Eschershäuser Wappen

Karl Einecke, Carl Kaese junior, Carl Kaese senior, Hermann Kuhlmann, Ohling, Robert Samse, Karl Schneider, Ernst Wesarg

Heimat­briefe aus Eschers­hausen

C. Bruns, Buch­druckerei, Eschers­hausen

Kaese-Logo


Zur digitalen Version

Diese Seite enthält eine Digitalisierung von drei sogenannten „Heimatbriefen aus Eschershausen“, kleinen Heften, die während des zweiten Weltkrieges als heimatlicher Gruß an die Soldaten aus Eschershausen und Umgebung versandt wurden. Die drei Hefte sind datiert vom November 1940, Mai 1941 und Weihnachten 1941.

Der Inhalt wird auf dieser Seite in einfachster Internet-Formatierung wiedergegeben. Eine dem Original nachempfundene Version gibt es als PDF-Datei (15 MB): Eschershäuser Heimatbriefe 1940–1941.

Für weitere Informationen zum Original und zur Digitalisierung siehe Kapitel „Notizen zur Digitalisierung der Originale“.

Digitalisierung durch Christian Kaese, Eschershausen 2019.





Heimatbrief
aus Eschershausen
November 1940

Zeichnung der Eschershäuser Lennebrücke von O. Mahlmann 1940-11
(O. Mahlmann)

Liebe Kameraden!

Der Heimatbrief hat diesmal etwas länger auf sich warten lassen. Ich hoffe aber, dass der Inhalt Euch für die lange Wartezeit entschädigen wird. Wie Ihr seht, habe ich mich dazu entschlossen, den Heimatbrief in verbesserter Form hinausgehen zu lassen. Einige Parteigenossen haben sich gern bereit gefunden, Beiträge, die sich mit Eschershausen und der näheren Umgebung befassen, beizusteuern. Diese Beiträge werden in den folgenden Nummern ihre Fortsetzung finden; dabei werden auch die anderen zur Ortsgruppe gehörenden Ortschaften nicht zu kurz kommen. Ich hoffe, dass auch die Bilder, von denen wir eine ganze Reihe zur Verfügung haben, dazu dienen werden, die Schönheit der Heimat vor Euren Augen lebendig werden zu lassen. Wir glauben, mit dieser neuen Folge des Heimatbriefes das Richtige getroffen zu haben. Wir sind Euch dankbar, wenn Ihr uns weitere Anregungen gebt. Soweit es uns möglich ist, wollen wir Eure Wünsche gern berücksichtigen.

Eine Übersicht über das, was sich in den einzelnen Ortschaften in letzter Zeit ereignet hat, ist für jede Zelle auf einem besonderen Blatt beigefügt.

Die Arbeit in der Ortsgruppe wird durch den Krieg und den damit verbundenen Mangel an Mitarbeitern in keiner Weise beeinträchtigt. Die SA hat eine Wehrmannschaft aufgestellt, in der die Wehrmänner auf ihre militärische Dienstzeit vorbereitet werden. Daneben läuft der regelmäßige SA-Dienst weiter. Auch in der HJ nimmt die Ausbildung der Jugendlichen ihren Fortgang. Eine Reihe Hitlerjungen sind der Feuerwehr zu einem Lehrgang für angehende Feuerwehrmänner überwiesen worden. In der Raabeschule werden regelmäßig Schulungskurse für HJ-Führer abgehalten. Die Frauenschaft hat einige Male Verwundete aus den Lazaretten Hildesheim und Holzminden im Ithgasthaus bewirtet. Der Segelflugleiter hielt bei dieser Gelegenheit einen Vortrag über die Bedeutung des Segelflugsportes.

Das Winterhilfswerk ist in vollem Gange; die Sammelergebnisse sind gegenüber dem vorjährigen WHW wiederum gesteigert worden. Bisher haben drei KdF-Veranstaltungen stattgefunden, die vierte ist für Ende November vorgesehen. Auch die hier einquartierten Soldaten sind eifrige Besucher der Vorstellungen. Gelegentlich der Gedächtnisfeier am 9. November in der Turnhalle der Raabeschule wurde dem Parteigenossen Lampe das Verdienstkreuz für zehnjährige Tätigkeit überreicht, außerdem dem Kameradschaftsführer der NSKOV, Parteigenosse Göhmann, Holzen, und einigen Mitgliedern der Frauenschaft die Medaille für Volkspflege. Parteigenosse Wilhelm Kohlenberg ist aus dem Heeresdienst entlassen und hat wieder das Amt des Ortsobmannes der DAF übernommen.

In den Betrieben geht die Arbeit weiter. Die in den Hilsgruben beschäftigten Kameraden sind bis auf weiteres vom Heeresdienst freigestellt und haben ihren Arbeitsplatz wieder eingenommen. In anderen Fabriken, in denen die Männer fehlen, arbeiten Tschechen, Polen und Kriegsgefangene, die in Lagern zusammengefasst sind und mit der Bevölkerung wenig oder gar nicht in Berührung kommen. Es mag für die Arbeitskameraden nicht leicht sein, mit diesen Menschen zusammenzuarbeiten; aber auch das muss in den Kauf genommen werden. – Naturgemäß leidet auch der Schulbetrieb immer mehr durch die Einberufung vieler Lehrer; er wird aber so gut es geht aufrecht erhalten. Im Lager des weiblichen Arbeitsdienstes ist zum 1. Oktober ein neuer Lehrgang eingezogen. Die Maiden verrichten seit drei Wochen Außendienst und sind gerade in dieser Zeit, wo es an Arbeitskräften fehlt, den kinderreichen und landwirtschaftlichen Haushaltungen eine wesentliche Hilfe.

Die Ernte ist – wenn auch infolge des schlechten Wetters mit Schwierigkeiten – unter Dach und Fach gebracht worden. Die Getreideernte ist entgegen allen Erwartungen nicht schlecht ausgefallen. Dagegen ist die Kartoffelernte in unserer engeren Heimat wesentlich hinter dem Ergebnis des Vorjahres zurückgeblieben, während wir im übrigen Reich geradezu einer Rekordernte gehabt haben. Die Rüben konnten ohne Schwierigkeiten eingebracht werden, weil der Wettergott gerade in dieser Zeit ein Einsehen hatte. Die Weizeneinsaat ist zum größten Teil beendet. Augenblicklich werden die Bestellungsarbeiten durch das seit kurzem herrschende Regenwetter beeinträchtigt. Herbststürme brausen über die kahlen Felder, der Wald hat sein Laub verloren, der Winter naht. Wir hoffen, dass er gelinde sein wird, damit wir Heizungsmaterial sparen können und Ihr nicht allzu sehr unter der Kälte zu leiden habt.

Liebe Kameraden, seid überzeugt, dass die Heimat auch weiterhin gewillt ist, ihre Pflicht zu tun, um sich des aufopfernden Einsatzes der Soldaten würdig zu zeigen. Denn die Daheimgebliebenen wissen, dass das, was von ihnen verlangt wird, in keinem Verhältnis zu den Opfern steht, die der Soldat bringen muss. Die geschlossene Einheit Front–Heimat verbürgt uns den Sieg.

Heil Hitler!

Ohling
Ortsgruppenleiter

Blick vom Ith auf Eschershausen und Scharfoldendorf
Blick vom Ith auf Eschers­hausen und Scharf­oldendorf (Heinz-Ludwig Romann)

Besinnliche Gänge durch Eschershausen.

Von Carl Käse.

1. Vor dem Tore.

In diesen Zeiten, da des deutschen Volkes Zukunft von eherner Hand geschmiedet wird, da unter dem Gebrause der Motoren und unter dem Geschosshagel der modernsten aller Waffen Könige entthront und Weltreiche zerschmettert werden, mag es vielleicht seltsam erscheinen, von beschaulichen Spaziergängen durch die Straßen und Fluren unserer Heimatstadt zu berichten. Gar leicht könnte diese friedliche Beschäftigung mit alten und auf den ersten Blick unwichtig erscheinenden Dingen als eine Art Flucht vor der Gegenwart gedeutet werden, als ein Zurückweichen in die von oberflächlichen Menschen so oft gelobte „gute alte Zeit“, die doch bei näherer Aufhellung immer so viel von ihrem vermeintlichen Zauber einzubüßen pflegt. Nichts liegt uns ferner als das! Vielmehr sollen diese kurzen Betrachtungen unsere Kenntnisse der Heimat und ihrer Geschichte vertiefen helfen, weil diese die notwendige Voraussetzung wahren Heimaterlebens und echter Heimatliebe sind und deshalb trotz allem Großgeschehen dieser Zeit jede Förderung verdienen. Es kann doch nur gut sein, wenn wir Menschen – ähnlich den Bäumen in Feld und Wald – mit unseren Wurzeln fest im Heimatboden und seiner Vergangenheit verankert sind; leichter trotzt es sich dann den Stürmen, die zu manchen Zeiten toben und Leben wie Blüte und Frucht bedrohen. „Blickt auf zu den Sternen habt, acht auf die Gassen“ ruft uns im gleichen Sinne auch die Gestalt unsres Wilhelm Raabe von seinem Standpunkt vor der schönen Schule, die seinen Namen trägt, mahnend zu – und damit sind wir nun schon mitten in dem Stadtteile, dem diese Zeilen gewidmet sind, im Anger vor dem Tore.

Blick vom Hüschebrink auf Eschershausen
Blick vom Hüsche­brink auf Eschers­hausen (Heinz-Ludwig Romann)

Der Begriff „Anger“ ist hier etwas weiter als heute üblich gefasst. „Angeraner“ und „Wörthjer“, das waren in den Jugendjahren unserer älteren Einwohner häufig die beiden streitbaren Parteien, die wie „Räuber und Schandarm“ sich in den Haaren lagen und heftige Fehden mit Flitzebogen und Holzsäbeln oder auf dem Schulwege gar mit Holster und Pennals miteinander ausfochten. Es handelte sich also um die traditionelle Gegnerschaft der Sprösslinge aus den beiden entgegengesetzten, sich an den alten Stadtkern anschließenden Außenbezirken der Stadt, der Worth jenseits der Lenne, die im 18. Jahrhundert besiedelt wurde, und des Gebietes „Vor dem Tore“ im Nordwesten der Stadt, in dem der Anger als bemerkenswertestes Flurstück den Abschluss bildet. Die bisher in Vergessenheit geratene Bezeichnung „Vor dem Tore“ wird auf das alte Torgebäude zurückgeführt, das nach der Geitelschen Flurkarte vom Jahre 1761 vor der Einmündung der bisherigen „Unteren Straße“, ungefähr vor der Buchdruckerei Bruns, gestanden hat. Es ist recht erfreulich, dass unsere Stadtverwaltung diesen Namen vor kurzem wieder aufgegriffen und die Untere Straße, die jetzt „Vor dem Tore“ heißt, damit belegt hat. Da Eschershausen eine Mauer- oder Palisadenbefestigung wie die Nachbarstädte nie gehabt hat, dürfen wir uns unter dem Tore vielleicht nur ein bewohnbares Fachwerkgebäude vorstellen, vor dem ein Schlagbaum die Heerstraße absperrte. Im siebenjährigen Kriege wohnte der Gerichts- und Feldvogt, der „Pender“, darin, wegen starker Baufälligkeit und „damit die Straße erhöht und trocken gemacht werden könne“ wurde es aber bald beseitigt. Es lag an einem Brinke, die Lesart „Brincketor“ könnte dafür wohl berechtigt sein. Einer Urkunde über eine Grenzbeziehung vom 22. Mai 1688 wurde nun der Name „Bremker Tor“ entnommen, der sich ungefähr auf das gleiche Gebiet – vielleicht auf die Abzweigung der Heerstraße nach Hameln – bezog. Dieser Name erscheint zunächst rätselhaft, denn dass das zwölfeinhalb Kilometer entfernte Dorf Bremke, damals wie heute ohne besondere Bedeutung, bei der Namensgebung Pate gewesen sein könnte, ist höchst unwahrscheinlich. Bei den Ermittlungen, die aus Anlass der amtlichen Flurnamensammlung durchgeführt wurden, konnte nun festgestellt werden, dass um die Mitte des vorigen Jahrhunderts ein vor dem jetzigen Kirchhofe zwischen Reichsstraße und Unterer Straße belegener Garten als „Bremker Goaren“ bezeichnet wurde, sodass hier ein Zusammenhang unverkennbar ist. Und die Lösung dieses Rätsels? Sie scheint gelungen zu sein und zwar aufgrund der Tatsache, dass unser heutiger braver Angerbach (der echte Eschershäuser sagt gern „die Angerbache“) in Wirklichkeit ein ganz neckischer Bursche ist, der aus unerfindlichen Gründen im Laufe der Jahrhunderte seinen Namen mehrere Male gewechselt hat. Als der Wickenser Amtmann Joh. Henning anno 1625 das „Erbregister des Fürstl. Braunschweigischen Hauses und Ambts Wickensen under Homburgk“ aus dem Jahre 1580 mühsam mit dem Gänsekiel abschreiben ließ, wurde unser damals schon munter plätschernder Bach wie folgt beschrieben: „Die Brambke springet im Vogeler und kommt benedden Eschershausen in die Lenne, und ist dieser Bach gleichfalls gar geringe, in der Leichell-Zeit steigen die Vorellen darauf“. Die letzte Bemerkung nimmt nicht wunder, der Fischreichtum der Gewässer gehörte der Obrigkeit und fand starke Beachtung, wohnte doch zweihundert Jahre später noch ein fürstlicher Forellenfänger in Eschershausen. Der Name Brambke oder Brembke lässt sich leicht von Brembeeke von der breiten Beeke, dem breiten Bach, ableiten, genau wie auch der Ortsname des schon erwähnten Ortes Bremke darauf zurückgeführt wird. Der Unterlauf des Baches mag vor Zeiten im Gebiete des heutigen Angers und der Mündung breit und sumpfig und damit Anlass zu diesem Namen gewesen sein. Das Bremker Tor würde also als Ortsausgang am breiten Bach und der Bremker Garten als Garten am breiten Bach gedeutet werden können, und damit könnte dies Namensrätsel gelöst sein.

