker Zentralgaragen anrief und mich bei Auto-Büchner nach einem passenden Wagen erkundigte. Und nun stell Dir nur vor, was für ein Glück ich entwickelt habe: Herr Büchner hatte zufällig gerade einen wundervollen Vorführungswagen an der Hand, den er mir zu einem erheblich herabgesetzten Preis anbieten konnte. Er kostet nämlich statt achttausend nur siebentausend Mark, dabei war er erst fünftausend Kilometer gefahren! Für die tausend Mark, die ich so gespart habe, können wir dann gleich unsere kümmerliche Garage richtig ausbauen lassen. Herr Büchner hat den Wagen gestern gleich zu uns herausgebracht, und ich muss sagen, wir waren alle begeistert! Das Auto ist einfach süß! Ein Acht-Zylinder-Sportkabriolett mit Frontantrieb und Schwingachse, mit Schweinsleder gepolstert, es hat bei der Probefahrt spielend seine hundertvierzig Kilometer erreicht! Ich habe natürlich mit Herrn Büchner sofort abgeschlossen. Da ich selbstverständlich bar bezahlen will, um die schweren Zinsen eines Stottergeschäftes zu sparen, habe ich auf Rat von Fräulein Ellernkamp, die sehr geschäftstüchtig ist, den Verkauf meines Hauses an der Lavesstraße in Hannover eingeleitet. Im Übrigen möchte ich Dir noch so viel verraten, dass Dich bei Deiner Rückkehr noch einige freudige Überraschungen erwarten werden. Es handelt sich um eine vervollkommnete Einrichtung unseres Heims, wie sie den berechtigten Ansprüchen unseres Gastes besser genügen wird als unsere alten Sachen. Mehr will ich heute nicht sagen, Du sollst selber sehen und staunen.
Indem ich hoffe, dass Du die Geschäftstüchtigkeit Deiner Frau dankbar anerkennen wirst, bin ich mit herzlichen Grüßen und einem lieben Kuss
Deine Helene.
PS: Genieße Deine redlich verdienten vierzehn Tage Urlaub im sonnigen Süden nach Kräften. Ich selbst beabsichtige mit dem neuen Wagen im August für längere Zeit zu verreisen und habe Frau Löhnefink dazu eingeladen.
d. O.
Dieser von uns dreien ausgeheckte Anschlag auf Otto Fängers Seelenruhe bot die anmutigste Grundlage, auf der wir uns in den nächsten Tagen menschlich schnell einander näherten. Zeigte die Pfarrfrau immer noch eine letzte Angst vor der eigenen Entschlossenheit, so sahen Maren und ich doch mit der gleichen freudigen Spannung dem Ergebnis unseres kühnen Erziehungsversuches entgegen. Wie mochten ihm wohl die Ohren geklungen haben, während wir unseren weisen Rat abhielten. Wir überboten uns in den lustigsten Mutmaßungen, wie Herr Fänger sich mit seinem Brief abfinden würde. Wenn ich der Hoffnung Ausdruck gab, dass jenes übliche Telegramm um Nachsendung von Geld dieses Mal ausbleiben würde, so glaubte Maren ernste Befürchtungen hegen zu müssen, ob der geprüfte Pfarrherr seines Leibes Wohlfahrt nicht etwa allzu gröblich vernachlässigen würde: »Er wird sich sicher nicht mehr richtig satt essen«, sagte sie besorgt.
»Und gewiss ist er gleich in ein Hotel dritten Ranges übergesiedelt«, meinte ich.
»Wie hart mag es ihm ankommen, sich das Rauchen so schnell abzugewöhnen.«
»Der brutale Verzicht auf jedes Glas Wein wird ihm da unten, wo er an der Quelle sitzt, auch nicht ganz leicht werden.«
War Frau Fänger bei solchem übermütigen Spiel unsres vorstellungsfrohen Verstehens zugegen, so pflegte sie etwas beklommen zu lächeln. Aber es ergab sich, dass wir beiden einander immer mehr überlassen blieben und uns so immer inniger zusammenfanden. Im Garten war die Fülle der Beeren und der Schotenfrüchte herangereift, die Einmachezeit war gekommen und hielt die Hausfrau stark beschäftigt. Freudig hatten das Mädchen und ich unsere Hilfe angeboten, aber Frau Fänger hatte uns beide kurzerhand zur Küche hinausgeworfen: ich möchte Fräulein Ellernkamp lieber die Schönheiten unserer Landschaft zeigen und mit ihr Entdeckungsfahrten in dem prächtigen Auto unternehmen, das tatsächlich auf Marens Ferngespräch hin am nächsten Tage schon durch einen Fahrer gebracht worden war …
Maren Ellernkamp lernte die Weser kennen. Schon die Anfahrt versetzte sie in helles Entzücken. Unser Dorf selbst lag ja noch im Vorland des Stromes, im Vorraum gleichsam des Allerheiligsten. Die beiden langgestreckten Höhenzüge, die unser Tal bildeten, zwangen mit der feierlichen Wucht ihrer weiten Wälder den ahnungsvollen Blick der Weser entgegen. Auf dieser Fahrt, sooft ich sie schon gemacht hatte, erlebte ich wieder die trunkene Entfaltung der Landschaft, wie sie einzig das Auto gewährt. Wie die Berge des reich und üppig gelagerten Landes weiter und weiter zurückwichen, schien es, als fiele rauschend ein Vorhang nach dem anderen zur Enthüllung der letzten erhabenen Schönheit.
Wir kamen durch Stadtoldendorf, das sich unter die weichen geflügelten Kuppen der Homburg hinduckt wie ein Küchlein unter die ausgebreiteten Fittiche der Henne. Wir fuhren durch die tiefe, düstere Fichtenschlucht des Hooptals, wir sahen hoch auf seinem Rande das Kloster Amelungsborn, die Gründung der Zisterzienser, die von hier aus den slawischen Osten mit deutschem und christlichem Geiste durchdrangen. Wir kamen über Wilhelm Raabes Odfeld, und wie sich auf seiner Höhe der Wind aufmachte, hörten wir Odins Rosse schnauben, die der alte Gott zuzeiten noch tummeln mochte in der rauen Verlorenheit dieses Gefildes. Hinunter von solcher Höhe senkte der Weg sich ins heitere Tal der Lenne, in dem Eschershausen träumte, Raabes Geburtsstadt. Nun lag sie schon hinter uns, und wir fuhren am Rande des massigen Voglergebirges entlang, wir waren auf Heinrichs, des großen Vogelstellers, Boden angekommen. Ein unvermutetes Seitental leitete uns ins Herz des Gebirges. Hier hatten die rings zurückgewichenen waldigen Wände eine weite friedvolle Mulde geschaffen, und aus diesem Frieden war er damals vor tausend Jahren herausgeholt worden, der schlichte Herzog der Sachsen, um ein König zu werden und das Reich der Deutschen in blutigen Kämpfen gegen die feindlichen Slawen, die Dänen und Ungarn recht eigentlich erst zu begründen.
Hier, wo sein Vogelherd gestanden, ließen wir unseren Wagen stehen. Auf steilen Pfaden erklommen wir durch ein oft urwaldartig wildes Gehölz die Höhe des Bergkamms. Lange führte uns der Weg auf dieser Höhe entlang, feierlicher rauschte hier oben der alte Mischwald auf, über unserem Schweigen wiegten sich die hohen Wipfel der Fichten, riesige Einsiedler von Eichen ragten aus der geselligen Dichte des Buchenbestandes empor. Dazwischen leuchtete das lockere Zweigwerk der Birke, herniederrieselnd an ihrem silbernen Stamm. In ewiger Unruhe zitterten die Blätter versprengter Espen, und die saftigen Spitzen der Douglasfichte siegten über das neidische Drängen des Unterholzes aus Schlehe, Eberesche und rotbeerigem Waldflieder. Und über allem schwebte im blauen Sommerhimmel der Adler dieser Wälder, der Bussard. Aus seinem weiten, gelassenen Kreisen fielen bisweilen seine schrillen Katzenschreie in das dunkle Rauschen des Waldes herunter.
Nun kamen wir an einen alten, verlassenen Steinbruch. Ich kannte ihn, denn ich hatte mit Wilhelm einmal einen halsbrecherischen Versuch gemacht, ihn zu ergründen. In dieses Gewirr von Schluchten, in deren schattigem Schoße mitunter ein Tümpel nie versiegenden Wassers sein ernstes Auge aufschlug in die ewige Dämmerung der Fichten, führte kein Weg hinein. Diese Brüche hatten vor Jahren wohl reiche Ausbeute geliefert, jetzt waren sie vergessen, weil die alten Besitzer in ihrer Habgier selbst die Wege unter sich weggerissen hatten, so dass nicht Pferd noch Wagen den Zugang mehr fand zu diesen gefahrvollen Tiefen, die zum guten Ende noch ein ganzes Gespann verschluckt hatten. Und der Schatten dieses versunkenen Gespanns geisterte als schreckende Sage immer noch um die Wipfel der uralten Tannen, die hier ein ungestörtes Wachstum gefunden hatten, denn auch die modernste Forstwirtschaft machte halt vor der Wegelosigkeit dieser tückischen Wildnis. Die Forstverwaltung hatte sich darauf beschränken müssen, ein warnendes Drahtgitter zu ziehen, nachdem auch einige neugierige Wanderer in der verwitternden und zerbröckelnden Feindseligkeit dieses Winkels zu Schaden gekommen waren.
So war das zutrauliche und unermüdliche Moos langsam herangekrochen und hatte den Rest der behauenen Steine und die Schutthalden ganz überzogen; und es war üppig gediehen unter der unablässig an den steinernen Wänden herniedersickernden Feuchtigkeit.
Auf der Sohle der Schluchten waren die gewaltigsten Eichen erwachsen; ihre breiten Wipfel bildeten den wogenden Grund einer Laubmulde, die an den Seiten von den Tannen der steilen Hänge geschlossen wurde. So wetteiferten Moos, Fichten und Eichen, diese Verlassenheit mit einem lockenden Mantel zu umhüllen, der ihre Gefahren noch tödlicher machen musste.
Nur der schmiegsamen Sicherheit der Tiere war es gegeben, sich ungefährdet hineinzuwagen in dieses Stückchen zerklüfteten Urwalds. Da es dem Menschen verwehrt war, seinen vernichtenden Schritt hinabzulenken in diese Schlucht, so hatten in ihr die Füchse, die Wildkatzen und der furchtsame Dachs ein ungestörtes Zuhause gefunden. In den Suhlen unter den Eichen fanden die wilden Schweine das volle Behagen ihrer schlammigen Bäder und dazu die Köstlichkeit der dicksten Eicheln. Der einsame Uhu hatte seinen Horst in einer Felsspalte gebaut und mochte die nächtliche Stille dieser verlorenen Stätte mit der schauerlichen Klage eines verlöschenden Geschlechtes erfüllen. In der Stille des Tages aber wandelte sich diese Klage zum hungrigen Krächzen eines letzten Kolkraben, eines späten, versprengten Boten des einäugigen Gottes dieser Wälder, die in solchem vergessenen Abseits wieder hineingefunden hatten in die wilde Gewalt ihres Ursprungs …
Ich wusste einen Platz, der den tiefsten Blick gewährte in die dämmernde Verzauberung dieser Welt. Dort setzten wir uns nieder. Noch schwiegen wir beide. Vor uns lag die rätselreiche Schlucht, zu unserer Linken aber hatte der Wald sich gelichtet in einer kleinen Wiese, aus deren hohem Grase die steilen Kerzen des roten Fingerhuts aufflammten. Zu unseren Füßen lag raunend das wogende Laubmeer der Mulde, willenlos süß sanken wir in seinen magischen Bann. Dann raschelte es auf der Wiese, ein Hase sprang hoppelnd durch das Gras, hielt inne, machte Männchen, verschwand. Wieder schloss sich die tiefe Stille um uns. Wie ein Atemholen der Stille war es, als an dem starken Stamme der Fichte, die unseren Sitz überwölbte, ein Eichhörnchen niederglitt. Mit klugen, neugierigen Augen sah es uns an – schon hatte der Wald es wieder verschluckt. Und es gehörte zum Traum dieser Stunde, dass lautlos ein Hirsch aus dem Hochwald heraustrat. Hoch hob er das Haupt mit dem stolzen Geweih, schritt langsam über die Wiese, ward aufgesogen vom Tannendickicht. Ein Rudel Alttiere folgte ihm, sorglos seiner Führung vertrauend, mit demütig gesenkten Köpfen und, wie er, bald verschwunden im Dickicht …
Als ich nach langer Zeit aus meiner Versunkenheit aufblickte, sah ich, dass das Mädchen an meiner Seite weinte.
Ich ließ sie weinen, ich weiß nicht wie lange, ich sagte kein Wort und rührte mich nicht. Dann kam es, dass ihre Hand sich an die meine tastete – da ergriff ich diese Hand, und dann begann Maren zu reden.
Von ihrer Kindheit erzählte sie mir, von ihrem mutterlosen Leben in dem großen, reichen Hause zu Harvestehude. Von ihrem Vater, dem stolzen, klugen Patrizier, der den ungeheuren Besitz seiner Firma so weise durch alle Krisen der Zeit hindurchgerettet hatte und der doch so unklug, so unweise und hilflos war gegenüber dem eigenen Kinde, dem einzigen, das ihm aus einer kurzen Ehe geblieben war. Wie hätte er sonst einer Tante Swolke die Vollmacht geben können, sein Kind zu erziehen – dieses Kind! Immer hatte sie danach verlangt, ein Kind wie alle anderen zu sein, auf der Straße zu spielen und Freundschaft zu schließen nach ihrem Herzen. Und immer wieder war sie von dieser in alten, längst erstorbenen gesellschaftlichen Formen verknöcherten Großtante erbarmungslos herausgerissen aus der Welt, nach der ihre Kindheit sich sehnte. In der Amme Henriette, die nach dem frühen Tode von Marens Mutter ganz im Hause geblieben war, hatte die herrische Frau ein willenloses Werkzeug gefunden. Arm und eng war in dem Reichtum der weiten väterlichen Räume ihre Kindheit dahingegangen.
Erst in der Welt der Hochschule, die sie sich freilich nur nach hartem Kampf ertrotzen konnte, begann ihre Seele sich frei zu entfalten und heiter zurechtzuwachsen. Zwang sie das Studium zum gnadenlosen Einblick in menschliche Schwäche und Not, so war es gerade das Reich des Jammers, das sie die Kraft zum überwindenden Lächeln in sich entdecken ließ. Und doch war es ein letzter Widerspruch gegen Tante Swolkes Herrschaft, was sie in das Abenteuer des vergangenen Frühlings hineingetrieben hatte.
Im März war es gewesen, nach einem Semester, das sie in Freiburg verbracht hatte. Unverhofft früh war der Frühling in diese gesegneten Täler gekommen, da hatte sie beschlossen, der Trostlosigkeit des Hamburger Märzes aus dem Wege zu gehen. Sie hatte sich in ein Schwarzwalddörfchen bei Baden-Baden eingemietet, und hier war sie durch die Pracht der frühen Baumblüte festgehalten worden. So lange festgehalten, bis sie im Rausch dieses überwältigenden Blühens auch das Geld für die Heimreise verbraucht hatte. Dieser ganz ungewohnte Zustand von Armut ward ihr zu einer Art neuen Rausches, den sie voll auszukosten beschloss. Sie verschmähte es, den Vater nochmals um eine bequeme Geldsendung zu bitten – sie wollte es machen wie so viele ihrer ärmeren Kommilitoninnen, die sich nach Semesterschluss auf die Walze begaben, um sich von Auto zu Auto bis nach Hause durchzubetteln. Sie lernte es bald, die Unbefangenheit aufzubringen, mit der man auf der Landstraße einen Wagen aus voller Fahrt zum Halten zwingt. Sie lernte es auch bald, sich mit der nötigen Unempfindlichkeit gegen den rauen, so wenig herzlichen Ton der Fahrer zu panzern. Ein Reisevertreter, dessen Wagen bis zum Verdeck mit aufgestapelten Koffern vollgepfropft war, zeigte sich besonders entrüstet; er schrie sie an: »Ein Mädchen, das auf der Straße Wagen anhält, ist ein Straßenmädchen in meinen Augen!« Ein dicker besserer Herr, der offenbar auf einer Vergnügungsreise genusssüchtig langsam seines Weges fuhr, hielt zunächst willig an. Er schätzte das Mädchen ab mit Blicken, in denen Begehrlichkeit und ängstliche Vorsicht miteinander kämpften. Endlich aber siegte dann doch der bessere Teil der Tapferkeit, er schnaufte noch einmal tief auf, dann sagte er:
»Sie müssen sich für Ihre Hochstapeleien einen Dümmeren suchen!« Eilig fuhr er davon, die Angst ließ ihn sein Tempo von vierzig auf sechzig beschleunigen.
Von noch schlimmeren Befürchtungen war ein dritter beseelt. Es war ein Herr mit Vollbart und kräftigen Schmissen im Gesicht. Er entstieg seinem Wagen und pflanzte sich breit vor das zierliche Mädchen hin, das eingeschüchtert an diesem Riesen emporblickte. Sie sah, dass er an zwei Meter hoch war und den Brustkasten eines Gorillas hatte. Er fasste in seine Rocktasche und zog einen Packen Zeitungen hervor.
»Sehen Sie mal«, sagte er mit einer hohen Fistelstimme, die erschreckend aus diesem Koloss herauspiepte, »diese Zeitungsmeldungen habe ich im Lauf der letzten Jahre gesammelt.« Er begann die Überschriften vorzulesen: »Mann in Schwesterntracht erschießt Autofahrer.« »Mord im Auto.« »Ein Opfer seiner Gutmütigkeit.« »Im Kraftwagen erdolcht.« Er schrie sie an, seine Stimme überschlug sich:
»Glauben Sie wirklich, dass ich Lust habe, mich von Ihnen erdrosseln zu lassen? Ich habe eine Frau und fünf Kinder zu Hause.«
Hurtig sprang er in seinen Wagen und fuhr ab.
Als sie sich glücklich bis Heidelberg durchgebettelt hatte, war in ihr die Überzeugung gereift, dass die kraftwagenfahrende Männerwelt weit mehr Angst als Zudringlichkeit gegenüber weiblichen Wesen bewies.
In Heidelberg aß sie im Ritter zu Mittag. Es war schon die dritte Nachmittagsstunde, und da sie sich sagte, dass die Furchtsamkeit der Herrenfahrer mit dem sich neigenden Tage gewiss noch zunehmen würde, kamen ihr schwere Sorgen; der Inhalt ihrer Börse würde am Ende nicht Schritt halten mit der vermutlichen Dauer dieser Heimfahrt. Nach Begleichung des Essens verblieb ihr noch ein Betrag, ausreichend für ein bescheidenes Abendbrot und eine Übernachtung. Es war vielleicht eine Flucht vor der eigenen Sorge, die sie vor dem Aufbruch in die neue Ungewissheit des Bettelns noch einen Schoppen des feurigen Glottertäler Eichberg bestellen ließ. Langsam, mit einem bewussten Genießen der Ruhe vor der Flucht, schlürfte sie das schwere Getränk, dann ging sie hinaus, ein neuer Mensch und beinahe lechzend nach neuer Gefahr.
Es war ihr nicht im Mindesten verwunderlich, dass vor dem Gasthause ein großer, kostbarer Reisewagen hielt. Sie blieb stehen und betrachtete mit neugierigen und sehnsüchtigen Blicken die schwere Limousine – da sah sie, dass die Polizeinummer das heimatliche HH trug. Es war ein Hamburger Wagen. Wehmütig rechnete sie aus, wie bald sie mit einem solchen Fahrzeug ihre Vaterstadt erreichen würde; der Gedanke durchzuckte sie: »Mit diesem Wagen oder mit keinem!« Sie blickte auf: ein junger Mann stand neben ihr. Er lächelte, vielleicht hatte er erraten, was sie bewegte. Aus seinem schmalen, gebräunten Gesicht sahen zwei helle Augen sie freundlich gelassen an. Irgendetwas erinnerte sie plötzlich an die friesische Heimat ihrer Mutter. So pflegten die Menschen da oben zu blicken. Diesen Augen war die Angst ebenso fremd wie die Zudringlichkeit.
»Fahren Sie nach Hamburg zurück?«, fragte sie schnell.
Er nickte.
»Ich hoffe, heute Nacht noch in Hamburg zu sein«, sagte er mit einer Zurückhaltung, die ihr Vertrauen mehrte.
»Ich möchte auch so gern heute Nacht noch in Hamburg sein, ich bin nämlich Hamburgerin.« Beinahe schüchtern blickte sie zu ihm auf. Er musste wieder lächeln, als er ihre kindlich bittenden Augen sah.
»Dann steigen Sie doch bitte mit ein!« Er sagte es sehr ruhig, indem er die hintere Tür des Wagens öffnete.
Es gefiel ihr, dass er sie ohne jedes Misstrauen aufforderte, den Sitz hinter seinem Rücken einzunehmen. Sie musste an die Reihe der mutigen Herrenfahrer denken, die sie heute an sich hatte vorbeifahren lassen.
»Ich fahre lieber vorn«, sagte sie, »ich möchte mich neben Sie setzen. Haben Sie denn übrigens gar keine Angst?«
»Angst?«, fragte er, während sie sich beide auf den Vordersitzen niederließen.
»Naja«, lachte sie, »ich hätte Sie doch hinterrücks erschießen oder erdolchen oder erdrosseln können. Dann wären Sie in Ihrem eigenen Wagen gestorben.«
»Nein«, sagte er ernst, »das wäre ich nicht.«
Sie sah ihn verwundert an. Er fuhr ruhig fort:
»Und wenn Sie mich erst erdrosselt, dann erdolcht und zum guten Ende noch erschossen hätten, wäre ich immer noch nicht in meinem eigenen Wagen gestorben. Ich besitze keinen eigenen Wagen. Ich bin nur Fahrer. Ich habe meinen Herrn bis an die Schweizer Grenze gebracht und bin heute Morgen aus Basel abgefahren.«
Maren erschrak ein klein wenig. Obwohl sie hinreichend Gelegenheit gehabt hatte, die dem einfachen Volke der friesischen Wasserkante oft angeborene vornehme Haltung zu bewundern, hatte sie doch in dem Fahrer alles andere vermutet als einen Mann von untergeordneter Stellung.
Während der geschmeidige Achtzylinder lautlos die Bergstraße entlangglitt, hing sie schweigend ihren Gedanken nach.
Auch er saß wortlos am Steuer. So ging es weiter über Darmstadt, Frankfurt, Nauheim, Marburg. Hin und wieder versuchte Maren, ein Gespräch in Gang zu bringen. Seine Erwiderungen blieben einsilbig, doch ließen sie ahnen, dass er ihr tiefes Genießen dieser Fahrt durch das Meer der frühen Baumblüte einfühlend teilte. Mit jedem seiner kargen Worte bewies dieser Mann ein geistiges Eigentum; so viel Klugheit, wo nicht gar echte Bildung, leuchtete immer wieder durch, dass es ihr gar nicht in den Sinn kam, einen wohlwollenden herablassenden Ton anzuschlagen.
Sie hatten Kassel durchfahren und waren auf windungsreicher Straße mitten im Fuldatal, dessen märzlich kahle Buchenhänge drohend ins tiefe Dämmer des Abends aufstiegen. Plötzlich hielt der Mann an ihrer Seite den Wagen an. Für einen Augenblick überfiel sie nun doch die Angst; der Fluss zu ihrer Rechten dunkelte unheimlich herauf, es war ein kaltes, stumpfes Glänzen. Schon lange waren sie keinem Wagen mehr begegnet. Jetzt erst, da die Geräusche der Fahrt ihr nicht mehr im Ohr lagen, hörte sie das feindliche Sausen des Windes, der durch das laublose Astwerk des Waldes kam, wie ein Wolf schien er ihr aufzuheulen da oben. Sie schauderte zusammen, bange blickte sie zu ihrem Nachbarn hinüber – warum suchte er sich gerade einen solchen Ort aus, um anzuhalten …
Aber er war schon dabei, auszusteigen.
»Ich fürchte, wir haben eine Reifenpanne«, sagte er.
Vielleicht war das nur eine Finte. Schnell sprang auch sie aus dem Wagen. Wahrhaftig, der rechte Vorderreifen war beinahe platt zu Boden gedrückt. Dahin war mit einem Male alle Angst, wie ein freudig befreites Aufjubeln klang es, als sie rief:
»Tatsächlich, ein Plattfuß! Den werde ich mit operieren helfen. Geben Sie mir gleich den Schlüssel, ich will die Muttern vom Reserverad abschrauben!«
Der Mann hatte schon aus dem Werkzeugkasten den Wagenheber herausgeholt und war nun dabei, ihn unter die Vorderachse zu schieben.
»Bitte, steigen Sie wieder ein!«, sagte er. »Sie werden ja ganz nass und schmutzig.«
Es kümmerte sie nicht, dass eine mit Schlackerschnee vermischte Regenbö sich aufgemacht hatte; mit fröhlichem Eifer fiel sie über den Kasten her und durchwühlte ihn nach dem Schlüssel. Sie fand ihn glücklich, setzte ihn schon an die erste Mutter und begann sie zu lockern. Da legte sich eine Hand wehrend auf ihren Arm, und ehe sie sich umwenden konnte, war sie von zwei kräftigen Armen hochgehoben und zurück in den Wagen getragen. Schreck und Empörung durchfuhren sie. Dann hörte sie seine ruhige Stimme sagen:
»Kindchen, das ist nichts für Sie.«
Er warf die Tür zu, und mit ihrem dumpfen Knallen kam urplötzlich eine große Ruhe über sie; sie schloss die Augen, und fern nur klang jetzt das machtlos gewordene Heulen des Windes herein. Noch einmal schauderte sie kurz zusammen – aber es war ein süßes Schaudern, aufsteigend aus einem Gefühl tiefer Geborgenheit und unerklärlichen Glückes …
Sie wusste es nicht, wie lange es dauerte, bis er wieder neben ihr saß. Aus der Ferne des Windes schien ihr die Stimme zu kommen:
»Im nächsten Dorf werde ich flicken lassen. Ich kann mich auf den zweiten Reservereifen nicht mehr verlassen.«
So hielten sie denn im nächsten Dorf. Es war lange, nach Feierabend, und es währte geraume Zeit, bis er den Dorfschmied glücklich aus der Wirtschaft herausgeholt hatte. Noch weit mehr Zeit nahm die Arbeit des Flickens in Anspruch. Als sie endlich in Hannoversch Münden angekommen waren, war es so spät geworden, dass der Gedanke an eine vollends zu durchfahrende Nacht ihr Unbehagen erweckte. Sie schlug ihm vor, in der Stadt zu nächtigen, aber er lehnte ab. Er musste den Wagen am nächsten Morgen in Hamburg abliefern. Ihren Vorschlag, wenigstens eine kurze Rast zu machen, im Gasthaus einen Imbiss einzunehmen, nahm er nach einigem Zögern an.
Dann saßen sie bald vor einer Flasche Wein, und hier endlich begann er zu reden.
Nein, er war wirklich nicht zum Chauffeur geboren. Er war der Sohn eines russischen Generals und nach der Ermordung des Vaters als Knabe schon mit der Mutter nach Deutschland geflüchtet. Tapfer hatte die Mutter den Kampf mit dem schweren Emigrantenschicksal aufgenommen, als Plätterin in einer großen Wäscherei sich und dem Kind das dürftigste Leben gesichert. Er selbst war Autoschlosser geworden, und nun war er ein herrschaftlicher Chauffeur, sonst nichts.
Sie fühlte dies Schicksal mit, ein tiefes Mitleid kam zu jenem ersten, unerklärlich süßen Schaudern hinzu. Sie brachte es nicht über sich, von ihrer Herkunft, von ihrer Geborgenheit im Hause des Konsuls Ellernkamp zu erzählen. Sie war nur eine Studentin, sonst nichts …
Soweit hatte Maren Ellernkamp ausführlich das Erlebnis dieser Heimreise berichtet. Nun verstummte sie. Wir standen beide auf und gingen weiter. Ich fragte sie nicht nach dem Ende ihrer Geschichte, ich wusste, dass sie mir selbst das letzte erzählen würde. Und dies war das letzte:
»In Hamburg traf ich mich oft mit ihm«, begann sie endlich mit einer Hast, die eine aufquellende Bitterkeit verdrängen mochte »ich – na ja, ich war so verliebt in ihn, dass ich es auch weiterhin nicht fertigbrachte, ihm zu erzählen, wer ich wirklich war. Ich fürchtete, das hätte ihn abschrecken, eine Schranke zwischen uns aufrichten können. Ich blieb für ihn die einfache Studentin, die einen Namen trug, wie es ihn in Hamburg zu Dutzenden gibt. Niemals ließ ich mich von ihm nach Hause begleiten, nur bis zur Straßenbahn durfte er mich bringen, ich schützte die Angst vor, die Augen eines erdichteten spießbürgerlichen Bruders könnten uns entdecken. So sehr war ich in seinem Bann, dass es mein einziger Gedanke war, ihn zu heiraten. Und dass er dasselbe wollte, davon war ich fest überzeugt. So tief war ich von dieser unausgesprochenen Einigkeit unserer Wünsche durchdrungen, dass ich eines Tages vor meinen Vater hintrat und ihm alles erzählte. Vielleicht, dass dieser große Entschluss, mit dem ich lange gerungen hatte, meinen Worten eine ungewöhnliche Kraft lieh – jedenfalls erreichte ich viel, sehr viel von Papa. Er warf mich nicht kurzerhand zum Hause hinaus, worauf ich freilich auch gefasst gewesen war, sondern er sagte einfach: ›Ich habe so viel Zutrauen zu meiner Tochter, dass ich mir den Mann ansehen möchte, den sie liebt. Schicke ihn morgen zu mir ins Geschäft.‹
Abends trafen wir uns wieder. Wir saßen an dem gewohnten Platz nebeneinander, noch ließ mich die freudige Erregung das Ergebnis meines heutigen Gesprächs mit Papa zurückhalten. Ich wollte vielleicht das Vorgefühl des Schenkens noch ein wenig auskosten. Aber es kam nicht zu diesem Schenken – eine Frau kam dazwischen. Sie trat an unseren Tisch, baute sich breit vor uns auf, die Hände in die Hüften gestemmt.
›Das ist mein Mann, Fräulein‹, wandte sie sich mit hämischem Lächeln an mich, ›hat er Ihnen auch erzählt, dass sein Vater russischer General war? Da hat er schon manches Mädel mit eingeseift. Den Bogen hat er fein raus, wo er doch man bloß ein Schlossergeselle aus Husum ist.‹
Ich sprang auf und blickte in sein Gesicht. In seiner jähen Verfärbung fand ich es vollends bestätigt, dass er mich betrogen hatte. Ich stürzte zur Tür hinaus, eine Welt war in mir zusammengebrochen.«
Wir gingen wieder schweigend durch den Wald, der sich zu lichten begann. Nun waren die letzten Bäume gewichen, wir standen auf einem steilen Hange. Befreit, überwältigt sank unser Blick ins weit sich öffnende Stromtal der Weser. Eine neue Welt hatte sich aufgetan. Nach allen Seiten war es aufgeschlagen im Wellengang seiner waldigen Berge, dies Land, verströmte es sich fern in verdämmernden Hügelketten. Das war das Land, das ich so liebte und das auch Marens Augen nun trunken machte. Tief unten zu unseren Füßen, auf einer Insel des Stromes, lag friedlich die kleine Stadt Bodenwerder, Münchhausens lächelnde Heimat. Ein Dampfer fuhr langsam stromaufwärts, froh klang die Musik seiner Kapelle herauf. Die mächtige Rauchfahne aus seinem Schlot bedrohte nicht lange die Heiterkeit dieses Tales, sie zerging in der siegreichen Sonne, zerflatterte schnell in den Wäldern …
Lange standen wir da und schauten. Das Mädchen lächelte endlich.
»Ich bin jetzt ganz fertig damit«, sagte sie und schob ihren Arm in den meinen.
5. Kapitel
Ich saß mit Frau Fänger im Garten. Es war am Abend des Tages, der mich mit Maren an die Weser geführt hatte. Gegen den dämmernden Himmel hob sich schwarz das wuchtige Rechteck des Kirchturms, um den sich der lautlos schwingende Flug der Eulen wob. Vom Dorf drang kein Laut mehr herauf in den Frieden dieses Gartens, so still war es, dass wir beinahe erschraken, als jetzt zehn Schläge vom nahen Turme hallten. Bis jetzt hatten wir träumend im Schummern gesessen, nun aber erhob sich die Pfarrfrau und schickte sich an, die Lampe auf unserem Laubentisch anzuzünden. Es war eine altmodische Petroleumlampe, und ihre Bedienung erforderte jenes Ritual, das mir aus meiner ersten Kindheit so vertraut war. Vorsichtig hob sie die Kuppel aus Milchglas und setzte sie auf den Tisch, dann zog sie den Zylinder aus seinem Klammerkranz, behutsam stellte sie ihn in die Öffnung der Kuppel hinein. Mit einem Streichholz schneuzte sie sorglich den Docht, prüfte noch einmal seine Schraube, ob sie ihn richtig hochschob, ließ das entflammte Holz ihn umlecken, setzte Zylinder und Kuppel wieder auf und nun wartete sie, bis das Licht sich emporarbeitete. Prüfend und ausgleichend schraubte sie dann nochmals am Docht, um dem übermütigen Schwalchen zu steuern – dann endlich stand rein und gebändigt das Licht in der Kuppel. Es hob die Blätterwand des wilden Weins aus dem Dunkel und zog aus der Nacht das tausendfältige Gewimmel der Falter und winzigen Gnitzen …
Unsere Gedanken kreisten um Maren, die oben in ihrem Zimmer saß und Briefe schrieb.
»Nun muss sie bald kommen«, sagte Frau Fänger.
Ich nickte, auch ich freute mich auf die Gesellschaft des Mädchens, das uns beiden so lieb geworden war. Aber Maren Ellernkamp kam noch nicht, es waren Männerschritte, die sich auf dem Gartenwege jetzt näherten. Im Eingang der Laube tauchte Wilhelms hohe Gestalt plötzlich auf aus dem Dunkel. So ruhig er sich gab, so beunruhigt zeigte sich die Pfarrfrau über das, was er zu melden hatte.
Ein Fernruf aus Hannover hatte ihn soeben erreicht. Zuerst hatte sich der Flugplatz gemeldet, und dann war gleich darauf die Stimme des Herrn Pastors Fänger erklungen. Was denn um Himmels willen mit seiner Frau los sei. Er habe einen so völlig verwirrten Brief von ihr bekommen, dass er sofort mit dem nächsten Flugzeug aus der Schweiz abgeflogen sei. Mit dem Nachtzuge werde er heute noch in Wenzen eintreffen. Bis dahin bitte er Wilhelm flehentlichst, zu retten, was noch zu retten sei. Ob denn wenigstens noch ein Bett für ihn im Hause sei, oder ob seine Frau in ihrem Verwirrtheitsanfall auch das letzte Stück Hausrat schon verschleudert habe? Ehe es Wilhelm möglich war, ihn zu beruhigen, hatte er das Gespräch wieder abgebrochen.
