Buch

Das ver­gnüg­liche Le­ben der Dok­torin Löhne­fink

Eine heitere Erzählung

Konrad Beste, 1934

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Einband des Buches „Das vergnügliche Leben der Doktorin Löhnefink“






1. Kapitel

»Verlass dich darauf«, sagte meine Tante, neben der ich auf einer Besuchsfahrt zu meinem Verlobten im Zuge saß, »verlass dich darauf: als Landdoktorin wirst du ein vergnügliches Leben führen! Ich kenne das, ich war in meiner Jugend einmal während der Sommerferien zu Besuch bei Großvaters bestem Freunde, der eine Landpraxis in den Vierlanden an der Elbe hatte. Er hatte einen riesigen Garten, es war schon mehr ein Park, der bis zum Fluss hinunterging, ein Tennisplatz war darin und herrlich verschwiegene Grotten … Er hatte auch eine entzückende kleine Landwirtschaft für den eigenen Bedarf, zwei Pferde und Kühe – wir haben die schäumende Milch immer frisch vom Euter weg getrunken.«

»Na ja«, erwiderte ich, »einen Park mit Tennisplatz gibt es in Wenzen allerdings nicht, aber Milch – na, Milch wird es ja wohl auch zu trinken geben …«

»Beinahe jeden Tag«, versicherte Tante Agnes eifrig, »machten wir eine Wagenfahrt an der Elbe entlang oder in die wundervollen Buchenwälder am Ufer. Du glaubst nicht, wie lustig das zuging! Wir machten Picknicks auf den Waldlichtungen, wir trafen uns oft mit benachbarten Gutsbesitzerfamilien, wir setzten Bowlen an und sangen noch auf der Heimfahrt die fröhlichsten Lieder … Ich kenne ja nichts Schöneres als so eine Fahrt mit Wagen und Pferden! Ihr bekommt gewiss auch Pferde?«

»Vorläufig hat sich Wilhelm für die Praxis ein Fahrrad angeschafft, und ich soll dann zur Hochzeit auch eins haben; mit Rädern kann man ja schließlich auch spazieren fahren. Späterhin hofft Wilhelm es auch zu einem Gespann zu bringen, in den Stallungen seines Hauswirts ist Platz genug … Übrigens, mit seinen Wirtsleuten scheint er es vorzüglich getroffen zu haben! Er schreibt, dass er allerdings nur mit großer Mühe eine Wohnung gefunden hätte, die aber dafür auch den verwöhntesten Ansprüchen genügte. Er wohnt bei einem Schuster, der wirklich ein sehr nettes Anwesen zu haben scheint.« (Ich holte den Brief meines Verlobten hervor.) »Sieh mal, hier steht: ›Wir haben vier geräumige Zimmer, von denen zwei sogar zu heizen sind. Das eine Zimmer ist allerdings nur durch einen Raum zu erreichen, der Busses als Würstekammer dient; aber diese kleine Unannehmlichkeit wird reichlich aufgewogen durch den Anblick der prächtigen Schlackwürste, der prallen Blutwürste und Sülzen, der riesigen Speckseiten und dreißigpfündigen Schinken …‹«

»Dreißigpfündigen Schinken …«, wiederholte andächtig meine Tante und schloss in leichter Verzückung die Augen. Es war im Jahre neunzehnhundertundeinundzwanzig, und wir wohnten in Altona …

»Die Knackwürste«, so hieß es weiter im Briefe, »hängen wie dicke Girlanden von den Balken herab, ich habe fünfundsiebzig Stück gezählt! Vor solchen Herrlichkeiten macht man gern einen Bückling, denn bücken muss man sich freilich etwas, zumal die Räume die ortsüblichen anheimelnd niedrigen Decken haben. Dieser etwas umständlich zu erreichende Raum wird uns am besten als Fremdenzimmer dienen. Die anderen Räume sind dafür alle ohne Tadel, unser Schlafzimmer gleicht an Geräumigkeit einem Tanzboden, und das Wohnzimmer ist nur wenig kleiner. Unten im Erdgeschoss, das Busses bewohnen, habe ich dann noch mein Sprechzimmer, aber ein Wartezimmer fehlt leider. Dafür hat Herr Busse freundlich gestattet, dass die Patienten sich in seiner Schusterwerkstatt aufhalten. Überhaupt diese Wirtsleute! Die Frau ist sehr gefällig, sie liest mir jeden Wunsch von den Augen ab, und der Mann gibt mir abends mit seinen treuherzigen Berichten ein Bild von Land und Leuten, was für mich als Arzt sehr wertvoll ist.«

»Ach ja«, fiel Tante Agnes ein, »diese Landleute haben noch so viel echtes Gemüt, so viel Mutterwitz und goldenen Humor. Wirklich, Greten – ich glaube, du kommst in ein Paradies!«

»Jawohl«, sagte ich, »und da unten liegt es schon, das Paradies.«

Wir blickten aus dem Fenster unseres Abteils in ein weites Tal hinunter, auf dessen Grunde das Dorf Wenzen aus dichten Nebelschwaden gerade noch herauslugte.

Es war im Spätherbst, ein trüber Novembernachmittag – kein einladendes Wetter für diesen ersten Besuch in meiner neuen Heimat, in die ich meinem Verlobten wenige Monate später nachfolgen sollte,

Ich hatte Wilhelm ausgangs des Krieges im Garnisonlazarett Hamburg kennengelernt, wo er als Assistenzarzt und ich als Schwester tätig war. Es war neben manchem anderen, was uns schnell verband, vor allem eine tiefe Großstadtmüdigkeit, ein Verlangen nach der klaren Ordnung und dem Frieden des dörflichen Lebens, darin wir uns sehnsüchtig zusammenfanden. Noch einige Jahre sollte es dauern, ehe unserer Suche nach einem passenden ländlichen Wirkungsbereich der Erfolg beschieden wurde, denn Wilhelm hatte von Anfang an den Wunsch, in das Weserland als in die alte Heimat seines Geschlechtes zurückzukehren. Aber vor einem Vierteljahr erst war er durch einen Verwandten darauf aufmerksam gemacht worden, dass in dem Dorfe Wenzen, das freilich noch etwa dreißig Kilometer östlich vom Weserstrom liegt, früher ein Arzt sein Auskommen gefunden hatte, um dann nach dem Kriege nicht wieder zurückzukehren in dieses abseitige Nest. Schnell entschlossen hatte Wilhelm zugegriffen und war nach Wenzen übergesiedelt, dem Dorf, das sich eben jetzt vor meinen sehnsuchtsvollen Blicken so spröde verschleierte.

Der Zweck meiner Reise war es, von Tante Agnes treulich behütet, unsere Wohnung zu besichtigen, um daraufhin die Vorbereitungen für ihre Ausstattung richtig vornehmen zu können. Diese Reise hatte jetzt ihr Ende erreicht, und der Zug hielt.

Ein feiner Sprühregen kühlte unsere von der freudigen Erwartung erhitzten Wangen, als wir als einzige Fahrgäste den Zug verließen, um unsere suchenden Blicke nach Wilhelm auszusenden, der uns abzuholen versprochen hatte. Aber weder auf dem Bahnsteig noch an der Sperre war von Wilhelm etwas zu sehen. Wir betraten den Vorraum des kleinen Stationsgebäudes in der Hoffnung, dass der Erwartete nach einer durch seine ärztlichen Pflichten verursachten Verspätung noch eintreffen würde. Aber wir warteten vergeblich.

Nach einer halben Stunde entschlossen wir uns, um nicht von der stärker hereinbrechenden Dunkelheit hier oben festgehalten zu werden, allein nach dem Dorfe hinunterzugehen. Der Bahnbeamte beschrieb uns den Weg. Wenn nun auch diese Beschreibung etwas umständlich war, so hatten wir doch die Gewissheit, nach einem etwa dreiviertelstündigen Fußmarsch auf dem Grunde des Tales anzulangen.

Der Regen hatte aufgehört, und über uns fingen am Himmel die ersten Sterne an zu glitzern, aber das Dorf im Grunde war nun vom Nebel ganz verschluckt. Der Weg jedoch war hier auf der Höhe gar nicht zu verfehlen, und so schritten wir mutig los. Nach den ersten zwanzig Metern hörte die Pflasterung dieses Zuganges zum Bahnhof auf, und es begann ein durch den Herbstregen völlig grundlos gewordener Feldweg. Es schien uns unmöglich, ihn weiter zu beschreiten, wir mussten uns vielmehr auf eine die Wegböschung begleitende schmale Grasnarbe retten, auf der wir nun hintereinander gingen. Dass Tante Agnes auf diesem glitschigen Pfade einmal ausrutschte und lang in den Dreck des Weges hinunterfiel, erhöhte nicht ihre Laune, die gleich nach der Ankunft schon erheblich herabgestimmt schien. Sie war nunmehr auf der einen Seite von den Stiefeln bis zum Hut mit einer kräftigen Lehmschicht überzogen, ihre kleine Reisetasche hatte sich im Fallen geöffnet, und ihr weißes Nachtzeug hatte viel von seinem Glanz eingebüßt, nachdem wir es glücklich vom Wege aufgelesen hatten.

Ich versuchte der Tante tröstlich zuzureden; im Walde, dem wir jetzt entgegengingen, würde der Weg sicherlich fester werden – aber ich erhielt keine Antwort.

Ehe wir jedoch den Wald erreichten, hörte selbst die Grasnarbe auf, und nun waren wir gezwungen, mitten auf dem Wege zu gehen, wobei ich bemerkte, dass die Tante in eine Art verbissener Begeisterung geriet. Sie wich nicht einmal mehr den tiefsten Löchern und Tümpeln aus, sondern plantschte geräuschvoll durch diese Wässer hindurch, so dass ich nunmehr auch von ihrer Seite ebenso heftig wie unnötig mit Schmutzspritzern bedacht wurde.

Kurz vor dem Walde bildete der Weg einen richtigen kleinen See, an dessen Ufern ich mein Fortkommen suchte, während Tante Agnes unbekümmert in zorniger Entschlossenheit geradewegs durch die Fluten rauschte. Sie hielt auch nicht an, als mir selbst ein Schuh im dicken Schlamm steckenblieb, sie war schon im Walde verschwunden, als ich ihr endlich ins Dunkel der Bäume folgen konnte.

Die Tante ging jetzt so schnell, dass ich kaum nachkommen konnte. Als aber der Weg, der bald schon nicht mehr der rechte Pfad war, steil bergan zu führen begann, da sank sie endlich auf einen Baumstumpf nieder und erklärte, nun nicht mehr weitergehen zu wollen: sie wolle hier sterben. Aus ihren reichen Erinnerungen kramte sie eine Weissagung hervor, mit der ihr ein alter Schäfer in den Vierlanden einen Tod im Walde verheißen hatte … Die Unbilden des voraufgehenden Weges hatten offenbar ihre letzte Energie im Kampfe gegen das nun doch einmal unvermeidliche Schicksal aufgezehrt.

Ich machte keinen Versuch, ihr mit Worten zu begegnen, denn ich kannte ihre Natur, ich wusste, dass jeder Widerspruch sie in dem eigensinnigen Willen, ihr Schicksal richtig zu erfüllen, bestärkt haben würde. So setzte ich mich, ratlos wie ich war, auf einen benachbarten Baumstumpf, und nun warteten wir beide – sie auf ihr Ende und ich auf irgendeine Hilfe, die doch kommen musste.

Tatsächlich war die Hilfe auch näher als wir dachten. Nach einer Weile ergebenen Wartens hörten wir sie heranrattern, und dann sahen wir sie auch in Gestalt einer kleinen Wagenlaterne auf dem unteren Waldwege, von dem wir in die Höhe abgeirrt waren, langsam heranschwanken. Ich sprang auf und lief den Pfad hinunter, dem Lichte entgegen. Es dauerte nicht lange, so hatte ich den Wagen erreicht, dessen Lenker auf meine Rufe innehielt, um sich als ein Bote meines Verlobten zu erkennen zu geben: Wilhelm war infolge eines Unglückfalls eilig abberufen worden und hatte Herrn Fänger, den Besitzer dieses Fuhrwerks, gebeten, uns abzuholen.

Nachdem ich mit Hilfe des freundlichen Mannes meine heftig widerstrebende Tante aus dem Bann ihrer Todesbereitschaft gerissen und auf dem Wagen untergebracht hatte, wendeten wir um und fuhren dem Dorfe entgegen.

Es war ein Kastenwagen, der uns aufgenommen hatte, ein sogenannter »Bullerwagen«, dessen Sitzbretter, durch keinerlei Federung von den Achsen getrennt, uns alle Überraschungen des Weges voll auskosten ließen. Wie schon sein Name verhieß, machte der Wagen ein Geräusch, das eine eigentliche Unterhaltung verbot und eine Verständigung mit Herrn Fänger nur durch lautes Schreien gestattete. Immerhin erfuhren wir auf diese Weise, dass es die Untugenden des Rosses und nicht etwa die Unpünktlichkeit des Fuhrmannes waren, die das verspätete Eintreffen des Wagens verschuldet hatten.

Von der Art dieser Untugenden bekamen wir einen Begriff, als wir an das erste, dem Dorf weit vorgelagerte Gehöft kamen. Aus dem einsamen Haus fiel durch ein erleuchtetes Fenster ein scharfer Lichtkegel auf die Straße. Dieser Lichtkegel hätte vielleicht ein anderes Pferd scheuen lassen, nicht so das Ross unseres Fuhrmanns: es hielt plötzlich inne im Laufen und legte sich gemächlich nieder in den Kot der Straße. Der Kutscher machte keine Miene, das Tier zum Aufstehen zu bewegen, er kletterte vom Wagen und fing an, sein Pferd auszuschirren.

»Ich muss nun schon bitten, meine Damen, die letzte Strecke Wegs zu Fuß zurückzulegen – Roland wird heute Abend den Wagen nicht weiterziehen. Dies Tier hat nun einmal seine Mucken, die auch meine Fahrt zum Bahnhof schon verzögert haben: Auf der Hinfahrt war es ein Motorrad, das Roland für eine halbe Stunde in die Knie zwang. Mein Ross scheut nicht, es pflegt seinen Schreck durch eine längere Ruhepause abzureagieren.«

Bei diesen letzten Worten sah ich mir unseren Kutscher etwas genauer an: es war ein Mann in den Vierzigern, ich hatte ihn nach dem ersten flüchtigen Eindruck von seiner Kleidung für einen Landwirt gehalten, denn er trug zu Gummimantel und Gamaschen einen grünen Filzhut mit einer Feder; Kragen und Schlips fehlten. Jetzt sah ich, im Schein des aus dem Fenster fallenden Lichtes, sein Gesicht. Ich bemerkte auf der linken Backe die tiefe Furche eines Durchziehers, darüber saßen auf der hohen gelichteten Stirn einige feine Schlägernarben, die mir sagten, dass unser Fuhrmann ein studierter Mann sein müsse. Aber ehe ich dazu kam, meiner wach gewordenen Neugier irgendeinen Ausdruck zu verleihen, war das seiner Fesseln ledig gewordene Pferd auf die Beine gesprungen und hastig in die Nacht galoppiert. Mit einem herzerfrischenden Fluch stürzte der akademische Kutscher hinterher und überließ uns unserem Schicksal.

Glücklicherweise hatte Wilhelm in seinem Briefe erwähnt, dass er in der Gastwirtschaft von August Bietendübel für uns Zimmer bestellt habe, und so fiel es uns nicht schwer, uns nach unserem Nachtquartier hinzufragen.

Die Gaststube, die wir betraten, war leer, es brannte nur eine einzige elektrische Kerze in ihr, aber sie genügte, um uns von der erschreckenden Verwahrlosung unseres Äußeren ein Bild zu geben. Der Lehm, der Tantes rechte Hälfte überzog, war zu einer festen Kruste getrocknet, unser beider Schuhwerk war zu unförmigen Dreckklumpen geworden, und die Strümpfe waren bis zu den Knien mit Lehmspritzern bedeckt. Der neue Mantel, den ich eigens Wilhelm zu Ehren für diese Reise erstanden hatte, war mit hässlichen Flecken übersät und in seiner unteren Hälfte zu einem formlosen Geschlotter erweicht.

Wir hatten uns gerade mit reinen Kleidern versehen, als Wilhelm erschien, um uns nun endlich nach seiner Wohnung zu führen.

Draußen hob sich unsere Laune bald so sehr, dass wir Wilhelm lachend von unserem Missgeschick bei der Ankunft berichten konnten. Wir fragten ihn natürlich, wer der verspätete Retter aus unserer Not gewesen sei und erfuhren, dass es kein Geringerer als der pastor loci war, der uns auf seinem Bullerwagen dem feindlichen Walde entrissen hatte.

»Ein prächtiger Mensch, dieser Pastor Fänger«, erklärte Wilhelm, »er ist mit Leib und Seele Landwirt und bestellt die zur Pfarre gehörenden Ländereien selbst, anstatt sie zu verpachten. Auch in seinem Äußeren legt er Wert darauf, den Stand des Bauern und nicht den des Gottesmannes hervorzukehren.«

Unterdessen waren wir von der Hauptstraße in eine Nebengasse abgebogen, und obwohl wir bei dem Fehlen jeder Straßenbeleuchtung nicht mehr sehen konnten, wohin wir traten, so bemerkten wir doch an dem klatschenden Geräusch und an der Mühsal unseres Weiterschreitens, dass wir wieder in fußhohem Schlamm wateten. Als wir endlich vor einem Gebäude hielten, aus dessen offener Stalltür ein trübes Licht hervordrang, sahen wir, dass wir neben einem ungeheuren Misthaufen standen, der hier die Gasse beinahe völlig versperrte.

»Hier müssen wir nun durch«, meinte Wilhelm mit freundlichem Zuspruch, »aber es ist gar nicht so schwer, wie es aussieht, ich habe mir nämlich einen kleinen Pfad über dieses Gebirge gebahnt. Seht mal – hier könnt ihr ruhig auftreten!« Dabei zeigte er auf einige Bretter, die in geringen Abständen den Misthaufen überbrückten.

»Der Zugang ist mindestens originell«, sagte ich, indem ich kurz entschlossen meine Tante unter den Arm fasste und mit mir über den Haufen zog, »ja, er ist originell – aber ist dies wirklich der einzige Weg in unsere Wohnung?«

»Gott bewahre!«, sagte tröstlichen Tones der gute Wilhelm, »nur nach Einbruch der Dunkelheit pflege ich hier hintenherum zu gehen. Busses schließen dann nämlich die vordere Haustür ab, und da kein zweiter Hausschlüssel vorhanden ist, so habe ich mich an diesen Weg gewöhnt, um die guten Leute nicht weiter zu belästigen. Und du wirst dich sicher auch bald an diese kleine Unbequemlichkeit gewöhnen. Licht kann ich glücklicherweise auch einschalten, sobald nur einmal dieser Haufen erst überwunden ist.«

Damit schritt er auf eine Hausecke los und knipste an einem dort verborgenen Schalter – und nun konnten wir recht sehen, wo wir waren: Wir standen zwischen mehreren Stallungen von verschiedener Größe, dicht vor uns erhob sich ein Gebäude, das ich nicht für eine menschliche Behausung gehalten hätte, wenn nicht das Schreien eines Kindes durch die dünnen Lehmwände gedrungen wäre. Zwei unverhangene Fenster, deren zum großen Teil fehlendes Glas durch Zeitungspapier ersetzt war, saßen zu beiden Seiten einer morschen, mit Kistenbrettern notdürftig geflickten Tür. Die Schwelle dieses Hauses bestand aus zerfallenen Ziegelsteinen, seine oberen Fenster waren nichts als größere Luken.

Halb gelähmt von der furchtbaren Ahnung, hier vielleicht schon vor unserer Behausung zu stehen, zeigte ich auf die elende Hütte. »Ist dies deine neue, auch den verwöhntesten Ansprüchen genügende Wohnung, Wilhelm?«

Gottlob erwies es sich, dass dies nicht unsere Wohnung war. Wilhelm führte uns mit einem gewissen Triumph um die Baracke herum, und nun sahen wir die Hinterfront unseres Hauses. Zwischen der Baracke und diesem Wohnhause lag ein zweiter Misthaufen, den wir aber glücklicherweise nicht zu übersteigen brauchten. An seinem Rande führte ein leidlich trockener Weg zur Hintertür, durch die wir nun eintraten, um uns sofort in einer Küche zu befinden.

Mitten im Raum saß vor einem Tisch eine vollbusige, stattliche Frau von etwas dreißig Jahren; ihr derbes Gesicht war nicht ohne Reiz mit seinen frischen Farben und vollen Lippen. Von dieser Frau, die Wilhelm seinen Berichten zufolge so freundlich bemuttert hatte, gewann ich sogleich den Eindruck eines kernigen Menschen und einer kraftvollen Persönlichkeit, und wie sie, das Butterfass zwischen den Knien, die schwere Arbeit des Stampfens spielend bewältigte, bot sie das Bild einer rechten, fleißigen Landfrau. So kam ich ihr denn auch mit vollem Vertrauen entgegen, ich begrüßte sie mit den herzlichsten Worten des Dankes für alle Fürsorge, die sie bisher meinem Verlobten bewiesen hatte. Frau Busse war nicht aufgestanden, und sie hatte auch nur einen Augenblick das Buttern unterbrochen, um mir die Hand zu reichen, aber ich nahm ihr das wahrhaftig nicht übel. Ich konnte mir wohl denken, wie sehr diese Frau jede Minute ausnützen musste, denn sie war ja auch Mutter. Da waren drei Kinder, die ich nun der Reihe nach begrüßte. Vor dem Herde saß auf einem Hocker ein zehnjähriges Mädchen, das eine Reihe kotiger Stiefel mit einem Messer säuberte. Das war Erna, die älteste. Sie nahm meinen freundlichen Gruß mit einem rätselhaften Grinsen entgegen, das ich mir damals noch gern als »Lächeln« deutete.

An einer Tischecke saß ein siebenjähriger Knabe, der sich in einem mörderischen Kampf mit seinen Schularbeiten zu plagen schien. Das Schreibheft und die Umgebung der Tischplatte glichen einem Schlachtfelde, auf dem die Tinte in Strömen geflossen war; Hände und Gesicht des Knaben wiesen dunkle Spuren des Kampfes auf, der trotz dieser gewaltigen Aufwendungen dennoch zu keinem Siege geführt zu haben schien. Da ich die Verzweiflung auf dem Gesicht des Kämpfers bemerkte, glaubte ich meine Teilnahme an seinen Nöten durch eine besorgte Frage beweisen zu sollen, und nun erfuhr ich aus der Antwort, die an Stelle des blöde verstummenden Knaben die Mutter erteilte, wie eng mein Verlobter in den Familienverband bereits aufgenommen war: Albert habe bereits eine Stunde auf Herrn Doktor gewartet! Ihre Worte hatten den Ton eines ernsten, vorwurfsvollen Hinweises auf übernommene und heute noch nicht erfüllte Pflichten … Wilhelm fuhr dem Knaben beruhigend über das Haar und vertröstete ihn damit, dass sich wohl noch ein Stündchen für die gemeinsame Bewältigung der Schularbeiten finden würde. Ich wusste nicht recht, ob ich gerührt sein sollte von der Güte meines Verlobten oder verärgert über dieses verheißene Stündchen, das immerhin mir am ersten Abend unseres Beisammenseins entzogen werden würde.

Das jüngste, zweijährige Kind lag in einem Korbe und schlief. Während ich mich in bereitwilliger Bewunderung des gesunden Aussehens dieses prächtigen Knaben über den Korb beugte, wurde eine Tür aufgestoßen, und herein keuchte ein altes, durch die Last von siebenzig Jahren zusammengedrücktes Männlein, das in zitternden Händen zwei mäßig große Holzscheite trug. Obwohl ihm deutlich anzumerken war, dass schon diese Bürde seine Kräfte überstieg, schleuderte ihm die Frau mit harten Worten sogleich ihre Vorwürfe entgegen: das sei ihr gerade etwas Rechtes, mit zwei Splittern Holz aus dem Stall zu kommen, sie brauche zum Futterkochen noch mindestens zwanzigmal so viel! …

»Er isst doch wahrhaftig noch für zwei Männer«, keifte sie, »da kann er doch wenigstens für ein kleines Kind arbeiten!«

Die Tante hatte anfangs die ihr eigene süßliche Romantik wohl auch in das Bild dieses Familienlebens hineinzulegen versucht, sie hatte die Kinder der Reihe nach gestreichelt, sie gefragt, ob sie auch recht artig wären und ihren lieben Eltern Freude machten, und sie hatte auch nach dem Ausbleiben jeder Antwort tapfer weiter gelächelt – nun aber wurden durch die harte Behandlung des Alten selbst ihre schönfärberischen Augen grausam erhellt, sie geriet in einen edlen Zorn und wandte sich mit bitteren Vorwürfen gegen Frau Busse. Ich beobachtete an ihr denselben Mut der Verzweiflung, der sie nach unserer Ankunft rücksichtslos durch die tiefsten Sümpfe getrieben hatte.

Frau Busse sah sie verständnislos an, es war offenbar, dass sie nicht einmal berührt wurde durch diese Angriffe. Überdies erhielt sie schnell Verteidigung von einer Seite, von der ich sie am wenigsten erwartet haben würde: der alte Mann nämlich richtete plötzlich sein Haupt auf aus der tiefen Erschöpfung, die wir so sehr bemitleidet hatten, seine müden Augen zeigten ein tückisches Aufflackern, und auch seine Stimme nahm ein hämisches Meckern an. Sie möge sich gefälligst um ihren eigenen Dreck kümmern, zischte er der Tante zu, oder selbst eine Tracht Holz aus dem Stalle holen. Seine Schwiegertochter wusste schon ganz genau, was er leisten könnte, jedenfalls noch doppelt so viel als solch ein altes Frauenzimmer aus der Stadt. Die Tante wurde völlig entwaffnet durch dieses Gemisch von Bosheit, Tücke und mangelnder Logik – sie war so sehr betroffen, dass sie für den Rest dieser Besichtigung unserer Wohnung in Schweigen versank.

Frau Busse hatte mittlerweile das Buttern beendet, sie erhob sich nun, wischte die Hände in der Schürze ab und leuchtete uns voran auf dem Wege in unsere Räume. Wir kamen auf einen dunklen Flur, auf dem uns ein atemberaubender, süßlicher Gestank entgegenschlug. Nie war ich einem solchen dicken, widerlich zähen Brodem begegnet, ich war so benommen von ihm, dass ich nicht einmal die Frage nach seinem Ursprung aufbrachte; Wilhelm aber erläuterte ihn sogleich freundlich.

»Es riecht hier nach etwas Ziegenmist. Erna hat heute Nachmittag den Stall gesäubert und wie gewöhnlich vergessen, die Tür zu schließen. Ich persönlich habe mich schon vollkommen an diesen Geruch des Ausmistens gewöhnt, das übrigens auch nur einmal in der Woche vorgenommen wird. Außerdem gilt gerade diese Luft für gesund, denn sie enthält Ammoniak, sie hat schon manches Kopfweh vertrieben.«

Ich nahm diesen Trost mit einigem Misstrauen entgegen, denn als wir nun die steile Stiege zum oberen Stockwerk hinaufstiegen, bemerkte ich, dass auch dort oben der schreckliche Gestank schon auf uns wartete, nur wie mir schien noch viel stärker und beinahe wesenhaft dicht zusammengebraut in der Enge des zu unserer Wohnung gehörenden kleinen Flurs. Wenn es wirklich Menschen gab, denen dieser Geruch die Kopfschmerzen vertrieb, so musste ich befürchten, dass ich nicht zu ihnen gehörte. Ich sagte aber nichts, um Wilhelm nicht zu kränken. Ich sagte auch nicht viel, als wir nun die allen Ansprüchen genügende Wohnung besichtigten.

Da war die Küche, auf deren Eingang wir von der Treppe aus gleich lossteuerten. Sie erinnerte freilich noch durch nichts an ihre Bestimmung, es war nur ein sehr kleiner, völlig kahler Raum mit Gipsfußboden. Wände und Decke hatten das ursprüngliche Weiß ihrer Tünche längst eingebüßt, sie waren dunkel und ganz verräuchert, sie hatten die Farbe von alten Schinken, die zu lange im Rauch gehangen haben. Auch der Geruch verriet es, dass hier ehemals eine Räucherkammer gewesen war … Ich verglich diesen Raum mit der Küche unseres Altonaer Hauses, mit den weißgekachelten Wänden, mit dem großen Senkingherde, der allein dieses Kämmerchen ausgefüllt haben würde, und ich versuchte mir vorzustellen, wie ich hier wohl die Vorbereitungen zu meinem Verlobungsessen würde bewältigt haben. Hierbei muss ich nun doch wohl leise geseufzt haben, denn Wilhelm tröstete mich ahnungsvoll, wie er es heute schon so oft hatte tun müssen:

»Du vergleichst wohl dieses Kämmerchen mit eurer Küche? Wenn ich aber an unsere Feuerstellen im Felde denke, so muss ich sagen, dass hier ein recht komfortabler Kochraum entstehen kann … Unser Bataillonskommandeur war ein äußerst tüchtiger Soldat, aber auch ein großer Feinschmecker. Bei dem Vormarsch in Russland, wo wir täglich ein anderes Quartier hatten, verlangte er, wenn nicht gerade ein Gefecht im Gange war, jeden Tag sein Menü von drei Gängen. Da hättest du einmal sehen sollen, auf welchen primitiven Feuerstellen unser Koch die kostbarsten Leckerbissen zubereitete, oft genug mussten ihm zwei Ziegelsteine genügen – und in deine Küche kommt doch sogar ein richtiger Herd hinein!«

Ich fühlte mich nun auch tatsächlich getröstet, wenn auch nicht durch die erfreuliche Aussicht, einen richtigen Herd zu bekommen, so doch durch die rührende Geduld und die ewig sich gleichbleibende Güte in Wilhelms Worten und Blicken. Ich drückte ihm flüchtig die Hand und nickte nur.

Ich nickte auch beistimmend, als wir nun aus der Küche durch eine Tür gleich ins Schlafzimmer traten. Der Gipsfußboden begleitete uns freundlich, der große Riss, der den Küchenfußboden durchzog, ging ebenfalls mit, um sich nun in dem wirklich großen Schlafraum in zahlreichen kleineren Rissen zu verästeln und über das ganze Zimmer auszubreiten. Der Fußboden, der auch noch die andere interessante Eigenschaft hatte, sich nach dem einzigen Fenster hin beträchtlich zu senken, strömte eine empfindliche Kälte aus, was meinen aufmerksamen Verlobten gleich zu dem tröstlichen Hinweis veranlasste, dass die Kühle des Gipses sich dafür im Sommer recht wohltuend bemerkbar machen würde … Die Wände dieses zweifellos eigenartigen Raumes bildeten eine Art Rhomboid, indem die beiden zum Fenster führenden Mauern heftig aufeinander zustrebten. Das harte Blau der Tapete schien sich vollgesogen zu haben mit der Kälte des Gipsfußbodens, um sie verdoppelt in den Raum zurückzustrahlen. Da ich bei der Betrachtung dieser Wandbekleidung Wilhelms erwartungsvollen Blick mich streifen sah, sprach ich selbst gleich jeden Trost aus, den er für mich etwa bereit haben konnte:

»Wir werden wenigsten nicht unter Fliegen zu leiden haben im Sommer. Neuere Forschungen haben nämlich erwiesen, dass diese lästigen Tiere die blaue Farbe verabscheuen.«

Tante Agnes, die den Raum eine Weile kopfschüttelnd betrachtet hatte, war ans Fenster getreten, wo ich sie alsbald vernehmlich stöhnen hörte. Ich trat zu ihr, und nun musste ich allerdings alle Kraft aufwenden, um nicht mit ihr zu stöhnen – dies also würde der Blick aus meinen Flitterwochen in die Welt sein! … Draußen brannte immer noch das von Wilhelm eingeschaltete Hoflicht, so dass wir den ganzen Weg des Schreckens, den wir eben zurückgelegt hatten, noch einmal überblicken konnten: wir sahen den ersten Misthaufen, wir sahen die Lehmbaracke mit einem Teil des Ziegenstalles. Wir sahen den zweiten Misthaufen, der sich bis unter unser Fenster schob – er würde in Zukunft als erster Gruß unserem Blick in den jungen Tag begegnen …

Ich glaube, wir alle spürten ein gewisses Gefühl der Erleichterung, als wir uns endlich in dem anstoßenden, schon ganz behaglich eingerichteten Wohnzimmer auf Sofa und Sesseln niederließen. Das Schweigen, das uns vorerst noch befiel, gab Wilhelm Veranlassung, aus dem Zimmer zu gehen, um bald darauf mit einer Flasche Wein wiederzukommen. Er hatte auch aus Frau Busses Geschirrschrank drei dicke ungefüge Henkelbecher aus Pressglas mitgebracht, denen man ihre Vergangenheit als Senfgläser deutlich genug ansah; er füllte sie und erhob einladend sein Glas:

»Auf ein frohes Leben in unserem neuen Heim!«, sagte er. Wir stießen an, aber es gab keinen frohen Klang, es gab nur ein misstönendes Geklapper der Senfbehälter. Der Wein, den er aus der Gastwirtschaft von August Bietendübel besorgt zu haben beteuerte, bestätigte nicht die Wahrheit des schönen alten Wortes »Sauer macht lustig«, denn trotz seines ungewöhnlichen Mangels an Süße sahen wir die Tante nach diesem unserem ersten Schluck in Tränen ausbrechen. Und nun wurde auch ich von einem gewissen Kleinmut überwältigt, die mir eine erste Träne ins Auge presste – da sah ich Wilhelms trauriges Staunen, und ich rief gleich:

»Verzeih mir, es ist ja so schön hier … Ich muss mich nur erst an all das Schöne gewöhnen.«

Er küsste mich schweigend und ließ mir Zeit, mein Gleichgewicht wiederzufinden.

»Dies ist wirklich bei weitem die schönste Wohnung, die hier zu haben war«, sagte er nach einer Weile, »das alte Doktorhaus ist ja leider vor zwei Jahren an einen Oberst außer Diensten verkauft, es wäre natürlich die gegebene Unterkunft für uns gewesen. Die größeren Bauern geben keine Räume ab, und was mir sonst noch angeboten wurde, hätte auch den bescheidensten Ansprüchen nicht genügt. In die Lehmbaracke nebenan wärest du doch gewiss nicht gern eingezogen – die hätte ich nämlich haben können, sogar für uns ganz allein. Aber ich habe den Fall gar nicht ernstlich erwogen, weil die Räume allesamt nicht größer sind als unsere Küche.«

Ich war nun schon wieder so weit, dass ich ihn meiner Zufriedenheit mit unserem Heim versichern konnte, und wir verbrachten nun noch ein ganz friedliches Stündchen zusammen. Wir nahmen die Maße der Fenster und der Wände, um die Beschaffung von Gardinen und Möbeln richtig ausführen zu können, jedoch gelang es mir nicht, Tante Agnes zu einer tätigen Teilnahme hieran zu bewegen. Sie kam nicht mehr über ein fortwährendes leises Kopfschütteln hinaus, auch gab sie so deutliche Anzeichen von Erschöpfung und Müdigkeit, dass wir uns schon anschickten, in unser Nachtquartier aufzubrechen. Bevor wir jedoch das Zimmer verlassen konnten, nahten sich auf der Stiege die polternden Schritte zahlreicher Menschen, und schon wurde an die Tür geklopft.

»Ach so –«, sagte Wilhelm gefasst, »wir kriegen ja noch Besuch. Busses kommen nämlich jeden Abend vor dem Schlafengehen noch auf ein halbes Stündchen zu mir. Und heute habe ich ja auch Alberts Schularbeiten noch nicht nachgesehen … Herein!«, rief er laut.

Und herein kam ein Tross von Menschen, eine ganze Familie kam, es kam Frau Busse mit dem Kleinsten auf dem Arm, mit dem Knaben Albert am Schürzenzipfel und dem Mädchen Erna an der Hand. Es kam der Altvater hereingeschlürft, es kam Herr Busse, und es kam sein Lehrling … Sie kamen, und obwohl man doch hätte annehmen sollen, dass dieser Besuch eine freundschaftliche Annäherung bedeutete, blieben sie alle in einem bedrückenden, beinahe feindlich wirkenden Abwarten in der Nähe der Tür stehen und starrten uns stumm und verlegen an.

Da mir dieses Herumstehen unerträglich wurde, forderte ich zunächst den Alten auf, neben der Tante im Sofa Platz zu nehmen, was dieser jedoch mit einem mir unergründlichen Grinsen ausschlug, während sein Sohn von dieser Aufforderung höchst ungeniert Gebrauch machte. Herr Busse war in Hemdsärmeln, er hatte eine blaue Schirmmütze auf dem Kopfe und eine speckig belegte Schusterschürze um den Leib. Er war klein und schmächtig von Gestalt, hatte ein blasses, bartloses Gesicht und zeigte in seinem ganzen Aussehen und Wesen etwas gleichsam Unfertiges, so dass er etwa den Eindruck eines Notkonfirmanden auf mich machte. Außer ihm fand nur noch seine Frau eine Sitzgelegenheit, während die übrigen Besucher neben der Tür in einem wahrhaft beängstigenden Schweigen stehend verharrten. Ich versuchte irgendein Gespräch in Gang zu bringen, traf aber mit allen meinen Worten nur auf ganz einsilbige Antworten, die sogleich immer wieder in dasselbe vernichtende Schweigen mündeten. Ich bemerkte wohl, dass alle diese Menschen nur hierhergekommen waren, um mich in abschätzender Neugier anzustarren – ich muss sagen, dass ich kaum jemals einen unheimlicheren und anstrengenderen Besuch empfangen habe: das leise Gnickern der Kinder, das blöde Grinsen des Alten, Herrn Busses fahriges Saugen an seiner kalten Zigarre, das alles vermehrte nur die schreckliche Last dieses Schweigens, und ich stand noch ganz unter seinem Bann, als plötzlich und ohne jeden äußeren Anlass die ganze Familie wieder aufbrach, um mit kurzem Gutenachtgruß das Zimmer zu verlassen …

Gleich darauf brachen auch wir auf, um in Wilhelms Begleitung unser Nachtquartier aufzusuchen. Ich will noch erwähnen, dass selbst das Zubettgehen uns noch vor erhebliche Schwierigkeiten stellte. Zunächst waren die Kissen in den alten Bauernbetten so hoch getürmt, dass Tante Agnes nur mit Hilfe eines Stuhles und auf meine Schultern gestützt ihr Lager erklimmen konnte. Dann jedoch erwies es sich, dass ihre schmächtige Gestalt diesen weichen Ungeheuern von Kissen nicht gewachsen war: sie verschwand mit einem Aufschrei, ward gleichsam verschluckt vom Abgrund der Daunen.

Ich hatte Mühe, meine Tante wiederzufinden und musste erst mehrere Kopfkissen und drei gigantische Federsäcke vom Bett reißen, ehe sie, dem Ersticken nahe, wieder zum Vorschein kam.

Wir schliefen beide wohl nicht viel in dieser Nacht. Meine Gedanken waren damit beschäftigt, sich mit dieser neuen Heimat auseinanderzusetzen, in meiner Tante aber ließ dieselbe Nacht einen Entschluss reifen, den sie am nächsten Morgen beim Kaffeetrinken mit größter Bestimmtheit von sich gab:

»Ich habe mir etwas überlegt, Greten: hierher kannst du Wilhelm nicht folgen – das geht nicht!«

»Ich habe mir auch etwa überlegt«, sagte ich, »das geht! Nun erst recht!« –

2. Kapitel

Ja, ich setzte es durch, nach Wenzen zu heiraten. Ich setzte es bei meinen Eltern durch, obwohl Tante Agnes ihnen eine Schilderung des Dorfes und unserer Wohnung gegeben hatte, die meinen sonst so heiteren Vater für lange Zeit zu einem ungewöhnlich ernsten Mann machte. Auch meine arme Mutter überraschte ich häufig, wie sie sich, eine heimliche Träne in den Augen zerdrückte … Tante Agnes hatte auch in unserem ganzen Bekanntenkreise dafür gesorgt, dass der Name Wenzen etwa denselben Klang erhielt wie »Sibirien«, und so kam es, dass ich bei meinen Abschiedsbesuchen immer wieder das Gefühl hatte, rücksichtsvoll verschleierte Beileidskundgebungen entgegenzunehmen.

Die Hochzeit wurde trotzdem im nächsten Sommer recht fröhlich gefeiert. Wilhelms unerschütterlich heitere und überlegene Ruhe zwang uns alle bald in ihren Bann, und als wir beide uns dann aus dem frohen Kreise heimlich hinausstahlen und uns draußen von unseren Eltern verabschiedeten, da schienen selbst diese wieder von der alten Zuversicht erfüllt, die ihnen Wilhelms Persönlichkeit von Anfang an eingeflößt hatte.

Da mein Mann sich nicht entschließen konnte, seine neue Praxis für längere Zeit einem Vertreter zu überlassen, hatte er sich nur für wenige Tage frei gemacht, und wir mussten also nach einer vierundzwanzigstündigen Hochzeitsreise in unserem Dorfe einziehen.

Um die neunte Stunde einen hellen Junitages setzte uns der Zug auf dem Bahnhof Wenzen ab. Wir kamen von den Ufern der Weser. Das üppige Gewoge der blauen Bergkuppen um den Strom herum war hier zum ruhigen Fluss zweier langgestreckter Höhenzüge verebbt, die ein weites Tal bildeten. Auf der halben Höhe des nördlichen Bergrückens, hart unter der Waldgrenze, führte die Bahn entlang. Dieser Wald war nun nicht mehr die dumpfe, von Wolken belagerte Masse, die unsere Ankunft im vorigen November bedroht hatte, er war sommerlich aufgelockert in lichten Buchenschlägen und tiefgrünen Fichtenbeständen. Ein Bussardpaar zog seine gelassenen Kreise über den Wipfeln der Buchen, die der Sommerwind sanft bewegte …

Auf der fernen Gegenseite des Tales grüßten nun, da der trübe November sie nicht mehr verhüllte, die weichen Hänge des anderen Höhenzuges, der, gleichfalls in halber Höhe bewaldet, auf seinem unteren Teil in prächtigen Wiesen und Weiden sich löste. Darauf grasten gemächlich die scheckigen Kühe, die als bunte wandelnde Flecke herübergrüßten und so den Frieden vertieften, den diese Landschaft atmete.

Wir gingen zu Fuß ins Tal hinunter. Wie anders war dieser Weg als jener, den ich in Herbstnebeln und Schlamm mit Tante gegangen war … An den Seiten des Pfades stand das hohe Korn, aus dem sich die Lerchen zum letzten Jubel in den Abend hoben. Unten schlug die Dorfuhr neunmal … In den vor dem Dorfe gelegenen Gärten, die wir nun erreichten, gewahrten wir den letzten friedlichen Ausklang der Arbeit, die sauberen Beete wurden begossen, das Unkraut zwischen den Reihen wurde gezogen, eine Sense wurde gedengelt, und an den Wegrändern weideten die Ziegen, von kleinen Knaben gehütet. Ich bemerkte, dass Wilhelm von einer gewissen Unruhe ergriffen wurde, ich sah, dass sein Gesicht eine geheimnisvolle Miene annahm, und bald konnte er nicht mehr an sich halten:

»Ich habe noch eine kleine Überraschung für dich. Wir leben hier nun einmal auf dem Lande, und so müssen wir auch einen Garten haben. Deshalb war Frau Busse so freundlich, mir von ihrem Gartenlande ein Stückchen abzutreten … Und hier sind wir schon.«

Wir standen vor einer hölzernen Pforte in einer Weißdornhecke, wir schritten hindurch und fanden uns in einem sehr sauberen gehaltenen Gemüsegarten, dessen Ränder mit Obstbäumen bestandene Grasstreifen bildeten. Familie Busse hatte den schönen Abend benützt, sich vollzählig hier zu versammeln, auch das Vieh war mitgenommen worden; der Großvater führte die Kuh am Halfter, und der Knabe Albert hütete die Ziegen und hielt ihre Begehrlichkeit sorgsam den Gemüsebeeten fern.