Auffallend ist nun weiter, dass dieser Bach während des siebenjährigen Krieges Reuterbach, das ist Reiterbach, in den Urkunden genannt wird. Auch dieser Name birgt ein Rätsel. Mag sein Ursprung dunkel bleiben, wir denken bei seinem Klange an den geschichtlichen Hintergrund zu Wilhelm Raabes Odfeld-Roman und sehen die tapferen Lucknerschen Husaren bei ihrem siegreichen Ansturm gegen die Franzosen durch die Gegend brausen. Weiter taucht zu gleicher Zeit der heute noch bekannte Flurname „Auf der lüttjen Beeke“ auf, der sich ebenfalls auf den gleichen Bach und zwar auf dessen Mittellauf bei der Kreuzung des Wäscheweges bezieht. Der heutige Name Angerbach ist jüngeren Ursprungs. 1831 ist in städtischen Akten statt von der ehemaligen Trift vor dem Thore vom Gemeindeanger die Rede. Dort standen damals Pappeln, und die Flachsrotten zogen sich wie zu alten Zeiten am Ufer des Baches dahin, der nun wohl Angerbach genannt wurde und sich hinsichtlich seines Bettes an geordnete Verhältnisse gewöhnen musste, bevor er sein Wasser der durch den Überfall und Mühlengraben aufgestauten Lenne übergeben konnte. Er bildet das Rückgrat des Angers, der mit seinen prächtigen alten Kastanienbäumen, die glücklicherweise die starke Kälte des vorigen Winters im wesentlichen gut überstanden haben, ein hervorragendes Schmuckstück unseres Ortes, ist wert noch mehr gewürdigt und durch einige Bänke als Erholungsstätte nutzbar gemacht zu werden. Bieten die Angerteiche in winterlichen Frostzeiten Möglichkeiten, dem Eislaufsport zu huldigen, so sind sie im beginnenden Frühjahr und Frühsommer ein Paradies unserer Kleintierwelt, unserer Frösche, Unken, Kröten und Molche. Für den Natur- und Heimatfreund sind die stimmungsvollen Froschkonzerte und wohlklingenden Rufe der eigenartigen und berühmten Glockenkröte zur Zeit der linden Lüfte eine rechte Freude, und wenn erst die Blütenkerzen der Kastanien entzündet sind, strahlt der Anger in seiner schönsten Pracht. Für die Jugend aber ist die hohe Zeit des Angers Ende Juni, wenn der uralte Eschershäuser Johannimarkt („das große Markt“) die ganze Bevölkerung der Gegend hier zusammenführt und fahrendes Volk mit Schaubuden aller Art unter den schattigen Bäumen seinem geräuschvollen Berufe nachgeht. Im Ganzen ist er jederzeit eine Stätte froher Gemeinschaft, die im Leben eines jeden Eschershäusers einen Ehrenplatz haben wird.

Aus der Geschichte des Schulwesens der Stadt Eschershausen.

Von Ernst Wesarg.

Wilhelm-Raabe-Schule in Eschershausen
Wilhelm-Raabe-Schule (Heinz-Ludwig Romann)

Wie mancher Fremde, der in unserem Städtchen Einkehr hält, bleibt bewundernd vor der Wilhelm-Raabe-Schule stehen: eingerahmt in frisches Grün bietet die Vorderfront des Hauptgebäudes mit den bei den vorgezogenen Seitenflügeln einen stattlichen Hintergrund für das Denkmal Wilhelm Raabes, des größten Sohnes unserer Stadt. Gar nicht wie sonst bei landesüblichen Schulbauten ist hier die Bestimmung des Gebäudes auf den ersten Blick erkennbar. Erst ein Rundgang durch die Klassen und Nebenräume vermittelt dem Besucher einen Einblick in die großzügigen Unterrichtseinrichtungen, die den Unvoreingenommenen Anerkennung und Bewunderung abnötigen. Und wie oft hören wir die spontane Feststellung: „Um solch eine Schule sind die Stadt, ihre Jugend und ihre Lehrer zu beneiden.“ Weit über den Rahmen unseres Heimatortes hinaus hat die Wilhelm-Raabe-Schule in den letzten Jahren an Bedeutung als vorbildliche Jugendbildungsstätte gewonnen; denn in ihren Räumen finden seit längerer Zeit regelmäßig die Wochenendschulungen der Hitlerjugend des gesamten Kreisgebietes statt. Begeistert ist die Jugend von der schönen Turnhalle. Neben ihrer vordringlichen Bestimmung als Kampfstätte für die Leibeserziehung und Wehrertüchtigung der Jungmannschaft steht in ihr unserm städtischen Gemeinwesen ein Raum zur Verfügung, der allen kulturellen Veranstaltungen und ernsten Feierstunden der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft einen würdigen Rahmen bietet. Angesichts dieser idealen Bildungsstätte der Gegenwart verlohnt es sich, rückblickend den rapiden Aufstieg des schulischen Lebens in unserer Gemeinde durch die Jahrhunderte zu verfolgen.

Früheres Diakonatpfarrhaus in Eschershausen
Früheres Diakonat­pfarr­haus (Heinz-Ludwig Romann)

Die ersten Anfänge des Schulwesens liegen vorläufig noch im Dunkeln. Aus der allgemeinen Schulgeschichte ist bekannt, dass die evangelische Kirche nach der Reformation vielerorts Schulen einrichtete, in denen Kinder im Beten, Bibellesen und Schreiben unterwiesen wurden. In den Gemeinden, die eine eigene Kirche hatten, betraute man den Kantor, der Vorsänger beim Gottesdienst und Gehilfe des Geistlichen war, mit diesem Schulamt. Häufig hatten jene Kantoren Theologie studiert. In den kleineren Landgemeinden wurden Handwerker, alte Soldaten oder Untergebene der Kirchenpatronatsherren als „Schulbediente“ eingesetzt, denen der Schuldienst ein Nebenerwerb war. In der Chronik von Stadtoldendorf von Ernst Eggeling steht zu lesen, dass im Jahre 1650 in Eschershausen ein Schneider Schule hielt, im Sommer nahmen 24 und im Winter 30 Kinder an seinen Unterweisungen im Beten, Lesen und Schreiben teil.

Das neue Kantorat in Eschershausen
Das neue Kantorat, Haus links daneben von 1840–1864 Schulhaus (Heinz-Ludwig Romann)

Das 18. Jahrhundert, das Jahrhundert der Aufklärung, brachte für das deutsche Schulwesen einen Umschwung. In verstärktem Maße nahmen sich deutsche Fürsten der Schulen als Erziehungsstätten gehorsamer und leistungsfähiger Untertanen an, unter ihnen die beiden großen Preußenkönige Friedrich Wilhelm I. und Friedrich der Große. In Braunschweig schuf Herzog Karl I. (1735–1780), ein Schwager Friedrichs des Großen, durch Erlass der Landschulordnung von 1753 die gesetzliche Grundlage für eine Neuordnung der Schulen seines Herzogtums. Für die fachliche Ausbildung der Landlehrer gründete er in demselben Jahre das Lehrerseminar zu Wolfenbüttel. Auch sein Nachfolger Herzog Karl Wilhelm Ferdinand (1780–1806) bemühte sich um eine Verbesserung der Schule. Damals ging von Dessau eine Schulreformbewegung aus, die von der Bildung durch die realen Wissenschaften (Rechnen, Erdkunde, Naturgeschichte, Geschichte) eine Förderung des Menschengeschlechts erstrebte und deren Vertreter als Philanthropen (Menschenfreunde) in die Geschichte der Pädagogik eingegangen sind. Zu ihnen gehörte Joachim Heinrich Campe (geboren 1746 zu Deensen) ein Sohn unserer engeren Heimat; er war der erste Berater des Herzogs in Schulfragen. Wie sehr diese Schulreformbestrebungen die Gemüter der damaligen Zeit beherrschten, ersehen wir aus Folgendem: Der Drost Freyenhagen von Rosenstern auf Wickensen betätigte sich persönlich in der praktischen Schulreformarbeit. „Er besuchte häufig die Schulen, unterrichtete auch selbst, spornte Lehrer und Schüler durch Verteilung von Geldprämien an und führte neue Bücher in den Schulen ein, unter ihnen ein von ihm selbst verfasstes Manuskript ‚Sammlung moralischer Erzählungen‘“ und anderes mehr. „Die Geistlichkeit erblickte in dem Vorgehen Rosensterns einen Eingriff in ihre Befugnisse und beschwerte sich beim Konsistorium.“ Der Herzog, dem der pädagogische Eifer des Drosten wohl zusagte, der aber die fortgesetzten Beschwerden der Geistlichen als nicht unberechtigt anerkennen musste, sah sich wider Willen veranlasst, ihm 1785 „die Bereisung der Schulen bis zur weiteren Instruktion zu untersagen.“ (Wienbreyer, „Das Hauptseminar zu Wolfenbüttel“). Leider sind uns keine Einzelheiten über die Einwirkung dieses Mannes auf die damalige Schule in Eschershausen überliefert. Es darf jedoch angenommen werden, dass er seine philanthropischen Bemühungen der ihm nächstgelegenen Schule in erster Linie widmete.

Die alte Schule in Eschershausen
Die „alte Schule“ (erbaut 1864), jetzt Reichs­arbeits­dienst-Lager (Heinz-Ludwig Romann)