Ein verzweifelter Blick der Frau Fänger traf mich.
»Da haben Sie mir eine schöne Suppe eingebrockt, Frau Löhnefink! Wie ich Otto kenne, bringt er es fertig, mich morgen zur Untersuchung meines Geisteszustandes nach Göttingen zu schleppen. Er wird mich noch entmündigen lassen.«
»Da lassen Sie mich nur sorgen«, sagte Wilhelm beschwichtigend, mehr aus beruflicher Gewohnheit als aus innerer Anteilnahme. Ich sah es deutlich, wie er, selbst unruhig, in den Garten hineinlauschte. Nun hörte auch ich die Schritte, die sich vom Hause her näherten. Schnell wandte sich Wilhelm zu mir, mit einer verdächtigen Beflissenheit klopfte er mir auf den Rücken:
»Ich habe gehört, dass du heute so einen schönen Ausflug gemacht hast. Du glaubst ja gar nicht, wie ich mich freue, dass du nun auch einmal herauskommst und so nette Anregungen hast! Ich habe mich ja leider in der letzten Zeit nicht so recht um dich kümmern können.«
In diesem Augenblick trat Maren in den Lichtschein der Petroleumlampe. Unbefangen und fröhlich begrüßte sie meinen Mann:
»Das ist aber fein, dass ich Sie endlich einmal wieder zu sehen kriege, Dr. Löhnefink! Ich habe Ihrer Frau schon erzählt, was für einen Dusel ich entwickelt habe, nachdem ich in Brunsen diesem Oger, diesem unmenschlichen Rothermund, glücklich entgangen war … Aber was ist denn hier eigentlich los?«
Erst jetzt sah sie, wie Frau Fänger, den Kopf in beide Hände gestützt, düster vor sich hin grübelte.
»Die Bombe ist schon geplatzt«, belehrte ich sie, und dabei musste ich Wilhelm ansehen, der mit rotem Kopf und mit ungeschickten Verbeugungen Marens Begrüßung stumm erwidert hatte und nun immer noch sehr befangen dastand. »Herr Pastor Fänger ist mit dem Flugzeug aus der Schweiz zurückgekommen und wird heute noch in Wenzen eintreffen. Er macht sich Sorge um den Geisteszustand seiner verschwendungssüchtigen Frau. Und Frau Fänger macht sich Sorge um das Entmündigungsverfahren, das ihr Otto sicher gegen sie anstrengen wird.«
Maren zeigte sich mehr belustigt als besorgt über diesen unvermuteten Erfolg unserer Verschwörung:
»Das werden wir Ihrem Gatten schon austreiben, dass er Sie für verrückt hält! Wir werden sehr vernünftig mit ihm reden. Es soll ihm schon klargemacht werden, dass Sie schließlich das Recht haben, Ihr eigenes Geld zu verschwenden. Nicht wahr, Herr Dr. Löhnefink, Sie machen mit? Schlagen Sie ein!«
Sie hielt ihm ihre Hand hin, und Wilhelm schlug ein. Ein lauter Schrei des Schmerzes kam aus dem Munde des Mädchens, denn Wilhelm hatte sehr kräftig eingeschlagen. Er hatte ihre Hand umklammert wie ein Ertrinkender einen Rettungsring.
»Sie meinen es allerdings ehrlich«, lachte Maren mit einem immer noch schmerzhaft verzogenen Gesicht.
Frau Fänger richtete sich auf, eine strenge Entschlossenheit trat in ihre Züge. Sie nickte kurz vor sich hin, dann stand sie auf und verließ die Laube.
»Er soll schon sehen, dass ich Schinken und Mettwurst noch nicht verschleudert habe.«
Es wurde mir plötzlich klar, dass mein Aufenthalt im Pfarrhause noch heute beendet werden musste. Hatte das Ehepaar Fänger schwere Sorgen umeinander, so hatte nun auch ich ernste Sorge um meinen Mann: es war kein Zweifel mehr, Wilhelm hatte sich rechtschaffen verliebt in Maren Ellernkamp. Zwar zog ich, wie mir die kluge Erna weissagend verheißen, wirklich einigen Nutzen aus dieser süßen Frühzeit seines Gefühls, aber es schien mir mit einem Male begehrenswerter, allein seine Grobheit zu genießen, als mit einer anderen von seinen unheimlichen Liebenswürdigkeiten zu naschen. Im Augenblick durchdrang mich nur jener Urtrieb der Tiere, die bei jäher Gefahr in den Stall verlangen – und wenn diese Gefahr der Brand des Stalles selber wäre.
Ich folgte Frau Fänger ins Haus, um meine Sachen zu packen.
Als ich bald darauf mit meinem Koffer in die Laube zurückkam, fand ich mein Pärchen in einem recht angeregten Gespräch.
»Denken Sie nur, Frau Löhnefink«, rief mir Maren entgegen, »Ihr Mann will mich öfter auf Praxis mitnehmen! Er wusste noch gar nicht, dass ich Medizinerin bin. Er hat mir ein Bild von den Schwierigkeiten der Landpraxis entworfen, ich könnte da ungeheuer viel lernen. Es ist mir natürlich sehr viel wert, wenn ich auf diese Weisung die Fühlung mit meinem Studium nicht verliere, ich will doch im Wintersemester wieder anfangen. Und helfen darf ich ihm auch, Ihr Mann sagte mir, dass er schon immer nach einer Sprechstundenhilfe verlangt hätte.«
Ich versagte es mir, bescheiden darauf hinzuweisen, dass ich als ausgebildete Krankenschwester meinem Mann täglich zur Hand gegangen war und dass ihm meine Hilfe bislang stets genügt hatte. Ich beschränkte mich darauf, meiner Freude Ausdruck zu geben, dass Wilhelm ein so unverhoffter Beistand erwachsen war und dass ich sie nun häufig bei uns sehen würde. Nun merkte ich es freilich, dass der Stall schon brannte.
Dennoch kehrte ich am selben Abend noch mit Wilhelm nach Hause zurück. –
Wenn mich auch Wilhelms neu aufgeblühte Liebenswürdigkeit nicht unbedingt davon zu überzeugen vermochte, dass meine Heimkehr nach seinem Herzen war, so gab es doch einen Menschen, der mich beim Betreten des Hauses mit allen Zeichen ehrlicher Freude begrüßte. Das war unsere Lina. Sie war trotz der späten Stunde noch nicht schlafen gegangen, sie stürzte mir mit einem ungewohnten Ausbruch des Jubels entgegen, fast wäre sie mir um den Hals gefallen. Freilich sah ich sofort in ihren Augen den Schimmer von Tränen, die von dem beglückten Lächeln ihres Grußes kaum verdrängt wurden. Auch Lina hatte ihre Sorgen gehabt. Während Wilhelm sich mit seinem neuen Glück sofort ins Schlafzimmer zurückzog, setzte ich mich mit meinem Mädchen in die Küche, denn ich wusste, dass sie mir etwas anzuvertrauen hatte. Kaum dass die Tür sich hinter uns geschlossen hatte, begann sie zu reden: Der schöne Fritz hatte ihr in diesen Tagen meiner Abwesenheit viel zu schaffen gemacht. Allabendlich war er zu ihr gekommen; er wusste, dass er meine wachsamen Augen nicht zu fürchten hatte und dass Wilhelm, wie immer, sich in seinem Arbeitszimmer verschanzte … Und was hatte er ihr alles erzählt … Wie konnte sie ihm nur den kleinen und vielleicht auch schlechten Scherz so nachtragen, dass er mit ein paar vergessenen Flaschen aus dem Blockhaus mit seinen Lieben auf Doktors Wohl getrunken hatte! Und außerdem hätte es gerade an jenem Tage für ihn noch einen anderen Grund gegeben, fröhlich ein Gläschen zu trinken – etwas Großes, von dem er Lina seit Jahr und Tag schon vorgeschwärmt hatte, war endlich Wirklichkeit geworden! Jenes sagenhafte Motorrad, mit dem er seinem Mädchen die Tanzdielen des ganzen Landes zwischen Göttingen und Holzminden erschließen wollte, es war in seinem Besitz! Heimlich hatte er sich – Lina zuliebe, wie er immer betonte – so viel zusammengespart, dass er das Rad erwerben konnte, eine wenn auch gebrauchte, so doch schwere und schnelle Maschine. Linas anfänglich schroff ablehnende Haltung war angesichts solcher verführerischen Aussichten, nicht zu reden von seinen rührenden Bemühungen um ihr Vergnügen, bei kleinem denn doch ins Schwanken geraten. So hatte sie es nicht über sich gewonnen, ihm eine erste gemeinsame Ausfahrt mit dem neuen Rade rundweg abzuschlagen. Und heute Abend wollte er nun kommen. Zwei Stunden hatte sie schon bangend dagesessen und gewartet, zwei schwere Stunden voller Gewissensnot. Immer wieder hatten die Tränen der Reue eine zart aufkeimende Freude erstickt.
Ich wusste hierauf wahrhaftig nichts zu sagen, mir war es nicht anders, als ob auch ich in Gewissensnöte gestürzt würde. Achselzuckend verließ ich die Küche, keine Kenntnis zu nehmen, schien mir hier das Äußerste an Entgegenkommen. Oben hatte ich mich gerade niedergelegt, als mir ein furchtbares Getöse die von Lina so qualvoll erwartete Ankunft des schönen Fritz verriet. Dann wurde es wieder still. Ich hörte die Haustür gehen, und bald darauf vernahm ich die mir so schmerzlich bekannten Geräusche eines widerspenstigen Motorrades vor dem Start: den unter schweren Fußtritten in hoffnungsloser Wiederholung rasselnden Kickstarter, das bösartige leere Schnaufen des Zylinders, das höllische Knallen von Fehlzündungen. Plötzlich verstummte das Rad, das angstvolle Hin und Her zweier Stimmen folgte – aber dann siegte über alle diese Laute der grelle Schein einer Flamme, die rasend in die Nacht hineinwuchs. Ich stürzte ans Fenster und sah das Motorrad, das Ziel von Linas sehnlichen Wünschen und den Grund ihrer bitteren Gewissensnot, brennend neben unserer Garagentür stehen. Ich sah Lina in der Nähe des Rades verzweifelt herumirren, es schien, als ob sie immer wieder einen Anlauf nehmen wollte, den Brandherd aus der gefährlichen Nachbarschaft unseres Benzinvorrats wegzureißen. Ich sah, wie Hotopps Haustür jetzt aufgestoßen wurde, wie Ferdinand Hotopp herbeirannte, er hatte einen Strick mitgebracht, flocht ihn blitzschnell zur Schleife, warf sie über die Lenkstange und zerrte das brennende Ungetüm auf die Mitte der Straße. Mit einem wehmütig klagenden letzten Wimmern der Hupe sank es hier machtlos in sich zusammen. Im Schein des verlöschenden Feuers sah ich noch, wie Lina dem Retter zum Dank die Hand hinstreckte – den schönen Fritz aber sah ich nirgends.
Als ich ins Bett zurückkroch, stellte ich befriedigt fest, dass Wilhelm unberührt von diesem nächtlich vorübergezogenen Spuk ruhig weitergeschlafen hatte. Ein glückliches Lächeln lag auf seinen Zügen. –
Es währte nicht lange, und der Dichter stellte sich ein. An einem sonnigen Nachmittage entstieg er einem fabrikneuen beigefarbenen Kabriolett. Dass er mit einem neuen Wagen kam, war uns nichts Ungewohntes, denn wenn er es auch nicht wie jene Königin hielt, die nur einmal dasselbe Kleid anzulegen pflegte, so hatten wir es in den letzten Jahren doch niemals erlebt, dass er uns zweimal mit demselben Wagen besuchte. Eine Überraschung bot uns indessen der stattliche Umfang seines Leibes, den er beim Aussteigen nur mit beängstigendem Geächze zwischen Steuerrad und Sitz hindurchzwängen konnte.
»Diese zweihundertsiebzehn Pfund«, murmelte er anstatt einer Begrüßung, »oder besser gesagt, diese hundertachteinhalb Kilogramm brauchen euch nicht zu erschrecken, die haben mich die längste Zeit belästigt. Na, kurz und gut, das Fett kommt jetzt runter. Thildchen hat ausdrücklich diesen Wunsch geäußert.«
Wir wussten nicht, wer Thildchen war, aber wir waren nicht weiter verwundert, einen uns unbekannten weiblichen Namen gleichsam als Gruß aus seinem Munde zu hören. Denn wie er in jedem Jahr mit einem neuen Wagen erschien, so kam er auch selten ohne die frohe Botschaft, dass er nun endlich und endgültig und dieses Mal wirklich ohne jeden Zweifel die ihm vom Schicksal bestimmte Frau gefunden habe.
»Wie sieht sie denn aus?«, fragte ich den Dichter gefasst, »du hast doch hoffentlich ein Bild von Thildchen mitgebracht?«
»Bild ist nicht nötig«, schnaufte er, atemlos durch die Anstrengungen des Aussteigens, »ich kann euch Thildchen vollkommener schildern als jeder Fotograf.«
Und er schilderte Thildchen. Es ist meinen armen Worten nicht gegeben, die Glut dieses hinreißenden Hymnus auf Thildchens Schönheit widerzustrahlen. Genug, Thildchen schien in überwältigendem Maße blond, schlank und hochgewachsen zu sein, von Wesen heiter, klug und sanft und doch nicht ohne eine wohltuende Festigkeit. Der Segen dieser Festigkeit hatte sich alsbald bewiesen, indem sie dem Dichter mit schlichten Worten erklärte, das tragbare Höchstgewicht eines Bräutigams liege für sie bei hundertachtzig Pfund oder besser gesagt bei neunzig Kilogramm.
»Ein konzentrischer Angriff auf dieses Hindernis der siebenunddreißig Pfund Fett ist vorbereitet«, belehrte Konrad uns ernst, »alle Sappen sind vorgetrieben, alle Minen gelegt. Aber davon erzähle ich euch besser bei Oskar Panitz, da gibt es doch immer diese Sülzkoteletten in Eierkuchenformat. Gebratene neue Kartoffeln und Einbecker Bier habe ich stets als eine angenehme Abrundung dieser oskarschen Spezialität empfunden. Nun steigt nur ein, dann könnt ihr euch gleich von den unerhörten Fahreigenschaften meines neuen Wagens überzeugen. Vier Stunden habe ich gebraucht von Hamburg bis Wenzen.«
Schüchtern wagte ich einzuwenden, dass dieses Vesperbrot kaum etwas anderes als eine gefährliche Gegenmine im Zuge seines großen Angriffs bedeuten würde, aber der Dichter winkte ab:
»Der Angriff setzt mit voller Wucht in acht Tagen ein, und zwar im Sanatorium Dr. Jungmaker zu Frischleben. Da wird drei Wochen gefastet. Vorher will ich mich nicht in Einzelaktionen verzetteln. Zunächst bleibt es bei Sülzkoteletten mit Bratkartoffeln.«
So fuhren wir denn nach Oskar Panitzens Gasthaus »Zur Wilhelmsbrücke«. Diese vortreffliche und weithin berühmte Wirtschaft lag an der großen Autostraße Frankfurt–Hamburg. Gleich hinter dem hundertjährigen Fachwerkhause schlug eine mächtige steinerne Brücke ihre weitausladenden Wölbungen wuchtig über das tiefe Kuventhal. Auf der von alten Linden beschatteten Terrasse ward nicht nur des Leibes Verlangen reichlich gestillt, auch der hungrige Blick fand eine üppige Weide im heiteren Schwunge der Berge, aus deren Ferne der nie versiegende Strom vorüberfahrender Wagen kam. Hier polterten die »Fernlaster« mit den schwankenden Ungetümen ihrer Anhänger vorbei, die kurzatmig puffenden Trecker krochen des Weges, große Limousinen und wendige Motorräder suchten einander zu überholen, und zwischenhinein klapperte bisweilen ein bäuerliches Gespann.
Während wir auf der Terrasse saßen und unseren Koteletten entgegenharrten, begann Konrad uns die Geschichte dieser endgültigen und für ihn unter Ausschluss jeden Zweifels schicksalhaften Begegnung mit Thildchen zu erzählen:
»Die ganze Sache fängt eigentlich an mit dem Besuch unseres alten Freundes, des Dr. Rudolf Borch. Vor vier Wochen, als ich noch in der alten Wohnung saß, rief er vom Bahnhof an und teilte mir mit, dass er für einen Tag in Hamburg zu tun hätte. Ob ich ein paar Stunden für ihn greifbar sei. Natürlich war ich das, und er kam bald darauf bei mir an. Rudolf kennt ihr ja zur Genüge aus Braunschweig, ihr wisst doch, dass er seit zwanzig Jahren an einer ›Einführung in die Geistesgeschichte der Menschheit‹ schreibt. Ich freute mich aufrichtig, ihn wiederzusehen, er ist ein besonders anregender Mensch von einem ungeheuren, wirklich fruchtbaren Wissen, das seine kleinen Schrullen leicht vergessen lässt. Dahin gehört zum Beispiel sein Hang zum Kaffee, von dem ich unglücklicherweise gerade einen mehrpfündigen Vorrat im Hause hatte. Ich hatte vorsorglicherweise, schon ehe er kam, eine Familienkanne voll Kaffee bereitet. Rudolf lugte ängstlich sogleich hinein, um mir betroffen zu eröffnen, dass der Inhalt kaum für eine Stunde ausreichen würde. Er flehte mich an, auf der Stelle für einen ausreichenden Ersatzvorrat zu sorgen, denn das Bewusstsein, nicht wenigstens für mehrere Stunden mit diesem Getränk versorgt zu sein, mache ihn zum kranken Manne, unfähig, einen Gedanken zu Ende zu denken. Ich begab mich also in die Küche und drehte eine Viertelstunde lang die Mühle, bis mir die Arme ermattet niedersanken. Kaum hatte das krachende Geräusch des Mahlens ausgesetzt, als Rudolf in die Küche schoss. Mit allen Zeichen tiefer Erregung fragte er mich, ob ich etwa schon aufhören wollte mit Mahlen. Bescheiden wies ich darauf hin, dass ich mir nur ein kurzes Verschnaufen gestattet hätte, ich bat ihn herzlich, sich nicht zu beunruhigen. Während ich nun meine Mühle wieder in Bewegung setzte, forderte ich ihn leichtsinnigerweise auf, sich durch einen Blick in meine Speisekammer davon zu überzeugen, dass die dort lagernden vier Pfund Kaffee die Grundlagen seines geistigen Daseins für die Dauer seines heutigen, mir so lieben Besuches unbedingt sichern würde. Mit einem rätselhaften Lachen besichtigte er meine Speisekammer. Als er in die Küche zurückkehrte, fühlte ich einen heftigen Stich in meinem Herzen: Rudolf hielt in beiden Händen die größte Kostbarkeit meines Hauses, eine anderthalb Meter lange Mettwurst, eine sogenannte ›Schlackwurst‹, ein Prunkstück des Braunschweiger Fleischerhandwerks. Sie war mir anlässlich eines meiner Dichterabende in der Stadt Heinrich des Löwen vom Vorstand der dortigen Schlachterinnung als Ehrengabe feierlich überreicht worden – ein sinniger Dank für so manches Wort der Begeisterung, das ich in meinen Werken zum Preise dieses bodenständigen Handwerks fand. Ich hatte mich noch nicht entschließen können, diese Wurst anzubrechen, ich hatte sie sorglich gehegt, in trüben Stunden hatte mich ihr Anblick oft aufgerichtet. Ihr könnt euch denken, dass es mich der Verzweiflung nahebrachte, diese Schlacke in Rudolfs Händen zu sehen, denn das Lächeln, mit dem er sie nunmehr liebkoste, war mir durchaus nicht mehr rätselhaft, es war eindeutig lüstern. Eine furchtbare Ahnung sagte mir, dass ich diese Wurst der Einführung in die Geistesgeschichte der Menschheit würde opfern müssen. Ich weiß, ich habe es nicht nötig, euch zu versichern, dass ich kein Materialist bin, aber ich möchte hier doch ein paar grundsätzliche Worte über die Antithese ›Geist und Materie‹ sagen: Das Dichten fängt an mit der Sehnsucht, die Materie zu überwinden, sich zu lösen von der schweren Umklammerung des Leibes. Aber wer nicht zuzeiten ganz tief drinsteckt in der Materie, wer sie nicht immer wieder vollends über sich zusammenschlagen lässt, der wird niemals die Kraft in sich entwickeln, die einzig aus der Sehnsucht des in Fleischesbande geschlagenen Geistes kommt.«
Seine Augen waren seherisch ins Weite gerichtet; gelöst von aller Materie, schien er in fernen Horizonten zu suchen, darin er las wie in einem aufgeschlagenen Buch.
»Ja«, fuhr er fort, »die Dichtung selbst ist dann die unter Qualen süß gewordene Frucht jenes Kampfes, den der Geist immer wieder gegen die Materie führt. Und doch muss der Dichter immer aufs Neue zurücksinken in die Materie, um sich frische Sehnsucht zu holen. So ist er in wahrhaft tragischer Weise an das magische Pendel gebunden, das hin und her schlägt zwischen Materie und Geist, Chaos und Ordnung, Schuld und Sühne, Knechtschaft und Freiheit – zwischen Mettwurst und lyrischem Gedicht!«
»Zwischen Sülzkotelett und Fastenkur«, erlaubte ich mir, ihn zu ergänzen. Ich sah, wie Oskar Panitz sich uns nahte, er trug eine riesige Schüssel, auf der im besten Kalbsgallert drei ungeheure Koteletten zitterten. Ich sah auch, wie das zarte Lächeln, das als Abglanz ferner Horizonte auf Konrads runden Zügen lag, sich jäh zu einem saftigen Schmunzeln verdichtete.
»Nein, nein«, sagte er, während er sich liebevoll der Speisen annahm, »der Typus des asketischen Dichters ist mir immer verdächtig gewesen. Aber um auf die Braunschweiger Mettwurst zurückzukommen, so wurde sie in Rudolfs gierigen Händen zum Antrieb eines zermürbenden Wettkampfes, der sich über drei entsetzliche Wochen erstreckte. Rudolf entwich mit der Wurst aus der Küche. Als ich bald darauf mit einer Suppenschüssel voll Kaffee ins Zimmer gekeucht kam, hatte sich Rudolf bereits ein spannenlanges Stück meines Ehrengeschenkes abgeschnitten. Mit vollen Backen kauend, versicherte er mir, dass er lange nichts so Köstliches gegessen habe. Ich gestehe, dass mich im Augenblick kein anderes Gefühl beherrschte als die schnöde Angst, den kürzeren zu ziehen vor Rudolf bei der nun doch einmal unabwendlichen Vertilgung dieser Wurst. Um es so kurz zu machen, wie die Wurst bald wurde: ich schnitt mir sofort ein Stück von der gleichen Länge ab, was Rudolf dazu anregte, sich alsbald noch ein etwas umfangreicheres Ende abzusäbeln. Hiermit waren die Spielregeln des Wettkampfes gegeben, der mich nun wochenlang in Atem halten sollte. Der erste Tag endete, was die Wurst betrifft, mit einem schwachen 5:6-Siege zu meinen Gunsten. Rudolf trug seine Niederlage mit Würde; sie wurde ihm durch das Bewusstsein erleichtert, mich im Kaffee 10:13 geschlagen zu haben. Nach der Bewältigung des letzten Wurstzipfels wandte sich Rudolf meinen Zigarrenkisten zu, er tat es mit jener edlen Unbefangenheit, die dem Wirt das lästige Anbieten erspart. Zielbewusst griff er nach der Kiste mit Dannemann-Brasils, einer schweren Importe, von der ich nur einen sehr sparsamen Gebrauch zu machen pflegte. Hier entwickelte sich ein besonders hitziger, ein wahrhaft männermordender Kampf, er stand 3:4 – da gab ich auf, ich musste mein Herz mit Kardiazol aufmuntern. Rudolf zündete sich lachend die fünfte Importe an, er bemitleidete mich ob meiner mangelnden Vitalität. Was ihn betraf, so wartete er jetzt mit einem Schreiben auf, das er nicht ohne Pathos vorlas. Ein berühmter Graphologe hatte ihm eine Handschriftenanalyse geliefert, die in der wohlgelungenen Formulierung gipfelte, dass in Rudolf die seltene Synthese von hoher Geistigkeit und ungebrochener animalischer Genusskraft zur begnadeten Wirklichkeit geworden sei.
Hierauf verlangte ihn nach Spirituosen. Wir leerten gemeinsam eine Flasche Schwarzwälder Zwetschgenwasser, die ich noch hatte. Dieser Kampf endete unentschieden, er war es schon in der Halbzeit. Während Rudolf mich nun unermüdlich weiter in die Geistesgeschichte der Menschheit einführte, wurde ich von einem immer ungestümeren Verlangen nach meinem Bett ergriffen. Ich blickte wiederholt verstohlen nach der Uhr und raffte mich endlich zu der Frage auf, mit welchem Zuge Rudolf zu fahren gedächte; ich würde mir ein Vergnügen daraus machen, ihn mit meinem Wagen zur Bahn zu bringen. Rudolf indessen trieb die zarte Rücksichtnahme so weit, dass er sich freudig bereit erklärte, seine Abreise um einen Tag zu verschieben und diese Nacht auf meinem Sofa zu verbringen. Es ist, wie ihr ja wisst, ein zwar edelgeformtes, aber doch recht kurzes, hartes und steiflehniges Biedermeierstück, vor dem ich ihn eigentlich dringend hätte warnen müssen, denn ich selbst habe auf ihm einmal die qualvollste Nacht meines Lebens verbracht. Gleichwohl versagte ich mir die rhetorische Frage, ob ich ihm nicht mein Bett zur Verfügung stellen dürfte – ich wusste, dass er, frei von falscher Scham, gierig sofort hineingekrochen wäre. Auf meine bange Frage nach seinem Reisegepäck öffnete er seine Aktentasche und kippte ihren Inhalt auf den Tisch – es war ein schwarzer Schlafanzug und ein Kamm. Mit diesem Gepäck, so beruhigte er mich, fühle er sich überall zu Hause, es versetzte ihn in die Lage, eine auf Reisen ihm etwa unverhofft angebotene Gastfreundschaft, soweit sie ihm genehm sei, über einen beliebig langen Zeitraum auszudehnen. ›Und hier habe ich ein Oberhemd‹, er wies voller Entdeckerstolz auf das Hemd, das er am Leibe trug, ›das macht mich völlig unabhängig von allen Reisedispositionen. Ich habe es zu einem stark herabgesetzten Preise im Ausverkauf erstanden, weil der dunkle Streifen aus der Mode gekommen ist. Und dabei macht er das Hemd so praktisch, so unempfindlich.‹
Was die Unempfindlichkeit dieses Hemdes anlangt, so will ich euch jetzt schon verraten, dass sie sich nach meinen Erfahrungen bislang vier Wochen ausgezeichnet bewährt hat. Womit ich allerdings noch kein abschließendes Urteil über die Möglichkeiten dieses unergründlich schillernden tiefen Violetts abgeben möchte – denn Rudolf ist bis heute noch mein Gast. Er hat meinen Umzug überdauert und sitzt nunmehr allein in meiner Villa. Meine Hochachtung vor den Leistungen jener Hemdfarbe beginnt so unbegrenzt zu werden, dass ich nur noch vom atomaren Zerfall des Gewebes ihr Erlöschen und damit einen vorzeitigen Aufbruch meines verehrten Gastes erwarten darf. Soweit indessen ist es noch nicht.«
Wir hatten unsere Sülzkoteletten mittlerweile verzehrt, glücklicherweise, ehe des Dichters Erzählung sich so liebevoll mit Rudolfs Hemd beschäftigte.
»Diese Farbe«, meinte Wilhelm, »scheint mir eigentlich jedes Gewebe überflüssig zu machen. Ich sehe, dieser Philosoph ist noch nicht auf der letzten Höhe praktischer Lebensweisheit angelangt. Wenn du im Herbst ein Wiedersehen mit ihm in deiner Villa feierst, wirst du wahrscheinlich der Gefahr ins Auge sehen müssen, dass die Fasern von Rudolfs Hemd mürbe werden. Dann würde ich ihm vorschlagen, dass er sich für alle Zeiten unabhängig macht, indem er sich ganz einfach Kragen, Vorhemd und Manschetten in dieser erprobten Farbe auf die Haut tätowieren lässt.«
»Gut«, sagte der Dichter, »das ist eine ausgezeichnete Idee. Das werde ich ihm im Herbst sagen. Und wenn er diese Malerei angelegt hat, werde ich ihn an euch abtreten. Er wird dann euer Gast sein bis zum atomaren Zerfall seines eigenen Gewebes.«
»Aber du wolltest uns doch nicht von diesem schrecklichen Hemd, sondern von Thildchen erzählen«, warf ich ein.
»Alles der Reihe nach, liebe Grete. Am nächsten Morgen geschah ein schicksalsschweres Unglück. Rudolf hatte beim Schlafengehen angeordnet, dass der Kaffee um zehn Uhr auf dem Tisch zu stehen habe. Seine übrigen Wünsche hinsichtlich des Frühstücks hatte er mir so nachdrücklich eingeschärft, dass ich mich zeitig aus dem Hause begab, um gewissenhaft meine Besorgungen zu machen. Ich musste das selbst vornehmen, denn mein guter Hausgeist, die treue Lisbeth, pflegt ja erst gegen Mittag zu kommen, um dann gleich auch für mich zu kochen. Rudolf hatte mich dankenswerterweise darauf aufmerksam gemacht, dass ein unzureichend bestellter Frühstückstisch sein seelisches Gleichgewicht für den ganzen Tag gefährde. Wenn er freilich auch kaum mehr als sechs frische Brötchen, zwei bis drei Eier und den nun einmal dazugehörenden Aufschnitt zu essen pflege, so bedürfe es doch für ihn jenes heiteren Überflusses, der das Auge wach, die Seele weit und das Denken leicht mache. Als ich nach Erledigung meiner Einkäufe zurückkam, empfing mich Rudolf mit heftigen Vorwürfen wegen einer vorzeitigen Störung seiner Nachtruhe – die Paketpost habe ihn bereits um einhalb zehn Uhr herausgeklingelt. Warum die Paketpost dies getan, das zeigte mir ein Blick auf den Tisch, auf dem ein großer Karton stand. Rudolf war so liebenswürdig gewesen, mir die lästige Arbeit des Auspackens abzunehmen. Vor ihm lag in wirrem Haufen eine Fülle erlesener Leckerbissen: geräucherte Gänsebrust, Lachsschinken, Gänseleberpastete im Topf, geräucherter Aal, Würste jeglicher Art, Kaviar, ein Pfund Butter, Käse und dunkles Landbrot.
›Du hast ein Fresspaket aus Mecklenburg bekommen‹, belehrte mich mein Gast, indem er das Rückgrat eines fetten Räucheraals durch die Zähne zog, ›zum Dank für deine Vorlesung in Güstrow. Der Aal schmeckt mir ganz gut – übrigens habe ich fünfzehn Pfennig Bestellgeld für das Paket ausgelegt. Vielleicht bist du so gut und gibst mir das Geld gleich wieder, ehe es in Vergessenheit gerät. In Geldangelegenheiten bin ich immer sehr genau.‹
Was soll ich viel sagen – der aufreibende Wettkampf begann aufs Neue. Es ist begreiflich, dass Rudolf mir nicht die Schmach antun wollte, mich vor der gründlichen Bewältigung dieses Paketes zu verlassen. Nachdem dies am. übernächsten. Tag glücklich erreicht, nahm mein Gast Veranlassung, ein ernstes Wort mit mir zu sprechen:
›Ich hatte für den gestrigen Tag eine Zusammenkunft mit einem dänischen Schopenhauerforscher in Flensburg verabredet. Du hast mich nun hier so lange in Anspruch genommen, dass ich diese wichtige Unterredung versäumt habe. Dr. Niels Knudsen kommt erst in drei bis vier Wochen wieder nach Flensburg. Ich möchte dich nicht gern vor den Kopf stoßen und für die paar Tage wieder nach Braunschweig fahren. Es wird dir ja sicher sehr gut passen, dass ich nun noch etwas bleibe, gerade weil du doch zum ersten Juli umziehst. Ich werde dir dann in deiner neuen Wohnung deine Bibliothek endlich mal in Ordnung bringen, die befindet sich ja in einem heillosen Zustande. Übrigens möchte ich dich noch einmal daran erinnern, dass du mir die fünfzehn Pfennig Bestellgeld noch nicht wiedergegeben hast. Du weißt doch, ungeregelte Geldangelegenheiten gefährden die Freundschaft. In den nächsten Wochen bist du dann wohl so gut, mich jeden Tag um elf Uhr zur Staatsbibliothek zu fahren. Um zwei Uhr kannst du mich dann wieder abholen, länger als bis halb drei Uhr möchte ich dich nicht mit dem Mittagessen warten lassen.‹
Diese zarte Rücksichtnahme rührte mich tief, ich glaube, ich hatte Tränen in den Augen, als ich ihm versprach, alles aufs Pünktlichste zu besorgen.
So bemühte ich mich denn in den kommenden Wochen, mich seines Vertrauens würdig zu erweisen. In nimmermüder Angst um Rudolfs seelisches Gleichgewicht holte ich allmorgendlich zwölf frische Brötchen, vier bis sechs Eier, den nun einmal dazugehörenden Aufschnitt und, nach dem schnellen Verbrauch meines Kaffeevorrats, dreiviertel Pfund Guatemalakaffee. Ich tat dies alles – aber ich konnte nicht davon ablassen, den gemeinsamen Genuss dieser guten Dinge als jenen aufreibenden Wettkampf zu betrachten, dessen Spielregeln am ersten Abend bereits festgelegt wurden. Dass bei den Waffen dieses nicht sehr edlen Streites Zigarren und geistige Getränke nicht fehlten, brauche ich euch wohl nicht erst zu versichern.
Auch beim Mittagessen machte dieser Streit nicht halt. Rudolf pflegte täglich meiner guten Lisbeth seine Befehle für die folgende Mahlzeit zu erteilen. Er verstand es ausgezeichnet, sie bei ihrer Ehre zu fassen, so dass sie sich immer wieder selbst übertraf, nicht nur hinsichtlich der Güte, sondern vornehmlich auch der Menge ihrer Gerichte. Und wenn mir auch mein täglich wachsender Leibesumfang von Mahl zu Mahl mehr Qualen bereitete – ein hässlicher, ein niedriger Trieb verbot es mir, vor diesem Gaste den Kürzeren zu ziehen.
Fürchterlich waren die Folgen für mich. Während sich Rudolf als ein einziges großes Loch erwies, in dem alles spurlos und folgenlos verschwand, schien ich dazu ausersehen, für unser beider Sünden büßen zu müssen. Die zunehmende Verfettung aller meiner Organe brachte mir immer bedrohlichere Anfälle von Atemnot, das Unmaß des Kaffees und der Zigarren brachte mich um jeden Schlaf, meine Nerven waren schließlich so zerrüttet, dass ich mich morgens kaum noch in den Krämerladen an unserer Ecke schleppen konnte. Und hier geschah es eines Morgens, dass ich ohnmächtig zusammensank.