Frau Busse war damit beschäftigt, aus einem mitgeführten großen Fass Wasser in eine Gießkanne zu füllen und die neugesetzten Kohlpflanzen zu begießen. Kaum hatte sie uns bemerkt, als sie sich, ohne mich weiter zu beachten, vorwurfsvoll und mahnend an Wilhelm wandte: »Es ist aber höchste Zeit, dass Sie wiederkommen, Herr Doktor! Sie müssen schleunigst noch lecken!«

Und nun »leckte« Wilhelm tatsächlich noch. Er holte aus der Laube eine Gießkanne, füllte sie aus dem Fass und bat mich, ihm nach dem Ende des Gartens zu folgen, wo unser Land abgeteilt war. Voll eines unendlichen Stolzes zeigte er mir dieses Fleckchen Erde, das er selber bestellt hatte – »ganz allein«, wie er mir ausdrücklich versicherte. Es waren acht bis zehn Ruten, wie er bemerkte, und ich freute mich herzlich darüber, freilich ohne zu wissen, was eigentlich eine »Rute« sei. Ich freute mich auch über die niedlich zurechtgemachten Beete und über die sauber gehaltenen Reihen der Kohlpflanzen und Suppenkräuter. Ich freute mich endlich auch über den Vortrag, durch den er mich belehrte, denn ich hatte all dieses Gemüse wohl schon gegessen und auch selber zubereitet, aber noch nicht leibhaftig aus der Erde kommen sehen. So hörte ich anfangs wirklich interessiert, dann mit ehrlicher Geduld seiner Aufzählung der verschiedenen Gemüsesorten zu; als er aber dazu überging, die Streitfragen zu erörtern, welches die zweckmäßigste Behandlung der Selleriepflanzen und welches die gegebene Zeit zum Jauchen der Zwiebeln und des Kohlrabis wäre, vermochte ich einer Anwandlung von Langeweile nicht mehr zu widerstehen, und ich bat ihn, diesen Lehrgang mit Rücksicht auf meine Müdigkeit späterhin einsetzen zu lassen. Er schien ein wenig enttäuscht und wandte sich dann dem Begießen der Pflanzen zu, dem »Lecken«, das ihm Frau Busse anbefohlen hatte …

Wenn ich nun gehofft hatte, allein mit meinem Mann unserem Heim zum ersten Mal zustreben zu können, so sah ich mich bald schmerzlich getäuscht. Familie Busse nämlich schloss sich unserem Aufbruch an, der Knabe mit den Ziegen ging unserem Zuge vorauf, der Alte mit der Kuh beschloss ihn. Zur Seite des Zuges trieb Erna die Gänse, die diesen sommerlichen Feierabend gleichfalls im Garten verlebt hatten. Mochten die Ziegen noch so fröhlich meckernd den Lenker umhüpfen, mochten die Gänse noch so munter schnattern und kreischen – ich konnte der Idylle in dieser Stunde keinen Geschmack abgewinnen.

Da mich das bussesche Schweigen wieder recht bedrückte, versuchte ich die Leute mit Schilderungen unserer Hochzeitsfeier zu unterhalten, was sie mir indessen durch kein Wort der Teilnahme dankten. Erst als ich, in dem verzweifelten Versuch, diese einseitige Unterhaltung fortzusetzen, des Umstandes erwähnte, dass wir nächsten Sonntag zu einer kleinen Hochzeitsfeier bei meinen Verwandten in Hildesheim eingeladen wären – eine Aussicht, die mich zu meiner eigenen Überraschung und nicht ohne Schuldbewusstsein jetzt schon plötzlich aufatmen ließ – erst da kam das erste Wort der Erwiderung aus Frau Busses Mund: »Am nächsten Sonntag fahren wir nach Einbeck, und ihr bleibt zu Hause! Wer soll denn sonst für das Vieh sorgen?«

Diese Zumutung schien mir so ungeheuerlich, dass ich sie für einen schlechten Witz gehalten hätte, wenn nicht Frau Busse dazu jenes bitterböse Gesicht gemacht hätte, das ich während der ganzen Zeit unseres Wohnens in ihrem Hause zu sehen bekommen sollte. Die offenbare feindliche Veränderung im Wesen unserer Wirtin stand so sehr im Gegensatz zu dem Eindruck, den ich bei meinem ersten Besuch von ihr empfangen hatte, dass ich zunächst ganz ratlos war. Mit reichlich beklommenem Herzen zog ich in meiner Wohnung ein.

Was aus diesen Räumen irgend zu machen war, das hatte meine Mutter wahrhaftig getan! Freilich hatte mir Vater bei seinem Einkommen als Beamter und bei der Entwertung unseres Vermögens durch die Inflation außer einem Schlafzimmer keine neuen Aussteuermöbel mitgeben können, aber die schönen alten Mahagonistücke aus unserem Familienbesitz machten mich viel froher, als es neue vermocht hätten, und sie bildeten auch eine glückliche Ergänzung der von Wilhelm schon mitgebrachten behaglichen Biedermeiersachen.

In der Küche, die nunmehr im Glanze weißer Wände erstrahlte und die tatsächlich sogar einen richtigen Herd aufwies, stand ein großer Sack Zucker auf dem Tisch. Um seinen prallen Leib war eine bunte Schleife gebenden mit ein paar Blumen daran und einer Karte, welche die Aufschrift trug: »Zur Versüßung der jungen Ehe!«

Uns Heutigen, viele Jahre später Lebenden, wird es schwer, die ganze Bedeutung einer solchen Spende zu ermessen – in jener Zeit der Umwertung aller Werte aber freute ich mich über diesen Zucker wie über einen Sack mit Gold! Unsere durch die Entbehrungen des Krieges, durch Steckrüben und Süßstoff zermürbten Nerven hatten uns eine ungeheure Empfänglichkeit für leibliche Genüsse beschert; wir wollen einmal ehrlich sein – wir dachten damals alle in dem, was uns so sehr mangelte: in Pfunden Butter und Weizenmehl und Kaffeebohnen. Eine unverhoffte Mettwurst, eine Butterkremtorte, eine heimliche Tasse Kaffee wurden zu wahren seelischen Erschütterungen und konnten uns ein Glücksgefühl schaffen, das wir heute kaum noch zu begreifen vermögen.

»Den Zucker senden uns Amtmanns«, erklärte mir Wilhelm nach einem Blick auf die Rückseite der Besuchskarte, »Herr Amtmann Wiechmann ist der Pächter der Domäne Voldagsen, er wie seine Frau haben sich meiner in diesem Winter sehr freundlich angenommen, und auch du wirst dich sehr wohl bei ihnen fühlen.« –

In der ersten Nacht unter meinem neuen Dach träumte mir, ich ginge in einem feiertäglichen Kleid und in heiterster Stimmung durch einen großen sommerlichen Garten. Es war ein Garten, wie ich ihn mir immer sehnsüchtig gewünscht hatte, ein richtiger Garten aus einem Traumland. Der breite Weg in seiner Mitte war von Rabatten eingefasst, die in einer Fülle bunter Blumen überschäumten: da waren dichte Büschel von Nelken und große Glockenblumen, darum die Hummeln summten, die Lilien standen steil in königlicher Pracht und neigten die wachsweißen Kelche, von Duft ganz schwer und von Glanz. Rosen gab es, viel Rosen – sie wucherten an allen freien Stellen und drängten die vollen Häupter aus den Blättern der Malven und der Kapuzinerkresse und waren immer wieder in Bögen über den Weg gespannt und leuchteten in allen Farben zwischen dem reinsten Weiß und dem dunkelsten Rot. Über den niedrigen Blumen, dem Fleischrot der Begonien und dem dunklen Blau der Petunien wehten und wiegten sich zart die Kosmeen, wie Falter, leicht und geschmeidig. An den kleinen Seitenwegen fingen die Dahlien schon an zu blühen, sie wucherten in ganzen Wäldern in die Rasenflächen hinein, die sich zu beiden Seiten des Mittelwegs breit und üppig bis an die fernen Weißdornhecken ergossen …

Aber der Weg hörte plötzlich auf, wie abgeschnitten. Da lagen hohe Berge von Sand und Kies, die ich erklomm, um unter mir das tief ausgeschachtete Rechteck einer Baustelle gähnen zu sehen. Auf der anderen Seite stand Wilhelm und rief mir etwas zu, aber ich verstand seine Worte nicht. Da erhob er winkend die Hand, und ich beugte mich weit vor – so weit, dass ich den Halt verlor und in die Grube stürzte. Wilhelm schrie laut und schrecklich auf. Davon erwachte ich.

Als ich erwachte, dauerte dieser entsetzliche Schrei noch immer an. Es war ein gellender, durchdringender Schrei, der nicht von Wilhelm ausgestoßen wurde, aber doch aus unserer nächsten Nähe kam. Voller Entsetzen sprang ich auf und machte Licht, aber ich konnte noch immer nicht den Ursprung dieses Schreiens erkennen, das sich gar nicht erschöpfen wollte. Während ich zitternd vor Angst und regungslos neben dem Lichtschalter stand, war auch Wilhelm aufgewacht. Er erhob sich und leuchtete sogleich unter das Bett, seltsam gefasst, wie mir erschien. Er ließ seinen Arm dem Schein seiner Taschenlampe folgen und brachte mit einem kühnen Griff den Urheber des schrecklichen Lärms zum Vorschein: Es war ein riesiger Hahn, der an meinem Bettpfosten angebunden gewesen war und sich in Wilhelms Händen nun wütend sträubte, um ihnen bald noch einmal zu entwischen und auf den Schrank zu flattern. Dort schmetterte er abermals seinen unerwünschten Gruß dem Morgen entgegen, der vor unseren Fenstern leise graute – ich sah es jetzt: es war zwei Uhr. Nach einer kleinen aufregenden Jagd durch das Zimmer ward Wilhelm des Ruhestörers wieder habhaft und schleuderte ihn durch das Fenster auf den Hof, nicht ohne ihm einen gepfefferten Fluch nachzusenden.

»Es ist eine treuherzige alte Volkssitte, einem neuvermählten Paar einen Hahn unter das Bett zu binden«, erklärte er mir, »leider bin ich nicht auf den Gedanken gekommen, unser Schlafzimmer daraufhin zu untersuchen, ich hatte nur nachgesehen, ob die Bettstellen nicht etwa ausgehängt wären, was ich nach einer Andeutung unserer Hauswirtin befürchten zu müssen glaubte. Nun schlafe nur ruhig wieder ein, es wird jetzt keine Störung mehr kommen.«

Ich schlief auch wirklich noch einmal ein, aber mein Schlaf war nicht von langer Dauer. Ein anhaltendes Schellen weckte mich; Wilhelm, der schon wach war, erklärte mir, das sei seine Nachtglocke. Es war drei Uhr vorbei, und der Tag war schon angebrochen. Wilhelm sah aus dem Wohnzimmerfenster und sprach mit einem Mann. Gleich darauf kam er zurück, um sich notdürftig anzukleiden.

»Ich brauche Gott sei Dank nicht fort«, beruhigte er mich, »das ist nur der alte Tümmler aus Bohnsen; er kommt alle paar Wochen zum Katheterisieren. Der arme Mann hat nun in seinem bedauernswerten Zustand schon einen nächtlichen Marsch von vier Kilometer hinter sich.«

Wilhelm ging hinunter in das kleine Sprechzimmer, das sich gegenüber der Schusterwerkstätte zu ebener Erde befand. Ich hatte die Hoffnung aufgegeben, noch etwas Schlaf zu bekommen und kleidete mich gleichfalls an. Meinem Mann würde eine Tasse Kaffee gewiss willkommen sein, und ich fasste gleich den Entschluss, auch dem geplagten Alten für seinen Heimweg eine Stärkung anzubieten. Es dauerte nicht lange, so hörte ich unten die Tür gehen, ich huschte die Treppe hinunter und bat den Alten, der sich erleichtert verabschieden wollte, mit uns eine Tasse Kaffee zu trinken. Herr Tümmler ließ sich nicht lange nötigen, und bald saßen wir zu dritt recht behaglich vor den dampfenden Tassen. Unser Besuch schlürfte mit sichtlicher Freude den ungewohnten und anregenden Trank, der ihm denn auch bald die Zunge löste.

Herr Tümmler war ein hochgewachsener hagerer Mann mit vollem, borstigem Haarschopf und einer kühnen Hakennase von buschigen ergrauten Brauen überhangen. Ich hätte ihn für sechzig gehalten, wenn er nicht selbst alsbald mit einem gewissen Stolz auf seine achtzig hingewiesen hätte. Diese achtzig Jahre waren eine Kette von Krankheiten und Unglücksfällen gewesen, die der Greis behaglich vor uns ausbreitete. Zum Schluss seiner ausgiebigen Schilderungen stieß Herr Tümmler ein dröhnendes Gelächter aus, dann erhob er sich mit kurzem Entschluss, dankte freundlich und verließ uns.

Ich sah ihm nach, wie er, von schwerer Last befreit, und rüstig wie ein Jüngling, über die Straße ging. Die Sonne funkelte schon auf den Dächern, und sie lockte auch mich zu einem Gang in diesen Morgen, der unserer ersten geschmälerten Nacht so früh und so strahlend gefolgt war. Wilhelm war gleich für meinen Wunsch gewonnen, und so gingen wir durch das Dorf, das schon lange nicht mehr schlief, wie ich als Städterin wohl vermutet hatte, den Elfas hinauf, den südlichen Hang unseres Tales. Wir gingen zwischen den Weiden am sanften Anstieg des Rückens hindurch, da saßen schon die Mägde und molken die Kühe, um welche die Schwalben im niedrigen Fluge herumsegelten. Auf den weiten grünen Flächen waren überall schon fleißige Menschen am Werke, ja einige kamen uns schon entgegen mit kleinen Fuhren voll Klee.

Wir gingen anfangs schweigend durch diesen herrlichen Morgen; er söhnte mich aus mit all den Schattenseiten des Landlebens, die ich nun schon hatte kennenlernen müssen. Lächelnd gedachte ich der Störung unserer Nacht und besonders des frühen Besuchers:

»Das war einmal ein prächtiger alter Mann«, sagte ich, »dieser Herr Tümmler aus Bohnsen.«

»Ja«, meinte Wilhelm, »die Leute aus Bohnsen bilden einen besonderen Schlag, es sind noch eiserne Naturen. Diese Urwüchsigkeit rührt wohl daher, dass das Dorf so abseits hinter dem Berg liegt. Ich wurde einmal zu dem Schmied gerufen, dessen Bruch sich eingeklemmt hatte. Der Mann musste furchtbare Schmerzen haben, aber während ich eine Stunde lang vergebliche Versuche machte, den Bruch zurückzubringen, ließ er mich bis auf ein leises Stöhnen nichts von seinen Qualen merken. Endlich war ich es, der schweißtriefend eine Pause eintreten lassen musste; um aber meine Ermattung zu bemänteln, sagte ich ihm, er sollte sich erst einmal etwas erholen. Das wäre nicht nötig, gab er zur Antwort, die Hauptsache wäre, dass ich noch könnte – er könnte es noch lange aushalten. Überhaupt ist es auffällig, wie in jedem Dorf die Bevölkerung eine andere ausgesprochene Eigenart aufweist. Man sieht daraus, dass diese abgelegenen Dörfer im Grunde nichts anderes sind als große Familien, deren Glieder jahrhundertelang, vielleicht jahrtausendelang untereinander immer wieder geheiratet haben, um so bestimmte Eigenschaften herauszubilden und zu vererben. Da ist zum Beispiel das Dorf Eitzum, dessen Bewohner sich durch eine Neigung zu Gewalttätigkeit und Unverträglichkeit auszeichnen. Es laufen dort zurzeit fünf Prozesse zwischen Vätern und Söhnen, bei denen ich als gerichtlicher Gutachter tätig war. Es handelt sich, wie meistens bei Bauern, um Erbschaftsstreitigkeiten, deren Anfänge ich in meiner Praxis häufig in Gestalt von zerschlagenen Köpfen und Messerstichen kennengelernt habe. Die Leute aus Flöthe wieder sind weich, anhänglich und liebenswürdig, aber sie sind auch leichtlebig, verschuldet und bezahlen keine Rechnungen. Auch die Himstedter sind freundlich, aber sie sind als Geizhälse verschrien und wieder aus diesem Grunde schlechte Zahler. Und was die Flöther an Schulden haben, das haben die Himstedter als Guthaben auf der Sparkasse.«

Darüber waren wir in den Wald gekommen. Unter dem Schatten der hohen Buchen breitete sich ein weicher grüner Teppich aus Pflanzen, deren Blätter mir freundlich bekannt erschienen: »Maiglöckchen!«, rief ich entzückt und beugte mich nieder, in der Hoffnung, noch eine letzte Blüte zu finden – da strömte mir aus dem teilweise schon vergehenden Kraut ein starker Zwiebelgeruch entgegen.

»Das sind keine Maiglöckchen«, belehrte mich Wilhelm lächelnd, »das ist Bärenlauch, der letzte Rest des Frühlings, der hier zu verlaufen beginnt. Du hättest den Frühling hier erleben sollen, wie er im Februar mit den Schneeglöckchen anfängt, um im frühen März schon den Seidelbast zu bringen und die Leberblümchen. Dann wuchert es an allen sonnigen Stellen aus der noch kahlen Erde hervor und bedeckt den Boden mit blauen Blumen und mit der grünen Nieswurz und den Veilchen. Bald kommen die Schlüsselblumen und die weißen und gelben Anemonen – hier gibt es die wilden Orchideen noch, das Knabenkraut und die Kuckucksblume und den gelben Sturmhut, der ganze Hänge bedeckt.«

Er schwärmte noch weiter, und so gern ich ihm gefolgt wäre – ich konnte es nicht. Vielleicht war es der Zwiebelgeruch gewesen, der mich in die Welt der Küche und des beginnenden Alltags zurückgerufen hatte: ich musste plötzlich daran denken, dass ich heute zum ersten Mal für ein Mittagessen zu sorgen hatte, worauf ich doch nicht im Geringsten gerüstet war.

»Hör bloß auf mit deinen Frühlingsblumen«, sagte ich traurig, »wir haben ja heute noch nichts zu essen.«

»Du kleine Materialistin«, lächelte er und unterbrach geduldig seine Schwärmereien, »da ich nun einmal bei den Blumen war, darf ich dich zum Schluss wohl noch an die Lilien auf dem Felde erinnern. Ich glaube, ich kann dir deine Sorgen um das Mittagsbrot nehmen – hier in Wenzen braucht im Sommer niemand zu hungern, der sich mit dem Wald befreundet.«

Wir waren unterdessen an einen Bach gekommen, der sich bis zur Tiefe einer kleinen Schlucht in den Waldboden hineingefressen hatte. An den feuchten steilen Hängen begann Wilhelm nun herumzuklettern, dann bückte er sich plötzlich, um mir gleich darauf frohlockend eine Handvoll Pfifferlinge entgegenzuhalten. Er zog einen leinenen Beutel aus der Tasche, ohne den er im Sommer nie auszugehen eifrig beteuerte; und da nun auch ich mich voller Freude an der Suche beteiligte, hatten wir im Handumdrehen das Säckchen gefüllt.

So kam ich zu meiner ersten Mittagsmahlzeit im neuen Heim.

Es mag hier erwähnt werden, dass ich mein Essen nicht nur allein kochen, sondern dass ich mir auch das Holz für den Herd und das Wasser für den Kessel selber herbeischleppen musste, denn eine Hilfe hatte ich nicht. Wilhelm hatte mir gleich klargemacht, dass mein Wunsch nach einer Bedienung, so berechtigt er an sich wäre, in der Zeit der Ernte, die alle Kräfte der Dorfbewohner beanspruchte, nicht erfüllt werden könnte. –

Frau Busse zeigte in den folgenden Tagen ein mürrisches Gesicht, obwohl wir uns um des häuslichen Friedens willen zu einem gehorsamen Verzicht auf die geplante Sonntagsreise durchgerungen und sie davon in Kenntnis gesetzt hatten. Sie ging mir nach Möglichkeit aus dem Wege; am ersten Sonnabend aber, als ich vertragsgemäß daranging, den Steinweg zum Haus, den Hausflur und die Treppe aufzuwaschen, stellte sie sich die ganze Zeit in die geöffnete Tür der Schusterstube und verfolgte schweigend mit den Augen meine Bemühungen. Sie wurden freilich immer hastiger und ungeschickter, je mehr mir zum Bewusstsein kam, dass die Zuschauerin sich an dem Anblick meiner Arbeit weidete. So mochte das Urteil, das sie nach Beendigung meiner Tätigkeit fällte, nicht ganz unberechtigt sein, wenn es mir auch Tränen der Wut entlockte.

Auf dieses Reinemachen könnte ich mir allerdings nichts einbilden! Das möchte ich nur gleich noch einmal und besser machen! Man merke es nur zu deutlich, dass ich von solcher Arbeit nichts verstände.

Ich hatte Lust, ihr den Scheuerlappen um die Ohren zu schlagen, und ich bedauere es noch heute, dass ich es nicht getan habe. Damals aber beschränkte ich mich darauf, ihr zu bestätigen, dass ich allerdings solche Arbeit nicht gewöhnt wäre, und wenn ich mich ihrer auch keineswegs schämte, so hätte ich doch die Absicht, zum Herbst ein Mädchen zu meiner Hilfe zu mieten.

Das könnte mir wohl so passen – meinte hierauf die Frau des Schusters. Hier auf dem Dorfe brächte jedermann seinen Dreck allein beiseite, und solange sie hier etwas zu sagen hätte, käme kein Mädchen ins Haus.

Was mich nun veranlasste, tatsächlich die Arbeit des Scheuerns noch einmal vorzunehmen, kann ich heute nicht mehr genau sagen. Vielleicht war es nur der Wunsch, meinem Mann seinen so rührend begründeten häuslichen Frieden nicht zu trüben – genug, ich ergriff meinen Scheuereimer und wankte mit ihm zum Brunnen. In diesem Dorf war die Wasserförderung noch äußerst beschwerlich, Pumpen gab es nur auf wenigen großen Bauernhöfen. In allen anderen Anwesen wurde das Wasser aus tiefen gemauerten Schächten heraufgeholt, was im Sommer, bei dem niedrigen Wasserstand, besonders schwierig war. Der Eimer wurde an einer langen, mit einem Karabinerhaken versehenen Stange befestigt und dann in die Tiefe hinabgelassen. Wenn er sich gefüllt hatte, wurde er mit der Kraft der Arme an der Stange wieder heraufgezogen – das war eine unbeholfene und mühselige Art der Förderung, die alle Arbeit den menschlichen Muskeln aufbürdete.

Vielleicht hatte ich in meiner Erregung den Schöpfeimer nicht richtig eingehakt – jedenfalls geschah es mir, dass ich die leere Stange wieder heraufzog, während der Eimer im Brunnen versunken war. Ich fischte verzweifelt mit der Stange im Wasser herum, und als ich nichts erangelte, wurde ich von tiefer Mutlosigkeit ergriffen und setzte mich, erschöpft wie ich war, auf den Brunnenrand nieder, gewärtig der Dinge, die da kommen mussten … Natürlich war es Frau Busse, die kam. Sie stimmte ein höhnisches Lachen an, als sie den Sachverhalt erkannt hatte, und nun öffnete sich das Seitenfenster der Schusterstube, und heraus schaute Herrn Busses unbedarfter Kopf, um das Lachen seiner Frau keifend zu begleiten. Der Brunnen müsse leergepumpt werden, schrie er, denn der Eimer dürfe unmöglich im Wasser liegenbleiben. Und die Kosten, so schloss er, schon wieder erfreut über diese Aussicht, die Kosten müssten wir tragen.

Ich saß auf dem Brunnenrand, starrte in die Tiefe des Brunnens, und am liebsten wäre ich dem Eimer nachgesprungen. Ich saß und fühlte mich von aller Welt verlassen und wartete wieder auf irgendeine Hilfe, die doch kommen musste … Während das mittlerweile verstummte Ehepaar Busse meine Niederlage nunmehr schweigend genoss, kam der Altvater herangeschlurft. Ich hatte die leise Hoffnung, dass mir von ihm vielleicht Hilfe kommen würde, denn ich schmeichelte mir, sein Wohlwollen erkauft zu haben durch ein Päckchen Tabak, das ich ihm aus Hamburg mitgebracht. Und er half mir auch. Er hüstelte eine Weile um den Brunnenrand herum, dann nahm er mir die Stange, die ich immer noch umklammert hielt, aus der Hand und brachte den Eimer auch glücklich wieder zum Vorschein.

Die Empörung, mit der mich dieser Vorgang erfüllte, musste ich ganz allein tragen, ich konnte ihr keinen erleichternden Ausdruck gewähren, denn ich hatte ja beschlossen, meinen Mann nicht um seinen Frieden zu bringen. Da ich mir nicht bewusst war, Frau Busse irgendeine Veranlassung für ihre Bosheiten gegeben zu haben, so lernte ich sie mir im Laufe der nächsten Tage als den Ausdruck einer gewissen weiblichen Eifersucht zu erklären: ich war eben störend in die Idylle eingedrungen, in der Wilhelm bislang mit seinen Wirtsleuten so harmlos gelebt hatte. –

Die Aussicht, den ganzen folgenden Sonntag meine Peinigerin nicht zu Gesicht zu bekommen, machte mich ganz glücklich. Der Tag brach für uns sehr früh an, denn Busses verließen schon kurz vor fünf Uhr das Haus. Bald darauf erhob sich auch Wilhelm aus den Federn, kleidete sich an und bat mich aber mit einer gewissen verdächtigen Beflissenheit, ruhig noch liegenzubleiben. Ich hörte bald darauf vom Bett aus unten im Stall ein emsiges Kramen und Poltern, ein Klirren von Eimern und Kannen, und dann vernahm ich das laute gierige Quieken und Grunzen, das die Schweine vor dem Füttern anzustimmen pflegen.

Von einer schrecklichen Ahnung getrieben, kleidete auch ich mich an und glitt leise die Treppe hinunter. Und nun belehrte mich ein Blick durch die offene Stalltür, wie weit die Neigung meines Mannes, sich dem Leben dieses Hauses unterzuordnen, gediehen war: Die Schweine fraßen bereits, er hatte ihnen ihr Futter offenbar schon verabfolgt. Mein Mann saß jetzt, vom Qualm einer kurzen Pfeife friedlich umwogt, unter einer Kuh, ganz versunken in die emsige Tätigkeit des Melkens. Der Strahl der Milch zischte voll und kräftig aus seinen sichtlich geübten Händen in den Holzeimer.

Ich blieb eine Weile lautlos stehen, gebannt von diesem Anblick, der mich rührte und entrüstete zugleich.

Die Kuh wandte jetzt ihren Kopf nach der Stalltür hin, und wie sie ihr leises klagendes Brummeln ausstieß, wandte auch der Melkende sich zur Seite und sah mich. Sein Gesicht spiegelte in schneller Folge die Empfindungen, die ihn bewegten. Erst war es der reine Schreck, der ihn bei seinem heimlichen Tun befiel, dann meldete sich die Scham, und schließlich glänzte ein Lächeln in seinen Zügen auf:

»Da staunst du wohl«, sagte er, »das Melken habe ich schon im Kriege gelernt, und hier im Hause habe ich mich noch weiter darin vervollkommnet. Wenn du Lust hast, will ich dich auch gern in diese schöne Kunst einweihen.«

Ich mochte indessen nicht – bestimmt mochte ich das Melken nicht in diesem Hause erlernen, schon um nicht in die Lage zu kommen, eines Tages die Kühe der Frau Busse melken zu müssen.

Wilhelm war mit der ersten Kuh nun mittlerweile fertig geworden und wandte sich der anderen zu.

»Sie ist ein bisschen unruhig«, sagte er, während er schon das Euter zwischen den Händen hatte, »wirf ihr doch bitte etwas Klee vor! Wenn du schon einmal unten bist, kannst du gleich etwas mit helfen.«

Ich warf nun der Kuh auch Klee vor; da ich aber schon einmal unten war, ergab es sich, dass ich auch die Ziegen fütterte, den Hühnern Mais hinstreute und endlich noch ein halbes Dutzend Eimer Wasser zum Tränken der Tiere herbeischleppte. Dass mir diese Arbeit schließlich Freude machte, kann ich nicht leugnen, denn die zutrauliche Dankbarkeit, mit der die Tiere ihr Futter aus meinen Händen entgegennahmen, war Lohn genug für meine geringen Bemühungen. Dass ich aber am Nachmittag die Tiere nicht nur füttern, sondern ausgerechnet mit den Kühen auf die Weide ziehen musste, das sollte sich als eine Aufgabe erweisen, die meine Kräfte denn doch weit überstieg.

Nach dem Nachmittagsfüttern und nachdem Wilhelm auch zum zweiten Male gemolken hatte, hatten wir uns zum Tee niedergesetzt, als uns plötzlich die eindringlichen, langgezogenen Klagetöne, durch welche die Kühe ihren Hunger verraten, auffahren ließen. Wir waren wohl am Morgen mit dem bereitgestellten Futtervorrat etwas verschwenderisch umgegangen und hatten daher eine entsprechend geringere Nachmittagsgabe verabfolgen müssen.

»Nun kann das nichts helfen«, sagte Wilhelm, »wir müssen die Kühe noch auf die Weide führen. Die Tiere kommen sonst nicht zur Ruhe und wir erst recht nicht.«

Herr Busse hatte einen Feldweg dicht hinter seinem Grundstück zum Abweiden gepachtet, und auf diesen Weg, so bedeutete mir Wilhelm, würden wir die Kühe nun führen müssen.

»Jeder von uns wird eine Kuh am Halfter nehmen. Du sollst einmal sehen, was für eine friedliche, beschauliche Beschäftigung das Kühehüten ist!«

Ich weigerte mich anfangs, ich hatte Angst vor dieser friedlichen Beschäftigung, denn die Tiere waren mir unheimlich, und am meisten fürchtete ich ihre riesigen Hörner.

»Dann muss ich eben beide Kühe am Halfter nehmen und allein gehen, wenn du so ein Hasenfuß bist«, sagte Wilhelm gekränkt, »ich sehe, dass es dir wirklich sehr schwerfällt, dich mit dem Landleben zu befreunden.«

Schweren Herzens entschloss ich mich nun, eine Kuh am Halfter zu nehmen und auf die Weide zu führen. Das ging denn auch so gut, dass ich sogar voll fröhlicher Zuversicht die zweite Kuh in meine Obhut nahm, als Wilhelm unverhofft zu einem Patienten abberufen wurde.

Aber der Weidegang mit diesen beiden Kühen wurde mir zum Verhängnis. Eine Bremse jagte die Tiere aus dem beschaulichen Gleichmut auf, mit dem sie sich unter meiner sanften Führung dem frischen Gras zugewandt hatten. Sie rissen mich mit hinein in ihre kopflose Flucht, die durch wogende Roggenfelder und blühende Kartoffeläcker um das halbe Dorf herumführte.

Und die Jagd hätte mich auch noch um das ganze Dorf getrieben, wenn nicht endlich aus der Hinterpforte eines großen Gartens eine hohe Frauengestalt herausgetreten wäre und ihr Einhalt geboten hätte. Schon hatte die Frau beide Kühe mit starker Hand eingefangen, als ich atemlos angekeucht kam. Ich war so erschöpft und so sehr von Scham und Verzweiflung überwältigt, dass ich laut weinend zu Boden sank. Kaum hörte ich noch, wie die Frau einigen gaffenden Kindern die Kühe übergab mit der Weisung, sie in den Stall zurückzubringen.

Willenlos ließ ich mich sanft emporziehen und in den rettenden Garten geleiten.

3. Kapitel

»Bitte, sagen Sie mir, wann der nächste Zug in Richtung Kreiensen–Hamburg fährt!«, das waren die ersten Worte, die ich an die Frau richtete, während sie schweigend neben mir durch den Garten ging. Denn obwohl ich meiner freundlichen Retterin doch vornehmlich einen Ausdruck des Dankes schuldig war, drängte eine grenzenlose Erbitterung gegen Wilhelm zuallererst nach Entladung. Hinzu kam das tief beschämende Gefühl, mich vor dem ganzen Dorfe lächerlich gemacht zu haben und die Gewissheit, dass ich den Anforderungen und Aufgaben dieses Landlebens nie und nimmer würde genügen können: Ich war nun einmal Städterin und gehörte in die Stadt.

Meine Begleiterin sagte immer noch nichts, sie hatte mich mittlerweile in eine kleine Laube geführt, die aus der Hainbuchenhecke kunstvoll herausgezogen war. Erst als wir uns auf einer Bank in der dichten Geborgenheit des grünen Gewölbes niedergelassen hatten, gab sie mir eine Antwort:

»Der nächste Zug fährt um sechs Uhr dreiundvierzig … Aber Sie werden nicht mit diesem Zug fahren.«

»Doch, doch«, rief ich, »ich muss fahren – ich muss!« Dann weinte ich wieder. Die Frau hatte ihren Arm um meine Schultern gelegt, sie sagte mit freundlicher Stimme:

»Nun weinen Sie sich getrost erst einmal aus, Frau Doktor. Und wenn Sie dann fertig sind, will ich meinem Manne ein bisschen in sein Pastorenhandwerk pfuschen.«

Ich weinte nun lange Zeit und ausgiebig. Aber während ich noch immer weinte, fühlte ich schon, wie es in mir immer stiller wurde in der Nähe dieser Frau, von der eine große Ruhe ausging. Es war mir wahrhaftig so, als ob ich ein Kind sei, das neben seiner Mutter säße.

Und wie aus dem Munde einer Mutter kamen auch die gütigen Worte, die nach dem Versiegen meiner letzten Tränen die Frau an mich richtete. Wie reich und stark war aber auch der Trost, den die Pfarrfrau zu spenden wusste: denn was ich für ein Unglück hielt, vom Schicksal für mich ganz persönlich ausgesucht, das alles hatte diese Frau, die aus einem wohlhabenden Hause der Hauptstadt mitten in die Schwierigkeiten des Landlebens verschlagen worden war, am eigenen Leibe erfahren.

Ihren Trost wusste sie mit einer so humorvollen Schilderung ihrer ländlichen Anfänge zu verbinden, dass ich in ihr fröhliches Lachen herzhaft einstimmte.

»Wenn Sie nun aber fahren wollen«, schloss die Pfarrfrau, »dann müssen Sie jetzt schleunigst aufbrechen. Mein Mann steht Ihnen mit seinem ›Bullerwagen‹ gern wieder zur Verfügung.«

»Wenn ich den Zug nur mit Hilfe dieses mir wohlbekannten Bullerwagens erreichen kann, will ich lieber auf meine Abfahrt verzichten und hierbleiben«, sagte ich lachend, »ich habe dann auch vielleicht heute schon Gelegenheit, Ihrem Mann für seine Freundlichkeit zu danken und auch mit ihm recht bekannt zu werden, was damals Rolands Eigensinn leider verhinderte. Wir hatten sowieso die Absicht, Sie in den nächsten Tagen aufzusuchen.«

Wir standen auf und gingen durch den Garten dem Hause zu, das von dichtem Gebüsch umgeben und von hohen Bäumen beschattet aus der Tiefe des sehr ausgedehnten Gartens mit seinem roten Dache herüberwinkte. Der Garten war durch einen Grasweg, auf dem wir nun gingen, in zwei gleiche Hälften geteilt.

»Hier zur Linken«, sagte die Pfarrfrau, »ist nun mein Reich, und rechts ist das meines Mannes.«

Ich sah links einen großen, sehr gepflegten Gemüse- und Beerenobstgarten, während das Stück zur Rechten mir sogleich durch eine höchst sonderbare Art der Bepflanzung auffiel. Ein erheblicher Teil des Landes war in kleine Vierecke eingeteilt, die ein jedes mit verschiedenen Getreidearten bewachsen waren. In der Mitte eines jeden Vierecks war eine kleine Tafel mit einer Aufschrift befestigt.

»Das sind die neuen Versuchsfelder meines Mannes«, erklärte Frau Fänger, »die Tafel gibt an, mit welcher Düngerart ein jedes Stück behandelt ist.«

Während diese Versuchsfelder noch ein leidlich geordnetes Bild boten, sah ich dahinter ein großes Feld, das durch ein ganz ungewöhnlich wüstes Wuchern befremdete. Ich verstand noch nicht viel von Unkräutern, aber das konnte ich doch erkennen, dass hier das Unkraut in ungebrochener Üppigkeit über jegliche Nutzpflanze völlig gesiegt hatte. Vor allem fielen die beinahe mannshohen Disteln auf, um deren stachlige Stiele die Ackerwinde sich mit ihren zarten weißen Blüten geschmiegt hatte. Frau Fänger mochte mein Staunen bemerkt haben, lächelnd erklärte sie mir:

»Was Sie da sehen, ist der Schandfleck des ganzen Dorfes – aber es war einmal der Stolz meines Mannes. Er nennt es seine Unkräuterversuchsstation, aber man kann es auch anders nennen. Jedenfalls hatte er die Absicht, die Lebensbedingungen und Bekämpfungsmöglichkeiten des Unkrautes zu studieren. Zu diesem Zweck hat er den Samen sämtlicher Unkrautsorten, deren er hier in der Gegend habhaft werden konnte, gesammelt und ausgesät. Und das, was hier nicht zu haben war, hat er mit großen Kosten von weit her kommen lassen, zum Beispiel das gefürchtete Franzosenkraut, von dem wir bis dahin noch verschont geblieben waren. Diese Versuche sind zwar seit einigen Jahren schon wieder aufgegeben, aber das Feld dahinten ist nun für keine andere Frucht mehr zu gebrauchen, und das Endergebnis von meines Mannes Bemühungen ist, dass wir nunmehr auch das Franzosenkraut und einige andere seltene Unkräuter in den Äckern der Wenzener Feldmark aufweisen können.«

Je weiter wir nun den Grasweg hinuntergingen, desto offensichtlicher wurde der Gegensatz zwischen der linken Gartenhälfte der Frau und der rechten des Mannes. Während links auf einer großen Rasenfläche reichtragende Obstbäume standen, waren rechts nur noch halbverdorrte Stämme erhalten geblieben, hin und wieder eine Reihe seltener Nadelhölzer, deren größtenteils abgestorbene Nadeln durch ihr unlustiges Gelb es verrieten, wie wenig ihnen Boden und Pflege hier zusagten. Ein großes, halb zerfallenes Bienenhaus schloss sich dieser Klage an und zeugte von einem Eifer, der bald erlahmt war.

»Dieses untere Stück«, bedeutete mir Frau Pastor Fänger, »habe ich meinem Mann jetzt gottlob abgerungen, es wird im nächsten Jahr unter meine Verwaltung kommen, und ich will junge Obstbäume darauf pflanzen. Diese Preisgabe hat er sich freilich gut bezahlen lassen, ich habe darin einwilligen müssen, dass er seiner Leidenschaft für alte Möbel wieder einmal frönen durfte. Er hat vorige Woche ein wundervolles Biedermeierzimmer in Hannover gekauft, obwohl wir alle Räume schon übervoll haben. Es steht nun auf dem Boden und wird vielleicht ein Raub der Motten und Holzwürmer werden. Aber das sieht wenigstens niemand, und ich wäre sogar gern damit einverstanden, dass noch ein flämisches Barock-Esszimmer und ein Empire-Salon auf dem Boden verkämen, wenn ich dafür dieses ganze Land der allzu offenbaren Verwüstung durch seine Unkrautstudien und seine Versuche entreißen könnte.«

Ich begann meine neue Freundin zu bewundern, umso mehr, als ich aus ihrem Lachen den Nachhall der Kämpfe herauszuhören glaubte, die dieser tapferen Frau in ihrer Ehe nicht erspart geblieben waren …

Als wir das Haus erreicht hatten, sahen wir Wilhelm durch den Vorgarten herankommen. Er hatte natürlich von meinem Missgeschick schon gehört und näherte sich uns mit einem so schuldbewussten, zerknirschten Gesicht, dass ich wieder hell auflachen musste. Frau Fänger freilich hielt es denn doch für angebracht, meinem Mann ein wenig ins Gewissen zu reden ob dieser an mich gerichteten Zumutung des Kühehütens, schloss aber dafür gleich eine umso herzlichere Einladung zum Abendessen für uns beide an.

»Sie werden bei uns eine große und recht bunt zusammengesetzte Tafelrunde vorfinden. Da ist zum Beispiel meine Jugendfreundin, Frau Veronika Behrens aus Berlin, die bei uns jeden Sommer einige Monate zu Gast weilt. Veronika ist ein Fall für sich. Schon als Backfisch fühlte sie den Drang zu großen Taten; damals entsprangen ihm vorerst Gedichte, denen wir Freundinnen viele frohe Stunden verdankten. Bald aber entdeckte sie den Beruf zu Größerem in sich: nämlich zu einer Reformierung unseres Landes und unserer Weltanschauung an Haupt und Gliedern. Sie war mehrere Male verlobt, aber trotz ihres großen Vermögens scheiterten alle ihre Verlöbnisse an den Klippen ihrer immer neuen Berufungen und Aufgaben. Vertrieb sie den ersten Verlobten noch mit der Lösung der Welträtsel, so erschreckte sie den zweiten bereits durch das Ansinnen, mit ihr zum Buddhismus überzutreten. Eine endlich geschlossene Ehe zerrüttete sie durch den hartnäckig vorgetragenen Plan, ihr Vermögen der Gründung einer Sekte zu opfern, als deren Haupt und Prophetin sie auf göttliche Ehren Anspruch erheben durfte – einen Plan, den sie nach der Flucht des Herrn Behrens denn doch nicht ausführte. Sie ist auch bei uns fast in jedem Jahr mit neuen kühnen Reformideen aufgetreten. Wir haben uns mittlerweile schon an diesen Wechsel der Ideen gewöhnt und sind nicht weiter überrascht, sie dieses Jahr als Verfechterin der Rohkost zu sehen. Ich will nicht das mindeste gegen eine im Grunde sehr heilsame Bewegung einwenden, aber die Reform an Haupt und Gliedern, die Frau Behrens von der Rohkost erwartet, kann diese gewiss nicht leisten. So fürchte ich, dass sie nichts erreicht, als eine gesunde Idee in Verruf zu bringen, zumal ich schon wiederholt bemerken musste, dass sie sich selbst einen allzu häufigen Dispens bei der Innehaltung ihrer Grundsätze erteilt. Bitte, verübeln Sie es mir nicht, dass ich gleich so freimütig über meinen Gast zu reden gezwungen bin, aber ich war Ihnen diese kleine Aufklärung schuldig als eine ›Gebrauchsanweisung‹ im Umgang mit Veronika, deren gewaltigem rednerischen Ansturm Sie sehr bald ausgesetzt sein werden.« –

Herr Pastor Fänger, den wir gleich darauf im Esszimmer des behaglichen und sehr geräumigen Pfarrhauses begrüßten, bot mir in seinem Äußeren heute Abend eine große Überraschung. Hatte er sich bei unserer ersten Begegnung als Bauer gegeben, so zeigte er sich heute als vollendeter Weltmann. Seine schlichte Eleganz, seine gepflegten Umgangsformen fügten sich schön und leicht dem unaufdringlichen Reichtum des Hauses ein. So kam nach den Leiden meiner ersten Woche unter Busses Dache ein Aufatmen über mich, als ich von ihm zu Tisch geführt wurde.

Wir standen nun, zum Essen bereit, um den riesigen runden Tisch in der Mitte des Raumes, als noch zwei Bewohner des gastlichen Hauses erschienen.

Da war zunächst eine hagere, schwarz gekleidete alte Dame, die mir, als die Tante der Hausfrau vorgestellt, mit einem abwehrenden und beinahe feindseligen Ausdruck im verbitterten Gesicht begegnete. Erst später erfuhr ich, dass mir mit diesem unfreundlichen Gruß nur dasselbe widerfuhr wie jedem neuen Gaste der Pfarre, denn Tante Friedchen hielt jeden Menschen für ihren Feind, mit dem sie die ihr gewährte Gastfreundschaft dieses Hauses auch für noch so kurze Zeit teilen musste. Sie stammte aus Hannover, wo sie früher ein behagliches Leben in ihrer geräumigen Wohnung geführt hatte, während sie nun unter dem Dach der Zeit diese Wohnung möbliert vermietet hatte, um selber die Gastfreundschaft einiger verwandter Familien der Reihe nach in Anspruch zu nehmen.