In demselben Jahre, in dem der Herzog den Drosten auf Wickensen die Beeinflussung der Schulen verbietet, bekommt die Schule zu Eschershausen den ersten fachlich vorgebildeten Lehrer vom Seminar zu Wolfenbüttel. Nach ihm sind mit wenigen Ausnahmen sämtliche Lehrer aus dieser Lehrerbildungsanstalt hervorgegangen, die bis zum Weltkriege in Eschershausen gewirkt haben. Kantor Beims starb nach siebenjähriger Tätigkeit in Eschershausen; ihm folgte Kantor Hoff von 1792–1814. Der Schulunterricht fand in dem alten Kantorhause vor der Kirche statt, an dessen Stelle später das jetzige Kantoratsgebäude errichtet wurde. Der neue Kantor, der 1815 die Schule mit 120 Kindern übernahm, hieß Tellgmann. Aus demselben Jahre wird von einer zweiten Schule in Eschershausen berichtet, in der der Pastor diaconus Schönermark dreißig älteren Schulkindern wöchentlich zwölf Unterrichtsstunden in Religion, Geschichte, Deutsch, Erdkunde und Naturgeschichte erteilte. Rechnen und Schreiben gab in dieser Klasse der Kantor. Ihr Unterrichtsraum war in dem Diakonatpfarrhause (heute Verbrauchergenossenschaft am Markt). In den Jahren nach den Freiheitskriegen muss Eschershausen einen starken Zuzug an Menschen gehabt haben; denn die Schülerzahl stieg in zwanzig Jahren auf das Doppelte an; im Jahre 1835 werden 247 Schulkinder bei einer Einwohnerzahl von 1300 erwähnt. (1940: rund 2300 Einwohner und nur 290 Schulkinder!). Dass bei einer so hohen Schülerzahl die Durchschnittserfolge in der Schularbeit die hohe Aufsichtsbehörde nicht befriedigen konnten, ist allzu verständlich. Das Konsistorium regte deshalb die Neueinstellung eines Elementar-Lehrers an. Der Stadtmagistrat erhob Bedenken dagegen, da sich für die Besoldung dieses neuen Lehrers insofern Schwierigkeiten ergaben, als zu jener Zeit das Gehaltsaufkommen der Lehrkräfte allein aus den Schulgeldern der Kinder bestritten wurde und das Einkommen des Kantors Tellgmann hätte gekürzt werden müssen. Statt dessen bemühte sich der Magistrat um eine andere Lösung; er schlug die Umwandlung des Pfarrdiakonats in ein Schulrektorat vor, wie ein solches in den benachbarten Stadtoldendorf bestand. Der zweite Pfarrer wäre damit in erster Linie Lehrer geworden und hätte nur noch aushilfsweise Kirchendienst versehen. Die Besoldung des Rektors sollte durch die Dotation des Diakonats, einer Stiftung des Edelherrn Heinrich von Homburg aus dem Jahre 1382, sichergestellt werden. Lange wurde über diese Frage hin und her verhandelt, wie die Schulakten aus den Jahren 1835 und 1836 ausweisen. Das Konsistorium lehnte schließlich den Vorschlag des Stadtmagistrats aus grundsätzlichen Erwägungen ab, und im Jahre 1837 trat ein neuer Gehilfslehrer in Eschershausen seinen Dienst an. Bereits 1840 wurde er durch den Elementarlehrer Kunze abgelöst. Als Entschädigung für das abgelehnte Rektorat setzte das Konsistorium den zweiten Pfarrer 1836 als Schuldirigenten ein, dem damit die Leitung und Beaufsichtigung der gesamten Schule oblag. Der neue Schuldirigent, Pastor diaconus Bode, erstrebte eine Erweiterung der Schulräumlichkeiten; im Jahre 1840 wurde das neben dem Kantorat gelegene Haus der Albertischen Erben (heute Richtmeister im Ruhestand Maaß) von der Stadt zu Schulzwecken angekauft.

Im Jahre 1843 hielt der Superintendent Biesterfeldt-Stadtoldendorf, der als Kirchen- und Schulvisitator für Eschershausen zuständig war, das Schulwesen in unsrer Stadt erneut für verbesserungsbedürftig. Er erreichte mit tatkräftiger Unterstützung des damaligen Stadtverordnetenvorsitzenden Kubel, dass eine weitere Lehrerstelle eingerichtet wurde. Als dritter Lehrer trat 1845 der Elementarlehrer Lüders seinen Dienst in Eschershausen an. Lehrer Kunze bekam die sogenannte Töchterschule, die aus einer Teilung der Oberklasse, der bisherigen Diakonatschule hervorging. Für die weitere Förderung der Mädchenklasse verlangte die Aufsichtsbehörde die Einstellung einer Industrielehrerin (Handarbeitslehrerin). Frau Hollmann, die Ehefrau eines Gerichtsaktuars, übernahm das neue Amt. Sie hat es bis zu ihrem 71. Lebensjahre ausgeübt.

In dieser dreistufigen Form, mit einem Dirigenten, drei Lehrern und einer Industrielehrerin hat die Schule 44 Jahre lang, bis 1889, bestanden.

Während der oftmals schwierigen Verhandlungen um die Verbesserung des Schulwesens, zu denen auch einmal ein Schulrat Uhde aus Braunschweig nach Eschershausen geschickt worden war, stand die Unzulänglichkeit der Schulräumlichkeiten wiederholt zur Debatte. Schulrat Uhde schlug die Errichtung eines Schulneubaus mit vier Klassen vor, zu dem es neunzehn Jahre später, im Jahre 1864 unter Bürgermeister Rustenbach kam. Das Schulgebäude (unsere jetzige alte Schule) war für die damalige Zeit ein stattlicher Bau und wohl das beste Schulhaus im Kreise Holzminden. Es hatte im untern Stockwerk die vier Schulklassen und im oberen Stock sowie im Erker zwei Dienstwohnungen. Zu den Lehrern, die damals mit in das neue Schulhaus einzogen, gehörte auch noch Kantor Tellgmann. Nach allem, was man von diesem Manne aus den alten Akten erfährt, muss er eine markante Persönlichkeit gewesen sein, die in den mannigfachen Kämpfen, die die Männer der Schule gerade in jener Zeit um ihre Existenz und um die Wertung ihrer Berufsarbeit haben ausfechten müssen, das Leben mit gesunden Humor gemeistert hat. So wird von ihm berichtet: Mit seinem 70. Lebensjahre sollte er gegen seinen Willen pensioniert werden. Als eines Morgens nach 6 Uhr die Postkutsche nach Braunschweig durch unsere Stadt fuhr, begrüßte er reisefertig den Postillion mit den Worten: „Ich will auch nach Braunschweig, aber zu Fuß!“ Auf Richtewegen erreichte er es, dass er den Postillion beim Einfahren in Braunschweig wieder begrüßen konnte. Er bat den „Schwager“, sich diesen Tag zu merken. Am anderen Tage sprach Kantor Tellgmann im Konsistorium zu Wolfenbüttel vor. Als man dort seinen Einspruch gegen die beabsichtigte Pensionierung mit einem Hinweis auf sein vorgerücktes Alter widerlegen wollte, empfahl er, den Postillion zeugeneidlich über seine Leistungsfähigkeit vernehmen zu lassen. Die Pensionierung wurde um etliche Jahre hinausgeschoben. Sie erfolgte, auch dann noch gegen seinen Willen, am 1. Januar 1868, nachdem er 53 Jahre lang in Eschershausen gewirkt hatte.

(Fortsetzung folgt).

Wat Greotvader vertellt.

Von Carl Käse.

Vor langen Johren, et was gleik nah’n ſeibziger Kreige, wör in iuſen lüttjen Dörpe Oelkaſſen ne Friu krank. Sei harre ſeck woll up’m Hamelsbarge verküllt un kreeg ſlimme Weihdage. To Hiuſe wörd ſei in’t Bedde epacket un ehre Luie ſchicke ſe nah’n Dokter in Eſchershiuſen, dä an’n annern Morgen eok kamm. Hei unnerſöchte ſei un ſchreew ehr dann wat up, wat ſei innehmen ſchülle. Dä lüttje Guſte un öhre öldere Sweſter Hannchen moßten mi dän Zettel nah Eſchershiuſen nah’r Afteiken gahn un dä Medizin halen. Dä ſach ganz hell un klar iut un up dä Flaſchen harre dä Afteiker ’n ſchönen rauen Zettel ebacket. Dä Kinner wören niu ünnerwegens bannig neigierig, wo dei Medizin woll ſmecken däe. Sei harren fräuher mal wecke för ’en Hauſten ekregen, un dä ſmecke jümmer ſau ſchön ſäute. Sei maken dä Pulln up un wollen’r anlicken, un dorbi mößten ſei ſeck woll anneſtoten hebben, denn klacks, lagg dä Flaſchen an’r Aere. Sei was tau’n Glücke nich kaputt, aber dä ſchöne Medizin was iutelopen! Junge, Junge, wat kreigen ſei et niu mit der Angeſt! Dä lüttje Guſte fung gleik an tau huilen, Hannchen was aber mit ehren drüttein Johren all helle un en richtiget Lork. Sei dachte, et will woll nich ſcha’en un ſäe: „Niu huile man nich, Guſchen, wei gaht nah Poſtmeiers Brunnen un püttchen’r Water rint, dat ſuiht ebenſo iut un ſmecket eok nich ſlecht.“ Sei brochten ſe denn öhre Mudder hen un dä namm eok alle twei Stunnen en Löppel vull davon in. As an’n annern Morgen dä Dokter wä’erkamm un frög, wo et ehr günge, ſä ſei: „Och Herr Dokter, eck fäuhle meck all veel better, öhre Medizin hat bannig ehulpen, dä mötet Sei meck nochmal upſchreiwen.“ Dä Dokter ſä’e, dat hei ſeck dat woll edacht härre, dä Medizin härre hei ſülmst erfunnen, ſei wöhre ja ein beten duier, awers helpen däe ſei jümmer. Hei ſchreew ehr nochmal up, awer dä Friue wunnere ſeck en annern Dag doch, as ſei en ganz annern Geſmack harre. Sei würd balle we’er better, awer Guſte un Hannchen kreigen nahſtens jümmer en rauen Kopp, wenn ſei mit ehr Mudder an Poſtmeiers Brinke vorbigüngen.



Heimatbrief
aus der Wilhelm-Raabe-Stadt
Mai 1941

Zeichnung der Eschershäuser Lennebrücke von C. Sauermilch 1941-05

Liebe Kameraden!

Zum zweiten Male grüßt Euch die Heimat in Wort und Bild. Auch dieser Heimatbrief will in bescheidenem Rahmen dazu beitragen, Euch an der Front die Heimat nahe zu bringen. Wir hoffen, dass uns dies gelungen ist.

Wenn wir von den wöchentlichen Zeitungsendungen absehen, sind es schon einige Monate her, dass Ihr zuletzt von eurer Ortsgruppe gehört habt. Inzwischen hat uns der Führer gesagt, dass dieses Jahr die Entscheidung bringen wird. Die Heimat ist voller Erwartung und Hoffnung. Unsere Gedanken sind gerade jetzt besonders bei Euch, denn sobald der Führer befiehlt, werdet ihr zum größten und letzten Entscheidungskampf antreten. Unsere besten Wünsche begleiten Euch.

Heil Hitler!

Ohling, Ortsgruppenleiter

Eschershausen, im Mai 1941.

Besinnliche Gänge durch Eschershausen.

Von Carl Käse.

2. Von den Wässern der Heimat.

Seit Ewigkeit rauscht und plätschert es durch die Zeiten, unser Wasser, das köstliche Nass, das als Regen vom Himmel fällt und vielfältig unseren Fluren, Feldern und Wäldern die Fruchtbarkeit gibt, das aber auch schon in den Meeren der Vorwelt das Aufbaumaterial für unseren Heimatboden, für seine Berge und Täler, heranführte, ablagerte und durch seine lebendigen Kräfte die Formen mit schaffen half, die heute unsere Heimat ausmachen. Untrennbar ist alles Leben auf dieser Welt mit dem feuchten Elemente, dem es seine Entstehung und Entwicklung verdankt, verbunden, und so nimmt es nicht wunder, dass auch die Menschheit, als sie sesshaft wurde, zu Siedlungsplätzen stets solche wählte, an denen das lebenswichtige Wasser vorhanden oder doch wenigstens leicht erreichbar war. Auch die Siedlungen unserer Heimat machen davon keine Ausnahme. Jeder Ort hat seinen größeren oder kleineren Wasserlauf, seine Quellen, Teiche, Brunnen und Wasserleitungen, die den Lebensbedürfnissen von Mensch und Vieh tausendfältig dienen, der Jugend aber nebenher häufig die Möglichkeit geben, sich vertieften Naturbeobachtungen oder fantasiereichem Entdeckerspiel hinzugeben. Jeder waschechte Eschershäuser ist „mit Lennewasser getauft“. Manche sonnige Stunde seiner Jugendjahre mag er – vielleicht gar verbotenerweise – an ihren oder ihrer Nebenbäche Ufern verträumt und verspielt haben. Welch treffliche Verstecke boten die Weidenbüsche, wie gut ließen sich aus deren Holz die Flötjepfeifen schnitzen oder aus den großen Blättern der Pestwurz Regenschirme herstellen, ganz zu schweigen von den „Dickköppen“, einer Groppenart, die kunstgerecht unter vorsichtig hochgehobenen platten Steinen gesucht und gefangen wurden!