Als ich wieder zu mir kam, stand Thildchen über mich gebeugt. Einen Schritt vor dem Abgrunde hatte das Schicksal mir den rettenden Engel gesandt …«
Konrad hielt inne; in die Tiefe einer schöneren Erinnerung versinkend, blickte er regungslos vor sich nieder.
»Aber wer ist denn nun eigentlich dieses Thildchen?«, fragte ich ihn. »Du verstehst es wirklich meisterhaft, uns in Spannung zu halten.«
»Du wirst es gleich hören. Ich glaube allen Ernstes, in das Antlitz eines Engels zu blicken. Das Erste, was ich sah, war dieses goldene Haar, aufleuchtend im tiefen Dämmer des Raumes. Ein mildes Lächeln war ausgegossen über die herbe, klare Schönheit ihrer Züge, voll warmer Besorgnis blickten die Augen auf mich, der ich zusammengesunken hier lag, ein Opfer meines verwerflichen Ehrgeizes. Ich lag, ich sah es jetzt, zwischen Heringsfässern, Gurkentonnen, Zuckersäcken, Konservendosen und riesigen Schweizerkäsen. Ich lag im Vorratsraum des Krämers Bernhard Puvogel, und Thildchen war seine Tochter.
Freilich kannte ich sie längst, aber ich hatte nie ein Auge für sie gehabt bei meinen täglichen Besorgungen, wie man oftmals am besten, was einem das Schicksal an den Weg gestellt hat, gedankenlos vorübergeht …«
Plötzlich fuhr der Dichter zusammen, seine Augen wurden weit, sie schienen irgendein Ziel gefunden zu haben, in das sie sich ungestüm hineinbohrten. Wilhelm und. ich konnten nicht sehen, was ihn so ablenkte, denn wir beide saßen, die Terrasse im Rücken, in einem Winkel, der durch eine Efeuwand vom übrigen Raum abgetrennt war. Nur Konrad, der am Kopfende des Tisches saß, hatte einen freien Blick über den ganzen Platz. Des Dichters Rede versank zu einem dunklen, kaum verständlichen Gemurmel, während er sich nun gewaltsam von jenem uns unbekannten Ziele losriss: »Allmächtiger Himmel … ich begnadeter Esel … so ein wunderschönes Mädchen …«
»Also Thildchen ist ein wunderschönes Mädchen, wolltest du sagen.« Ich konnte ein Lächeln kaum verbergen.
»Ach so … natürlich, Thildchen … Ja, ja … Thildchen war ganz hübsch, allerdings keine Schönheit im eigentlichen Sinne, aber doch immerhin ziemlich ansehnlich, etwas strenge Züge …«
Er sah wieder auf die Terrasse, um sich dann noch zerfahrener als das erste Mal zu uns zurückzuwenden. Verwirrt biss er sich in den kleinen Finger.
»Willst du feststellen, ob du träumst oder ob du wach bist?«, fragte ihn Wilhelm. »Zurück zu Thildchen!«
»Ach ja – entschuldigt bitte, natürlich, wir sind immer noch bei Thildchen. Diese ganzen letzten Wochen mit Rudolf kommen mir wirklich wie ein einziger wüster Traum vor, und vielleicht bin ich immer noch nicht richtig wach geworden …«
»Dann hast du am Ende von Thildchen Puvogel auch nur geträumt?« Ich musste nunmehr schon herzhaft lachen. »Ich glaubte verstanden zu haben, dass du in ihr deine Retterin verehrst.«
»Also gut …«, gab der Dichter mit einer beinahe ungeduldigen Geste zu, »wenn ihr es denn durchaus wollt – Thildchen Puvogel hat mich gerettet. Aber könnt ihr es mir denn verdenken, dass ich mich damals in sie verliebte, in dieser Lage? Wo die Einführung in die Geistesgeschichte der Menschheit mich derart an den Rand des Grabes gebracht hatte, dass ich mich an jeden Strohhalm klammerte …«
»Um wieviel mehr noch an einen so strahlend blonden Strohhalm …«, pflichtete ihm Wilhelm bei. »Aber was wurde nun weiter mit deinem blonden Strohhalm?«
»Das ist schließlich schnell gesagt. In jenem Hinterraum des puvogelschen Krämerladens legte ich eine umfassende Beichte ab. Ich erzählte ihr von Rudolfs Besuch, von dem höllischen Zweikampf, den er mir aufgezwungen hatte, von meinem Versinken in die trüben Tiefen der gierigen Missgunst, die nun so hart gestraft worden war. Aber ich erzählte ihr auch, was ich im Übrigen noch hatte ertragen müssen, ehe ich so zusammenbrach: Hatte ich nicht Tag und Nacht das Trommelfeuer aus Rudolfs philosophischen Batterien über mich ergehen lassen, hatte nicht Rudolf befohlen, dass ich nach schweren Kampfestagen auch nachts in Bereitschaft läge, musste ich nicht meine Schlafzimmertür offenhalten, damit dem Philosophen Gelegenheit gegeben war, mit den ihm nachts oft unverhofft kommenden Geistesblitzen das Dunkel meines Schlafes zu erhellen? Konnte ich je auch nur an jenem Orte ungestört verweilen, dessen Frieden auch dem Ärmsten der Armen eine kurze Zeit der Sammlung zu schenken pflegt, folgte er mir nicht, wenn mich ein menschliches Rühren hinaustrieb, bis vor die Tür dieses Örtchens, um seinen Vortrag draußen fortzusetzen mit einer erhobenen Stimme, die selbst das mitleidige Rauschen des Wassers kaum zu übertönen vermochte?
Fräulein Puvogel hatte, das muss ich ihr lassen, viel Verständnis für diese Zeit der Qual. Sie gestand mir nunmehr, dass sie mit wachsender Sorge, zuletzt mit Grauen, meine reichlichen Einkäufe wahrgenommen habe: dreiviertel Pfund Kaffee, drei Pfund Aufschnitt, eine Mandel Eier und eine Flasche Weinbrand täglich – das war wohl selbst für eine geschäftstüchtige Krämerstochter ein Grund, zu erschrecken, zumal da sie von Lisbeth erfahren hatte, dass diese Waren nicht mehr als zwei Männern das Leben zu fristen hatten. Meine körperliche Entstellung, die Zerrüttung meiner Nerven waren ihr so nahegegangen, dass sie schließlich, wie sie freimütig bekannte, in einen ernsten Widerstreit zwischen ihrem Geschäftssinn und ihrem Mitleid getrieben wurde. Das ist doch eigentlich allerhand von so einem Mädchen …«
Konrads Blick schweifte abermals in jene Richtung ab, in die wir ihm nicht folgen konnten. Wieder ward er in andere Gefilde entführt, um diesmal nur noch mit einem gewaltsamen Ruck zu Thildchen Puvogel zurückzukehren.
»Also das junge Mädchen war wirklich ganz nett zu mir. Ohne ihren vernünftigen Zuspruch hätte ich mich wahrscheinlich nie von dem schimpflichen Zweikampf mit Rudolf zurückgezogen. Ich bedurfte dieses Zuspruchs jedoch zunächst noch täglich, um wirklich aus den Niederungen meines schändlichen Treibens zu neuer Menschenwürde aufzusteigen. Gleich zwischen den Heringsfässern und Gurkentonnen hatte ich Fräulein Puvogel versprechen müssen, mich einerseits eines enthaltsamen Lebens zu befleißigen, andererseits jedoch keinesfalls die schwere Schuld einer Verletzung der Gastfreundschaft auf mich zu laden. Es würde in jeder Beziehung verwerflich sein, von nun an meinen Tisch weniger reich zu bestellen, im Gegenteil würde es den Wert meines Verzichtes noch steigern, wenn ich neidlos zusehen lernte, wie mein Gast hinfort die doppelten Mengen äße, wozu er ja nach allem, was sie von ihm gehört, ohne Zweifel bereit und imstande sein würde. Auf unseren nun folgenden allabendlichen Spazierfahrten wies sie mich immer wieder gerade auf diesen einen wichtigen Punkt hin. In ihrer Besorgnis, ich möchte meine vornehmsten Pflichten versäumen, ging sie so weit, dass sie sich sogar erbot, mir das bislang von mir Besorgte in unverminderter Menge jeden Morgen durch ihren Lehrling ins Haus zu schicken. Ich muss nun wirklich sagen – ganz gleich, wie Mathilde Puvogel im Übrigen beschaffen sein mag –, diese Verhalten zeugt doch von einer menschlichen Größe, die einem unbedingt Achtung abzwingen muss. Sehr gut hat es mir auch gefallen, dass sie sich so besorgt um die Wahrung meines Ansehens zeigte. Sie klärte mich darüber auf, dass ein Mann von meinem Ruf sich in Hamburg mit der Zeit empfindlich schädigen würde, wenn er nach wie vor mit einem so wenig ansehnlichen, wohlfeilen Wagen durch die Straßen führe. Es täte ihr immer so weh, wenn sie bemerken müsste, dass die Nachbarn hinter mir her lachten. Auch in diesem Punkte bewies sie viel Umsicht und Tatkraft. Sie vermittelte mir die Bekanntschaft mit einem gediegenen Autovertreter, dessen Beratung ich nun diesen prachtvollen Wagen verdanke …«
»Während Fräulein Mathilde Puvogel sich mit drei Prozent Vermittlungsprovision bescheiden musste …«, bemerkte Wilhelm mit dem ganzen Ernst, der diesem Bekenntnis eines Liebenden angemessen war.
Der Dichter hörte es nicht, denn wieder einmal suchte sein Auge jene uns unbekannten Bezirke der Terrasse ab. Mich aber ließ die Neugier nicht ruhen:
»Und wie ist es weitergegangen mit Thildchen und dir?«
»Ach so – na ja, sie hat mir dann noch sehr freundlich beim Umzug geholfen und hat sich weiter bereit erklärt, mir die Sorge für Rudolf abzunehmen, für den sie täglich die vereinbarte Menge an Lebensmitteln in meine Villa schickt. Der Ärmste hat kurz vor meiner Abreise noch die niederschmetternde Nachricht erhalten, dass Dr. Niels Knudsen vor Mitte August nicht in Flensburg sein wird. Ich kann es ihm nachfühlen, dass er sich die unnützen Kosten der Reise nach Braunschweig und der Rückkehr nach Hamburg ersparen möchte und es vorzieht, die lästige Zwischenzeit in Hamburg zu verleben. Was nun Mathilde Puvogel betrifft, so hat sie auch in anderer Weise wirklich selbstlos für mich gesorgt. Sie hat die Lieferung der neuen Möbel für mein Haus vermittelt, sie hat mich mit einem erstklassigen Dekorateur bekannt gemacht, der die schwierige und kostspielige Gardinenfrage glänzend gelöst hat, sie hat mir den widerlichen Kleinkram der Einbruchsdiebstahl-, Feuer- und Wasserschädenversicherung abgenommen und mir die Policen zu den denkbar günstigen Bedingungen verschafft, sie hat mir zum Schutz meines Hauses einen Schäferhund mit Stammbaum zu dem lächerlichen Preise von dreihundert Mark besorgt, sie hat mir ein zuverlässiges Ehepaar nachgewiesen, das sich bereit erklärte, gegen freie Wohnung und eine geringe Entschädigung von fünfzig Mark im Monat mein Haus zu betreuen, es handelt sich sogar um entfernte Verwandte von Puvogels, um besonders rechtliche Leute. Ihr werdet verstehen, dass ich schließlich einfach nicht anders konnte, als Mathilden zu fragen, ob sie nicht selbst als meine Frau in die neue Villa mit einziehen wollte. Wie ich euch schon sagte, eröffnete sie mir allerdings, dass eine ernsthafte Unterhaltung über meinen Antrag erst in Frage käme, wenn ich die bewussten siebenunddreißig Pfund entfernt haben würde. So viel fürs erste von Thildchen.«
Ich sah es wieder einmal deutlich, wie Konrad von einem richtig rechnenden weiblichen Wesen weidlich ausgenutzt worden war. Aber dieses Mal war ich nicht mehr bange um ihn, denn ich fühlte nur zu gut, dass schon der Lobgesang auf Thildchen bei unserer Begrüßung eine etwas gewaltsame Übertäubung seiner geheimsten Zweifel gewesen war. Und nun wusste ich es auch, dass der einfache Vorgang seines Erzählens genügt hatte, eine heilsame Klärung in ihm zum Durchbruch zu bringen. Jener unruhevoll schweifende Blick auf die Terrasse ließ mich nur ahnen, dass dieser inneren Befreiung irgendein äußeres Geschehen entgegenzukommen begann. Ich war überzeugt, dass am Ziel dieser Blicke ein schönes Mädchen sitzen musste. Dass Wilhelm dasselbe empfand, bewies mir die Frage, die er jetzt an den Dichter richtete:
»Was hast du eigentlich da hinten fortwährend zu suchen? Es kommt mir wahrhaftig vor, als ob du von dort eine kalte Dusche nach der anderen bekämst; denn deine Begeisterung für Fräulein Mathilde Puvogel hat sich im Laufe der letzten halben Stunde merkwürdig abgekühlt.«
»So … findest du das? Na, jedenfalls hat sich an dem Gefühl meiner dankbaren Verehrung für Fräulein Puvogel nichts geändert. Übrigens möchte ich nun doch gern einmal die Aussicht von der Brücke ins Tal genießen. Ich schlage vor, dass wir jetzt zusammen dorthin gehen.«
Wir standen auf und gingen über die Terrasse. Plötzlich zupfte der Dichter mich am Ärmel und raunte mir zu:
»Wenn wir jetzt an dem Tisch hinter der großen Linde vorbeikommen, dann blick mal unauffällig hin.«
Wir kamen an dem. Tisch vorbei, und ich blickte unauffällig hin. Unter der großen Linde saß Maren Ellernkamp. Sie saß da in ihrem Reitdress, knabenhaft schlank war in der knapp anliegenden Jacke ihre Gestalt, und unter dem schwarzen steifen Hut quoll ungebärdig das helle Haar hervor. Sie wandte uns halb den Rücken, denn sie liebkoste ihr Pferd, das sie draußen an einem Pfosten der Terrasse angebunden hatte. Das Tier schob seinen edlen Kopf mit den bebenden Nüstern immer wieder zutraulich über das Gitter neben dem Sitze der Herrin, um sich aus ihren Händen den Kaffeezucker zu holen. Ich ging schnell auf sie zu, aber meine beiden Männer blieben zurück. Sie blieben auch noch stehen, als mich Maren nun freudig begrüßte, erschreckt und regungslos standen sie da, meine zwei guten Esel …
Aber es dauerte nur eine kurze Zeit, dann saßen wir doch zusammen am Tische. Diese Reiterin freilich war dazu angetan, mit wunderlichen Tieren fertig zu werden – auch diese zwei Esel brachte sie bald auf den Trab. Meinen Mann entzückte sie schnell, indem sie ihm versprach, ihm morgen in der Sprechstunde zu helfen, und dem Dichter erwies sie die Wohltat, über seine zweihundertsiebzehn Pfund, die ihm nunmehr wie Feuer am Leibe brennen mochten, freundlich hinwegzusehen und durch eine genaue Kenntnis seiner Bücher sein etwas zerknittertes Selbstbewusstsein herrlich auf neu zu bügeln. Er richtete sich auf, zog seinen Bauch ein, soweit es ihm möglich war, und verriet uns allen ganz nebenher etwas von einer schweren Krankheit, die er hinter sich habe. Aber was diese »Adipositas« betreffe, so würden ihre letzten Spuren demnächst im Sanatorium Dr. Jungmaker zu Bad Frischleben beseitigt werden.
»Das ist wohl ein sehr ernstes Leiden, eine ›Adipositas‹?«, fragte Maren besorgt.
»Das ist es allerdings. Ich hatte es mir durch Überarbeitung zugezogen. Wissen Sie – wenn ich eine große Arbeit vorhabe, kenne ich nicht Maß noch Ziel. Es gibt ja immer wieder so grässliche Terminarbeiten, die das Letzte aus einem herausholen. Man vergisst manchmal tagelang Essen und Trinken darüber.«
Der Dichter sah böse zu Wilhelm hinüber, der jetzt in ein lautes, schadenfrohes Gelächter ausbrach:
»Ich halte es für meine Freundespflicht, dich darauf aufmerksam zu machen, dass Fräulein Ellernkamp ein achtsemestriges medizinisches Studium hinter sich hat. Du kannst das Kind getrost beim rechten Namen nennen und von deiner Fettsucht reden.«
Mit einem erneuten fröhlich wiehernden Lachen schlug Wilhelm den Freund auf die Schulter. Konrad sank schwer in sich zusammen, ich glaubte das Knittern seines eben erst aufgebügelten Selbstbewusstseins zu hören.
Es blieb Maren erspart, sich zu dieser überraschenden Bosheit ihres neuen Freundes zu äußern, denn in diesem Augenblick kam ein großer, schnittiger Wagen vorgefahren.
»Gerdings …!«, rief ich freudig erleichtert aus.
Ja – das waren Gerdings. Ein gutaussehender Herr entstieg dem grauen Kabriolett und half einer anmutigen, sehr gepflegten Dame aus dem Wagen.
Carl Wilhelm Gerding aus Holzminden, Generaldirektor und Hauptaktionär eines mitteldeutschen Konzerns von Werken der Riechstoffindustrie, war Konrads erster Mäzen gewesen. Der Dichter hatte uns vor Jahren mit ihm und seiner Frau bekannt gemacht, und aus dieser Bekanntschaft war mit der Zeit eine wirkliche Freundschaft geworden. Wilhelm und Ilse Gerding waren schon in unseren bösen Wenzener Anfängen unsere Gäste gewesen, ich hatte es ihnen hoch anrechnen müssen, dass ihre verwöhnten Riechorgane sich durch die höllischen Düfte des busseschen Ziegenstalles nicht hatten abschrecken lassen.
»Ihr auch hier, Grete …!«, rief Ilse Gerding uns im Herankommen zu, »ach – und da ist ja auch schon Konrad! Wir erwarteten ihn halb und halb, er schrieb uns ja, dass er uns allerhand wichtige Neuigkeiten mitzuteilen hätte.«
Auch der Generaldirektor war nun hinzugetreten; er nahm mich zunächst einmal beiseite und fragte mit einem bedeutungsvollen Blick auf Maren:
»Ist das etwa Konrads neue Braut? Ich nehme natürlich an, dass es sich bei den uns angekündigten wichtigen Eröffnungen um seine zwölfte Verlobung handelt …«
Ich konnte ihn beruhigen – weder saß hier Konrads Braut, noch schien der neue Verlobungsfall mir ernster als seine Vorgänger zu sein.
Dann saßen wir bald alle zusammen am Tisch unter der großen Linde. Carl Wilhelm Gerding war bald im angeregtesten Gespräch mit Maren, er hatte schnell festgestellt, dass es geschäftliche Verbindungen zwischen ihrem Vater und seiner Firma gab. Aber noch etwas anderes schuf eine Verbindung zwischen uns allen: Maren ließ uns wissen, dass sie nicht von ungefähr auf einem Spazierritt hier gelandet sei, vielmehr habe sie sich auf Pastor Fängers Flehen hierher begeben. Der Pfarrherr nämlich hatte allen Grund, dem heutigen Nachmittag mit Bangen entgegenzusehen. Lachend weihte Maren nun auch Gerdings und Konrad in unseren Erziehungsplan ein, der schon die ersten Früchte zu zeitigen begann:
»Er hat sich schon entschlossen, seine sämtlichen Barockschränke zu verkaufen.«
»Und zwar an mich«, fiel der Generaldirektor ein, »außerdem hat er mir merkwürdigerweise einen Posten Maulbeerbäume angestellt. Und da ich nun einmal zum Mitwisser Ihres Planes geworden bin, glaube ich keine grobe Indiskretion zu begehen, wenn ich Ihnen verrate, dass Herr Pastor Fänger sich bei mir um eine Bezirksvertretung für den Vertrieb unserer Riechstoffe beworben hat. Er weist zur Empfehlung auf seine Talente hin, die ihn gerade für eine solche Tätigkeit besonders geeignet machen: auf sein außerordentlich empfindliches Geruchsorgan, auf sein gewandtes Auftreten und auf seine ungewöhnliche Rednergabe. Dass er mich zur Erörterung aller dieser schwierigen Fragen heute gleich Ihnen, gnädiges Fräulein, hierherbestellt hat, darf ich nun wohl getrost auch noch verraten.«
»Und mich hat er hierherbestellt«, fuhr Maren Ellernkamp in ihrem Bericht fort, »weil wir den gefürchteten Besuch des Maklers hier abfangen wollen. Herr Pastor Fänger war nicht im Geringsten verwundert, dass ich gleich einen Makler an der Hand hatte. Ein geradezu rührendes Vertrauen zu meinen unbegrenzten geschäftlichen Fähigkeiten beseelt dieses große Kind, er scheint anzunehmen, dass eine Hamburger Kaufmannstochter sich schon in der Wiege mit doppelter Buchführung beschäftigt. Mein guter Onkel Enno Piepenschneider hat seine Beförderung zum Häusermakler mit Begeisterung aufgenommen und mir heute Morgen geschrieben, dass ich seinen Besuch der Frau Fänger für den Nachmittag anmelden möchte. Ich muss bekennen, dass es mir viel Freude machte, zunächst einmal Herrn Fänger mit dieser Nachricht zu erschrecken. Mit einem mühsam unterdrückten Schluchzen bat er mich um meine Hilfe: zunächst müsste auf alle Fälle vermieden werden, dass seine Frau in dem gefährlichen Zustand des Fanatismus, von dem sie zurzeit befallen sei, mit dem Makler überhaupt in Berührung komme. Zwar zögerte ich eine Weile ernst und bedenklich, aber dann versprach ich ihm, mein möglichstes zu tun. Frau Fänger, die ich natürlich gleich darauf ins Vertrauen zog, war begreiflicherweise nur zu sehr damit einverstanden, dass ihr die Maklerkomödie erspart werden sollte. Es gelang mir noch glücklich, den gefürchteten Makler an seinem Hamburger Frühstückstisch durch ein Ferngespräch zu erreichen und ihn statt nach Wenzen nach der ›Wilhelmsbrücke‹ zu bestellen. Woraus sich ergibt, dass ich nunmehr hier auf eine Konferenz mit meinem Onkel Enno und Herrn Pastor Fänger warte.«
Es ist verständlich, dass wir alle dem Eintreffen des geängsteten Gottesmannes mit freudigen Erwartungen entgegensahen. Dieses Eintreffen aber, als es nun endlich Wirklichkeit ward, übertraf unser aller kühnste Vorstellungen.
Was war in den letzten Tagen aus dem heiteren Weltmann Otto Fänger, was aus seiner holden Unbekümmertheit geworden!
Erst als er dicht vor uns stand, erkannten wir ihn – den schlichten Radfahrer, der kurz zuvor seine Tretmaschine verstohlen an die Brüstung der Terrasse gelehnt hatte, hatten wir übersehen. Das sommerliche Schicksal unserer Landschaft, der feine Kalkstaub unserer Straßen, hatte ihn ganz überdeckt, hatte selbst sein Gesicht grau und müde gemacht. Dieser graue Überzug seines äußeren Menschen war freilich sehr geeignet, die Mängel der Gewandung zu verhüllen, die er für diese Fahrt angelegt hatte. Zu unser aller grenzenloser Überraschung war Herr Fänger in dieser für ihn so wichtigen Stunde, so wenig wie er mit Auto oder Reitpferd oder Gig gekommen war, in einem eleganten Sportanzug erschienen. Er war vielmehr mit jenem schwarzen Amtsrock angetan, den der selige Herzogregent Johann Albrecht den widerspenstigen Seelenhirten des Landes aufgezwungen hatte. Es war ein langer, bis an den Kragen geschlossener feierlicher Gehrock, ein sogenannter »Lutherrock«, und Otto Fänger hatte in seiner Jugend aufs heftigste gegen diese herausfordernde Pastorenuniform gewettert. Nach dem Ableben des hochseligen Herrn hatte der Pastor dieses Gewand denn auch bald genug zum Haus- und Schlafrock erniedrigt – heute aber war es an seinem Leibe zu neuen Ehren gekommen. Vielleicht hatte er es angelegt in dem dunklen Drange, von nun an auf alle irdische Hoffart verzichten zu müssen, denn wie ein Büßerhemd wahrlich umwallte ihn dieses Kleid. Vielleicht war er in diesen Rock gekrochen, weil er nach den seelischen Erschütterungen der letzten Tage einen Halt suchen mochte, so dass er sich an das missachtete und schäbig gewordene Habit klammerte wie an ein Sinnbild halbvergessener Amtswürde. Oder war es nichts als das demütige Verlangen, Mitleid zu wecken bei aller Welt?
Und Mitleid war in der Tat das Gefühl, das seine Erscheinung uns allen abnötigte. Er schüttelte uns wortlos die Hand, so wie er vielleicht nach einer Beerdigung den Leidtragenden die Hand schütteln mochte. Dann setzte er sich zerknirscht in unsere Mitte.
6. Kapitel
Vor der Terrasse hielt jetzt ein großer Autobus an, dem jubelnd eine Schar von Kindern entquoll. Eine Schulklasse hatte mit ihrem Lehrer einen Ausflug unternommen und war nun willens, auf Oskar Panitzens berühmter Terrasse eine billige Rast abzuhalten. Wie ein Heuschreckenschwarm ergoss sich die fünfzigköpfige Horde von Knaben und Mädchen über den Platz, um schnell auch den letzten freien Sitz einzunehmen.
Herr Panitz, der gerade an unserem Tisch stand, lachte unwillig auf:
»Solche Gäste habe ich gern. Beinahe jeden Tag kehrt so eine kleine Reisegesellschaft bei mir ein. Passen Sie auf, meine Herrschaften, ob es nicht genauso kommt, wie ich Ihnen jetzt sage: Der Lehrer bestellt sich ein kleines Helles, die Lehrerin eine Tasse Kaffee, und von den fünfzig Kindern bestellen im günstigsten Fall zwei eine Brause, im Übrigen werden die mitgebrachten Wurst- und Käsebrote freundlich ausgepackt. Und der Fahrer verlangt dann von mir noch freie Zeche, als Provision dafür, dass er mir diese Gäste zugeführt hat. Für den Wirt bleibt dann das Butterbrotpapier und außerdem das Nachsehen hinter den besten Gästen her, die vor dieser Horde Reißaus genommen haben. Passen Sie auf, ob es nicht so kommt.«
Frau Ilse lächelte schelmisch:
»Es wird dieses Mal nicht so kommen, lieber Herr Panitz.«
Sie flüsterte ihrem Mann ein paar Worte zu, der nickte erfreut, erhob sich und flüsterte nun seinerseits mit dem Wirt. Der aber vertat alsbald diesen großen Aufwand edler Diskretion, indem er laut ins offene Fenster des Gastzimmers hineinschrie:
»Für jedes Kind eine Himbeerbrause auf Rechnung von Herrn Generaldirektor Gerding!«
Die Brausen waren kaum verteilt, als Frau Gerding aufs Neue von einer schönen Regung ihres mütterlichen Herzens angewandelt wurde:
»Gib mir mal fünf Mark, mein Seuter!«, sagte sie mit gedämpfter Stimme. Und wieder nickte Carl Wilhelm erfreut:
»Aber gewiss, meine Gute. Hier hast du einen Zehnmarkschein, ich habe es nicht kleiner.«
»Desto besser«, lächelte Ilse, »da kann ich den Automaten ganz ausplündern, da kriegt eben jedes Kind zwei Tafeln Schokolade: Herr Panitz wird mir jetzt dieses Geld in Groschen umwechseln, und dann kann es losgehen mit der Bescherung.«
Während Frau Gerding mit fröhlichem Gerassel nun den Automaten leerte und mit den kleinen zärtlichen Lockrufen einer Glucke die Kinder um sich versammelte, blickte Pastor Fänger düster auf das Bild dieser großherzigen Verschwendung. Der Generaldirektor beobachtete ihn eine Zeitlang, ein tiefes warmherziges Verstehen wuchs in seinen Zügen:
»Herr Pfarrer«, begann er endlich, »wir sind hier in einem Kreise von wohlmeinenden Freunden, ich darf daher gewiss offen über alle Dinge reden, die Sie in Ihrem Briefe zur Erörterung gestellt haben. Was zunächst Ihre Bewerbung um einen Vertreterposten für unsere Firma betrifft, so möchte ich Ihnen als Freund den Rat erteilen, keine allzu großen Hoffnungen auf eine solche Tätigkeit zu setzen. Unser Konzern ist in erster Linie auf Ausfuhr eingestellt. Sie wissen ja, dass die deutsche chemische Industrie sich da in einer verhältnismäßig günstigen Lage befindet. Wir haben an zweihundert Auslandsvertreter, in den südamerikanischen Staaten, in Mexiko, in USA, in Japan, Siam, Indien, in den Malaienstaaten, in der Südafrikanischen Union haben wir unsere Hauptabsatzgebiete. Aber der Bezirk Niedersachsen-Süd ist nicht halb so ergiebig wie zum Beispiel die kleine britische Kolonie Kenia und Uganda. Außerdem ist der Posten eines Bezirksvertreters zurzeit besetzt, und die Provisionssätze eines Untervertreters liegen so, dass ich sie Ihnen eigentlich gar nicht zumuten möchte.«
In die müden Augen des Pfarrers kam ein fanatisches Aufleuchten, ein feierlicher Ernst bebte in seiner Stimme:
»Die Lage, in die mich der Leichtsinn meiner Frau versetzt hat, macht mir jeden Provisionssatz annehmbar. Ich bitte Sie, wenn eine Frau mir nichts dir nichts Autos für siebentausend Mark kauft, wenn sie gediegenen Hausrat verschenkt und teuren modernen Plunder dafür bestellt, wenn sie ihr letztes Eingebrachtes, ein wertvolles Zinshaus, verschleudern will, wenn sie eine vierwöchige Reise in die Schweiz plant und eine Freundin dazu einlädt« – hier streifte sein vorwurfsvoller Blick mich böse Doktorin Löhnefink –, »wenn sie, mit einem Wort, zielbewusst darauf hinarbeitet, den Wohlstand des Hauses Fänger zu untergraben, dann muss doch der Mann jede Gelegenheit wahrnehmen, ein paar Mark hinzuzuverdienen. Aber vielleicht zweifeln Sie doch an meiner Eignung für diesen Posten, vielleicht fürchten Sie, dass ich in diesem Anzug die Kundschaft besuchen werde. Das werde ich ganz bestimmt nicht tun, ich habe eine Reihe gutsitzender Maßanzüge, die ich bei meinen Besuchen anlegen werde. Diesen alten Rock hier habe ich lediglich angezogen, weil ich die guten Sachen für die Zwecke meiner künftigen Tätigkeit schonen möchte …«
Mit einer unnachahmlich vornehmen Geste winkte der Generaldirektor ab:
»Ich zweifle nicht im Geringsten an Ihrer Eignung, lieber Freund. Ich zweifle weder an der Empfindlichkeit Ihres Geruchsorgans noch an Ihrem gewandten Auftreten noch an Ihren Anzügen. Sehen wir doch im Augenblick von dieser ganzen Vertreterfrage ab. Sie hatten mir noch einen Posten Maulbeerbäume und einen Posten Barockschränke angeboten. Ich habe, offen gestanden, den Eindruck, dass es sich hier um Angstverkäufe handeln würde, aber ich hoffe auch, dass Sie mir eine Ausnützung Ihrer augenscheinlichen Notlage nicht zutrauen. Ich habe mir gedacht, dass Ihnen mit einem freundschaftlichen Darlehen in der Höhe des von Ihnen erhofften Erlöses mehr gedient sein würde als mit einem Verkauf. Ich möchte Sie daher bitten, ganz nach Wunsch über mich zu verfügen.«
Dieses Übermaß von Edelmut senkte sich allzu schwer auf die Seele des zerknirschten Pfarrers; keiner Erwiderung mächtig, schien er nun vollends zusammenzubrechen. Sein Gesicht zuckte, als ob er mühsam mit den Tränen kämpfte …
In diesem Augenblick trat der Wirt an unseren Tisch, um Wilhelm an den Fernsprecher zu rufen. Erleichtert sahen wir ihm nach, wir alle gönnten dem armen Herrn Fänger eine kleine Atempause, in der er sich sammeln konnte.
Gleich darauf kam Wilhelm zurück und teilte uns mit, dass er zu einem Patienten auf der Domäne Voldagsen bestellt worden sei.
»Ich darf dann wohl eben mit deinem Wagen fahren«, wandte er sich an Konrad, und dann sagte er mit einer mich erschreckenden Unverfrorenheit zu Maren: »Sie sind vielleicht so freundlich, mich zu begleiten, Kollegin, ich könnte Ihre Hilfe in diesem Falle gut gebrauchen.«
»Fräulein Ellernkamp muss doch hier auf ihren Onkel Enno warten«, entfuhr es mir; erschrocken schlug ich mir sogleich auf den Mund und blickte schnell zu Otto Fänger hinüber, der indessen keinerlei Teilnahme an unserem Gespräch verriet, sondern schwermütig auf die Straße starrte. Dort hatte ein geschäftstüchtiger Anwohner sich mit einem großen Korb Kirschen niedergelassen, die er nur tütenweise an die Schulkinder verkaufte.
»Ich fahre natürlich mit«, sagte Konrad, indem er schnell aufsprang, »du kannst doch überhaupt mit der neuen Frontantriebschaltung nicht fertig werden!«
Wilhelm drückte ihn freundlich besorgt auf seinen Stuhl zurück, eine befremdende Beredsamkeit war in ihm erwacht:
»Aber lieber Konrad, du wirst doch nicht im Ernst glauben, dass ich dir zumuten könnte, mich jetzt zu fahren. Wo du doch deine zweihundertfünfzig Kilometer heute schon am Steuer gesessen hast … Nein, wirklich – du siehst noch ganz erschöpft aus, als Arzt und Freund rate ich dir, erst einmal einen eisgekühlten Steinhäger zu trinken. Du hast dich doch in den letzten Wochen so sehr an scharfe Getränke gewöhnt, dass es geradezu schädlich sein würde, wenn du so plötzlich damit aussetztest …« Hämisch huschte sein Blick zu Maren hinüber, die lächelnd diesen Wettstreit verfolgte.