Der Tante folgte ein kleiner, breitschultriger Mann, dessen rundbäckiges Gesicht zunächst den Eindruck von Gesundheit und behäbiger Zufriedenheit auf mich machte. Erst als die feucht schimmernden Äuglein bei der Vorstellung unstet und flüchtig mich streiften, bemerkte ich die innere Unruhe, die diesen Mann bewegte.

»Das«, sagte der Pfarrer, »ist nun meine rechte Hand: Herr Vikar Kreybohm.«

Als dritte erschien bald darauf die uns bereits angekündigte Frau Behrens. Mir fiel sogleich ihr blühendes Aussehen auf, wie ich es noch bei keinem Rohköstler angetroffen hatte.

Wir setzten uns nun zu Tisch und bekamen Tee eingeschenkt von zwei jungen Mädchen, die unter Frau Fänger die Führung eines großen Landhaushalts erlernten. Mein Platz war zwischen dem Hausherrn und seinem Vikar, während Wilhelm zwischen der Hausfrau und Veronika Behrens zu sitzen kam. Gern hätte ich der alsbald einsetzenden Unterhaltung zwischen Frau Behrens und meinem Mann etwas länger gelauscht, denn Wilhelm begegnete ihrem Phrasenschwall mit einer so unverhohlenen Ablehnung, dass ich bald aus ihren kalten Augen eine überraschende Feindseligkeit hervorbrechen sah. Aber ich kam nicht dazu: die beiden geistlichen Herren wetteiferten darin, mich zu unterhalten.

Zuerst war es der Pastor, der eindringlich auf mich einsprach in der löblichen Absicht, mich nach den entmutigenden Erlebnissen des Nachmittags weiter aufzurichten:

»Sie werden durch die dörflichen Verhältnisse gewiss erst einmal recht verwirrt werden, aber nach einiger Zeit wird in der Beurteilung dieser Ihnen so fremden Menschen eine Klärung eintreten, und Sie werden die Dörfler zweckmäßig behandeln. Mir ging es auch erst so, dass ich als Städter die Einfachheit ihrer Mittel nicht begriff und also lange der Unterlegene war, bis ich es lernte, die Fäden dieser urwüchsigen Diplomatie aufzugreifen und dann in meiner Hand zu vereinigen. Da die Menschen im Grunde gutartig sind, lässt es sich sehr behaglich unter ihnen leben, wenn man ihnen nur mit ihren eigenen Mitteln zu begegnen und Achtung einzuflößen versteht. Freilich muss diese Achtung zuerst einmal gesichert werden, und da fürchte ich, dass Ihr Gatte einen Fehler begangen hat, indem er sich gleich zu Anfang, als ein noch unbeschriebenes Blatt, zu tief unter seine Hauswirte gebeugt hat.«

Hier wurde der Pastor unterbrochen, denn Veronika Behrens zog ihn jetzt in die aufdringliche Debatte über das Problem des »Mörders Kochsalz«.

Mein Nachbar zur Rechten öffnete jetzt den Mund, um mir nunmehr auf seine Weise Mut zuzusprechen:

»Sie tun gut daran, verehrte Frau Doktor«, begann er mit dem Pathos, das er aus seinen beruflichen Verkündigungen in die Rede des Alltags mit hinüberzunehmen pflegte, »dem Optimismus meines Kollegen ein gerüttelt Maß von Skepsis entgegenzusetzen. Mit dem behaglichen Leben ist es nicht so weit her hier im Dorfe! Hat Ihr Gatte einen Revolver? Wenn nicht, so sorgen Sie schleunigst dafür, dass er sich einen verschafft. Raubüberfälle und Einbruchsdiebstähle gehören hier zur Tagesordnung. Es wird nicht lange dauern, so werden Sie die Bösartigkeit der hiesigen Bevölkerung zu spüren bekommen. Ich persönlich könnte in diesem allzu sorglosen Hause keine Stunde verbringen, wenn ich nicht ständig auf alles gerüstet wäre. Sehen Sie mal – hier!« Damit zog er mit einer heimlich geschickten Bewegung, der man es ansah, wie oft sie geübt war, etwas aus seiner Hosentasche heraus und zeigte mir nun im Schutze der herabhängenden Tischdecke einen großen Revolver.

»Ohne diesen meinen treuen Taschenhund würde ich es niemals wagen, auch nur meine Kammer zu verlassen! Ich rate auch Ihnen dringend, sich ungesäumt solch eine Waffe zuzulegen – man kann ja kleine zierliche Ausführungen bekommen, die bequem in einer Damentasche zu tragen sind. Es gibt doch eine große Beruhigung, so eine Waffe bei sich zu haben.«

Es war mir allerdings vorläufig gar keine Beruhigung, den Vikar mit seinem großen Schießeisen in meiner unmittelbaren Nähe hantieren zu sehen, und ich gab meinem Unbehagen auch lebhaften Ausdruck. Diese ganze Vorführung war mir umso peinlicher, als ich meinem Nachbar gänzlich ausgeliefert war, denn niemand achtete jetzt auf uns, da die ganze Tafelrunde durch die Beredsamkeit der Frau Behrens eingefangen war.

»Bitte, keine Angst«, sagte mein Nachbar, »der Revolver ist doppelt gesichert. Sehen Sie mal – hier!« Er wies auf die Sicherung, schob sie der besseren Veranschaulichung halber zur Seite und machte mich dann auf eine andere sinnreiche Einrichtung der Waffe aufmerksam: »Und dann ist hier noch ein kleiner Knopf, wenn ich auf den drücke, so ist die Sicherung noch einmal gesichert, und man kann ruhig auf den Hahn drücken – sehen Sie mal, so.«

Er zog schon den Hahn ab, und nun nahm diese Vorführung eine Wendung, die selbst Veronikas Deklamationen ein jähes Ende bereitete. Der treue Taschenhund hatte offenbar gar kein Gefühl dafür, was er seiner doppelten Sicherung schuldig war – er brüllte wütend los, und aus seinem abwärts gerichteten Maul fuhr donnernd eine Kugel in die Tiefe. Die ganze Tafelrunde wiederum fuhr in die Höhe, ohne indessen das Maß von Entsetzen zu bekunden, das mich und Wilhelm befiel, und das ich auch bei den anderen erwartet hatte.

Die Frau des Hauses gab uns mit ihren Worten denn auch gleich die Erklärung für diese seltsame Gelassenheit:

»Aber, Herr Vikar Kreybohm – schon wieder mal Ihr Taschenhund? Das nächste Mal wird er uns noch in die Beine beißen! Vor einigen Tagen«, wandte sie sich zu uns, »bellte er doch wenigstens noch auf einer Wagenfahrt durch den dichten Wald, in dem ja immerhin Räuber verborgen sein konnten. Roland hat sich so maßlos erschreckt, dass er sich für eine halbe Stunde niederlegte. Früher pflegte Herr Kreybohm seinen Hund nur bellen zu lassen, wenn er allein war oder doch höchstens einmal während des Konfirmandenunterrichts – während der Mahlzeiten aber und im Esszimmer verbitte ich mir ernstlich alle Hunde!«

Mein Nachbar war über eine unverständlich gestotterte Entschuldigung nicht hinausgekommen, er war erst leichenblass und dann feuerrot geworden. Für den Rest des Abends versank er in ein grämliches Schweigen.

Während dieses Vorfalls war die Tante allein sitzengeblieben, sie war so weit davon entfernt, ihre Mahlzeit zu unterbrechen, dass sie die Ablenkung der allgemeinen Aufmerksamkeit dazu benützte, sich den Teller doppelt zu füllen. Über diesen Berg von Sauerfleisch und Bratkartoffeln blickte sie nicht ohne einen gewissen Triumph hinweg auf den Tisch, auf dem sich nun die anderen Hände wieder zu regen begannen zu weiterem Werke.

Gegen Ende der Mahlzeit ereignete sich ein kleiner lustiger Zwischenfall. Pastor Fänger stieß mich unversehens heimlich an und machte mich mit einem verhaltenen listigen Lächeln darauf aufmerksam, dass sich unter den großen Haufen Grünzeug auf Frau Veronikas Teller ein rosig leuchtendes Stück Schinken verirrt hatte. Mit einem Male sagte er laut und ernst zu seiner Frau: »Um des Himmels willen, Helene – lass doch schnell Frau Behrens einen neuen Teller reichen. Die Ärmste hat sich aus Versehen das furchtbare Gift unter ihr Essen gemischt. Wenn mich nicht alles täuscht, sehe ich da ein kompaktes Stück eines Schweinekadavers!«

Unter dem allgemeinen Gelächter der Gesellschaft erhob sich Veronika wortlos, um mit tief beleidigter Miene das Zimmer zu verlassen. Frau Fänger suchte mit einem sanften Vorwurf gegen ihren Mann diese auf Kosten ihrer Freundin sich austobende Heiterkeit zu beschwichtigen, was ihr denn auch leidlich gelang. Nur die Tante verharrte in dem unersättlichen Ausdruck eines schier schrecklichen Frohsinns, der bis zu einem bedrohlichen Erstickungsanfall führte. Sie musste von der Frau des Hauses hinausgeleitet werden, worauf sich die Tafelrunde bald ganz auflöste.

Wilhelm erinnerte sich nun plötzlich seiner Pflichten, die er so gröblich vernachlässigt hatte: »Ich habe ja ganz vergessen, die Hühner und die Gänse einzusperren, und melken muss ich auch noch einmal … Ich gehe schnell hinüber, bleib du nur hier, Grete!«

Mir ahnte aber schon etwas Böses, und ich wollte meinen Mann keineswegs allein gehen lassen.

Der Abschied von unseren freundlichen Gastgebern führte uns noch in den Kuhstall, wo Herr und Frau Fänger sich um ein plötzlich erkranktes Tier bemühten. Wir mussten dem Ehepaar versprechen, noch zu einem Glas Wein ins Pfarrhaus zurückzukehren. Als wir den Kirchplatz überschritten, klang vom Turm ein einzelner Glockenschlag.

»Um Himmels willen – halb neun!«, rief Wilhelm, »da sind ja Busses schon lange wieder zu Hause.«

Und mit dem schlechten Gewissen von Schulkindern, die sich verspätet haben, eilten wir unserer Wohnung zu.

Bei Busses herrschte eine eisige Stimmung. Die Frau, die wir im Stalle beim Melken betrafen, und der Wilhelm mit einer schlecht gespielten Unbefangenheit eine Entschuldigung wegen unserer verzögerten Heimkehr vortrug, würdigte uns keines Wortes und keines Blickes. In den Türen standen die Kinder mit einem hämisch frechen Grinsen, sie traten nicht im Mindesten zur Seite, als wir den Stall verließen und die Schusterstube aufsuchten, um unserem Hauswirt mitzuteilen, dass wir noch einmal fortgehen und spät nach Hause kommen würden. Er möge daher die Haustür von innen nicht abriegeln.

Der Schuster stand mitten in der Stube, er hatte uns wohl schon erwartet. Er hielt ein Stück Brot und ein Ende Wurst in der Hand und stopfte sich, während Wilhelm zu ihm sprach, in offenbarer Nichtachtung den Mund weiter voll. Eine Weile kaute er weiter, man sah, wie der Ärger sein Gesicht rötete, wie er mit den Bissen auch seinen Hass hinunterwürgte. Endlich nuschelte er einige Worte, die uns mit einem Sprühregen von Speichel und Brotkrumen erreichten: Wir hätten heute Abend nicht mehr auszugehen. Die Tür würde jedenfalls abgeriegelt. Die Bauern verlangten auch, dass alles, was ins Haus gehörte, zur rechten Zeit da wäre.

Auf eine solche Unverfrorenheit noch etwas zu erwidern, hielten wir nicht für nötig; grußlos verließen wir den Raum. Den quälenden Gedanken, dass der Schuster seine Drohung wahr machen könnte, versuchte Wilhelm mir auf dem Wege zum Pfarrhaus auszureden, aber ich wurde den ganzen Abend eine trübe Ahnung nicht los – ich hatte ja bezüglich unserer Wirtsleute in dieser einen Woche schon mehr Erfahrungen gesammelt als Wilhelm in einem Jahr.

Herr und Frau Fänger, denen wir bald darauf beim Glase Wein im behaglichen Zimmer des Hausherrn unseren Zusammenstoß mit Busses berichteten, bestärkten mich denn auch in meinen Befürchtungen: »Machen Sie sich nur schon darauf gefasst, dass sie heute Nacht nicht in Ihren Betten schlafen werden«, sagte der Pastor.

»Das wäre ja herrlich«, fiel seine Frau ein, »da hätte ich ja heute schon das Vergnügen, Sie als Logisgäste in unserem Hause aufzunehmen!«

Wilhelm zeigte anfangs durch sein schweigsames, bedrücktes Wesen, wie ernstlich ihm das wahre Gesicht unserer Wirtsleute, das sich auch ihm nunmehr immer deutlicher zu enthüllen begann, beschäftigte.

Der Pastor, der meinen Mann sinnend betrachtete, begann endlich mit einem feinen Lächeln: »Sie sind nicht der Einzige, der im allzu vertrauten Verkehr mit dieser Art Menschen unterlegen ist und gerade die Achtung eingebüßt hat, die der Dörfler dem Gebildeten ohne weiteres erst einmal entgegenbringt. Gerade ich, der ich auch als Studierter aus der Stadt aufs Land gekommen bin, begreife sehr wohl, welcherart das Grundgefühl war, das Sie so tief sich hat beugen lassen. Es war einmal das Gefühl der Minderwertigkeit eines komplizierten Menschen diesen ungebrochenen Naturen gegenüber und dann die tiefe Demut vor der von Ihnen als mythisch empfundenen Einfalt der Dinge und Lebensverhältnisse. Als Pastor kann ich es besonders gut verstehen, wie beispielsweise schon im Dämmern eines Stalles diese Demut mit tiefen Kindheits- und vielleicht auch Menschheitserinnerungen als ein geradezu religiöses Erlebnis aufsteigt; das ist für einen Großstädter von heute ein durchaus wertvolles Gefühl. Aber die Art, wie Sie diesem Empfinden Ausdruck verliehen und um jeden Preis den inneren Anschluss an Ihre Hausbewohner suchten, musste Sie zwangsläufig in eine schiefe Lage bringen. Diese Menschen leben in einer ganz anderen Welt. Es ist die Welt der Tatsachen, aus der wir Gebildeten vertrieben sind durch den Missbrauch, den wir mit dem geschriebenen und gedruckten Wort begangen haben. Die Dörfler aber haben die Buchstaben nur erlernt als einen technischen Behelf zur Vermittlung von Tatsachen, um dann einen sehr maßvollen Gebrauch von dieser Technik zu machen – vielleicht gewarnt durch einen Instinkt, der in der schrankenlosen Anwendung des Lesens und Schreibens eine Gefährdung ihres eigentlichen Wesens witterte. Sie empfinden eigentlich während ihres ganzen Lebens das Lesen und Schreiben weiterhin als die heilige Handlung, die es seinem Ursprung nach ja auch ist … Wir Gebildeten aber haben diese heilige Handlung profaniert, und nun hat sich uns das Sakrament in einen Fluch gewandelt: wir sind dazu verdammt, das Leben aller anderen Menschen mit uns herumzuschleppen, von denen wir jemals gelesen haben. Diese von uns mutwillig aufgelesene Fülle macht uns selber nicht reicher, und sie zwingt uns, ob wir es wollen oder nicht, voller innerer Vorbehalte mit den unbeladenen Menschen der Wirklichkeit zu verkehren.

Entschuldigen Sie«, wandte sich der Pfarrer zu mir, »ich bin gleich fertig mit meinem kulturphilosophischen Referat. Ich darf Ihnen vielleicht noch einmal Wein einschenken … Bitte, trösten Sie sich auch mit einer Zigarette!«

Ich erwiderte ihm, dass ich keines Trostes bedürfe, sondern voller Aufmerksamkeit seinen lichtvollen Ausführungen gelauscht hätte, zumal sie ja auch einigermaßen verschieden wären von dem, was ich bislang in der Konfirmandenstunde und auf der Kanzel aus geistlichem Munde gehört hätte.

Er lächelte ein wenig geschmeichelt.

»Aber vielleicht werde ich Sie nun doch erschrecken, wenn ich behaupte, dass der Teufel recht eigentlich erst los ist, seit die heiligen Geheimnisse des Lesens und Schreibens dem Gewahrsam der Priester entronnen und in den Alltag des Volkes übergegangen sind, und dass die Kenntnis der Buchstaben zum Heile der Menschheit wieder einem kleinen Kreise von Auserwählten und Verantwortlichen vorbehalten werden müsste. Die ganze innere Haltlosigkeit und Unsicherheit des modernen Menschen rühren von der Erfindung der Buchdruckerkunst her, und diese wieder war ja nur die notwendige Folge der Usurpierung des Alphabets: sie aber war nichts anderes als das Pflücken des verbotenen Apfels, das mit der Vertreibung aus dem Paradies bestraft wurde, um auf dem Umwege über die Aufklärung und die Herrschaft der Technik schließlich im Bolschewismus zu enden.«

Während dieser Worte war eine grobknochige Magd im Zimmer erschienen. Sie wartete mit sichtlicher Ungeduld das Ende der Rede ab. Dann rief sie in barschem Ton:

»Herr Pastor, Sie müssen noch mal mit mir in den Stall gehen, ich komme mit der Lise nicht zurecht. Sie hat sicher gegen den Wind gefressen.«

Gehorsam erhob sich der Pfarrer und folgte der Magd. Lächelnd sah seine Frau hinter ihm her:

»Sie wundern sich gewiss über die gestrenge Herrschaft, die unsere gute Bertha hier ausübt. Aber es ist die Herrschaft einer Amme über ihre ehemaligen Säuglinge. Sie ist seit unseren Wenzener Anfängen bei uns, und als wir hierherkamen, waren wir ja tatsächlich nichts anderes als landwirtschaftliche Säuglinge, die zumal im Kriege ohne ihre Hilfe zugrunde gegangen wären. Und ihren rauen Ton überhören wir umso leichter, als sie ja wirklich auf das Wohl unseres Anwesens redlich und unermüdlich bedacht ist.«

Wir warteten nun noch ein halbes Stündchen auf die Rückkehr des Hausherrn, als er aber nicht wiederkam und auch die Hausfrau eine gewisse Unruhe nicht mehr verbergen konnte, hielten wir es für angebracht, dieses behagliche und wohltuende Beisammensein durch unseren Aufbruch zu beenden.

»Ich wünsche Ihnen für Ihre Heimkehr alles Gute«, sagte Frau Fänger, »ich möchte aber gleich hinzufügen, dass die Gastbetten für Sie bereits überzogen sind. Ich fürchte und ich hoffe, dass ich Sie bald in meinem Hause wieder begrüßen werde. Und da möchte ich Sie gleich herzlich bitten, unser Haus auch in Zukunft ein für alle Mal als das Ihrige zu betrachten. Kommen Sie bitte zu jeder Stunde zu mir, liebe Frau Doktor, wenn Ihr Mann fort ist und es Ihnen unter dem Dach der Frau Busse zu ungemütlich wird!«

Wir gingen nun, um tatsächlich nach wenigen Minuten wiederzukommen und die Gastfreundschaft der guten Pfarrfrau in Anspruch zu nehmen: denn die bussesche Haustür erwies sich als verschlossen und wurde auf all unser Klopfen und Rufen nicht geöffnet.

4. Kapitel

Im Verkehr mit unseren Wirtsleuten waren nun endlich klare Verhältnisse geschaffen. Wilhelm war gleich am nächsten Morgen zum Vorsteher gegangen, um sich über die freche Herausforderung, die wir in der Abriegelung der Haustür erblicken mussten, zu beschweren. Die kräftige Belehrung, die der Ortsgewaltige den Schustersleuten erteilte, hatte den schönen Erfolg, dass unsere Peiniger sich für eine Zeitlang feige vor uns verkrochen, wobei ihnen freilich auch die jetzt einsetzende Heuernte zustatten kam.

Wenn wir nun auch eine Zeitlang Ruhe hatten, die ich doppelt genoss in dem Gefühl, dass solcher Stille bald der Sturm entfesselter Feindschaft folgen würde, so musste ich doch immer wieder über einen Ausweg aus diesem auf die Dauer unhaltbaren Zustand nachgrübeln. Aber wir sahen beide keinen Weg – es gab keine andere Wohnung hier im Dorfe.

Umso seltsamer musste es mich daher berühren, als ich bei einem unserer Antrittsbesuche erfuhr, in welch widersinniger Weise von dem verschwenderischen Raum eines ganzen Hauses Gebrauch gemacht wurde, das uns aufs höchste beglückt haben würde.

Vor dem Dorf hatte sich ein pensionierter Beamter während des Krieges ein freundliches Landhaus gebaut, das hinter einem blumenreichen Vorgarten in idyllischer Ruhe zu träumen schien. Auf die Frau dieses Hauses hatte mich Wilhelm unterwegs schon ein wenig vorbereitet:

»Wenn wir Glück haben, werden wir Frau Schökel auch zu sehen bekommen, ich selbst habe sie noch nicht gesehen. Aber es gibt auch manchen Ortseingesessenen, der ihr Dasein für eine Sage halten könnte, denn in den sieben Jahren ihres Wenzener Daseins hat sie noch kein fremdes Haus betreten. Alle ihre Besorgungen lässt sie durch Schulkinder ausführen. Spazierengehen hält sie für eine Sünde, da ihr ganzes Dasein der ununterbrochenen Erfüllung wichtiger Pflichten geweiht ist. Wenn du mich fragst, worin die Pflichten einer in kinderloser Ehe lebenden Frau bestehen, so muss ich dir antworten: im Rein- und Einmachen. Stell dir vor, dass der dir wohlbekannte Vorgang des österlichen großen Scheuerfestes in diesen Räumen ein Dauerzustand ist. Sobald ein Wohnraum nach ihrer Meinung leidlich gesäubert ist, werden die Fenster dicht verhängt, die Möbel mit Überzügen versehen und die Türen abgeschlossen, denn wie könnte sie es übers Herz bringen, ein mit solchem unendlichen Aufwand von Mühe glanzvoll hergerichtetes Zimmer durch ein profanes Darinwohnen wieder entweihen zu lassen. Ist dann endlich nach einer Woche atemlosen Schaffens das letzte Zimmer der Wohnung gesäubert, so hat sich mittlerweile im ersten wieder genug Staub angesammelt, um den hoffnungslosen Kreislauf von neuem einsetzen zu lassen. So kommt es, dass der Inhaber einer Siebenzimmerwohnung, um wirklich irgendwo wohnen zu können, in eine Dachkammer geflüchtet ist, aus der allerdings auch jeder Besen und jeder Scheuereimer ein für alle Mal verbannt bleibt. Hohes Lob verdient die Frau dafür, dass sie es neben dieser Sisyphusarbeit noch ermöglicht, jedes Jahr Hunderte von Büchsen und Gläsern mit den Erträgnissen ihres großen Gartens und mit dem Fleisch zweier fetter Schweine zu füllen. Ihrem Ordnungssinn bereitet es dann eine solche Genugtuung, die wohlausgerichteten und etikettierten köstlichen Gefäße im Keller und in der Speisekammer geborgen zu wissen, dass sie es begreiflicherweise nicht fertigbringt, in diese geschlossene Versammlung eine Lücke zu reißen; und diese Front der Büchsen und Gläser ist auch gleichzeitig wie eine Mauer, die sie zwischen sich und dem Hungertod aufgerichtet hat. Dass freilich ihr Mann dann ganze Jahrgänge von Eingemachten wegschenkt, das hat sie als notwendiges Übel zu ertragen erlernt, weil es ja auch dem Anrücken immer neuer Jahrgänge den unbedingt notwendigen Platz einräumt. Da Herr Schökel konsequenter Rohköstler ist, kümmert ihn das nicht weiter. Er hat sich in der Unantastbarkeit seines Kämmerchens bei seinen Äpfeln, Mohrrüben und Pilzen eine heitere Ruhe gewahrt, unbeirrt durch das ständige dumpfe Tosen der ›Unterwelt‹ zu seinen Füßen.«

Ich konnte ein Gefühl des Mitleids mit diesem heiteren Einsiedler dennoch nicht ganz unterdrücken:

»Wo schläft denn der arme Mann?,« fragte ich.

»Er hat ein ganz behagliches Lager aus Strohsack und Decke in seinem Kämmerchen. Jedenfalls schläft er dort besser, als er in dem prachtvollen Mahagonischlafzimmer des unteren Stockwerkes ruhen würde, das hat er mir wenigstens wiederholt beteuert.«

Mit einer begreiflichen Neugier betrat ich nun das Haus, in dem uns sogleich das laute Geräusch heftig geklopfter Polster empfing. Von der Straße aus hatte ich bereits eine Reihe dichtverhängter Fenster gesehen, und als wir nun auf den Flur des ersten Stockwerks kamen, belehrte mich der Blick durch eine offenstehende Tür, dass gerade das eheliche Schlafzimmer an der Reihe war. Die Gardinen waren abgenommen, die Matratzen aus den Laden gehoben und hochgestellt, Waschkommode, Spiegel und Stühle standen auf dem Flur. Ich bemerkte auch noch eine kleine grau vermummte Frauengestalt, die wie ein Schatten ins Nebenzimmer huschte, als sie uns kommen sah.

»Das ist vermutlich Frau Schökel gewesen«, sagte Wilhelm, »ich schlage vor, dass wir uns nun gleich ins Dachgeschoss hinaufbegeben, hier unten wird von uns doch keine Notiz mehr genommen.«

Wir stiegen denn auch eine Treppe höher und kamen auf einen großen Bodenraum, in dessen einer Ecke durch feste Wände ein Gelass abgeteilt war. Das war die Wohnung des Hausherrn, an dessen Tür wir nun pochten, um sie nach einem fröhlichen Herein zu durchschreiten. Der anheimelnde Raum, in dem wir uns nun fanden, atmete ganz den Geist seines Bewohners, man sah sofort, dass hier ein Weltweiser wohnte, der sich in seinem eigensten kleinen Reiche wohlig eingesponnen hatte. Die Wände waren bis an die Decke hinauf mit vollen Büchergestellen ausgefüllt, in der einen Ecke stand ein kleiner Kanonenofen, in der anderen lag der erwähnte Strohsack, dessen blauweiß gewürfelter Bezug von leuchtender Sauberkeit war. Überhaupt sah es in diesem Gemach keineswegs unordentlich aus, wie man es hätte erwarten können bei einem Manne, der vor den Ausschweifungen der Reinlichkeit eigens geflüchtet war. In einem Winkel zwischen dem Vorsprung des Kamins und dem Fenster hatte auch ein kleines Sofa Platz gefunden, so dass eine Stätte bescheidener Behaglichkeit nicht fehlte. Vor das Fenster, das eine herrliche Aussicht über das Dorf hinweg auf die Berge bot, war ein kleiner Tisch gerückt; von ihm erhob sich Herr Schökel bei unserem Eintritt, um uns aufs freundlichste zu begrüßen. Ein anderer hätte vielleicht wortreiche Entschuldigungen wegen der Dürftigkeit seines Aufenthalts vorgebracht – nicht so dieser Mann, der mir Achtung, ja beinahe Ehrfurcht einflößte durch die abgeklärte Heiterkeit, mit der er uns sein schäbiges Sofa anbot. Wenn ich mir unter einem Rohköstler bisher einen unfrohen, ausgemergelten Asketen vorgestellt hatte, so lehrte mich Herr Schökel mit seinem guten Ernährungszustand und mit den frischen Farben im faltenlosen Gesicht, das unter dem vollen weißen Haupthaar lebendig sich abhob, jenes Bild berichtigen.

»Sie sind ja das schönste lebende Reklamestück für Frau Behrens«, sagte ich ihm in der Annahme, dass natürlich eine enge Arbeitsgemeinschaft zwischen Schökel und der Reformatorin bestehen müsste. Er aber wehrte mit beiden Händen ab:

»Um Himmels willen! Ich habe mit dieser Dame nichts zu schaffen! Was ich esse, das esse ich nicht, um die Welt zu reformieren, sondern weil es sich nach langen Versuchen für meinen Körper als das Heilsamste erwiesen hat.«

Wir saßen noch nicht lange im Gespräch mit unserem liebenswürdigen Wirt, als unter uns plötzlich das dumpfe Geräusch der Reinmachemühle wieder einsetzte, das seit unserer Ankunft geruht hatte. Es war nunmehr der Lärm gerückter und hin und her geschobener Möbel, dem jäh das laute Klirren zersprungenen Glases folgte.

»Das war der Spiegel aus unserem Schlafzimmer«, sagte gefasst und mit unerschütterlicher Heiterkeit unser Wirt. »Das ist nun der sechste Spiegel, den ich bezahlen werde, ohne mir vor ihm jemals auch nur den Scheitel gezogen zu haben … Ja ja, wie alle Leidenschaften, so ist auch das Reinemachen eine kostspielige Sache. Aber nun gestatten Sie wohl, dass ich Ihnen eine kleine Erfrischung anbiete.«

Er verließ den Raum und kam gleich darauf mit einem großen Leinenbeutel zurück, aus dem er einen ungeheuren Schinken herauszog. »Sie sollen sehen, dass ich kein Prinzipienheld bin und meinen Mitmenschen gern das Gute gönne, das ich mir versagen muss. Wir wollen uns nun auch nicht bei den Präludien dieses Schinkens aufhalten, sondern wir gehen gleich ›in medias res‹, das heißt in diesem Fall zum Pfaffenschnitt.« Damit schnitt er das Fleisch rundherum bis auf den Knochen durch, um diesen dann mit einer kleinen Fuchsschwanzsäge kunstgerecht zu durchteilen. Und nun brach er den riesigen Schinken in zwei annähernd gleiche Hälften auseinander, so dass uns die rosigen Schnittflächen entgegenlachten. Auch von diesen teilte er dann noch ein paar bemerkenswerte Scheiben ab und bot sie uns auf einem Teller dar. Messer und Gabeln und auch ein Laib Brot fehlten nicht in dieser Junggesellenwirtschaft, ebenso wenig wie zwei Gläser, die er mit einem selbstgebrauten Schlehenschnaps füllte – auch eine Gottesgabe, die er dankbar empfing, um sie neidlos seinen Gästen zu überlassen.

Unangefochten durch das Tosen der Unterwelt beendeten wir unsere fröhliche Mahlzeit. Als dieses Mahl noch dadurch gekrönt wurde, dass mir beim Abschied ein halber Schinken in den Arm gedrückt wurde, wehrte sich zunächst meine Bescheidenheit, und es bedurfte der ganzen Beredsamkeit unseres Wirtes, mich zum Annehmen eines so kostbaren Geschenkes zu veranlassen – wir schrieben ja noch das Jahr neunzehnhundertzweiundzwanzig …

»Sie brauchen sich gar keine Gedanken zu machen, denn Sie befreien mich auf diese Weise nur von einem lästigen Überfluss. Ich hoffe Sie sogar zum ständigen Abnehmer gewisser Vorräte zu gewinnen, von denen ich Ihnen gleich einmal unten im Keller einen Begriff geben möchte.«

Wir gingen an den nunmehr verschlossenen Türen des ersten Stockwerks vorbei ins Erdgeschoss hinunter und folgten Herrn Schökel dann in den Keller. Es harrte unser in der Tat ein überwältigender Anblick: so etwa hatte ich mir das Proviantamt eines Armeekorps vorgestellt! Der Keller breitete sich unter dem ganzen Hause aus, und so waren zahlreiche Gelasse vorhanden, deren Wände alle von äußerst geräumigen Börten begleitet waren. Auf ihren breiten Fächern sah ich ihn nun, diesen von Wilhelm bereits erwähnten ungeheuren Aufmarsch von Büchsen und Gläsern. Aber die Wandbretter allein konnten den Segen nicht fassen, und so war er denn bis in die Mitte der Räume vorgedrungen, wo er vom Fußboden bis zur Decke in den bizarren Formen von Märchenschlössern getürmt stand. Die in zierlicher Rundschrift gehaltenen Etiketten verrieten mir den Inhalt der Büchsen, da waren junge Erbsen, Brechbohnen, Kohlrabi, Blumenkohl, junge Steinpilze, Pfifferlinge, Champignons, noch geschlossen, dieselben geöffnet, und dann das Heer der verschiedenen Wurstsorten, getrennt nach Braunschweiger, Thüringer, westfälischer Machart. Die Aufschriften gaben auch noch den jeweiligen Jahrgang an, und so musste ich zu meinem Erstaunen feststellen, dass hier noch Vorräte aus dem Jahr neunzehnhundertneunzehn lagerten. Herr Schökel mochte meine Verwunderung wahrgenommen haben und bemerkte mit sorgenvollem Gesicht:

»Ja ja, es wird höchste Zeit, dass der Jahrgang neunzehn herauskommt, damit wir wieder Platz kriegen. Die Ernte von zweiundzwanzig steht vor der Tür und bereitet mir manchmal schlaflose Nächte. Bis zum vorigen Jahr war es für mich einfacher, die überständigen Vorräte loszuwerden, da konnte ich eine Partie von fünfzig Büchsen auf einmal an einen armen Vetter in Braunschweig abgeben. Aber der ist leider kürzlich verstorben, und nun habe ich keinen Abnehmer mehr. Hier im Dorf ist jeder Haushalt reichlich versorgt, ganz abgesehen davon, dass die Leute es als Beleidigung betrachten würden, wenn ich ihnen etwas anböte. Sie sehen also, dass Sie mir aus einer großen Verlegenheit helfen würden, wenn Sie mich von dem Alpdruck dieses schrecklichen Jahrgangs befreien könnten.«

Trotz seines herzlichen und fast väterlichen Zuredens konnte ich mich nicht entschließen, dem guten Mann zu helfen. Aber einige Zeit darauf trat ein Ereignis ein, das mich dennoch in den Besitz jener Herrn Schökels Seelenruhe so sehr bedrohenden Vorräte bringen sollte. Wir erhielten den ersten Besuch.

An unserer Hochzeit hatte meines Mannes Jugendfreund Konrad teilgenommen, ein in Berlin lebender Schriftsteller. Da seine Romane nur einen sehr geringen Absatz fanden, war er gezwungen, sich auf den verschiedensten Gebieten des Wirtschaftslebens ein kümmerliches Brot zu suchen. So war er der Reihe nach Reklameberater einer Schuhkremfabrik, Annoncenakquisiteur, Versicherungsagent, Steuerberater – er hatte nie in seinem Leben einen Pfennig Steuern bezahlt, was er als eine ganz besondere Empfehlung für seine Lehrkurse anzuführen berechtigt gewesen wäre – und endlich Vortragsreisender für eine wissenschaftliche Filmgesellschaft gewesen. Als erklärender Begleitredner in zahlreichen Kinotheatern Berlins und der »Provinz« war er von der »Kaltobstkonservierung« bis zur »Hygiene der Ehe« aufgestiegen und hatte mit solchem Erfolg gewirkt, dass man ihm nunmehr zum ersten Juli gekündigt hatte. Was lag also näher, als dass er bei seinem lieben Freunde Wilhelm eine vorläufige Unterkunft suchte, zumal ihm dieser bei der Hochzeit von den Freuden des Landlebens vorgeschwärmt hatte, nicht ohne die Aufforderung anzuschließen, er möge gelegentlich den Weg nach Wenzen finden. Wenn Konrad sich nun entschlossen hatte, schon unsere Flitterwochen mit seinem Besuch zu versüßen, so mochte er das in dem dunklen Drange getan haben, uns zum Entgelt von seinen frisch erworbenen reichen Kenntnissen sowohl auf dem Gebiet der Kaltobstkonservierung als auch der Ehehygiene etwas abzugeben …

Der Dichter erschien also an einem schönen Julimorgen in unseren bescheidenen Räumen, leider ohne sich vorher angemeldet zu haben. Da er nach durchfahrener Nacht mit dem Frühzug um sechs Uhr eingetroffen war, musste er uns aus dem Schlafe klopfen. Durch den Türspalt hindurch nahm ich seine mit blühender Konzilianz vorgetragene Entschuldigung ob dieser Ruhestörung entgegen wie auch die sogleich angeschlossene Beteuerung, dass er selbst für die durch sein Kommen verfrühte Kaffeemahlzeit Sorge tragen werde. Meine hausfraulichen Bedenken wusste Wilhelm allerdings zu zerstreuen: ich möge Konrad nur getrost gewähren lassen, er würde auch die letzte Kaffeebohne in unserer Küche ausfindig machen. In der Tat hörten wir denn auch, während wir uns ankleideten, nach einem geschäftigen Hin und Her das anheimelnde Krachen der Kaffeemühle, und dann hörten wir Konrad zu unserem Entsetzen die Treppe hinunterlaufen und unten eine lange eifrige Rede führen. Als wir dann das Wohnzimmer betraten, überraschte uns der Anblick eines gefällig gedeckten Tisches, von dem uns der berauschende Duft eines schier feiertäglichen Kaffees entgegenströmte, denn Konrad hatte von dem neben der Kaffeebüchse stehenden gebrannten Roggen, den wir in jener Zeit unserem täglichen Getränk zuzusetzen pflegten, keinen Gebrauch gemacht. Er hatte auch für frische Brötchen, Butter und zu meinem besonderen Erstaunen sogar für Eier zu sorgen gewusst und lud uns nun mit einer freundlichen Bewegung bei uns selber zu Gaste. Für uns hatte er vor den Sofaplätzen gedeckt, während er seine eigene Korpulenz in Wilhelms Ledersessel wohlig hineinfließen ließ. Mit Inbrunst gab er sich den Wonnen des Frühstücks hin, und es war auch für uns ein Genuss, ihm dabei zuzusehen.

»Ihr habt ja da ganz prächtige Wirtsleute«, begann er endlich, »ich habe mich eben unten in der Küche sehr nett mit ihnen unterhalten, das heißt, gesagt haben sie eigentlich nichts – aber wie diese Leute zugehört haben! Die Frau machte gerade Kaffee, und da habe ich ihr gleich ein paar Winke gegeben, die Frau trichtert ja noch nicht mal! Die Frau wärmt ja noch nicht mal die Kanne vorher an! Und was für eine Kanne das ist! Ein emaillierter Blechbottich, in dem sich überhaupt kein Aroma entwickeln kann. ›Nur Porzellan oder Steingut benutzen!‹, habe ich ihr zugerufen. ›Sie bringen ja den Kaffee um seine Seele, liebe Frau!‹ Was meint ihr, wie die zugehört hat! Also, was eure Wirtsleute betrifft, so habe ich mich tadellos mit ihnen verständigt, man muss sich nur nicht beirren lassen, wenn sie nicht antworten. Die Kinder haben sich ja gleich die Beine ausgerissen, das Mädchen habe ich nach der Molkerei geschickt, und der Junge ist zum Bäcker gerannt. Die Eier habe ich mir gleich selbst aus dem Stall geholt, zu nett, wie ihr hier untergekommen seid! Ich bin noch einmal so frei, so frische Eier kriegt man ja in Berlin nicht.«

Damit enthauptete er ein neues Ei und überließ uns für eine Weile unseren namenlosen Befürchtungen. Ich stellte mir unseren Gast vor, wie er seine vertrauensvolle Redseligkeit vor dem bösartigen Schweigen der Schustersleute entladen haben mochte, wie er die gehässige Unzugänglichkeit der aufreizend grinsenden Kinder zu Botengängen überrumpelt und wie er endlich gar mit der Unschuld eines Kindes aus dieser Hölle die Eier geholt haben mochte, die ihm jetzt so vortrefflich schmeckten.

»Ich muss dich leider ein wenig aufklären«, erwiderte ihm Wilhelm, »bei deinem Besuch dort unten hast du die Rolle des Reiters über den Bodensee gespielt. Ich muss dir mit kurzen Worten sagen, dass wir in erbitterter Feindschaft mit unseren Wirtsleuten leben.«

»Ach, warum nicht gar«, meinte Konrad, indem er sich eine neue Tasse Kaffee einschenkte, »ihr versteht wahrscheinlich die Leute nicht richtig zu nehmen, man muss eben den rechten Ton mit solchen primitiven Leuten finden. Mit dem Mann habe ich zum Beispiel über Schuhwichse gesprochen, und ich bin fest überzeugt, dass er bei der Firma Danziger und Sachs eine Kiste ›Glyzoran‹ für sein Geschäft bestellt … Nein, nein – die Leute sind schon richtig.«

Wie »richtig« die Leute waren, das sollte Konrad noch am selben Tag erfahren. Ich hatte ihm gleich nach seiner Ankunft das Fremdenzimmer gezeigt, ihm den etwas umständlichen Zugang erklärt und ihn insbesondere darauf aufmerksam gemacht, dass die in jener zu durchschreitenden Würstekammer hängenden Kostbarkeiten nicht uns, sondern unseren Wirtsleuten gehörten – musste ich doch auf alle Fälle verhindern, dass seine rührende Fürsorge uns etwa ein Stück busseschen Schinkens auf den Frühstückstisch legte … Dann hatte ich das Fremdenzimmer instandgesetzt und mich nun den Tag über nicht weiter um Konrads Unterkunft bekümmert. Bis in den späten Abend hatten wir zusammengesessen, und unser Gast hatte uns erst durch einen wohlgeformten Vortrag über die Hygiene der Ehe, sodann durch eine Vorlesung aus dem Manuskript seines neuen Romans erfreut. Die durch unser stundenlanges geduldiges Zuhören redlich verdiente Ruhe wurde uns aber auch nach Konrads spätem Aufbruch noch nicht gegönnt: wir hatten uns schon in unser Schlafzimmer zurückgezogen, als wir durch den Dichter nochmals herausgeklopft wurden. Er hatte uns die überraschende Mitteilung zu machen, dass er die Tür der Würstekammer verschlossen gefunden und weder auf sein nachdrückliches Klopfen an ihr noch durch seine Versuche, sich im Erdgeschoss bei den prächtigen Wirtsleuten bemerkbar zu machen, irgendeine Antwort bekommen habe. Diese von uns allen ersehnte Antwort erfolgte erst, als Wilhelm sich endlich dazu entschloss, abermals die Hilfe des Vorstehers in Anspruch zu nehmen, dem es denn auch nach einem halbstündigen schimpfenden Geklopfe gelang, das Ehepaar Busse zum Aufstehen zu bewegen. Nach der durch seine Polizeigewalt erzwungenen Öffnung der Würstekammer erwies es sich, dass Busses die Zeit unseres Nachmittagsspazierganges dazu benutzt hatten, den Durchgangsraum in ein Schlafzimmer zu verwandeln. Zu unserem Erstaunen sahen wir die Kammer von drei Betten vollständig ausgefüllt; in zwei dieser Betten hatten sich die Kinder geteilt, während das dritte von dem Altvater und dem Lehrling eingenommen wurde. Der gesunde Schlaf der Kinder und des Lehrlings hatte den Lärm dieser Polizeiaktion überstanden, jedoch der Altvater lag vollwach im Bett. Es schien, als ob er auf diesen endlichen Erfolg unserer ausdauernden Bemühungen schon lange mit Inbrunst gewartet hätte, denn er grinste uns munter entgegen, um sich bald nach unserem vereinten Eindringen zu erheben und uns den Anblick zweier kümmerlich krummer behaarter Beine zu bieten, die ein kurzes Barchenthemdchen neidlos preisgab.