So mag die Lenne in unserer heutigen Betrachtung den Anfang machen, ganz von selbst werden sich dann noch andere heimatliche Gewässer dazu einfinden. Sie, deren Name in Urkunden des 10. Jahrhunderts als „Lhunia“ und schon 1033 als „Linne“ festzustellen ist, wird im Wickenser Erbregister 1580 als ein „Bornspringk“ bezeichnet, der aus dem „Holtenser Bergk“ (abgeleitet von Holthusener Berg = jetzt Holzberg nach einer damals schon wüsten Siedlung Holthusen bei Stadtoldendorf) kommt. Dort tritt sie im Wolpers-Grunde auf wasserundurchlässigen Tonen der Röt/Muschelkalkgrenze zutage, durchplätschert Linnenkamp und Wangelnstedt, deren Gänsereichtum ihr wohl zu verdanken ist. Weiter gibt sie dem Dorfe Lenne, das heute noch wie vor Jahrhunderten im Volksmunde „In der Lenne“ genannt wird, ihren Namen und richtet dann ihren Lauf, nachdem sie die Buntsandsteinpforte zwischen Heisennacken und Schiffberg passiert hat, in nordwestlicher Richtung auf die Weser zu. „Wie bist Du so lieblich, mein Tal so schön, von waldigen Bergen umgeben“, so besang schon vor fünfzig Jahren in einem Liede unser verdienter Lehrer Karl Hage das nun folgende schöne Lennetal, das mit frohem Herzen zu durchwandern wohl zu jeder Jahreszeit ein Genuss sein kann. Hier, inmitten der alten Herrschaft Homburg und ihrer tausendjährigen Siedlungen umwittert uns der Hauch der Vorzeit und die Romantik des Mittelalters ebenso, wie wir uns der Naturschönheiten freuen und das frische, pulsierende Leben bewundern, das auf den Verkehrswegen dahin strömt und in rauchenden Schornsteinen großer Industriewerke beredten Ausdruck findet. Hurtig gleitet nun unser allmählich wachsendes Flüsschen unterm schattigen Kleeberge entlang, durcheilt die „Schwarze Brücke“ im Zuge der Reichsstraße 64 und widmet sich gleich darauf wieder ehrbarer Arbeit in der alten, zu Beginn des dreißigjährigen Krieges erbauten Wickenser Mühle. Gewissermaßen als Gegenleistung dafür empfängt die Lenne hier aus dem Homburggebiete her einen kleinen Zufluss, den alten Grenzbach des Gaues Wikanavelde, 980 „Merkbiki“, 1580 „Homburgwasser“ benannt. Für Freunde geschichtliche Begebenheiten könnte sie hier schon vieles aus ihrem früheren Dasein erzählen, von wehrhaften Rittern und ihren Fehden, von fürstlichen Jagden und Gelagen, von Aktenstaub, stiller emsiger Verwaltungsarbeit im Amtshause, von unermüdlicher Saat und Ernte in Kriegs- und Friedenszeiten. Manches dunkle Blatt ist dabei in ihrem Erinnerungsbuche verzeichnet: die Hexenprozesse auf dem Wickenser Amte um 1600 gehören dazu, und nicht immer sind sie so glimpflich abgeschlossen wie 1665 der letzte gegen eine Grete Hundertmark, die bei der Hexenprobe im Mühlenteiche „schwamm wie eine Ente“ und deshalb nur des Landes verwiesen wurde. Da war die neuere Zeit um 1900 schon lustiger, als die Branntweinbrennerei in Blüte stand und der „echte Wickenser“ weit und breit bekannt und geschätzt war!

In zäher, jahrtausendelanger Arbeit hat die Lenne dann weiter ihr Bett in den Gletschern und Wässern der Eiszeit ausgehobelten und später mit Lösslehm wieder angefüllten Boden eingegraben; an den eigenartigen Kuppen des Muschelkalkzuges, dem Mühlenberg, Othberg und Kirchberg entlang zieht sich ihr Lauf dann durch unsere engere Heimat, der alten Heerstraße folgend über Eschershausen nach Scharfoldendorf, wo sie dann in auffallender Weise plötzlich der breiten fruchtbaren Ithniederung wieder den Rücken kehrt. Mag ihr auch der von Nordosten kommende Rautebach vor der Scharfoldendorfer Mühle viel von den Schönheiten des Ithes und seines Vorlandes zugeflüstert haben, sie bleibt ihrer Jugendlandschaft treu. Fast trotzig zwängt sie sich durch den engen Pass zwischen Kappenberg und Hammelsberg vor Oelkassen wieder in die roten und weißen Berge der Trias, wo sie nun zwischen dem Voglergebirge zur Linken und dem Tuchtberge, dem Kreien- und Tönniesberge an ihrer rechten Seite eins der schönsten Gebiete unserer Heimat belebt und beseelt. Auch die Bäche und Nebentäler, insbesonderheit das Tal des Wabach, die ihr der König des Voglers, der Ebersnacken, als Gruß herunterschickt, sind herrliche Wandergebiete für jeden Naturfreund. Bald nachdem sie dann bei Linse den von Halle kommenden Spüligbach aufgenommen hat, ist das Ende ihrer Selbständigkeit erreicht, angesichts der alten Klosterkirche Kemnade vereinigt die Lenne sich hart am Fuße des Eckberges mit der Weser. Ihre gesamte Länge mag rund 24 Kilometer betragen, wobei ihr ein Höhenunterschied von 230 Metern die Kraft gibt, Hauptentwässerungsader eines großen von Vorwohle bis Dohnsen, von den Höhen des Ithes und Hilses bis zu denen des Voglers und Homburgwaldes und darüber hinaus reichenden Gebietes zu sein. Ihr Fischreichtum wurde früher mehr als heute beachtet; sie galt als ein gutes Forellenwasser, auch von Aalen und Krebsen wissen Kundige zu berichten. Wer über ihre „Berufsbezeichnung Fluss“ spöttelt, kennt sie wohl nur aus trockenen Zeiten. Nach der Schneeschmelze oder bei Unwettern zeigt sie ihre ganze Kraft, die zu bändigen schon viel Geld gekostet hat. Es sei nur an die Begradigungen im Südosten unserer Stadt und am „Bü“ erinnert.

Die Lenne in Eschershausen
Die Lenne (Ohling)

Von den Zuflüssen, welche die Lenne im Bereiche unserer Feldmark aufnimmt, wurde der Angerbach schon in der vorigen Betrachtung genügend gewürdigt. Wolfsbergbach, Ackerbornsbach, Medizinbach und Driebenbach seien der Vollständigkeit halber lediglich erwähnt, obgleich auch über sie und ihre schönen Gebiete manches zu sagen wäre. Zwei andere Bäche beziehungsweise Quellen sind jedoch für unsere Eschershäuser besonders interessant und wertvoll, zumal sie – zusammen mit Angerbach und Driebenbach – sicherlich in grauer Vorzeit die Lage der Ansiedlung, unserer heutigen Stadt, wesentlich mitbestimmt haben: der Salzbach und der Wehnborn. Über sie noch folgendes: Seitdem die Stadt Eschershausen sich im Jahre 1879 mit einem Kostenaufwande von 18 522 Reichsmark eine moderne Wasserleitung gebaut hatte, wird jene bekannte und zweifellos wahre kleine Geschichte häufig erzählt, nach der eine hier zu Besuch weilende Tante von außerhalb beim Nachmittagskaffee auf die Frage, wie ihr der Kaffee munde, geantwortet habe: „Och, hei smecket ganz gaud, blaut wei daut’r nein Solt an!“ Und bekannt ist ja auch, dass früher erfahrene Besucher der Stadt, die Feinschmecker waren, mit Vorliebe ins Kaffee Bremer gingen, weil man dort zum Kaffeekochen kein Leitungswasser nahm, sondern das aus dem nahen Wehnborn sprudelnden Nass dazu verwandte. Nun, wir Einheimischen haben uns an unser würziges Wasser gewöhnt, recht fade schmeckt uns das Trinkwasser anderer Orte, und gesundheitliche Nachteile haben sich bisher bei uns noch nicht gezeigt. Wir wundern uns auch nicht sonderlich über den Salzgehalt, denn das Wasser kommt ja aus der Quelle des Salzbachs, der am alten Herrenborn oberhalb der „alten Mühle“ aus tiefen Erdspalten unseres Stadtberges emporsteigt. Vermöchten wir uns mit Hilfe der sagenhaften Springwurz oder unter Führung eines jener Zwerge, mit denen alter Volksglaube die „Hohle Burg“ bei Stadtoldendorf bevölkert, einen Zutritt zu dem unterirdischen Kluft- und Spaltensystem zu verschaffen, so würden wir – dem Laufe unseres Wassers bergwärts folgend – tief im Innern des Berges riesige, allmählich der Auflösung verfallende Steinsalzlager entdecken, deren Abschluss nach oben gewaltige Gipsmassen bilden, wie sie von der Stadtoldendorfer Seite unseres Homburgwaldes her ja bekannt sind. Eindampfungsrückstände des uralten Zechsteinmeeres sind es, das vor vielen Hundertmillionen Jahren unsere Gegend bedeckte. Durch Tiefbohrungen wurden sie im Innern des Voglergebirges, im Untergrunde des Elfas bei Vorwohle und in neuerer Zeit bei Lenne festgestellt, auch die bekannte Kali-Industrie des Leinetales baut sich auf ihnen auf – Aufbau und Abbau im ewigen Wechsel ist Naturgesetz. Langsam nagt der Zahn der Zeit mit Hilfe der Tiefenwässer an diesen Salzmassen, Hohlräume entstehen, über den das hangende Gebirge einbricht, wie zum Beispiel dem eigenartigen Trichtergelände am Fuße der Homburg; und als Folge dieser Auslaugung wird in jedem Liter Wasser, das am Herrenborn zutage tritt, der Natur ungefähr ein Gramm Chlornatrium, also Kochsalz, aus den Speichern der Vorwelt zur erneuten Verwendung im Kreislauf des Daseins zurückgegeben. Für Solbäder, zu Heilzwecken oder gar zur Salzgewinnung reicht diese Menge natürlich nicht aus. Für Trinkwasserzwecke ist sie aber schon außergewöhnlich hoch und beträgt fast das Zehnfache des normalen Wertes, so dass der „Salzkaffee“ wohl eine besondere Eigenart unserer Stadt ist. Nachteile ergeben sich nur in technischer Hinsicht, das Kapitel „Rohrverkrustungen“ hat unseren Stadtvätern schon viele Sorge gemacht und viel Geld gekostet.

Blick auf die Eschershäuser Badeanstalt
Blick auf die Badeanstalt (Saebens)

Der vorhin erwähnte Wehnborn, von dem die Brunnengasse ihren Namen hat, liefert dagegen ein chemisch auffallend reines Wasser, das aber leider zeitweise durch Zutritt von Oberflächenwasser nicht ganz sauber und daher in neuerer Zeit für Trinkwasserverwendung gesperrt ist. Diese Quelle ist ja auch anderer Herkunft, sie entspringt dem sogenannten Wellenkalk und schüttet – auch eine Eigenart – ihr verhältnismäßig starkes Wasser schon nach wenigen Metern Lauf in die kurz vor ihr vorbeifließende Lenne. (Es geht aber noch kürzer, wie eine ähnliche Quelle zeigt, die hinter der „Deutschen Fabrik“ direkt am Lennebett für Industriezwecke abgefangen ist, also ursprünglich gar kein „Eigenleben“ gehabt hat.) Über den Namen „Wehnborn“ (plattdeutsch „Wihmborn“) ruht noch geheimnisvolles Dunkel, beide Quellen aber, der Wehnborn und der Herrenborn (= herrschaftlicher Born wegen der hier früher belegenen fürstlichen Forellenteiche) sind uralt und ebenso wie der Driebenbach mit der Gründung und Besiedlung des alten Askiereshusen eng verknüpft. Die schon 1197 erwähnte Mühle, die ein Rudolf von Dalem dem Kloster Amelungsborn übergab, ist wohl mit der „alten Mühle“ gleichzusetzen, deren letzter Besitzer Friedrich Pape sie 1879 infolge Verkaufes des Grundstücks an die Stadt stilllegte. Schon vor dem Bau der städtischen Wasserleitung hatte eine Gemeinschaft Eschershäuser Bürger auf dem Grundstücke des Kaufmanns Stümpel hier oben das „ländliche Bad Herrenbrunnen“ gegründet. Ein nettes Badehaus war errichtet, in dem Wannenbäder, vor allem stärkende Fichtennadelbäder, gegen Gebühr verabfolgt wurden. Noch älter war die öffentliche Waschanstalt, am Herrenbrunnen. Ein Teil des Quellwassers wurde in große steinerne Tröge (um 1775 angeschafft) geleitet, bei denen ein großer eiserner Pfosten, die sogenannte „Strulle“, mit einem Auslauf in Gestalt eines Delphinkopfes weiteres Spülwasser spendete. Generation hindurch haben hier fleißige Eschershäuser Hausfrauen und Wäscherinnen „geschäftig bei den Linnen“ gewirkt; es roch an diesen Waschtrögen, die erst vor wenigen Jahren entfernt wurden, nach blitzsauberer frischer Wäsche und Seife, während Sonne, Wind und grünes Gras den Leinenstiegen und der Wäsche auf der Bleiche nebenan die weiße Blütenfarbe gaben, bevor sie lavendelduftend im Spinde der Hausfrau niedergelegt wurde. Kleinstadtromantik umschwebte diese Stätte, die ebenso wie der Wehnborn in Osternächten durch altes Brauchtum unserer Vorfahren, das Osterwasserholen, besonders geweiht war. Auch der „Klapperstorch“ darf nicht unerwähnt bleiben, der sich ja bei seiner sagenhaften Tätigkeit gerne dieser alten, aber ewig lebensfrisch sprudelnden Quellen bedient.