Konrad hatte sich wieder erhoben, wie eine gereizte Bulldogge knurrte er den Freund an:
»Über die Schäden einer plötzlichen Enthaltsamkeit bist du allerdings aus persönlicher Erfahrung unterrichtet. Die Abstinenzkur nach deiner chronischen Alkoholvergiftung im Münchener Wintersemester ist dir ja wohl damals gar nicht gut bekommen?«
Auch Konrads Blicke wanderten jetzt um Beifall buhlend zu Maren hin. Wilhelms bösartiges Lächeln kündete einen neuen Vorstoß an. Dann sagte er gewichtig:
»Und trotzdem würde ich an deiner Stelle jetzt nicht mitfahren. Du musst nämlich die Zeit ausnutzen, an Thildchen eine Karte zu schreiben, der Briefkasten wird hier gleich ausgeleert, und deine liebe Braut würde mit Recht ungehalten sein, wenn sie morgen früh keine Nachricht von dir hätte.«
»Über Fräulein Puvogels Zorn mach dir bitte keine Gedanken!«, schrie der Dichter. »Diese Dame geht mich ebenso wenig an, wie sie dich angeht!«
Über Frau Ilses Gesicht ging ein warmes Leuchten:
»Ach ja – Konrad, du hast uns noch gar nichts von deiner Verlobung erzählt! Ist es nicht dieses Fräulein Puvogel? Wer ist denn die Glückliche?«
Mit beiden Händen wehrte Konrad ab, so heftig, als ob er einen Schwarm lästiger Fliegen verscheuchen wollte:
»Es ist aber doch ganz fürchterlich, dass man nicht einmal eine noch so flüchtige Neigung für ein weibliches Wesen bekunden kann, ohne gleich mit dem Makel einer Verlobung behaftet zu werden. Mit einem Wort: ich bin nicht verlobt!«
»Richtig«, erwiderte Wilhelm, »es stimmt, du bist noch nicht verlobt. Ich hatte vergessen, dass Thildchen Puvogel die Annahme deines Antrages an eine schwerwiegende Bedingung geknüpft hat. Genau gewogen, ist diese Bedingung siebenunddreißig Pfund schwer. Du wirst noch deine Last haben, diese Last loszuwerden, denk dir das ja nicht so leicht, leicht zu werden. Die Adipositas ist eine tückische Krankheit. Wer so schwer ist wie du, der hat es schwer, glücklicher Bräutigam zu werden!«
Sichtbar befriedigt von seinen kleinen Scherzen, lachte er kindlich froh auf.
»Schließen wir doch diese Debatte«, sagte Konrad mit einem verdächtig milden Lächeln, »du möchtest also gern mein Auto haben?«
»Ja, natürlich.«
»Das kann ich mir denken. Ich gebe es dir aber nicht.«
Der Dichter lachte ausgiebig über diesen mehr als bescheidenen Witz.
»Aber liebe Freunde«, mischte sich jetzt der Generaldirektor ein, »ihr werdet euch doch nicht wegen der schwerwiegenden Bedingungen einer offenbar recht leicht wiegenden Verlobung in die Haare geraten. Du nimmst meinen Wagen, lieber Wilhelm, und fährst mit Fräulein Ellernkamp auf Praxis. Konrad bleibt hier und erzählt uns endlich einmal, was es mit Thildchen Puvogel auf sich hat!«
»Ich habe euch nichts über Fräulein Puvogel zu erzählen!«, rief Konrad, setzte sich nieder und verfiel in ein mürrisches Schweigen.
Mit einem Lachen, in dem Glück und Schadenfreude zusammenklangen, nahm Wilhelm die Autoschlüssel aus Gerdings Hand entgegen, dann zog er fast ungestüm Maren mit sich in den Wagen. Ihr leises Widerstreben schien er nicht zu bemerken.
Otto Fängers Blicke waren während dieses ganzen Streites ununterbrochen auf den Kirschenverkauf gerichtet. Schließlich zog er ein Notizbuch aus der Tasche, auf dem er unter halblautem Gemurmel irgendeine Berechnung ausführte. Endlich nickte er entschlossen vor sich hin, dann sprang er auf und stürzte zu seinem Rade.
»Ich komme gleich wieder!«, rief er uns zu, dann strampelte er hastig davon.
Gleich darauf setzte sich der Wirt zu uns an den Tisch.
»Sehen Sie sich mal den Briefträger an, der jetzt gerade den Kasten ausleert«, wandte er sich an den Dichter, »von dem kann ich Ihnen eine Geschichte erzählen, die können Sie mal in ein Buch bringen. Also das war damals, als die Postautos noch nicht durch die Dörfer kamen und von den Agenturen die ganze Post nach der Bahn geschleppt werden musste. Sie können sich ja denken, was das in unserem Dorf besagen wollte, wo doch unser Bahnhof eine halbe Stunde Wegs oben am Berge liegt. Dazumals hatte Karl Fröhlich ein schweres Amt: jeden Tag zweimal nach dem Bahnhof rauf und runter; das war keine Kleinigkeit, noch dazu, wenn es Pakete zu tragen gab. Am schlimmsten war es natürlicherweise vor Weihnachten, am Heiligen Abend, da sah Karl immer aus wie ein Packesel. Na, und da hat er sich denn an dem Tage ganz besonders auf den ersten Festtag gefreut, da hatte er nämlich dienstfrei, und da gab es denn immer einen schönen Happen bei Fröhlichs, meistens natürlich eine fette Gans. Frau Fröhlich, die versteht es nun wunderbar, eine Gans zu mästen, und in dem Jahr, wovon ich erzählen will, hat sie eine auf sechzehn Pfund gekriegt. Ein paar Tage vor dem Fenster hat sie die Gans denn auch geschlachtet und ausgenommen und gerupft und vors Fenster gehängt, da wog sie immer noch vierzehn Pfund. An dem betreffenden Heiligen Abend waren nun furchtbar viele Pakete in der Agentur abgegeben, und Karlen wurde schon angst und bange. Aber dann sah er sich immer wieder die Gans vor seinem Fenster an und sagte: ›Minna, heute Abend schleppe ich diese Pakete gern zur Bahn, ich denke man bloß immer an diese Gans, die morgen auf unseren Tisch kommt, dann wird mir keine Last zu schwer.‹ Gegen Abend, als schon zwei Dutzend Pakete in der Poststube lagen, wollte er sich wieder mal ein bisschen Trost holen und nach seiner Gans gucken – und mit einmal fängt er laut an zu schreien und fragt seine Frau, warum sie die Gans weggenommen hätte, die könnte doch in dem warmen Hause zu Schaden kommen. Seine Frau, die wusste natürlicherweise von nichts was von, sie hätte die Gans nicht weggenommen. Na, kurz und gut – die Gans, die war geklaut. Im Verdacht hatten sie auch gleich einen, nämlich den Puckel Voges von gegenüber. Der hatte schon öfters lange Finger gemacht. Aber da war nun nichts zu machen, und Karl fing traurig an, seine Pakete aufzuhucken. Er wollte gerade losgehen, da kam die Mutter von dem Puckel Voges und brachte noch ein schweres Paket. Es war an ihre verheiratete Tochter in Braunschweig gerichtet. Karl nahm es an, und da fühlte er gleich durch die Pappe etwas Weiches – das ist eine Gans, sagte er bei sich. Und als er das Paket auf die Waage legte, da wog es genau vierzehneinhalb Pfund – das ist meine Gans, sagte er da bei sich. Aber den Mund auftun konnte er natürlicherweise nicht. Er war nun mal Postbeamter und musste seine Pflicht tun und seine Gans auch noch mit aufhucken. So sauer ist ihm noch nie ein Paket geworden wie die Weihnachtsgans, die er an dem Heiligen Abend nach der Bahn hinaufgeschleppt hat. Wie gesagt, die Geschichte müssen Sie mal in ein Buch bringen, Herr Doktor.«
Der Dichter dankte höflich, er werde sich den Fall sogleich vermerken, das war wirklich eine reizende Geschichte.
»Ihr Dichter habt es doch wahrlich gut«, sagte der Generaldirektor, »euer Stoff wird euch von allen Seiten kostenlos zugetragen. Das bisschen Niederschreiben ist ja dann hinterher schnell gemacht.«
»Was deine Rohstoffe betrifft, so kosten sie ja auch nur ein paar Pfennig, aber das bisschen Verarbeiten erfordert ja dann wohl eine ganze Fabrik und ein Büropersonal von dreißig Köpfen?« –
Während Konrad nunmehr auf Gerdings wiederholtes Fragen sich endlich dazu herbeiließ, von seiner »flüchtigen Bekanntschaft« mit Mathilde Puvogel zu erzählen (ein Bericht, aus dem ich zu meinem Erstaunen ersah, dass es sich bei dieser Dame um ein schlichtes, alterndes Mädchen hoch in den Neununddreißigern handelte), irrten meine Blicke immer wieder unruhevoll auf die Landstraße. Über eine halbe Stunde waren Wilhelm und Maren nun schon weg. Es war gewiss töricht von mir gewesen, wenn ich mir bei ihrer Abfahrt ausgerechnet hatte, dass dieser Krankenbesuch im Höchstfalle fünfundzwanzig Minuten in Anspruch nehmen dürfte, aber ich klammerte mich nun einmal an diese von mir selber bewilligte Spanne Zeit, und nun wurde mir jede Minute darüber hinaus zur Qual. Und zehn lange Minuten musste ich immer noch warten, ehe der majestätische Wagen des Generaldirektors wieder vorfuhr.
»Fein war das!«, lachte Maren, indem sie sich niedersetzte, »ich habe etwas zugelernt! Da hatte sich ein Mann den Oberarm ausgerenkt. Die Diagnose habe ich natürlich gleich richtig gestellt, aber zu der Therapie reichte es bei mir nicht mehr. Der Mann war außerordentlich muskulös, und ich habe ihn ein paar Minuten lang vergeblich mit den üblichen Handgriffen gequält. Bis dann Dr. Löhnefink eine zwar derbe, aber erfolgreiche Methode anwandte. ›Die allererste Voraussetzung für diese Therapie‹, erklärte er mir, ›ist die, dass man heile Strümpfe hat. Sodann ist es wünschenswert, dass der Arzt männlichen Geschlechts ist. Sie werden gleich sehen, warum.‹ Er zog sich nun den rechten Schuh aus und stellte zunächst erfreut fest, dass sein Socken keine Löcher aufwies. Sodann legte er den Patienten lang auf den Fußboden, hierauf legte er sich ebenfalls nieder, schob seinen Fuß in die Achselhöhle des Mannes, ergriff seine beiden Hände und stemmte sich dann als lebender Hebel gegen den Patienten. Es gab einen Krach, und der Oberarm saß wieder im Gelenk. Fabelhaft finde ich so was. Das könnte einen wirklich noch zu der Überzeugung bringen, dass der Mann in manchen Dingen der Frau überlegen ist.«
Mit einer Geste bescheidenen Stolzes wehrte Wilhelm ab.
»Wo ist denn eigentlich Pastor Fänger geblieben?«, fragte er.
»Den hast du mit deinen schlechten Witzen wahrscheinlich so angeödet, dass er die Flucht ergriffen hat. Er ist mit dem Rade weggefahren. Übrigens, die Kinder«, fuhr Konrad mit einem Blick auf die Straße fort, »machen sich auch schon aus dem Staube.«
»Aber nicht vor mir. Ich vermute, dass die Lehrerin um ihre Seelenruhe bangt. Es wird ihr kaum alle Tage geboten, dass sich so feurige, schwere Dichterblicke von zweihundertsiebzehn Pfund oder, besser gesagt, von hundertachteinhalb Kilogramm auf sie stürzen.«
Konrad murmelte verwirrt und traurig etwas von einer nahe bevorstehenden Fastenkur im Sanatorium Dr. Jungmaker zu Bad Frischleben.
»Herr Dr. Löhnefink«, sagte Maren ernst, »ich finde es nicht sehr nett, wie Sie Ihren schwer überarbeiteten Freund behandeln. Sie als Arzt sollten den Gebrechen Ihrer Mitmenschen andere Gefühle entgegenbringen als diese schnöde Ironie. Und Sie, Herr Konrad, haben einen ganz ausgezeichneten Gedanken gehabt, als Sie sich entschlossen, zu Jungmaker zu gehen. Ich habe schon wahre Wunderdinge von seinen Kuren gehört, und ich bin überzeugt, dass Sie als ein Jüngling aus Frischleben zurückkommen. Dann bitte ich aber darum, dass Sie sich hier in Wenzen vorstellen, ich möchte Sie doch gern auch einmal ohne Adipositas kennenlernen.«
Ein fünfstimmiges Hurrageschrei aus dankbarem Kindermunde ließ sie verstummen; die scheidende Schulklasse brachte ein begeistertes Hoch auf den Generaldirektor und seine Gattin aus.
Voll milder Güte winkte das gefeierte Paar, die Kinder stiegen ein, der Autobus fauchte davon.
Kaum dass die letzten Staubwolken seiner Abfahrt sich verzogen hatten, kam ein Radfahrer in rasender Eile vor der Terrasse vorgefahren. Der Kopf war tief über die Lenkstange beugt, die langen Haare klebten ihm schweißig in der Stirn, das Gesicht war bläulich geschwollen von den Anstrengungen dieser Fahrt, die wahrlich gewaltig gewesen sein mussten unter der Last der großen Kiepe auf dem Rücken des Beklagenswerten. Er stieg ab, er setzte die Kiepe zur Erde – da erst kam der Lutherrock voll zum Durchbruch, und wir erkannten Otto Fängers traurige Gestalt.
Seine Blicke irrten verzweifelt in der Runde umher, wir hörten ihn erregt auf den Kellner einsprechen, und dann hörten wir die laute Antwort des Kellners:
»Die Kinder sind gerade weggefahren …«
Der Pfarrer ließ seine Kiepe unten stehen, er kam zu uns auf die Terrasse herauf mit glanzlosen Augen. Wie aus dem Grabe aller Hoffnung kamen die Worte, mit denen er uns begrüßte: »Die Kinder sind gerade weggefahren …«
Ein Gefühl tiefer Ergriffenheit beherrschte uns alle, wir schwiegen eine Weile. Endlich fragte Herr Gerding, der seine Fassung als erster wiedergefunden haben mochte:
»Wo waren Sie eigentlich so lange, Verehrtester?«
»Ich war zu Hause. Ich habe eine Kiepe voll Kirschen geholt.«
»Was wollten Sie denn mit den Kirschen hier anfangen?«
»Ich wollte sie an die Kinder verkaufen, die Tüte zu zehn Pfennig. Wir hatten heute Morgen gerade einen Baum abgepflückt, sie sollten eingemacht werden und standen schon in der Küche. Da dachte ich mir, ich könnte ein paar Mark verdienen, so wie der Mann hier auf der Straße. Aber nun hat es nicht sein sollen.«
Er stand immer noch da, zermürbt wie ein abgewiesener Hausierer, trostlos starrte er vor sich hin.
Plötzlich sah ich den gütigen Blick, den Herr und Frau Gerding miteinander austauschten, ich sah beider leises, herzlich nickendes Einverständnis. Ich wusste, was nun kommen würde: der Generaldirektor würde sich gleich erheben, den Pfarrer auf die Schulter fassen und ihm gestehen, dass er schon lange nach einem Posten schwarzer süßer Lederkirschen fahnde, dass er ihn dringend bitte, ihm diesen Zentner – denn viel weniger würde es ja nicht sein – das Pfund zu fünfzig Pfennig abzulassen. Ich wollte unserem armen Freunde diese neue Lawine von Edelmut, diese Ausschweifung der Großherzigkeit ersparen, ich wechselte einen Blick mit Maren – da wusste ich, dass sie mich verstand und guthieß, was ich nun tat:
»Herr Pastor«, sagte ich, »lassen Sie Ihre Frau die Kirschen ruhig einmachen, Sie haben es nicht nötig, sie tütenweise an Schulkinder zu verkaufen.«
»Nicht nötig …?« Er lachte bitter. »Ich bitte Sie – wenn die Frau anfängt, zu verschwenden, muss der Mann umso wirtschaftlicher denken. Sie kennen doch das schöne Wort: Eine Frau kann in der Schürze mehr aus dem Hause hinaustragen, als der Mann auf dem Leiterwagen hereinschaffen kann.«
»Aber Ihre Frau ist ja gar nicht verschwenderisch!«
Mit einem Blick voll grenzenloser Verachtung sah er mich an, dann wandte er sich achselzuckend ab. Immer noch stand er.
»Nun setzen Sie sich erst einmal hin!«, sagte ich.
»Und dann halten Sie sich mit beiden Händen am Stuhle fest, damit Sie nicht herunterfallen!«, kam Maren mir zu Hilfe.
»So … Nun hören Sie mal richtig zu: An dem Tage, als Ihre arme Frau mit der hochherrschaftlichen Wenigkeit und dem scheußlichen Gig und einem Pariser Modell zur Bahn fahren musste, haben Sie sich ja außerordentlich wirtschaftlich gezeigt. Damals hat Ihre Frau unter Ihrem wirtschaftlichen Denken wieder einmal so tief zu leiden gehabt, dass ich sie nur mit Mühe vor einem Verzweiflungsschritt bewahren konnte. An dem Tage habe ich Ihre Frau überredet, einen letzten Erziehungsversuch an Ihnen vorzunehmen. Und da der Fall beinahe hoffnungslos war, mussten wir schon zu einer Pferdekur greifen. Die Kurmittel hatten Sie uns selbst ja freundlich an die Hand gegeben: für den Gig wurde ein Auto gekauft, für die Koniferen und die Seidenraupen wurden neue Möbel bestellt, für Ihre fortwährende planlose Reiserei wurde eine Vergnügungsfahrt in die Schweiz beschlossen. Wir haben Sie nur mit Ihren eigenen Waffen bekämpft, aber unser Kampf war siegreich – Sie scheinen mir wirklich mürbe geworden zu sein. Sonst stände die Kiepe mit Kirschen nicht hier. Und nun darf ich Ihnen getrost verraten, dass unser ganzer Kampf nichts als ein bisschen Spiegelfechterei war: das Auto, das Ihnen einen so heilsamen Schreck eingejagt hat, gehört Fräulein Ellernkamp, die neuen Möbel, auf die Sie mit so freudiger Spannung warten, sind bis heute noch nicht bestellt und werden es auch nicht, wenn Sie es selbst nicht tun. Und die Schweizer Reise mit Ihrer Frau werde ich wohl auf der Landkarte machen müssen, das ist das Einzige, was ich bedaure bei diesem anscheinend erfolgreichen pädagogischen Vorstoß.«
Unser Zögling saß da, gehorsam mit beiden Händen den Stuhl umklammernd, seine Augen weiteten sich in einem immer noch ungläubigen Staunen, sein Mund stand klaffend offen.
»Aber … der … Makler …«, stotterte er endlich.
»Der Makler kommt gleich«, sagte Maren, »aber dieser Makler ist kein Makler, sondern ein guter alter Onkel von mir. Er freut sich schon kindlich auf seine Rolle, und ich möchte Sie bitten, ihm seine Illusionen nicht gleich zu zerstören.«
»Großartig«, rief Gerding, »es muss Ihnen doch jetzt, nachdem diese Last von Ihrer Seele genommen ist, geradezu ein Vergnügen sein, selbst ein bisschen Komödie zu spielen.«
»Herrlich muss das sein, so eine schwere Last zu verlieren«, sagte Wilhelm, indem er den Dichter mit einem freundlichen Lächeln streifte, »wenn’s auch nur eine Seelenlast ist …«
»Was meine Last betrifft«, seufzte Konrad leicht auf, »so verpflichte ich mich, falls ich sie bei Dr. Jungmaker glücklich losgeworden bin, ein Fass Nürnberger Tucher auszugeben. Und ich muss sagen, eine Seelenlast wie die Ihre loszuwerden, Herr Pastor Fänger, das kann man sich schon ein paar Flaschen Wein kosten lassen. Panitz hat einen ganz guten Tropfen im Keller.«
»Um des Himmels willen!«, ereiferte sich der Pfarrer. »Das würde ja Geld kosten! Ich habe kein Geld mehr übrig – wo ich noch nicht einmal meine Kirschen abgesetzt habe.«
»Die Kirschen«, sagte Gerding, »werden Sie doch nicht etwa wieder nach Hause schleppen wollen! Ich wäre schließlich nicht abgeneigt, Ihnen auch diese Last noch abzunehmen. Was kosten die Kirschen in Holzminden, liebe Ilse? Wenn ich nicht irre, fünfzehn Pfennig das Pfund.«
»Aber Seuterchen – von meiner Eierfrau aus Golmbach bekomme ich sie zu zwölf Pfennig!«
»Aber keine schwarzen Lederkirschen!«, schrie Fänger empört, »solche ausgesuchte Ware wird hier mit vierzig Pfennig gehandelt!«
»Ich biete Ihnen zwanzig Pfennig für Ihre ausgesuchte Ware. Ich schätze die Kiepe auf fünfundzwanzig Pfund Inhalt – hier sind fünf Reichsmark!«
Schon hatte der Generaldirektor ein blankes Fünfmarkstück gezückt, auf das Otto Fängers Augen sich sehnsüchtig hefteten.
»Aber es sind doch mindestens vierzig Pfund in der Kiepe …«, stammelte der Pastor.
»Umso mehr sollten Sie es sich überlegen, ehe Sie diese Last mit dem Rad wieder nach Hause schaffen. Sie machen ja jetzt schon einen völlig erschöpften Eindruck. Jedenfalls liegen hier fünf Mark.«
Das Geldstück fiel nunmehr mit einem leisen, lockenden Klirren auf die Tischplatte. Fänger zauderte nur noch eine kurze Zeit, dann schob er mit einem verlegenen Lächeln seine Hand über den Tisch.
»Herr Generaldirektor«, sagte er langsam, indem er die Münze hinnahm, »Sie bekommen die Kirschen recht billig. Aber Ihnen gegenüber will ich noch ein letztes Mal leichtsinnig sein. Sie haben es vorhin verschmäht, meine Notlage auszunutzen – nun will ich Ihnen gern den geschäftlichen Triumph gönnen, vierzig Pfund schwarze Lederkirschen zu fünf Mark zu kaufen.«
»Gemacht!«, rief der Riechstoffmagnat fröhlich. »Herr Panitz – ich habe eben etwas Gutes von Ihnen gehört!«
Herr Panitz, der in der Nähe unseres Tisches stand, kam mit einem geschmeichelten Lächeln heran.
»Herr Panitz, Sie sollen einen besonders guten Sekt im Keller haben – stimmt das?«
Herr Panitz dienerte, gewiss, er hätte noch ein ganz großes Pferd im Stalle. Diskret beugte er sich zum Generaldirektor nieder und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Frau Ilses Ohren wuchsen in wohlwollender Teilnahme diesem Austausch der Kellergeheimnisse entgegen.
»Nimm den zu zehn Mark, Seuterchen«, flüsterte sie mit einer immerhin hörbaren Verhaltenheit.
Der Süße beugte sich ihrem Rate und bestellte die bestens bewährte »Henkell Privat«. Es kam eine fröhliche Stunde für uns alle. Als die fünfte Flasche in den Eiskübel rasselte, sagte der Dichter, erhellt vom Schein einer glücklichen Erleuchtung:
»Das wäre ein wertvoller Beitrag zur Psychologie des königlichen Kaufmanns: Elf Mark an einem Kirschenkauf sparen und diesen Erfolg mit einem Glas Sekt für fünfzig Mark feiern. Ich denke mir, dass die Steigerung deines kaufmännischen Selbstbewusstseins durch den Kirschentriumph dir mindestens tausend Mark wert ist, Carl Wilhelm, woraus sich ergibt, dass du soeben neunhunderteinundsechzig Mark rein netto verdient hast. Ein Grund, mit einem vollen Glase auf dein Wohl zu trinken!«
Während wir alle die Gläser zum Munde führten, erstarrte plötzlich Otto Fängers Arm auf halbem Wege zwischen Tisch und Mund, ein furchtbares Erschrecken verzerrte seine weingelösten Züge, er sprang auf.
»Was ist Ihnen denn?«, fragte ich ihn.
»Da unten kommt meine Frau …« Seine Stimme klang wieder wie aus dem Grabe.
»Aber vor Ihrer Frau brauchen Sie doch jetzt keine Angst mehr zu haben, es war doch alles nur Komödie.«
»Ich habe eine schreckliche Ahnung. Meine Frau bringt nichts Gutes, wo sie jetzt gegen alle Verabredung hierherkommt.«
Pastor Fängers treuer Max kam jetzt vor dem alten Jagdwagen beschaulich dahergetrottet, gelenkt von der Pfarrfrau, die uns ernst und gemessen vom Bock aus zunickte. Mit unbewegtem Gesicht entstieg sie dem Wagen, übergab die Zügel dem Hausknecht und trat zu uns an den Tisch. Jetzt allerdings wurde auch mir das Herz etwas schwer. Jetzt glaubte auch ich nicht mehr, dass es etwas Gutes war, was Helene Fänger bringen wollte.
Sie zeigte sich keineswegs verwundert, den Dichter und Gerdings in unserer Mitte zu finden, kurz und flüchtig war die Begrüßung.
»Das Haus ist verkauft«, sagte sie mit einer erschütternden Sachlichkeit, »wir wollen nun aufhören, Komödie zu spielen mit dir, lieber Otto. Ich habe mich nicht etwa zu diesem Verkauf entschlossen, weil ich Geld für meine Anschaffungen brauchte – ich habe kein Auto gekauft, ich habe keine Möbel bestellt …«
»Und du wirst auch keine Schweizer Reise mit Frau Löhnefink machen …«, unterbrach sie beinahe ängstlich der Pfarrer.
»Ach so … Du bist also schon im Bilde! Umso besser. Dann weißt du also auch, dass Herr Piepenschneider aus Hamburg nichts als eine Komödienfigur ist. Immerhin hat mich diese Komödienfigur dazu angeregt, mich wirklich mit einem echten Makler heimlich in Verbindung zu setzen. Ich will dir auch sagen, warum ich das tat: Ich habe kein Vertrauen zu der Stetigkeit deiner Sinnesänderung, Otto. Solange dieses unselige Haus im Hintergrunde deiner Hoffnungen steht, wird es nicht aufhören, eine Gefahr für deine guten Vorsätze zu bilden, wird es deinem Leichtsinn immer wieder entgegenwinken. Jeder wirtschaftliche Rückhalt wird für dich stets eine Versuchung sein, unwirtschaftlich zu handeln. Du gehörst zu den Menschen, die arm sein müssen, um ernst und verantwortungsbewusst zu werden. Du musst dich an den Gedanken gewöhnen, dass du von heute ab kein Vermögen mehr hast, du hast nur noch dein Gehalt.«
»Zu welchem Schandpreis hast du denn das Haus verschleudert?«
Der Pastor war aufgesprungen, er hob mit beiden zitternden Händen seinen Stuhl hoch, als habe er eine Waffe nötig, um sich gegen ein feindliches Schicksal zu wehren.
»Ich habe es mit fünfundvierzigtausend Mark weggegeben. Die Hypotheken in Höhe von vierzigtausend Mark, die du allmählich darangezaubert hast, hat der Käufer natürlich mit übernommen. Von der kleinen Barauszahlung können wir gerade die Spuren deiner letzten Sünden tilgen, als da sind Pferdeställe, Badezimmer, Gigs und Modellkleider. Und dann werden wir endlich Ruhe haben. Ach, diese köstliche Ruhe, nach der ich mich jahrelang gesehnt habe. Dann wird mein Mann zu mir zurückfinden, heimfinden von diesen trostlosen Irrwegen, auf die mein Geld ihn immer wieder gelockt hatte.«
Ihre Stimme war leiser geworden, ihr Blick verlor sich in den süßen Bildern eines neuen Glückes.
Immer noch stand der Pastor da, den drohend erhobenen Stuhl in klammernden Händen. Wollte er sich nach wie vor zur Wehr setzen? Langsam, unmerklich erst, senkte der Stuhl sich in seinen Händen. Langsam, unmerklich erst, lösten der Krampf und der Zorn sich in seinem Gesicht. Bis endlich er den Stuhl behutsam und fest auf die Erde setzte. Dann hob sich langsam sein Blick und wandte sich voll auf die Frau – da wussten wir alle, dass er den großen Kampf siegreich bestanden hatte.
Mit festem Schritt ging er um den Tisch herum zu seiner Frau, er neigte sich über sie und küsste zart ihre Hand, er sagte kein Wort.
Und doch war ihm, dem Geläuterten, noch eine letzte, schwere Prüfung bestimmt.
Otto und Helene Fänger saßen nun nebeneinander, so glücklich und still, wie sie seit zwanzig Jahren nicht nebeneinandergesessen hatten. Ergriffen und schweigend genossen wir alle dies Glück mit ihnen. Ich allein vielleicht war von einem geheimen Gefühl des Neides nicht ganz frei beim Anblick dieses guten alten Esels, der sich nun endlich in seinen Stall zurückgefunden hatte. Ich musste an meine zwei anderen Esel denken, die nicht aufhören wollten, sich in tollen Sprüngen über Gräben und Hecken zu ergehen.
Marens Blicke wanderten immer häufiger auf die Straße hinaus, jeder vorbeifahrende Wagen schien ihre Unruhe zu mehren.
»Sie warten gewiss auf Ihren Onkel Enno?«, sagte Konrad, der verstohlen manchmal das Mädchen ansah.
»Allerdings. Ich wundere mich, dass er noch nicht längst gekommen ist. Er ist sonst die Pünktlichkeit selbst.«
»Herr Piepenschneider wird heute auch nicht mehr kommen«, sagte lächelnd Frau Fänger, »ich hatte ganz vergessen, Ihnen einen Gruß von Ihrem Onkel zu bestellen. Er kommt erst morgen.«
Ihre alte Heiterkeit leuchtete ihr wieder aus den Augen, als sie jetzt im Kreise umher sah, um sich an unserem Staunen zu weiden.
»Jawohl«, fuhr sie fort, »Ihr Onkel ist heute in Hannover noch geschäftlich festgehalten – es handelt sich um ein ganz großes Geschäft, dem er kurz vor seiner Abfahrt noch auf die Spur gekommen ist. Er hat nämlich einen großen Hauskauf vermittelt.«
Aller Augen hängten sich an ihre Lippen, sie aber zögerte eine Weile, mit einem immer reifer durchbrechenden Lächeln wandte sie sich schließlich an ihren Mann:
»Du hast dich vorhin sehr stark im Tragen von Leid erwiesen, Otto, nun hoffe ich, dass du auch Kraft genug hast, eine große Enttäuschung mutig hinzunehmen. Ich hatte dir das tiefe, reine Glück der Armut vor Augen gezaubert, aber dies Glück ist uns nicht beschieden, Otto. Wir sind nicht ganz so arm, wie wir beide es uns wünschten, wir müssen uns damit abfinden, dass wir nach wie vor mit dem Fluche des Besitzes beladen sind. Du bist stark, Otto, darum kann ich dir jetzt offenbaren, dass dieser Fluch in verdoppelter Schwere auf uns herniedergesunken ist. Du musstest im letzten Verzicht reifen, ehe ich zu dir so sprechen konnte, wie ich nun sprechen will: Ich habe mit keinem Makler verhandelt, ich habe mein Haus nicht zu fünfundvierzigtausend Mark verkauft. Aber Enno Piepenschneider wird es noch heutigen Tages für hundertfünfundzwanzigtausend Mark verkaufen. Er hat von einem hannoverschen Geschäftsfreunde, mit dem er zusammen frühstückte, beim Kaviar auf Eisblock ganz nebenher erfahren, dass die Albatros-Aktien-Gesellschaft infolge starken Anschwellens des Transportversicherungsgeschäfts ein Haus in der Stadtmitte für ihre neuen Büroräume sucht. Herr Piepenschneider war in der glücklichen Lage, ein solches Haus nachweisen zu können. Es war mein Haus in der Lavesstraße, lieber Otto. Die besagte Firma hat es unter der liebenswürdigen Führung des Herrn Piepenschneider sogleich besichtigt und ist zum Kauf entschlossen. Meine Einverständniserklärung habe ich im Gespräch mit Herrn Piepenschneider telefonisch abgegeben, und morgen wird der tüchtige Gelegenheitsmakler bei uns mit einem fertigen Vertrage erscheinen, den ich nur zu unterschreiben brauche.«
Otto Fängers Haupt war während dieser Rede schwer über die Stuhllehne zurückgesunken. Die dicken Tränen waren ihm in die Augen getreten und liefen ihm nun feierlich über die Wangen. Für immer wird es ungeklärt bleiben, ob es Tränen der Freude waren über den unverhofften Besitz, ob Tränen des Schmerzes über das so jäh entschwundene reine Glück der Armut oder solche des Rausches, mit dem der Sekt seine Seele zu lösen begann.
Herr Fänger sprang plötzlich auf. Sein verwirrter Blick irrte über unsere Runde dahin, dann stürzte er fort, schwang sich auf sein Rad und strampelte davon. Bald war er verschwunden – allein mit sich und mit der Staubwolke, die ihm folgte.
7. Kapitel
Maren Ellernkamp war ihrem Versprechen gemäß in den nächsten Tagen pünktlich zu Wilhelms Sprechstunde erschienen. In dieser Sprechstunde ging es von nun an lustig her. Statt der schweren, feierlichen Kirchenstille des ärztlichen Allerheiligsten, die nur von bangem Stöhnen bisweilen durchzittert wurde, herrschte jetzt ein oft genug bis zum ausgelassenen Jubel gesteigerter Frohsinn im Raume hinter der streng geschlossenen Tür. Den Auftakt gab Marens helles Lachen, jauchzende Kinderstimmen, ein Quieken aus Frauenmunde, ein raues männliches Auflachen pflegten zu folgen. Und in diese Ausbrüche einer höchst unortgemäßen Heiterkeit mischte sich manchmal zögernd ein Laut hinein, den ich seit Jahren kaum mehr gehört hatte – das war der aus seiner schweren Verhaltenheit schier unheimlich losbrechende Bass von Wilhelms Lachen. Wenn der letzte Patient sich glücklich hinausgelacht hatte, begaben der Arzt und seine Assistentin sich in das kleine, hinter dem Sprechzimmer gelegene Laboratorium, dann wurde beider Lachen ferner, aber meine Angst wurde größer. Und die Angst trieb mich mitunter, einen scheuen Blick zu werfen in diese Stätte fröhlicher Wissenschaft; dann sah ich das Mädchen in seinem kleidsamen weißen Kittel mit freudig gerötetem Gesicht über das Mikroskop gebeugt, dann sah ich, wie Wilhelms graue Schläfen im Eifer der Erklärung sich neben das blonde Haar dieser Jugend drängten, dann wurde es mir schmerzlich klar, dass die Arbeit mit solcher Assistentin nur unter Lachen vor sich gehen konnte.
Ich sah dieses alles. Es hätte gar nicht Konrads besorgter Hinweise bedurft, mir die Augen zu öffnen. Der Dichter aber war unermüdlich in seinem Bemühen, mich mit mehr oder minder behutsamen Andeutungen auf drohende Gefahren vorzubereiten. Er könne sich nicht entsinnen, dass Wilhelm jemals mit solcher Hingabe im Laboratorium gearbeitet habe, es schiene ihm, als ob die beiden Kollegen an einer neuen Methode experimentierten, die Patienten durch Lachen zu narkotisieren. Ich hingegen versicherte ihn meiner aufrichtigen Freude über Wilhelms tüchtige Sprechstundenhilfe und bat ihn, mir seinerseits auch während dieses Besuches die bewährte Hilfe nicht zu versagen, die er mir in der Küche von jeher geleistet hatte: Er versagte sie mir keineswegs. Wenn er nun auch nicht mehr, wie einst im Hause des Schusters Busse, liebevoll bemüht war, unser Schuhwerk auf Hochglanz zu bringen, so suchte er doch im Rühren des Kuchenteigs, im Reiben der Kartoffeln, im Drehen des Fleischwolfes, im Schlagen der Sahne immer noch seinen Meister. Freudig unterzog er sich solchen eintönigen Arbeiten, denn er behauptete, ihr demütiges Gleichmaß sei der tiefsten Konzentration sehr förderlich, indem er das hoffärtige Wachsein des Hirns ausschaltete, die Seele aus der Tyrannei des Bewusstseins löse und sie zu einem Gefäß höherer Kräfte mache. Den Vorbereitungen für Kartoffelpuffer zum Beispiel verdanke er das glanzvollste Kapitel seines letzten Romans.