Es ergab sich nun die überraschende Wendung, dass die von uns der boshaften Schikane Angeklagten sich urplötzlich in zornige Ankläger verwandelten: wir hätten um eines »hergelaufenen Bengels« willen, der sich noch dazu sofort als ein ganz gemeiner Eierdieb eingeführt hätte, die Nachtruhe ihrer Kinder, ihres alten Großvaters und ihres Lehrlings rücksichtslos gestört. Der Vorsteher müsste doch selbst zugeben, dass dieses Schlafzimmer hier nicht als Durchgangsraum zu nächtlicher Stunde beansprucht werden könnte! Die langen, ausweichenden Reden, mit denen der Vorsteher lediglich hinwies, dass er es mit keiner der beiden Parteien verderben wollte, erreichten nur, dass es uns gestattet wurde, einiges Bettzeug aus dem Fremdenzimmer herauszuholen, um unserem Gast ein Notlager auf dem Sofa zu bereiten. Es war kein Sieg, den wir hier erfochten, und unser Rückzug wurde nicht rühmlicher, als uns der Altvater, der dieser ganzen Verhandlung, wenn auch mit frostklappernden Zähnen, stehend beigewohnt hatte, sein hämisches Meckern nachsandte.

Auf dem Sofa, das ihm an Stelle des von nun an unbenutzbaren Fremdenbettes als Ruhestätte diente, fühlte sich Konrad indessen so wohl, dass er seinen Besuch noch über mehrere Wochen ausdehnte. Freilich drohte er von Zeit zu Zeit mit seiner Abreise: er werde von einem »Mäzen« erwartet. Es sei ein Kriegskamerad, der in einer Weserstadt mehrere bedeutende Holzwarenfabriken besitze. Aber es blieb zunächst bei diesen Drohungen. Der Gerechtigkeit zuliebe möchte ich aber gleich bemerken, dass Konrad mir durch seine Anwesenheit nicht nur keine Mehrarbeit verursachte, sondern sich auch mit Erfolg bemühte, mich in meiner hausfraulichen Tätigkeit zu entlasten: das Feueranzünden, mit dem ich immer im Kampfe gelegen hatte, verstand niemand so gut wie er, er holte Holz und Wasser herbei und machte auch die notwendigen kleinen Besorgungen im Dorf. Auch beim Aufwaschen des Geschirrs war er gut zu gebrauchen, insbesondere das Abtrocknen und Messerputzen führte er sehr kunstgerecht und nicht ohne eine gewisse Pedanterie aus, und meine Messinggeräte wie auch der Herd hatten noch nie so geblitzt und gefunkelt wie in dieser Zeit seines Besuches. So hatte ich wirklich beinahe das Gefühl, an diesem Gast ein tüchtiges Dienstmädchen gewonnen zu haben. Auch für Vorräte wusste er nach Kräften zu sorgen, denn von seinen Streifzügen durch Wald und Feld kehrte er nie ohne eine tüchtige Ausbeute an Champignons, Pfifferlingen oder Steinpilzen zurück. Was wir dann nicht sogleich verzehrten, pflegte der gute Konrad vor unseren Fenstern an langen Fäden zum Trocknen aufzuhängen.

In der Kunst der Vorratsbeschaffung aber wuchs er an jenem Abend über sich selbst hinaus, da er, begleitet vom Rattern eines Handwagens, nach einem Besuch bei Schökels spät erst heimkehrte. Er kam schwerbepackt die Treppe heraufgekeucht, stieß mühsam die Tür auf und ließ einen Berg von Konservenbüchsen auf den Tisch niedergleiten.

»Jahrgang neunzehn«, brachte er atemlos hervor, »beinahe der ganze Jahrgang steht unten, alles, was auf den Wagen ging. Morgen soll ich den Rest holen. Wilhelm ist wohl so gut, mir etwas tragen zu helfen, wir müssen mindestens noch viermal die Treppe herauf und hinunter.«

Auch ich ließ es mir nicht nehmen, mit Hand anzulegen, und so bargen wir denn mit Mühe und Not den schrecklichen Jahrgang in der Küche und auf den Schränken des Schlafzimmers … Ich hatte es nun doch nicht hindern können, dass die Büchsen mit jungen Gemüsen, mit Braunschweiger und Thüringer Wurst den rettenden Weg aus der Überfülle des Schökelkellers in unsere Räume fanden. Doch lernte ich mich bald genug dieser neuen Schätze freuen, denn die Geldentwertung begann sich in immer unangenehmeren Formen auf die Einkünfte meines Mannes auszuwirken. Die Kassen folgten dem Sturz der Mark nur zögernd mit der Angleichung der Honorare, so dass wir tatsächlich oft nicht wussten, wovon wir die laufenden Ausgaben bestreiten sollten. –

Außer diesen Kostbarkeiten aus dem Jahre neunzehnhundertneunzehn hatte Konrad auch die Freundschaft des Herrn Schökel erworben, eine Annäherung, die an menschlicher Innigkeit durch eine große Flasche Schlehenschnaps sichtlich gewonnen hatte. Dass unser Gast bei diesem kühnen und erfolgreichen Vorstoß ins schökelsche Heim aber gar die sagenhafte Frau des Hauses kennengelernt hatte, das war etwas, das einem schicksalbegnadeten Dichter vorbehalten bleiben musste.

»Mein Besuch kam eigentlich recht ungelegen, denn ich geriet zufällig gerade ins Großreinemachen hinein, das Frau Schökel wahrscheinlich zu Johannis vornahm, es ging daher heute dort ein bisschen drunter und drüber, der ganze Salon war ausgeräumt. Die arme Frau kroch gerade unter einer ungeheuren Chaise mühsam weiter, sie sah aus wie eine fantastische Riesenschildkröte … Ich begreife übrigens nicht, dass dieser gefällige, menschenfreundliche Schökel an solch einem Tage nicht einmal Hand anlegt! Sie machte zuerst allerhand Umstände, sie zierte sich und wollte aus dem Zimmer entwischen, wahrscheinlich, um Toilette zu machen, aber ich konnte sie glücklicherweise noch am Schürzenzipfel festhalten und habe sie einfach nicht losgelassen. Dann haben wir den ganzen Salon zusammen eingeräumt. Viel hat sie ja nicht erzählt – die Frau ist wohl ein bisschen scheu … wie? Aber ich habe dafür desto mehr geredet, und dann ging es ganz gut mit uns beiden.«

Aber nicht nur mit Frau Schökel und Konrad »ging es ganz gut« – seine Gesprächigkeit öffnete ihm leicht noch manches andere schwierige Herz. Zum Beispiel dasjenige des Herrn Vikars Kreybohm. Auch dessen ewig reges Misstrauen schmolz vor des Dichters verständnisinniger Verbindlichkeit schnell dahin. Und so ward ihm und auch uns der Blick in ein Schicksal eröffnet, das jenem wunderlichen Gottesmanne durchaus gemäß erschien.

Albert Kreybohm hatte bereits jahrelang, und zwar in verschiedenen Gemeinden, als selbständiger Pfarrer gewirkt. Er hatte indessen das ausgesprochene Pech, in jeder neuen Wirkungsstätte einem neuen großen Übel zu begegnen: aus dem ersten Dorf hatte ihn der mörderische »Boreaswind« vertrieben, dessen lebendige Spuren ihm noch heute als Rheumatismus und Bronchialkatarrh anhafteten. Der zweiten Gemeinde hatte er den Rücken gekehrt, weil er die allgemeine Verrohung der Sitten nicht ertragen konnte, die er dort vorgefunden hatte: die Trunksucht der Männer, die allzu vielen ohne Kranz und Schleier vor den Altar tretenden Bräute – das alles hatte sein mädchenhaft zartes Empfinden immer aufs Neue beleidigt. Aus der dritten Stelle, einem abgelegenen Wilddiebsnest im Harz, war er geflüchtet, weil er es dort erleben musste, dass die gewalttätigen Ortsbewohner sich zu einem »Mordkomplott« gegen ihn zusammenschlossen. Nach dem Kriege übernahm er seine vierte Gemeinde, und in ihr rang er sich zu der Gewissheit durch, dass die politischen Erschütterungen der Zeit eine Christenverfolgung ganz großen Umfanges gebären müssten. Ihr aber in der vordersten Linie der kirchlichen Front standzuhalten, dazu habe er, der »Tiefschürfer und Grübler«, nicht die erforderliche Kampfnatur, so hatte er dem Dichter freimütig bekannt. Er habe sich also entschlossen, wenn auch nur schweren Herzens, auf die selbständige Ausübung des Pfarramts zu verzichten. Um aber bei den bevorstehenden großen Kämpfen wenigstens in der zweiten Linie der Front seinen Mann zu stehen, habe er das Konsistorium gebeten, ihn einem anderen stark beschäftigten Pfarrer als Hilfsarbeiter zu überweisen. Er fühle die Kraft in sich, in dieser Etappenstellung eine Christenverfolgung zu überstehen – wohlgemerkt: eine! Um aber einer zweiten Christenverfolgung standzuhalten, dazu bedürfe es für ihn des Einrückens in eine Siegfriedstellung, als welche sich ihm die Übernahme seiner bis dahin verpachteten väterlichen Landbrotbäckerei empfahl. Unserem Gewährsmann Konrad freilich wollte es scheinen, als ob Herr Kreybohm bereits mit einem Bein in seiner Siegfriedstellung stände, denn die jetzt noch gehaltene zweite Stellung war ihm äußerst unbehaglich geworden durch den fatalen Umstand, dass als Nachbarpfarrer ein gewisser Bleybohm amtierte, der als Vorkämpfer einer betont nationalen Richtung das Ziel heftigster Angriffe war. Was Wunder, dass Herr Kreybohm die ganze Angst, die Herr Bleybohm hätte empfinden müssen, ohne sie jedoch leichtsinnigerweise zu verspüren, doppelt empfand. Wie leicht konnte durch eine einfache Verwechslung der Namen ein auf den Kollegen gerichteter Anschlag ihn selber treffen, wie leicht konnte eine für Herrn Bleybohm bestimmte Kugel sich in das Kammerfenster des Herrn Kreybohm verirren! Nur mit Mühe hatte Herr Pastor Fänger Herrn Kreybohm davon abhalten können, durch ein Inserat im Kreisblatt gegen jeden Verdacht irgendeiner Identität mit Herr Bleybohm öffentlich Verwahrung einzulegen. Hingegen hatte er dem Vikar gestatten müssen, umfangreiche Vorkehrungen zum Schutze seiner so offenbar bedrohten Person zu treffen: zunächst waren die Kammerfenster durch starke eiserne Läden gesichert, dann war die Tür mit halbzölligen Eisenplatten belegt worden, außerdem war eine Vorrichtung getroffen, sie allabendlich mit dicken Balken aus Eichenholz zu verrammeln.

Vom Bette des Gottesmannes aus konnte ferner der Knopf einer Alarmglocke betätigt werden, die im Fall der Gefahr das ganze Haus durchgellte. Da aber solch eine Glocke immerhin von der Unversehrtheit der Drähte abhing, die leicht von feindlicher Hand durchschnitten werden konnten, so hatte der Vikar mit seinen Hausgenossen und mit der Nachbarschaft ein weitläufiges und unfehlbares Signalsystem verabredet, auf dessen Rufe er die schleunigst dargebrachte Hilfeleistung des halben Dorfes erhoffen durfte. Konrad ließ es sich nicht nehmen, uns dieses Signalsystem eingehend zu erläutern:

a) bei einem verdächtigen Geräusch auf der Straße: ein Revolverschuss, abgegeben bei geschlossenen Fenstern;
b) bei einem verdächtigen Geräusch in der Nähe des Hauses: zwei Revolverschüsse bei geschlossenen Fenstern;
c) bei einem verdächtigen Geräusch im Hausflur: ein Gewehrschuss aus dem geöffneten Fenster (Gewehr ist ein alter Vorderlader);
d) bei höchster Gefahr, zum Beispiel beim Versuch feindlichen Eindringens in die Kammer: ein Böllerschuss aus dem geöffneten Fenster, der unter Umständen nach Bedarf mehrmals zu wiederholen ist.

Es leuchtete uns ein, dass auf diese Weise selbst einer wütenden Christenverfolgung Einhalt geboten werden würde. Herr Kreybohm indessen schien von der Zuverlässigkeit seines Systems noch nicht so ganz überzeugt, denn er hatte einen monatlich zu wiederholenden Probealarm beantragt, der ihm jedoch von Pastor Fänger kurzerhand abgeschlagen worden war. –

Hatte Konrad von diesen Besuchen bei Schökel und beim Vikar einen Jahrgang Eingemachtes und die Kunde vom bedrohten Leben eines tapferen Gottesstreiters mitgebracht, so kehrte er von einem mehrtägigen Besuch auf der Domäne Voldagsen mit einem Gastgeschenk heim, dessen Glanz mich an die verschwenderischen Sitten des Rittertums aus der Nibelungenzeit erinnerte. Als unscheinbarer Wanderer war er dorthin aufgebrochen, als stolzer Reiter auf einem Schimmel kam er zurück. Unter der jubelnden Begeisterung der Dorfjugend kam er vor unser Haus geritten, mit edlem Anstand saß er im Sattel, und lässig hielt seine rechte Hand die Zügel, während die linke sich keck und nicht ohne eine gewisse Herausforderung in die runde Hüfte stützte. Ich hatte das Glück am Fenster zu stehen und so als Zuschauer diesem prächtigen Einzug beizuwohnen; ich durfte die Eleganz bewundern, mit der er sich vom Pferde schwang, die geübte Geste, mit der er den Hals des Pferdes klopfte, um dann mit sicherer Hand die Zügel um einen Zaunpfahl zu schlingen. Auch Wilhelm war Gott sei Dank nicht weit, so dass er alsbald mit mir die Aufklärung dieses ebenso eindrucksvollen wie rätselhaften Anmarsches entgegennehmen konnte.

Es ergab sich, dass Konrad das Herz des Amtmanns im Sturm gewonnen hatte. Bei seinem Antrittsbesuch hatte der Dichter den Hausherrn und seine Frau nicht angetroffen, da beide in der Wirtschaft beschäftigt waren. Auf der Suche nach dem Amtmann, den er bereits bei uns kennen und schätzen gelernt hatte, geriet Konrad in den Hochbetrieb der Roggenernte, und da hatte er es nicht vermocht, als Müßiger diesem Überschwang der Arbeit zuzusehen. Er hatte vielmehr hurtig den Rock abgestreift und beim Aufstellen der Stiegen wacker mitgeholfen. In dieser Arbeit war er so völlig aufgegangen, dass er es gar nicht bemerkte, wie ihn der Amtmann längere Zeit beobachtet hatte. Der Amtmann Wiechmann hatte nie viel für die Dichter übriggehabt – aber von dem Anblick dieser »dichterischen Tätigkeit« bis zu der Einladung, mehrere Tage als Gast auf der Domäne zu verbringen, das war nur ein Schritt. Diese schnell geschlossene Freundschaft wurde durch gemeinsame Ritte aufs Feld und durch abendliche Sitzungen bei den alten Rotweinen und den Importen des Amtmanns auf das glücklichste vertieft. Konrad war kein geübter Reiter, aber auf dem frommen Tier, das der Amtmann ihm ausgesucht hatte, war der Dichter wirklich keinen Gefahren ausgesetzt: des Rosses jugendlicher Überschwang war längst verbraust und hatte der abgeklärten weisen Besonnenheit Platz gemacht, die in einem edlen Tier von zwanzig Jahren zu reifen pflegt.

Es war die Zeit, in der die Landwirte mit ihrem Roggen das reine Gold ernteten – was wollte es daher bedeuten, dass ein Pächter von tausend Morgen seinem Gast, gerührt von der Wehmut der letzten abendlichen Abschiedsflasche, das Pferd zum Geschenk machte, von dem der Gast ihm in dankbarem Entzücken so viel vorgeschwärmt hatte. Diese Schwärmerei freilich teilte der Amtmann nicht, er hatte zu dem Tier das Verhältnis eines Herrn zu seinem langjährigen treuen Diener, der nun endlich müde geworden ist. Die Zukunft des Tieres hatte ihm schon ein wenig Kopfzerbrechen bereitet, denn seinem wirtschaftlichen Sinn widerstrebte es, dem Pferde vielleicht noch auf Jahre hinaus das Gnadenbrot zu gewähren, während er es andererseits weder in fremde, lieblose Hände geben noch jetzt schon dem Schlachter überantworten mochte. So ward es denn dem Amtmann ordentlich leicht ums Herz, als Konrad mit seinen Plänen herausrückte, die auch uns, wie er sie nunmehr enthüllte, eine große Überraschung brachten: Konrad hatte seit gestern die Absicht zu bauen! Ein Brief aus Berlin hatte ihm die Kunde gegeben, dass die Aufführung eines seiner Theaterstücke an einer großen Bühne in Aussicht stände. Das hatte ihn zwar um eine freudige Erwartung, aber auch um eine ernste Sorge reicher gemacht – denn wie sollte er das viele Geld, das ihm im Winter zuströmen würde, gut und wertbeständig anlegen?

Seine äußerst gewissenhaften Überlegungen gelangten bei der erwähnten letzten Abschiedsflasche zu dem Schluss, dass er am besten daran tun würde, in Wenzen ein Grundstück zu erwerben und ein gediegenes Haus darauf zu errichten. Auf einem solchen Landsitz waren Pferd und Wagen unentbehrlich, und so ergab es sich denn auf die natürlichste Weise der Welt, dass sich mit der Aussicht des Dichters auf seinen langersehnten Landsitz auch dem treuen Pferd eine solche auf ein Altersheim eröffnete: Konrad erhielt das Pferd ganz kurz und bündig geschenkt.

Da stand es nun, das fürstliche Gastgeschenk, und wir drei besahen es gerührt vom Fenster aus, wie es die Wegböschung nach dem spärlichen Gras absuchte und mit seinem Stummelschwanz munter die Fliegen abwehrte. Mir freilich drängten sich nach der ersten Rührung allerlei Sorgen auf, denn das Pferd konnte doch nicht immer am Zaun stehenbleiben, und es würde sich auch trotz seines Alters auf die Dauer nicht mit dem Gras der Wegböschung begnügen. »Wie willst du denn das Tier nach Berlin schaffen, und wo willst du es dort unterstellen?«, fragte ich den Dichter, der versonnen lächelnd sein Eigentum betrachtete.

»Ach nein – nach Berlin nehme ich natürlich das Pferd nicht mit. Bis mein Haus hier fertig ist, also spätestens bis zum nächsten Sommer, stelle ich das Pferd Wilhelm zur Verfügung, selbstverständlich kostenlos. Ihr braucht dann nur für das bisschen Futter zu sorgen und für ein Plätzchen in irgendeinem Stall. Ihr habt ja sowieso schon lange mit dem Gedanken geliebäugelt, für die Praxis ein Pferd anzuschaffen.«

Dieses hochherzige Angebot nahmen wir dankend an, denn ich dachte noch immer mit Schrecken an den Dreck der winterlichen Wege, die Wilhelm ohne dieses gute Tier mit dem Fahrrad würde bewältigt haben müssen. Mir selber aber winkte nun die Aussicht, mit einem dazu geliehenen Wagen endlich einmal in unsere Kreisstadt zu kommen, die ich schon lange kennenlernen wollte.

Eine Unterkunft für das Pferd war bald gefunden, und zwar auf dem Hof des Bauern Kumlehn. Er versicherte uns auf das freundlichste, dass er für das Tier so gut sorgen würde wir für sein eigenes. Über die Vergütung – bei diesem Wort sahen wir alle drei beklommen in das rosig lächelnde Gesicht des Halbspänners Kumlehn – würden wir uns dann schon einig werden. Den kleinen Betrag für Bedienung bäte er, wöchentlich entrichten zu wollen; da er ja auch seinen Knecht in barem Geld entlohnen müsste …

»Der kleine Betrag« für die Bedienung, den wir am Ende der Woche bar bezahlen mussten, erwies sich immerhin als so beträchtlich, dass uns alle das ungestüme Verlangen ergriff, möglichst bald einmal im vollen Genuss dieses kostspieligen Tieres zu schwelgen. Wir beschlossen also, eine prunkhafte Fahrt in unsere Kreisstadt zu veranstalten; den Wagen würde uns Herr Amtmann Wiechmann zur Verfügung stellen.

Der Amtmann lieh uns gern den Wagen, aber er riet uns dringend ab, den Weg in die Stadt zu nehmen. Warum wir denn um alles in der Welt gerade im Sommer auf dem heißen holprigen Pflaster Einbecks herumkutschieren wollten. Da gäbe es doch wahrhaftig genug andere reizende Ausflugsorte. Aber ich beharrte unerschütterlich auf dem Entschluss, gerade nach Einbeck zu fahren.

Der Amtmann brach in ein ärgerliches, uns allen unerklärliches Lachen aus: »Dann muss ich Ihnen wenigstens einen Kutscher mitgeben. Ich kann Sie nicht allein nach Einbeck lassen.«

Der Kutscher Ilsemann, der nun herbeigerufen wurde, konnte sein Entsetzen nicht verbergen, als er erfuhr, dass die Herrschaften mit Isabella nach Einbeck fahren wollten, er erbleichte und starrte uns eine Weile mit zitterndem Unterkiefer an. Endlich stotterte er: »Ich will die Herrschaften lieber mit dem Milchauto hinfahren, das geht doch viel schneller.«

Aber wir alle waren erpicht darauf, Isabella zunächst einmal das teure Bedienungsgeld abarbeiten zu lassen, so verlockend auch die Fahrt mit dem Voldagser Milch- und Käseauto an sich sein mochte. Achselzuckend entfernte Ilsemann sich endlich.

Als er dann angespannt hatte und den Bock bestieg, bemerkte ich, mit welcher Sorgfalt er einen in Papier gewickelten Gegenstand unter dem Spritzleder verbarg. Wir fuhren nun los, und wie wir durch die reichen Felder rollten, begannen wir alle fröhlich zu singen – aber es war merkwürdig, je näher wir der Stadt kamen, desto schwermütiger wurden unsere Lieder, es zitterte wie Abschied und Todesahnung in ihnen …

Einbeck ist eine schöne alte Stadt. Zu ihrer Ehre muss ich gleich hier bemerken, dass ihr Pflaster nicht holprig ist und dass es im Sommer auch völlig ausreichend gesprengt wird. Gleich bei der Einfahrt in die Stadt begrüßte uns ein wohlerhaltener Teil der alten Festungsmauer mit Resten massiger Türme und mit Schießscharten darin. Wir hatten Zeit, dieses Stück Mittelalter zu bewundern, denn Isabella blieb plötzlich stehen. Der Kutscher tat zunächst, als ob er diese Unterbrechung der Fahrt gar nicht bemerkte, mit schlecht gespielter Harmlosigkeit blickte er zur Seite. Er pfiff ein Liedchen vor sich hin. Als wir ihm unsere Ungeduld endlich zeigten, zog er die Uhr, wartete dann noch ein Weilchen, und dann erst machte er Miene, das Pferd zum Weitergehen anzutreiben. Das Mittel, das er hierzu anwandte, erschreckte uns maßlos: er langte jenen in Papier gehüllten Gegenstand unter dem Spritzleder hervor, packte ihn aus und brachte eine große Klingel zum Vorschein. Was wollte der seltsame Mann nur mit der Klinge? Nun – er klingelte mit ihr. Er klingelte laut, lange und eindringlich, er klingelte, bis Isabella ohrenstutzend sich gemächlich in Bewegung setzte. Wir hatten uns von unserem lähmenden Entsetzen noch nicht ganz erholt, als das Pferd an der nächsten Straßenecke, abermals stillstand. Und nun wiederholte sich der fürchterliche Vorgang, nur versuchte Herr Ilsemann jetzt nicht mehr, den Unbefangenen zu spielen, sondern er schwang mit einer grausamen Sachlichkeit die schreckliche Schelle. Und als wir nun die nächste Straßenecke erreichten, wo Isabella zum dritten Male haltmachte, hatte sich dort bereits ein altes, halberblindetes Mütterchen eingefunden, das uns mit flehender Gebärde ein Milchtöpfchen entgegenhielt. Herr Ilsemann schrie sie an: »Heute gibt’s keine Milch, Frau Knackstedt!« Und denselben Bescheid musste er auch einigen anderen Interessenten geben, die sich auf den Lockruf der Glocke mittlerweile eingestellt hatten.

Die Sachlage war kurz gesagt die, dass Konrad mit der treuen Isabella jenes Pferd geschenkt erhalten hatte, das den Milchwagen der Domäne Voldagsen fünfzehn Jahre lang in die Stadt gefahren hatte. Über fünftausendmal hatte das brave Tier den Wagen durch die Straßen gezogen, über fünftausendmal hatte es an immer wieder denselben Ecken haltgemacht, um sich erst wieder in Bewegung zu setzen, wenn die laute, fröhliche Schelle erklang, mit der die Kunden an die nächste Ecke gerufen wurden. Da wäre es doch wahrhaftig unbillig gewesen, von Isabella zu verlangen, dass sie, nur weil sie dieses eine Mal einen Kutschwagen statt eines Milchwagens zog, den ehernen Rhythmus von fünftausend Klingelfahrten durchbräche.

Das alte Mütterchen war mit leerem Topf enttäuscht davongewankt, aber nun hatte sich eine Anzahl Neugieriger eingefunden, um das liebe, ihnen langjährig vertraute Tier, das sie nach der Einführung des Voldagser Milchautos wochenlang schon nicht mehr zu Gesicht bekommen hatten, freudig zu begrüßen. Die Fenster der anliegenden Häuser öffneten sich eines nach dem anderen, zärtliche Zurufe ertönten, die Ladeninhaber traten in ihre Türen und sahen lachend, vielleicht um ihre Rührung zu verbergen, auf unser armes Pferd, das sich unserem Stolz nun als ein alter ausrangierter Milchgaul so gnadenlos enthüllte. Immer mehr Menschen traten hinzu, Kinder kamen und gaben dem Tier Zuckerstücke zu fressen, junge Mütter hoben ihre Kleinen hoch, um ihnen das sagenhafte Ross zu zeigen, das glücklicherweise noch lebte, während man es, nach dem rohen Zwischenruf eines schöngelockten Friseurlehrlings, schon längst zu Würstchen verarbeitet wähnte. Der Auflauf wuchs und wurde zu einer richtigen Verkehrsstörung, so dass ein diensthabender Wachtmeister endlich gewichtigen Ganges und ernsten Gesichtes herantrat. Seine strenge Amtsmiene schmolz aber zu einem wohlwollenden Schmunzeln, als er die Ursache dieses Aufruhrs erkannte.

»Wir fahren gleich weiter«, rief ihm der Kutscher zu, »wir mussten hier zehn Liter lang warten, aber die sind bald herum.«

Während der Wachtmeister lächelnd sich entfernte, indem er sich darauf beschränkte, den Vorwitz der Knaben ein wenig zurückzudrängen, flehte ich Herrn Ilsemann an, durch ein kräftiges Schellen diese für uns so qualvolle Ruhepause abzukürzen. Er schüttelte den Kopf: »Das hilft nichts. An dieser Ecke haben wir fünfzehn Jahre lang zehn Liter ausgeschenkt, und darum müssen wir auch zehn Liter lang warten.«

Ich erfuhr so, dass im Bannkreise unseres frommen Tieres die Zeit zwar nicht stillstand, aber doch mit dem erstaunlichen Maß von Milchlitern gemessen wurde. Und auf eine weitere bange Frage nach der Dauer der ganzen Fahrt durch die Stadt wurde ich belehrt, dass diese wohl fünfhundert Liter in Anspruch nehmen würde. Meinen schnell angestellten hausfraulichen Berechnungen zufolge musste das mehreren Stunden entsprechen, aber einer Klingelfahrt von solcher Dauer fühlte ich mich nicht gewachsen. Kurz entschlossen sprang ich aus dem Wagen, und Wilhelm folgte mir gern – Konrad aber blieb sitzen. In ihm mochte wohl das verpflichtende Gefühl seines neuen Besitzes Überhand gewinnen über die Scham, der Teilnehmer einer solchen Fahrt zu sein; auch murmelte er etwas von einer guten Gelegenheit, die schöne alte Stadt einmal gründlich kennenzulernen. Dieser Gelegenheit überließen wir ihn neidlos, wir verabredeten schnell mit dem Kutscher, dass wir den Wagen zu einer bestimmten Stunde am Ausgang der Stadt erwarten wollten. Dann flüchteten wir schleunigst in eine Nebengasse, in der uns als Zeichen der wiederaufgenommenen Fahrt noch höhnisch die entsetzliche Glocke nachgellte … Es bedurfte der ganzen Schönheit dieser alten Stadt und dann einer ausgiebigen Stärkung beim Konditor Strube, um unser seelisches Gleichgewicht wiederzuerringen. Als wir dann aber zur bestimmten Stunde am alten Tiedexer Tor den Wagen erwarteten, wurde unsere schwer erkämpfte Ruhe aufs Neue grässlich erschüttert: Isabella war pünktlich zur Stelle – aber mit welch einem Gefolge! Die immerhin schon beträchtliche Menschenansammlung, die wir an der letzten Haltestelle erlebt hatten, schien sich verzehnfacht zu haben. Auch Erwachsene hatten sich dem seltsamen Zuge angeschlossen, alte Spießer hatten sich nicht verdrießen lasen, ihren Dämmerschoppen abzubrechen, Familienväter begleiteten ihre Frauen, die mit ihren Kinderwagen eine Art Tross dieser Karawane bildeten.

Kurzum – unsere Angst, diesen Wagen wieder zu besteigen, war noch größer als diejenige, die uns aus ihm hinausgetrieben hatte, ich bekam starkes Herzklopfen, und auch Wilhelms Gelassenheit schien mir nur künstlich zu sein, denn er war ungewöhnlich blass geworden, und das Lächeln um seine Lippen war verzerrt. War Wilhelm blass, so war Konrad, den ich auf dem herannahenden Wagen nun beobachtete, eigentlich nur noch graugrün im Gesicht, er wischte sich ununterbrochen den Schweiß von der Stirn, und als er uns beide bemerkte, hob er schwach die Hand zu einem traurigen Gruß. So etwa hatte ich mir die Opfer der Französischen Revolution vorgestellt, wenn sie auf ihrem Karren zum Grèveplatz gefahren wurden.

Was uns betraf, die wir zitternd am Wegrand standen und von dem schrecklichen Karren aufgelesen werden sollten, so hatte das Schicksal eine unverhoffte Gnade für uns bereit: die qualvolle Vision verschwand. Isabella war in dem Augenblick, als Ilsemann sie zum Stehen zu bringen versuchte, in einen schauerlichen, steifbeinigen Galopp verfallen, der noch einer infernalischen Steigerung fähig wurde, als die aufbrausende Begeisterung des Gefolges den entsetzlichen Ausbruch ihres Temperaments begrüßte. Aufatmend und dankbaren Herzens blieben wir allein, um uns dann bald unerkannt und namenlos in der zurückflutenden Masse zu verlieren.

Unseren Heimweg nach Wenzen legten wir zu Fuß zurück, bewegt von der Erkenntnis, dass die Begeisterung des Volkes bisweilen schwerer zu ertragen ist als sein Hass.

5. Kapitel

Isabella sahen wir nicht wieder. Als wir nach Hause kamen, trafen wir Konrad bereits vor. Er machte kein Hehl daraus, dass die Schrecken der Klingelfahrt seine Begeisterung für das edle Pferd endgültig zerstört hatten, ja er pries sich nunmehr schon wieder glücklich, dass der Amtmann sein Geschenk gutmütig genug zurückgenommen hatte.

Wie ein kurzer, schöner Traum war Isabella an uns vorübergezogen – und wie ein Traum wäre dieses Zwischenspiel wohl auch bald ganz versunken, wenn nicht Herr Kumlehn gewesen wäre.

Dieser freundliche, ewig lächelnde Mann überreichte uns am nächsten Tage, als das Pferd nicht wieder in den Stall zurückgekehrt war, die Futterrechnung. Wir erfuhren nun zu unserem maßlosen Erstaunen, welch ein unersättlicher Fresser unser braves Tier gewesen war, hatte es doch in acht Tagen anderthalb Zentner Hafer vertilgt! Herr Kumlehn hatte den Tagespreis zugrunde gelegt und eintausendfünfhundert Mark liquidiert; das war ein Betrag, für den Wilhelm etwa zwei Wochen arbeiten musste und dessen Entrichtung uns mit völligem Vermögensverfall bedroht hätte. Der Bauer war aber so großmütig, uns Ziel zu gewähren, nur müsste am Tage der Bezahlung der jeweilige Marktpreis berücksichtigt werden.

So kam es denn, dass in der nächsten Zeit außer unseren anderen Sorgen noch anderthalb Zentner auf uns lasteten, die uns nicht leichter gemacht wurden durch Konrads hochherziges Versprechen, von der ersten Tantieme seiner Komödie gleich jenen Betrag an uns abzuführen. Wie leicht konnte es doch geschehen, dass der Dichter, auf der Höhe des Ruhmes und überschüttet vom Füllhorn des Glückes, unser und des Hafers für die arme Isabella vergaß! Dieses Glückes, das in der nächsten Zeit schon uns den Dichter entführen sollte …

So leicht und anmutig wie er in unser Haus geschwebt kam, so mühelos und beinahe lieblich entschwebte er uns auch wieder, wie auf den gütig hingebreiteten Fittichen der Glücksgöttin selber.

Er saß gerade auf der Kohlenkiste in unserer Küche, hatte eine blaue Schürze umgebunden und wichste unsere Schuhe, wobei er mich mit geschulter Stimme durch seinen Gesang erfreute. Ich selbst stand am Küchentisch und plättete die Hemden meiner beiden Männer; ich hatte mich schon ganz gut damit abgefunden, nun für zwei zu sorgen. Plötzlich hörten wir die Hausglocke ertönen, und als sich dann die zögernden Schritte zweier Menschen auf unserer Treppe nahten, ging ich auf den Flur hinaus. Ein Herr und eine Dame traten mir entgegen, beide so elegant, dass ich mich meines geflickten Hauskleides und meiner Wirtschaftsschürze heftig schämte. Aber ich erschrak geradezu, als der Herr nun nach Konrad fragte, den ich in seiner Hausknechtstracht beim Schuhwichsen wusste. Konrad musste wohl seinen Namen vernommen haben, denn er trat jetzt zu meiner größten Verlegenheit aus der Küche, mit einem Damenschuh in der Linken und einer Glanzbürste in der Rechten. Der Herr lachte laut und sagte:

»Hast du der Abwechslung halber jetzt gerade einen Posten als Dienstmädchen übernommen, Konrad?«

Konrad war nicht im Mindesten aus seiner Fassung gebracht, er schleuderte Schuh und Bürste beiseite, wischte sich die Finger in der Schürze ab und begrüßte die Gäste mit fröhlichem Händeschütteln.

»Das sind nun meine lieben Freunde Carl Wilhelm und Ilse Dieckmann, meine Mäzene«, stellte er mir hocherfreut die beiden Fremden vor, »und dies ist Frau Doktor Löhnefink, die sich ganz gewiss glücklich schätzen wird, euch heute Mittag zum Puffer mit Gurkensalat hierzubehalten.«

Ich war nun allerdings im ersten Augenblick weniger glücklich als ratlos, denn ich hatte nichts im Hause, was ich einem allem Anschein nach doch sehr verwöhnten Besuch hätte vorsetzen können. Wir lebten nämlich in dieser Zeit unter der harten Spardiktatur Wilhelms, der den Versuch machte, Isabellas anderthalb Zentner Hafer uns am Munde abzuknausern; so waren aus unserem Hause Bohnenkaffee, Butter, frische Wurst, Kuchen, Wein, Likör und viele andere entbehrliche Annehmlichkeiten des Daseins verbannt. Wilhelm hatte sich sogar die letzte tägliche Zigarre abgewöhnt und war zu einem Knaster übergegangen, der den frischen Glanz meiner Gardinen sehr bald in ein hässliches Gelb getaucht hatte. Der zähe, kalte Odem dieses billigen Rippentabaks hing noch im Wohnzimmer, in das ich die Gäste nun nötigte – das war ein schlechter Ersatz für die erste Zigarette, die ich nicht anzubieten hatte. Ich war so verstört und stand der ganzen Sachlage so hilflos gegenüber, dass ich erst durch Konrads geflüstertes »Jahrgang neunzehn« an meine Schätze erinnert wurde. So war es mir denn immerhin möglich, in der Küche einen leidlichen Imbiss aus Wurstbröten und Tee zusammenzustellen.

Als ich mit meinem Tablett ins Zimmer zurückkehren wollte, fiel mein Blick durch das kleine vordere Flurfenster auf die Straße, und nach dem, was ich da vor unserer Haustür sehen musste, wagte ich es kaum noch, mit meinen Leberwurstbröten vor den Gästen zu erscheinen, zumal sie auf einem bunten Anrichteblech lagen, das sich durch eine prangende Inschrift als Zugabeartikel einer Kaffeefirma in Altona entlarvte. Was ich da draußen sah, ließ mir die Knie zittern: vor dem Schusterhause stand ein ungeheurer schwerer Reisewagen, ein schnittiges, graulackiertes Kabriolett mit zurückgeschlagenem Verdeck und einem großen eingebauten Koffer. Ein vornehm wirkender Herr im Cordanzug machte sich am Motor zu schaffen und musste demzufolge wohl der Chauffeur sein … Kurz, der Anblick war fürstlich und niederschmetternd zugleich, so dass ich mit der Versuchung kämpfte, an meine eigene Zimmertür zu klopfen, ehe ich es wagte, näher zu treten. Während des Imbisses verlor sich aber meine Befangenheit bald, denn Dieckmanns zeigten eine schöne und echte Herzlichkeit, die nicht im Geringsten nach jener Herablassung schmeckte, die ihnen bei ihrer Eleganz und ihrem Auto nicht übel würde angestanden haben. Sie zeigten viel menschliches Verständnis für unsere bescheidene Häuslichkeit, und selbst von einer besonders abstoßenden Kundgebung der busseschen Hölle wussten sie auf die liebenswürdigste und zarteste Art Kenntnis zu nehmen. Als Konrad nämlich den Tisch abdeckte und mit dem Geschirr aus dem Zimmer ging, ließ er die Tür offenstehen, und nun geschah es, dass ein mir nur zu wohlbekannter fürchterlicher Gestank ins Zimmer drang: von unten kamen die beißenden Ausdünstungen des gemisteten Ziegenstalles. Erna schloss schon seit langem nicht mehr die Tür, wenn sie diese Arbeit vornahm, und sie tat es jetzt immer häufiger, weil sie wusste, wie sehr ich dadurch belästigt wurde.

Unsere Besucher wurden wie ich bedrängt von diesem furchtbaren Ansturm der Düfte, aber sie zeigten es kaum, sie zogen beide wie auf Verabredung die Taschentücher, und mit ihnen wehte ein Hauch köstlicher Wohlgerüche durch das Zimmer …

Und dann, nach einem kurzen, etwas bänglichen Schweigen, das uns alle gefangen hielt, kam Herr Dieckmann mit geradezu erlösenden Worten auf den eigentlichen Zweck seines Besuches zu sprechen: das Ehepaar wollte den Dichter entführen. Er sollte mit Dieckmanns zunächst eine Autoreise nach deren oberbayrischem Sommersitz machen, um dann in ihrem behaglichen Heim an der Weser einige Wochen zu verleben.

Der treulose Dichter war so begeistert von dieser Einladung, dass er sofort hinausstürzen wollte, um seinen Koffer zu packen. Ich konnte mich nicht enthalten, ihn daran zu erinnern, dass er zuvor noch Kartoffeln und Gurken aus unserem Garten für das Mittagessen besorgen müsse. Konrad war denn auch sofort bereit, seine Pflichten zu erfüllen.

»Du hilfst mir wohl ein bisschen, Carl Wilhelm«, rief er dem Inhaber und Generaldirektor der »Vereinigten Holzwarenwerke« zu, »wir müssen an die Julinieren gehen, ich habe noch ein paar schöne Höste Kartoffeln zu Salat und Puffer stehenlassen.«

Der Generaldirektor erhob sich mit süßsaurem Lächeln, um sich sein Mittagbrot an der Seite des Dichters zu verdienen. –

Ich blieb mit Frau Dieckmann allein. Die Frau des Holzmagnaten war eine ungewöhnlich gut gepflegte Erscheinung. Diese Frau und meine Wohnung – das waren zwei ganz und gar unvereinbare Begriffe, und umso dankbarer empfand ich es, dass sie das Wenige, was an unserer Einrichtung der Beachtung wert war, mit sicherem Geschmack herausfand und mit anerkennenden Worten lobte.

Aber plötzlich verlor ich die Freude an diesem Lob, denn aus dem Unterbewusstsein, wo er schon lange dunkel gewogt haben musste, stieg mit einem Male klar und schrecklich der Gedanke in mir auf: was würde werden, wenn diese Frau ein Verlangen nach jenem Orte ergreifen sollte, der zweifellos den dunkelsten Punkt unseres Wohnungselends bedeutete? Unausdenkbar fürchterlich war diese Vorstellung, und doch konnte ich dem selbstquälerischen Drange nicht widerstehen, mir mit allen Einzelheiten auszumalen, wie die Frau des Generaldirektors in ihrer duftigen Anmut den gräulichsten aller Gänge gehen würde.

Da war zunächst der Kuhstall, durch den man hindurchmusste, um auf den hinteren kleinen Hof zu gelangen. Eine tiefe Dämmerung herrschte immer in diesem Raum, und der Gang zwischen den Ständen der Kühe und denen der Ziegen war immer glitschig von Jauche, Dung und Futterresten. War man dann glücklich wieder ans Licht des Tages gelangt, so fand man sich auf dem kleinen, rings von einer Mauer verschlossenen Hof, der eigentlich nichts war als eine einzige große Latrine. In der Mitte des übelriechenden Ortes erhob sich ein Gauri Sankar von Mist, rings umspült von einem Jauchesee, der seine Fluten bis an die Stalltür erstreckte. Wenn man Glück hatte, lagen diese Fluten in träger Ruhe unter dem schwankenden Brett, das von der Stalltür bis zum erstrebten Örtchen den See überbrückte, oft genug aber trieben Ferkel und Enten ihr munteres Spiel um den Misthaufen herum und setzten den Sumpf in einen hässlichen Aufruhr, der den einsamen Wanderer schon in der Stalltür mit eklen Spritzern bedrohte. Das Ziel, an das man nach so viel Mühe und Gefahr dann endlich gelangte, lohnte den vertanen Aufwand nicht. In einer Ecke der Mauer stand ein mit Dachziegeln behängtes Lattengerüst, dessen schief in ihren Angeln hängende und einladend offenstehende Tür den Blick auf eine kümmerliche Sitzgelegenheit gewährte. Die bei Kulturmenschen so beliebte Vorrichtung zum Abriegeln dieses Raumes fehlte und war durch einen an der Tür befestigten Strick ersetzt, den man in klammernden Händen halten musste, wenn man ungestört verharren wollte. Dieses von den Ästen eines halbverdorrten Apfelbaumes überwölbte und wehmütig schiefe Häuschen verschmähte den Halt, den ihm in seinem Rücken die Mauer geboten hätte, es neigte sich vielmehr bedrohlich nach vorn, um sich in den trüben Fluten der Jauche zu spiegeln.

Ich war von diesen peinigenden Vorstellungen so gefangen, dass ich gar nicht mehr auf die freundlichen Worte meines Gastes hörte – die Frage aber, die Frau Dieckmann nach einer kleinen Pause mit gesenkter Stimme an mich richtete, vernahm ich dennoch sofort in ihrer ganzen vernichtenden Schwere, schien es doch fast, als ob eine Gedankenübertragung sie ihr auf die Zunge gelegt hätte. Sie bat mich ganz einfach, ihr den Weg nach unserem Örtchen zu zeigen. Und ich zeigte ihr den Weg.

Als Frau Dieckmann nach qualvoll langen Minuten wieder heraufkam, waren wir beide stark bewegt. Ich saß tränenden Auges stumm in der Sofaecke, und obwohl auch die Frau des Generaldirektors einer Aufrichtung gar wohl bedurft hätte, war sie es, die mich mit einem schweigenden Händedruck tröstete. Wir sprachen auch weiterhin nicht viel, aber in diesen Minuten schon wurde der Grund zu einer echten Freundschaft gelegt. Ich musste der liebenswürdigen Frau versprechen, dass wir sie in ihrem Weserheim recht bald aufsuchen würden. Gleich darauf kehrten die Männer schwerbepackt heim, und selbst der Generaldirektor hatte sich mit zwei Gurken beladen, die er nicht ohne Stolz auf den Tisch legte. Und als er dann gar versuchte, beim Schälen mit Hand anzulegen, löste sich seine großindustrielle Würde zu einer wohltuend fröhlichen Kindlichkeit.