Konnte der Bürgermeister Rustenbach nach 26-jähriger Dienstzeit 1879 befriedigt auf das gelungene Werk der Schaffung einer Wasserleitung zurückblicken, so kann unsere jetzige Stadtverwaltung mit Recht stolz sein auf Schöpfung und Ausbau des „Städtischen Schwimm- und Luftbades“, dieser prächtigen modernen Badeanlage am alten Herrenbrunnen. Wert und Bedeutung desselben noch mehr, als es bisher geschehen ist, zu würdigen, wird späteren Geschlechtern in glücklich erkämpften Friedenszeiten des neuen Deutschland vorbehalten sein. Bei der Anlage der Wasserleitung wurde auf dem Marktplatz ein fünf Meter großes rundes Bassin mit einer Fontäne errichtet, deren Wasserstrahl lange Jahre hindurch der Stolz der Einwohnerschaft und die Freude der Kinder war. Heute erhebt sich an der Stelle unter Einbeziehung eines Teiles der alten Anlage das Denkmal für die 77 im Weltkriege für des Vaterlandes Ehre gefallenen Söhne unserer Stadt. In sinnvoller Weise sprudeln am Sockel desselben drei steinerne Löwenköpfe Jahr um Jahr, Tag und Nacht, Wasser vom Herrenborn, Wasser aus den Tiefen unserer Heimat in das Becken, von wo es weiterfließt wie all die anderen Wässer unserer Berge in die Lenne, in die Weser, ins weite Weltenmeer. Hier an dieser Stätte beschließen wir unseren heutigen Spaziergang; wir lauschen einsam in stiller Nacht auf die ewige Melodie des leisen Liedes der Wasserstrahlen am Denkmal unserer Helden, denen sich die Kämpfer aller Zeiten um des deutschen Volkes Größe zugesellen, auf das Lied von der Heimat, das Lied von der Treue.

Gefallenen-Denkmal in Eschershausen
Gefallenen-Denkmal (Schwarze)
Blick in die Worthstraße in Eschershausen
Blick in die Worthstraße (Ohling)

Vom Rotenstein bei Holzen.

Von Robert Samse, Kassel.

Das bekannteste Naturdenkmal bei unserem Heimatdorfe Holzen ist der Rotestein mit seiner Tropfsteinhöhle. Nach ihm wurde noch im 19. Jahrhundert der Ort auch vielfach in Büchern, Aktenstücken, Zeitungen und Briefanschriften benannt: „Holzen am Rotenstein“. Die Bezeichnung „Holzen unterm Rotenstein“ steht auch zu Anfang der prächtigen, heute kaum mehr bekannten Versneckerei über die Ortschaften unserer Ithbörde. Sie wird vor etwa hundert Jahren entstanden sein und lautet so:

Holzen unterm Rotenstein,
in Wickensen sind se zu gemein (das heißt ungezogen)
in Eschershausen ist nix te mäusen (= da gehts ärmlich her)
Water-Scherwaulendörp (wegen der Lenne-Überschwemmungen)
Dreck-Luierdissen
versöpen Dailmissen (da saß man gerne in den Wirtshäusern)
Hunzen up’n Stunzen (der Stunzen, ein kleines Holzgefäß zum Tränken des Viehs, soll wohl auch auf die Armut der Leute hinweisen)
Halle up’n Stalle (dort ist schon etwas mehr Wohlhabenheit als in Hunzen)
Tuffele ist eine lüttje Stadt (in Wahrheit das kleinste Dorf)
Oelekassen maket de Hund wat (da ist also gar nichts los!)

Es wird wenige Leute in Holzen geben, die noch nicht in der Höhle des Rotensteins gewesen sind. Besonderen Reiz hat es natürlich immer für die Jugend gehabt, hineinzugehen. Man nimmt sich ein paar Kerzenstummel von Hause mit, zieht vor dem Höhleneingang seinen Rock links an, damit die Oberseite nicht durch herabfallende Kalkwassertropfen fleckig wird, und dann geht die Wanderung los. Einer geht mit seiner brennenden Kerze voran, andere folgen ohne Kerze, dann kommt wieder einer mit einem Licht, und dann folgen wohl noch ein paar Kameraden. Manchmal ist die Höhle so niedrig, dass man sich bücken muss, dann wieder kann man hoch an den Wänden hinauf sehen und liest etwa da oben die Inschrift: „Wer größer ist als ich, der schreibe über mich“. Nun geht es mal ein paar holperige Stufen abwärts, und man muss aufpassen, dass man nicht Hals und Beine bricht. Hier ist ein Loch im Boden, und man erzählt sich, dass da einst ein Brunnen gewesen sei. Hier und da hängen von der Decke feuchte Tropfsteinzacken herunter. Endlich, nach etwa fünf Minuten Wanderung, ist man am Ende der Höhe angelangt. Da steht man vor einer Tropfsteinwand und spricht die Vermutung aus, dass die Höhle dahinter wohl eine Fortsetzung hat und in alten Zeiten gewiss oben auf den Ithwiesen einen Ausgang gehabt habe. Ich selber habe, wenn ich vor dieser abschließenden Wand stand, immer den Wunsch gehabt, dass man doch da mal eine Sprengung vornehmen möchte. Vielleicht würde da noch Interessantes gefunden, was die Höhle für die Zukunft noch berühmter machen könnte.

An der Kirche in Eschershausen
An der Kirche (Ohling)

Vor einigen Jahrzehnten hat man in der Höhle herumgewühlt und nach Überbleibseln aus alten Zeiten gesucht. Was gefunden ist, wurde ins Museum zu Braunschweig gebracht. Es waren auch gespaltene Menschenknochen dabei, woraus man geschlossen hat, es hätten dort in der Höhle einmal Räuber und Menschenfresser gehaust. Als Wohnung, auch für primitivste Menschen, eignet sich das Felsenloch für die Dauer sicherlich nicht. Dazu fehlte vor allem das doch täglich benötigte Wasser.

Die nächste Wasserstelle befindet sich links oberhalb von der Höhle, wo in der Schlucht der Wald aufhört und die Ithwiesen beginnen. Man hat bis dahin auf beschwerlichem Pfade etwa eine Viertelstunde zu gehen. Die Quelle ist sehr dürftig, und im Sommer sieht man da kaum Feuchtigkeit. Aber es könnte ja sein, dass man dort mehr Wasser gewinnen könnte, wenn man die Quelle freilegte und das Wasser sammelte. Vielleicht ist das in alten Zeiten auch mal getan, aber ich glaube, eher von Heumachern und Waldarbeitern als von Höhlenbewohnern.

Die nächste gute und reichere Quelle ist erst am Südabhange des Iths unter dem Waldstück zu finden, das immer noch „Witten-Lärche“ heißt, obwohl da längst keine Lärchen mehr stehen. Wer von da Wasser nach dem Rothenstein schleppen wollte, hatte eine lange und beschwerliche Arbeit.

Nur in Notzeiten, wenn etwa Feinde im Lande waren, werden sich Menschen in die Höhle geflüchtet haben, und so erzählt unser Landsmann Wilhelm Raabe in seinem „Odfeld“, dass die Holzener während des siebenjährigen Krieges hin und wieder in der Höhle eine Zuflucht gefunden hätten. Merkwürdig ist auch der Name unseres Ithfelsens. Benachbarte Felsen heißen nach ihrem Aussehen. Auf der Scharfoldendorfer Seite, wenige Minuten vom Rotenstein entfernt, liegt der kleine, aber anmutige Kelchstein, auf der anderen Seite nach der Holzener Hütte zu, einige Minuten weiter weg, der Nasenstein. Der Rotestein zeigt nirgends die rote Farbe, und so muss der Name eine andere Bedeutung haben. Man kann nicht Sicheres darüber sagen, da keinerlei Nachrichten vorliegen. Mir scheint, dass der Name mit „Roden, Rodung“ zusammenhängt und uns also sagen will, dass dieser Felsen nahe einer Rodung liege. Es ist sicher und geschichtlich beglaubigt, dass das Gelände unterhalb des heutigen Ithwaldes bis zum Wiesenbach hin und darüber hinaus bis etwa 1100 nach Christus hin bewaldet war und dann urbar gemacht ist. Das beweist noch die Flurbezeichnung am Bach „das Rott“ und auch der Bach selber heißt den älteren Schriften noch der „Rottbach“. Ja, wir haben Kunde von einer „Villa Roth“, das heißt von einem Gehöft Roth (= Rott, Rodung), das im Mittelalter in jener Gegend, wahrscheinlich doch im Gebiet der Holzener Hütte, gelegen hat. Danach darf man annehmen, dass diese markanteste Klippe am Holzener Ith nach dieser Rodung genannt ist: „Der Rottstein“.

Dicht vor der Höhle ragt ein kleines, ebenes Felsenstück heraus, auf dem sich eine kleinere Wandergesellschaft niederlassen und der schönen Aussicht auf das Ithtal und die angrenzenden Bergwälder erfreuen kann. Die gleiche schöne Aussicht hat man vom Gipfel der Klippe. Da sieht man auch gerade die Mehrzahl der Orte unserer Börde, die uns die lustigen Verse im Anfang unserer Erzählung vorführten.

Als das Posthorn im Lennetal erklang.

Von Karl Einecke, Eschershausen.

Die letzte Postkutsche 1900 in Eschershausen
Die letzte Postkutsche 1900 (aus Privatbesitz)

Aus der Geschichte des Postamtes Eschershausen.

Dank seiner günstigen Lage an einem wichtigen Kreuzungspunkte hatte Eschershausen schon seit Jahrhunderten hohe Bedeutung für den Verkehr. Kreuzte doch hier die Straße Braunschweig–Seesen–Greene–Holzminden–Köln die von Einbeck nach Hameln einerseits und Alfeld–Hildesheim andererseits. Auch in der Jetztzeit berühren zwei Reichsstraßen erster Ordnung das Weichbild der Stadt.

In alter Zeit war von einem geordneten Postwesen noch nicht die Rede. Die Straßen waren in einem sehr schlechten Zustande, die Täler und Flussläufe versumpft, so dass die Fuhrstraßen vielfach nicht in den Niederungen, sondern auf Bergrücken verliefen. So zum Beispiel auf dem Kleeberg, dem Hils und anderen. Diese Streckenführung hatte für die anwohnenden Fuhrleute noch den Vorteil, dass sie durch Vorspanndienste einen nicht unbedeutenden Nebenverdienst hatten.

Den Güterverkehr vermittelten in früheren Jahrhunderten Frachtwagen, die in gefährdeten Gegenden von bewaffneten Begleitern geschützt werden mussten. So soll, einer Überlieferung zufolge, auf dem Hilskamm eine Frachtwagenstraße verlaufen haben. Der Wagenführer habe, wenn er Güter für ein am Fuße des Gebirgszuges gelegenes Dorf gehabt hätte, eine Fahne herausgesteckt, worauf die Bewohner gekommen wären und die Waren abgeholt hätten. Von dem lebhaften Frachtverkehr über den Ith zeugen noch jetzt die von den Hemmschuhen und Eisketten in den Felsen eingegrabenen Rillen der alten Ithstraße Scharfoldendorf–Kapellenhagen. Die Pferdehalter dieser Dörfer mögen durch die erforderlichen Vorspannleistungen einen erheblichen Verdienst gehabt haben.

Im 16. Jahrhundert verkehrten neben den Boten der Klöster, Städte und Gilden nur fürstliche Reitposten, die aber ausschließlich für den Verkehr der Fürsten untereinander bestimmt waren.

1615 begann das Thurn- und Taxische Postwesen, dass sich nach und nach über ganz Deutschland ausbreitete, so auch in den welfischen Landen.

Daneben wurden in den drei welfischen Herzogtümern Privatposten eingerichtet und den Postmeistern Hinüber in Hildesheim (1640), Deichmann in Braunschweig (1659), Stechinelli (1678) und von Platen (1682) als Lehen gegeben.

1738 wurden sämtliche braunschweigische Postkurse verstaatlicht.

1743 Uhr gab es eine Fahrpost Braunschweig–Seesen–Greene–Eschershausen–Holzminden–Höxter (mit Anschluss nach Kassel).

Bis zum Jahre 1790 bestand eine Taxische Reitpost Köln–Paderborn–Holzminden–Eschershausen–Alfeld–Hildesheim–Braunschweig.