Lina freilich stand diesen stets aufs Neue wohlformulierten Begründungen seines Kücheneifers mit tiefer Skepsis gegenüber. Sie behauptete ihrerseits, dass der dichterische Eifer beim Herstellen der Puffermasse in nichts anderem seinen Grund habe als in der ungeduldigen Erwartung des ersten goldbraunen Kartoffelkuchens, den der konzentrierte Konrad gierig aus dem sprotzelnden Fett der Pfanne zu reißen pflegte. Ebenso verhalte es sich mit dem Rühren des Kuchenteigs, dessen Reste der Dichter mit wollüstiger Gewissenhaftigkeit aus der Form zu schlecken liebte.
Am Tage vor seiner Abreise ins Hungersanatorium hatte Konrad sich als Henkersmahlzeit Kartoffelpuffer mit Gurkensalat ausgebeten. Als ich an jenem Morgen die Küche betrat, fand ich den Dichter damit beschäftigt, eine riesige Gurke in hauchdünne Blättchen zu zerschneiden. Er hatte die bequeme Hilfe des Gurkenhobels verschmäht und sich der Mühe unterzogen, Schnitt für Schnitt mit einem scharfen Messer zu arbeiten. Warum er sich dieses veralteten und umständlichen Verfahrens bediente, erklärte er mir sogleich: gegenüber der allzu billigen Mechanik des Hobels bedeute das Führen des Messers einen unvergleichlich viel fruchtbareren Zwang zur Konzentration, jeder Schnitt schenke ihm einen Einfall. Worauf Lina mit der Erwiderung aufwartete, dass diese Zubereitungsart sowohl das Gericht erfahrungsgemäß schmackhafter mache als auch ein häufiges probeweises Kosten der heranreifenden Speise erleichtere.
Während der Dichter unter unermüdlichem Abschmecken den Salat umrührte, weise mit Essig, Pfeffer, Salz, feingehackten Küchenkräutern und Zwiebeln hantierte, kam unser treuer Nachbar Ferdinand Hotopp vom Garten her in die Küche. Er trug einen Korb mit Frühkartoffeln, die er soeben für Lina gerodet hatte. Mit einem demütigen halben Blick auf das Mädchen setzte er den Korb auf den Küchentisch, dann blieb er zögernd stehen, als erwarte er ein bescheidenes Lob. Dieses Lob aber ward ihm nicht zuteil; Lina riss den Korb vom Tisch und schob ihn unwillig in eine Ecke.
»Schmutzige Kartoffeln gehören nicht auf den Tisch!«, fuhr sie ihn an. »Wie oft habe ich dir das schon gesagt! Aber du lernst nichts zu, so alt wie du bist. Nun wasch gefälligst erst die Kartoffeln, und dann kannst du sie auch gleich schälen.«
Gehorsam trug Ferdinand die Erdäpfel unter die Wasserleitung, um sie zu säubern. Dann setzte er sich still auf eine Fußbank im Winkel und wandte sich der Arbeit des Schälens zu.
Wir vier schafften eine Weile wortlos in der Küche: Lina und ich füllten unseren frisch bereiteten Himbeersaft in Flaschen, dem Dichter war es noch immer nicht gelungen, seinem Salat die letzte Vollendung der Würze zu geben, obwohl er seinen hingebungsvollen Kostversuchen nunmehr schon fast die Hälfte der Speise geopfert hatte, Ferdinand knirschte bedrückt mit dem Messer an den Kartoffeln herum.
Auch mich bedrückte dieses Schweigen. Ich fühlte mit dem armen Schuster, der mir heute blasser und kümmerlicher vorkam denn je. Das Barometer seiner Liebesaussichten schien mir noch nie so tief gestanden zu haben wie an diesem Morgen. Gar zu deutlich gab ihm Lina zu verstehen, dass sie ihn als den Urheber ihrer Entfremdung vom »schönen Fritz« empfand, von dem sie sich innerlich noch immer nicht ganz gelöst haben mochte. Es war in ihr vielleicht jene brutale Logik wirksam, mit welcher die Könige des Altertums den schuldlosen Überbringer einer schlimmen Botschaft kurzerhand hinrichten ließen. Mein mitleidiger Blick streifte wiederholt diesen treuesten aller Liebhaber, und so bemerkte ich als erste, dass er seit kurzem nicht mehr schälte, sondern sanft entschlummert war. Die fleißigen Hände ruhten herabgesunken auf den Fliesen des Fußbodens, in der Linken lag eine angeschälte Kartoffel, indessen der Rechten das Messer halb entglitten war. Mit seinem klaffend geöffneten Munde, seinen eingefallenen Wangen bot er ein Bild völliger Erschöpfung.
Nun fiel auch Linas Blick auf den schlafenden Verehrer. Sie griff in den Haufen Gurkenschalen und warf eine Handvoll in Hotopps Gesicht.
»Wo hast du denn diese Nacht wieder herumgesumpft?«, schrie sie ihn an. »Das ist ja allerhand, am helllichten Tage bei der Arbeit einzuschlafen!«
Der Schuster wischte sich auffahrend mit hilfloser Gebärde den Schlaf aus den Augen, dann lächelte er verlegen:
»Ich bin in den letzten Nächten gar nicht ins Bett gekommen. Vater ging es nicht gut …« Er schwieg wieder.
Ich fragte ihn nach dem Befinden des Alten. Nur mit Mühe konnte ich aus ihm herausholen, was ihm den Schlaf der letzten Nächte geraubt hatte: das ununterbrochene Schreien des von furchtbaren Schmerzen gepeinigten Vaters hatte ihn wachgehalten. Da der alte Hotopp jede ärztliche Hilfe ein für alle Mal von sich gewiesen hatte, war er darauf verfallen, in einem »Doktorbuch« die Wege zur Linderung seiner Leiden zu suchen. So hatte er denn seinen Sohn von heißen Kartoffelumschlägen zu Eiskompressen, von Leinsamenpackungen zu Wechselbädern, von Zugpflastern zu Einreibungen mit Ameisenspiritus gehetzt. Was Wunder, dass diesem Sohne nun beim Kartoffelschälen die Augen zufielen.
Ich war gerührt durch diesen Bericht, der eindringlicher als ein ganzes Buch von der schlichten Liebe eines Sohnes zu seinem Vater zeugte. Auch der Dichter horchte ergriffen auf, mir schien es, als ob er eine heimliche Träne als edelste Würze in seinen Gurkensalat rinnen ließe.
Nicht ganz so gerührt zeigte sich Lina:
»Du bist dumm genug, dass du an das alte Ekel noch so viel dranwendest. Kannst froh sein, wenn der erst einmal auf dem Kirchhofe liegt.«
Ferdinand war beim Schälen der letzten Kartoffel angelangt, er beendete ruhig seine Arbeit, dann erhob er sich und stellte die Schale mit den blanken Erdäpfeln vor Lina auf den Tisch.
»Hast du noch was zu tun für mich?«, fragte er statt jeder Antwort das grollende Mädchen.
»Nein«, sagte sie kurz, »geh man wieder zu deinem Alten hinüber!« Und Ferdinand verschwand aus der Küche.
»Fräulein Lina«, sagte Konrad nach einer kurzen Weile des Schweigens, »Sie haben sich soeben von keiner sehr vorteilhaften Seite gezeigt.«
Lina warf einen bitterbösen Blick auf den Dichter, sie schien eine gereizte Antwort bereit zu haben – aber plötzlich wandte sie sich zur Seite und brach in Tränen aus.
Ich. kannte den Grund dieser Tränen, und ich ärgerte mich über ihn.
»Lina«, sagte ich, »schämst du dich nicht, einem erwiesenen Lumpen und Feigling auch nur eine Träne nachzuweinen? Du solltest doch froh sein, dass du noch rechtzeitig von dieser anrüchigen brinkmannschen Sippe losgekommen bist. Stell dir nur vor, dieses schreckliche alte Weib wäre deine Großmutter geworden, diese Schwarzkünstlerin!«
Meine Worte wirkten nicht auf die, für die sie bestimmt waren, Lina hatte nun einmal ihren schlechten Tag. Sie wischte trotzig die Tränen ab und begann, laut mit dem Abwaschgeschirr zu klappern. Meine Worte waren in andere, empfänglichere Ohren gedrungen: der Dichter fuhr auf, er ließ die Kartoffelreibe sinken, der er sich mittlerweile zugewandt hatte.
»Schwarzkünstlerin?«, fragte er hastig, »gibt’s hier im Dorfe noch Schwarze Kunst?«
»Und ob! Die alte Brinkmann ist die einzige Erbin der alten Besprechungsformeln, die Mensch und Vieh gesund und krank machen können. So etwas vererbt sich nämlich vom Vater auf den Sohn und von der Mutter auf die Tochter.«
Hier wurde ich von Lina berichtigt, die es sich nicht versagen konnte, mir ein paar mürrische Worte zuzuwerfen:
»Stimmt nicht. Der Vater vererbt es nämlich auf die Tochter und die Mutter auf den Sohn.«
»Na ja«, fuhr ich lächelnd fort, »jedenfalls macht sie allerlei Hokuspokus.«
»Das ist kein Hokuspokus«, belehrte mich Lina bissig, »uns hat sie vor ein paar Wochen erst eine Kuh gerettet, die der Tierarzt schon aufgegeben hatte. Und Frieda Schomburg hatte sie im Januar die Karten gelegt, es käme einer übers große Wasser und täte sie nehmen, und mit dem täte sie auch zurückfahren. Und im Frühjahr …«
»Da ist das alles eingetroffen?«, unterbrach sie gierig der Dichter.
»Jawohl. Im Mai ist Heinrich Engelke aus Australien wiedergekommen, wo er schon zehn Jahre gewesen war, und hatte nie geschrieben, und kein Mensch hatte mehr an ihn gedacht … na, und nun ist es so weit, dass er Frieda in vierzehn Tagen freien will, und dann fahren die beiden zusammen rüber nach Australien.«
»Das ist ja fabelhaft«, murmelte Konrad, »die Frau kann also wirklich was. Da muss ich unbedingt auch mal hin.«
Er eilte zur Wasserleitung, um sich die Hände zu waschen für einen dringlichen Gang.
»Die Frau wohnt doch da oben in der Trift, nicht wahr, Lina?«
»Ja, da an der Kreuzbeeke. Gehen Sie man los, lassen Sie sich die Karten legen, da werden Sie nicht dümmer von. Noch dazu, wo heute Freitag ist.«
»Ach ja, Freitag ist der richtige Tag für Prophezeiungen!« Er stürzte hinaus. Nach einer Weile öffnete er noch einmal die Tür zu einem Spalt, steckte seinen Kopf hindurch und winkte mich mit einem bedeutsamen Plinkern in Flüsternähe heran:
»Im Laboratorium ist allerhand los«, raunte er mir zu, »die Wissenschaft ist heute wieder besonders fröhlich, sie ist geradezu aufgekratzt. Ich würde an deiner Stelle dem Mädchen kurzerhand das Haus verbieten!«
Damit verschwand er endgültig, um sich bei der Schwarzen Kunst Rat zu holen.
Gleich darauf öffnete sich abermals die Küchentür zu einem Spalt, durch den sich nunmehr Wilhelms Kopf schob.
»Wir fahren jetzt los«, sagte er mit liebenswürdiger Bestimmtheit, »wir haben ziemlich viele Besuche zu machen. Es wird dann wohl etwas später werden mit dem Essen. Fangt ruhig schon an. Wir essen dann nach.«
Der Kopf entfernte sich. Maren bekam ich gar nicht zu Gesicht. Immerhin hatte ich bei dieser Gelegenheit erfahren, dass »wir« heute bei uns speisen würden. Es plagte mich nur noch die Neugier, wann es so weit sein würde, dass »wir« der Einfachheit halber ganz ins Doktorhaus übersiedeln würden.
Eine traurige Stunde lang blieb ich mir selber überlassen. Erschreckend kam es mir zum Bewusstsein, wie hemmungslos sich Wilhelm in das Abenteuer »Maren« hineintreiben ließ. Ich wusste, wie ungestüm oft Männer in seinem Alter das an sich zu reißen suchen, was ihrer Angst als »Leben« und »Jugend« erscheint. Ich begann mir nun wirklich überflüssig in diesem Hause vorzukommen, nur noch geduldet. Ich hielt es durchaus für möglich, dass Wilhelm in diesem Zustand, in dem er sich nun einmal befand, mir eines Tages mit seiner neuen, so grässlich sachlichen Liebenswürdigkeit eröffnen würde, dass unsere Wege sich jetzt trennen müssten. Ja, so musste es kommen. Allzu hart schien mir ein solches Geschick zu sein: eine verlassene Frau mit einem unmündigen Kinde.
Und das Schicksal hätte es so leicht gehabt, die Menschen hier richtig und sinnvoll zusammenzuführen: war nicht in dieser Zeit der unstete Dichter in unser Haus geirrt, war Maren nicht die Frau, die ihm endlich Halt hätte geben können? Aber so lichterloh das Dichterherz auch brannte, so wenig schien Maren ein Auge für Konrad zu haben.
Welche stürmischen Hoffnungen dennoch den Dichter beseelten, erfuhr ich sehr bald. Sein Wagen kam jetzt wieder vor unser Haus gebraust, ich sah vom Fenster aus, wie Konrad mit einer überraschend jugendlichen Gelenkigkeit seine hundertachteinhalb Kilogramm auf die Straße warf, wie er die vier Stufen vor der Haustür mit einem kühnen Satze nahm. Er raste die Treppe herauf zu mir, statt seiner ächzten die Stufen, denn er war nunmehr frei von allen Beklemmungen, von aller Atemnot.
»Die Frau ist wunderbar«, rief er, noch auf den letzten Stufen, »ganz gewaltig ist die Frau! Da musst du unbedingt auch mal hingehen! Zu Beginn hat sie mein ganzes vergangenes Leben vor mir aufgerollt, mit allen Einzelheiten …«
»War Thildchen Puvogel auch dabei?«, konnte ich mich nicht enthalten, ihn zu fragen.
Er winkte unwillig ab:
»Du musst schon mit etwas mehr Ernst an die Sache herangehen. Natürlich habe ich auch Fräulein Puvogel in den Visionen der alten Brinkmann erkannt, aber das ist ja schließlich nicht das Wichtigste. Bitte, alles der Reihe nach: das Erste, was ich erlebte, war ein leeres Haus. Weißt du, was das bedeutet, in ein leeres Haus zu kommen? Du witterst das förmlich schon vor der Tür, dass dieses Haus von Menschen verlassen ist. Du trittst in den Flur, und der Widerhall deines Schrittes schon zwingt dich zu einer unheimlichen Begegnung mit dir selber, du bist ein anderer, ein Mächtigerer als zuvor, wenn du nun an die Türen klopfst, und du weißt doch, dass niemand deinem Klopfen antworten wird. Und dann öffnest du die Türen, eine nach der anderen. Du siehst kein Gesicht, aber doch bist du den Menschen, die hier wohnen, viel näher, als wenn sie dir leiblich entgegenträten. Alles, was die Wände umschließen, und auch die Wand selbst, ist getränkt mit den Ausstrahlungen der abwesenden Bewohner. Alle diese toten Dinge im Raum, diese zerrissene Tapete, dieser durchgesessene Rohrstuhl, diese lange Pfeife mit dem gesprungenen Kopf, dieses Wandbrett mit alten, vergessenen Flaschen und Töpfen, der Hut am Nagel, die Schürze, die über der der Sofalehne liegt, das alles verdichtet sich unversehens zum ureigentlichen Wesenskern der Besitzer. In diesem Augenblick ist es nicht von Belang, ob diese Besitzer noch leben im Fleische oder ob sie schon hinübergewechselt sind in eine andere Daseinsform – du bist ihnen nahe mit deiner eigenen, so unheimlich wach gewordenen Seele. Und so war ich der alte Brinkmann schon nahegekommen, ehe ich sie endlich leibhaftig im Kuhstall antraf. Ein kleines bleigefasstes Fenster, von Spinnweben verhangen, wandelte das Tageslicht hier in ein tiefes Dämmer. Als sich mein Auge in den magischen Schimmer dieses Raumes hineingefunden hatte, sah ich die alte Frau unter einer Kuh sitzen und melken. Langsam drehte die Kuh ihren Kopf zurück und brummte gemächlich. Zwei Schwalben lösten sich aus ihren Nestern am Deckengebälk, segelten feierlich durch die Luft, verschwanden. Die Alte war nicht erstaunt, mich zu sehen, sie nickte mir gleichmütig zu. Ich lehnte mich an die Bretterwand des Verschlages und wartete, bis sie mit Melken fertig war.
»Ich weiß, was Sie wollen«, sagte sie, indem sie aufstand und den Milcheimer auf eine Bank setzte, »Sie möchten wissen, wo Sie bleiben werden. Neben Ihnen steht eine Frau, aber ich kann ihr Gesicht noch nicht sehen.«
Sie ging nun los, und ich folgte ihr. Neben einer großen Futterkiste im Winkel machte sie halt. Sie setzte sich auf einen Schemel und wies auf einen umgestürzten Eimer, den ich mir als Sitz heranzog. Dann holte sie aus ihrer Schürzentasche ein Kartenspiel hervor, reichte es mir und ließ mich mischen. Sie sah mich nicht an, sondern blickte starr vor sich hin. Mit einmal streckte sie stumm und gebieterisch ihre Hand aus und nahm mir das Kartenspiel ab. Sie legte es auf dem Kistendeckel aus und las in den entfalteten Bildern des Schicksals. Mit stockenden Worten zuerst, dann aber mit wachsender Sicherheit gab sie mir einen großen Bericht des Vergangenen, der mich erschütterte. Ich fühlte, dass es in diesem Augenblick und in diesem Raume für sie und für mich keine Zeit mehr gab, dass das Vergangene und das Künftige in einer Ebene nebeneinander lagen …«
»Aber was sah sie nun von dem Künftigen, Konrad?«
»Sie sah zuerst ein Haus, aber es war nicht meine gemietete Villa in der Stadt. Es war ein weißes Fachwerkhaus, und es lag vor einem Dorfe am Waldrande. Ein kleiner Ziergarten mit Stockrosen und Cosmeen war davor, und ein Bach floss an seiner Seite vorbei. Sie redete immerfort von diesem Hause. Erst wenn ich zu diesem Hause gekommen wäre, würde ich mein Schicksal finden. Durch dieses Haus würde ich auch die Frau bekommen, die zu mir gehörte. Aber die Frau zu sehen, wollte ihr immer noch nicht recht gelingen, obwohl ich sie wiederholt ausdrücklich danach fragte. In dieser Beziehung, muss ich sagen, befriedigten mich ihre Visionen nicht ganz. Sie schwafelte da von viel Blut, das mit der Frau zusammenhinge, sie behauptete auch, Schweine neben der Frau zu sehen und ihr Quieken zu hören. Ich messe dem keinen besonderen Wert bei, sofern nicht etwa die Schweine als allgemeines Glückssymbol gedeutet werden müssen. Aufs nachdrücklichste aber betonte sie immer wieder, dass ich erst einmal ›Wurzel schlagen‹ müsste an jener von ihr gesehenen Stätte – die Frau stünde dicht daneben. Das eine ist mir jedenfalls klargeworden, dass es sich bei dieser Frau so wenig um Mathilde Puvogel handelt wie bei dem Hause um meine Stadtvilla. In der Stadt sich einzumieten, bedeutet ja wahrhaftig nicht, Wurzel zu schlagen.«
»Und hast du nun gar keine Vermutung, Konrad, wer dir zur Frau und was dir als Haus bestimmt ist?«
»Ich vermute«, sagte der Dichter mit tiefem Ernst, »dass diese Frau Maren Ellernkamp ist und dass ich mir das Haus werde bauen müssen. Ja, so wird es kommen: erst das Wurzelschlagen, dann das Freien, erst das Haus und dann die Frau!« Ein verträumtes Lächeln huschte über seine Züge; leise fuhr er fort: »Ich glaube beinahe, dass ich ihr nicht ganz gleichgültig bin. Es stört mich eigentlich gar nicht so sehr, dass sie so viel mit Wilhelm zusammen ist, ich weiß, dass sie nur mit innerstem Widerstreben einstweilen noch unter seinem Bann verharrt … Hast du nicht auch schon mal bemerkt, dass sie mich öfter mit einem verborgenen Flehen ansieht? Geradezu hilfesuchend irrt ihr Blick manchmal zu mir herüber. Ich möchte es Wilhelm ersparen, ihm jetzt schon die Augen zu öffnen, seine männliche Eitelkeit würde in dieser ersten Blüte seiner Verliebtheit zu schwer getroffen werden. Die Zeit wird für mich arbeiten, lass mich nur erst einmal aus Frischleben zurück sein, lass mich erst einmal meine dreißig Pfund verloren und meine Jugend wiedergefunden haben – dann allerdings werde ich deinen lieben Mann nicht mehr schonen können.« Seine Gestalt straffte sich, eine große Entschlossenheit erwachte in seinen Zügen. »Und nun will ich nicht einen Tag zögern, die Voraussetzungen zu schaffen, die mein Schicksal gebraucht, um sich zu erfüllen. Gleich morgen auf meiner Fahrt nach Frischleben werde ich die Augen offenhalten, ich habe so eine Ahnung, als ob ich schon unterwegs die Stätte finden würde, an der ich Wurzel schlagen und mein Haus errichten kann.«
Er blickte nach seiner Uhr, das Seherische in seinen Augen wich einer gewissen Unruhe.
»Es ist übrigens schon recht spät. Ich darf wohl in aller Bescheidenheit darauf hinweisen, dass ich gewisse Anwandlungen von Appetit verspüre.«
»Dann kann dir Lina gleich ein paar Puffer backen, und du fängst an zu essen. Unser junges Glück ist nämlich auf großer Fahrt und wird vermutlich erst sehr spät zu Tisch erscheinen.«
»Dann isst du doch natürlich jetzt mit mir. Du brauchst doch nicht so lange zu warten, bis es diesen Herumtreibern passt, nach Hause zu kommen.«
»Ich will heute gar nichts essen. Ich kann überhaupt nichts essen, am allerwenigsten Puffer.«
Konrads Gesicht zeigte ein heftiges Erschrecken:
»Du willst nichts essen? Das geht aber doch einfach nicht. Mir fällt überhaupt ein, dass du die ganzen letzten Tage kaum etwas zu dir genommen hast! Ganz abgemagert bist du schon – wirklich, du hängst nur noch in deinen Kleidern! Das geht so nicht weiter. Natürlich regst du dich viel zu sehr auf über diese ganze alberne Turteltaubensache, die noch dazu so aussichtslos für Wilhelm ist. Das fehlte noch, dass du wegen dieser herausfordernden Amüsierfahrt auch dein Mittagessen noch versäumtest! Das geht nicht, das ist grundfalsch, das darfst du dir einfach nicht bieten lassen! Ich will dir jetzt im Ernst etwas sagen: Wenn die beiden im Lande herumjökeln, dann wirst du mit mir in die Stadt fahren. Wir werden in den ›Löwen‹ gehen und uns etwas ganz Erlesenes auftischen lassen. Was meinst du zum Beispiel zu Bachforellen, garniertem Lendenstück und Fürst-Pückler-Eis? Oder was hältst du von Schleie blau, Poularden mit Weinkraut und Käseplatte? Eine Schildkrötensuppe vorweg wäre auch nicht von Übel, es könnte auch schließlich eine Krebssuppe sein. Dazu trinken wir eine Flasche ›Wehlener Sonnenuhr‹, und zwar tun wir das in aller Ruhe. Du hast das bitter nötig, mal auf andere Gedanken zu kommen. Und lass dir ja nicht einfallen, etwa rechtzeitig wieder hier sein zu wollen! Du hast es nicht nötig, zur Stelle zu sein, wenn es diesem Pärchen gefällt, zu erscheinen. Du bist es deiner Selbstachtung geradezu schuldig, auch einmal unpünktlich zu sein! Nun lass uns losfahren!«
Wir fuhren also los, ich allerdings nicht ganz so leichten Herzens wie der Dichter. Wir aßen unsere Bachforellen und unser Lendenstück, tranken unsere »Sonnenuhr«, und um Konrad nicht traurig zu machen, tat ich so, als ob es mir auch wirklich schmeckte. Ich hatte mich nämlich schon auf der Hinfahrt mit ganz besonderer Innigkeit in den Gedanken an junge Poularden hineingesteigert, Geflügel aß ich nun einmal für mein Leben gern. Aber der Oberkellner hatte uns sogleich die traurige Eröffnung gemacht, dass die letzten beiden Poularden soeben im Nebenzimmer aufgetischt worden seien.
Auf der Rückfahrt übten wir eine möglichst schnoddrige Begrüßungsszene ein, in der weidlich mit den Leckerbissen unserer Speisenfolge geprahlt wurde. Die Poularden beschlossen wir hinzuzulügen.
»Die werden sich schön ärgern«, meinte Konrad, »wenn sie bei ihren Puffern dies alles anhören müssen. So schätzenswert wie Puffer, in Rüböl gebacken, auch sind – gegen Poularden mit Weinkraut müssen sie doch verblassen.«
Unsere so gut eingeübte Prahlszene gelangte leider nicht zur Aufführung. Als wir nach zwei Stunden wieder zu Hause ankamen, fanden wir das Nest noch leer. Lina berichtete uns, dass Wilhelm aus Einbeck angerufen habe: er habe einen Schwerkranken ins Krankenhaus schaffen müssen, sei dort noch eine Zeitlang festgehalten worden und werde daher der Einfachheit halber mit Fräulein Ellernkamp in der Stadt einen Imbiss einnehmen. Ich konnte nicht anders – ich lief ins Schlafzimmer, warf mich aufs Bett und weinte mich aus. Und Konrad konnte nicht anders – er lief in die Küche, ließ sich von Lina die Puffer aus der Pfanne reichen und aß sie auf, es waren, wie Lina nachher verriet, siebzehn an der Zahl.
Eine Viertelstunde darauf kam Wilhelm mit seiner Assistentin nach Hause. Ich erhob mich, frischte mein verweintes Gesicht auf und begab mich hinunter, meinen Hausfrauenpflichten zu genügen. Im Flur stand das Paar mit strahlenden Gesichtern, Wilhelm half Maren behutsam aus dem Mantel. Aber ein Schimmer dieses glückhaften Leuchtens fiel auch auf mich, mein Mann war so freundlich, mich zu fragen:
»Haben die Puffer gut geschmeckt, liebe Grete?«
Eine Antwort wartete er nicht ab, er verschwand im Sprechzimmer, um seine Instrumententasche dort zu verwahren.
Seine Assistentin lachte lustig auf:
»Ach – bei Ihnen hat es heute Puffer gegeben? Puffer, mit Rüböl gebacken, in allen Ehren – aber Poularden mit Weinkraut ziehe ich zuzeiten doch vor. Denken Sie nur, Frau Grete: wir haben im ›Löwen‹ gegessen und glücklicherweise noch die beiden letzten Poularden erwischt! Prachtvoll haben sie geschmeckt, ich esse ja Geflügel für mein Leben gern! Der Ober erzählte, nach uns wären noch ein Herr und eine Dame gekommen, die auch Poularden haben wollten. Wir haben ja so gelacht, als wir uns vorstellten, wie die beiden sich den Mund wischen mussten. Besonders die Dame soll ganz untröstlich gewesen sein.« Sie lachte noch einmal hellauf.
Jetzt war es zu Ende mit meiner Beherrschung.
»Fräulein Ellernkamp«, schrie ich das harmlos lachende Mädchen an, »ich finde es wenig geschmackvoll, um nicht zu sagen unpassend, wenn ein junges Mädchen mit einem verheirateten Manne Spritzfahrten unternimmt, hinterher einkehrt und dann noch im Nebenzimmer ausgerechnet Poularden mit ihm isst!«
Ich hatte diese Worte kaum gesprochen, so brannten sie mir schon dermaßen auf der Zunge, dass ich von Scham überwältigt fortstürzte. Oben im Treppenhause hörte ich noch, wie die Haustür ins Schloss fiel. Mir war es, als fiele sie auf mein Herz. Ich wusste, dass Maren Ellernkamp gegangen war. Sie würde niemals wiederkommen.
Es dauerte einige Stunden, ehe ich mich so weit gefasst hatte, dass ich ins Wohnzimmer hinuntergehen konnte. Mein erster Blick fiel auf unseren kleinen Gottfried, der sich schluchzend, mit abgewandtem Gesicht, in einen Sessel gekauert hatte. Ich fragte ihn nach dem Grund seines Kummers.
»Papa hat mir eine runtergehauen«, wimmerte er, »und dabei hätte ich doch bloß gefragt, ob Tante Maren nun bald ganz zu uns ziehen würde.«
In diesem Augenblick erschien in der Tür des Nebenzimmers mein Mann. Ich erschrak, als ich sein Gesicht sah: es war wieder erstarrt in jener großen Traurigkeit, die ich so schmerzlich kannte aus der Zeit vor Maren Ellernkamps Erscheinen. Er trat jetzt ins Zimmer, kramte verlegen in den Zeitschriften auf dem Tische herum, schichtete die Hefte mit einer gedankenlosen Peinlichkeit der Größe nach aufeinander und würgte schließlich die Frage heraus:
»Warum ist denn eigentlich Fräulein Ellernkamp so schnell weggegangen?«
Fast hätte ein tiefes Mitleid mit ihm mich zu einem achselzuckenden Schweigen bewogen, aber da hörte ich wieder das verzweifelte Schluchzen unseres Jungen, und ich sagte hart:
»Weil ich sie vorhin aus dem Hause gewiesen habe.«
Mir schien es, als ob er auffahrend mir im nächsten Augenblick an die Kehle springen wollte, ich war auf das Schlimmste gefasst, Angst und Erregung ließen mich am ganzen Leibe erbeben. Der Junge wandte sich jetzt um und schrie auf, als er das Gesicht seines Vaters sah – aber da drehte der Vater uns schon den Rücken und verließ uns beide.
An diesem Abend kam Wilhelm nicht mehr zum Vorschein. Er zeigte sich auch am folgenden Morgen nur ganz kurz, um sich von dem aufbrechenden Konrad zu verabschieden. Der Dichter stellte seinen Besuch für den übernächsten Sonnabend in Aussicht, um den erhofften Erfolg seiner Kur von uns begutachten zu lassen: mindestens die Hälfte seiner Last, so meinte er, würde er dann schon verloren haben. Allerdings hatte er an diesem Morgen beim Besteigen der Sprechzimmerwaage schnell noch feststellen müssen, dass ihm die Tage in Wenzen eine Gewichtszunahme von drei Pfund eingebracht hatten. Gefasst, wo nicht gar befriedigt, hatte er davon Kenntnis genommen: der Angriff auf ein Übermaß von vierzig Pfund erschien ihm in jeder Beziehung aussichtsreicher als der Kampf gegen diese ominösen »siebenunddreißig«, eine Zahl, die ihn bei seinem ausgesprochenen Sinn für Harmonie von jeher gestört hätte.
So fuhr er davon, voll Hoffnung und fröhlicher Zuversicht. Der Wagen, der da jetzt um die Ecke verschwand, schien mir alle meine Hoffnung, alle meine fröhliche Zuversicht mit sich genommen zu haben. Hatte Konrads Gegenwart immer wieder ausgleichend und aufmunternd gewirkt, so befiel mich nun plötzlich das Gefühl einer grenzenlosen Verlassenheit. Und dieses Gefühl wuchs traurig noch in den nächsten Tagen. Ich hätte mich gefreut, wenn Wilhelm irgendein Zeichen von Zorn oder doch irgendeine andere menschliche Regung verraten hätte, und wären es selbst Wut und Hass gewesen – aber Wilhelm verharrte in seiner beängstigenden Erstarrung. Drei Tage lang währte dieser unheimliche Zustand. Als er am vierten Tage schlagartig sich wendete, hätte ich ihn fast zurückgesehnt, denn noch viel unheimlicher war, was nun kam: beim Mittagessen fing mein Mann mit einmal zu reden an. Er sprach mit einem freundlichen Gleichmut, der die letzten Tage mit all meinem Jammer leichthin und kühl beiseiteschob.
»Wie findest du das eigentlich«, fragte er, »dass die Frau meines Kollegen Bolze die Patienten im Wartezimmer mit Kakao traktiert? Das nenne ich noch Menschenfreundlichkeit. Das habe ich dir wohl noch gar nicht erzählt, dass die neue Straße über den Hils jetzt fertig geworden ist …? Übrigens ist der Bohnensalat heute wirklich ausgezeichnet.«
In dieser Tonart unterhielt er mich zu meinem Entsetzen noch eine Zeitlang. So konnte nur ein Mann sprechen, in dem das Gefühl eines neuen Besitzes mächtig war. Ich wusste es – ein fester Entschluss war in ihm gereift, an dem ich keinen Anteil hatte. Ich wusste es – Wilhelm war wieder mit Maren Ellernkamp zusammen gewesen. Auf eine mich noch tiefer demütigende Art wurde ich für die nächste Zeit wieder zur Nutznießerin einer mich verratenden Liebe.
Noch trostloser wäre diese nächste Zeit für mich verlaufen, hätte nicht Konrad auch aus der Ferne noch höchst lebendige Beweise geliefert, wie ernst es ihm mit dem »Wurzelschlagen« war.
Wir erhielten eine Anzahl von Besuchen, die uns zeigten, mit welchem heiligen Eifer der Dichter auf seiner Reise jeder Möglichkeit nachgegangen war, die Spitzen seiner Saugwurzeln in das richtige Erdreich zu versenken. Den Reigen der Besucher eröffnete der Bauer Eickhoff aus Lobach. Er berichtete uns, dass ein wohlbeleibter Herr im Auto bei ihm vorgefahren sei und ihn gefragt habe, ob er geneigt sei, ihm seine am Walde gelegene Wiese zu verkaufen. Er hatte den Kauflustigen darauf aufmerksam gemacht, dass es viel Mühe und Schreibereien mit sich bringen würde, von seinen Geschwistern als den Mitbesitzern des Hofes die Genehmigung zum Verkauf jenes prächtigen Grundstückes zu erlangen. Aber der Herr hatte ihn dahin belehrt, dass Schwierigkeiten bekanntlich dazu da seien, um überwunden zu werden. Darauf hatte er seinen Wagen in Bewegung gesetzt und Herrn Eickhoff noch kurz zugerufen, dass er über Dr. Löhnefink in Wenzen zu erreichen sei.
Ermutigt durch das seriöse Auftreten des wohlbeleibten Herrn, hatte der Bauer denn auch keine Mühe gescheut, alle einem Verkauf entgegenstehenden Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen. Er zeigte uns die Einverständniserklärungen, die er, notariell beglaubigt, von seinen Reisen nach Hannover und Hildesheim mitgebracht hatte. So war er denn glücklich in die Lage versetzt, den Morgen Wiese für fünftausend Mark zu verkaufen. Für den Abschluss dieses Verkaufes mussten wir ihn indessen auf den nächsten Sonnabend vertrösten, an welchem der Käufer sich in Wenzen einstellen würde.