In heiterster Stimmung aßen wir unsere Puffer, und als unsere Gäste dann mit Konrad abfuhren, bekräftigten wir nochmals unser Versprechen, sie demnächst aufzusuchen, eine Aussicht, die auch Konrad den Abschied von uns erleichterte. –

Vorerst waren es allerdings Dieckmanns und Konrad, die uns auf der Rückfahrt von Bayern noch einmal aufsuchten.

Den Dichter hatte dort gerade noch die Nachricht von der endgültigen Annahme seiner Komödie erreicht, und er verspürte sofort das Bedürfnis, diesen Glücksfall mit uns bei einigen guten Flaschen Bocksbeutel zu begießen, die er unterwegs in Würzburg erstanden hatte. Herr Dieckmann hatte es sich nicht nehmen lassen, einige Flaschen Sekt beizusteuern, und so sahen wir denn einem fröhlichen Abend entgegen.

Der überraschende Anblick dieser Batterie von Flaschen brachte mich sogleich auf den Gedanken, auch Pastor Fänger an unserer Feier teilnehmen zu lassen, zumal wir ihnen ohnehin eine Einladung schuldeten. Sie trafen denn auch bald in Gesellschaft des Vikars Kreybohm ein.

Obwohl es ein milder Spätsommerabend war, erschien der Vikar in einem dicken Havelock und mit einer blauschwarzen Zobelpelzmütze, eine Absonderlichkeit, die er selbst sofort mit einer lebhaften Klage über das mörderische Klima unseres Tales begründete.

Dieckmann war freundlich genug, ihm mit dem Verse beizupflichten:

Ein Mann von echter deutscher Art
Trägt seinen Pelz bis Himmelfahrt,
Jedoch schon kurz nach Sankt Johann
Zieht er denselben wieder an.

In diese winterliche Hülle kroch Herr Kreybohm denn auch, als er im Laufe des Abends den Drang verspürte, den schweren Gang in die unteren Regionen unseres Hauses anzutreten.

»Wollen Sie wohl glauben«, sagte lächelnd der Pastor nach dem Verschwinden seines Vikars, »dass Herr Kreybohm selbst im geheizten Zimmer mit einer Kamelhaardecke über den Knien sitzt … Dass er im Übrigen ständig nicht nur um seine Gesundheit, sondern auch um sein Leben bangt, hat Ihnen ja das Bellen seines Taschenhundes bei Ihrem ersten Besuch in unserem Hause schon gezeigt.«

Es dauerten nur wenige Minuten, so fanden des Pfarrers Worte eine schöne Bestätigung durch einen dumpfen Schuss, der aus der busseschen Unterwelt heraufdröhnte.

»Der Taschenhund!«, rief ich auch.

»Da setzt gewiss eine Christenverfolgung ein«, meinte Konrad besorgt.

Wilhelm stürzte voll böser Ahnungen aus dem Zimmer. Gleich darauf erschien der Vikar. Er gewährte einen befremdlichen Anblick: die Beinkleider waren bis zu den Waden hochgekrempelt, um sie vor der Verschmutzung zu bewahren, der seine Stiefel und seine Unterhosen grässlich verfallen waren. Die Gummizugstiefel besonders waren vollgelaufen mit der schaudervollen Brühe des busseschen Hinterhofes, und wie er nun nähertrat, zog er eine hässlich duftende Spur über meinen Teppich. Atemlos sank er auf einen Stuhl, und erst nachdem er sich durch einen Weinbrand gestärkt hatte, war er fähig, unsere Neugier durch einen Bericht seiner Abenteuer zu befriedigen.

»Ich hatte«, begann er, »unten das Örtchen aufgesucht und befand mich bereits auf dem Rückwege, als ich die unangenehme Entdeckung machen musste, dass die zum Hofe führende Kuhstalltür inzwischen von innen verriegelt worden war. Meine Versuche, mich durch heftiges Klopfen gegen die Tür sowie durch Schreien und Händeklatschen bemerkbar zu machen, blieben ohne Erfolg.«

In der Tat stellten wir alle jetzt fest, dass wir wohl ein unterirdisches Rumoren gehört hatten, ohne indessen an etwas anderes als eine unruhig gewordene Kuh zu denken.

Der Vikar fuhr fort:

»Ich beschloss nunmehr, durch ein Überklettern der Hofmauer die Freiheit zu gewinnen, musste aber zu meinem Leidwesen feststellen, dass meine frühere körperliche Gewandtheit erheblich abgenommen hat; mehrmals rutschte ich ab und fiel endlich in einen Sumpf, der sich mir durch seinen Geruch als stagnierende Jauche verriet. Ich sah mich im wahrsten Sinne des Wortes in eine Kloake verbannt, und Sie werden es gewiss begreifen, dass ich in dem, was mir widerfuhr, die ersten Anzeichen einer beginnenden Christenverfolgung wittern zu müssen glaubte. Meine Befürchtungen erreichten ihren Höhepunkt, als sich ein schwarzer Schatten von der Wand löste und drohend auf mich los kam. Ich zog meinen Revolver und gab einen Schuss ab, der, wenn er meinen Widersacher auch nicht zu Boden streckte, doch Hilfe für mich herbeirief, denn Herrn Doktors Kommen erlöste mich aus meiner so peinvollen Lage … Nun aber, verehrte Frau Doktor, müssen Sie mir gestatten, dass ich mich aus Ihrem Kreise verabschiede.«

Er erhob sich, merklich geschwollen von dem Bewusstsein siegreich bestandener Abenteuer, und ich brachte es angesichts seines Zustandes nicht zu der Höflichkeit, ihn zum Dableiben aufzufordern. Mit einer anmutigen, im Halbkreis geschwenkten Verbeugung, die er mit tief gezogener Pelzmütze begleitete, verabschiedete er sich.

In diesem Augenblick kam Wilhelm zurück; er war so aufgeregt, dass er laut scheltend in unseren Kreis trat:

»Das ist ja eine bodenlose Unverschämtheit! Da hat das Gesindel unten, kaum, dass Herr Kreybohm den Hof aufgesucht hatte, beide Kuhstalltüren hinter ihm abgeschlossen und sich dann zu Bett gelegt. Vor der ersten Tür hing sogar ein großes Vorhängeschloss, das ich aufbrechen musste. Ich bitte Sie vielmals um Entschuldigung, Herr Vikar, dass Sie als mein Gast einer solchen Beleidigung ausgesetzt werden konnten. Ich habe den Leuten durch die Kammertür so unverblümt meine Meinung gesagt, dass ich eine Beleidigungsklage von ihnen erwarte. Aber morgen werde ich selbst einmal zum Amtsgericht fahren und den Schuster wegen Freiheitsberaubung anzeigen. Ich handle doch in Ihrem Sinne, Herr Vikar Kreybohm?«

»Um des Himmels willen, Herr Doktor!«, wehrte der Vikar entsetzt ab, »das würde ja Herrn Busse zu meinem unversöhnlichen Feinde machen und die noch schwelende Glut der Christenverfolgung zur hellen Flamme entfachen. Ich habe gerade genug unter Nachstellungen zu leiden. Tun Sie mir den einzigen Gefallen und lassen Sie die Sache auf sich beruhen!« Beschwörend erhob er beide Hände. Nach einer Wiederholung seiner graziösen Abschiedsbewegung entfernte er sich endgültig – wir aber sahen ihm nach, wie er mit glucksenden Stiefeln und mit wallendem Havelock, das grambeladene Haupt von der neuen Pelzmütze bedeckt, aus dem Zimmer schritt …

Nach seinem Verschwinden berichtete Wilhelm, mit welchem heldenhaften Mut der Verbannte anfangs seinen unbekannten Retter von sich abgewehrt hatte. Es wäre ihm schwer gewesen, sich dem Unglücklichen zu nähern, denn gleich beim Öffnen der Stalltür hätte dieser ihm ein äußerst gefasstes »Halt, oder ich schieße!« entgegengedonnert. »Trotz meiner beruhigenden Zurufe vermochte ich ihn weder von meiner Identität noch von meinen friedlichen Absichten zu überzeugen, ich musste vielmehr, während er mir mit schießfertig gezücktem Revolver langsam folgte, zunächst mit erhobenen Armen unter die Deckenbeleuchtung des Kuhstalls treten, um ihm den Beweis zu liefern, dass ich nicht etwa als Christenverfolger auf den Hof gedrungen sei. Er flüsterte mir dann noch zu, dass der Hof von verdächtigen Gestalten wimmele, auf deren eine er bereits geschossen habe, und bat mich, der Sache auf den Grund zu gehen. Er selbst wartete das Ergebnis meiner Untersuchungen freilich nicht ab, sondern entfernte sich eiligen Schrittes. Mit Hilfe meiner Taschenlampe gelang es mir denn auch bald, wenigstens einen Christenverfolger in Gestalt eines erschreckend schwarzen, großen Katers aufzustöbern.«

»Die Christenverfolgungen«, warf der Pastor lächelnd ein, »beginnen überhaupt einen immer dunkleren Schatten in die schon so umdüsterten Tage meines Mitarbeiters zu werfen; in diesem Zusammenhang ist es recht aufschlussreich, dass er die zum nächsten Frühjahr ablaufende Verpachtung seiner väterlichen Landbrotbäckerei nicht erneuert hat. Ich fürchte, dass ich im kommenden Jahr keinen Vikar mehr haben werde.«

»Jawohl«, bestätigte seine Frau, »in den letzten Wochen hat sich Herr Kreybohm auffällig dazu gedrängt, alle unsere Besorgungen in der Bäckerei auszuführen, und neulich teilte mir Bäckermeister Hesse mit, dass er sich jedes Mal eingehend nach allen Einzelheiten des Betriebes erkundige. Vorige Woche soll er sogar im Bäckerladen aushilfsweise für einige Stunden mit verkauft haben, wenn ich meiner Tochter Annemarie Glauben schenken darf, die von ihm ein Viertelpfund Bonbons abgewogen gekriegt zu haben behauptet.«

Es wurde nun noch mancher Beitrag zur Lebenskunde dieses absonderlichen Mannes zugegliedert, und unter solchem frohen Geplauder fand schließlich der letzte Tropfen aus der Flasche den Weg in die Gläser.

6. Kapitel

In der kommenden Zeit des unerträglich verschärften Zwistes mit unseren Wirten kam uns ein Gerücht zu Ohren, nach welchem in einer weserwärts gelegenen kleinen Stadt eine Praxis durch den Fortzug eines Kollegen frei werden sollte. In jener Stadt war ein Studienkollege meines Mannes als praktischer Arzt tätig, und Wilhelm, der dem Doktor Stichnoth schon lange einen Besuch mit mir – als seiner jungen Frau – schuldig war, beschloss nun, das Versäumte nachzuholen und Stichnoth um nähere Auskunft über die angeblich freiwerdende Praxis zu bitten. Es war ja nur zu begreiflich, dass sich in uns der Wunsch regte, den wachsenden Schwierigkeiten des Wenzener Lebens zu entfliehen …

Obwohl die Beschaffung von zwei Fahrkarten uns reichliches Kopfzerbrechen machte, war ich doch recht froh, diese kleine Reise ausführen zu dürfen; es wurde mir wunderbar leicht ums Herz, als wir aus der drückenden Bannkreis Wenzens hinaus- und in den frostklaren Dezembertag hineinrollten. Seit unserer Hochzeitsreise schon hatte ich immer Sehnsucht gehabt nach jenem reichen Gewoge der Weserberge, die ich nun im Glanz des ersten reinen Schnees wiedersehen sollte. Unser Ziel lag mit dem grauen Gemäuer seiner alten Häuser an den weichen Hang einer bewaldeten Bergkuppe geschmiegt, überragt von den Trümmern einer Burg, deren Lehnsleute noch jetzt, nach siebenhundert Jahren, das Stadtgut innehatten, wie mich Wilhelm belehrte.

Mein Mann hielt es für angebracht, mich auf dem Wege vom Bahnhof zu Stichnoths ein wenig auf das Ehepaar vorzubereiten, das er als Junggeselle mehrfach besucht hatte:

»Stichnoths leben in glänzenden Verhältnissen, sie ist die einzige Tochter eines hannoverschen Großschlachters und infolgedessen mit Wurst und Fleisch leiblich und seelisch so übersättigt, dass schon die Erwähnung dieser Worte ihr Unbehagen bereitet. Auf diesen ›Komplex‹ nimm also bitte gebührende Rücksicht. Du wirst in ihr eine vornehme Dame bewundern können, die wie nach einem geschriebenen Programm die Lebensformen der großen Welt peinlich genau innehält, während ihr die häufig durchbrechende naive Hemdsärmeligkeit ihres Mannes viel Kummer bereitet.«

Unser Zug war gegen drei Uhr nachmittags angekommen, und es waren erst wenige Minuten verstrichen, als wir vor Stichnoths Hause anlangten. Wilhelm war arglos genug, schon die Hand nach der Klinke der Gartentür auszustrecken, mir aber war es nach jener Gebrauchsanweisung und vor allem nach meinem überwältigenden Eindruck von Stichnoths prunkvollem Besitztum plötzlich klargeworden, dass ich meinen ersten Besuch in einem so vornehmen Hause unmöglich um diese unvorschriftsmäßig frühe Stunde ausführen könnte. Mit Mühe gelang es mir, meinen widerstrebenden Mann an der prächtigen schmiedeeisernen Pforte vorbeizuziehen und zu einem anderthalbstündigen Spaziergang auf den Burgberg zu veranlassen. So schön dieser Gang durch den schneeglitzernden Wald nun auch war, wir wurden in unserem frohen Genießen bald recht empfindlich beeinträchtigt: um zwölf Uhr hatten wir ein bescheidenes Mittagbrot eingenommen, die etwas knappen aufgewärmten Reste vom vorigen Tage, und um vier Uhr überfiel uns, nach den Anstrengungen unseres winterlichen Waldmarsches, der Hunger wie ein Wolf. Wir standen auf der Höhe des Bergfrieds und blickten auf die kleine Stadt zu unseren Füßen. Von allen Dächern stieg der Rauch in die erste Dämmerung des klaren Wintertages auf, und wir sahen es schweigend. Aber es war kein Ausdruck von Naturbegeisterung, der endlich in Wilhelms wehmütigen Worten zitterte:

»Da unten kochen sie jetzt alle Kaffee …«

»Und essen Brötchen mit Butter dazu«, ergänzte ich ihn andächtig.

Hatten wir unseren Aufstieg allmählich immer schweigsamer vorgenommen, so wurde unser Abstieg gekürzt und gewürzt durch den lebhaftesten Austausch unserer Vermutungen über den stichnothschen Kaffeetisch. Ich schwelgte in einer üppigen Kuchenplatte und einer Schüssel mit Schlagsahne, aber Wilhelm belehrte mich darüber, dass reiche Leute nicht ständig Kuchen zu essen pflegten, er wäre für knusprige Mohnbrötchen mit Butter und Honig. Dieser Widerstreit unserer Wünsche führte zu einem ernsten Zwist, dem bald noch Schlimmeres folgen sollte:

Es ward uns nunmehr auferlegt, mit unseren zitternden Knien und grollenden Eingeweiden die ganze hohe Schule des guten Tones durchzumachen.

Schon das uns öffnende Hausmädchen wirkte im strengen Schnitt seiner Kleidung aus Schwarz und Weiß ernüchternd auf meine Küchenträume. Auf dem steifbeinigen Sofa des Empfangszimmers, in das wir nun geführt wurden, gestand mir auch Wilhelm, dass seine Mohnbrötchen mit Butter und Honig zusammenzuschrumpfen begannen.

Die Spanne Zeit, die wir in diesem Salon verbringen mussten, erinnerte mich wieder an etwas, das mir ganz entfallen war: dass es nämlich in einem vornehmen Hause Sitte ist, einen Gast bis zu fünfzehn Minuten warten zu lassen. Frau Stichnoth erschien endlich im großen Abendkleid, was sie selbst gleich mit ihren ersten Worten damit begründete, dass sie mit ihrem Mann um sieben Uhr schon zu einer Gesellschaft aufbrechen müsste. – Unsere Kaffeetafel löste sich immer mehr in Dunst und Nebel auf. – Das angeregte Geplauder, in dem wir nun mit Frau Stichnoth herumplätschern mussten, dehnte sich über eine gute Stunde aus, eine Zeit, deren unschickliche Länge mir wohl zum Bewusstsein kam, die wir aber gegen alle guten Sitten durchhalten mussten, um des abwesenden Herrn Stichnoths Heimkehr abzuwarten.

Ich werde diese Stunde nie vergessen. Es ist ja wohl Sitte, dass einem Antrittsbesucher nichts vorgesetzt wird, aber wir hatten uns nun einmal zu dem Gedanken verstiegen, dass diese Frau vielleicht doch von einer menschlichen Schwäche angewandelt werden und einem über Land kommenden Besuch eine Erquickung gewähren würde. Nun musste ich ihr eine Stunde lang immer wieder Abbitte leisten: Frau Doktor Stichnoth bewies eine imponierende Strenge in der Befolgung des guten Tones. Der Konversation, mit der wir ausschließlich bewirtet wurden, vermochten wir beide vor Schwäche bald nicht mehr zu folgen. Ich war immerhin noch fähig, in gewissen Abständen mechanisch den Mund zu bewegen, aber meinen armen Mann sah ich mit allen Vorboten einer Ohnmacht kämpfen. Zusammengesackt und mit verfärbtem Gesicht saß er da und wischte sich mit zitternden Händen immer wieder den Schweiß von der Stirn. Ich selbst verfiel von einem gewissen Zeitpunkt der Konversation ab hilflos meinen ungestümen Zwangsvorstellungen: plötzlich sah ich diese Frau nicht mehr im großen Abendkleid mir gegenüber auf dem Stuhle sitzen, sondern ich sah sie hinter dem Tresen einer ihrer vielen väterlichen Schlachtereifilialen stehen. Sie stand da in der appetitlichen schneeweißen Tracht der Verkäuferinnen und schob ununterbrochen die Kostbarkeiten des Ladens auf eine große Aufschneidemaschine. Meine beseligend-qualvollen Hungerfantasien zeigten mir der Reihe nach die auf das saubere Packpapier hinuntergleitenden Scheiben des rohen und gekochten Schinkens, der Leberpastete, der Zungenwurst, des kalten Roastbeefs. Endlich aber sah ich weiter nichts als Mortadella – Mortadella, das war von jeher meine besondere Schwäche gewesen, und so regnete es denn jetzt vor meinen Augen Mortadellascheiben und immer nur Mortadellascheiben … Ihr leckeres, farbenprächtiges Mosaik begann sich allmählich in seine Bestandteile aufzulösen und einen wilden Tanz aufzuführen, der mich vollends verwirrte …

Ich weiß nicht mehr, wie es kam – vielleicht hatte Frau Stichnoth eine Frage an mich gerichtet, jedenfalls aber überraschte ich mich plötzlich tödlich erschrocken dabei, dass ich in eine Gesprächspause laut und deutlich das Wort »Mortadella« hineinfallen ließ. Es lässt sich nicht verhehlen, dass die Frau des Hauses aufs äußerste befremdet wurde durch meinen Beitrag zur Konversation, und wenn nicht in diesem Augenblick Herr Doktor Stichnoth das Zimmer betreten hätte, so hätte unser Beisammensein vielleicht noch ein schlimmes Ende genommen. Wilhelm nämlich gestand mir später, dass ein ähnlicher seelischer Ausbruch auch bei ihm dicht bevorgestanden hätte, er hätte schon seit langem nur noch eine große Sülze im Abendkleid vor sich auf dem Stuhl sitzen sehen … Auf alle Fälle war es uns eine Erleichterung, dass Frau Stichnoth das Erscheinen ihres Mannes zum Anlass nahm, sich zu empfehlen. Sie war sehr kühl und hoheitsvoll und drückte nicht die Hoffnung auf ein Wiedersehen aus.

Hatte Frau Stichnoth uns mit einer Stunde praktischen Anstandsunterrichts bewirtet, so sorgte der Hausherr immerhin für handgreiflichere Genüsse. Leider bestanden sie indessen nur aus alkoholischen Getränken und Zigaretten, die uns zwar über das Hungergefühl hinwegtäuschten, bald aber einen verhängnisvollen Zug zum Leichtsinn in uns wachriefen.

Doktor Stichnoth zertrümmerte gleich zu Anfang mit einem Wort unsere Hoffnungen auf eine andere Praxis: »Latrinenparole! Hier wird nichts frei. Wer hier einmal sitzt, der geht nicht weg, bis er seinen Patienten auf den Friedhof folgt. Wir haben hier alle drei so viel zu tun, dass wir es kaum schaffen können. Heute Morgen hatte ich wieder fünfundsiebzig Leute in der Sprechstunde. Die Außenpraxis konnte ich beim besten Willen mit meinem Motorrad nicht mehr bewältigen, ich habe mir einen Wagen kaufen müssen. Einen schweren Wagen, hat achtzig Pferdestärken. Übrigens, das Motorrad würde vielleicht für Sie gerade richtig sein, Herr Kollege, für Ihre Praxis wird es ja wohl genügen. Wollen Sie es haben? Ich lasse es Ihnen billig. Die können Sie heute Abend gleich mitnehmen, die Karre, bezahlen können Sie später mal. Ich brauche sie nicht mehr, habe Gott sei Dank meinen Wagen. Ist doch wirklich eine feine Sache, wenn man zur Gesellschaft muss und kann gleich im vollen Abenddress in die Limousine steigen! Sie geben wohl keine Gesellschaften, Herr Kollege – wie?«

Wilhelm antwortete ihm nicht auf diese freundlich besorgte Frage. Er erhob sich jetzt mit einer feierlichen Entschlossenheit und brachte etwas zur Sprache, was ihn wohl seit Erwähnung des abgelegten Motorrades ununterbrochen beschäftigt haben mochte: »Wir wollen Ihnen Ihre kostbare Zeit nicht stehlen, Herr Kollege, Sie müssen sich noch in Ihren Abenddress werfen. Dürfte ich Sie bitten, mir gleich einmal das Motorrad zu zeigen?«

»Die Muckepicke sollen Sie sehen, kommen Sie mit«, sagte Doktor Stichnoth, »mein Chauffeur soll sie gleich in Ordnung bringen. Er macht draußen gerade den Wagen fahrfertig.«

Wir verließen in der Begleitung des Doktors dieses gastliche Haus, vor dessen Gartentür bereits der große Wagen stand. Der Chauffeur musste nun das Motorrad aus der Garage holen, und im Licht der Autoscheinwerfer erhielt mein kühner Mann den ersten Unterricht in der Bedienung der Hebel. Seine erste Probefahrt die Straße hinauf und hinunter verlief recht befriedigend, und das frohe Geknatter des Motors berauschte auch mich und beseitigte den letzten Rest meiner Bedenken, der mir nach unserem voraufgegangen Likörgenuss noch geblieben war. Eine hemmungslose Unternehmungslust kam über mich, und so fand ich mich bald auf dem kleinen Soziussitz des Rades, fest entschlossen, das Abenteuer einer nächtlichen Heimfahrt auf unserem neuerworbenen Motorrad mit Wilhelm zu wagen. Wir hatten den Start schon vollzogen, als der Doktor Stichnoth uns noch schreiend nachgelaufen kam, wir hörten noch das Wort »Zündkerze …!«, dann bogen wir stolz um die nächste Ecke.

Kurz nach sechs Uhr waren wir aufgebrochen – gegen elf Uhr hatten wir die entsetzlichen fünfzehn Kilometer unserer Heimfahrt überwunden. Nach einem Kilometer fröhlicher Fahrt stand der Motor plötzlich still, nachdem er einige Male hässliche Knall- und Spucktöne von sich gegeben hatte. Wir stiegen ab. Wilhelm war bereits in der Lage, eine fachmännische Erklärung für dieses Versagen abzugeben:

»Der Motor ist natürlich noch nicht richtig warm geworden, wir müssen ihn ein bisschen anschieben.«

Wir schoben nun auch an. Leider machte die Landstraße hier eine erhebliche Steigung, so dass uns das Schieben beträchtliche Qualen bereitete. Als wir die Höhe der Steigung erreicht hatten, waren wir auch am Ende unserer Kräfte, soweit uns der Hunger überhaupt noch Kräfte gelassen hatte. Bergab ließ sich das Rad dann etwas leichter schieben, und der Motor zeigte auch durch ein erneutes heftiges Knallen und durch einen aus dem Auspuffrohr schießenden Feuerstrahl, dass wenigstens noch Leben in ihm war. Als er sich aber fortgesetzt weigerte, als Zeichen seiner Arbeitswilligkeit das ersehnte gleichmäßige Knattern von sich zu geben, fiel mir plötzlich das Wort »Zündkerze« wieder ein. Von einer Zündkerze wusste ich nur so viel, dass man sie bisweilen säubern müsse, das hatte ich zufällig aus dem Gespräch zweier Autofahrer aufgefangen. Aber dieses geringe Wissen sollte zu unserer Rettung werden, denn wir säuberten nun die Kerze mit einem Taschentuch und hatten einen schönen Erfolg: der Motor sprang an. Wir säuberten die Kerze noch ein Dutzend Mal, und nach jeder Säuberung besann sich der Motor für weitere tausend Meter neu auf seine Pflicht. So ärgerlich und aufreibend dieses fortgesetzte Auf- und Absteigen auch war, so empfindlich wir die Kälte in den Fingern spürten, so beschwerlich unsere Arbeit in dem bald beginnenden Schneegestöber sich auch gestaltete – das Schlimmste stand uns noch bevor: plötzlich erlosch die kleine Karbidlampe des Rades. Wir befanden uns auf halbem Wege zwischen zwei Dörfern, mitten auf der freien Landstraße, und der eisige Ostwind riss uns den Atem vom Munde weg. Vergeblich waren unsere Versuche, die Lampe neu anzuzünden, so dass wir uns endlich entschließen mussten, das Rad bis zum nächsten, zwei Kilometer weit entfernten, Dorf zu schieben. Dieser Marsch durch Eis und Nacht wäre für unsere erschöpften Kräfte schon zu viel gewesen, so aber hatten wir das infolge unserer Unkenntnis nicht ausgeschaltete Getriebe eines Motorrades noch fortwährend in Bewegung zu setzen, denn auf den Gedanken, den Leerlauf einzuschalten, waren wir natürlich nicht gekommen. Als wir endlich vor dem Wirtshaus des Dorfes ankamen, brach ich buchstäblich zusammen, und Wilhelm hatte Mühe, mich gerade noch in die warme Gaststube zu schleppen. Das Karbid war bald beschafft und auch glücklich bezahlt, und nun blieb uns immer noch so viel Geld, dass wir unsere Atempause in der Ofenecke dieses Raumes bei einem Glas Bier und einem Hering verlängern konnten.

Ein Hering ist ein knapper Bissen für einen ausgehungerten Magen; er genügte gerade, des Leibes mühsam zurückgedrängtes Verlangen zur vollen Blüte zu bringen. Gierig suchte ich immer wieder das Gerippe auf meinem Teller ab – als ich aber dazu überging, selbst die Gräten aufzuessen, legte Wilhelm verweisend die Hand auf meinen Arm: »Lass das mal, bitte!«, sagte er im Ton einer edlen, ungestümen Eingebung, und dann verließ er das Zimmer. Ich weiß nicht mehr, wie die Zeit nun hinging, ich glaube, ich war ein bisschen eingenickt; wenigstens aber hielt ich es beinahe für einen Traum, als der Wirt mit einem Male an unseren Tisch trat, um eine große Platte mit zehn Spiegeleiern vor uns hinzusetzen. Der gute Wilhelm hatte sich nach schweren Seelenkämpfen dazu durchgerungen, sich hier in Schulden zu stürzen. Ohne diese Spiegeleier hätten wir Wenzen lebend wohl nicht erreicht, denn es standen uns bis zur endlichen Heimkehr noch zwei Stunden schrecklicher Strapazen bevor. –

Wir hatten nun zwar keine neue Praxis, aber doch ein Motorrad. Als ich am späten Abend jedoch halbtot auf mein Lager sank, versuchte ich vergeblich, mir einzureden, dass meine Sorgen um die winterlichen Praxisfahrten Wilhelms sich durch diese Neuerwerbung wesentlich vermindert hätten.

Zwar lebte mein Mann sich allmählich in die Eigenarten seines Motorrades ein, doch hielt er unverbrüchlich an dem Grundsatz fest, für eilige Fahrten sich eines alten Tretrades zu bedienen.

Dennoch sollte der stolze Hinweis auf den Besitz eines Motorrades uns zum Vorteil geriehen, als es sich bald darauf darum handelte, einen Vertreter für die Praxis zu beschaffen. Mein Mann, der ständig darauf bedacht war, sich wissenschaftlich auf der Höhe zu halten, war aufgefordert worden, an einem Fortbildungskursus in den Göttinger Universitätskliniken teilzunehmen, und so ergab sich die Notwendigkeit, für die drei Januarwochen seiner Abwesenheit für Ersatz zu sorgen. Ich muss hier bemerken, dass es mir gerade in dieser Zeit nicht leicht wurde, mich von meinem Mann zu trennen und dafür das tägliche Beisammensein mit einem Fremden einzutauschen: wir erwarteten nämlich für den April den Eintritt eines frohen Ereignisses. Ich darf aber wohl für mich den Ruhm in Anspruch nehmen, dass ich selber es war, die Wilhelm darin bestärkte, nach Göttingen zu fahren, denn es war ja von vornherein mein Grundsatz, unseren gemeinsamen beruflichen Interessen meine eigenen Wünsche unterzuordnen.

Aus der großen Zahl von Angeboten, die wir auf eine Anzeige in den »Ärztlichen Mitteilungen« erhielten, wählten wir nach reiflichen Erwägungen dasjenige eines gewissen Willy Schädlich aus. Auf Grund seiner eingesandten Zeugnisse glaubten wir uns zu der Hoffnung berechtigt, dass dieser Schädlich sich uns nützlich erweisen würde. Wilhelm war bereits abgereist, als Herr Schädlich eintraf. Ich durfte in ihm einen in den besten Jahren stehenden, gut gepflegten Herrn von etwas weichlicher Korpulenz kennenlernen. Seine kleine Glatze und seine große goldene Brille waren an sich durchaus geschaffen, den vertrauenerweckenden Eindruck seiner Persönlichkeit zu verstärken. Was er aber nun auf gut sächsisch von sich gab, erfüllte mich sofort mit schwerster Sorge. Schon der Weg von der Bahn ins Dorf hatte ihm einen Begriff von unserem mörderischen Klima gegeben! Dieser sein Einzug in Wenzen hatte ihn gleich mit einer schweren Bronchitis bedroht, die er nun schleunigst im Keim zu ersticken suchte. Noch ehe er sich niederließ, zog er einen kleinen Patent-Tascheninhalator hervor und setzte das Gebläse in Tätigkeit. Das nahm fünf Minuten in Anspruch. Darauf schluckte er vorbeugenderweise mehrere Pillen und bat dann um ein Glas Wasser, in dem er ein Pulver auflöste. Nach seinem Genuss äußerte er den Wunsch, sich für einige Stunden ins Bett zu legen, um eine Schwitzkur vorzunehmen; zuvor allerdings fühlte er sich zu einem Gange nach unten gedrängt. Bangen Herzens beschrieb ich ihm den Weg nach dem Örtchen, dessen Benützung wir uns mittlerweile wieder erkämpft hatten. Nach seiner Rückkehr, die ich beklommen erwartet hatte, forderte er bestürzt eine beträchtliche Menge warmen Waschwassers, in das ich ihn einige Sublimatpastillen hineinwerfen sah. Schließlich betätigte er in einer Art Verzweiflung noch einmal seinen Tascheninhalator, um dann zu seiner Schwitzkur aufzubrechen. Es war ihm aber leider nicht vergönnt, seine gewissenhaften ärztlichen Bemühungen weiter der eigenen Person zuzuwenden, denn kaum hatte er sich mit seinem Mantel und einem dicken wollenen Schal bewaffnet, als das Telefon ihn zu einem wirklichen Patienten in ein Nachbardorf rief. Mit weinerlicher Ergebenheit ließ er sich zum Motorrad führen, dessen Schwächen ich ihm auseinanderzusetzen versuchte, ohne freilich seine Aufmerksamkeit damit sonderlich zu fesseln. Mit einem stummen Seufzer bestieg er das Rad.

Nach einigen Stunden kehrte er in einem alten Kutschwagen zurück, den er sich vom Ortspfarrer ausgebeten hatte, bei dem er auch das Motorrad hatte stehenlassen. Er war noch völlig erschüttert, und erst nachdem er sich mit seinem Inhalator und einigen Pillen und Pulvern notdürftig aufgemöbelt hatte, war er imstande, in die Worte auszubrechen: »Wie Ihr Mann mit diesem Motorrad seine Praxis ausüben kann, ist mir ein Rätsel!«

Nun aber duldete seine Schwitzkur keinen Aufschub mehr. Ich brachte ihn auf den Weg nach dem Wirtshaus, wo wir ihn einlogiert hatten, aber ehe ich mit ihm den Hausflur verließ, erreichte uns gerade noch rechtzeitig eine Duftwelle aus Busses Ziegenstall. Herr Schädlich hielt sich die Nase zu, sagte aber nichts, sondern trat mit einem mich bedrückenden stummen Achselzucken auf die Straße. In der frischen Luft hörte ich ihn dann noch einmal bange aufseufzen …

Die Schwitzkur, von der er nach einigen Stunden zurückkehrte, war leider nicht nach Wunsch verlaufen; er führte beredte Klagen über die harten, schweren Bettstücke, die sich seinem Körper nicht angeschmiegt hätten. So habe sich das seltsame Phänomen ergeben, dass er auf Brust und Rücken geschwitzt, an den Seiten jedoch gefroren habe, was ihn mit neuer, schwerer Sorge erfüllte. Er machte denn auch einen bejammernswerten Eindruck – geradezu heruntergekommen aber sah er aus, als er von mehreren Krankenbesuchen im Dorf zurückkehrte. Bekümmert und vorwurfsvoll sah er an sich hinunter: das wiedereingetretene Tauwetter hatte die Dorfstraßen in einen Morast verwandelt, der höchst unheilvoll auf den Glanz seiner Stiefel und die Bügelfalten seiner Beinkleider gewirkt hatte. Nun brachte er nicht einmal mehr die Kraft auf, sich zu säubern und seinen Inhalator in Betrieb zu setzen, er war nur noch eine widerstandslose Masse, die schlaff ins Sofa sank. Beim Abendessen schon rückte er mit einem Geständnis heraus: »Ich muss Ihren Mann immer wieder bewundern, gnädige Frau. Er muss Nerven aus Stahl haben, dass er es hier so lange ausgehalten hat. Was mich betrifft, so würde ich hier zugrunde gehen, wenn ich auch nur einen Tag noch bleiben würde. Ich kann Ihr Gewissen nicht damit belasten, dass ein Menschenleben in Ihren Diensten geopfert wird, und sehe mich daher gezwungen, spätestens morgen Mittag wieder nach Leipzig zu fahren. Sie brauchen aber deshalb nicht zu erschrecken, die Sprechstunde werde ich morgen früh noch abhalten, und für das rechtzeitige Eintreffen eines Ersatzmannes werde ich heute Abend noch telefonisch Sorge tragen.«

Ich wagte ihm nicht zu widersprechen, so dass wir in schöner Einmütigkeit unser Mahl beendeten. Nachdem sich Herr Schädlich so von der übermenschlichen Last einer leichtsinnig übernommenen Aufgabe befreit hatte, durfte ich noch das Wunder seines plötzlichen Wiederaufblühens erleben. Mit verhaltener Innigkeit sprach er von seiner alten Mutter, mit der er sein Junggesellenleben teilte; nun habe er doch wieder die Hoffnung, sie als gesunder Mensch noch einmal in seine Arme zu schließen. Voller Inbrunst erzählte er von seiner Heimat Leipzig, deren Schönheiten er mit der sehnsüchtigen Beredsamkeit eines Schiffbrüchigen schilderte.

Ich habe wohl noch nie einen so glücklichen Menschen gesehen wie Herrn Schädlich, als er am nächsten Tage den Wagen bestieg, der ihn zur Bahn brachte …

Derselbe Wagen, der Herrn Schädlich entführte, brachte nach einer Stunde seinen Ersatzmann ins Haus. Herr Doktor Scholz forderte in mancher Beziehung zum Vergleich mit Herrn Schädlich heraus, er war ein schmächtiger junger Mann mit blassem, spitzem Gesicht, das unter einer riesigen Hornbrille halb verschwand. Mit seinem Sportanzug hatte er sich den ländlichen Verhältnissen von vornherein besser anzupassen gewusst als sein Vorgänger, und als ich ihn einigermaßen besorgt fragte, ob ihm die Wagenfahrt durch den Schlackerschnee und die raue Luft unseres Tales auch nicht geschadet habe, bekundete er eine unverwüstliche Zuversicht: er sei kerngesund und im Übrigen ganz unabhängig von Äußerlichkeiten.

In den ersten Tagen beobachtete Doktor Scholz eine peinlich korrekte Zurückhaltung im Verkehr mit mir, wir beschränkten uns auf die notwendigsten beruflichen Erörterungen. Obwohl mir die Sachlichkeit dieses Umgangs an sich durchaus nicht unerwünscht war, konnte ich doch ein Gefühl des Unbehagens meinem rätselhaften Hausgenossen gegenüber nicht loswerden. Es wäre mir geradezu eine Erleichterung gewesen, wenn er wenigstens jene Klagen geäußert hätte, auf die ich innerlich längst vorbereitet war. Aber weder das martervolle Lager in dem niedrigen Kämmerchen der Gastwirtschaft noch die ganze bussesche Misere noch die Tücken unseres Motorrades noch die Fahrten durch Wind und Regen auf den erweichten Landstraßen vermochten seinen verschlossenen, schmalen Lippen ein Wort des Missbehagens abzutrotzen. Doch endlich war er so weit.

Er war gründlich so weit. Eine ganze Woche hatte er durchgehalten; als er aber an einem nasskalten, stürmischen Abend völlig durchgefroren nach Hause kam, belehrte mich ein erster Blick in seine glanzlosen Augen, dass er schwer krank sein musste. Der Husten, von dem er in den vorhergehenden Tagen schon häufiger geplagt gewesen war, wollte jetzt gar nicht mehr aufhören; zitternd und zähneklappernd setzte er sich neben den Ofen. War er eben noch sehr blass gewesen, so glühte sein Gesicht schon nach kurzer Zeit wie Feuer. Ich holte ihm das Fieberthermometer, und er musste eine Temperatur von neununddreißig Grad feststellen. Es war mir sofort klar, dass seine zarte Konstitution ein Opfer unseres in der Tat nicht milden Klimas geworden war und dass ich mich auch von Herrn Scholz bald wieder würde trennen müssen; er hatte die Bronchitis erworben, die Herr Schädlich befürchtet hatte. Da wir glücklicherweise noch Rum im Hause hatten, beeilte ich mich, ihm einen steifen Grog zu bereiten, den er denn auch gierig ausschlürfte. Während ich ihm ein zweites Glas einschenkte, kam es mir zum Bewusstsein, dass ich den fiebernden Mann unmöglich durch die kalte Nachtluft in seine jämmerliche Wirtshauskammer ziehen lassen durfte.

»Sie müssen gleich zu Bett gehen«, sagte ich, »ich werde versuchen, ob ich nicht hier im Hause ein Lager für Sie beschaffen kann.«

Es war ein kurzer, schwerer Entschluss, der mich zu unseren geschworenen Feinden ins Erdgeschoss hinuntertrieb. In eigener Sache würde ich an Busses Tür nicht geklopft haben, das Bewusstsein aber, für einen kranken Mitmenschen um Hilfe zu bitten, gab mir ungeahnte Kraft und Ruhe.

Die kurze Unterredung, die ich mit den Schustersleuten nun führte, brachte mir eine grenzenlose Überraschung: ich hatte meine Bitte um Überlassung des Fremdenzimmers noch nicht einmal ganz zu Ende gebracht, als Frau Busse mich, unter dem Feixen der übrigen Familienmitglieder, über meine Pflichtverhältnisse im Falle Scholz belehrte. Herrn Doktor Scholz aufnehmen? Dem würde sie sogar ihr eigenes Bett zur Verfügung stellen, wenn es nottäte. So wäre Frau Busse beschaffen, und dabei wäre sie doch nur eine einfache Schustersfrau! Aber die Frau Doktor Löhnefink hätte natürlich erst abwarten müssen, bis er arme Mann da oben todkrank geworden wäre, ehe sie daran dächte, ihn ins Haus aufzunehmen!

Ich hatte kaum Zeit, mich von meinem Schrecken zu erholen, denn Herrn Busses mürrisches Genuschel bereitete mir neue Überraschungen: Herr Doktor Scholz könne jederzeit in der Fremdenkammer schlafen. Das wäre doch noch ein Mann, der ein Herz für die werktätige Bevölkerung hätte. Für den würde er, wenn es darauf ankäme, auch sein eigenes Bett noch zur Verfügung stellen. Der wäre sich doch wenigstens nicht für zu gut vorgekommen, mit schlichten Handwerkersleuten seine Feierabende zu verleben.

Hier mochte ich wohl ein erstauntes Gesicht gemacht haben, denn Herr Busse bekräftigte seine letzten Worte nochmals: Jawohl – jeden Abend habe der Herr Doktor hier unten bei ihnen gesessen und sie mal ordentlich aufgeklärt über die Rechte des Proletariats. Von Doktor Scholz hätten sie doch wenigstens noch etwas zugelernt, aber Doktor Löhnefink hätte ja nur ein Interesse an der Verdummung des Volkes …

Es wurde mir nicht leicht, dem aufgeklärten Schuster in das endlich geöffnete Fremdenzimmer zu folgen und dort meine Pflicht zu tun: das Bett für den Freund meiner Feinde zu bereiten und so die engste häusliche Gemeinschaft mit ihm aufzunehmen. Und sehr schwer wurde mir, zu ihm ins Wohnzimmer zurückzukehren – ich wusste ihm kein Wort mehr zu sagen.

Aber er war es, der nun redete, die Sphinx hatte ihren Mund aufgetan. Doktor Scholz stand mitten im Zimmer, als ich hereinkam. Er stand da mit flackernden Augen, in der verkrampften Rechten hielt er einen großen Feuerhaken, mit dem er den Ofenbrand geschürt haben mochte. Er redete. Vielleicht hatte der heiße Wein ihm die Lippen gelöst, über die seine Worte nun hastig stürzten:

»Sie persönlich brauchen sich nicht getroffen zu fühlen durch das, was ich endlich einmal aussprechen muss! Vor Ihnen habe ich Achtung, trotzdem Sie der Bourgeoisie angehören. Sie haben selber dieses menschenunwürdige Leben hier auf sich genommen. Dieses Hausen in stinkenden Ställen, die kaum den Wind und Regen abhalten. Ich habe die Elendsviertel der europäischen Großstädte studiert, aber nirgends habe ich so viel Kot und so wenig Hygiene gefunden wie hier.«

Er umtanzte mich in immer engeren Kreisen und fuchtelte dabei bedrohlich mit dem Schürhaken:

»Was ist das zum Beispiel für ein schauerlicher Ofen … Solch ein Fossil habe ich in ganz Whitechapel nicht gefunden. Ich habe eben versucht, ihn etwas zu schüren – und nun sehen Sie mal das Resultat!«

Er hielt mir seine Hand vors Gesicht, und ich stellte ein paar große Brandblasen an ihr fest.