Als im 19. Jahrhundert die Wegeverhältnisse sich bedeutend verbessert hatten, wurden weitere Kurse eingerichtet, so 1853 die Personenpost Einbeck–Eschershausen–Bodenwerder.

Mit der Eröffnung der Eisenbahnlinie Kreiensen–Holzminden am 10. Oktober 1865 kamen sämtliche durchgehenden Postverbindungen in Fortfall. Dafür wurde je eine täglich einmal verkehrende Personenpost Stadtoldendorf–Eschershausen und Stadtoldendorf–Eschershausen–Bisperode eingerichtet. Ferner bestand bis zum 16. Juli 1879 noch eine Botenpost Eschershausen–Stadtoldendorf, die später bis Kirchbrak erweitert wurde. Sie wurde am 1. Juli 1881 durch eine solche von Vorwohle ersetzt und die ganze Strecke Vorwohle–Kirchbrak am 1. Mai 1882 in eine einspännige Landpostfahrt umgewandelt.

Mit dem Tage der Eröffnung der Bahnstrecke Vorwohle–Emmerthal – am 9. Oktober 1900 – wurden sämtliche Posten auf Landwegen aufgehoben.

In Eschershausen bestand etwa von 1690 bis 1790 eine Kaiserlich Thurn- und Taxische Poststation; ein „Wirt und Krüger“ Arthur Bönning ist erster Posthalter. 1710 ist Bürger und eingesessener Johann Ernst Schrader Posthalter; nach dessen Tode war der Bürgermeister Wiedlake Postaufseher. 1760 war Bürgermeister Conrad Grove, der in dem Schüßler’schen Hause wohnte, Postverwalter und Posthalter der Thurn- und Taxispost.

Das Gründungsjahr der Herzoglich Braunschweigischen Postexpedition in Eschershausen beziehungsweise Wickensen ist nicht genau festzustellen; als wahrscheinlich ist das Jahr 1741 anzunehmen. Im 18. Jahrhundert befand sich die Braunschweigische Postexpedition und Posthalterei in Wickensen. Erstere ist im August 1817 nach Eschershausen verlegt; der letzte Postexpediteur in Wickensen war Gastwirt Mittendorf. Die Posthalterei blieb noch bis zum Jahre 1821 in Wickensen. Sie wurde dann am 1. Januar 1822 den Ackerleuten Schrader (jetziger Kröschesche Hof) und Peters (Steinweg, jetzt Jakob) übertragen. Letzter Posthalter war der Landwirt Wichmann, Steinweg 14. Bis zum Jahre 1865 war die Posthalterei ziemlich bedeutend, so musste sie zum Beispiel in den 1840er Jahren gelegentlich einer Durchreise des Königs von Preußen vierzig Pferde stellen. Es wurden Personenposten, Beiwagen nach Bedarf, Extraposten und E-Stafetten (reitende Boten) abgefertigt. In den letzten Jahrzehnten (nach 1865) hatte der Posthalter zwei Postillione und sechs Pferde für Postzwecke bereitzuhalten.

Die Braunschweigische Postexpedition erhielt 1834 die Bezeichnung „Postverwaltung“. Bei dem verfassungsmäßigen Übergange des braunschweigischen Landespostwesens auf die Bundes- (später Reichs-)postverwaltung am 1. Januar 1868 wurde die „Postverwaltung“ in eine Expedition, 1876 in ein Postamt umgewandelt.

Vorsteher der Postanstalt waren:

1804 Kaufmann und Senator Knüll,
1811 dessen Witwe Knüll,
1812–1817 Postexpediteur Kämmerer Stolle,
1817–1828 der vormalige Domäneneinwohner, Bürgermeister Seulcke, Expediteur,
1828–1833 der pensionierte Hauptmann Aurich, daneben von 1831–1832 der Postschreiber von Voigt,
1833–1872 Bürgermeister, Obergerichtsadvokat von Rosenstern, Postmeister,
1872–1878 Postamtsassistent Melching,
1878–1882 Postverwalter Degge,
1882–1895 Postverwalter Vahldiek,
1895–1939 Postverwalter, ab 1. April 1920 Postmeister, Einecke,
1935–1939 Postverwalter Kohlenberg.

Die Diensträume befanden sich früher in den Privathäusern, in denen die jeweiligen Postamtsvorsteher wohnten. Seit dem Jahre 1833 war die Postanstalt im Hause des Ackerbürgers Schütte, Steinweg 1, untergebracht. Wegen Zunahme des Verkehrs wurde am 1. Oktober 1886 das dem Bürgermeister Peters gehörige Haus Steinweg Assekuranznummer 13 gemietet. 1906 wurde an der Bahnhofsstraße Assekuranznummer 203 ein von dem Kreiszimmermeister Walter eigens zu Postzwecken erbautes Gebäude gemietet und bezogen.

Der Landzustellbezirk umfasste bis 1849 die ganze obere und untere Ithbörde, sowie sie im Braunschweigischen liegt. Eine regelmäßige Briefzustellung wurde jedoch nur nach den an der Straße zwischen Eschershausen und Bisperode gelegenen Ortschaften ausgeführt, und zwar wöchentlich einmal durch einen in Bisperode stationierten Postboten, der Dienstag abends in Eschershausen eintraf und anderntags um 4 Uhr morgens seinen Rückweg antrat.

Am 1. April 1849 wurde die regelmäßige Briefzustellung auch auf die übrigen Ortschaften ausgedehnt und auf wöchentlich drei- bis viermal vermehrt. Am 1. Mai 1853 wurde in Halle eine Postexpedition eingerichtet, wodurch der hiesige Zustellbezirk sich bedeutet verkleinerte. Gleichzeitig fand eine tägliche Zustellung nach allen Orten statt. Briefkästen waren in den Dörfern nicht angebracht.

1879 wurde in Kirchbrak, 1891 in Dielmissen eine Postagentur eingerichtet, so dass von da ab der Zustellbezirk nur noch Wickensen, Holzen, Scharfoldendorf, Lüerdissen, Oelkassen und Osterbrak (dieses nur bis 1900) umfasst. Alle Orte mit Ausnahme von Osterbrak wurden werktäglich zweimal, sonntags einmal begangen.

Nach 1918 wurde die zweite Landzustellung sowie die Sonntagszustellung aufgehoben, in Eschershausen selbst fiel die dritte (Abend-)Zustellung weg.

Von dem Personal mögen folgende in Erinnerung gebracht werden: Postbote Ferdinand Büchner 1827–1872; Postbote Krösche bis 1871; Postillion Uhlendorf 1834–1840, später Postbote; Postillion, Landbriefträger und Briefträger von der Heyde 1866 bis 1901; Postbote Brandes 1873 bis 1874; Landbriefträger Räger 1875 bis 1890.

Die Landpost von Vorwohlen nach Kirchbrak fuhren: Räger 1882 bis 1890; Jürgens 1890 bis 1891; Retsch 1891 bis 1896; Müller 1896 bis 1900.

Entwicklung des Telegraphen- und Fernsprechwesens.

Auf eine Eingabe des hiesigen Bürgervereins wurde demselben von Generalpostmeister von Stephan mitgeteilt, dass die Einrichtung einer Telegrafenbetriebsstelle mit Morsebetrieb vorgesehen sei. Sie wurde am 1. Oktober 1876 in Betrieb genommen. 1884 erhielt Eschershausen mit Scharfoldendorf und Kirchbrak, 1891 mit Dielmissen Fernsprechverbindung. 1900 wurde Eschershausen mit Stadtoldendorf, 1905 mit Alfeld durch Fernsprecher verbunden und erhielt damit Anschluss an die größeren Fernsprechleitungen. 1900 wurde eine Umschaltestelle mit drei Teilnehmern eröffnet, die am 7. August 1901 zu einem Ortsfernsprechnetz mit sieben Teilnehmern erweitert wurde.

Am 1. Juli 1928 wurde hier der Morse-Telegrafenbetrieb aufgehoben, nachdem er 54 Jahre bestanden hatte. Die Telegrammbeförderung erfolgte von jetzt ab ausschließlich durch Fernsprecher.

Einem langgehegten Wunsche der Teilnehmer entsprechend, wurde am 29. Januar 1935 der Fernsprechselbstanschlussbetrieb (Wählbetrieb) eingeführt.

Zum Schluss noch einige persönliche Erinnerungen an die Zeit der Postkutsche.

Der Postillion hatte als Ausrüstung eine Ledertasche, in der sich die Kursuhr, die vom Postamt verschlossen wurde, damit sie nicht verstellt werden konnte, sowie der Stunden- und Personenzettel befanden. In diesem wurden die Abfahrts- und Ankunftszeiten sowie die Anzahl der Personen eingetragen. Die unterwegs zugestiegenen Personen musste der Postillion sofort mit Rotstift nachtragen. Die Revision der Posten lag den Beamten der Gendarmerie ob. Als Ort der Prüfung wurde von diesen gern die Kurve der Schelenhufe gewählt, da hier die Straße unübersichtlich war.

Es war Pflicht der Postillione, das Blasen des Posthorns zu erlernen; zum mindesten musste das vorgeschriebene Signal fehlerfrei gegeben werden können. Für gutes Blasen wurde die Ehrenpeitsche oder das Ehrenposthorn verliehen. Die Postillione übten deshalb auf dem Hofe der Posthalterei fleißig, sehr zum Leidwesen der benachbarten Hunde, die diesen Tönen keinen Geschmack abgewinnen konnten und sie mit langgezogenen Klagetönen begleiteten. Immerhin hat es in den letzten fünf Jahren des Bestehens der Posthalterei noch ein Postillion zu einer Ehrenpeitsche gebracht.

Die letzte Personenpost von Stadtoldendorf am 8. Oktober 1900, die abends gegen 10 Uhr eintraf, war reich bekränzt; der Postillion hatte Galauniform angelegt. Der Justizwachtmeister Müller, der vorzüglich Posthorn blasen konnte, hatte neben dem Postillion Platz genommen, und zum letzten Male ertönten die seit Jahrhunderten vertrauten Posthornklänge während der Fahrt durch die Stadt.



Heimatbrief
aus der Wilhelm-Raabe-Stadt
Weihnachten 1941

Zeichnung der Eschershäuser Lennebrücke von C. Sauermilch 1941-12

Liebe Kameraden!

Zur dritten Kriegsweihnacht sendet Euch die Ortsgruppe mit diesem Heimatbrief herzliche Wünsche und Grüße. Eure Gedanken werden um diese Zeit mehr denn je bei Euren Lieben sein. Und auch wir gedenken ganz besonders Weihnachten in Treue und Dankbarkeit all derer, die draußen fern der Heimat, in Ost und West, in Nord und Süd die Grenzen unseres Reiches schützen und vor dem Einbruch feindlicher Horden bewahren.

Wir hoffen, dass das kommende Jahr den endgültigen Sieg über unsere Feinde bringen wird, und dass Ihr das nächste Weihnachtsfest mit Euren Lieben daheim feiern könnt.

So wie Ihr Eure Pflicht für Führer und Vaterland erfüllt, so wollen wir auch in der Heimat weiter unsere Pflicht tun.

Heil Hitler!

Ohling, Ortsgruppenleiter

Eschershausen, Weihnachten 1941.

Besinnliche Gänge durch Eschershausen.

Von Carl Käse.

3. Die alte Friedhofstraße.

„Nichts in der Welt ist unbedeutend“. Dieses Raabewort wenden wir heute einmal auf unsere alte Friedhofstraße – jetzt Stadtbergstraße genannt – an, die von der Stadtmitte aus nicht nur die Gärten und Äcker im Süden der Stadt, sondern auch ein herrliches Berg- und Waldgelände mit prächtigen Ausblicken erschließt. Schon der erste Blick auf sie ist etwas für Heimatfreunde; Künstleraugen haben ihn in neuerer Zeit oft auf Bildern und Karten festgehalten und es lohnt sich schon für uns, auch einmal Einzelheiten dieses etwas ablegenden Stadtteiles nachzuspüren.

Die große Autostraße und das Kino, beides zweifellos wertvolle Kulturmittel einer großen, aber auch unruhigen Gegenwart, bleiben hinter uns, die Zeit steht still, und langsam nimmt uns Mutter Vergangenheit an ihre Hand und zeigt uns Alt-Eschershausen, wie es vor hundert Jahren und noch früher war, zeigt uns Spuren einer Zeit, die von uns aus gesehen, fast stets als grau, dunkel und dumpf empfunden wird. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass auch damals die Sonne schien, die Blumen blühten und die Vögel sangen, dass jugendfrische Menschen in allen Jahrhunderten fröhlich werkten, lebten und liebten, wie es eben ihrer Zeit und ihre anders gearteten Umwelt entsprach.