Der zweite Besucher, den uns Konrad bescherte, kam aus dem weserwärts gelegenen Dorfe Warbsen. Auch dem Verkauf seines am Walde gelegenen Grundstückes hatten Schwierigkeiten im Wege gestanden, wenn freilich auch anderer Natur. Der Platz, der dem Dichter schon von der Landstraße aus entgegengelacht hatte, war in jeder Beziehung ideal zu nennen, es fehlte ihm nur eine Kleinigkeit, nämlich ein Bach. Warum der beleibte Herr gerade auf einen das Grundstück durchfließenden Bach so entscheidenden Wert gelegt hatte, wusste der Schmiedemeister Severit nicht zu sagen – genug, er hatte die ihm beschiedenen Schwierigkeiten glücklich überwunden und mit Hilfe des Dränagemeister Rolf einen reißenden Bach durch seinen Plan leiten lassen, worüber er uns Rechnung in Höhe von vierhundertundachtzig Mark und fünfzig Pfennig vorlegte. Trotzdem war er in der Lage, den Bauplatz zu dem wohlfeilen Preise von sechstausendfünfhundert Mark anzubieten. Es war ein Geschäft, an dessen Tätigung er bei dem glühenden Kaufeifer des Herrn, der ihn zu weiteren Verhandlungen ins Doktorhaus zu Wenzen verwiesen hatte, nicht im Mindesten zweifelte. Auch diesen entgegenkommenden Grundstücksbesitzer mussten wir auf den nächsten Sonnabend vertrösten, so wie wir es auch mit all den anderen von Konrad in Bewegung gesetzten Männern hielten.
Zum dritten Male schien unser Freund in dem lieblichen Dorfe Lütgenade die Fühler seiner Saugwurzeln ausgestreckt zu haben. Es stellte sich noch am gleichen Tage der dort ansässige Kreismaurermeister Specht ein, den der Dichter, in hellem Entzücken über einen bachdurchflossenen Wiesenplan, um den Kostenanschlag für ein daselbst zu erbauendes Fachwerkhaus gebeten hatte. Herr Specht brachte einen sauber ausgearbeiteten Bauplan und außerdem den Förster Rackebrandt mit, dem eine nicht minder bedeutungsvolle Aufgabe im Rahmen dieses Geschäftes zufiel. Dem herrlichen Grundstück nämlich fehlte nur eines – ein Wald in seinem Hintergrunde. Herr Rackebrandt war der Mann, einen jungen Wald hervorzuzaubern, diese schicksalhafte Folie, deren der Bauherr nicht entraten konnte. Hatte er doch die bedeutsame Äußerung getan: »Wenn ein Wald hinter dieser Wiese läge, würde ich sie sofort kaufen und Ihnen ein Haus für zwanzigtausend Mark in Auftrag geben, Herr Specht.«
In den nächsten Tagen erhielten wir noch mehrfach den Besuch von Besitzern bachdurchflossener Grundstücke mit waldigen Hintergründen. Es erschienen auch etliche Brunnenbohrer und Männer, denen die seltene Gabe zuteilgeworden, mit einer Rute in den Händen Wasseradern aufzufinden. Es erschienen des ferneren Installateure, Zimmermeister, Gartenarchitekten, Baumschulenbesitzer, Malermeister und Dachdecker. Die Wohnorte aller dieser rührigen Geschäftsleute auf der Landkarte festzustellen, wurde uns zu einer Kurzweil, der wir uns allabendlich nach des Tages Last und Mühe mit wahrem Genuss hingaben: konnten wir doch auf diese Weise die mannigfachen reizvollen Seitensprünge und Umwege mitgenießen, auf denen der sein Schicksal witternde Dichter sich langsam nach Frischleben geschlängelt hatte.
Endlich war er gekommen, der große Sonnabend, dem wir mit so viel Spannung entgegengesehen hatten. Wir saßen gerade beim Mittagessen, als des Dichters Hupe vor unserem Hause ertönte.
Voller Neugier stürzten wir vor die Tür – dem Wagen entschwebte eine Gestalt, die uns nur noch von fern an unseren Freund Konrad erinnerte. Es war nicht nur der zusammengeschmolzene Leibesumfang, der uns in so großes, fast ehrfürchtiges Staunen versetzte, es war mehr noch eine Art unirdischer Entrücktheit aller seiner Bewegungen, es war die milde, feierliche Ausgeglichenheit seiner Züge, vor der wir uns schweigend beugten. Auch der Dichter sagte nichts, er sah uns zum Gruße stumm und tief in die Augen. Eine Hand, die leichenhaft kalt, gespenstisch wesenlos war, legte sich zart, wie ein Hauch aus anderen Welten, in unsere Hände. Immer hoch wortlos, folgte er uns ins Esszimmer, auf dessen Tisch unser Kasseler Rippespeer mit Sauerkraut dampfte. Ich schämte mich dieser Speise angesichts unseres asketischen Gastes, der sich jetzt mit uns an den Tisch setzte; ich fürchtete einen Ausbruch seines edlen Unwillens. Aber gleich sein erstes Wort zeigte mir, dass dieser Mann über den Zustand einer billigen Verachtung bereits weit hinausgewachsen war.
»Esst ruhig weiter«, sagte er voll verzeihender Güte, »so etwas stört mich gar nicht mehr. Übrigens ist es eurer Entwicklungsstufe noch durchaus gemäß, Kasseler Rippenspeer zu essen. Ich weiß, dass ihr auch noch dahin kommen werdet, wo ich jetzt bin.«
Verlegen stocherte ich in meinem Essen herum, während Wilhelm sich unbekümmert den Teller vollpackte.
»Was darf ich dir nun eigentlich anbieten?«, fragte ich schüchtern den Gast.
»Ich habe mir die zum Mittag zugebilligte Flüssigkeitsmenge heute im Sanatorium versagt, um mit euch ein Glas Wasser trinken zu können.«
Lina brachte also dem Dichter das erbetene Wasser. Zugleich meldete sie, dass draußen einige Herren warteten, die für heute bestellt zu sein behaupteten. Wilhelm erhob sich und ging hinaus.
»Ich vermute, Konrad«, begann ich zaghaft, »dass Herr Sickhoff und Herr Specht und Herr Rackebrandt dich sprechen wollen.«
»Ich kenne diese Menschen nicht«, erwiderte er sanft, »was wollen sie von mir?«
»Sie wollen dir Grundstücke verkaufen und Häuser bauen und Bäche graben und Wälder pflanzen, Konrad.«
In Konrads entrückten Augen begann der Schein einer fernen Erinnerung aufzudämmern.
»Grundstücke, Häuser, Bäche, Wälder…? Ach so – das gab es auch einmal. Du glaubst ja gar nicht, wie fern mir das alles ist.«
»Willst du denn etwa nicht mehr bauen? Das gehört doch zu deinem Schicksal.«
»Mein Schicksal vollzieht sich in einer anderen Sphäre. Ich werde kein Haus aus Holz und Stein bauen.«
»Und die Visionen der alten Brinkmann, Konrad …?«
»Diese Visionen sind die Auswirkungen niederer Dämonie. Sie haben nur Gültigkeit für Menschen, deren Wünsche in den Kreis eines satanischen Materialismus gebannt sind. Ich bin diesem Kreise entwachsen, vierzehn Tage Fastenzeit lehren den Blick, nur noch das Wesentliche zu sehen. Der Fastende sieht hinter die Dinge.«
Wirklich, er sah durch mich hindurch wie durch Glas, ich war für ihn wohl nicht mehr wesentlich.
Nach einer Weile fragte er milde:
»Was macht eigentlich dieses Mädchen, das bei Fängers zu Besuch ist? Ich komme eben nicht auf den Namen, hieß sie nicht Mariechen? Aber ich entsinne mich doch, dass ich gewisse Hoffnungen in ihr erweckt habe. Ich werde versuchen, mich von diesem armen Wesen zu lösen, ohne ihm allzu wehe zu tun.«
»Und wie willst du dich von den Herren da draußen lösen?«
»Das wirst du gleich sehen. Ein Wort und ein Blick werden genügen, um sie in ihre Schranken zurückzuweisen. Vierzehn Tage Fastenzeit haben ungeheure suggestive Kräfte in mir wach gemacht.«
Er stand auf und verließ das Zimmer.
Gleich darauf kam Wilhelm wieder herein. Mit einem verstohlenen Lächeln berichtete er, dass sein Wartezimmer brechend voll wäre von Männern, die ihn mit lauten Vorwürfen und Drohungen empfangen hätten. Ihre vereinte Wut hatte sich auf den großen Unbekannten gerichtet, von dessen seriösem Auftreten sie sich alle gleichermaßen an der Nase herumgeführt fühlten. Aber für Wilhelm war es ein leichtes gewesen, die Wogen dieser Erregung zu glätten.
»Meine Herren«, hatte er gesagt, »ich bitte um Ihr Verständnis für eine etwas peinliche Lage. Ein Gast meines Hauses, der an einem Nervenleiden erkrankt ist, hat auf seiner Fahrt ins Sanatorium seiner alten Leidenschaft für Grundstückskäufe und Häuserbauten ein wenig zu stark gehuldigt. Ich bitte, ihn nicht etwa durch eine allzu hartnäckige Wahrung Ihrer vermutlichen Rechtsansprüche zu reizen. Ich weiß nicht genau, wie weit seine Geschäftsfähigkeit noch intakt ist – ich weiß nur, dass seine Wutanfälle durchaus nicht ungefährlich sind.«
Es dauerte nicht lange, so erschien unser Freund Konrad wieder. Er lächelte, seine Stimme bebte in einem verhaltenen Triumph:
»Das hättet ihr sehen sollen, wie ich diese anmaßenden Krämerseelen zu Paaren getrieben habe! Schon das Geräusch meiner Schritte genügte, um die Hälfte aus dem Wartezimmer zu jagen. Was nicht schon auf der Straße stand, hatte sich ängstlich in eine Ecke gedrängt. Ich habe dann einen Versuch gemacht, lediglich durch die Macht meines Blickes zu wirken, ich stellte mich in die Tür und sah einen nach dem anderen voll in die Augen. Unbeschreiblich, wie sie da erblassten, wie sie sich abwandten und die Tür zu gewinnen suchten, wie sie sich feige aneinander vorbeiquetschten, weil sie mein Auge nicht ertrugen – es war mir eine Bestätigung der magischen Kräfte, die unaufhaltsam in mir wachsen.«
Wir spürten erschauernd in den beiden Tagen seines Besuches dieses unaufhaltsame Wachsen seiner inneren Kräfte. Wir fühlten, wie uns unser Freund immer mehr entglitt in eine unirdische Ferne. Mit dem Essen schien er sich auch den Schlaf abgewöhnt zu haben. Wir hörten ihn, bald nachdem wir uns zu Bett begeben hatten, das Haus verlassen, erst in der Morgendämmerung kam er zurück. Beim Frühstück, an dem er mit einer Tasse Pfefferminztee teilnahm, erzählte er uns von den Stunden tiefer Meditation, die er im nächtlichen Walde verlebt hatte.
»Während ich immer mehr in mich versank, fühlte ich, wie meine Seele sich langsam von meinem Leibe löste. Dann kam ein Zustand völliger Bewusstlosigkeit – als ich aus ihm erwachte, stand ich in meiner Stadtvilla. Ein Phänomen animistischen Doppelgängertums hatte sich in mir vollzogen. Es war nichts Schönes, was es mir bescherte. Meine Wohnung hatte sich traurig verändert. Die Einführung in die Geistesgeschichte der Menschheit hatte meine Räume in ein hässliches Chaos verwandelt. Auf meinem Schreibtisch lagen mehrere halbausgequetschte Würste, ein Dutzend unaufgewaschener Kaffeetassen standen auf allen Möbelstücken umher, halb gefüllt mit Zigarrenresten, auf dem Teppich lag ein wüstes Durcheinander von Speiseabfällen, von abgenagten Knochen, Gräten und Apfelsinenschalen, Es war ein trauriges Bild der tiefsten materiellen Erniedrigung eines Menschenlebens. Ich begriff nun, warum Lisbeth mir geschrieben hatte, dass sie darauf verzichten müsste, mein Haus zu betreten, solange Dr. Borch es bewohnte. In diese entweihten Räume werde ich nicht zurückkehren, ich habe beschlossen, heute noch das Haus zum ersten Oktober zu kündigen. Den geschändeten Haushalt werde ich sofort auflösen, ich werde Lisbeth beauftragen, meine Möbel zu verkaufen. Ja, ich werde dieses Heim aufgeben und damit eine andere gefährliche Bindung an die Materie lösen. Ganz frei muss ich sein, wenn ich meine große Reise antrete. Für dich, liebe Grete, wird übrigens vielleicht noch dies oder jenes Stück meiner Einrichtung von Wert sein, ich habe da einen elektrischen Kühlschrank, der kaum gebracht ist, und die Gardinen sind auch noch ganz neu. Da, wohin meine Reise mich führt, werde ich das alles nicht verwenden können, und außerdem weiß ich nicht, ob ich jemals. zurückkehren werde.«
»Aber wohin willst du denn reisen, Konrad?«, wagte ich ihn zu fragen.
»Ich kenne das Ziel dieser Reise nicht, aber sie wird mich weit hinwegführen, in ein Land, da die letzten Schleier fallen werden. Meine Bibliothek vermache ich dir, lieber Wilhelm – in jenem Lande brauche ich keine Bücher mehr.« Seine Stimme zitterte. Hatte diesen Pilger ins unbekannte Land noch eine letzte menschliche Rührung ergriffen?«
»Wirst du denn niemals zu uns zurückkehren, Konrad? Wirst du nicht wenigstens zu unserem Verlobungstag in drei Wochen zu uns kommen? Deine Kur wird ja dann beendet sein. Wirst du nicht kommen, und wäre es auch nur, um Abschied zu nehmen?«
»Ich weiß es nicht«, sagte der Dichter streng, »darüber habe ich nicht zu entscheiden. Ich bin nichts als ein Segel, das sich einem großen Winde hinbreitet.«
8. Kapitel
Nun, da der Dichter uns wieder verlassen hatte, um einer ebenso geheimnisvollen wie erhabenen Zukunft entgegenzuschweben, begann die Last von Wilhelms eisiger Freundlichkeit sich doppelt schwer auf meine Seele zu senken. Immer deutlicher fühlte ich es, dass meines Mannes eigentliches Leben sich außerhalb unseres Hauses abspielte – in meine Nähe schien er sich selbst nur als wesenlosen Doppelgänger zu entsenden.
Die Menschenscheu meiner ersten Wenzener Zeit befiel mich wieder, ich vermied es, mich auf der Straße zu zeigen, aus Furcht vor hämischen oder mitleidigen Blicken. Es wäre mir nun geradezu eine Erlösung gewesen, wenn Maren Ellernkamp in aller Öffentlichkeit wieder bei uns aus und ein gegangen wäre, ich kämpfte oft mit dem Gedanken, sie aufzusuchen und sie demütig zu bitten, doch nur ja wieder zu uns zu kommen. Dass sie meine verletzenden Worte schnell vergessen würde, wusste ich, aber ich brachte nicht die Kraft zu einem solchen Gang auf. Gern hätte ich mich einmal mit Frau Fänger ausgesprochen, doch sie fand nicht den Weg zu mir. Sie hatte sich wohl ganz in ihr neues Eheglück eingesponnen, das zu erringen ich ihr geholfen hatte.
Eines Mittags – ich hatte schon eine halbe Stunde mit dem Essen auf meinen Mann gewartet – brachte mir ein Bote aus der Stadt einen großen Strauß prachtvoller roter Rosen. Ich erschrak furchtbar, als ich ihn sah, kaum wagte ich es, ihn entgegenzunehmen. Als ich den Strauß dann schließlich doch in Händen hielt und mich über die duftenden Blüten beugte, bemerkte ich den zwischen den Blättern verborgenen Briefumschlag. »Das ist dein Todesurteil …«, sagte ich mir. Es dauerte lange Zeit, ehe ich den Mut aufbrachte, den Brief zu öffnen. Ein Rezeptformular war der Inhalt. Mit kurzen Worten teilte mir Wilhelm mit, dass er verhindert sei, zum Mittagessen zu erscheinen, und dass ich ihn erst gegen Abend erwarten dürfe. Das war nun freilich noch nicht der endgültige Abschied, den ich befürchtet hatte – nein, eine Galgenfrist schien mir noch gewährt zu sein.
Es folgten ein paar Stunden qualvoller Unruhe. Ich irrte durch alle Räume unseres Hauses, ich kam auf den Boden, ich stieg in den Keller hinunter, alle Wege des Gartens durchwanderte ich. Wollte ich vor dem Abschied alles das noch einmal sehen, was ich so lange Jahre mein Eigen genannt hatte? Suchte ich auf diesen vertrauten Wegen Klarheit und Kraft zu einem Entschluss?
Vielleicht waren es wirklich diese vielen vertrauten Dinge, die mich stark machten zu meinem Wege ins Pfarrhaus. Ich rechnete nicht damit, dass ich Maren dort treffen würde, ich war fest davon überzeugt, dass sie sich mit Wilhelm unterwegs befand. Mir lag zunächst daran, Frau Fänger zu sprechen, sie würde mir helfen bei der notwendigen Klärung dieses unheimlichen und unerträglichen Zustandes.
In meiner Scheu vor allen Menschen wählte ich den Weg, der ums Dorf herum an die Hinterpforte des Pfarrgartens führte. Klopfenden Herzens betrat ich den Garten, ich ging den Grasweg hinunter und traf bald auf den jungen Pfarrer, der, auf der Erde kniend, damit beschäftigt war, junge Pflanzen des Braunkohls zu setzen. Er war so versunken in den hingebungsvollen Ernst seiner Arbeit, dass er kaum aufsah, als er meine Schritte hörte. An einer ausgespannten Schnur entlang hatte er in sauber ausgemessenen gleichen Abständen Löcher in die Erde gebohrt. Bandmaß und Pflanzstock lagen neben ihm, als Zeugen der Gewissenhaftigkeit seines Tuns. Er nickte mir freundlich zu, als er mich erkannte, fuhr aber fort, seine Pflänzchen in die wohlvorbereiteten Löcher zu versenken. Erst als die Gießkanne, mit der er die gesetzten Pflanzen begoss und richtig einschlämmte, den letzten Tropfen hergegeben hatte, erhob er sich, um mich zu begrüßen.
»Meine Frau ist leider nicht zu Hause«, sagte er, »aber Fräulein Ellernkamp ist da. Ich werde sie mal rufen.«
Ehe ich ihn daran hindern konnte, hatte er ein paarmal laut Marens Namen in den Garten hineingerufen. Dann eilte er davon, neues Wasser für den Fortgang seiner so nutzbringenden Tätigkeit zu holen. Ich blieb allein. Einen Augenblick kämpfte ich mit dem Verlangen, dem Mädchen, dem ich abermals Unrecht getan hatte, zu entfliehen. Aber da kam sie schon zwischen den Sträuchern des Vorgartens hervor – zögernd ging ich ihr entgegen. Auch sie kam nur langsam naher. Als wir endlich einander gegenüberstanden, nickte sie mir stumm zu, ihr Lächeln konnte einen leichten Trotz nicht ganz verbergen. Eine Weile schwiegen wir, beide hatten wir wohl unsere Not, ein erstes Wort zu finden. Ich sah, wie die Abwehr in des Mädchens Zügen sich verschärfte – da begann ich zu reden:
»Ich habe Sie neulich in der Erregung gekränkt, Fräulein Ellernkamp. Nehmen Sie mir das nicht übel. Nach dem, was Sie mir aus Ihrem Leben erzählt haben, hoffe ich, dass Sie Verständnis für meine Lage haben werden. Sie haben mir so viel Vertrauen entgegengebracht – nun möchte auch ich mich Ihnen einmal anvertrauen.«
Sie blickte mich an, in ihren Augen schmolz leise der Trotz, ein Staunen weitete sie, und endlich senkten sie sich.
»Wollen wir nicht in die Laube gehen?«, fragte sie, indem sie sich umwandte.
Wir gingen zusammen in die Laube. Durch das dichte Blattwerk des wilden Weins warf die Sonne zitternde Kringel auf den Tisch und auf die Bank. Wir setzten uns schweigend. Wir waren ganz eingehüllt ins friedvolle Dämmer dieses Raumes. Draußen läutete fern eine Hummel von Blume zu Blume. Was der Blick über das vorgelagerte Buschwerk hinweg von der Außenwelt erhaschen konnte, war ein Fenster des Pfarrhauses, dessen Vorhänge leise mit dem Sommerwind atmeten. Es war das Fenster des Gastzimmers.
»Sie haben da oben das schönste Zimmer des Hauses, Fräulein Maren«, sagte ich, auf das Fenster deutend.
»Ich fühle mich auch sehr wohl darin, Frau Löhnefink.«
»Das freut mich. Dann geht es Ihnen so wie mir. Auch ich habe die schönsten Wochen meines Lebens da oben verbracht.«
»Ach – haben Sie als Braut dort gewohnt?«
»Nein. In diesem Zimmer, in dem Sie jetzt wohnen, ist mein Junge zur Welt gekommen.«
Sie zuckte zusammen. Ich fuhr schnell fort, als ich dieses Erschrecken bemerkte:
»Das war eigentlich eine ganz lustige Geschichte, wie Gottfried zur Welt kam. Damals hatten Fängers einen sehr merkwürdigen Hausgenossen; es war der Vikar Kreybohm, der an Verfolgungswahn litt. Er hatte mit den Nachbarn ein Signalsystem vereinbart, nach dem er im Falle drohender Gefahr ihre Hilfe herbeirufen wollte durch Abgeben von Schüssen aus seinem Schlafzimmerfenster. Nach dem Grade der Gefahr sollten diese Signale sich von einfachen Gewehrschüssen bis zu Böllerschüssen steigern. Ich war in seiner Abwesenheit von Fängers aufgenommen worden, kurz vor meiner Niederkunft, die ich nicht unter dem Dache unserer boshaften Wirtsleute erleben sollte. So wusste Herr Kreybohm, als er abends heimkam, nichts davon, dass ich im Hause war und dass die Hebamme noch erwartet wurde. Die unerklärliche Unruhe, die dann nachts im Hause einsetzte, trieb den Vikar in solche Todesangst hinein, dass er die ganze Skala eines noch niemals angewandten Signalsystems in meiner schweren Stunde erstmals entfesselte. So kam es, dass unser Junge unter schweren Böllerschüssen das Licht der Welt erblickte.«
Maren lächelte. Sie blickte in das dichte Weinlaub, dann sagte sie:
»Erzählen Sie mir doch noch etwas von Ihren Wenzener Erlebnissen.«
Und ich erzählte ihr. Ich sprach von unseren ersten Ehejahren, von den Demütigungen, die ich als Städterin hier erfahren hatte, von dem Schweren, das ich mit Wilhelm getragen, und von dem Heiteren, das uns immer wieder aufgerichtet hatte. Von unserem festen Zusammenhalten erzählte ich ihr, ich erzählte ihr auch, wie wir unseren Bund alljährlich neu in jener Weihestunde beschlossen hatten, die wir mit dem Wein der guten Tante Agnes zu krönen pflegten. Von der dreizehnten Flasche erzählte ich ihr, an die ich im letzten Jahr nur mit Bangen hätte denken können, von ihrem Raub und ihrer Errettung erzählte ich.
Vielleicht hätte ich ihr noch mehr erzählt, aber wir wurden beide jetzt aufgescheucht durch den Klang von Schritten, die sich der Laube näherten. Wir sahen den Pastor eilig herankommen.
»So …?«, sagte das Mädchen mit einem Lächeln, das rätselhaft blieb im Dämmer der Laube, »Sie haben also die dreizehnte Flasche gerettet? Dann ist ja alles in Ordnung …«
Ich aber war mir durchaus nicht klar darüber, ob wirklich alles in Ordnung sei …
Der Pfarrer trat jetzt zu uns herein, er schien in großer Erregung.
»Fräulein Ellernkamp«, stotterte er, »da ist ein Mann, der Seife verkaufen will. Er bietet den Riegel Kernseife für neunzehn Pfennig an, das scheint mir ein günstiges Angebot zu sein, denn wenn ich mich nicht irre, kostet der Riegel hier beim Kaufmann einundzwanzig Pfennig. Ich möchte aber unter keinen Umständen leichtfertig handeln, zwei Pfennig sind immerhin ein Betrag, mit dem man rechnen muss. Wie soll ich mich nun verhalten, Fräulein Ellernkamp? Sie als Kaufmannstochter sind doch gewiss über die Preise unterrichtet?«
Hilfeflehend sah er Maren an.
»Über die Notierungen von Kernseife bin ich leider nicht im Bilde, aber ich will gleich einmal in Hamburg anrufen.«
»Das wäre allerdings sehr freundlich«, sagte aufatmend der Pfarrer. »Oder … meinen Sie nicht doch, dass dieses Gespräch bezüglich seiner Kosten in einem gewissen Missverhältnis zu dem angebotenen Objekt stehen würde?«
»Ich kann Ihnen Ihre Sorgen und Ihre Ferngespräche ersparen, Herr Pastor«, sagte ich, »kaufen Sie ruhig die Seife mit neunzehn Pfennig ein, Sie werden damit nicht leichtfertig handeln.«
»Danke, danke«, rief er und stürzte fort.
Ich erhob mich gleich darauf.
»Es wird Zeit, dass ich gehe«, sagte ich, »ich würde mich freuen, Fräulein Maren, wenn Sie uns bald einmal wieder besuchten.«
Lange wartete ich auf ihre Antwort. Sie hatte sich mit mir erhoben und stand nun gesenkten Hauptes da, die Spitze ihres Fußes zeichnete unaufhörlich im Sande.
»Wollen Sie nicht zu uns kommen?«, fragte ich noch einmal.
Mit einem beinahe harten Ruck hob sie den Kopf.
»Ich … Das weiß ich noch nicht«, sagte sie und lief hinaus.
Schweren Herzens trat ich den Heimweg an. –
Unvermindert ruhte die Last der Ungewissheit auf mir. Niemand war da, mit dem ich mich aussprechen konnte. Wilhelms unheimliche Freundlichkeit blieb unverändert in den nächsten Tagen, und Maren kam nicht.
Aber es kam eines Tages ein fremder Herr in unser Haus.
»Dr. Jungmaker«, stellte er sich uns vor. »Herr Kollege Löhnefink, eine ernste Sorge führt mich zu Ihnen. Sie betrifft das Schicksal eines meiner Patienten, der, wie ich weiß, mit Ihnen eng befreundet ist. Der Dichter, der nach vierzehn Tagen einer äußerst erfolgreichen Kur am Sonnabend voriger Woche zu Ihnen auf Besuch gefahren ist, ist nicht ins Sanatorium zurückgekehrt. Dieses Ausbleiben ist mir völlig unerklärlich, er hat sein ganzes Gepäck bei uns gelassen, seine Post kommt nach wie vor täglich ins Sanatorium, darunter Telegramme und dringliche Eilbriefe von Zeitungen und Theatern – ich muss also annehmen, dass der Dichter mit seinem Auto irgendwo verunglückt ist. Vielleicht hat ihn ein Schwächeanfall, wie er ja im Verlauf einer Fastenkur, wenn auch nur äußerst selten, einmal auftreten kann, überraschend befallen. Ich habe aus begreiflichen Gründen bisher noch davon Abstand genommen, die Polizei zu benachrichtigen, ich wollte mich nun zuvor bei Ihnen erkundigen, ob der Patient vielleicht bei Ihnen sich aufhält, oder ob Sie etwas über seinen Verbleib wissen.«
»Um des Himmels willen!«, rief ich, »nein, wir wissen auch nicht, wo er ist! Aber er hat so merkwürdige Andeutungen gemacht, dass er eine große Reise vorhabe. Vielleicht ist er schon aufgebrochen.«
»Wissen Sie nichts über das Ziel dieser Reise?«, fragte Dr. Jungmaker.
»Nach seinen Ausführungen«, sagte Wilhelm, »hatte unser Freund sich schon so weit vom Leiblichen gelöst, dass es für ihn nur noch ein Reiseziel gab, nämlich das Hinübergehen in ein anderes Leben.«
»Wenn Sie damit auf einen Selbstmord abzielen wollen, Herr Kollege, so kann ich Sie allerdings beruhigen. In diesem Stadium der Überwindung des Leibes, wie es der Dichter bereits erreicht hatte, begeht niemand Selbstmord. Er war einer meiner dankbarsten Fälle, er war gekommen, um vierzig Pfund zu verlieren, aber darüber hinaus hatte er überraschend schnell an innerem Volumen gewonnen. Er war so weit, dass ich bei ihm täglich mit dem Durchbruch magischer Kräfte rechnete. Dieser Durchbruch ist eine von mir allerdings nicht unbedingt erstrebte gelegentliche Nebenwirkung meiner Fastenkuren.«
»Die magischen Kräfte«, entfuhr es mir, »waren in ihm schon zum Durchbruch gekommen. Nun fällt mir auch ein, wohin er gefahren sein wird – nach Indien.«
Wilhelm lachte laut auf. Dr. Jungmaker sah ihn vorwurfsvoll an.
»Ich halte eine solche Reise Ihres Freundes durchaus nicht für unmöglich«, sagte er ernst. »Indien ist nun einmal das Land der unbeschränkten Möglichkeiten des Geistes. Besorgniserregend aber bleibt in jedem Falle dieses plötzliche und spurlose Verschwinden. Wir werden nun nicht umhinkönnen, die Polizei zu benachrichtigen. Auch wird es sich empfehlen, durch einen Aufruf in der Presse nach dem Verschwundenen zu suchen. Da er ja lediglich auf der Rückfahrt von Wenzen verschollen ist, brauchen wir wohl den Namen meines Sanatoriums nicht zu erwähnen.«
Dr. Jungmaker empfahl sich. In den nächsten Tagen war in der Presse des Landes ein Aufruf zu lesen, durch welchen die Bevölkerung aufgefordert wurde, nach unserem armen abhanden gekommenen Freunde zu suchen. Eine genaue Beschreibung seines Aussehens, seiner Kleidung, seines Wagens folgte. Angaben über den Verbleib des Vermissten wurden nach Wenzen an Dr. Löhnefink erbeten. Eine Belohnung für zweckdienliche Angaben wurde verheißen.
Es liefen aber keine Angaben ein, unser Freund blieb verschollen. –
So lastete denn noch eine andere Sorge auf mir in dieser bangen Zeit. Nur wenige Tage noch trennten uns von dem Verlobungstag, der, wie ich dunkel fühlte, irgendeine Entscheidung in meinem Schicksal bringen würde. Mit jedem Tage wuchs meine Angst, und mit jedem Tage schwand ich leiblich mehr dahin. Jeder Gedanke an Speise und Trank machte mich schaudern, ich war nur noch ein Schatten meiner selbst – allein ich wartete vergeblich auf den Durchbruch magischer Kräfte, die es mir ermöglicht hätten, diesen unheimlich freundlichen Mann an meiner Seite der Macht meiner Augen zu unterwerfen.
Dieser Mann schien nichts zu bemerken von meinem Dahinschwinden. Ich wäre nun ganz verlassen gewesen, hätte sich Lina nicht meiner angenommen. Es rührte mich, wie sie es mit allerlei kleinen Listen immer wieder versuchte, mich zum Essen zu bewegen. Das eine Mal wusste sie mich um die Frühstückszeit aus dem Garten auf die Veranda zu locken mit der Meldung, es sei Besuch gekommen. Dieser Besuch erwies sich dann als ein junges Täubchen, das mir in gebratenem Zustand ins Haus geflogen war. Lina hatte es durch ihre Mutter braten und heimlich zu uns bringen lassen – und nun wachte sie darüber, dass ich es auch wirklich aß. Natürlich brachte ich es nicht übers Herz, sie zu kränken und eine solche Gabe zurückzuweisen. Ein anderes Mal bat sie mich, ihr eine Docke Stopfgarn aus meinem Nähtisch zu holen, und auf diesem Nähtisch fand ich dann einen Teller voll eingezuckerter Monatserdbeeren, die mir so liebevoll entgegenlachten, dass ich sie unmöglich verschmähen konnte.
Niemals wagte sie es, auch nur eine Andeutung über Wilhelms geheimnisvolle Fahrten zu machen, aber doch wusste ich genau, dass sie mit mir litt. Einmal, als ich vom Küchenfenster aus hinter meinem Mann hersah, der wieder ohne Abschied losfuhr, als ich einen bangen Seufzer nicht unterdrücken konnte, begann sie zu reden. Aber sie sprach nicht von Wilhelm, sie sprach von den Männern im Allgemeinen und von Fritz Brinkmann im Besonderen. Ja, der schöne Fritz hatte ihr wirklich manche bittere Enttäuschung bereitet. Nachdem er sich beim Brand seines Motorrades als ein so jämmerlicher Feigling gezeigt hatte, war sie im Grunde schon fertig mit ihm gewesen, natürlich. Aber dass er ihr nun auch noch den Schimpf antun musste, sich beim letzten Tanzvergnügen öffentlich mit der liederlichen Paula Schoppe zu zeigen, das war mehr, als sie verzeihen konnte.
Unsere Lina hatte manches durchzukämpfen in dieser Zeit, die auch ihrem Schicksal die Klärung bringen sollte.
Eines Abends erschien Ferdinand Hotopp bei uns, um Wilhelm zu seinem Vater zu rufen. Mit dem alten Schuster ging es zu Ende. Wilhelm konnte nichts tun, als seine Agonie mit einer Morphiumspritze zu lindern. Bei seiner Rückkehr traf er auf Lina. Sie erkundigte sich nach dem Befinden des Kranken, und Wilhelm sagte ihr, dass noch in dieser Nacht mit seinem Ableben gerechnet werden müsste. Kurz darauf hörten wir die Haustür klappen – wir wussten, dass Lina zu Hotopps gegangen war.
Als ich sie am anderen Morgen in der Küche traf, sah ich ihr sogleich an, dass sie die Nacht durchwacht hatte. Ich fragte sie, wie es um den alten Hotopp stünde.
»Er ist um vier Uhr gestorben«, sagte sie, beinahe gleichgültig, »er hat nun seine Ruhe.«
»Und Ferdinand?«, fragte ich.
»Ferdinand hat auch seine Ruhe.«
»Aber was wird er nun anfangen, so ganz allein in seinem Hause, Lina?«
»Er wird wohl heiraten.«
»Der will heiraten? Wen denn?«
»Mich«, sagte sie und ging aus der Küche. –
Lina hatte sich durchgekämpft. Mein Kampf aber ging weiter, er wurde schwerer denn je. Ich hatte es mit einem Gegner zu tun, der sich mir niemals stellte, der seine Unnahbarkeit sicherte mit Freundlichkeiten, die mir zuwider und unheimlich waren. Je näher unser Verlobungstag rückte, desto liebenswürdiger wurde mein Mann. Fast täglich brachte er mir irgendein kleines Geschenk mit von seinen Fahrten, die, wie mir gerade diese Gaben zeigten, immer wieder in die Stadt führten.