»Und dann diese Wege«, fuhr er fort, »diese Schlammbäche, die einen Menschen schon mürbe machen, wenn er kaum das Haus verlassen hat … Und dann noch mit solch einem Motorrad auf diesen Wegen fahren! Das ist ja eine wahre Höllenmaschine! Man könnte wieder an den leibhaftigen Teufel glauben lernen, dieses technische Produkt kommt mir wahrhaftig vor, als ob der Traum eines bösen Geistes sich in ihm verkörpert hätte.«

Der Gedanke an unser Motorrad ließ ihn noch einmal laut aufstöhnen, dann ließ er sich ermattet in einen Sessel sinken. Ich hoffte schon, dass er sich nun beruhigen würde, und wollte ihn gerade auffordern, das Bett aufzusuchen, als er mit dumpfer Stimme noch einmal anfing:

»Und wer ist schuld an allen diesen mörderischen Zuständen? Ver verhindert es denn, dass die Menschen von ihrem Recht auf allgemeines Behagen Gebrauch machen, dass nicht ein jeder seine Wohnung mit Zentralheizung und Spülklosett und sein geschlossenes Auto hat? … Wer ist schuld, dass die Wege nicht mit Beton gepflastert sind und dass die Technik noch nicht so weit gekommen ist, ein brauchbares Motorrad herzustellen? … Bitte – wer?«

Er sah mich erwartungsvoll an, aber ich wusste es leider nicht, wer an allen diesen gewiss beklagenswerten Unzulänglichkeiten schuld war, ich hatte sie immer hingenommen aus der Hand der Natur, wie man Regen, Wind und Donner hinnimmt und den Wechsel der Jahreszeiten. Aber nunmehr wurde ich belehrt:

»Die bürgerliche Gesellschaftsordnung! … Nein, bitte, widersprechen Sie mir nicht!« …

Es war mir nicht eingefallen, ihm zu widersprechen, ich ließ ihn natürlich nach Herzenslust weiterreden.

»Sie werden das eines Tages noch einsehen, Sie haben die Fähigkeit dazu, Sie scheinen mir genauso empfänglich zu sein wie die Leute da unten, die armen Handwerkersleute, die sich ihren unbefangenen Blick für die Wirklichkeit noch nicht haben trüben lassen. (Es regte sich so etwas wie Stolz in mir bei diesem unverhofften Lob.) Aber die meisten Menschen, die ich hier etwas aufzuklären versucht habe, sind ja stumpfer als ihr Vieh, das doch immerhin noch manchmal sein Futter verweigert. Diese Leute sind ja von einer so fluchwürdigen Zufriedenheit! Neulich musste ich zum Beispiel einen asthmatischen Pferdeknecht behandeln, der Mann lag buchstäblich neben dem Pferdemist in einer Ecke des Stalles. Meine erste Sorge war natürlich, dem Mann einen anständigen Schlafraum zu verschaffen, was mir erst nach einer langen Verhandlung mit dem widerhaarigen Bauern gelang. Aber was soll man dazu sagen, dass mir am anderen Tage auch der Patient noch die größten Schwierigkeiten machte: er habe die ganze Nacht nicht geschlafen und verlangte unter allen Umständen in seinen Pferdestall zurück … Das ist diese grauenhafte Zufriedenheit!«

Ein heftiger Hustenanfall machte seinen Worten ein Ende, und als er sich endlich beruhigt hatte, war er so matt, dass er meiner Aufforderung, zu Bett zu gehen, wortlos Folge leistete. Mürrisch gestattete er mir noch, dass ich ihm eine Omnadinspritze verabreichte, aber jede andere Hilfeleistung lehnte er ab. –

Da ich meinen Mann keinesfalls zu einer Unterbrechung seines Göttinger Aufenthaltes veranlassen wollte, musste ich sofort für einen neuen Vertreter sorgen. Ich hatte nach meinen bisherigen Erfahrungen nicht den Mut, mir von der Leipziger Verbandsleitung noch ein drittes Mal einen Herrn senden zu lassen, der seine Eignung für die ungewöhnlichen Schwierigkeiten dieser Vertretung durch nichts erwiesen hatte. So telefonierte ich denn in meiner Bedrängnis an Herrn Doktor Stichnoth, der indessen, kaum dass er mich angehört, auch dieses Ferngespräch zum willkommenen Anlass nahm, mich über die gesellschaftlichen Sensationen der letzten Wochen zu unterrichten. Ganz nebenbei wies er darauf hin, dass er die Beschaffung eines Vertreters in der gebotenen Eile für ganz unmöglich halte, wenn ich nicht den Weg über den Leipziger Verband wählen wollte. In ganz besonders dringenden Fällen würde er, soweit seine Zeit es erlaubte, auszuhelfen suchen. Wenig getröstet beschloss ich, den Dingen zunächst einmal ihren Lauf zu lassen. Die Hilfe aber sollte mir von einer Seite kommen, von der ich sie nicht erwartet hatte.

Ich hatte noch einen Gang in die Wirtschaft zu unternehmen, um Herrn Bietendübel von dem Ausbleiben seines Logisgastes zu unterrichten. Die lebhafte Schilderung meiner Vertreternöte, die ich dem Wirt gab, erregte bald auch die Teilnahme eines einsamen Gastes. Er saß, mit einem großen schwarzen Koffer neben sich, vor einem wohlgedeckten Tisch, und ich bemerkte, wie er aufhorchend sich immer mehr von seinen Rühreiern abwandte, um unserem Gespräch zu folgen. Dann erhob er sich plötzlich und trat, mit seinen letzten Kaubewegungen, auf mich zu. Er verbeugte sich sehr tief und redete mich an:

»Sie gestatten, gnädige Frau, mein Name ist Katzenstein, in Firma Katzenstein und Wolff. Ich bitte vielmals um Verzeihung, dass ich mich ins Gespräch mische, aber ich höre. Sie sind in Not – ich werde Ihnen aus Ihrer Not helfen. Sie suchen einen Vertreter für Ihren Gatten – ich werde Ihnen einen Vertreter beschaffen. Ich werde Ihnen einen Herrn liefern mit robuster Gesundheit, Sie sollen einen Herrn haben, der umzugehen versteht mit Ihrem Motorrad, der keine Angst hat vor der Landstraße und der politisch streng neutral ist … Ist die Konfession egal?«

»Ja … natürlich«, sagte ich, noch ganz überrumpelt von dieser glückhaften Offerte und ohne mir das Verhängnisvolle der letzten Frage klarzumachen, »aber ich muss den Herrn morgen schon haben.«

»Ich werde Ihnen liefern den Herrn per sofort, gnädige Frau. Gehen Sie ohne Sorgen zu Bett … Morgen früh mit dem ersten Zuge wird der Vertreter da sein.«

Am anderen Morgen um sechs Uhr wurde ich durch die Nachtglocke geweckt. Auf meine verschlafen zum Fenster hinausgeworfene Frage erfuhr ich, dass Herr Doktor Blumenthal Einlass begehre, er käme zur Vertretung meines Mannes. Es stellte sich heraus, dass Herrn Doktor Blumenthal wenige Stunden nach meinem gestrigen Wirtshausgespräch in Berlin ein Ruf nach Wenzen erreicht hatte. Ich gab mir keine Mühe, über die geheimnisvollen Beziehungen nachzugrübeln, mich so prompt zu bedienen.

Herr Doktor Blumenthal erwies sich als ein junger Mann von außerordentlich robuster Gesundheit, er hatte keine Angst vor unserem Motorrad und bewältigte spielend die Schwierigkeiten, die ihm Wetter und Wege bereiteten. In dem bietendübelschen Gastbette schlief er wie eine Fledermaus, aber wenn er des Nachts verlangt wurde, erhob er sich ohne Murren und war prompt zur Stelle. Im persönlichen Umgang mit mir war er von gewinnender Liebenswürdigkeit, und mit Staunen stellte ich fest, wie reich er sie zu schattieren verstand je nach dem Partner seiner Gespräche. Familie Busse hörte ich manchmal laut lachen zu seinen derberen Witzen, und auch aus dem Sprechzimmer drangen häufig die Laute eines Frohsinns, die dieser Stätte der Angst und des gemessenen Ernstes sonst fremd waren. In seinen Taschen befanden sich ständig Bonbons und Schokoladenplätzchen, die er an die Dorfjugend verteilte mit der freigebigen Geste des Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

Auch mit seinem Vorgänger, dem kranken Herrn Scholz, wurde Herr Doktor Blumenthal spielend fertig. Mir gegenüber war Scholz schon am nächsten Tage nach seiner Erkrankung wieder von der alten Verschlossenheit – vielleicht schämte er sich jetzt seiner Bekennerwut. Mit Doktor Blumenthal aber, der ihn schon nach wenigen Tagen wieder auf die Beine brachte, hörte ich ihn bisweilen laute Unterredungen führen, die jener, wie ich ein paarmal festzustellen Gelegenheit hatte, geschickt von jeder politischen Beimischung säuberte; sein geschmeidiges Lachen fing jeden noch so massigen agitatorischen Vorstoß wie Gummi auf. Was mich betraf, so hielt Doktor Scholz es wohl für seine Pflicht, vor seiner Abreise noch ein letztes Mal auf mich einzuwirken, als er, schon zum Aufbruch gerüstet, mit Blumenthal und mir am Frühstückstisch saß. Auf seine Art mochte er damit auch eine Dankesbezeugung äußern wollen: »In Ihnen steckt eine bessere Kommunistin als Sie denken. Fahren Sie nach Russland! Ein Brief von mir wird Ihnen alle Türen öffnen. Antworten Sie jetzt nichts, aber schreiben Sie mir später, wenn Sie sich durchgekämpft haben!«

Unten fuhr der Wagen vor, der Herrn Doktor Scholz an die Bahn bringen sollte. Der Prophet Russlands erhob sich und reichte mir zum Abschied die Hand: »Wir sehen uns auf den Barrikaden wieder«, sagte er und verließ das Zimmer. Ich habe ihn bis heute nicht wiedergesehen. –

Einige Tage darauf verließ mich auch Herr Doktor Blumenthal, denn Wilhelm kehrte nach beendetem Kursus zurück. –

Wenn Busses sich in der kommenden Zeit äußerlich etwas mehr zurückhielten, so kam das wohl auch daher, dass wir kaum noch Berührungspunkte mit ihnen hatten: ich hatte es nun nicht mehr nötig, um Wasser und Holz zu holen den Hof zu betreten, denn Wilhelm hatte es durchgesetzt, dass ich mir ein kleines schulentlassenes Mädchen zur Aushilfe mieten durfte. Trotz dieser trügerischen Ruhe erfüllte mich der Gedanke, die mir bevorstehende schwere Zeit unter diesem Dache durchmachen zu müssen, immer wieder mit Angst und Schrecken. Wie ein kleiner Engel erschien uns daher jenes Männchen, das Wilhelms Hosen ausgebessert hatte, um sie ihm selber zu überbringen. Herr Schneidermeister Fröchtenicht musste offenbar noch etwas Besonderes auf dem Herzen haben, denn nach Erledigung der geschäftlichen Angelegenheit druckste er noch einige Zeit auf seinem Stuhl herum. Es quälten ihn eine Menge Fragen nach unserem allgemeinen Wohlbefinden, seltsamerweise aber ward ihm keine Erleichterung durch unsere Antworten, auf die er kaum hinhörte. Endlich hatte er uns da, wohin er uns haben wollte: zum Abschied, schon zwischen Tür und Angel, fragte er so ganz nebenbei, wie uns eigentlich unsere Wohnung gefiele, um dann, ohne unsere Antwort abzuwarten, seinerseits offen zu gestehen, dass diese Wohnung für ihn wie geschaffen wäre. Seine eigene Wohnung wäre im Grunde genommen zwar noch viel besser, aber er hätte ja außer Frau und Kindern leider auch noch Schweine und Ziegen, und eben diese hätten infolge der beschränkten Stallräume seines Wirtes gewisse Schwierigkeiten hervorgerufen. (Diese »gewissen Schwierigkeiten« hatte Wilhelm in seiner ärztlichen Berufsausübung bereits kennengelernt, und zwar in Gestalt eines halbabgerissenen Ohres der Mutter Fröchtenicht und eines blutunterlaufenen Auges ihres Sohnes Erich.) Für Mieter aber, die kein Vieh besäßen, wäre seine Wohnung wirklich sehr zu empfehlen, und wie wir denn wohl über einen Tausch dächten? … Wir dachten natürlich sehr hoffnungsfreudig über einen solchen Tausch, und so schieden wir mit der Verabredung, einen Wohnungstausch zum ersten April einzuleiten.

Es erwies sich, dass die Wirtsleute über diesen geplanten Tausch ebenso froh waren wie ihre Mieter, so dass bald eine bindende Vereinbarung geschlossen werden konnte. Bei der Besichtigung unserer neuen Wohnung zeigten sich Herr und Frau Schlieker von ihrer besten Seite, und bei dem beiderseits zum Ausdruck gebrachten guten Willen durften wir auf ein erträgliches Zusammenleben mit ihnen hoffen. Das an der Hauptstraße liegende Haus machte gleich auf den ersten Blick einen freundlichen, beinahe behäbigen Eindruck, es fehlte ihm das hässliche Gewirr von Hintergebäuden und Stallungen, und die Rückfront sah über ein Blumengärtchen hinweg auf die freien Felder hinaus.

Die frohe Erwartung des Umzuges verkürzte mir die letzten Wochen. Aber vielleicht war ich zu übermütig geworden (ich ertappte mich mehrere Male bei einem fröhlichen Singen, das ich in diesen Räumen beinahe verlernt hatte), vielleicht fühlte ich mich dem feindlichen Bann dieses Hauses zu sehr schon entrückt – genug, an einem der letzten Märztage, als wir schon mitten in den Vorbereitungen des Umzuges standen, sollte ich noch einen letzten kräftigen Denkzettel von meiner Feindin erhalten. Ich war gerade mit Frau Pastor Fänger, die mir ihre Hilfe für diesen Nachmittag zur Verfügung gestellt hatte, dabei, die Gardinen abzunehmen. Frau Fänger hatte mir mit dem Erklimmen der Trittleiter den schwierigeren Teil dieser Arbeit abgenommen, während ich die Gardinenbretter und ‑stangen der Reihe nach zum Abstellen auf den Flur trug. Hierbei geschah es, dass ein Brett an der Wand ins Rutschen geriet und in das nahe Flurfenster fiel. Mit lautem Geklirr zerbrach eine Scheibe; so unbedeutend dieser Vorfall war, so brachte er mich doch aus der Fassung, zumal mich mein Zustand schon sehr schreckhaft gemacht hatte. Völlig verwirrt wurde ich, als plötzlich die Tür der busseschen Würstekammer aufgerissen wurde und Frau Busse mit wildem Gekeife herausschoss. Ohne Willen und ohne Ziel, nur in dem Drange, zu fliehen, tat ich einige Schritte in das Dunkel des Flurs. Den nahen Abstieg der Treppe hatte ich in meinem Entsetzen gar nicht beachtet, ich wurde an ihn erst erinnert, als ich den Halt unter meinen Füßen verlor und jäh die Stufen hinunterstürzte. Wimmernd blieb ich unten liegen, von rasenden Schmerzen und einer großen Übelkeit überwältigt.

Es war mein Glück, dass die Pfarrfrau im Hause war – Frau Busse hätte mich wohl liegenlassen, wo ich lag. So aber war die Rettung bald zur Stelle, eine Rettung, die mich nicht nur aus meiner hilflosen Lage auf den Steinen des Flurs, sondern sogleich auch für immer aus diesem Haus erlöste. Frau Fänger war eine erfahrene Frau. Sie wusste sogleich, wie es um mich stand. Sie machte auch gar nicht viel Worte, sie brachte mich ganz einfach in ihr Haus. Sie brachte mich auch sofort ins Bett.

Da lag ich nun, behütet und wohlgeborgen in diesem friedlichen Hause. Die Schmerzen hatten bald nachgelassen, und als Wilhelm dann erschien, musste ich zwar noch ein wenig weinen, aber es waren wohl eher Tränen der Freude als des Schmerzes, die ich vergoss. Er setzte sich an mein Bett, und während wir angeregt über die Einrichtung unserer neuen Wohnung plauderten, wurde ich plötzlich von einem leisen Nachklingen meines ersten heftigen Schmerzes ergriffen.

Wilhelm hielt es nun für angebracht, mich schonend darauf vorzubereiten, dass mir wohl eine schlaflose und ereignisreiche Nacht bevorstände. Ich lachte ihn aus, ich hätte im Gegenteil die Absicht, diese Nacht einmal ordentlich durchzuschlafen – aber allmählich, im Laufe der nächsten Stunden, überzeugten mich die in immer kürzeren Zwischenräumen wiederkehrenden Schmerzen, dass er recht hatte … Frau Fänger war zwischendurch noch einmal gekommen und hatte mir ein Abendessen gebracht, das ich auch mit großem Appetit verzehrt hatte. Hernach hatte ich auch den Besuch des Hausherrn noch empfangen, der sich nach meinem Befinden erkundigte, sogar die Tante hatte mich noch begrüßt, und ihr Gesicht hatte an Stelle der gewohnten Verbitterung eine überraschende Angst verraten. Veronika Behrens war im Dezember wieder nach Berlin abgereist, vielleicht hätte sie mich auch nicht besucht, wenn sie noch dagewesen wäre.

Es war mittlerweile zehn Uhr geworden, und meine Schmerzen hatten sich so gesteigert, dass ich eigentlich kaum noch einen ruhigen Augenblick hatte. Noch einmal wurde ich abgelenkt durch die geräuschvolle Heimkehr des Vikars, der, wie mir Wilhelm erzählte, seit dem Nachmittag in den Filialdörfern seelsorgerisch tätig gewesen war. Ich hörte noch, wie er seine Kammertür umständlich und mit Getöse verrammelte – dann wurde es still im Hause …

Gegen Mitternacht hielt es Wilhelm für an der Zeit, die Hebamme kommen zu lassen; der Pastor, der mit seiner Frau wachgeblieben war, übernahm diesen Botengang. Wir atmeten beide auf, als endlich die Gartenpforte behutsam geöffnet wurde und auf dem Steinweg zur Haustür die vorsichtig schleichenden Schritte zweier Menschen nahten. Da durchgellte eine fürchterlich schrille Glocke die Stille des Hauses. Dieser Klingelschrei war so unerbittlich, so maßlos, dass ich ihn in meiner aufs höchste gesteigerten Krise für einen gespenstischen Ausdruck meiner eigenen Qualen zu halten begann, als er ganz plötzlich abriss. Aber er verstummte nur, um neuem sinnlosem Lärmen zu weichen: ein dumpfer Revolverschuss ertönte, dem unmittelbar zwei weitere Schüsse folgten. Dann wurde ein winterlich verquollenes Fenster krachend aufgestoßen, und dann, während sich die rettenden Tritte auf der Treppe nahten, fuhren die hellen, peitschenden Klänge von Gewehrschüssen in die Nacht hinaus … Da wurde die Tür geöffnet, und die Hebamme trat ins Zimmer. Ich hörte noch, wie Pastor Fänger in seinem Bemühen, die verzweifelten Hilferufe des Vikars zu beschwichtigen, an dessen Kammertür rüttelte – aber er hatte wohl nicht bedacht, dass er damit den letzten Schrei der Verzweiflung frevelnd herausforderte: eine schreckliche Explosion ließ jetzt das ganze Haus erbeben! Und als der Pastor voller Wut immer stärker an der Tür zu rütteln begann, um endlich gegen die Füllung zu treten, da überstürzten sich die grässlichen Explosionen in wildester Folge …

Unter den Böllerschüssen des Vikars wurde unser kleiner Gottfried geboren.

7. Kapitel

Wie eine Insel der Seligen schoben sich die folgenden Wochen zwischen das Schreckliche, das ich im alten Heim durchlebt, und die Stürme, die uns bevorstanden. Ich lebte in einem glücklichen und wunschlosen Dahindämmern im Frieden des Pfarrhofs, und meine Tage teilten sich ein nach den Mahlzeiten meines Kindes. Mit unserem kleinen Gottfried war der Frühling ins Land gezogen. Der März war noch ganz winterlich gewesen mit seinen verspäteten Schneemassen und seiner strengen Kälte, Anfang April aber siegte die Sonne mit großer Kraft. Wir konnten das Körbchen mit dem Kinde schon bald um die Mittagszeit an das geöffnete Fenster setzen. Es lag dann da und blickte mit seinen großen blauen Augen in die weißen, ziehenden Frühlingswolken oder in das Gezweig der Kastanie, deren klebrige Knospen dicht am Aufbrechen waren. Bisweilen kam mit dem Wind und den Düften des Frühlings auch das Getier von draußen herein, ein Pfauenauge umgaukelte das Körbchen des Kindes, eine Hummel läutete darüber hin, einmal verirrte sich auch ein Fink auf die Fensterbank – dann schien es mir, als ob unsere Kammer nur ein Teil des großen Gartens wäre, der uns umfing, herausgehoben aus der Zeit und aufgelöst im geheimnisvollen Weben des jungen Jahres …

Meine Mutter war da – und musste ich mich nicht doppelt geborgen fühlen in ihrer sorglichen Nähe? Aber auch die anderen, die zu mir kamen, fügten sich still dem Zauber dieses Zimmers. Da kam Bertha, die klobige Magd, und ich sah sie behutsam werden und zart, und wie sie die Kissen des Körbchens glättete, da waren ihre roten, dicken Hände wie Frühlingswinde so weich, die mit den ersten Blumen spielen. Die Tante kam und brachte mir Schneeglöckchen; sie kam und sprach nicht viel Worte, sie setzte sich gern vor das Körbchen, wo sie lange verweilte, und jedes Mal, wenn sie ging, war alle Härte aus ihren Zügen hinweggeschmolzen von der Feuchtigkeit, die ich in ihren Augen schimmern sah. Auch der Vikar besuchte mich; er brachte eine Entschuldigung vor wegen seiner irrtümlich abgegebenen Gefahrsignale, konnte aber einen gewissen Stolz nicht verbergen, als er darauf hinwies, wie zuverlässig sein System gearbeitet habe: es sei ihm zu Ohren gedrungen, dass sich auf seine Hilferufe ein Dutzend kräftiger Männer aus der Nachbarschaft auf dem Kirchplatz versammelt hätten … Er hatte auch einen weißgepuderten Topfkuchen für mich und eine Zuckerstange für Gottfried mitgebracht, die er dem Kinde gleich in die Händchen stecken wollte. Ich bat ihn, davon Abstand zu nehmen, musste ihm aber versprechen, dieses Geschenk für spätere Zeiten aufzuheben.

»Ich habe mir diese Gaben aus meiner väterlichen Bäckerei schicken lassen«, sagte er gerührt, »sie stammen aus dem Lande meiner Kindheit, in das ich nun bald für immer heimkehren werde.«

Mitte April hielt ich dann Einzug in unserer neuen Wohnung, die inzwischen von meiner Mutter eingerichtet worden war. Die Sonne des Frühlings schien auch in diese Räume voll hinein, und die Freude an ihnen wurde nun nicht mehr getrübt durch das Bewusstsein, dass unter uns eine immer wache Feindschaft lauerte. Frau Schlieker hatte ihren guten Willen zum Ausdruck gebracht, indem sie unsere Wohnungstür mit einer Girlande schmückte.

Bald konnte ich mit Wilhelm auch kleine Spaziergänge in den aufblühenden Frühling machen, und jetzt erst kam ich zum vollen Genuss der schönen Landschaft, in der wir wohnten. Früher hatte ich immer, wohin ich auch ging, den Druck unseres häuslichen Elends mit mir getragen, und während aller unserer Gänge ins Freie stets vor der Heimkehr gebangt, nun winkte mir als Abschluss unserer Frühlingsfahrten der Frieden unserer Wohnung. Wir gingen oft an den Ufern des Baches entlang, der das Tal durchzog. Die steilen Böschungen waren wie dichte Teppiche von Hahnenfuß, dessen lichtes Grün in dieser Zeit gerade anfing, sich zu besternen mit dem satten Gelb der ersten Blüten. Zwischen den moosigen Steinen, die aus dem Bache herausragten, quollen die Büschel der Schlüsselblumen, und in dem Haselgesträuch und den blühenden Bachweiden bauten die Vögel mit fröhlichem Lärm ihre Nester. Es waren glückliche Stunden, die wir zu dritt an diesem Bache verlebten, denn unseren kleinen Gottfried nahmen wir in seinem Wagen mit.

Anfang Mai wagten wir uns auch einmal in den Wald auf der Höhe unseres Bergrückens. Der Nachmittagszug war gerade durchgefahren, und die weiße Schlange seines Dampfes verschwebte langsam über den Birken, die den Waldrand säumten. Zwei Fahrgäste, die dem Zug entstiegen waren, kamen uns entgegen, ein Herr und eine Dame. Der Herr war es, der zuerst meine Aufmerksamkeit erregte durch seine ganze Aufmachung, die hier auf dem Lande besonders herausfordernd wirken musste. Er trug einen knallgelben wallenden Staubmantel, einen breitkrempigen schwarzen Hut, wie ihn die nach Italien pilgernden Künstler aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts zu tragen pflegten, darunter drohte die übliche Hornbrille der »Intellektuellen«, und um das Kinn wehte ein munterer Spitzbart. Wir stellten beide fest, wie peinlich diese ganze schäbig gewordene Romantik beim ersten Blick gleich auf uns wirkte. Die Betrachtung dieses Herrn hatte uns so sehr beschäftigt, dass wir in seiner Begleiterin erst im letzten Augenblick Frau Behrens erkannten, die uns denn auch nur mit einem äußerst kühlen Gruß bedachte. Während wir unseren Spaziergang fortsetzten, wurde ich nur schwer ein Gefühl des Unbehagens los, wenn ich auch erst später Veronikas kaltes Lächeln richtig zu deuten lernte: als den Ausdruck hasserfüllten Frohlockens. Diese Frau hatte seit jener ersten Unterredung mit Wilhelm niemals aufgehört, ihm ihre tiefe Abneigung zu bezeigen.

Einige Tage darauf besuchte uns Frau Pastor Fänger; sie war sehr erregt und berichtete sogleich von einem großen Ärger, den ihre Freundin Veronika ihr bereitet hatte: »Ich habe ja schon oft ihretwegen mit meinem Mann Auseinandersetzungen gehabt, aber ich habe sie doch immer wieder in Schutz genommen, denn ihre Marotten waren ja schließlich nicht gerade allgemeingefährlich. Aber was soll man dazu sagen, dass sie uns dieses Mal kurzerhand einen Freund ins Haus geschleppt hat – und was für einen!«

Wir mussten beide lachen: »Wir kennen ihn schon! Er sieht ja verboten aus!«, rief ich.

»Jawohl«, sagte die Pfarrfrau, »aber der Kern ist noch schlimmer als die Schale. Das ist ein ganz widerwärtiger Bursche. Kunstmaler nennt er sich – aber ich glaube, dass er noch nicht einmal seine Gesellenprüfung als Anstreicher gemacht hat! Was meinen Sie, wie sich der bei uns gleich eingeführt hat! Unsere Trübner-Landschaft erklärte er sofort für eine langweilige Schwarte, und unsere schönen alten Möbel riet er uns schleunigst zu verkloppen und dafür eine vernünftige ›Bauhaus‹-Einrichtung zu kaufen. Da hat er natürlich meinen Mann schon in Harnisch gebracht … Da er aber für selbstsicheres Auftreten schließlich Verständnis hat, hätte er sich mit dieser Kritikertätigkeit des Herrn Schmolarski am Ende noch abgefunden, doch wenn die edle Unbefangenheit so weit geht, dass sie Tag und Nacht freien Zutritt zu Speisekammer und Keller für sich beansprucht, dann wird auch die Großzügigkeit meines Mannes erschöpft. Umso widerlicher ist es noch, wenn so ein Schwätzer bei Tisch sich als Rohköstler und Alkoholgegner gebärdet und dann heimlich ganze Schlackwürste verdrückt und unseren Johannisbeerwein ballonweise säuft. Als er dann gestern Abend betrunken an den Abendbrottisch kam und wieder unverschämte Reden führte, hat ihn mein Mann kurzerhand aus dem Hause geworfen. Heute ist nun auch meine Freundin von uns gegangen – aber leider ist sie nicht als Freundin gegangen. Sie hat blind die Partei des Herrn Schmolarski ergriffen und mir versichert, dass sie schon immer nur mit Widerstreben das Brot unseres Hauses gegessen habe. Nur um meinetwillen habe sie das Opfer gebracht, solange bei uns auszuharren, denn mein Mann sei ihr von jeher als ein ›ungeistiger Mensch‹ erschienen. Aber für solch einen Banausen habe sie ihn denn doch nicht gehalten, dass er dem überschäumenden Künstlerblut ihres Freundes so wenig Verständnis entgegenzubringen vermocht hätte! Und wissen Sie, wo das Freundespaar geblieben ist? … Frau Oberst im alten Doktorhaus hat sie aufgenommen! Nach dem Tode ihres Mannes hat sie ja immer schon nach einem Mieter gesucht. Und nun will ich Ihnen auch sagen, weshalb ich eigentlich gekommen bin: Herr Schmolarski wird hier in Wenzen eine Praxis als Naturheilkundiger aufmachen! Die Sache ist natürlich mit Frau Behrens und Frau von Seelen längst ins reine gebracht gewesen. Frau Oberst von Seelen vermietet an Herrn Schmolarski das Erdgeschoss ihrer Villa, und Veronika wird die ganze Sache finanzieren. Da haben Sie nun die Konkurrenz!«

Die Angaben der Pfarrfrau fanden wir in schrecklicher Weise bestätigt, als wir am übernächsten Tag in unserem Kreisblatt ein Inserat entdeckten, das in prahlerischer Aufmachung eine Viertelseite einnahm:


NATURHEILKUNDE
Wenn Sie von den Ärzten aufgegeben sind, kommen Sie zu mir! Bei mir finden Sie Hilfe!
Sie werden bei mir nach den neuesten amerikanischen Methoden behandelt. Ich bin Schüler des berühmten Professors Doktor Ellies, USA.
Magnetopathie! Biochemie! Homöopathie! Chiropraktik! Strahlentherapie! Kaltwasserkuren! Diätkuren! Rohkost! Augendiagnostik! Bringen Ihnen Gesundheit!
Fort mit den Giften der ärztlichen Geheimwissenschaft! Kehre zurück und komme zu

Raphael Schmolarski!
Wenzen.

Bitte Urin mitbringen.


»Das ist ja furchtbar!«, rief ich erschrocken. »Wie ich die Leute kenne, werden sie in hellen Scharen zu dem Kurpfuscher strömen.«

»Lass sie strömen«, sagte Wilhelm gelassen, »sie strömen auch wieder zurück! Und dann sind sie meistens elender und kränker als vorher und geben dankbare Patienten ab.«

Ich war nicht ganz beruhigt durch diese Worte, ich musste an Wilhelms erstes Zusammentreffen mit Veronika denken, deren ganze Gefährlichkeit ich jetzt erst zu begreifen begann. Ich wollte aber Wilhelms Zuversicht nicht trüben und schwieg …

Vorläufig war es eine andere Sorge, die mich beschäftigen sollte: ich musste mich von meinem Mädchen trennen. Unsere Frieda hatte in den fünf Monaten, die sie nun bei uns war, eine prächtige Entwicklung genommen. Als sie zu uns kam, war sie ein unbedarftes, geradezu kümmerliches Kind, das ganze neunundsechzig Pfund wog; sie war fleißig und bescheiden, doch scheute ich mich, ihr schwerere Arbeit zuzumuten, da ich immer befürchtete, dass sie zusammenbrechen würde. Auf unseren Zuspruch und angeregt durch stärkende Mittel, die Wilhelm ihr verschrieb, lernte sie erst richtig zu essen. Bald fand sie Geschmack an der Sache und berichtete mir dann auch jede Woche fröhlich von den auf der Sprechzimmerwaage abgelesenen Fortschritten ihrer Gewichtszunahme, die freilich mit dem bei weitem größten Teil unserer mageren Vorräte bestritten wurde. Wie oft kam es vor, dass wir uns mit Margarinebroten begnügten, während Frieda unser Gewissen durch den Anblick ihrer dichtbelegten Mettwurststullen beruhigte. Frieda hatte gerade die Zentnergrenze erreicht, als wir uns ein kurzes Lebewohl zurufen mussten. Es war wie ein Gesetz, dass mit der Zunahme ihres Körpergewichts das Maß ihres Eifers schwand. In den letzten Wochen hatte sie uns ein immer mürrischeres Gesicht gezeigt, so dass ich eigentlich auf die Pflichtvergessenheit hätte vorbereitet sein müssen, die sie uns Anfang Juni eines Sonntags bewies. Ich hatte Frieda den Auftrag gegeben, unseren Gottfried ein Stündchen an die Luft zu fahren. Um vier Uhr nachmittags hatte ich das Mädchen fortgeschickt, und als es um sechs Uhr noch nicht zurückgekommen war, machte ich mich mit Wilhelm auf die Suche. Unser Mädchen fanden wir nicht, und wer weiß, ob wir unseren Jungen so bald gefunden hätten, wenn uns nicht sein mir so wohlbekanntes Geschrei den Weg in eine Feldscheune vor dem Dorfe gewiesen hätte. Dort stand der einsame Wagen, indessen seine Hüterin sich einer Streife der jungen Burschen und Mädchen durch die Felder angeschlossen hatte.

Als Frieda nach einer geraumen Zeit in unserer Wohnung erschien, ohne beim Anblick des von uns geborgenen Kindes eine besondere Bestürzung zu zeigen, ließ meine Entrüstung sie gar nicht erst dazu kommen, ihre einfältigen Entschuldigungen vorzubringen: ich sagte ihr mit kurzen Worten, dass sie unser Haus nicht wieder zu betreten brauchte. Das passte ihr ja fein – erwiderte die treue Seele, da brauchte sie doch wenigstens nicht erst zu kündigen, ihre Mutter hätte sowieso vorgehabt, in den nächsten Tagen dieserhalb zu kommen. Ihre Eltern hätten schon Iange geschimpft, dass sie beim Doktor so wenig Geld verdiente Beim Bauern könnte sie das Doppelte und Dreifache verdienen und sie hätte auch schon eine Stelle in Aussicht. Sie wäre ja nun auch Gott sei Dank kräftig genug für die Feldarbeit.

Damit verließ uns Frieda Feuerriegel und kam nicht wieder. In ihrer kindlichen Unverfrorenheit hatte Frieda in der Tat an unsere empfindlichste Stelle gerührt, denn wir waren in jener Zeit die ärmsten Leute im Dorfe. Wir konnten von einem Dienstmädchen ja auch nicht gut den Idealismus erwarten, den Wilhelm fortgesetzt aufbrachte, indem er umsonst arbeitete. Es lohnte sich nicht mehr, den Krankenkassen die Honorarforderungen zuzustellen, denn Papier und Porto waren mehr wert, als der nach vielstündiger Arbeit errechnete Betrag galt, wenn er endlich ausbezahlt wurde. Die notwendigsten Barmittel erzielten wir durch den Verkauf des Roggens, mit dem die Privatpatienten vereinbarungsgemäß ihre Honorare entrichteten. Dennoch langte es häufig nicht zur Bestreitung der einfachsten Tagesbedürfnisse, so dass es mir manches liebe Mal an Feuerung für meinen Herd gebrach. Wenn ich dann mit meinem Mann in der Dämmerstunde verschämt nach dem Waldrande hinaufschlich, um unter den Bäumen Anmacheholz und Tannenzapfen und auf dem Bahndamm die Kohlenabfälle der Maschine zu sammeln, dann musste ich oft an die armseligen Gestalten denken, die in den Straßen meiner Vaterstadt Altona nächtlich die Mülleimer durchstöberten.

Es war uns klar, dass wir nach Friedas Fortgang ein neues Mädchen nicht würden halten können. Gleichwohl wurde uns mit unserem kleinen Kinde nicht leicht, auf jede häusliche Hilfe zu verzichten, und so begrüßte ich es denn als einen rettenden Ausweg, als Wilhelm eines Tages sagte: »Wir wollen Konrad kommen lassen!«

Von Konrad hatten wir seit einigen Monaten nichts mehr gehört. Er war in ein verdächtiges Schweigen versunken. Auch Dieckmanns, die uns in unserer neuen Wohnung einmal aufgesucht hatten, wussten nichts von ihm.

Auf unsere Einladung blieben wir lange ohne Nachricht, bis der Dichter in Person die Bestätigung unseres Schreibens überbrachte. Er bot einen bedauernswerten Anblick und unterschied sich kaum noch von den Gestalten, die in jener Zeit die Landstraße so zahlreich bevölkerten. Wie hätte das auch anders sein sollen, da er, wie er alsbald nicht ohne Stolz erklärte, die dreihundert Kilometer von Berlin bis Wenzen zu Fuß bewältigt hatte! Eine erste, gierig verschlungene Mahlzeit setzte ihn in die Lage, einen schwärmerischen Bericht von seiner Wanderfahrt zu geben:

»Das war schon seit meiner Kindheit mein sehnlichster Wunsch, einmal wochenlang zu wandern. Aber vor lauter törichten Rücksichten und belanglosen sogenannten Pflichten kam man nicht zu dem einfachsten und herrlichsten und dabei billigsten Vergnügen auf der Welt. Dann wurde man langsam fett und kriegte einen Bauch, und dann kam diese höllische Bequemlichkeit, die einen um Jugend und Leben bemogelte. Seht mal, hier!« Er klopfte an die Stelle, wo im Herbst noch sein Bauch sich gewölbt hatte. »Mit dem Verlust dieses Fettes habe ich zehn Jahre meines Lebens zurückgewonnen! Gleich nach Empfang eures Briefes bin ich losgelaufen, die ersten Tage sind mir allerdings verdammt sauer geworden, Berlin wollte gar kein Ende nehmen. Wenn ich etwas Geld gehabt hätte, wäre ich anfangs vielleicht noch schwach genug gewesen, mich auf den Zug zu setzen, aber so war ich schon gezwungen, durchzuhalten. Aber hernach wurde es denn auch wunderschön! Fragt mich nur nicht, was ich gegessen und wo ich geschlafen habe – darüber muss ich später mal ein Buch schreiben. Euch gönne ich wahrhaftig auch einmal das Hochgefühl, das einen Wanderer ergreift, wenn er sich allmählich so ganz auflöst in der Landschaft, um sich tausendfach neu zu empfangen aus jedem Baum, aus jedem Stein und aus jedem Grashalm am Straßenrande. Weiß Gott – die armen Autofahrer haben mir leidgetan, wenn sie an mir vorbeisausten, hinter ihrer eigenen Unruhe her, die sie niemals einholen konnten.«

Die Augen in seinem gebräunten, etwas hohlen Gesicht leuchteten verzückt bei diesen Worten, dann schwieg er eine Weile und mochte ausruhen auf den reichen Bildern dieser Fahrt … Ein nicht minder schöner, wenn auch etwas andersgearteter Einfall öffnete schließlich seinen Mund:

»Ach – könnte ich nicht noch ein Mettwurstbrot bekommen?«

Ich konnte ihm leider kein Mettwurstbrot geben, denn Frieda hatte mit unserer letzten Wurst ihr letztes Frühstück bestritten. Nach den Eröffnungen, die ich ihm bezüglich der Sachlage machen musste, erlosch der Glanz in seinen Augen, und wehmütig hefteten sie sich auf den Würfel der Kunstbutter, mit der ich ihm sein Brot bestrich. Mit guter Haltung jedoch nahm er die Gabe aus meiner Hand entgegen: »Danke schön! Sagt mal – zu diesen Kunstbutterschlemmereien pflegt ihr jetzt wohl auch Kornkaffee zu trinken? … Übrigens – bei Korn fällt mir Isabellas Hafer ein! Ich konnte euch das Geld dafür leider nicht schicken, denn das Theater, das meine Komödie spielen wollte, hat vor der Uraufführung gerade noch Pleite gemacht, ihr kennt ja mein Pech. Und hernach kamen für mich schreckliche Zeiten. Ich habe damals schon oft daran gedacht, zu euch zu flüchten, aber ich hatte natürlich nie das Reisegeld.«

Hatte der Dichter sich während seines ersten Besuches mit Erfolg im Haushalt betätigt, so bewährte er sich jetzt auch aufs beste bei der Betreuung des Kindes. Er bewies ein hervorragendes Geschick im Umgang mit unserem Säugling. So konnte er stundenlang in dem Gärtchen hinter dem Hause neben Gottfrieds Wagen sitzen, den einen Fuß schaukelnd gegen das Rad gelegt. Manchmal summte er auch ein selbstgedichtetes Wiegenliedchen dazu; das Plätzchen unter dem Holunderbusch und neben dem steinernen Brunnenrand mochte es ihm eingegeben haben:

Klein Gottfried unter dem Keilekenbusch,
Schlaf ruhig in deinem Wagen –
Die Mücken und Bienen, husch, husch, husch,
Die will ich dir wohl verjagen.

Klein Gottfried neben dem Brunnenrand,
Die Englein sind dir gewogen –
Des Wassermanns kalte Flossenhand
Hat manch ein Kind schon gezogen.

Die Bienen und den Wassermann
Lass summen nur und raunen –
Klein Gottfried ist ein kluger Mann,
Schläft ruhig in seinen Daunen. – –

Eines Tages traf mich Konrad dabei an, wie ich verzweifelt gewisse Auszüge aus unseren Rechnungsbüchern machte. Es handelte sich um zahlreiche Forderungen an die sogenannten »kleinen Leute«, auf deren Familienangehörige die Kassenversicherung zu jener Zeit noch nicht ausgedehnt war, so dass sie meinen Mann als Privatpatienten in Anspruch nehmen mussten. Da wir uns von ihnen nicht in Roggen bezahlen lassen konnten, bedeuteten die nach dem Tage der jeweiligen Leistung ausgestellten Markbeträge ganz illusorische Forderungen, denen ich naturgemäß bange nachseufzte. Konrad bewies ein großes Interesse an diesen »eingefrorenen Krediten«, er fertigte eifrig eine Liste jener Schuldner an und vermerkte hinter jedem Namen den Betrag, den Wilhelm in Friedenszeiten hätte fordern können. Sichtlich befriedigt errechnete er dann die Gesamtsumme von einhundertundfünfzig Dollar, eine fantastische Zahl, an der er sich denn auch gebührend berauschte.

Als er die Liste in seiner Brieftasche versenkte, fragte ich ihn, was er nun eigentlich vorhabe – aber er schwieg mit einem geheimnisvollen Lächeln.

Schon am selben Abend aber erfuhr ich, was der Dichter beabsichtigt und zum Teil auch durchgeführt hatte: ich konnte seine Erfolge mit Augen sehen und mit Händen greifen, denn ich hatte ihn am Nachmittag ledig aller Bürde unser Haus verlassen sehen und sah ihn nun schwerbepackt zurückkommen. Ähnlich wie er im vorigen Sommer den »Jahrgang neunzehn« büchsenweise auf unseren Tisch hatte gleiten lassen, so türmte er nun Würste, Speck und Schinkenstücke, Ziegenbutter, Käserollen, Schmalz und Eier auf unsere mager bestellte abendliche Tafel.

»Das ist die Münze der kleinen Leute«, sagte er schmunzelnd, »die haben sich die Sachlage noch gar nicht ordentlich klargemacht, sie fragten mich ganz erstaunt, ob es ihrem Doktor denn wirklich so schlecht ginge, das hätten sie ja wahrhaftig noch nicht gewusst … Jedenfalls scheinen mir gerade diese Leute vernünftigen Vorstellungen sehr zugänglich zu sein und ein feines Gefühl für Recht und Billigkeit zu haben. Da war auch nicht einer, der nicht ausgepackt hätte – na, und da habe ich natürlich eingepackt!«

So kam es, dass wir in der nächsten Zeit wieder »Fettlebe« machen konnten, und dass besonders Konrad anfing, sich von neuem um seine Jugend zu »bemogeln«. Dass der Dichter es auch verstand, durch einen Tauschhandel mit überzähligen Eiern für Kaffee und Zigarren zu sorgen, soll nicht verschwiegen werden. Die Eier hatte er zu Fuß nach der Stadt geschleppt, und als er von diesem Wege zurückkam, äußerte er seltsamerweise keine Begeisterung für Fußwanderungen mehr, sondern sang ein überschwängliches Loblied auf jenes Auto, dessen Führer sich seiner auf dem Rückwege erbarmt und ihn bis Wenzen aufgeladen hatte … So ein Auto sei doch für einen modernen Menschen ein ganz unentbehrliches Verkehrsmittel, zu schweigen von der seelischen Bereicherung, die allein schon der Rausch des im Achtzig-Kilometer-Tempo überwundenen Raumes gewähre.