Hier wohnten und wohnen jederzeit echte Eschershäuser, ein treuer, kerniger Menschenschlag, hier hat unsere plattdeutsche Muttersprache heute noch lebendigen Wert, und die schwarzweiße Kuh als bäuerliches Zugtier wie die weißen Ziegen gehören ebenso zu dieser uralten Lebensgemeinschaft wie die Blumenstöcke in den Fenstern und die zwitschernden Schwalben, die im Sommer die großen Hausdälen bevölkern.

Sie entsprechen nicht alle heutigen Siedlungsgrundsätzen, die Häuser an dieser Straße, das zeigen uns schon gleich linker Hand die ungewöhnlich hohen hoflosen Rückseiten der Häuser an der „Ziegenprieche“, wie – etwas respektlos aber humorvoll – der Volksmund zu der Häuserreihe oberhalb „Engelken Treppe“, der „Kirchentreppe“ sagt. Links mündet, von der Kirche kommend, die kürzeste Straße Eschershausens, die „Kantergasse“, während gegenüber von der alten „Grüttegazze“, der Grützegasse, die um 1760 von dem Mühlenwege neben Kröschen Hofe zu der im Vorläufer des jetzigen Hauses Nummer 79 (Fritz Fischer) von Diedrich Steiner damals betriebenen Grützmühle führte, nichts mehr zu sehen ist.

Zur Rechten lenken nun zwei große typische niedersächsische Einhäuser, spitzgieblig und mit großem Dälentor unsere Blicke auf sich. Das erste, Nummer 77, ist das zweitälteste Haus unserer Stadt; rund 350 Jahre sind eine lange Zeit, und es hatte schon einige Jahrzehnte auf seinem Dachrücken, als die Trommeln und Zinken des dreißigjährigen Krieges durch unsere Heimat klangen und die Söldnerscharen des kaiserlichen Feldherrn Tilly das Amt Wickensen verwüsteten. Dies Haus wurde von ihnen verschont, aber leider hat man seine doch so ehrenvollen Runzeln vor Jahrzehnten unter einer recht hässlichen Blechverkleidung versteckt, die weder Balkenstellung noch Inschrift und Jahreszahl erkennen lässt.

Sein jüngerer Nachbar zur Rechten, Hermann Ohrmanns Haus Nummer 75, hat mehr auf sein Äußeres gehalten. Die ganze Schönheit des Fachwerkes von 1736 kommt heute noch gut zur Geltung, und aus den beiden Balkensprüchen über den Fenstern tritt uns der fromme aber doch lebensnahe und kraftvolle Charakter des Erbauers, des Leinewebers und Altaristen Johann Friedrich Schopmeyer, ebenso klar vor Augen. „Allen die mich kennen gebe Gott, was sie mich gönnen“. Diese beliebte Hausinschrift jener Zeit, die auf ein gesundes Rechtsempfinden schließen lässt und mehr weltlich als christlich anmutet, leuchtet im Sommer durch die Blätter einer Kastanie, deren Zweige und Schatten das alte Gemäuer liebkosen. Der einfache, edle Kerbschnitt des Dälentores spielt mit Licht und Schatten, und das Ganze gibt einen stimmungsvollen vorbildlichen Zusammenklang. Möchten doch auch andere Hausbesitzer prüfen, ob ein schöner Baum, in dieser Art vor ihrem Hause gepflanzt, ihnen nicht vermehrte Freude am Eigentum bringen könnte!

Friedhofstraße in Eschershausen
Friedhofstraße (Ohling)

Wir folgen der krummen Straßenführung weiter und finden größere und kleinere Häuser, alle alt, winklig und voller Eigenart, oft macht die Lage am Berghang Treppen nötig, mal ist Platz da für einen kleinen Vorgarten oder Anbau. Beim Gemeindehause werfen wir einen Blick auf den wehrhaften, massigen Turm unserer Kirche, die, von früher entstellendem Verputz befreit, seit einigen Jahren wieder in bodenständiger steinerner Schönheit prangt. Dieser Blick zwischen Turm und Kantorat hindurch ist ein berühmtes Bildmotiv, das im zweiten dieser Heimatbriefe schon Verwendung fand und neuerdings sogar als Titelbild eine große norddeutsche Handelskammerzeitschrift schmückte.

Haus Nr. 75 in der Friedhofstraße in Eschershausen
Friedhofstraße, Haus Nr. 75 (Ohling)

Viele Häuser sind Wohnstätten uralter Eschershäuser Geschlechter, das gilt auch von den beiden bäuerlichen Besitzungen Dörries und Schrader, die trotz ihrer einfachen Schlichtheit wertvolle stadtgeschichtliche Dokumente sind. Sie haben alle ihren altertümlichen Charakter bewahrt, nirgends stört hier ein unpassender Neubau, von denen einige absichtlich erst in respektvoller Entfernung oberhalb des idyllischen Heckenweges zur Alten Mühle erstellt zu sein scheinen. In den Inschriften der Sturzbalken dieser alten Häuser entziffern wir heute noch die Namen der Erbauer, die meistens im 17. Jahrhundert als Riegesitzer auf sogenannten Brauerstellen (das heißt mit Braugerechtigkeit) lebten, als Kleinlandwirte auch noch vielfach ein Gewerbe betrieben.

Wo sind sie alle geblieben, die Leineweber, Schuster und Schneider von damals, die Tabakspinner, Hölzerschneider und Spinnerinnen, die Musikanten und Soldaten aus dem Heere Herzog Ferdinands von Braunschweig, der Vogelhändler Golm und der Lumpensammler Giebel, alle die „Freidhöwer“ von 1761? Nun, ein weiter Weg war es nicht von ihren Behausungen bis zu den Ruhestätten der Abgeschiedenen, trug doch die Friedhofstraße ihren Namen mit vollem Recht! Rings um die Kirche herum lag auch nach deren Neubau 1744 noch immer der Friedhof, seit vielen Jahrhunderten versammelte sich dort im Schatten von Sankt Martini alles, was nach vollbrachtem Erdenwandel der Ewigkeit zustrebte. Erst 1765 erging ein Befehl Herzog Carls I., dass aus gesundheitlichen Gründen die Begräbnisplätze außerhalb der Ortschaften angelegt werden sollten.

Engelken Treppe in Eschershausen
„Engelken Treppe“ (Schwarze)

So trugen von da ab die Eschershäuser ihre Toten etwas weiter den Berg hinan, am Ende der Friedhofstraße gegenüber der Mündung des Feldweges „Auf der Steine“ wurde der neue Gottesacker angelegt, der über hundert Jahre lang der Trauer und dem Leide, aber auch der Ruhe und dem Frieden geweiht war. Blättern wir in alten Akten, so finden wir, dass gleich in der ersten Zeit ein unbekannter Toter, den man unterhalb der Homburg gefunden hatte, darauf bestattet wurde. Dem Bürger und Erbmüller Seulke aus der alten Mühle wurde 1793 eine erst jetzt wieder freigelegte schöne Sandsteinplatte aufs Grab gelegt. Aber auch die damals edelsten und angesehensten Geschlechter konnten diesem Friedhofe nicht entgehen, der kostbare Rokoko-Obelisk für die 1770 verstorbene Gattin des Wickenser Oberamtmanns August Philipp Freyenhagen, Charlotta Luise Bonhorst, und der in klassischem Stil gehaltene Denkstein des Kreisamtmanns J. H. J. Mengen aus dem Jahre 1822 reden davon eine beredte Sprache. „Nur wer nach Recht und Tugend strebt, macht, dass er auch im Tode lebt“ schließt die Inschrift auf dem letztgenannten Steine. So kündeten einige Grabmäler bisher noch von den alten Geschlechtern, die meisten Gräber waren aber namenlos und ihr Inhalt da ist damit ins Unendliche verweht.

Blick auf die Raabestraße in Eschershausen
Blick auf die Raabestraße (Ohling)

Irgendwo lag hier das Grab der 1830 nur vier Monate alt verstorbenen älteren Schwester unseres Ehrenbürgers Wilhelm Raabe, und 1862 fand auch, 93-jährig, der Medizinalrat Doktor Ferdinand Eicke, der in jüngeren Jahren ärztlicher Begleiter Schillers gewesen war, hier seine letzte Ruhestätte. Ein eisernes Gitter, vom Gebüsch durchwachsen, war alles, was in den letzten Jahrzehnten von ihr zu sehen war.

Dieser alte Friedhof hat seit 1871 ausgedient, sein Erdreich hatte Trauer und Tränen genug gesehen, nun wird es aufgerufen zu neuem Dienst am Leben. Ein Anwohner der Friedhofstraße hat das Grundstück von der Kirche zu anderer Nutzung erworben, und damit verschwindet leider das idyllische Bild, das diese Stätte des Friedens in ihrem westlichen Teile oberhalb der Mauer mit ihren Denkmälern und Bäumen lange Jahre hindurch bot. Die wenigen steinernen Zeugen, die heimat- und kunstgeschichtlichen Wert haben, werden anderweitig aufgestellt werden, das grüne Leben in Bäumen und Sträuchern wird, wenn auch in anderer Form, bald wieder neu erstehen.

Um die Namen der vielen Eschershäuser aber, die hier aus mehreren Generationen ruhen, wird es nun ganz still werden, sie sind versunken mit ihrer Zeit. Nicht vergessen sein werden aber auf der Friedhofstraße die vielen alten Geschichten und das spukhafte Geraune aus der Vergangenheit. Solange die alten Häuser stehen, halten sie treu zu ihren früheren Bewohnern, und ihr Erzählen und traumhaftes Ahnen von der alten Zeit und ihren Menschen wird kein Ende nehmen, so lange echte „Friedhöfer“ in ihnen wohnen.

Raabe-Worte.

„Bleib in den Stiefeln, Mensch! Solange als möglich. Zwackt dich das Podagra an dem einen Fuß, so umwickle die dumme Pfote, aber den Stiefel zieh fernerhin über das gesund gebliebene Glied und tritt fest auf. Man muss immer eine Waffe behalten, um einem Eselstritt, solange es noch angeht, zuvorkommen zu können.“

(„Altershausen“).

„Ich glaube an mein Volk und Du sollst auch daran glauben“.

(„Nach dem großen Kriege“).

„Was ist der Mensch, wenn er sich nicht etwas Rechtes zu sein dünket in allen Stücken, wenn er nicht das Geringste verrichtet, als ob er die allergrößeste Ehre damit einlegen müsse“!

(„Abu Telfan“, 20).

Lenne-Idyll in Scharfoldendorf
Idyll an der Lenne in Scharfoldendorf (Schwarze)

Aus der Ortsgeschichte von Dielmissen.

Von Hermann Kuhlmann.

Erste Besiedlung des Ortes.

Durch das fruchtbare Lennetal führte schon seit alten Zeiten eine Heerstraße (Einbeck–Hameln), die auf alten Karten mit publica strada bezeichnet wird. Es darf mit einer frühzeitigen Besiedelung der Lösslandschaft, der Börde, gerechnet werden. Die Gründung des Ortes Dielmissen ist nach der Namensform in die zweite Siedlungsperiode zu verlegen, die durch den Namensendungen -hausen (abgekürzt -sen), -heim, -dorf, -feld usw. gekennzeichnet ist. Dass von 13 im Kreise Holzminden gelegenen Dörfern mit der Endung -sen allein neun in der Ithbörde, im Amtsgerichtsbezirk Eschershausen liegen, scheint für eine geschlossene Besiedlung dieser Gegend ein sicherer Beweis zu sein. Da die Namen zumeist auf Privatbesitz hinweisen, ist anzunehmen, dass sie erst gegen Ende dieser Siedlungsperiode (800 nach Christus) entstanden sind. Dielmissen wird als Heim eines Thiatelmi gedeutet.

Die Hägersiedlung.