Umso schmerzlicher war die Erfahrung, die mein Mann mir ausgerechnet für diesen Tag aufgespart haben mochte.
Bislang hatte Wilhelm es niemals unterlassen, mir schon am Morgen dieses Tages eine Aufmerksamkeit zu erweisen, noch im letzten Jahr hatte er mich dadurch erfreut, dass er mir eine prächtige neue Ausgabe von Stifters sämtlichen Werken auf den Frühstückstisch legte. Wenn ich nun auch wusste, dass diese Ausgabe schon lange das Ziel seiner eigenen bibliophilen Wünsche war, so hatte es mich doch gerührt, dass er gerade unseren Verlobungstag zum Anlass nahm, sich diese Bücher zu schenken.
In diesem Jahr aber nahm Wilhelm in keiner Weise Kenntnis von unserem bedeutungsvollen Tage. Er war beim Morgenkaffee freundlich wie immer, verschwand bald in seine Praxisräume, erschien flüchtig zum Essen, verschwand wieder. Als ich ihn dann am Nachmittag mit dem Auto wegfahren sah, war die letzte Hoffnung dahin, dass er sich noch besinnen würde, mich zu unserer gewohnten kleinen Feier in der Konradsburg aufzufordern.
Ich saß also allein zu Hause mit der dreizehnten Flasche, die ich umsonst gerettet hatte.
Als ich an jenem unheimlichen Gewitterabend diese Flasche glücklich wieder an mich gebracht hatte, trieb mich das dunkle Gefühl, sie vor Wilhelm verbergen zu müssen. Ich bat Lina und Ferdinand, meinem Mann nichts von dem Einbruch in die Konradsburg zu verraten, unseren Nachbarn hatte ich außerdem beauftragt, alle Spuren, die der Besuch des schönen Fritz hinterlassen, möglichst bald zu beseitigen. Wilhelm sollte nichts wissen von diesem ganzen unheildrohenden Geschehnis. Ich hatte mir vorgenommen, ihm erst an unserem Verlobungstage in der Konradsburg, wenn er von seinem vergeblichen Gang in den Keller enttäuscht zurückgekehrt sein würde, zu erzählen, welches Verhängnis gedroht hatte und wie es von mir gewendet worden war. Jetzt war es mir noch aus einem anderen Grunde sehr lieb, dass ich Wilhelm jenes Abenteuer vorenthalten hatte: ich hätte mich noch mehr geschämt, wenn er trotz der Kenntnis meiner kühnen und sieghaften Rettungstat dieselbe tödliche Gleichgültigkeit gezeigt hätte, wie er sie an diesem Tage nun wirklich bewies.
Den ganzen Nachmittag arbeitete ich mit allen Kräften im Garten. Im Eifer der Arbeit schwanden meine trüben Gedanken mehr und mehr dahin. So schnell verging mir die Zeit, dass ich ganz überrascht aufhorchte, als vom Kirchturm die sechste Stunde schlug und gleich darauf die Glocken den Sonntag einzuläuten begannen. Ich warf die Hacke hin und begab mich ins Haus, ich ging an den Kleiderschrank, ich wählte ein festliches Gewand und kleidete mich sorgfältig um. Ich schmückte den Tisch im Esszimmer mit den schönsten Blumen des Gartens, ich holte zwei Gläser aus dem Schrank, und endlich stieg ich in den Keller hinab und kramte aus ihrem Versteck die dreizehnte Flasche hervor. Dies alles tat ich mit einer schlafwandlerischen Sicherheit, es war, als ob ich einem dunklen Rufe folgte, wie der Vogel ihm folgt, wenn er sein Nest baut im Frühling oder sich herbstlich zur großen Reise rüstet.
Nun saß ich am Tische – allein. Es war um dieselbe Stunde, die ich zwölf Jahre hindurch mit meinem Manne festlich begangen hatte. Nicht einen Augenblick war mir der Gedanke gekommen, dass es töricht sei, was ich hier tat – plötzlich aber durchfuhr mich jäh die Gewissheit: Wilhelm würde kommen, um mit mir diese Flasche zu trinken.
Und Wilhelm kam. Ich hatte nur wenige Minuten so gesessen, da hörte ich seine eiligen Schritte im Flur, ich hörte ihn die Räume durchhasten. Er sucht jemanden, dachte ich, und mein Herz klopfte. Jetzt kam er zu mir ins Esszimmer herein. In der Tür blieb er stehen, er starrte mich ungläubig an, mich und den Tisch, vor dem ich saß. Die Verwirrung seiner Züge wich einem freudigen Aufleuchten, er stürzte auf mich zu und ergriff meine Hand.
»Gott sei Dank«, sagte er atemlos, »du bist also doch da!«
»Wo hätte ich denn sein sollen, Wilhelm?«
»Ich fürchtete schon, du wärest weggegangen. Das wäre mir gerade recht geschehen. So wie ich mich gegen dich benommen habe. Kannst du mir das überhaupt verzeihen?«
Ich rückte ihm einen Stuhl zurecht.
»Nun setz dich erst einmal. Und dann musst du mir erzählen, wo du gewesen bist.«
»Ich soll dir einen Gruß bestellen«, begann er zögernd, »von Maren Ellernkamp … Ich war mit ihr heute Nachmittag zusammen.«
»Wo warst du denn mit ihr?«
»Ich war mit ihr auf der Konradsburg.« Er hielt inne, er senkte den Kopf. Es dauerte eine Weile, bis er mit leiser Stimme fortfuhr: »Ich wollte dich verraten, Grete. Ich wollte heute mit Maren Ellernkamp die dreizehnte Flasche trinken. Ja, so einen gemeinen Verrat wollte ich begehen. Das hättest du wohl nie für möglich gehalten?«
Ich musste nun schon wieder ein Lächeln unterdrücken:
»Oh – wenn man so durcheinandergeraten ist, wie du es in der letzten Zeit warst, dann ist man schon zu manchem fähig.«
»Ich war allerdings sehr durcheinandergeraten. Und wer weiß, wohin ich mich noch hätte treiben lassen, wenn es nicht heute dieses kleine Hindernis gegeben hätte – diese dreizehnte Flasche, die nicht da war. Diese Flasche, die du in unser Haus gerettet hast, Grete …«
Der Ausdruck seiner Augen rührte mich tief, es war der demütig-verlegene, der unendlich ergebene Blick eines Hundes, der weiß, dass er Strafe verdient hat, und doch auf die Verzeihung seines Herrn hofft.
»Nun bist du wieder hier, und es ist ja alles gut«, sagte ich. »Komm – lass uns ein Glas aus der Flasche trinken, lass uns sie austrinken, ehe sie uns noch einmal abhandenkommt.«
Wir tranken ein Glas. Der schwere alte Wein löste seine Zunge, ich brauchte ihn nicht erst zu bitten, mir die Geschichte seiner Heimkehr zu erzählen. Er begann von selbst:
»Ich hatte mich heute mit Maren zu einem Waldspaziergang verabredet. Sie war mir in der letzten Zeit mehr und mehr ausgewichen, und nun wollte ich eine Entscheidung um jeden Preis erzwingen. Ich hatte es so eingerichtet, dass wir auf unserem Wege an der Konradsburg vorbeikamen – da gab es sich zwanglos, dass ich sie aufforderte, sich dieses berühmte Häuschen mit mir einmal anzusehen. Die Geschichte des Grundstücks hatte ich ihr ja schon früher erzählt. Wir traten also ein, und ich zeigte ihr, was es so zu zeigen gab. Wir saßen dann zusammen auf der Eckbank in der Halle und rauchten eine Zigarette, und da machte mir gerade unser dichtes Beieinander klar, dass sie mir innerlich ferner gerückt war denn je. Ich spürte ihre Abwehr, und ich wollte sie mit allen Mitteln überwinden. Was eigentlich werden sollte aus allem diesem, das fragte ich mich nicht in meinem Taumel, ich hatte nur den einen Gedanken, dieses Mädchen für mich zu gewinnen. Und da beging ich den Verrat. ›Ich werde jetzt das Kostbarste holen, was es in diesem Hause gibt‹, sagte ich, stand auf und stieg in den Keller hinab. Ich wollte die Flasche holen – unsere Flasche für das fremde Mädchen … Aber ich fand sie nicht. Immer wieder durchsuchte ich den kleinen Raum, und mit diesem trostlos vergeblichen Suchen wuchs eine schreckliche Ernüchterung. Ich suchte noch lange, ganz mechanisch suchte ich immer noch weiter, obwohl ich längst wusste, dass es hier nichts mehr zu finden gab. Vielleicht suchte ich schon wieder nach dir, Grete, nach unserem Jungen und unserem Hause. Hatte ich nicht dies alles auch schon verloren? Als ich endlich wieder in die Halle zurückkam, stand Maren am Fenster. Langsam drehte sie sich um, sie erschrak, als sie mich sah. ›Haben Sie Ihre Kostbarkeit nicht gefunden?‹, fragte sie. ›Ich suchte eine Flasche alten Wein‹, sagte ich, ›ich wollte sie mit Ihnen trinken, aber sie ist weg.‹ – ›Ist es nicht besser‹, sagte sie nach einer Weile mit einem leichten Lächeln, ›wenn Sie die dreizehnte Flasche mit Ihrer Frau trinken?‹ Ich war in diesem Augenblick nicht verwundert darüber, dass sie etwas von unserem Wein wusste, aber trotzdem stammelte ich eine Frage hervor. Und da erzählte sie mir, dass du bei ihr gewesen wärest. Du hast einen tiefen Eindruck auf sie gemacht, Grete, sie hat mit Bewunderung und Liebe von dir gesprochen. ›Nun gehen Sie schnell hinunter‹, sagte sie endlich, ›lassen Sie Ihre Frau nicht länger warten, Sie kommen grade noch zur rechten Zeit.‹ Ich bat sie, mitzukommen und Zeuge der Erneuerung unseres Bundes zu sein, aber sie lehnte ab: ›Sie müssen nun erst einmal mit Ihrer Frau allein ein stilles Glas trinken. Wenn es recht ist, werde ich am Abend mit Fängers noch auf ein Stündchen zu Ihnen kommen. Und grüßen Sie Ihre Frau von der Assistentin, die so viel bei Löhnefinkens gelernt hat!‹«
In mir war eine so große, heiße Freude, dass ich es nicht einmal fertigbrachte, zu dieser immerhin recht gewichtigen Beichte meines bösen alten Esels ein ernstes Gesicht zu machen, obwohl ich das eigentlich schon aus erzieherischen Gründen hätte tun sollen. Ich konnte nichts tun, als mein Glas zu erheben und jenen Vers der guten Tante Agnes zu zitieren, der mir in dieser letzten bangen Zeit so oft durch den Kopf gegangen war:
»… trankt die letzte ihr in Frieden,
ist der Ehe Glück beschieden.«
Wir tranken unser Glas aus und küssten uns, seit langer Zeit wieder zum ersten Male.
9. Kapitel
Ein Schatten nur fiel in unser neues Glück – das war die Sorge um das Schicksal unseres verschollenen Freundes Konrad.
Wir hatten das letzte Glas der dreizehnten Flasche mit einem tiefen Zuge auf das Wohl unserer fester gegründeten Ehe geleert, da versanken wir beide in ein sinnendes Schweigen.
»Das Rote Meer wird er nun wohl schon hinter sich haben«, kam es endlich über meine Lippen.
»Ach – du denkst auch an Konrad? Glaubst du noch immer, dass er auf der Fahrt nach Indien ist? Ich glaube das nicht. Viel eher glaube ich, dass ein Unglücksfall unseren Freund an sein Ziel gebracht hat. Hast du nicht bemerkt, wie schwach er war? Ich machte mir hernach noch Vorwürfe, dass wir ihn überhaupt losfahren ließen.« Nachdenklich und traurig blickte Wilhelm in sein leeres Glas. »Ich fürchte doch, dass Konrad in der Weser liegt. Denn in jedem anderen Fall hätten die Nachforschungen sicher irgendein Ergebnis gebracht. Aber der Fluss wird seine Leiche allen Augen verbergen. Du weißt ja, dass er bei Polle über den Strom setzen musste, die Anfahrt zur Fähre führt eine ziemlich lange Strecke dicht am Ufer hin – ich denke mir, dass die Flussnebel ihn hineingesogen haben ins ewige Schweigen. Es ist entsetzlich, wenn ich mir verstelle, wie er da unten im Wasser sitzt … Sein Kopf wird über das Steuerrad gesunken sein, die Hände krampfen sich noch um die Speichen, niemand hat seine Augen zugedrückt, sie sind so schauerlich offen wie die der großen Fische, die durch die Fenster hin und wieder kommen und den Toten dumm anglotzen …«
»Hör auf, hör auf!«, rief ich gequält – da fuhren wir beide zusammen: ein wohlbekannter Hupenruf ertönte draußen.
»Das ist Konrad!«, schrie ich.
»Konrad!«, schrie auch Wilhelm.
Ja, es war Konrad. Wir stürzten auf die Straße. Eine ungeheure Überraschung harrte unser. Er stand nicht an der Reling eines Schiffes, das die Wellen des Persischen Golfes durchpflügte, das Auge in verzehrender Sehnsucht nach den Gestaden des Wunderlandes gerichtet, er saß nicht als Fahrer am Ziel auf dem kühlen Grunde der Weser – er saß lächelnd hinter dem Steuer seines Wagens und schickte sich nun an auszusteigen.
Aber wie entstieg er seinem Wagen … Das Erste, was wir sahen, war die enorme Wölbung seines Leibes, die er wieder nur mit beängstigendem Geächze zwischen Steuerrad und Sitz hindurchzwängen konnte. Atemlos von den Anstrengungen dieses Aussteigens, begrüßte er uns:
»Mein Körperzustand braucht euch nicht weiter zu beunruhigen«, seufzte er, »ich bin etwas voller geworden. Friedchen hat ausdrücklich diesen Wunsch geäußert.«
Wir wussten nicht, wer Friedchen war – wir waren recht verwundert, dass uns auch bei dieser ebenso unverhofften wie beglückenden Rückkehr des Freundes der Name eines uns unbekannten weiblichen Wesens entgegentönte.
»Wo wohnt sie denn?«, fragte ich, nachdem ich meine Fassung wiedergewonnen hatte.
»Sag erst einmal, woher du überhaupt kommst! Ich fürchtete schon, du lägest mit deinem Auto auf dem Grunde der Weser.« Lachend drückte Wilhelm dem Freund noch einmal die Hände.
»Grete vermutete dich auf dem Wege nach Indien.«
Konrad schüttelte verständnislos den Kopf:
»Indien – ich wüsste nicht, was ich in Indien zu suchen hätte. Bewahre … ich war in Baddeckenburg. Aber ich will lieber alles der Reihe nach erzählen. Am besten beim Abendbrot … ich glaube, es wird Zeit, dass wir essen, wenigstens soweit mich die Stimme meines Magens richtig berät. Nun aber erst einmal meine herzlichsten Glückwünsche zum Verlobungstage. Zur dreizehnten Flasche komme ich wohl schon zu spät – wie? Na, die Hauptsache ist, dass ihr sie in Frieden zusammen getrunken habt, und das scheint mir ja so nach euren Gesichtern. Ich darf wohl hoffen, dass euer Abendbrot der Bedeutung des schönen Tages doch in irgendeiner Form Rechnung trägt. Das letzte Mal hattet ihr eine sehr schöne Hummermayonnaise.«
»Aber wie kommt es denn, dass du dich wieder für Hummermayonnaise begeisterst? Werden nicht deine magischen Kräfte unter so niedrigen Genüssen leiden?«
»Magische Kräfte«, lächelte er, »ach so, ja, richtig. Du meinst die magische Anziehungskraft, die so ein Hummer auszuüben pflegt.«
Wir waren inzwischen ins Haus gegangen und standen nun in Wilhelms Zimmer. Lachend ließ Konrad sich in einen Sessel fallen.
»Meine magischen Kräfte haben wohl ungeheuren Eindruck auf euch gemacht? Auf mich auch! Ich war selbst ganz erschüttert, als ich merkte, wie schon mein Blick genügte, ein Dutzend ausgewachsene Männer auf die Straße zu treiben. Das ist mir eigentlich heute noch unerklärlich. Mit meinem Doppelgängertum allerdings ist es, glaube ich, nicht so ganz weit her – doch davon später.«
»Willst du uns endlich erzählen, was es mit Baddeckenburg und Friedchen auf sich hat?«
Konrad wurde plötzlich ernst.
»Ich weiß«, sagte er, »dass ich euch schon manches zugemutet, dass ich euer Verständnis für meine schicksalhaften Begegnungen schon über die Maßen stark in Anspruch genommen habe. Ich muss damit rechnen, dass ich im besten Fall eure Heiterkeit erregen werde, wenn ich euch mitteile, dass ich mich mit Friedchen Fricke verloben werde.«
Er ruhte ein wenig aus nach diesen inhaltsschweren Worten.
»Sag das nicht, Konrad«, widersprach ihm Wilhelm, »wir haben volles Verständnis dafür, dass du dich, wie ich hoffe, am Freitag, frisch, fromm, fröhlich, frei mit Fräulein Friedchen Fricke verloben wirst. Nun bist du uns aber die Geschichte dieser Bekanntschaft schuldig. Dürfen wir dir jetzt schon unsere herzlichen Glückwünsche aussprechen?«
»Das werdet ihr sehr bald dürfen. Friedchen und ich sind allerdings noch nicht aufgeboten, aber wir werden sicher demnächst zusammen im Kasten hängen. Friedchens Freundinnen werden einen wunderschönen Rosenkranz um den Kasten winden. Ich finde, das ist eine so sinnige Sitte, so etwas muss man durchaus bejahen, die billige Ironie solchen rührenden Dingen gegenüber bringe ich einfach nicht mehr auf. Von Friedchen selbst will ich nicht viel sagen – dies Mädchen müsst ihr kennenlernen, sie wirkt durch sich selbst.«
Ich begann nun doch einiges Vertrauen zu fassen zu Konrads neuester Herzenswahl.
»Warum hast du denn Friedchen nicht gleich mitgebracht?«, fragte ich ihn.
»Das hätte ich natürlich gern getan, aber es ging beim besten Willen nicht. Bei meinen Schwiegereltern ist heute großes Tanzvergnügen, ich war ja eigentlich auch unabkömmlich, aber ich musste doch zu eurem Verlobungstage erscheinen. Bis spät in den Nachmittag hinein habe ich beim Heringssalat mitgeholfen – zweihundert Heringe zu verarbeiten, ist schließlich keine Kleinigkeit, zwanzig Pfund Kalbfleisch dazu wollen auch erst zerschnitten sein, der roten Beete, Eier, Gurken, und Zwiebeln gar nicht zu gedenken. Ich habe überhaupt saure Tage hinter mir, gestern Abend sind wir auch erst spät zu Bett gekommen, wir hatten natürlich geschlachtet, ein Schwein von dreihundertfünfzig Pfund und ein Kalb von einem Zentner netto. Dabei habe ich mehr getan als nur den Schwanz gehalten! Friedchen legte großen Wert darauf, dass ich von der Pike auf lerne, mein Schwiegervater will dann aufs Altenteil gehen, wenn ich eingearbeitet bin.«
Ich schrie auf in namenlosem Entsetzen:
»Du willst doch nicht etwa Schlachter werden, Konrad?«
»Was heißt Schlachter … Jedenfalls will ich ein tätiger Mensch werden. Papa hat nun einmal dieses große Anwesen – achtzig Morgen Landwirtschaft und einen altrenommierten Gasthof am Weserufer; die Schlachterei ist ja eigentlich nur ein Anhängsel, aber doch schließlich ein ganz einträgliches, zumal da wir die Erzeugnisse unserer Schweinezucht auf diese Weise mit doppelter Verdienstspanne verwerten können. Unser Wurstversandgeschäft ist sehr groß, etwa fünfzig Neunpfundkolli in der Woche. Ich persönlich werde später mehr Wert auf den Ausbau des Gasthofs legen, obwohl ich natürlich die Landwirtschaft und Schlachterei keineswegs vernachlässigen will. Und dein eigentlicher Beruf, dein Dichtertum? werdet ihr vielleicht fragen. Ich sage euch: Erst in diesem Gasthof wird mir die Fülle des Lebens entgegenströmen, erst hier werde ich anfangen, wirklich Dichter zu sein – das ist nichts als ein einfacher Mensch, der einfachste und unscheinbarste von allen, so unscheinbar, dass die vielen, die da aus und ein gehen, sich nicht scheuen, ihm ihr Herz zu offenbaren. Das nenne ich einen Wirt und einen Dichter.«
»Na ja«, sagte Wilhelm, »das ist ja alles sehr schön, aber es ist etwas viel auf einmal, und es ist mir auch noch gar nicht verständlich, wie du eigentlich zu diesem großen Glück so schnell und so mühelos gekommen bist. Ich glaube, du musst dich erst einmal stärken, um alles in Ruhe und der Reihe nach erzählen zu können. Wir wollen doch sehen, was Lina uns ›zugekocht‹ hat.«
Wir gingen also ins Esszimmer, wo Konrad sich bei einem Pilzragout so weit sammelte, dass er ausführlich und zusammenhängend die Geschichte seiner »großen Reise« berichten konnte:
»Als ich an jenem Sonntag vor drei Wochen von euch abfuhr, hatte ich die feste Absicht, zunächst nach Frischleben zurückzukehren. Ich war schon bis dicht vor die Weser gekommen, da hatte ich eine Reifenpanne. Beim Wechseln der Räder bemerkte ich plötzlich, wie furchtbar schwach ich geworden war: kaum dass ich die letzte Mutter notdürftig angezogen hatte, so wurde es mir schwarz vor den Augen. Ich kroch in meinen Wagen zurück und fuhr langsam weiter, immer gewärtig, im nächsten Augenblick in die Tiefe einer Ohnmacht zu sinken. Nur noch bis zum Dorfe zu kommen, dessen Kirchturm aus dem nahen Wesertal schon heraufwinkte, war mein Bestreben. Schon begann das Steuerrad in meinen zitternden Händen hin und her zu tanzen, dazu wurde der Weg immer schlechter, immer steiler senkte er sich ins Tal hinab. Plötzlich sauste der Wagen in ein großes Schlagloch, das Steuer wurde mir aus der Hand gerissen, ich verlor völlig die Gewalt über das Fahrzeug. Rechtwinklig bog der Wagen von der Straße ab, ich hörte das Krachen zerbrechender Zaunlatten, sah mich noch durch den am Talhang liegenden Obstgarten hinuntersausen – dann prallte mein Auto gegen einen dicken Apfelbaum. Der Schreck hatte mich wieder so weit lebendig gemacht, dass ich schnell aus dem Wagen springen konnte. Ich besah mir traurig den Schaden: der Rahmen war eingedrückt, der Kühler zerquetscht, die Kotflügel waren hoffnungslos zerbeult, die beiden Lampen zertrümmert – ihr könnt euch ja denken, wie ein Wagen aussieht nach solch einer Talfahrt. Lange stand ich und starrte den Haufen Unglück an, der einmal mein stolzer Wagen gewesen war. Als ich endlich aufblickte, stand Friedchen vor mir.
›Sie haben die falsche Einfahrt gewählt‹, sagte sie lächelnd, ›der Weg von der Vorderseite ist bequemer und billiger.‹
Herrlich sah sie aus, wie sie dastand und lächelte unter dem Schatten der Apfelbäume. Sie ist nicht so hochgewachsen, wie man es Fräulein Puvogel zubilligen muss, sie ist kraftvoll gedrungen, eher untersetzt zu nennen. Kraft ist überhaupt der Inbegriff ihres Wesens – eine lächelnde Kraft. Eine lächelnde Kraft war es, mit der sie mein ganzes Dasein jetzt entgegennahm.
›Ihnen scheint ja, Gott sei Dank. nichts passiert zu sein‹, sagte sie weiter, ›aber die Wagenreparatur schätze ich auf dreihundertfünfzig. Den Zaun werden wir für zwanzig Mark haben. Nun kommen Sie nur erst einmal mit herein. Den Wagen werde ich nachher abschleppen lassen.‹
Ich wollte an ihrer Seite dem Hause zuschreiten, da merkte sie es, dass ich nur noch taumeln konnte. Sie sagte nichts, sie fasste mich nur fest unter den Arm und brachte mich ins Haus.
Es war das Wirtshaus ›Zum Goldenen Anker‹ in Baddeckenburg, in das ich von Friedchen geführt wurde. Ein ungeheures Gebäude, mit jener Raumverschwendung errichtet, wie man sie sich vor zweihundert Jahren noch leistete. Ein breiter, getäfelter Flur durchlief es in seiner ganzen Tiefe, eine flachstufige Treppe wand sich mit ihrem weißen Geländer behäbig in die dämmernde Höhe. Und weiß war der Sand, der mit altväterlicher Sauberkeit über die schweren Eichenbohlen des Fußbodens gebreitet war. Gleich als mein erster Schritt auf diesem feinen Sande knirschte, strömte mir das satte Behagen einer gepflegten, freundlichen Gaststätte zu. Hierher hätte man mit einer Postkutsche fahren müssen, von weitem schon angemeldet durch das fröhliche Horngeschmetter des Schwagers.
Aber ich will nicht klagen über eine verlorengegangene Romantik – war es nicht romantisch genug, mit dem Auto in diese Welt hineingefallen zu sein, und dann von der Tochter des Hauses so herrlich empfangen zu werden, wie ich es wurde? Sie führte mich in ein kleines Nebenzimmer am hinteren Ende des Flurs.
›Jetzt erholen Sie sich erst einmal‹, sagte sie und drückte mich mit fester Hand in ein Sofa, in dem ich nun kraftlos zusammensackte. Bis jetzt hatte ich mich gerade noch gewaltsam aufrechthalten können. Sie sah das Schwinden meiner Kräfte.
›Großer Gott‹, rief sie, ›wie sehen Sie denn aus! Sie kommen mir vor wie einer, der acht Tage nichts gegessen hat. Sie werden jetzt erst einmal einen ordentlichen Schnaps trinken, und dann werde ich Ihnen ein Vesperbrot bringen.‹ Sie ließ mich allein. Die tiefe Ruhe des schönen Raumes strömte wie ein Trank des Lebens in mich hinein. Dieses Zimmer war eine stille Insel mitten im Meer einer großen Geschäftigkeit, das seine Brandung bis unter die Fenster schlug. Diese in metertiefe Mauern eingelassenen Fenster, zwischen denen auf getäfeltem Grunde alte, stockfleckige Jagdstiche hingen, gewährten nach allen vier Seiten einen wohltuend gedämpften Blick in die tätige Welt des Hauses ›Zum Goldenen Anker‹. Ich sah durch ein kleines Guckfenster zu meiner Seite in das große Gastzimmer, ich sah durch ein anderes kleines Fenster auf den Flur und in die geöffnete Küche, die meinem Zimmer gerade gegenüberlag, zur Linken sah ich auf den Hof und die Wirtschaftsgebäude, und wenn ich mich zurückwandte, konnte mein Blick ein Stück des Gartens und des Stromtals erhaschen. Das also war die Szenerie, in die ihr euch versetzen müsst, liebe Freunde. Übrigens bin ich etwas durstig geworden bei der Schilderung dieses Wirtshauses.«
Wilhelm holte eine Flasche Wein, der Dichter stärkte sich und fuhr fort:
»Auf allen diesen Schauplätzen sah ich nun Friedchen bald ihre lächelnde Kraft entfalten. Zunächst brachte sie mir ein großes ›Wachtmeisterglas‹ voll Korn. ›Zur Gesundheit!‹ sagte sie innig, dann eilte sie wieder hinaus. Ich hatte natürlich während meiner Fastenkur den Alkohol streng gemieden – aber nun, wo er mir von dieser Hand und mit so zwingender Geste hingesetzt worden war, wandelte sich der Ekel vor geistigen Getränken in Zutrauen und Gläubigkeit. Wie eine Medizin sog ich langsam das würzige, eiskalte Getränk in mich ein. Mit einem ungewohnten Ungestüm drang der Trunk in mein Blut, dass es wie Feuer in alle meine Sinne schlug. Und so wurde ich innerlich wach, um diese ganze Welt auf mich wirken zu lassen, durch die Friedchen stark und weise waltend hindurchging.
Im großen Zimmer sah ich sie zwischen den Reihen der Gäste flink hin und her gehen. Speisen auftragen, Bestellungen entgegennehmen, Ungeduldige beschwichtigen, Schwankende beraten, Suchende zurechtweisen … Danach sah ich sie wieder auf dem Hofe, wo das hungrige Geflügel ihrer schon wartete – es war das Bild eines großen, gütigen Spendens, das ich nun schauen durfte: alle kamen sie an und drängten sich freudig um sie, es gurrte und gackerte und kreischte und schnatterte und kullerte um sie herum, sie aber gab lächelnd allen die Speise, das Korn und den Mais und die Küchenabfälle. Ein Tierchen schien sie vor allem zu lieben, es war ein fettes Hähnchen, dem sie mit einmal eine besondere Gabe hinwarf, um es dicht an sich heranzulocken. Blitzschnell streckte sie die Hand aus und griff nach dem Tier … Jetzt wird sie es an sich ziehen und zärtlich liebkosen, dachte ich. Aber sie hatte es anders mit diesem Hahn im Sinne. Sie hielt mit der Linken das schreiende Tier fest umklammert, sie lief zu einem Hackeklotz, griff zu einem danebenliegenden Beil, ein letztes banges Kreischen ertönte – und schon lag der Kopf ihres kleinen Lieblings auf der Erde. Ich erschauerte. In diesem Augenblick wuchs sie vor mir ins Erhabene. So war auch die ewige Natur, so wie sie sich jetzt zeigte: gütig und grausam zugleich, spendend und vernichtend, nährend und verschlingend.
Gleich darauf sah ich die Unermüdliche in die Küche laufen, wo sie ein bereits angerichtetes Speisebrett entgegennahm. Sie trug es zu mir herein, sie stellte es so dicht vor mich hin, dass ich erschrak – musste ich nicht die Verlockung, die sie da vor mir aufbaute, als teuflisch empfinden?
›Nun habe ich Sie Unglückswurm auch noch so lange warten lassen‹, lächelte sie. ›Ich habe es heute etwas eilig, am Sonntag ist bei uns natürlich immer besonders viel los. Lassen Sie sich’s schmecken – vergessen Sie den Schrecken! Ihr Auto habe ich übrigens schon abschleppen lassen. Wollen Sie nun heute mit der Bahn noch weiterfahren?‹
›Nein‹, sagte ich fest und klar, ›ich bleibe heute hier.‹ Am liebsten hätte ich schon jetzt zu ihr gesagt: Ich werde mein ganzes Leben hierbleiben. Ich hätte das gesagt trotz dieser Speisen, die sie mir da hingerückt hatte und die ich nun, nachdem sie hinausgegangen, bange betrachtete:
Hatte der Satan selber dies alles dereinst erdacht, sich vor dem eigenen, wohlverdienten Verhungern zu bewahren? Ich spürte die fürchterlichen Versuchungen, die mir armem, schwachem Menschen mit dem Duft dieser Speisen entgegenströmten. Da lachte aus einer genähten Flomenhaut die dunkelrote Mettwurst hervor, der feine Rauch von Buchenspänen schwebte über ihrer aufreizenden Rundung, des Schinkens blasses Rot glomm sanft neben dem munteren Mosaik einer riesigen Kopfsülze, der süße Geruch der weichen Leberwurst vereinte sich mit dem herben Hauch des frischen Roggenbrots zu einer betörenden Melodie. Die Gewürze der Gurken klangen hinein: Weinessig, Senf, Dill, Majoran und Estragon. Das bescheidene, gütige Gelb der Butter brachte die ferne Witterung von Milch, Kuhstall und sonnendurchfluteter Weide hinzu …
Es waren schwere Minuten, die ich nun zu bestehen hatte. Zunächst blieb ich Sieger. Ich wandte mich entschlossen ab von diesem schrecklichen Speisebrett, der Schnaps hatte mir so viel Kraft gegeben, dass ich mit einem harten Entschluss aufstehen konnte. Ich trat an das Fenster, das nach dem Garten hinaussah. Er senkte sich, am Hause entlang, bis zu der großen Straße hinunter, die hier eine Strecke lang die Weser begleitet. Den Strom selbst sah ich, wie er sich in der Ferne aus Wiesen und Bergen herausschlängelte. Ich sah den Dampfer, der auf ihm jetzt feierlich langsam herankam, von dem überfüllten Deck drang froher Gesang herüber. Der Dampfer entschwand meinen Blicken, denn die Aussicht auf den Strom war durch eine Gruppe uralter Kastanien vor dem Gasthof verdeckt. Plötzlich aber verriet mir ein in aller Nähe ertönendes Sirenengeheul, dass das Schiff angelegt hatte. Eine Flut von Menschen ergoss sich gleich darauf in die Gaststube und in den Garten, es war, wie ich später erfuhr, der Dölmer Männerturnverein, der mit Weib und Kind eine Dampferfahrt unternommen hatte. Nun hättet ihr sehen sollen, wie Friedchen in einer geradezu genialen Weise diesem Ansturm begegnete: schon beim ersten Sirenengeheul war sie in die Küche geeilt und hatte ganze Brotlaibe in eine große Aufschneidemaschine geschoben. Als dann die Kellner mit flatternden Servietten in die Küche gerast kamen, um ihr die dreißig, die fünfundzwanzig, die zwanzig belegten Butterbrote erbarmungslos entgegenzuschreien, da nickte sie nur lächelnd. Friedchen wäre einem noch wilderen Ansturm gewachsen gewesen. Ein dreißigpfündiger Schinken zerschmolz unter dem blitzschnellen Auf und Ab ihres Messers, Würste und kalter Braten flossen scheibenweis in ununterbrochenem Strom auf die Brote. Wieder erschauerte ich – es war etwas Großes um die schaffende Sorge, mit der dieses Weib gleichsam im Handumdrehen hundert hungrige Menschen speiste.
Aber was mich am meisten erschütterte, war, dass ich kleiner, armer, einsamer Mensch über diesen Hunderten von ihr nicht vergessen wurde. Sie hatte die letzte Scheibe kaum belegt, da kam sie nochmals zu mir ins kleine Zimmer geflogen.
›Soll ich noch etwas nachbringen?‹, fragte sie in ihrer unendlichen Güte. Da fiel ihr Blick auf das unberührte Brett. Nie werde ich den Ausdruck ihres Gesichtes vergessen, mit dem sie ihre verschmähten Speisen bemerkte. ›Schmeckt es Ihnen nicht? Das tut mir sehr leid, ich hatte es ganz besonders gut mit Ihnen gemeint.‹ Ihre Stimme bebte.
Ich brachte es nicht fertig, ihr die alberne Wahrheit zu sagen, das wäre ein Verrat an der großen, unermüdlich spendenden Güte gewesen, die ich erschauernd hier hatte erleben dürfen, ein Erstarren im eisigen Hochmut des Hirnes wäre das gewesen. Ich konnte nur noch stammeln:
›Das war nur der Schreck … Ich werde gleich essen.‹
Sie nickte beruhigt. Dann ging sie hinaus – und ich aß.