Seine Proviantierungsfahrten wiederholte Konrad nun regelmäßig und mit gutem Erfolg, so dass wir die nächsten Monate, die schlimmste Zeit der Hochinflation, recht gut überstanden. Wir hätten auch fröhlich und unbekümmert leben können, wenn nicht die Tätigkeit des Herrn Schmolarski allmählich angefangen hätte, die ersten Schatten auf meines Mannes Praxis zu werfen.

Wilhelm hatte seit vielen Wochen schon ein Kind des größten Bauern, des Ackermanns Ebeling, in Behandlung. Es war ein Fall von chronischer Nierenentzündung, dem Wilhelm sich, obwohl er ihn von vornherein für aussichtslos hielt, mit großer Geduld und Hingabe gewidmet hatte. Als er nun eines Tages zu einem Besuch der kleinen Patientin auf dem Ackerhof erschien, schlug ihm sogleich jene drückende Atmosphäre entgegen, die dem erfahrenen Arzt schnell beweist, dass das Vertrauen zu ihm nachgelassen hat. Die Dienstboten schon haben kaum einen Gruß für ihn übrig, sie lassen ihn auf dem Flur stehen, ehe sie ihn melden, die Kinder bezeigen ihre Nichtachtung, indem sie ihr Gezänk und ihr Spiel ungestört fortsetzen oder gar schon heimlich tuscheln in ihrer Ecke, die Blicke der Eltern hängen nicht mehr am Munde des Doktors, wenn er seine Weisungen gibt, der Vater steht mit dem Rücken gegen das Zimmer am Fenster und trommelt an die Scheiben, indessen die Mutter alsbald mit lahmer Entschuldigung den Raum verlässt. Selbst der Hofhund scheint von diesem allgemeinen Misstrauen ergriffen und bellt dem sich Entfernenden nach wie einem lästigen Hausierer …

Ähnlich erging es Wilhelm bei jenem Besuche. Seinen Bericht, dass der Eiweißgehalt sich leider erhöht habe, hörte der Vater kaum an. Während der Untersuchung stand der Ackermann schweigend und mürrisch abseits, als aber Wilhelm zum Schluss ein herzstärkendes Mittel verschreiben wollte, wehrte er geradezu feindselig ab:

»Das lassen Sie nur unterwegs. Martha hat schon viel zu viel Gift geschluckt!« Und nach einem kleinen hinterlistigen Zögern: »Was hat sie denn nun eigentlich?« – Wilhelm wollte gerade antworten, als der Bauer selbst fortfuhr: »Ich glaube, das Mädchen hat gar keine Nierenentzündung, die hat sich das Blut erkältet.«

Es war Wilhelm sofort klar, wer diese Diagnose gestellt hatte. Das »erkältete Blut« war ihm als Kurpfuscherschlagwort wohlbekannt.

Das Interesse, das Wilhelm an dem kranken Kind nahm, veranlasste ihn noch zu einem letzten Versuch, auf die verblendeten Eltern einzuwirken:

»Ich sehe, dass Sie mir nicht mehr das nötige Vertrauen entgegenbringen und werde meine Besuche einstellen. Ich halte es aber für meine Pflicht, Sie noch einmal auf den Ernst der Krankheit hinzuweisen und Ihnen eine Untersuchung des Kindes in der Göttinger Klinik anzuraten.« Dann ging er.

Bald darauf wurde uns hinterbracht, dass der Ackermann Ebeling beim Skatspielen abends im Wirtshaus erklärt habe, der Doktor habe sein Kind ganz falsch behandelt. Ein Glück, dass Herr Schmolarski nach Wenzen gekommen wäre, der hätte die Sache gleich richtig erkannt und Martha ein paarmal ordentlich bestrahlt, so dass sie nun schon wieder beinahe gesund wäre.

Es wurde uns mm weiter bald von diesem, bald von jenem Bauern berichtet, der nach dem Vorgang des einflussreichen Ackermanns den Weg zu Herrn Schmolarski gefunden hatte, was wir denn auch bald selbst durch ein bedenkliches Zusammenschrumpfen der Privatpraxis bestätigt fanden.

Dass die Herde dem Leithammel nachlief, war mir ohne weiteres begreiflich – was aber den Leithammel selber betraf, so konnte ich mir dessen Abfall zu einem Scharlatan nicht erklären. Ebelings waren aufgeklärte und nicht ungebildete Leute, und mit der Frau war ich häufig freundschaftlich zusammengekommen; ich war im Winter bisweilen Gast eines »Kränzchens« gewesen, zu dem eine Anzahl von Bauernfrauen und auch Frau Pastor Fänger gehörte. Frau Ebeling war mir besonders nähergekommen, nachdem Wilhelm eine schwere Lungenentzündung ihres Mannes mit Erfolg behandelt hatte: sie hatte mir damals, als die Gefahr glücklich überstanden war, mit Tränen in den Augen beide Hände geschüttelt und mir versichert, dass sie es meinem Manne niemals vergessen würde, was er an dem ihrigen getan hätte.

Dieser Zug zur Quacksalberei, dem überraschenderweise auch unsere Freunde Ebeling erlegen waren, bildete häufig das Thema unserer Erörterungen.

»Ich verstehe das wohl«, sagte Konrad einmal, »der Hang zum Kurpfuscher ist der letzte Rest der Ehrfurcht vor allen Lebenskräften, die mit der Vernunft nicht zu erfassen sind. Die Kenntnis dieser Lebenskräfte war in früheren Zeiten in Form von uralten, ererbten ›Weistümern‹ einer gewissen Kaste vorbehalten – das waren die Priester, die zugleich ›Medizinmänner‹ waren. Im Rausch ihrer unzweifelhaft großen Fortschritte hat dann die exakte Wissenschaft alles, was vor dem Richterstuhl der Vernunft nicht bestand, in Verruf erklärt und in das unklare Sammelbecken des sogenannten ›Aberglaubens‹ verwiesen. So ist es jetzt der berechtigte Protest des unverbildeten Menschen gegen die Überheblichkeit der Wissenschaft, wenn der Bauer zum Quacksalber läuft: er verlangt zu jenen Kräften zurück, die eher waren als die Wissenschaft. Auf einem anderen Blatte steht es freilich, dass dieses tiefe Sehnen zu Zwecken persönlicher Bereicherung von skrupellosen Menschen missbraucht wird, die, ohne die Erben uralter Weistümer zu sein, für sich nichts weiter ins Feld führen können, als dass sie eben gegen die Wissenschaft stehen. Wenn sie trotzdem oft Erfolge haben, so ist das nicht ihr Verdienst, sondern die Auswirkung jener tiefen schlummernden Gewalten des Glaubens, die im einfachen Mann durch den mystischen Nimbus des Kurpfuschers viel eher aufgewühlt werden als durch den gottlob im Aussterben begriffenen materialistischen Arzt, der den Körper als eine Maschine betrachtete.«

Der von seinen Ausführungen sichtlich befriedigte Dichter überzeugte mich zwar, ohne mich jedoch zu beruhigen.

Bisher war die Tätigkeit des Herrn Schmolarski auf Wenzen und die nächsten Nachbardörfer beschränkt geblieben. Bald aber sollte ihm der große Erfolg einer wahren »Wunderheilung« ungeahnten Zulauf auch aus entfernteren Gegenden bringen.

Unsere Freundin Frau Busse war das Opfer »gewisser Schwierigkeiten« geworden, die sich aus der Unterbringung der leider zur Familie ihres neuen Mieters Fröchtenicht gehörenden Ziegen und Schweine ergeben hatten. Es musste gleich nach Fröchtenichts Einzug zu einer ernsthaften Auseinandersetzung der beiden Frauen gekommen sein; sie hatte sich ohne Zeugen in Dunkel des Stalles vollzogen. Was von ihr an die Öffentlichkeit drang, nachdem die feindlichen Parteien vor die Schranken des Gerichts getreten waren, das konnte nur das Geheimnisvolle dieser Vorgänge vermehren. Frau Busse behauptete, von ihrer Mieterin schwer misshandelt worden zu sein, und sie hatte sich auch am selben Tage noch zu Bett gelegt – Frau Fröchtenicht aber bestritt diese Aussage. Sie habe sich zu keinerlei Tätlichkeiten hinreißen lassen, und der blaue Fleck, den ein zugezogener auswärtiger Arzt am Bein der Frau Busse festgestellt hatte, müsse wohl von einem Fall der Schustersfrau über einen Futtereimer herrühren. Der Streit endete mit einem Freispruch der Schneidersfrau – Frau Busse aber verfiel einem rätselhaften Siechtum. Hatte sie sich bis zur Gerichtsverhandlung nur mühsam an Stöcken fortbewegt und besonders beim Termin einen bemitleidenswerten Anblick geboten, so war sie gleich nach dem Freispruch bettlägerig geworden, und zwar mit allen Anzeichen einer Lähmung beider Beine. Der Doktor hatte ihr nicht helfen können, sondern nach anfänglichen zahlreichen Besuchen die Behandlung als aussichtslos aufgegeben. Auch die Ratschläge der weisen Frauen wollten nicht verfangen, und so blieb die Frau hilflos auf ihrem Lager, ein Gegenstand des Mitleids für das ganze Dorf.

Nun nahm sich Herr Schmolarski der Sache an, um bald mit einer völligen Heilung der geheimnisvollen Krankheit seinen ersten großen Erfolg zu feiern. Es bedurfte nur einiger Besuche des Wundermannes, und Frau Busse konnte das Bett verlassen. Sie musste sich zwar vorerst noch der Krücken bedienen, aber dann, nach wenigen Wochen schon, kam der Tag, an dem sie durch ihr leibhaftiges Wandeln auf der Straße das ganze Dorf in grenzenloses Erstaunen verstehen sollte. Dieser Gang durch das Dorf wurde zu einem wahren Zug des Triumphes für Herrn Schmolarski. Geleitet von ihrem Erretter und von Frau Veronika Behrens und gefolgt von der ganzen Familie, schritt die Geheilte langsam durch die Straßen. Oft blieb sie stehen, um weinend allen, die es hören wollten, immer wieder das Wunder ihrer Heilung zu erzählen – und wer hätte solches nicht hören wollen! Dass sie vor unserem Hause besonders lange verweilte, um in lauten Worten die Geschichte ihrer Genesung zu verkünden, war mir begreiflich, wenn mir auch die nahezu biblische Einfalt und Inbrunst ihres Vortrages eine Überraschung bot:

»Ich lag krank und war mit Lahmheit geschlagen – aber nun bin ich auferstanden! Ich lag krank, und niemand mochte mir helfen – aber siehe, mein Retter war nah! Jetzt wandle ich wieder auf den Straßen, und auf den Wiesen springe ich mit den Schäflein um die Wette – Preis und Lob sei dem, der mir geholfen hat!«

Dann lachte und schluchzte sie wieder in einem Atemzuge, um sich langsam in Bewegung zu setzen.

Unten in der Haustür aber stand Frau Schlieker und wischte sich mit dem Schürzenzipfel die Tränen aus den Augen.

Wir hatten es uns natürlich nicht nehmen lassen, hinter den Gardinen verborgen dieses ergreifende Schauspiel mitzuerleben. Während wir dem Zuge nachsahen, sagte Wilhelm bedächtig:

»Nun kann ich ja wohl bald einpacken … Was hat der Kerl für einen Dusel, dass er an eine hysterische Lähmung gerät! Wie diese Wunderheilung zustande gekommen ist, ist mir ganz klar, denn ich kenne ja Frau Busse zur Genüge, um mir auch von der Entstehung ihrer Krankheit ein Bild machen zu können. Dies Satansweib hat zum ersten Mal in ihrem Leben in Frau Fröchtenicht einen Meister gefunden, der in der harten Schule der Frau Schlieker ertüchtigt war. Den namenlosen Grimm, in ihrem eigenen Stalle Prügel nach Noten bezogen zu haben, hat sie trocken hinunterwürgen müssen, und das ist ihr schon in die Glieder gefahren. Dann kam der Wunsch hinzu, vor den Nachbarn und vor dem Gericht einen bemitleidenswerten Eindruck zu machen, und endlich hat sich aus Wut, Scham und Sucht nach Mitleid jene Neurose bei ihr herausgebildet, die sie mit einer funktionellen Lähmung aufs Lager warf. Die ärztlichen Bemühungen setzten dann zu einem Zeitpunkt ein, als die Patientin vom Willen zu ihrer Krankheit noch völlig beherrscht war und konnten schon aus diesem Grunde nicht von Erfolg begleitet sein.«

Die Männer hatten sich durch ihre gelungenen Formulierungen des Falles Schmolarski-Busse ihre Sorgen vom Herzen geredet; für mich aber fing die Sorge jetzt eigentlich erst an, recht brennend zu werden.

Wenn ich in der kommenden Zeit durch das Dorf ging, setzte ich zwar mein hochmütiges Gesicht auf und wappnete mich mit meinem ganzen Stolze – innerlich aber war ich so unsicher geworden, dass ich auf die Anzeichen einer schwindenden Achtung vor uns geradezu wartete. Natürlich stellte ich fest, dass die Bauern mich weniger höflich grüßten als früher, denn gerade diese waren nunmehr nahezu geschlossen zu Schmolarski übergegangen.

Zu den wenigen Privatpatienten, die meines Mannes Hilfe zu jener Zeit noch in Anspruch nahmen, gehörte auch die sagenhafte Frau Schökel, deren Krankheitsgeschichte mir so merkwürdig scheint, dass ich sie hier nicht übergehen möchte. Die bedauernswerte Frau war ein Opfer der Leidenschaft geworden, von der sie durch lange Jahrzehnte grässlich geschüttelt war: beim Abstäuben einer Konsole war ihr eines ihrer kostbarsten Hochzeitsgeschenke, eine schwere marmorne Luther-Büste, auf den Kopf gefallen. Sie war bewusstlos aufgefunden worden, aber niemand konnte sagen, wie lange sie schon so gelegen hatte zwischen den Trümmern des Reformators. Als Wilhelm dann endlich gerufen wurde, stellte er einen Schädelbruch und eine schwere Gehirnerschütterung fest. Ihr Krankenlager dauerte vier Wochen; als sie sich von ihm erhob, war sie körperlich und seelisch ein völlig anderer Mensch geworden. Eine ungeheure Überraschung bereitete sie ihrem Mann gleich mit ihrem ersten Gange, der nicht etwa in die Besenkammer, sondern in den Keller führte. Von dort kam Frau Schökel mit zwei großen Konservenbüchsen zurück, die sie sofort öffnete, um begeistert in beide hineinzuschnüffeln. Ihr Mann erzählte uns später, dass er angsterfüllt neben ihr gestanden habe, eine endgültige schwere Störung ihres Seelenlebens vermutend … Frau Schökel hinwiederum zeigte sich von urgesunden, kernigen Gelüsten bewegt: sie habe sich während der letzten Tage ihres Lagers eines stürmischen Verlangens nach Pilzragout kaum erwehren können. Und das wollte sie nur gleich sagen: von jetzt ab würde erst einmal reine Bahn gemacht mit diesen unvernünftig vielen Vorräten da unten, ehe sie sich die Mühe geben würden, etwas Neues einzumachen. Desgleichen äußerte sie bald die überraschende Ansicht, dass die Menschen sich im Allgemeinen viel zu viel unnütze Arbeit zu machen pflegten. Weit entfernt, sich aufs Neue in ihren wöchentlichen Reinemacheturnus zu stürzen, bewies sie nun vielmehr eine wohltuende Großzügigkeit, indem sie das ganze untergeordnete Reich des Scheuerlappens einem neugemieteten Mädchen überließ. Ihr häufig betontes Bestreben war es, eine häusliche Behaglichkeit zu schaffen, aus der sich freilich ihr Mann gar zu gern seine ihm unentbehrlich gewordene Bodenkammer zurückzog. Der Gute sprach sich Wilhelm gegenüber einmal dahin aus, dass es ihm bitter schwerfalle, dieses neue Familienglück gebührend zu würdigen – so bleibe ihm eigentlich nur die Hoffnung, dass auch ihm einmal etwas Gewichtiges auf den Kopf fallen möchte, auf dass auch ihm eine Neugeburt widerfahre; Melanchthons wohlerhaltene Büste stände ja immer noch zur Verfügung …

Diese »Wunderheilung« sollte indessen meinem Mann nicht den Erfolg bringen, der die Tätigkeit des Herrn Schmolarski so herrlich krönte. Immer üppiger reiften die Früchte seines Ruhmes heran: was war in der letzten Zeit aus unserem stillen Dörfchen geworden! Auf allen Zufahrtsstraßen strömte die leidende Menschheit herbei, auf Automobilen, Landauern und Bullerwagen, auf Ackerwagen waren die Betten der Kranken getürmt, auf Fahrrädern kamen die »leichteren Fälle«, und manch besorgter Vater kam zu Fuß aus den entlegenen Dörfern der Berge herbei, eine wohlverwahrte Flasche mit dem Urin seines Kindes im Rucksack. War ein Zug angekommen, so sah man eine Schlange von Menschen den Bahnhofsweg sich herunterwälzen, und vor der Villa der Frau von Seelen, die ständig mit Fahrzeugen blockiert war, staute sich der Verkehr in einem Maße, dass oft der Gemeindediener ordnend eingreifen musste. Im Innern des Hauses wurde dem Zudrang dann mit nummerierten Karten begegnet, welche die Anwartschaft auf eine Konsultation bei dem Wundermann verliehen. Was Wartezimmer und Flur nicht fassen konnten, musste im Wirtshaus die vielstündige Wartezeit verbringen. So ergoss sich auch in die Kasse des Wirtes August Bietendübel ein gutes Teil dieses märchenhaften Schmolarski-Segens. Nicht nur sein Bier- und Kaffeeumsatz verzehnfachte sich, er musste auch die vielen Patienten, die am Tage ihrer Ankunft nicht mehr abgefertigt werden konnten, beherbergen, was ihm bei der beschränkten Zahl seiner Gastbetten nur möglich war, indem er seinen Saal zu einem Massenquartier herrichtete.

Aber auch andere wurden des Segens teilhaftig, der mit dem Zustrom der Krankheit so reich sich über Wenzen ergossen hatte: zur Zeit der Herbstmärkte war ein kleines Karussell auf seiner Durchfahrt hier hängengeblieben. Da viele Eltern die Gelegenheit, ihren dem Wundermann vorzuführenden Kindern die Zeit des Harrens durch solche Belustigung zu verkürzen, freudig wahrnahmen, hatte der Besitzer des Karussells die Gunst der Lage genützt und sich auf dem Platze vor dem Spritzenhaus festgesetzt. Ihm waren bald noch einige Kollegen aus der Vergnügungsbranche gefolgt: eine Schießbude, eine Luftschaukel und eine Bude mit Zuckerwerk und buntem Tand boten das Bild eines fröhlichen Jahrmarkttrubels. Und auf dem Umwege über dieses Treiben fiel von dem reichgedeckten Tische des Herrn Schmolarski das erste Brosämlein für den armen Doktor ab: ein Knabe, der aus der Luftschaukel herausfiel, brach sich das Bein. Er wurde zwar zunächst in das Haus des Heilkundigen getragen, von diesem aber großmütig zur Weiterbehandlung an Wilhelm überwiesen.

Bald fiel noch ein zweites Brosämchen in unsere Armut. In der Dämmerung eines Novembertages fuhr ein großes Auto vor unserem Hause vor, und gleich darauf kam eine schwere, pelzvermummte Mannesgestalt unsere ächzende Stiege heraufgekeucht. Die Gestalt erwies sich, nach dem Pfeifen und Rasseln auf der Brust, als ein dicker Asthmatiker, der, wortlos um Atem ringend, Wilhelm auf dem Flur schon eine Literflasche entgegenstreckte. Mein Mann erkannte den Inhalt der Flasche bald als Urin, den er denn auch sogleich einer fachmännischen Prüfung unterzog. Das Ergebnis war vier Prozent Zucker.

Obwohl Wilhelm sich gleich darüber im Klaren war, dass sich hier ein Patient des Wunderdoktors zu ihm verirrt hatte, gab er doch dem Dicken mit kurzen Worten eine Diätvorschrift, die dieser, immer noch außer Atem von den Anstrengungen der Treppe, mit stummen, beifälligem Nicken entgegennahm. Hierauf erhob er sich, zählte drei Scheine zu je einer Billion auf den Tisch und empfahl sich schweigend … Es war ein geradezu idealer Patient, und er gab uns auch einen lebendigen Begriff, in wie angenehmen Formen die Tätigkeit des Herrn Schmolarski sich abzuwickeln pflegte. Tatsächlich hatten wir auch schon erfahren, wie gut der berühmte Mann die Hilfesuchenden zu erziehen wusste: noch ehe sie sein Zimmer betreten durften, wurde ihnen durch Frau Veronika Behrens, die als Empfangsdame ihres Amtes waltete, eingeschärft, dass sie sich jedes überflüssigen Wortes im Verkehr mit ihrem Helfer zu enthalten hätten. Wortreich vorgebrachte Klagen wären nur dazu angetan, Herrn Schmolarski die Sicherheit seiner Diagnose zu trüben, die ihm allein ein erster Blick auf den Urin und ein zweiter in die Augen des Patienten mit unerbittlicher Eindeutigkeit enthüllte.

Dass die unaufgeforderte bare Entrichtung des Honorars in Höhe von drei Billionen für jede Konsultation zur Bedingung gemacht wurde, verstand sich von selbst einem Manne gegenüber, den man durch solchen untergeordneten Kleinkram des Alltags unmöglich auf der Höhe seiner Intuitionen belästigen durfte.

Alles in allem entrollte sich ein so prächtiges Bild dieser Praxis, dass Wilhelm bisweilen von der Sehnsucht nach einer ähnlichen Tätigkeit befallen wurde. »Es wäre am besten«, äußerte er wohl einmal mit einem traurigen Lächeln, »wenn ich alle meine Titel ablegte und mich als Wunderdoktor hinter den Bergen niederließe.«

Solche Anwandlung war aber umso begreiflicher, wenn man den Aufwand betrachtete, durch den Herr Schmolarski seinen wachsenden Wohlstand allmählich zu bekunden begann. Es dauerte nicht lange, so war der Heilkundige im stolzen Besitz eines prächtigen Autos, mit dem er allabendlich weite Fahrten zu unternehmen pflegte. Seine Hausgenossinnen freilich begleiteten ihn nicht auf diesen »Spritztouren«, die ihn bis nach Hannover und Braunschweig führten und die, so lustig sie immer waren, dennoch den Anfang vom Ende einer so glanzvollen Laufbahn bedeuten sollten. Es blieb bald kein Geheimnis mehr, dass der Wundermann auf seinen Fahrten die Tageskasse gewissenhaft und gründlich erledigte. So verurteilte er sich selbst dazu, im Grunde der arme Schlucker zu bleiben, der von der Hand in den Mund lebte und nicht aufhörte, von der Gunst zweier Frauen abzuhängen.

Da waren nun diese beiden Frauen und dieser eine Mann, zusammengefegt in diesem Hause wie auf einem Kehrblech des Schicksals – bald aber begann sich ein zarteres Band um diese drei Menschen zu schlingen. Der gerade in diesen Dingen feine Spürsinn der Dörfler hatte bald herausgefunden, dass der schöne Raphael in den Herzen der beiden alternden Frauen die gleiche Flamme heißer Liebesglut entfacht hatte. Und weiter war den Anwohnern nicht verborgen geblieben, dass diese Herzen, weit entfernt, sich in solcher Liebe zusammenzufinden, von schrecklicher Eifersucht aufeinander verzehrt wurden. Ein Auftritt, den die Nachbarn vor Monaten schon beobachtet hatten, wurde nun durch die Entwicklung der Dinge in ein spätes Licht gerückt. Herr Schmolarski pflegte im Sommer mit des verstorbenen Obersten Pferd und Wagen kleine Ausflüge in den Wald zu unternehmen, wobei ihn gewöhnlich Frau von Seelen in dem zweisitzigen Dogcart begleitete. Als nun eines Tages Frau Veronika Behrens neben dem Wundermann im Wagen Platz genommen hatte und beide sich schon zur Abfahrt rüsteten, sah man plötzlich Frau von Seelen ein Fenster aufreißen: mit erregten Worten forderte sie Frau Behrens auf, sofort den Wagen zu verlassen, »meinen Wagen«, wie sie betonte. Sie habe selbst die Absicht, diese Ausfahrt mitzumachen. Es bedurfte nun noch einer längeren, lebhaften Auseinandersetzung, ehe die Dickfelligkeit der Frau Behrens sich davon überzeugen ließ, wie ernst es Frau von Seelen mit ihren Absichten auf den Wagen war. Dass diese Absichten aber von vornherein dem Manne galten, das konnte vor aller Welt nun bald nicht mehr verborgen bleiben, wenn die Öffentlichkeit auch freilich erst jetzt, im Dezember, durch das großartige Schauspiel einer unverhüllt ausbrechenden Feindschaft zwischen den beiden Frauen erfreut wurde.

Frau Veronika »Rohkost« war durch die glänzenden Erfolge ihres Freundes Schmolarski bedrohlich in den Hintergrund geraten, und das war mehr, als ihr Ehrgeiz ertragen konnte. So hatte sie sich denn entschlossen, einen öffentlichen Werbevortrag zu halten. Durch Zeitungsanzeigen, Anschläge, Handzettel und mündliche Werbung des ausläutenden Gemeindedieners hatte sie eine Woche lang die Öffentlichkeit auf das große Ereignis vorbereitet. Da sie gleichzeitig verhieß, die Zubereitung von Rohkostgerichten vorzuführen und vor allem auch Kostproben zu verabfolgen, hatte eine große Anzahl Neugieriger ihrem Rufe Folge geleistet. Wenn auch Wilhelm sich entschlossen hatte, mit mir den Vortrag zu besuchen, so tat er das freilich weniger der Kostproben wegen als mit der Absicht, in die anschließende Debatte einzugreifen. Es hatte ihn einige Überwindung gekostet, aus seiner Zurückhaltung herauszutreten, aber ich hatte ihn schließlich überzeugen können, wie wenig angebracht es sei, völlig die Segel zu streichen vor diesen falschen Propheten. Es sollte ihm jedoch erspart bleiben, mit seinen Worten dem Schwulst der Reformatorin entgegenzutreten, denn kaum hatte sie ihren Vortrag beendet, als ein überraschender, handgreiflicher Aufmarsch gegnerischer Argumente die Debatte eröffnete.

Frau Behrens hatte die uns wohlbekannte Rohkostwalze aufgelegt und beinahe zwei Stunden lang laufen lassen. Die anfänglich herrschende fröhliche Stimmung war bald einer lähmenden Langenweile gewichen; statt der eingangs häufig vernehmbaren lustigen Zwischenrufe und des lauten Gelächters hörte man nun nur noch das Schnarchen ermüdeter Bauern. Alle Müdigkeit aber war mit einem Schlage verflogen, als gleich nach der Rednerin Frau von Seelen sich zum Wort meldete und vor die Versammlung trat.

»Sie können mir glauben«, begann sie mit einer vor Aufregung zitternden Stimme, »dass es mir nicht leicht wird, hier gegen meine Hausgenossin und ehemalige Freundin öffentlich Zeugnis abzulegen. Aber mein Gewissen treibt mich, einen offenbaren Betrug aufzudecken. Von der Rohkostbewegung mag man denken wie man will, aber von einem Verkünder dieser Bewegung muss man verlangen, dass er auch nach seinen Worten lebt. Ich selbst habe mich von den gleisnerischen Redensarten der Frau Behrens einfangen lassen und bin dumm genug gewesen, meine Räucherkammer abzuschließen, um sie monatelang nicht wieder zu betreten und ganz von Gemüse zu leben. Nach einem Vierteljahr aber trieb mich ein ganz bestimmter Verdacht, einen Blick in die Vorratskammer zu werfen, und da musste ich feststellen, dass die Schinken und, bis auf ein paar steinharte Blutwürste, auch sämtliche Würste verschwunden waren. Ich brauche Ihnen wohl kaum noch zu sagen, wer meine Räucherkammer geleert hatte.«

Sie hielt inne und wies mit einer anklagenden Bewegung ihrer Hand auf die vor ihr sitzende Reformatorin. Diese hatte schon während der ganzen Rede der Frau von Seelen sprungbereit dagesessen, um nunmehr wütend hochzufahren und auf die Bühne zu stürzen.

Obwohl sie sich in dem nun einsetzenden, höchst unerwünschten Beifallsgetöse aus lachendem Bravogeschrei und Händeklatschen kaum noch bemerkbar machen konnte, versuchte sie mit gellender Stimme ihre Verteidigung vorzubringen. Es bedurfte der ganzen Autorität des Amtmanns Wiechmann, der mit seiner Frau in der ersten Reihe vor der Bühne saß, um eine vorübergehende Beruhigung der Gemüter zu erzwingen.

Der Amtmann hatte der zweistündigen Rohkostpredigt geduldig gelauscht; seine Blicke hatten sich indessen bald von der Rednerin gelöst und auf die üppige Weide begeben, die ihnen der prächtig bemalte Bühnenvorhang bot. Das Schmunzeln, das immer häufiger seine Züge überglitt, war schließlich sitzengeblieben angesichts der lockernden Bilder, vor denen Veronika ihre asketischen Forderungen erhob. Es war das Gastmahl des Lukullus, das mit Hilfe einer betriebsamen Dekorationsindustrie den Weg nach Wenzen gefunden hatte. Da war eine Tafel, die schier brechen wollte unter der Fülle des köstlichsten Fleisches, unter den Schüsseln mit Karpfen und Aalen, mit Fasanen und Putern, mit Lammbraten und Spanferkeln. Doch nicht zu genügen schien es, was die Tafel bot: aus einem unerschöpflichen Hintergründe schleppten kleine Negerknaben auf ungeheuren Schüsseln immer neue Gemüse herbei: weinlaubgeschmückte Wildschweinsköpfe mit Zitronenscheiben im Rüssel, gespickte Rehe und Hasen, riesige Hirschkeulen und ganze Berge gebratener Singvögel … In diese Orgie des Fleisches hinein gossen weißschultrige Frauen den wilden Überfluss des Weines, der diese Runde bacchantisch zu lösen begann …

Dass diese Bilder des Amtmanns Wohlgefallen stärker erregt hatten, als es die Verkündung der Rohkost vermocht hatte, war begreiflich – was indessen Frau von Seelen zu verkünden hatte, das machte in schleunigst gierig auf seelische Genüsse. Eine lüsterne Schadenfreude verklärte sein saftiges Gesicht, und dennoch konnte er nun mit der wohlmeinenden Miene gerechter und gütiger Sachlichkeit seine gewichtige Stimme erheben:

»Wir wollen nun doch erst einmal hören, was Frau von Seelen uns noch zu sagen hat«, sagte er nachdrücklich und schlicht, und alle beugten sich schweigend seinem Willen. – Frau von Seelen nickte ihm dankbar zu:

»Was ich noch zu sagen habe, ist bald gesagt. Der Missbrauch meiner Mettwürste veranlasste mich, Herrn Schmolarski von der Gesinnungslosigkeit seiner Mitarbeiterin Mitteilung zu machen. Leider fand ich bei ihm nicht den geringsten Rückhalt, denn er verteidigte mit allerhand bombastischem Blendwerk die Verlogenheit der Frau Behrens. Wenn ich schon damals ein geheimes Einvernehmen zwischen den beiden zu bemerken glaubte, so musste ich gestern Abend zufällig eine Vertraulichkeit in ihrem Verkehr feststellen, die mich auf geradezu verbotene Beziehungen schließen lässt. Ich habe mich überwunden, diese ganze peinliche Angelegenheit hier öffentlich zu erörtern, weil mein angeborener Reinlichkeitssinn es nicht mehr zulässt, mit diesen Leuten in einem Atemzuge genannt zu werden. Ich habe mich daher entschlossen, Herr Schmolarski und Frau Behrens die Wohnung zu kündigen – mit Betrügern und sittenlosen Menschen kann ich nicht unter einem Dache hausen.«

Sie hatte die letzten Worte kaum ausgesprochen, als das bis an den Rand gefüllte Glas Wasser, das unangerührt den Rednertisch der Prophetin geziert hatte, ihr ins Gesicht geschleudert wurde. Fauchend sprang Veronika ihrem Wurfgeschoss nach, mit den Nägeln das Gesicht der Feindin zu bearbeiten und sich in ihren Haaren festzukrallen. Wenn sie gehofft hatte, dort eine besonders schmerzhafte Stelle zu erfassen, so sah sie sich allerdings getäuscht, denn es war weniger ein körperliches als ein seelisches Weh, das ihre zerrenden Hände der Gegnerin zufügten: irgendetwas gab nach im Schopf der Frau von Seelen, und jäh zurücktaumelnd hielt die Reformatorin einen langen falschen Zopf in der geballten Faust. Beide Frauen schrien laut auf. In schrecklicher Wut stürzte sich nun die Geschändete auf die Prophetin, die mit grässlichem Frohlocken die barbarische Trophäe über ihrem Haupte schwang. Im Nu waren die beiden Frauen zu einem wüsten Knäuel zusammengeballt, das sich kreischend und kratzend allen Entwirrungsversuchen der herbeistürzenden Männer widersetzte …

Wer weiß, bis zu welchem Grade die beiden Furien sich noch zerfleischt haben würden, wenn nicht des Wirtes Geistesgegenwart mit einem Eimer kalten Wassers ein Sturzbad über sie ergossen hätte, das sie augenblicks auseinanderfahren ließ. Zwei kräftige Mannesfäuste warteten schon auf jede der beiden glücklich getrennten Megären, und unter der brausenden Begeisterung der Menge wurden die beiden grausam Ernüchterten sanft aus dem Saale geschoben.

Herr Schmolarski war, schon als Frau von Seelen die Bühne betrat, unauffällig aus der Versammlung verschwunden und hatte sich nicht wieder sehen lassen.

8. Kapitel

Wieder war ein Frühling ins Land gezogen. Wieder blühte der Hahnenfuß am Bache und lud uns zu friedlichen Gängen in unserem Tal. Und mit dem großen Erwachen der Natur kam dieses Mal ein besonders tiefes Aufatmen über uns und über das ganze Land, denn die schreckliche Welle der Inflation war nunmehr völlig verrauscht, und wir saßen am sicheren Ufer der Festmark. Wir gehörten zu den wenigen Glücklichen, die nichts besessen und daher auch nichts verloren hatten. Wir hatten nur etwas gewinnen können.

Die Kassen brachten uns nun eine sichere monatliche Einnahme, und auch die Privatpraxis hatte sich zu unserer großen Freude wieder belebt. Die ganze Bauernschaft war reumütig und beschämt zu Wilhelm zurückgekehrt, und so war ihm das beglückende Bewusstsein geworden, das Vertrauen des Dorfes wiedergewonnen und nun endlich hier Wurzel geschlagen zu haben; das Meteorenschicksal des Herrn Schmolarski nämlich hatte sich mit dem jähen Niedergang dieses Gestirns erfüllt. Wo aber war der Wundermann geblieben nach seiner Ausweisung aus dem Hause der Frau von Seelen?

Am Waldrande, auf halber Höhe des sonnengesegneten nördlichen Bergrückens, lag zwischen zwei weit vorgeschobenen Fichtendickungen eine einsame Halde. Sie lag noch in der Gestalt, in der sie geschaffen war, ungeebnet, steinig, von einem kleinen Rinnsal gewässert und zum Teil in Sumpf verwandelt. Menschen hatten noch nichts darauf gepflanzt. Alles, was hier wuchs, hatten die Vögel gesät oder der Wind. Denn hier stand der Kiefer neben der wilden Kirsche, die Eberesche mitten im Schlehengestrüpp, und die junge Buche wetteiferte mit der Distel, in die Höhe zu kommen. Der Weiher, der im unteren Teil das Land abschloss, wurde behütet von einem eifersüchtigen Ring aus Binsen, Schilf und Weisen.

Dieses in seliger Vergessenheit ruhende Fleckchen Erde gehörte dem Erben eines Jagdpächters, der hier vor langen Jahren ein Sommerhäuschen errichtet hatte. Land und Haus hatten im vorigen Jahr eine glückliche Entdeckung für uns bedeutet, zumal das Haus war uns eine Überraschung gewesen, wie es unverhofft aufgetaucht war aus dem Gewucher der Wildnis, die sich langsam wieder um seine Mauern aus leichtem Fachwerk geschlossen hatte. Der Lattich breitete seine ungeheuren Blätter über die moderne Schwelle, die Ranken der Brombeere wiegten sich unter den kleinen Fenstern, und die jungen Fichten kosten mit ihren Zweigen den First des Daches …

In diesem Jahre führte uns einer unserer ersten Spaziergänge nach der verwunschenen Halde hinauf. Wir waren begleitet von Konrad, der auch ›mit diesem jungen Jahr‹ in unserem armen Tal erschienen war, jedoch dieses Mal nicht als Dienstmädchen, sondern mit einer Tasche voll Geld. Der Dichter hatte uns im vorigen Spätherbst verlassen, um den Proben zu einer wieder einmal bevorstehenden Uraufführung beizuwohnen, die aber nunmehr wirklich und erfolgreich vonstattengegangen war, und seiner Komödie den Weg über mehrere Bühnen des Reiches gebahnt hatte.

Wir fanden die uns liebgewordene Wildnis traurig verändert. Vor allem die Umgebung des Häuschens wies Spuren rücksichtsloser Verwüstungen auf, die Bäume waren gefällt, das Buschwerk ausgerodet, das Jagdhaus selber aber fanden wir in einem Zustande, der uns freilich kein Geheimnis mehr war, der unserem Gast indessen eine große Überraschung bot. Denn dem Dichter, der erst gestern Abend auf seinem neuerworbenen Motorrade eingetroffen war, hatten wir noch nicht erzählt, wie es gekommen war, dass hier nur noch eine Ruine stand. Ja, von dem Traum dieses Hauses stand nur noch, was das gefräßige Feuer übriggelassen hatte, und während wir uns nicht ohne Wehmut auf einem herabgestürzten Balken niederließen, begann ich die Erzählung vom Untergang dieser Hütte, mit welchem ein stolzes Schicksal sich in Asche gesenkt hatte: »Dieses Haus hatte Herr Raphael Schmolarski bezogen, nachdem er mit Frau Behrens von Frau von Seelen vor die Tür gesetzt worden war. Veronika hatte damals den Rest ihres Vermögens dazu benutzt, dieses Grundstück zu erwerben und das Haus zu einer Wohnung für sich und ihren Wunderdoktor instand setzen zu lassen. Hier oben hielt Schmolarski nun seine Sprechstunden ab, und wenn der Zustrom der auswärtigen Kranken zunächst auch noch unvermindert anhielt, so begann doch sein Ruhm im Dorf und in der näheren Umgebung bald bedenklich zu verlassen. Da war zunächst das Kind des Ackermanns Ebeling, das im Verlauf seiner Behandlung durch den Maler Raphael nach anfänglich einsetzender Besserung schließlich so krank geworden war, dass es nach Göttingen in die Klinik geschafft werden musste. Das undankbare Kind hatte die durch Schmolarski vorgenommene Prozedur einer Kaltwasserbehandlung mit einer grässlichen Schwellung seiner Gliedmaßen beantwortet. Der Abtransport der kleinen Patientin war zu einem Schauspiel geworden, dem die Nachbarn mit Staunen und Schrecken beigewohnt hatten, und was den armen Eltern in Göttingen über die Abwegigkeit der Wenzener Wundertherapie eröffnet worden war, das musste das Vertrauen zu Raphaels Heilmethoden aufs schwerste erschüttern. Dann kam ein Fall von Unterleibskrebs hinzu, der Herrn Schmolarski in die leichtfertigen Finger geriet. Auch Frau Leibzüchter Schlimme war nicht so einsichtsvoll, auf die vorwiegend psychische Beeinflussung des Wundermannes in der rechten Weise zu reagieren. So verlockend die Aussichten waren, die er der Patientin eröffnete, indem er ihr bei jedem Besuch aufs Neue beteuerte: ›Wir beiden werden noch einmal zusammen tanzen, Mutter Schlimme!‹, so wenig ließ es sich verheimlichen, dass er hier erfolgreich einen Krebs verschleppte, der die Altmutter anstatt auf den verheißenen Tanzboden bald auf den Friedhof bringen sollte.

So war dem Heilkünstler mit dem Vertrauen des Dorfes schnell der Boden entzogen, von dem seine Wirkung ins Weite recht eigentlich erst ausgegangen war, und nun konnte es nicht ausbleiben, dass auch der Zustrom von auswärts langsam verebbte. Eine Belebung des schwindenden Geschäftes erhoffte er von der Eröffnung eines Kurbetriebes, für den er bei seinen geringen Mitteln lediglich einige laubenartige Holzhütten errichten konnte. Aus dieser Not wusste er die Tugend einer besonders zugkräftigen Propaganda zu machen, indem er seine dürftigen Anlagen als Stätten einer dem verweichlichenden modernen Komfort entgegenwirkenden ›Frei-Luft- und Kaltwasserbehandlung‹ anpries. Da das Schlagwort ›Kehret zur Natur zurück!‹ auch in seiner gröbsten Verzerrung noch zu wirken pflegt, so hatte er zunächst einen schönen Erfolg, so dass seine Wohnlauben voll belegt waren. Dass sie sogar im Januar sich füllten, verdankte er der bedenkenlosen und marktschreierischen Behauptung, dass gerade die stählende Winterluft des Gebirges zur Einleitung einer radikalen Kur ganz besonders geeignet sei.

Nun, diese Krüge da oben gingen so lange zum kalten Wasser, bis der erste zerbrach.

An einem dunklen Februarabend ereignete sich das Unglaubliche, dass Raphael Schmolarski in unserer Wohnung erschien. Als er in unser Zimmer geführt wurde, bemerkte ich sogleich, dass die Hoffart seiner Worte nur wie eine dünne Tünche über seiner Angst und Haltlosigkeit saß: ›Es wird Sie vielleicht wundern, Herr Doktor‹, begann er mit lässiger Schnoddrigkeit, ›dass ausgerechnet ich zu Ihnen komme … Aber – ach bitte‹, unterbrach er sich, indem er eine Zigarettendose zog, ›wollen wir nicht rauchen bei dem, was wir zu besprechen haben? Man kommt sich von Arzt zu Arzt doch näher, wenn man eine echte Simon-Arzt dabei inhaliert … hehe … Bitte, ’nä Frau, bitte, Herr Doktor!‹ Aber weder Wilhelm noch ich verspürten das Bedürfnis, Herrn Schmolarski auf den Wolken einer ›Simon-Arzt‹-Zigarette entgegenzuschweben, wir konnten ihn jedoch nicht hindern, dass er sich selbst und uns nun in den Duft seiner kostbaren Marke einhüllte.

›Also, ich habe da einen Fall, Herr Doktor, der Sie sicher interessieren wird … hm … das heißt, es ist eigentlich auch ein sehr eiliger Fall, es ist nämlich Typhus. Nun wissen Sie ja, unter welchen Schikanen gerade wir Außenseiter zu leiden haben, der Kreisarzt bringt es fertig, mir mein ganzes Sanatorium da oben zu schließen. Ich darf daher wohl um Ihre kollegiale Diskretion bitten.‹

Er sah erwartungsvoll auf Wilhelm, der ihn freilich enttäuschen musste.

›Es tut mir leid‹, sagte er, ›aber einen Typhusfall muss ich natürlich sofort melden. Sie scheinen mit den ärztlichen Meldevorschriften nicht vertraut zu sein. Es ist mir übrigens auch gar nicht klar, was ich eigentlich in der ganzen Angelegenheit tun soll.‹

›Na ja – also, ich möchten Sie dringend bitten, Herr Doktor, sofort mit mir ins Wirtshaus zu kommen. Ich hatte die Absicht, den Patienten in meinem Auto nach Haus zu schaffen, aber der Kerl, der kollabierte mir unterwegs, wahrscheinlich eine Herzschwäche – der Mann ist ja auch fett wie eine Schnecke.‹

In der ›fetten Schnecke‹ fand Wilhelm im Wirtshaus dann einen alten Bekannten wieder: es war der dicke Asthmatiker, der dieses Mal an die rechte Adresse geraten war. Von Typhus war keine Rede. Wilhelm stellte sogleich fest, dass eine akute Lungenentzündung vorlag. Herr Schmolarski empfahl sich prompt, glücklich, diesen interessanten Fall an einen Kollegen abgegeben zu haben.

Auf diese Weise kam ich zu dem ehrenvollen Auftrage, die Pflege eines Privatpatienten zu übernehmen, denn die ›Schnecke‹ war noch lange nicht transportfähig.

Herr Kniesche war ein begüterter Junggeselle, der in Hannover eine ›renommierte Vogelfutterfabrik‹ besaß. Anhang hatte er nicht, so dass ich mich schon aus diesem Grunde seiner annehmen musste. Ich sorgte dafür, dass Frau Bietendübel ihm ein bequemes Lager in einer heizbaren Stube aufschlug. Im Nebenzimmer wurde auch für mich ein Bett aufgestellt, weil ich mich vor allem auch in der Nacht für Injektionen und andere Hilfeleistungen bereithalten musste. Ohne zu übertreiben darf ich wohl behaupten, dass meine sieben schlaflosen Nächte dem Kranken das Leben retteten, denn nur die strenge Regelmäßigkeit meiner Cardiazol- und Kampfereinspritzungen halfen dem in der Tat sehr schwachen Herzen über die Krise hinweg.

Die Dankbarkeit meines Pfleglings kannte dann aber auch keine Grenzen. Er schloss sich so zärtlich an mich an, dass er mich auch nach glücklich überstandener Krise gar nicht von sich lassen wollte. Meine Einwendungen, dass zu Hause unser Junge auf die Mutter wartete, beantwortete er mit dem rührenden Vorschlag, ich möchte Gottfried doch mitbringen, er wäre sehr kinderlieb. Als ich noch zögerte, legte er sich auf ein so herzbezwingend kindliches Betteln, dass ich mich auch für den Rekonvaleszenten jeden Tag noch einige Stunden frei machte, die ich dann mit Gottfried in seiner Stube verbrachte.

Ich hatte Herrn Kniesche schon einige Male nach seinen Erlebnissen in Schmolarskis Kuranstalt gefragt, da ich ihn aber schon bei der bloßen Erwähnung jener Heilstätte immer wieder zusammenschaudern sah, fragte ich ihn bald nicht mehr. Erst im Beisammensein mit dem friedlich spielenden Kinde gewann er mit fortschreitender Genesung auch die seelische Kraft, sich durch einen Bericht von den entsetzlichen Erinnerungen an das schmolarskische Inferno zu befreien. Ich habe auf diese Weise schon allerhand von den Bretterbuden hier zu hören bekommen – wir wollen sie uns doch gleich einmal ansehen.“

Wir erhoben uns und gingen nach dem Waldrande hinauf, wo im Schutze von Buschwerk und jungen Birken vier aus Balken und Brettern roh zusammengeschlagene Holzhäuschen standen. Jede Hütte bildete nur einen Raum, der gerade zwei Strohsäcken Platz bot. Fenster und Türen waren nichts als leere Öffnungen, die der heilkräftigen Luft fürwahr den freiesten Zutritt gewährten. Die Wasser des Himmels fanden den willig geöffneten Weg hier herein, man hatte ihrer schon fürsorglich gedacht, indem man in der Mitte des ziegelsteingepflasterten Fußbodens ein Abzugsloch angebracht hatte, zu dem von Fenster und Tür in leichtem Gefälle eine Rinne hinführte. In einem dieser Urbilder höllischen Unbehagens – schon uns Gesunde überlief bei dem Anblick eine Gänsehaut – hatte also der kranke Herr Kniesche gelegen. Wir flohen diese Stätten des Grauens und suchten am Waldesrande eine Bank auf, von der aus wir einen herrlichen Blick in das weithin geöffnete Tal genossen.

»Ach ja«, fuhr ich fort, »der arme asthmatische Vogelfutterfabrikant hat hier wirklich schreckliche Dinge erlebt. Und trotzdem hat er es beinahe eine Woche hier ausgehalten. In den ersten Tagen hatte er noch versucht, sich vor den allzu verschwenderischen Wohltaten der Nachtluft zu schützen, indem er Tür und Fenster mit den alten Säcken verhängte, die ihm die Direktion auf seinen besonderen Antrag zur Verfügung gestellt hatte. Aber dabei stieß er auf den höhnischen Widerstand seines Budengenossen. Es war ein Basedow-Kranker, der Herrn Kniesche durch den Anblick seiner hervorgequollenen Glotzaugen und seines ungeheuren Kropfes sogleich einen erschreckenden und niederdrückenden Empfang bereitet hatte. Dieser Mann erreichte es durch seinen zänkischen Widerspruch und indem er den Neuankömmling bei den Leidensgefährten lächerlich machte, dass unser Freund von dem weiteren Gebrauch der rettenden Säcke seufzend Abstand nahm.

Gleich am ersten Morgen war Herr Schmolarski in Kniesches Hütte erschienen; er war begleitet von einigen Kurgästen, die gerade die morgendliche Kaltwasserbehandlung hinter sich hatten. Schon dieser nur mit Laken bekleideten, von Nässe dampfenden und frostklappernden Gestalten hatten den Ärmsten maßlos erschreckt. In noch größeres Entsetzen aber wurde er versetzt, als der Sanatoriumsdirektor ihm tief in die Augen blickte, um aus ihnen die Diagnose abzulesen, die er dann in dozierendem Ton seinen gläubig ihn umdrängenden Anhängern vortrug:

›Dieser Mann hat Augen, die besser zu lesen sind als manches Buch. Ich sehe vor allem an dem äußeren Rand der Regenbogenhaut jene Verfärbung, die sich bei drohender Lebensgefahr bildet. Ich sehe ferner an den inneren Vierteln die Leber und die Milz mächtig geschwollen im Kampf mit dem Blut, das durch und durch erkältet zu Gift geworden ist. Die Lunge ist schlaff wie ein alter Schwamm, das Herz ohne Blut, und alle Drüsen sind trocken von dem Fieber wie taube Nüsse. Die Lebensgefahr ist groß, aber wir tun, was wir können. Ein Schluck Wasser aus unserer Quelle verdünnt das vergiftete Blut, ein nasser Wickel bringt die Drüsen zum Aufquellen, und wenn wir heute ein kaltes Bad verabreichen, so schrumpfen Leber und Milz zusammen, und wir haben gewonnenes Spiel.‹

Die Anfangsprozeduren wurden denn auch vorgenommen, Herr Kniesche wurde nass gewickelt und kalt gebadet. Er konnte sich eines erneuten Schauders nicht erwehren, als er aus der Geborgenheit seiner gemütlichen warmen Wirtshausstube auf diesen Beginn seiner Kur zurückblickte. Er erhob sich aus seinem Sessel und beschäftigte sich eine Weile mit dem Kinde, er mochte wohl das Bedürfnis verspüren, für die Fortsetzung seines Berichtes neue Kraft zu sammeln.

Am anderen Morgen wurde der Patient dann in den allgemeinen Kreislauf des täglichen Kurbetriebes aufgenommen. Da war zuerst die Dusche in der trüben, nebelgrauen Morgendämmerung. Herr Schmolarski selbst nahm sie vor, indem er das aus dem Weiher herbeigeholte Wasser mit großen Gießkannen über die unglücklichen, nur mit einer Badehose bekleideten Kranken goss. Hatten sie sich dann notdürftig erholt und abgetrocknet, so war schon Veronika Behrens zur Stelle, um mit Birkenruten die Rücken der Kurgäste zu bearbeiten. Dem Heilplan zufolge geschah das, um den trägen Blutumlauf zu beleben – von diesem Weibe aber verabreicht, glichen die Rutenstreiche viel eher einer Marter, die der boshafte Dämon der Wildnis den geängsteten Menschen bereitete. Aus Kniesches Worten grinste mir Veronikas schlimmes Bildnis entgegen, ich sah sie verwahrlost, in ihrem schlampigen Kittel, mit Strähnen ungepflegten Haares im Gesicht, barfüßig und abgemagert dastehen und grimmig ihre Hiebe austeilen … Und dann kam der fürchterliche Dauerlauf, zehnmal um die Hütten herum, und immer noch mit hohlem Magen.

Und dann das Frühstück – o Gott, das Frühstück! Es bestand aus Nüssen, rohen Mohrrüben und Blättern des Weißkohls. Dieses Frühstück war eine neue Marter, nicht zuletzt, weil es Frau Behrens war, die es darreichte und mit ihren quälenden Rohkostvorträgen bis zum Überdruss würzte an Stelle des feindlichen Salzes.

Im Wechsel von Duschen, Rutenstreichen, Dauerläufen, Kaninchenmahlzeiten und eisigen Liegekuren in den ungeheizten Buden vergingen die Tage, um Nächten zu weichen, deren winterliche Freiluftschrecken nur von einem zu Tode erschöpften und also abgestumpften Körper ertragen werden konnten …

Aus dieser Hölle hatte Herrn Kniesche dann seine barmherzige Lungenentzündung errettet.

›Und dieser Lungenentzündung‹, versicherte er mir immer wieder in überquellender Dankbarkeit, ›wäre ich erlegen, wenn Sie nicht gewesen wären, Frau Doktor. Wie kann ich das jemals wieder gutmachen? Sie haben für mich ja viel mehr getan, als irgendeine bezahlte Pflegerin getan haben würde, wie eine Mutter sind sie zu mir gewesen.‹

Als er dann abreiste, erstaunlicherweise auch von seinem Asthma befreit, standen ihm die Tränen in den Augen, es war ihm sehr deutlich anzumerken, wie schwer ihm der Abschied von uns dreien wurde, denn auch mit Wilhelm hatte er sich gut angefreundet. Das Gebiet ihrer Gespräche war allerdings begrenzt, doch erklärte Wilhelm, dass er sich noch mit niemandem so gut über Zigarren und Weine unterhalten habe wie mit Herrn Kniesche, dessen Kennerschaft in der Tat ungewöhnlich war.

Übrigens versprach der dankbare Mann beim Abschied, uns an einem der ersten schönen Frühlingstage mit seinem Wagen von Hannover aus zu besuchen, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn er bald angereist käme.“

Wir saßen eine Weile schweigend und blickten in das weite, von der Frühlingssonne übergossene Land. An der Straße unten im Tal blühten die Kirschbäume schon, und auf den Feldern war das winterlich unfrohe Grau der jungen Saat seinem leuchtenden Grün gewichen, aus dem jubelnd die Lerchen stiegen. Hinter dem wuchtigen Riegel des Höhenzuges, der uns gegenüber das Tal begrenzte, sahen wir zur Rechten die blaue Masse des Sollings sich mit dem Himmel vermählen, zur Linken aber grüßte fernher vom Harze der Vater der Landschaft, der alte Brocken, mit einer noch winterlich weißen Haube.

»Das wäre ein Plätzchen für mich«, sagte der Dichter, mit beglückender Eingebung unser Schweigen beendend, »ob dieses Grundstück nicht zu haben wäre?«

»Gewiss ist es zu haben«, belehrte ich ihn, »die Besitzerin will es gern wieder los sein, der Sanatoriumsbetrieb hier ist endgültig aufgehoben. Nachdem Herrn Schmolarski noch verschiedene andere Patienten ›kollabierten‹ und mit schweren akuten Anfällen von Gelenkrheumatismus und Mittelohrentzündung abtransportiert werden mussten, leerte sich diese Stätte des Heiles bald für immer. Einige Wochen saß dann die Direktion noch allein hier oben und verzehrte die letzten Kohlköpfe und Karotten. Man behauptet, dass Herr Schmolarski und Frau Behrens sich die Zeit vertrieben, indem sie einander zur Belebung ihres Blutkreislaufes den Rücken und seine Fortsetzung mit Birkenreisern bearbeiteten. Aber auch dieser Idylle wurde dann ein Ende gesetzt durch eine Feuersbrunst, die sie mit ihrem Hause der letzten Zufluchtsstätte beraubte. Zum Glück hatten sie kurz zuvor noch eine nicht unerhebliche Brandversicherung abgeschlossen, so dass ihnen nunmehr wenigstens die Aussicht auf eine Entschädigungssumme winkt, falls ihre Auseinandersetzung mit der Versicherungsgesellschaft einen für sie günstigen Ausgang nimmt. Jetzt sitzen Raphael und Veronika in Berlin, wohin sie ja auch gehören.«

»In Berlin sitzt die Prophetin«, rief Konrad ärgerlich, »das ist ja dumm, da hätte ich doch gleich an Ort und Stelle die Kaufangelegenheit mit ihr regeln können. Nun muss ich womöglich gleich wieder zurückfahren – denn das steht fest, dass ich dieses paradiesische Fleckchen haben muss.«

»Du brauchst nicht nach Berlin zu fahren«, beruhigte ich ihn, »du kannst dein Grundstück hier in Wenzen erwerben. Kurz vor ihrer Abreise ist Frau Behrens noch einmal bei Pastors erschienen und hat ziemlich zerknirscht einen Appell an die christliche Nächstenliebe des Pfarrers gerichtet: er möge ihr um Gottes willen helfen, dieses unglückselige Land da oben, in das sie ihr letztes Vermögen gesteckt habe, wieder loszuwerden. Sie hat dem Pastor dann eine Vollmacht erteilt, das Land zu jedem annehmbaren Preis zu verkaufen. Du brauchst dich also nur ins Pfarrhaus zu begeben, wenn du wirklich der Besitzer dieses Paradieses werden willst.«

In der Tat leitete Konrad schon am nächsten Tage den Kauf dieser zehn Morgen blumengesegneten Ödlands ein. Die Zeit bis zur Auflassung benützte er dazu, mit uns die Frage eines Hausbaues zu erörtern. Wir kamen zu dem Beschluss, dass es für ihn am zweckmäßigsten sei, eines der reizenden kleinen Holzhäuser errichten zu lassen, das wir aus dem Prospekt einer Werkstättengesellschaft gemeinsam aussuchten. Da das Haus auf dem massiven Sockel des abgebrannten Jagdhäuschens aufgebaut werden konnte, dauerte seine Fertigstellung nur sechs Wochen. Diese Wochen füllte des Dichters Ungeduld damit aus, ein Stück Land neben dem Neubau urbar zu machen, denn ein Gemüsegarten durfte auch in diesem Paradies nicht fehlen. In der folgenden Zeit bekamen wir Konrad nun tagsüber kaum noch zu sehen, erst abends kam er todmüde von der ungewohnten schweren Arbeit des Urbarmachens nach Hause, um nach einer verspätet eingenommenen warmen Mahlzeit wortlos ins Bett zu sinken …

In dieser Zeit erfreute uns auch ein Besuch des Herrn Kniesche. Es war ein Maitag, der schon durch seinen strahlenden Beginn sich gleichsam rüstete auf das große Ereignis, das seine Neige krönen sollte. Die Apfelbäume standen in voller Blüte, und der Flieder duftete berauschend, als unser Freund im Glanze seines neulackierten silbergrauen Wagens vor unserem Hause vorfuhr. Herr Kniesche war glücklich wie ein Kind, als ich ihn unten auf der Straße begrüßte, in seinen Augenwinkeln schimmerte es verdächtig. Es fiel mir sofort auf, wie verjüngt der ganze Mensch war, ohne jede Atemnot wandte er sich sogleich in seinen Wagen zurück, um sich mit der verwirrenden Fülle der auf dem Rücksitz aufgestapelten Pakete, Päckchen und Tüten zu beladen und dann leichtfüßig wie ein Jüngling mit mir die Treppe hinaufzueilen. Es dauerte eine halbe Stunde, bis wir die mitgebrachten Gastgeschenke ausgepackt hatten: chinesische Seide zu ein paar Kleidern für mich, Importen und Burgunder für Wilhelm, Süßigkeiten in großen Mengen, eine Menagerie und Bilderbücher für Gottfried … Er zeigte sich von der innigsten und beinahe zärtlichen Teilnahme an unser aller Ergehen beseelt, und wenn mich etwas an ihm befremdete, so war es nur die Hartnäckigkeit, mit der er in schier gehässigen Worten bei jeder sich irgend bietenden Gelegenheit auf Wilhelms armes Motorrad schimpfte. Diese Bemäkelung eines Besitzes, den wir durch unsere Abzahlungen mit Mühe jetzt erst ganz erworben hatten, war mir übrigens an Kniesche schon im Februar aufgefallen …

Als Wilhelm dann seine Fahrt zu den auswärtigen Kranken antreten wollte und das Motorrad schon auf die Straße geschoben hatte, kam unser Gast herbeigelaufen und verhinderte den Start.

»Ich kann es gar nicht mit ansehen«, rief er ärgerlich, »wenn Sie auf diesem schrecklichen Ding sitzen, Herr Doktor! Darüber habe ich mich im Winter schon immer aufgeregt, Sie werden sich noch Ihre Gesundheit ruinieren! Heute werde ich Sie mal in meinem Wagen fahren. Frau Grete muss auch mit, und Gottfried natürlich auch!«

So fuhr denn die ganze Familie in Herrn Kniesches Auto auf Praxis. Ich kann nicht verhehlen, dass ich selig in den Polstern des eleganten Wagens saß, wenngleich es mich bald beunruhigte, dass sein Besitzer schon gleich nach dem Verlassen des Dorfes Wilhelm mit aller Gewalt an das Steuer nötigte. Einen Augenblick war ich wirklich etwas verärgert über den mir aufdringlich scheinenden Eifer, mit dem Kniesche meinen Mann in der Bedienung der Hebel unterwies: es war so, als ob er uns auf diese Weise recht zum Bewusstsein bringen wollte, dass er der Herr des Wagens sei und wir die armen Schlucker.

Als er dann auch wieder anfing, zwischendurch auf unser Motorrad zu schelten, konnte ich mich nicht enthalten, ihm zuzurufen:

»Ich möchte wirklich wissen, warum sie es eigentlich darauf abgesehen haben, uns unser Motorrad zu verekeln! Wir können uns doch nun einmal kein Auto leisten, und voraussichtlich wird uns auch niemand eins schenken!«

Herr Kniesche stammelte einige unverständliche Entschuldigungen, ich sah, wie er errötete.

Am Nachmittag lockte uns das herrliche Wetter zu einem Spaziergang nach Konrads Grundstück hinauf. Von weitem schon hörten wir die fröhlichen Schläge eines Hammers: es war der Dichter, der die von seinem Grundstück aufgesammelten Steine zurechtschlug, um mit ihnen einen festen Weg nach seinem Hause zu schaffen. Er brach seine Arbeit ab, um freudig überrascht die Bekanntschaft des Herrn Kniesche zu machen. Dann zeigte er uns voller Stolz die Ergebnisse seiner Kultivierungsarbeit: er hatte schon ein Gärtchen von zehn Ruten geschaffen und mit Kartoffeln bepflanzt. Den anstoßenden Morast hatte er durch einen Graben entwässert, in der Absicht, dort eine kleine Weide für eine Ziege anzulegen.

»Nun müssen Sie mir aber einmal zeigen«, wandte er sich an Herrn Kniesche, »wo sie sich damals Ihre rettende Lungenentzündung geholt haben!«

»Um des Himmels willen«, wehrte der Dicke mit beiden Händen ab, »ich bin froh, wenn ich von den schrecklichen Buden nichts mehr zu hören und zu sehen brauche. Zeigen Sie uns lieber einmal, was von Ihrem Hause schon steht!«

Von Konrads Haus stand vorläufig allerdings erst das überdachte Gerüst, aber man konnte doch schon einen Begriff von der Einteilung der Zimmer bekommen. Der Dichter entwarf ein verlockendes Bild von dem fertigen Ganzen, das wir in wenigen Wochen würden bewundern können. Das Haus sollte dann mit einer würdigen Feier eingeweiht werden, zu der er uns alle und besonders auch Herrn Kniesche einlud. –

Beim Abendessen zeigte unser Gast eine auffallende Unruhe. Wiederholt sah er nach der Uhr, er aß nur wenig, nahm kaum Anteil am Gespräch und gab zerstreute Antworten. Gleich nach Beendigung der Mahlzeit sprang er auf und bat, wir möchten ihn für eine halbe Stunde entschuldigen, er wolle Frau Bietendübel geschwind noch einen Besuch machen.

Es verging eine halbe Stunde, aber Herr Kniesche kam nicht zurück. An seiner Stelle kam bald darauf ein kleiner Junge mit einem Brief, den er Wilhelm überreichte. Wir standen vor unserem Haus, um Herrn Kniesche zu erwarten. Noch einmal hatte sein prächtiger Wagen unsere Bewunderung auf sich gezogen, und wir betrachteten ihn in allen Einzelheiten. Was ich befürchtet hatte, war nun wirklich eingetreten: in Wilhelm war die lebhafteste Unzufriedenheit mit seinem Motorrad erwacht. Seit er in diesem Wagen gesessen habe, werde er sich nur noch mit äußerstem Widerwillen auf sein lumpiges Motorrad setzen. Ich hatte ihn ermahnt mit einigen Worten, die eine Variante des schönen Spruches bedeuteten:

Genieße, was dir Gott beschieden,
Entbehre froh, was du nicht hast …

In solch einem Wagen, der unsere Verhältnisse so weit überstiege, würde ich mich auch immer etwas bedrückt fühlen müssen.

In diesem Augenblick hatte Wilhelm gerade den Brief des Knaben empfangen und geöffnet. Er las ihn, wurde blass und holte einige Male tief Atem. Dann riss er seine Börse heraus, rief den Jungen zurück, der fröhlich schon wieder enteilt war, und steckte ihm einen Schein in die Hand. Ich sah es: es waren fünf Mark! Der Junge und ich hatten in grenzenloser Verblüffung den Mund geöffnet, ich befürchtete, dass Wilhelm unter dem Einfluss des schweren Burgunders, den wir zum Abendessen getrunken hatten, in einen Zustand plötzlicher Verwirrung geraten sei. Und was er nun noch vorbrachte, bestärkte mich in dieser Vermutung:

»Aber sonst gefällt dir unser Wagen – wie?« …

Eine schreckliche Angst befiel mich, ich glaubte nun schon nicht mehr an die Wirkung des Burgunders, sondern war jetzt beinahe überzeugt, einen der traurigen Fälle jäh ausbrechenden Wahnsinns vor mir zu haben. Und als mein Mann mich dann plötzlich mit grässlichem Gelächter auf den Rücken schlug und immer wieder schrie: »Ja, unser Wagen, natürlich unser Wagen!«, hatte ich nur noch den einen Gedanken an die düstere Zukunft unseres armen Kindes, das oben in seinem Bettchen so friedlich schlief und nun bald kein Vaterhaus mehr haben würde. Mit Mühe unterdrückte ich das Schluchzen, das mir die Kehle würgte, ich versuchte den Rasenden zu beruhigen und ihn sanft ins Haus zu ziehen. Aber schon hatte er die Tür des unglücklichen Autos aufgerissen, schon saß er am Steuer und schrie mich an:

»Willst du dich nun nicht endlich in deinen Wagen setzen? Begreifst du es denn immer noch nicht, dass der Wagen uns gehört – Herr Kniesche hat uns ein Auto geschenkt! Da – lies doch selber!«

Er reichte mir den Brief, und nun las ich es selber, obwohl die Buchstaben wie närrisch vor meinen Augen tanzten und von den Tränen verdunkelt wurden, die erlösend endlich hervorgebrochen waren: jawohl, Herr Kniesche hatte uns »als kleines Zeichen seiner unendlichen Dankbarkeit« sein Auto geschenkt! –

Es war Mai, und wir hatten einen Wagen! Um diese Zeit war es ja auch in Wenzen schön, aber der Ruf der Ferme, der niemals aufgehört hatte, mich zu locken, war gerade im Frühling besonders eindringlich. Die blütengesäumten Landstraßen waren wie schimmernde Fäden, weiche die Ferne ausgeworfen hatte, um das sehnsüchtige Herz zu sich heranzuziehen.

Am nächsten Sonntag schon unternahmen wir unsere erste Ausfahrt. Am Steuer saß vorerst noch Konrad, der in weiser Voraussicht weiterer Erfolge beim Kauf seines Motorrades zugleich auch den Führerschein für Kraftwagen miterworben hatte.

Ich habe seitdem viele Hunderte von Autofahrten gemacht, aber keine hat sich meiner Erinnerung so tief eingeprägt wie dieser erste mailiche Ausflug ins Weserland.

Aus dem Bann unseres heimatlichen Tales bald entlassen, folgten wir dem scharfen Bogen des nördlichen Bergzuges ins lieblich sich öffnende Tal der Lenne, des kleinsten Nebenflusses der mächtigen Weser. Wir spürten, wie die abseitige dumpfe Schwere unserer engeren Heimat sich löste im ersten befreienden Hauch des großen Stromes. Wir sahen die weit zurückweichende Grenze dieses Tales, den Rücken des Ithgebirges, der wie ein ausgereckter Arm einladend hinwies zur fernen Weser. Vor uns lag, in der Senkung des Tales, Eschershausen, das Raabestädtchen, und hinter ihm wuchtete die waldige Masse des Voglers. Auf steiler, gewundener Straße hinter der Stadt erklommen wir das Odfeld, und nun lag mit einem Male weit aufgeschlagen das Weserland vor unseren trunkenen Blicken. Wir sahen in dieses verblauende Meer bewaldeter Kuppen, darüber sich der wolkenlose Frühlingshimmel wölbte, und nun fuhren wir hinein in dieses Meer. Wir kamen in kleine Täler, in blütendurchwobene Dörfer, wir kamen wieder auf Höhen und fuhren durch das erste schimmernde Grün der Buchenwälder … So ging es bergauf und bergab, immer weiter entfaltete sich, dem Strome entgegen, das Land, und immer weiter wurde das Herz. Bis endlich der erste silberne Bogen des Stromes herübergrüßte über die schwellenden Weiten der Uferwiesen – da knirschten die Bremsen des Wagens, wir hielten an und liefen selig hinunter zum Flusse, dem großen Ziel dieser Fahrt …

An einem warmen Junitage weihte der Dichter sein Häuschen ein. Außer uns nahmen noch Dieckmanns, Pastor Fängers und Herr Kniesche an der Feier teil.

Wir hatten in der letzten Zeit das Grundstück am Walde nicht mehr betreten dürfen, Konrad hatte sehr geheimnisvoll getan, weil er uns mit der Vorführung des vollendeten Hauses überraschen wollte. In den voraufgehenden Nächten war er schon nicht mehr ins Tal heruntergekommen, sondern hatte unter seinem eigenen Dache geschlafen.

Als wir Gäste dann geschlossen zur Feier nach dem Walde hinaufmarschierten, erwartete uns der Dichter schon vor seinem Grundstück, um uns auf einem kleinen Umwege so zu führen, dass wir gleich den rechten Eindruck von seinem Hause bekamen.

Da lag es nun, das neue Heim, wie herausgewachsen aus dem hegenden Dickicht der Fichten und des Gebüsches aus Weißdorn und Erlen, da lag es im ruhigen Glanz seines frischbraunen Anstrichs, von dem sich das fröhliche Grün seiner Läden abhob. Rot leuchtete das spitze Ziegeldach, das tief herabgezogen der Erde wieder zustrebte. Der kleine Ausbau des Hauses, der vor dem Erdgeschoss eine Veranda, vor dem einzigen Zimmer des ersten Stockwerks einen Altan schuf, war unten und oben mit Holzkästen gesäumt; rotgelbe Kapuzinerkresse und Hängegeranien wucherten üppig darin und krochen schon über die Ränder. Der lange Weg bis zur Haustür, der sich in lustig krausen Windungen den Unebenheiten des Bodens anschmiegte, war sauber gepflastert und gefasst mit weißen Steinen aus Muschelkalk. Das ganze Erdreich, durch das dieser Weg sich wand, war verwandelt in einen Steingarten; eine Fülle von Stauden, Eisgewächsen, Farnkräutern und Efeu hatte der fleißige Konrad hier angepflanzt. Sein Meisterwerk aber hatte er geleistet, indem er das Wässerchen seiner Halde hierhergeleitet und gezwungen hatte, einen kleinen Wasserfall zu bilden, der über die moosigen Steine einer Böschung munter herabsprang …

Das von uns allen reichlich gespendete Lob nahm Konrad entgegen mit der Würde eines Mannes, der sich seiner Verdienste wohl bewusst ist. Er war wieder jung geworden, von seinem Körper war das letzte überflüssige Lot gefährlichen Fettes verschwunden.

Nachdem wir nun auch das Haus und das abseits im Gebüsch gelegene Stallgebäude für Ziege und Hühner besichtigt hatten, setzten wir uns an den schon freundlich gedeckten Kaffeetisch auf der Veranda. Seine Hauptzierde bildete ein riesiger Topfkuchen, den der Dichter, wie er selbst gleich eifrig versicherte, bis auf Mehl und Zucker aus den Erzeugnissen seiner eigenen kleinen Wirtschaft hergestellt hatte. Dass draußen die Hühner zu diesen Worten traulich gackerten, war eine nicht unerwünschte Bestätigung solcher Angabe, dass aber gleich darauf auch die Ziege zu meckern begann, das erinnerte uns alle an etwas, was wir gern vergessen hätten, nämlich an die Herkunft der Milch und der Butter, die diesem Kuchen in sorglosester Verschwendung zugesetzt waren. Dennoch machten wir alle gute Miene zum bösen Spiel und wurden auch glücklich fertig mit dem Kuchen. Ich glaube indessen, dass nicht nur ich mit einiger Beklemmung dem Abendbrot entgegensah, denn als unser Wirt, höchst befriedigt, dass uns sein Kuchen so trefflich geschmeckt hatte, alsbald darauf hinwies, welche Genüsse uns noch bevorständen, bemerkte ich den erschrockenen Blick, den das Ehepaar Dieckmann austauschte: es harrten unser nämlich eine Milchkaltschale und Butterbröte und für den Liebhaber auch eine Satte mit saurer Milch.

Aber auch das Abendbrot wurde glücklich überstanden, und dann kam die Bowle. Wir sahen ihr mit Zutrauen entgegen, zumal Konrad nicht ohne Bedauern einräumen musste, dass ihre Bestandteile noch nicht der eigenen Wirtschaft entstammten und auch nicht, wie er tröstlich hinzufügte, der Wirtschaft von August Bietendübel. Es war uns vielmehr bekannt, dass Konrad vor kurzem eine Kiste mit Wein aus der berühmten »Raabekellerei« in Eschershausen bezogen hatte. Immerhin gab Herr Pastor Fänger der Hoffnung Ausdruck, dass den Dichter die günstige Lage seines Geländes in einigen Jahren in die Lage versetzen würde, seinen Gästen den Saft selbstgekelterter Trauben zu kredenzen – ein Fläschchen »Wenzener Höllenblut« würde sich nicht übel auf dem Tisch eines Mannes machen, der die möglichst lückenlose Durchführung der Eigenwirtschaft zum löblichen Grundsatz erhoben habe. Und da wir alle wussten, dass so ein Weinberg doch viele Jahre gebraucht, um die ersten Früchte zu tragen, ließen wir uns durch die vom Pfarrer eröffneten Aussichten unsere frohe Laune nicht trüben.

Der Himmel wurde blasser mit der Dämmerung, die sich ins Tal herabsenkte, hier und da blitzte ein Stern schon auf, und nun löste der Mond sich langsam von den fernen Bergen des Leinetales … Wir saßen in seinem Lichte und spürten, wie wir dem Zauber der Sommernacht schweigend verfielen. In dem nahen Gebüsch vor der Veranda und in dem hohen nassen Grase war der schwebende Glanz der leuchtenden Junikäfer vergeudet, ihre unendliche Aussaat schien nur bestimmt, das Dunkel der Nacht noch tiefer und voller erklingen zu lassen. Es kam das zarte Pinken der Feuersalamander aus dem Steingarten, und im Weiher wogte das moorbraune Quaken der Frösche. Durch das greifbar starke und süße Duften des Weißdorns und der Rubinien ging der lautlos fächelnde Flug des Käuzchens, und zuweilen erstarb in den alten Buchen am Waldrande der brünstige Schrei der Schleiereule …

Dennoch war es Herr Kniesche, der das erste Wort wiederfand. Er richtete es an Wilhelm, dessen bedrücktes Schweigen er schon einmal gerügt hatte:

»Ihnen sieht man den Neid auf dieses schöne Landhaus hier aber auch wirklich an der Nase ab, Herr Doktor… Es wäre Ihnen ja allerdings auch nicht zu verdenken, wenn Sie keine Lust hätten, wieder in Ihre alte Klafalle da unten zurückzukriechen! Ihr Sprechzimmer ist doch eigentlich nichts als ein großer Koffer, und das Wartezimmer auf dem Flur ist wirklich eines Arztes nicht würdig.«

Wilhelm seufzte tief auf – ich aber ärgerte mich wieder einmal über Herrn Kniesche. Allerdings wagte ich es nach unseren Erfahrungen mit dem Auto nicht recht, ihm entgegenzuhalten, dass uns ja doch niemand eine neue Behausung schenkte … Aber ich hatte das auch nicht nötig, denn plötzlich sagte der dicke Gemütsmensch:

»Wollen sie denn nun nicht endlich einmal bauen, Herr Doktor? Das wären Sie doch wahrhaftig sich und Ihrer Frau und Ihrem Berufe schuldig – von Gottfried ganz zu schweigen, der in so einer dumpfen Mietswohnung auch nicht recht gedeihen kann!«

»Sie haben gut reden«, sagte Wilhelm bekümmert, »wie soll ein armer Landdoktor es denn anfangen, zu bauen?«

»Indem er sich von einem guten Freunde das Geld dazu geben lässt«, erwiderte der Dicke fröhlich.

»Mein guter Freund Konrad ist augenblicklich wohl kaum liquide, ich fürchte sogar, dass er sich ein bisschen überbaut hat … Ist es nicht so, Konrad?«

»Lass nur gut sein, Wilhelm«, murmelte der Dichter, »ich habe ja noch nicht die letzte Komödie geschrieben.«

Während dieses Wortwechsels war der Holzmagnat Carl Wilhelm Dieckmann unruhig auf seinem Stuhl hin und her gerutscht.

»Es gibt auch noch andere gute Freunde, die nicht darauf angewiesen sind, Komödien zu schreiben«, rief er, »ich habe zwar keine Autos zu verschenken, aber für eine erste Hypothek stehe ich gern zur Verfügung, lieber Löhnefink.«

Beinahe entsetzt sprang unser Freund Kniesche jetzt auf:

»Nee, nee – mein Lieber«, wandte er sich an Dieckmann, »so war es nicht gemeint! Wer zuerst kommt, mahlt zuerst! Ich gebe die Hypothek!«

»Und ich gebe sie auch!«, rief Dieckmann. »Es käme ja letzten Endes auf Löhnefink an, welche Hypothek er vorzöge. Ich gebe zwanzig Mille zu vier Prozent!«

»Und von mir kriegt er dreißig zu drei!«, keuchte Kniesche, der in seiner Erregung wieder etwas asthmatisch geworden war.

Nach einem erregten Hin- und Herwogen des edlen Wettstreits ergriff endlich Pastor Fänger das Wort zu einem erlösenden Vorschlag:

»Wie wäre es, meine Herren, wenn jeder von Ihnen fünfzehn Mille zu zweieinhalb Prozent gäbe?«

»Gemacht!«, schrie der Dichter, ein bisschen voreilig.

»Gemacht!«, stimmte Herr Kniesche freudig zu.

»Gemacht …«, folgte nach einem kleinen Zögern der Generaldirektor. Der Pastor erhob sich und schlug an sein Glas:

»Wir haben es alle gehört – die Sache geht in Ordnung! Ich leere mein Glas auf das neue Haus des Doktors und der Doktorin Löhnefink!«

Wir stießen an, und die Gläser gaben einen frohen Klang.

9. Kapitel

Acht Jahre sind vergangen. Ich sitze auf der Veranda unseres Hauses und blicke auf den großen sommerlichen Garten zu meinen Füßen.

Es ist ein Garten, wie ich ihn mir immer sehnsüchtig gewünscht hatte, ein richtiger Garten aus einem Traumland. Der breite Weg in seiner Mitte ist von Rabatten eingefasst, die in einer Fülle bunter Blumen überschäumen; da sind dichte Büschel von Nelken und große Glockenblumen, darum die Hummeln summen, die Lilien stehen steil in königlicher Pracht und neigen die wachsweißen Kelche, von Duft ganz schwer und von Glanz. Rosen gibt es, viel Rosen – sie wuchern an allen freien Stellen und drängen die vollen Häupter aus den Blättern der Malve und der Kapuzinerkresse und sind immer wieder in Bögen über den Weg gespannt und leuchten in allen Farben zwischen dem reinsten Weiß und dem dunkelsten Rot. Über den niedrigen Blumen, dem Fleischrot der Begonien und dem dunklen Blau der Petunien wehen und wiegen sich zart die Kosmeen, wie Falter, leicht und geschmeidig … An den kleinen Seitenwegen fangen die Dahlien schon an zu blühen, sie wuchern in ganzen Wäldern in die Rasenflächen hinein, die sich zu beiden Seiten des Mittelweges breit und üppig bis an die fernen Weißdornhecken ergießen …

Und wo der Weg aufhört, hat vor acht Jahren wirklich einmal eine ausgeschachtete Baustelle gegähnt, und ich bin auch prompt in sie hineingefallen. Die Nachbarn waren auf mein Schreien herbeigelaufen, und eine alte Frau hatte mich, wie ich schmutzbedeckt und mit zerschundenen Beinen wieder herauskroch, getröstet:

»Das hat etwas Gutes zu bedeuten! Wer in seinen Bauschacht fällt, der hat Glück im neuen Hause!«

Sie hat recht behalten. Es ist uns gut ergangen im neuen Heim. Ich höre Gottfrieds Jubel, der sich unten im Garten mit seinen Freunden eine Burg gebaut hat …

Den breiten Weg herauf sehe ich Tante Agnes kommen, die Begleiterin auf meiner schrecklichen ersten Fahrt nach Wenzen. Sie bleibt bisweilen stehen und wählt mit Bedacht von den Blumen aus, um einen Strauß zu binden, mit dem wir heute Abend Dieckmanns erfreuen wollen. Konrad nämlich, der wieder den Sommer in seinem Häuschen verlebt, hat uns zu einer Ausfahrt in seinem neuen Wagen eingeladen, und wir wollen auf dem Umweg über Münchhausens Bodenwerder zu unseren Freunden fahren.

Gleich wird die gute Tante heraufkommen und mir die Blumen auf den Tisch legen, und schon höre ich sie im Vorgenuss der schönen Weserfahrt wieder begeistert jene Worte sagen, die ich in diesen Tagen ihres Besuches so oft aus ihrem Munde gehört habe:

»Ich habe es dir doch gleich gesagt, Greten – als Landdoktorin wirst du ein vergnügliches Leben führen!«





Klappentext

Konrad Beste

gehört zu den berühmten Erzählern und Dramatikern unseres Jahrhunderts.

Er wurde am 15. April 1890 in Wendeburg bei Braunschweig als Pfarrerssohn geboren, studierte in München, Berlin und Heidelberg Philosophie. Seine Jugend verbrachte er in Stadtoldendorf im Weserbergland, wohin er auch nach längeren Jahren seines Hamburg-Aufenthaltes in der Mitte seines Lebens zurückkehrte. Dort starb er am 24. Dezember 1958.

In seinen Werken prägt sich die kraftvolle Schilderung und dort, wo er Humor walten lässt, schürft er aus der Tiefe seines Herzens und zeichnet lebensnah die Menschen, insbesondere aber seine schrulligen Gestalten. Die lebenswerte Art, wie Konrad Beste erzählt, und sein gepflegter Stil machen auch diese heitere Geschichte der Löhnefinks zu einer amüsanten Lektüre des Wohlbehagens.






Weitere Informationen zum Buch

„Das vergnügliche Leben der Doktorin Löhnefink“ spielt in den Jahren 1921 bis 1932 im Dorf Wenzen, heute ein Ortsteil der Stadt Einbeck im Landkreis Northeim in Südniedersachsen. Wenzen liegt an der Bundesstraße 64 in einem Tal zwischen den Mittelgebirgen Hils und Elfas und gehört landschaftlich zu Weserbergland und Leinebergland. Der Ort liegt rund acht Kilometer von Einbeck entfernt und zählt heute etwa 650 Einwohner. Er befindet sich an der Bahnstrecke Altenbeken–Kreiensen; der ehemalige Bahnhof liegt am Waldrand des Hils, mehr als einen Kilometer vom Dorf entfernt.

Für den Roman wählte der Autor für Wenzen und die umliegenden kleinen Orte fiktive Bezeichungen, während alle übrigen Ortsnamen der Realität entsprechen. In diesem Digitalisat wurde das Pseudonym „Hunzen“ durch das tatsächliche Wenzen ersetzt, ebenso die „Domäne Odagsen“ durch die reale Domäne Voldagsen.
Die erfundenen Ortsnamen „Bohnsen“, „Eitzum“, „Flöthe“ und „Himstedt“ wurden beibehalten, da ihre Zuordnung zu den entsprechenden realen Orten nicht eindeutig ist. Die im Roman nicht namentlich genannte, fünfzehn Kilometer weserwärts gelegene Stadt des Arztes Stichnoth ist Stadtoldendorf im Landkreis Holzminden, der Wohnort des Autors Konrad Beste.
Der fiktive Name „Hunzen“ führte gelegentlich zu Verwechslungen, da nur 22 Kilometer nordwestlich von Wenzen – bei Eschershausen – das reale Dorf Hunzen liegt.

Die Familie des Landarztes Doktor „Löhnefink“ in Wenzen hat ein historisches Vorbild: die Familie Sievers. Der Sohn, Gottfried Sievers, besuchte nach dem Zweiten Weltkrieg gemeinsam mit dem Eschershäuser Kaufmann Lothar Kaese die höhere Handelsschule in Holzminden. Fotografien und persönliche Korrespondenz sind im kaeseschen Familienarchiv erhalten; ein Löhnefink-Buch mit persönlicher Widmung von Gottfried Sievers ging jedoch verloren.

Auch der im Roman auftretende Pastor „Otto Fänger“ hat ein reales Vorbild. In Wirklichkeit hieß er Johann Runge und hatte zwei Söhne, die beide das Gymnasium in Holzminden (heute Campe-Gymnasium) besuchten. Runge stammte aus Heyen bei Bodenwerder und war im Ersten Weltkrieg Kamerad von Carl Kaese junior (1892–1968). Beide traten 1914 als Kriegsfreiwillige in das Infanterie-Regiment 164 ein. Runge beendete den Krieg als Leutnant. Aufzeichnungen über ihn finden sich in den Kriegserinnerungen Carl Kaeses. Lothar Kaese erinnert sich noch heute an die Besuche des eigenwilligen Pastors.

Notizen zur Digitalisierung des Originals

Konrad Beste schrieb drei Bücher über die Familie Löhnefink: „Das vergnügliche Leben der Doktorin Löhnefink“ (1934), „Die drei Esel der Doktorin Löhnefink“ (1937) und „Löhnefinks leben noch“ (1950).

Die hier digitalisierte Ausgabe des ersten Bandes aus der Reihe ist ein Taschenbuch aus dem Jahr 1981 im Format von 18 cm × 11,5 cm. Der Buchblock hat 160 Seiten. Gesetzt wurde es in Antiqua, anscheinend Times New Roman; für die sehr wenigen Textauszeichungen wurde Sperr- und Fettsatz verwendet.

Für diese Digitalisierung diente ein Buch aus kaeseschem Familienbesitz als Vorlage.

Für das Digitalisat sind die wenigen Satzfehler korrigiert, einige behutsame stilistische Änderungen vorgenommen, sowie Schreibweisen an die aktuelle Rechtschreibung angepasst. Textauszeichnungen und Absätze sind vom Original übernommen. Das letzte, nur mit einem Sternchen markierten, Kapitel wurde hier fortlaufend nummeriert.

Christian Kaese
Eschershausen 2025