Lange saß ich still und in mich gekehrt, nachdem ich die Speisen zu mir genommen hatte. Es war ein Neues in mich gekommen, das ich mir nur mit Aufbietung aller Kräfte des Leibes und der Seele wahrhaft zu eigen machen konnte. Es schmolz etwas in mir, es löste sich die unnatürliche Verkrampfung meines inneren in süßen Tränen, ich sank zurück in den dunkel warmen Schoß des Lebens, mit Faust konnte ich sagen:
›Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder …‹
Ja, voll tiefen Dankes fühlte ich es, dass dieses Mädchen mich auf die schöne Erde zurückgeführt hatte. Eine selige Ruhe kam über mich, unmerklich sanft glitt ich hinein in die Gefilde des Schlummers.
Ich wurde aufgescheucht durch ein lautes Schreien im Gastzimmer. In meinem kleinen Raume war es mittlerweile dunkel geworden, im großen Zimmer brannte schon Licht, ich sah es durch das Guckfenster zu meiner Rechten. Als das Schreien sich zu einem wüsten Toben steigerte, erhob ich mich und warf einen Blick in den Nebenraum. Ich sah zwei betrunkene Männer, die im Streit aufeinander einschlugen. Ihr Kampffeld hatte sich schon abgezeichnet durch umgeworfene Stühle und zerschmetterte Biergläser. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, und es erschien ein Koloss von einem Menschen. Er war so groß und so breit, dass er den Türrahmen ganz ausfüllte. Ruhig. ohne jede Spur von Erregung, schob er sich an den Kampfplatz heran, schweigend hob er zwei furchtbare Fäuste, schweigend streifte er die Hemdärmel zurück, schweigend packte er mit jeder Faust einen Kämpfenden im Nacken, schweigend hob er die beiden hoch in die Luft, schweigend trug er sie hinaus auf die Straße. Es war eine Szene von schier monumentaler Größe.
Vergeblich hatte mein Blick das Zimmer nach Friedchen abgesucht. Wo mochte sie sein? War sie im Garten oder auf dem Hof? Ich ging hinaus auf den Flur; in der Küche war sie nicht. Ich trat auf den Hof, über den der halbe Mond sein Licht gegossen hatte. Langsam durchschritt ich den Garten, der sich hinter den Stallgebäuden noch bis an die Hauptstraße vorschob. Ich war bis an den Zaun gekommen, da hörte ich das Glucksen eines Wässerchens. Ich erschrak: Zwischen Zaun und Straße lief ein Bach, dessen Wellen im Mondschein zitterten. Von einer jähen Ahnung getrieben, hob ich den Kopf – und nun sah ich ihn auch, den Wald meines Schicksals. Denn ragten nicht, als ernste Mahner, im Hintergrunde des Gartens die Fichten mit zackigen Häuptern in den nächtlichen Himmel? Und lag da nicht auch das Haus meines Schicksals? War das Gebäude, das ich soeben verlassen hatte, im ersten Stock nicht aus weißem Fachwerk gefügt, das hell im Mondlicht zu mir herüberleuchtete? Lag es nicht weit vor dem Dorfe, dies Haus? Und sicherlich hatte es einen Vorgarten mit Stockrosen und Cosmeen darin. Ergriffen richtete ich mich auf, dem gütigen Himmel entgegen, ich holte tief Atem, den Segen dieser Erkenntnis dankbar in mich einströmen zu lassen. Ich gedachte mit einem Male wieder jener Visionen der alten Frau Brinkmann – ich wusste, dass ich aus der eisigen Höhe der Schicksalslosigkeit zurückgekehrt war in die fruchtbaren Ebenen menschlicher Gebundenheit, über welche die im warmen Dämmer eines Kuhstalls mir bescherten Gesichte wieder Macht hatten.
Ich wandelte am Rande des Gartens entlang dem Hause zu; ich kam an einer Heckenlaube vorbei, ich blickte hinein – und da sah ich sie sitzen. Sie saß ganz still und allein da, ich wusste es in diesem Augenblicke, dass sie auf mich wartete. Da waren sie nun alle zu mir gekommen: das Haus, der Wald, der Bach – und die Frau. Ich ging hinein in die Laube und setzte mich zu ihr auf die Bank. Sie lächelte diesmal nicht, sie schien ernst, vielleicht wehrte sie sich noch gegen ihr Schicksal.
›Sind Sie denn gar nicht müde?‹, fragte sie mich, und wieder rührte mich ihre Besorgtheit, ›ich habe Ihnen Ihr Zimmer schon richten lassen, Sie schlafen auf Nummer dreiundzwanzig. Ich würde mich an Ihrer Stelle möglichst schnell hinlegen. Wenn ich bedenke, wie erschöpft Sie waren, als Sie kamen …‹
›Fräulein Fricke‹, sagte ich, ›haben Sie einen Vorgarten am Hause?‹
Ein kurzes, erstauntes Ja kam aus ihrem Munde.
›Was für Blumen haben Sie in Ihrem Vorgarten, Fräulein Fricke?‹
›Rosen und Anemonen. Warum fragen Sie danach?‹
Sie fuhr zusammen. Am Eingang der Laube erschien die riesige Gestalt jenes Mannes, den ich zuvor im Gastzimmer eine Probe seiner furchtbaren Kraft hatte ablegen sehen. Er blickte zu uns hinein, zögerte kurz und verschwand dann wieder.
›Sie scheinen Angst zu haben vor diesem Manne, Fräulein Fricke. Aber Sie brauchen keine Angst zu haben, schließlich bin ich doch noch hier …‹
Ihr herrlicher Frohsinn erwachte wieder, sie lachte hellauf, und dieses Lachen gab mir den Mut zu meinem großen Vorstoß: ›Sie wollen wissen, Fräulein Fricke, warum ich nach den Blumen Ihres Vorgartens fragte. Eine alte Weissagung verheißt mir, dass im Vorgarten meiner künftigen Frau Stockrosen und Cosmeen blühen würden. Ich bin gewiss, dass die Rosen in Ihrem Vorgarten an Stöcken blühen und dass Ihre Anemonen eine tiefe Ähnlichkeit mit Cosmeen haben. Verstehen Sie nun meine Frage?!‹
›Nicht ganz‹, sagte sie mit einer Herbheit, die mich entzückte. Nichts hätte mich mehr abgestoßen als ein allzu williges Eingehen auf meine Absichten.
›Fräulein Friedchen‹, begann ich wieder nach einem letzten, tiefen Atemholen, ›ich bin kein Jüngling mehr, meine gesetzten Jahre mögen Ihnen die Gewähr geben, dass ich keiner Laune gehorche, wenn ich Ihnen die Frage vorlege, die ein Mann nur einmal im Leben einer Frau vorlegen kann: Wollen Sie mein Weib werden?‹«
Konrad verstummte. Er leerte langsam sein Glas, nahm sich eine Zigarre und zündete sie umständlich an.
»Was antwortete denn nun Fräulein Friedchen Fricke?«, fragte ich ihn ungeduldig, »du entwickelst wirklich geradezu eine Fertigkeit, uns auf die Folter zu spannen. Schließlich hast du doch keine Leser deiner Romane vor dir …«
In diesem Augenblick ertönte die Klingel unserer Haustür.
Wilhelm erschrak.
»Das ist sicher wieder so ein unerzogener Patient, dem es nach Feierabend einfällt, dass er schon den ganzen Tag Leibschmerzen gehabt hat.«
Er stand auf und ging hinaus. Aber es dauerte kaum eine Minute, so kam er zurück. Er kam nicht allein. Mit ihnen kam meine Freundin Erna, das gute Mädchen, dem ich so weise Ratschläge für die Behandlung meines futtermüden alten Esels verdankte.
Sie war in »Zivil«, statt der nüchternen Amtstracht hatte sie (mir zur Feier, wie sie sorglich erklärte) ein weinrotes seidenes Kleid angelegt, das ihre kraftvolle Schlankheit anmutig betonte. Ja, die Gute hatte unseren Verlobungstag nicht vergessen, der Strauß, den sie mir nun überreichte, bewies es mir.
Wir umarmten uns, dann stellte Wilhelm ihr den Dichter vor, der die ganze Zeit abseitsgestanden hatte, die staunenden Augen unverwandt auf das Mädchen gerichtet.
Ich begab mich in die Küche, um für Erna noch einen Imbiss zurechtzumachen.
»Ich werde dir helfen«, sagte der Dichter und stürzte mir nach. »Was ist denn das für ein fabelhaftes Mädchen?«, fragte er mich in der Küche, »und so etwas habt ihr mir jahrelang vorenthalten? Und hast du dir wohl den Strauß genau angesehen, den sie mitgebracht hat?«
»Natürlich. Was soll denn mit dem Strauß sein, Konrad?«
»Was mit ihm sein soll!«, schrie er mich an, »das sind Stockrosen und Cosmeen! Hoffentlich hat sie nicht auch noch einen Vorgarten!«
»Unverbesserlicher alter Esel!«, schrie ich ihn nicht minder laut an, »mach, dass du aus meiner Küche kommst!«
Ohne Widerspruch zu erheben, verschwand er.
Als ich nach einer Weile ins Esszimmer zurückkehrte, fand ich Konrad im angeregtesten Gespräch mit Erna vor. Wilhelm hatte die Gelegenheit benutzt, sich in seine Zeitung zu vertiefen.
Wir setzten uns nun zusammen zu Tisch. Kaum dass wir saßen, fuhr Konrad, gegen Erna gewendet, in einer offenbar nur durch mein Eintreten unterbrochenen Rede großen Zuschnitts fort:
»So werden Sie verstehen, gnädiges Fräulein, dass ich immer noch auf der Suche bin nach dem Stück Erde, in dem ich für alle Zeit Wurzel schlagen kann. Aber vielleicht ist mir das ›Finden‹ ewig versagt, vielleicht ist es die Tragik meines Lebens, ein Suchender zu sein und zu bleiben.«
Mich empörte dieses Bekenntnis eines Suchenden, gleichwohl brachte ich ein Lächeln auf:
»Vor fünf Minuten, lieber Konrad, warest du ein Findender oder vielmehr ein Gefundenhabender …«
»Auf alle Fälle«, warf Wilhelm ein, »hast du uns allerhand schöne Dinge von einem ›gefundenen Fressen‹ erzählt.«
»Ich verstehe das nicht ganz«, lächelte Erna. »Ihr macht mich wirklich neugierig.«
»Verzeih«, wandte ich mich der Freundin zu, »es war unhöflich, dass wir uns in Andeutungen ergingen, die du nicht verstehen konntest. Unser lieber Freund Konrad war gerade dabei, uns die Geschichte seiner letzten Verlobung zu erzählen, als uns dein Klingeln unterbrach …«
»Verlobung …«, schrie der Dichter, »wer hat denn schon von Verlobung gesprochen! Das ist ja unerhört!«
»Es ist allerdings unerhört«, pflichtete Wilhelm ihm bei, »dass man nicht einmal die flüchtigste Neigung für ein weibliches Wesen bekunden kann, ohne sofort mit dem Makel einer Verlobung behaftet zu werden.«
»Immerhin wirst du nicht abstreiten können, Konrad«, fiel ich ein, »dass du uns eben noch von einem regelrechten Heiratsantrag berichtet hast, mit dem du ein junges Mädchen beehrtest. Ihre Antwort warst du uns noch schuldig geblieben.«
»Aber ich bitte euch«, wand sich verzweifelt der Dichter, »was heißt denn ›Heiratsantrag‹? Versetzt euch doch einmal in meine Lage – erschüttert wie ich sein musste durch die Erlebnisse der voraufgegangenen Stunden, vor Schwäche dahinschwindend, hineingestürzt in eine neue Welt, von den Toten auferstanden, nach langen Hungerwochen die erste Speise empfangend aus der Hand eines Mädchens. Und dann noch diese Visionen der alten Brinkmann …«
»Die Antwort wollen wir hören«, unterbrach ich ihn. »Ich fragte nach Fräulein Friedchen Frickes Antwort, Konrad!«
»Also gut, ihr sollt ihre Antwort hören. Sie war natürlich sehr glücklich, sie lachte hell vor Freude. Aber selbst in diesem Augenblicke hatte sie sich so weit in der Gewalt, dass sie nicht blind ihrem Gefühl erlag, sondern immerhin gewisse Bedingungen zu stellen fähig war. Ja, mag sie nun im Übrigen sein, wie sie will, eine Schönheit ist sie gerade nicht; wenn ich mir das so richtig überlege, ist sie doch eigentlich etwas zu kurz geraten – jedenfalls steht sie mit ihren beiden dicken Beinen fest auf der Erde …«
»Wir wollen ihre Antwort auf deinen Antrag hören!«, fuhr Wilhelm ihn an.
»Ich war ihr nicht dick genug, zu ›schmächtig‹, wie sie sich ausdrückte!«, überschrie der Dichter seine eigene Verlegenheit. »Damit ihr es endlich wisst: sie verlangte, dass ich zunächst einmal zwanzig Pfund zunähme, ehe sie sich endgültig entschiede. Ihr gefallen nun einmal nur deftige Naturen. So, wie ich damals war, konnte sie mich nur als einen ›Ritter von der traurigen Gestalt‹ empfinden.«
»Der edle Ritter Don Quichotte de la Mancha«, sagte Wilhelm ernst, »ist eine Gestalt von tiefer Tragik. Es ist keine Schande, in seine Nachbarschaft gerückt zu werden. Und wie hast du nun den Kampf gegen die Schlankheit so siegreich aufgenommen?«
»Indem ich ganz einfach meinen nach den Hungerwochen ungestüm wiederkehrenden Appetit rücksichtslos befriedigte. Ich muss sagen, dass Fräulein Fricke sich in der Beziehung als eine recht tüchtige Pflegerin gezeigt hat, schon zum Frühstück setzte sie mir die Fülle der Leckerbissen vor, die bei einem Schlachtereibetriebe abfallen: Kalbskern, gebackenes Hirn, gedünstete Schweinenieren, Wellfleisch und Pökelnacken. Wenn ihr dann bedenkt, dass ich während der ganzen Baddeckenburger Zeit kaum das Zimmer verlassen habe, wird euch klarwerden, dass ich schnell wieder ansetzen musste. Frickes waren nämlich gleich so großzügig, mir rückhaltlosen Einblick in ihre Vermögensverhältnisse zu gewähren.«
»Und davon bist du so dick geworden …?«, unterbrach ich ihn.
»Nicht davon. Aber von dem ehrenvollen Auftrag, ihre Bücher in Ordnung zu bringen und daraufhin ihre Steuererklärung auszuarbeiten. Das Unglück wollte es nämlich, dass Fräulein Frickes Vater, der die Bücher geführt hatte, kurz nach meiner Ankunft einen Schlaganfall bekam.«
»Konrad«, sagte Wilhelm ernst, »da hast du. eine große Schuld auf dich geladen.«
»Wieso …?«
»Ich nehme an, dass dein Schwiegervater infolge deines Heiratsantrages vom Schlage gerührt wurde.«
»Der Gastwirt und Schlachtermeister Fricke«, erwiderte der Dichter verweisend, »war nach Angabe seiner Tochter Frieda infolge gewohnheitsmäßigen starken Fleisch- und Alkoholgenusses seit langem Arteriosklerotiker …« Der Dichter verbeugte sich leicht gegen Erna: »Wir reden hier fortwährend von Dingen, die Sie, gnädiges Fräulein, unmöglich kurzweilig finden können. Wir wollen doch dieses Thema verlassen.«
Erna hatte den Worten des Dichters mit aufmerksamem Ernst gelauscht. Sie schüttelte den Kopf:
»Ganz im Gegenteil. Sie scheinen da einer ungemein tüchtigen jungen Dame begegnet zu sein.«
»Da haben Sie Recht, gnädiges Fräulein! Mag sie nun noch so viele Schwächen haben, diese Schlachterstochter – tüchtig ist sie! Das hat mir wirklich imponiert, wie sie meine sozial doch immerhin wenig produktive Existenz einzuschalten verstand in das fruchtbare Getriebe ihrer Wirtschaft. Stellen Sie sich nur vor: Wenn ich gut und gern meine zehn Stunden hinter den Büchern gesessen und Steuerkommentare gewälzt hatte, musste ich nach Feierabend noch in der Gaststube aushelfen.«
»Musstest du hinter dem Bierhahn stehen, Konrad? Oder musstest du die Gäste bedienen?«
»Ich musste beides. Und ich musste auch oft mit den Stammgästen trinken, zwanzig kleine Helle am Abend waren meine Durchschnittsleistung. Kurz und gut – ihr könnt euch denken, dass ich meine zwanzig Pfund gleichsam spielend wieder aufholte. Als ich heute Morgen auf der Automatenwaage mein Gewicht feststellte, lachte mir auf dem herausgeworfenen Kärtchen die runde, nette Zahl 115 entgegen.«
Zaghaft huschte des Dichters Blick zu Erna hinüber.
»Schrecklich ist das, nicht wahr, Fräulein Erna? Aber das ist nur eine ganz vorübergehende Erscheinung, ein paar Wochen Frischleben werden mich zu einem neuen Menschen machen.«
»Aber vorerst«, sagte sie mit unvermindertem Ernst, »wüsste ich gern, was der alte Mensch mit seinen hundertfünfzehn Kilogramm bei diesem tüchtigen Mädchen erreicht hat.«
Der Dichter schwieg eine Weile. Er leerte sinnend sein Glas in kleinen Zügen.
»Was ich erreicht habe …«, sagte er endlich zögernd, »na ja, wenn ich es mir jetzt so in aller Ruhe überlege, so hat mir das Mädchen aus Baddeckenburg, bei Lichte besehen, immer noch keine hundertprozentige Zusage gegeben. Ich zeigte ihr also heute Morgen als Ausweis meine Gewichtskarte vor, die sie natürlich stark beeindruckte, sie jubelte geradezu vor Vergnügen, am liebsten wäre sie mir wahrscheinlich gleich um den Hals gefallen. Aber der Teufel musste wohl das arme Geschöpf reiten, dass sie noch eine zweite Bedingung stellte. Nein, nein – je mehr ich darüber nachdenke, desto unwahrscheinlicher wird es mir, dass ich ihr den Gefallen tue, diese Bedingung zu erfüllen.«
Der tiefe, teilnahmsvolle Ernst in Ernas Zügen war nicht gewichen, als sie den wieder verstummenden Konrad fragte:
»Dürfen wir noch wissen, was für eine Bedingung das war?«
Gewährend nickte der Dichter:
»Es trieb da im ›Goldenen Anker‹ ein Unhold sein Wesen, ein Schlachtergeselle namens Siegfried Alfeiß. Er war an die zwei Meter groß und ein Meter breit, ich hatte ihn gleich am Abend meiner Ankunft zwei betrunkene Männer mit ausgestreckten Armen in die Höhe heben sehen. Ich glaubte auch bald zu bemerken, dass er Fräulein Fricke lästig fiel, es ist mithin begreiflich, dass sie von dem Wunsche beseelt war, ihn loszuwerden. Was nun ihre Bedingung betraf, so begann sie schüchtern, voll einer Angst, die mich eigentlich recht rührte: ›Da ist nun noch Herr Alfeiß …‹ – ›Den möchten Sie gern loswerden‹, kam ich ihr zu Hilfe. Das gequälte Wesen brachte schon wieder ein Lächeln auf, so groß war sein Vertrauen zu mir, dann sagte es: ›Ja – mit dem müssten Sie wohl erst fertig werden …‹ Ich nickte nur, ich bin kein Mann der großen Worte, ich ging auf den Hof, gewillt, dieses kindliche Vertrauen zu rechtfertigen – ich wollte mit Siegfried Alfeiß sprechen. Auf dem Hofe war ein großes Hallo, ein junger Bulle hatte sich im Stalle losgerissen und raste nun wild zwischen den Wirtschaftsgebäuden umher. Während die Knechte und die Lehrlinge sich schreiend auf einen Leiterwagen flüchteten, kam ahnungslos eine Magd aus dem Garten. Ihr rotes Kopftuch reizte den Stier zu einem jähen Angriff; mit drohend gesenkten Hörnern sprang er sie an. Wer weiß, welches Schicksal er dem schreckerstarrten Mädchen bereitet hätte, wenn nicht in diesem Augenblick Siegfried Alfeiß sich aus der Scheunenluke mit einem gewaltigen Satz auf den Hof geschwungen hätte. Er stürzte sich auf das Tier, packte es bei den Hörnern und riss es zur Seite. Und dann geschah das Unglaubliche: er zwang den Bullen durch einen furchtbaren Druck seiner Fäuste auf die Knie …«
Überwältigt von der Größe dieser Erinnerung verstummte der Dichter.
»Und dann?«, fragte Wilhelm, »was tatest du dann, Konrad?«
»Dann … ja dann brachte ich es angesichts dieser Heldentat nicht fertig, ihn kurzerhand vom Hofe zu weisen. Nein, nein, mir drängt sich jetzt auch der Gedanke auf, dass ich vielleicht gar nicht zum Vorteil des Mädchens handeln würde, wenn ich diesen zwar etwas ungehobelten, aber doch immerhin sehr brauchbaren Burschen wegjagte. Schließlich gehört doch ein starker Schutz auf solch ein Anwesen, noch dazu, wo der Vater krank ist. Ich glaube beinahe«, er schielte erwartungsvoll zu Erna hinüber, »ich tue am besten daran, mich unauffällig und unter möglichster Schonung der Betroffenen zurückzuziehen. Ich werde vorläufig gar nicht nach Baddeckenburg zurückkehren. Übrigens – darf ich mir erlauben, auf Ihr Wohl zu trinken, Fräulein Erna?«
Lächelnd erhob Erna ihr Glas …
»Konrad«, sagte Wilhelm mit einem schweren Ernst, »du hast die Visionen der alten Brinkmann vergessen. Glaubst du wirklich, deinem Schicksal ausweichen zu können?«
»Ach so – du denkst an den Bach und den Wald und das Fachwerkhaus. Unter uns gesagt: der Bach war doch eigentlich nur ein Straßengraben, und eine Gruppe von zwanzig Fichten hinter dem Garten kann man schließlich nur bei sehr gutem Willen als ›Wald‹ bezeichnen, und was das Fachwerkhaus betrifft – na ja, da hatte ich mich im Mondenschein etwas geirrt, ich hatte den Schatten von einigen Ästen für das Gebälk von Fachwerk gehalten. Das Gequieke von Schweinen freilich war da, das kann ich nicht abstreiten. Aber Schweinegequieke ist ja immerhin noch kein Grund, sich zu verloben!«
»Aber auch kein Grund, leichtfertig in einem armen Mädchen Hoffnungen zu erwecken«, sagte ich, »das ist nun schon das dritte Mal innerhalb eines Vierteljahres! Maren Ellernkamp hat sich ja zwar nach harten Kämpfen getröstet, aber wenn ich an Fräulein Mathilde Puvogel denke, wird mir immer wieder das Herz schwer.«
»Um Fräulein Puvogel brauchst du dir keine Sorgen zu machen, Grete! Die hat sich längst mit Dr. Rudolf Borch verlobt! Er ist schon als Juniorchef in die Firma Bernhard Puvogel eingetreten und hat mir als solcher eine Rechnung in Höhe von hundertsiebenundvierzig Mark und dreiundzwanzig Pfennig für die in meinem Auftrage an ihn gelieferten Lebensmittel zugleich mit der Verlobungsanzeige gesandt! Mein Haus hat er übrigens bereits vor vier Wochen verlassen. Lisbeth teilte mir mit, dass sie gleich nach dem Auszuge des Philosophen die geschändeten Räume in tagelanger harter Arbeit wieder bewohnbar gemacht habe.«
»Aber dann hättest du ja deinen Haushalt gar nicht aufzulösen brauchen. Übrigens habe ich den Eisschrank und die Gardinen bis heute noch nicht bekommen!«
»Du wirst sie auch nicht bekommen, liebe Grete. Ich habe mein Haus nicht aufgegeben, und ich werde es nicht aufgeben – und wenn es auch nur ein gemietetes Stadthaus ist! Wenn ich es recht bedenke, ist die wahre Ruhe, die burghaft gesicherte Einzigkeit des Lebens doch nur in der Stadt zu finden.«
»Oh – wie sehr haben Sie recht«, sagte Erna, und sie lächelte herrlich, wie es mir schien, wenn auch nicht unter dem Schatten von Apfelbäumen, »wenn ich daran denke, wie unruhevoll wir wohnen, obwohl unser Haus weitab von der Stadt, schon in der Nachbarschaft des nächsten Dorfes liegt … Der Wald hinter unserem Hause und der Bach neben unserem Grundstück scheinen ja wirklich allen Frieden der Welt zu versprechen. Aber wenn ich dann morgens in den Vorgarten gehe, um mich an seinen Blumen zu erfreuen – wir haben so wunderschöne Stockrosen und diese zarten Cosmeen, die im Winde gegen das weiße Fachwerk wehen –, dann werde ich jedes Mal wieder aufgeschreckt durch das Quieken der armen Schweine, das vom Nachbargrundstück herüberdringt. Denken Sie nur: kaum hatten Mutter und ich das Haus bezogen, da baute sich nebenan ein Schlachter auf. Nein, bleiben Sie nur in Ihrer Stadt.«
Konrad war aufgesprungen. In seinen Zügen lag ein großes Entsetzen. Dann schlug er sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. »Ich Esel …«, murmelte er.
»Ja, du Esel«, stimmte ich ihm bei, »du unverbesserlicher alter Esel!«
Nachwort
Lieber Leser,
wir bitten dich, uns auf die Veranda des Doktorhauses in Wenzen zu folgen und dich zu uns an den Tisch zu setzen, an dem die Geschichten vom »Vergnüglichen Leben« und von den »Drei Eseln der Doktorin Löhnefink« Gestalt gewonnen haben.
Wir – das sind die Doktorin Löhnefink, ihr Gatte Wilhelm und dessen Jugendfreund, der Dichter Konrad. Wir wollen dir verraten, lieber Leser, dass wir drei uns zu einer Art »Kollektiv« zusammengefunden haben, zu einer Gemeinschaft des Lachens und des Erzählens. Immer wenn der Dichter Konrad in Wenzen einkehrte, war es so, dass die Doktorin mit einer Fülle ergötzlicher Geschichten aufwarten konnte, die sie inzwischen erlebt und erlauscht hatte. So kam es ganz unversehens, dass wir uns eines schönen Sommerabends zum gemeinsamen Ordnen der vielen lustigen Dinge zusammensetzten, die der Doktorin froher und wacher Blick uns hatte finden lassen. Beschirmt und geleitet gleichsam vom Lächeln der Doktorin, gingen der Dichter und der Doktor Löhnefink an eine Zusammenarbeit, die eine »wortfürwörtliche« und so innige wurde, dass durch die Verschmelzung ihrer beider Charaktere tatsächlich ein neuer Autor entstanden zu sein scheint, eben der »Löhnefink-Autor«, der sich vorerst nur zu einer Hälfte als Verfasser bekannte, während dir hiermit die andere Hälfte vorgestellt sei: sie heißt Dr. Wilhelm Vermeulen.
Werksvorschau
Ferner ist von KONRAD BESTE erschienen
Das vergnügliche Leben
der Doktorin Löhnefink
Ein heiterer Roman
Dieses ist das erste Buch, das von ihr und ihren Nöten berichtet und wodurch unzähligen Lesern die Doktorin Löhnefink vertraut geworden ist.
Taschenbuchausgabe 160 Seiten DM 4,80
Deutscher Literatur-Verlag – Hamburg 70 – Mühlenstieg 16–22
Klappentext
Konrad Beste
Die drei Esel der Doktorin Löhnefink
Ein heiterer Roman
Dieser schon in mehr als 100 000 Exemplaren verbreitete Roman wird jeden Leser erfreuen, der Sinn für eine beschauliche dörfliche Welt hat. Die Dortmunder Zeitung schreibt:
„… Konrad Beste ist einer der wenigen Dichter von heute, die humoristisch erzählen können, frisch von der Leber weg, ohne Stilmätzchen, nein, wie ein netter Mensch, aus dem Bekanntenkreise, der Sinn für das Komische und Ulkige hat, ohne uns oder die Dinge zu veralbern, von denen er spricht. Es macht wirklich Freude, das Buch zu lesen, zumal nur das Komische komisch, das Ernste aber ernst genommen wird. Und diese Eigenschaft bewahrt das Buch davor, flach und nichtig zu werden. Im Gegenteil, es enthält nahrhafte, gesunde Kost, so recht geeignet, dass sich daran Menschen am Abend erholen und erheitern, die tagsüber tüchtig gearbeitet haben. Was es mit den ‚drei Eseln‘ auf sich hat, wird nicht verraten, denn ein weiterer Reiz der Geschichte besteht darin, dass sie nicht im Beschaulichen verharrt, wie so manche humoristische Bücher, sondern dass in ihr allerlei geschieht und dass Spannung darin ist.“
Weitere Informationen zum Buch
„Die drei Esel der Doktorin Löhnefink“ spielt um das Jahr 1934 im Dorf Wenzen, heute ein Ortsteil der Stadt Einbeck im Landkreis Northeim in Südniedersachsen. Wenzen liegt an der Bundesstraße 64 in einem Tal zwischen den Mittelgebirgen Hils und Elfas und gehört landschaftlich zu Weserbergland und Leinebergland. Der Ort liegt rund acht Kilometer von Einbeck entfernt und zählt heute etwa 650 Einwohner. Er befindet sich an der Bahnstrecke Altenbeken–Kreiensen; der ehemalige Bahnhof liegt am Waldrand des Hils, mehr als einen Kilometer vom Dorf entfernt.
Für den Roman wählte der Autor für Wenzen und einige andere Orte fiktive Bezeichnungen, während alle übrigen Ortsnamen der Realität entsprechen. In diesem Digitalisat wurde das Pseudonym „Hunzen“ durch das tatsächliche Wenzen ersetzt, ebenso die „Domäne Odagsen“ durch die reale Domäne Voldagsen.
Die erfundenen Ortsnamen „Bad Frischleben“, in welchem das Sanatorium des Dr. Jungmann liegt, und „Baddeckenburg“ an der Weser wurden beibehalten, da ihre Zuordnung zu realen Orten nicht eindeutig ist.
Der fiktive Name „Hunzen“ führte gelegentlich zu Verwechslungen, da nur 22 Kilometer nordwestlich von Wenzen bei der Stadt Eschershausen das reale Dorf Hunzen liegt.
Die Familie des Landarztes Doktor „Löhnefink“ in Wenzen hat ein historisches Vorbild: die Familie Sievers. Der Sohn, Gottfried Sievers, besuchte nach dem Zweiten Weltkrieg gemeinsam mit dem Eschershäuser Kaufmann Lothar Kaese die höhere Handelsschule in Holzminden. Fotografien und persönliche Korrespondenz sind im kaeseschen Familienarchiv erhalten; ein Löhnefink-Buch mit persönlicher Widmung von Gottfried Sievers ging jedoch verloren.
Auch der im Roman auftretende Wenzener Pastor „Otto Fänger“ hat ein reales Vorbild. In Wirklichkeit hieß er Johann Runge und hatte zwei Söhne, die beide das Gymnasium in Holzminden (heute Campe-Gymnasium) besuchten. Runge stammte aus Heyen bei Bodenwerder und war im Ersten Weltkrieg Kamerad von Carl Kaese junior (1892–1968). Beide traten 1914 als Kriegsfreiwillige in das Infanterie-Regiment 164 ein. Runge beendete den Krieg als Leutnant. Aufzeichnungen über ihn finden sich in den Kriegserinnerungen Carl Kaeses. Lothar Kaese erinnert sich noch heute an die Besuche des eigenwilligen Pastors.
Die Gaststätte „Zur Wilhelmsbrücke“ existierte tatsächlich. Sie lag in Kuventhal bei Einbeck und gehörte, wie im Buch beschrieben, dem Gastwirt Oskar Panitz. Direkt in der Nähe der Gastwirtschaft überquerte eine nach König Wilhelm IV. von Hannover benannte Brücke von 1831 das Tal des Krummen Wassers. Über sie führte die heutige Bundesstraße 3, die den Ort durchquert. 1957 wurde die ursprüngliche Konstruktion durch eine moderne Straßenbrücke ersetzt. Seit dem Bau der modernen, höheren, Straßenbrücke floß der Verkehr nicht mehr direkt an der Gaststätte vorbei. Im Jahre 1960 wurde im Einbecker Gebiet dann die Autobahn 7 eröffnet, wodurch sich der Nord-Süd-Fernverkehr von der Bundesstraße auf die Autobahn verlagerte. Die um 1900 gegründete Gastwirtschaft bestand mehr als ein Jahrhundert und wurde im Herbst 2020 geschlossen. Das heute als Wohnhaus genutzte Fachwerkhaus hat die Adresse „Zur Wilhelmsbrücke 1“ in Einbeck-Kuventhal.
Die Figur „Carl Wilhelm Gerding“ geht auf Carl‑Wilhelm Gerberding (1894–1984) zurück, den Gründer und Eigentümer des Holzmindener Unternehmens Dragoco. Dragoco fusionierte 2003 mit dem ebenfalls in Holzminden ansässigen Unternehmen Haarmann & Reimer zur Symrise AG, einem bis heute bestehenden Großkonzern der Geruchs- und Geschmackstoffindustrie. Im ersten Band der Reihe (Das vergnügliche Leben der Doktorin Löhnefink) trug der Mäzen des Autors noch den Namen „Carl Wilhelm Dieckmann“ und war dort als Inhaber eines Holzwerkes dargestellt.
Am früheren Wohnhaus des Autors, dem „Sperberhaus“ in der Kellbergstraße 52 in Stadtoldendorf, ist ein Gedenkstein mit einer Inschrifttafel angebracht. Südlich von Wenzen in Blickrichtung Eimen befindet sich ebenfalls ein Gedenkstein für Konrad Beste.
Notizen zur Digitalisierung des Originals
Titel: Die drei Esel der Doktorin Löhnefink
Untertitel: Ein heiterer Roman
Autor: Konrad Beste (1890–1958)
Erstveröffentlichung: 1937
Verlag: Deutscher Literatur-Verlag Otto Melchert, Hamburg
Satz: Mero-Druck Otto Melchert KG (GmbH & Co.), Geesthacht an der Elbe
Konrad Beste schrieb drei Bücher über die Familie Löhnefink: „Das vergnügliche Leben der Doktorin Löhnefink“ (1934), „Die drei Esel der Doktorin Löhnefink“ (1937) und „Löhnefinks leben noch“ (1950).
Die hier digitalisierte Ausgabe des zweiten Bandes der Reihe ist ein Taschenbuch aus dem Jahr 1981 im Format von 18 cm × 11,5 cm. Der Buchblock hat 160 Seiten. Gesetzt wurde es in Antiqua, anscheinend Times New Roman; für die wenigen Textauszeichungen wurde Kursivsatz verwendet.
Für diese Digitalisierung diente ein Buch aus kaeseschem Familienbesitz als Vorlage.
Für das Digitalisat sind die wenigen Satzfehler korrigiert, einige behutsame stilistische Änderungen vorgenommen, sowie Schreibweisen an die aktuelle Rechtschreibung angepasst. Textauszeichnungen und Absätze sind vom Original übernommen. Die im Original nur mit Sternchen markierten Kapitel wurden durchnummeriert.