Dielmissen muss um 1200 schon bestanden haben, denn zu dieser Zeit wird es um eine zweite Siedlung, die flämische Hägersiedlung erweitert. Zwei nicht unbedeutende Züge dieser Siedler kamen in die Gegend „wo 1130 das Kloster Amelungsborn erbaut wurde“. Sie rodeten den Wald und schufen neues Ackerland. Die Hägergüter auf Dielmisser Feldmark liegen in der Nähe des Waldes. Die Häger nahmen eine Sonderstellung unter den Bauern ein, sie hatten ihre eigene Gerichtsbarkeit. Sämtliche in der Oberbörde des Amtes Wickensen vorhandenen Häger unterstanden dem Hägergericht in Amelungsborn, nur die Dielmisser Häger unterstanden dem Gericht derer von Grone. Wegen seiner Besonderheit sei einiges darüber gesagt. Das Gericht war an keinen bestimmten Ort gebunden, sondern konnte an jedem Orte, wo Hägerleute saßen, abgehalten werden. Zu der Teilnahme daran wurde von der Kanzel aufgefordert. Wer aber von den Hägerleuten nicht erschien, ging seines Hägergutes verlustig. Klagen über Abpflügen, Abhüten, Übermähen, Entwendung von Feldfrüchten und anderes sind im Besonderen die Gegenstände dieses Gerichtes. Im Laufe der Zeit hatte sich eine genau vorgeschriebene Gerichtsordnung herausgebildet. Selbst die Fragen und Antworten waren genau festgelegt. Den Vorsitz führte der Gerichtsherr, also der Hägerjunker. Das Urteil verkündete der Richter, es war einer aus der Reihe der Häger; er hatte bei der Urteilsbestimmung keine Stimme. Zum großen Gerichtshof gehörten neun Schöffen, ein Protokollführer, ein Hägeramtmann, der die Rechte des Hägerjunkers wahren musste, und ein Hägervogt. Ob auch in Dielmissen ein Gerichtsplatz vorhanden war, steht nicht fest. Die mündliche Überlieferung jedoch will von einer Gerichtslinde in der Nähe der Kirche wissen, die im vorigen Jahrhundert umgelegt sein soll. Die Hägergüter waren lange Zeit frei von Abgaben. Die heute noch in Dielmissen lebende Familie Renziehausen ist nach Rustenbach hägerischen Ursprungs. Sie wird in dem Wickenser Erbzinsregister von 1650 zum ersten Male erwähnt. Ob sie jedoch seit der Besiedlung in Dielmissen ansässig ist, bleibt fraglich.

Urkundliche Erwähnungen.

Dielmissen lag in dem Mindenschen Kirchensprengel, im Archidiakonat Ohsen, dem Gau Thilithi. Die Gerechtigkeit des Sprengels ging hier bis an die Wabach. Unmittelbar südlich von Dielmissen verlief die Grenze zwischen den Diözesen Hildesheim und Minden. Das benachbarte Burgripi (seit dem 11. Jahrhundert wüst) lag schon in dem hildesheimischen Gau Wikanavelde. Der heute noch zwischen der Dielmisser und Lüerdisser Feldmark verlaufende Grenzgraben, die sogenannte Landwehr, darf mit großer Wahrscheinlichkeit als die alte Grenze zwischen den beiden Diözesen betrachtet werden.

Die erste urkundliche Erwähnung von Dielmissen stammt aus dem Jahre 1194: Dietmar, Bischof von Minden, bestätigt im Kloster Amelungsborn den Besitz seiner Güter in Wallenstedt, ein Richardus de Didilmissen wird dabei als Zeuge erwähnt. Danach ist es wahrscheinlich, dass einmal eine ritterliche Familie von Dielmissen gelebt hat. Angehörige derselben lebten von 1194 bis 1401 in Bodenwerder. Seitdem findet sich keine Spur mehr von ihr. Im 14. Jahrhundert wird der Ort in einer Urkunde erwähnt, nach der vier Hufen mindensches Lehen von 1304 bis 1324 in den Händen derer von Uppenbroke waren.

1340 überweist Bodo, Edelherr von Homburg, Propst des Stiftes Moritzburg vor Hildesheim, dem Kloster Amelungsborn zehn Hufen Land in Diedelmissen.

1400 besaß ein Heinrich de Vuhlenbroke die vier Hufen derer von Uppenbroke.

In dem Homburgischen Güterverzeichnisse von 1400 wird Dielmissen zur Oberbörde des Amtes Homburg gezählt. Mit der Erbteilung von 1495 kam die Homburg und damit ihre Besitzungen an Heinrich den Älteren von Wolfenbüttel.

1558 besaßen die von Grone zwei Hufen herzogliche Lehnsstücke, nach dem Lehnsbrief des Herzogs Heinrich Julius von 1590 eine Hufe in Dielmissen.

Nach dem Wickenser Erbzinsregister von 1625 besaßen die von Spiegelberg zwei Höfe und vier Hufen Land, die von Wense zwei Höfe und fünfzig Morgen Land, die von Grone einen Hof und neunzig Morgen Land und die von Hake viereinhalb Hufen Land (1 Hufe = 30 Morgen). Die beiden Letztgenannten besitzen heute noch kleinere Stücke Landes auf Dielmisser Feldmark.

1760 wurde die von Herzog Karl angeordnete Vermessung und Kartierung durchgeführt. Damals übten die herzogliche Kammer, die Pfarre zu Kemnade, der Fürst von Waldeck und die oben aufgeführten Adligen die Grundherrschaft aus.

(Fortsetzung folgt.)

Geschichtliches von Lüerdissen.

Von Karl Schneider.

Viele Jahrhunderte gibt es schon eine dörfliche Ansiedlung am Fuße der altersgrauen, bizarren Ithklippen. Wer der Gründer des Dorfes ist, lässt sich heute wohl nur schlecht feststellen. In einer Urkunde aus dem frühen Mittelalter taucht der Familienname Luthardessen auf. Da auch der Dorfname sich im Laufe der Geschichte gewandelt hat und früher bereits einmal um 1154 Luitheressen, dann später Luderdessen hieß, so dürfte wohl von dem Familiennamen auch der Dorfname abgeleitet sein, der sich dann im Laufe der Zeit zu Lüerdissen abgeschliffen hat. Unser Dorfname bedeutet soviel wie Heim eines Luthar. Wenn wir den Namen Luthar zerlegen, so kommen wir zu der interessanten Feststellung, dass im Althochdeutschen „lut“ gleichbedeutend mit „berühmt“ und „har“ sinnverwandt mit „Heer“ ist. Luthar ist danach der im Heer Berühmte. – Ihr vielen feldgrauen Ehrenkleidträger aus Lüerdissen, sagt, gibt es eine bessere Deutung für den Namen eures Heimatdorfes? Einer, der sich durch überragende Waffentaten auszeichnete, bekam den Boden Eurer Heimat einst zum Lehen und gab dem Dorfe Namen und Gepräge. –

Später haben die benachbarten Klöster an der Weser und auf dem Odfeld hier Grundbesitz erworben. Vor allen Dingen die Zisterziensermönche aus Amelungsborn wussten den Wert der Scholle zu schätzen. Noch vor 180 Jahren besaß das Klostergut Amelungsborn hier einen Ackerhof, fünf Halbspännerhöfe, den Fünften von 349 und den Zehnten von 238 Morgen. Großen Einfluss hatte der Homburger in unserem Ort. Eine Zeitlang übte er die Gutsherrschaft über die meisten Höfe von Lüerdissen aus.

Heinrich von Homburg und seine Brüder waren es, die im 14. Jahrhundert die Kapelle erbauen ließen, ein Vikariat stifteten und die Stelle mit den nötigen Pfründen ausstatteten. Im Innern der stattlichen Kapelle befindet sich heute noch als Abschluss des Chorgewölbes das Homburgische Wappen. Eigenartig ist, dass der Turm sich im Osten der Kapelle erhebt, während es sonst üblich ist, diesen im Westen zu errichten. Bemerkenswert ist auch die mittelalterliche Glocke, die kunstgeschichtlichen Wert hat.

Wie oft mag diese Glocke wohl von dem wechselnden Verhältnis der Dorfbewohner Kunde gegeben haben! Manchmal wird sie auch warnend ihre Stimme erhoben haben, wenn raue Kriegeshorden unser stilles Tal durchtobten. Ich denke an die Zeit des dreißigjährigen Krieges, des siebenjährigen Krieges, der Franzosenzeit nach der Schlacht von Jena und Auerstädt.

Im Jahre 1580 besaß Lüerdissen etwa 140 Einwohner, die in 21 Häusern wohnten. Es bestand im Wesentlichen aus dem heutigen Oberdorf mit der Behne (abgeleitet von dem Plattdeutschen Böhne = Boden oder Bühne). Das Unterdorf, welches in der Nähe der Hauptverkehrsstraße entstanden ist, wurde später gebaut. Lüerdissen hat sich inzwischen auf 80 Wohngebäude und 409 Einwohner vergrößert.

Hinsichtlich der Beschäftigung seiner Bewohner ist es ein Arbeiter- und Bauerndorf, bei dem jeder sich ganz besonders eng mit dem Boden verbunden fühlt. Auch der Arbeiter ist hier in Lüerdissen meistens Eigentümer eines Grundstücks und betreibt seine Landwirtschaft mit niedersächsischer Gründlichkeit.

Ihr Kameraden, die Ihr nun draußen mit derselben Selbstverständlichkeit eure Soldatenpflicht erfüllt, wie Ihr sie hier in Eurer Heimat tatet, lasst uns noch einmal hinaufsteigen auf unsere Lüerdisser Klippen und hinabschauen in unserer Heimattal. Dort unten liegt Lüerdissen, unser Dorf, eingebettet in Felder, Wiesen und Gärten. Dort wohnen Euere Kinder und Euere Frauen, Euere Eltern und Geschwister. Tiefster Frieden liegt breit über der fruchtbaren Ithbörde.

Am Mühlenborn bei Holzen.

Von Robert Samse.

Am Mühlenborn meines Heimatdorfes stehe ich immer wieder gern und freue mich des frisch und rein hervorsprudelnden Wassers. Eine so starke und klare Quelle, wie diese ist, wird man weit und breit in der Umgebung nicht finden. Unter dem Felsgestein der Poppenburg und unter schattigen Buchen kommt das Wasser ans Tageslicht und lädt den Wanderer zu Rast und Aufenthalt ein.

Die natürliche Schönheit der Quelle ist in den letzten Jahrzehnten durch die Anlage von Wasserleitungswerken beeinträchtigt worden. Zuerst besann sich die Gemeinde Holzen darauf, dass es gut und nützlich sein werde, einen Teil des Wasserreichtums durchs Dorf und in die Häuser zu leiten. Im Jahre 1902 wurde diese Leitung fertig. In den Jahren 1938/1939 wurde dann eine weit größere Anlage für die Wasserversorgung der Dörfer der Ithbörde geschaffen. Acht Orte sind angeschlossen: Scharfoldendorf, Lüerdissen, Dielmissen, Hunzen, Tuchtfeld, Halle, ja die höher gelegenen Dörfer Kreipke und Heyen. Die Eschershäuser wollten lieber ihr altberühmtes Salzwasser weiter trinken und verschmähten es, sich anschließen zu lassen. So versorgt die Nymphe des Mühlenborns alltäglich Tausende von Menschen und Tieren unserer Ithbörde aufs freigebigste und wird das vermutlich in alle Ewigkeit tun.

Die Poppenburg, an deren Fuß die Quelle sprudelt, gehört zu den Ithbergen. Wenn der Holzener freilich zum Ith gehen will, so meint er immer den durch eine tiefe Schlucht abgetrennten, nach Nordwesten hinziehenden Bergrücken mit seinen romantischen Felsen und Klippen. Die Poppenburg ist für ihn etwas Besonderes, sie zählt für ihn nicht zum Ith, obwohl sie ihm das gleiche Felsgestein und den gleichen Buchenwald zeigt. Die tiefe Schlucht, an deren Ostseite der Mühlenborn sprudelt, ist für ihn die Grenze des Iths. Diese schmale Schlucht ist ein so tiefer Einschnitt im Ithgebirge, wie man ihn im ganzen Verlauf des Gebirges nicht wieder findet. Seit frühesten Zeiten hat hier deshalb ein Weg durch die Berge nach der norddeutschen Tiefebene hin geführt. Er führt zunächst gerade aus auf der von der Quelle abgeklärten Seite. Der Holzener nennt diesen Teil der Straße den „Pannenweg“. Der Name dürfte einst nach dem Aussehen des Geländes erfunden sein. Nämlich, wenn man vom Dorf herkommt und die Schlucht hinauf nach den Hilsbergen sieht, so kann man wohl auf den Gedanken kommen, dass man das Bild einer großen Pfanne vor sich hat: die enge Schlucht mit der Straße ist der Stiel der Pfanne und der Bärenbrink dahinter das Pfannenrund. Ich möchte also den Namen Pfannenweg in Parallele stellen zu dem Namen Ebersnacken; wer etwa vom Ith aus den Rücken des Voglers über Scharfoldendorf betrachtet, dem drängt sich der Vergleich mit einem riesigen Schweinerücken auf.

Die Untere Mühle in Holzen
Holzen, Untere Mühle (Ohling)

Die alte Ithstraße, die durch unsere Schlucht am Mühlenborn vorbeiführt, biegt bald nach Nordwesten ab und klimmt dann auf die Höhe des Ithrückens hinauf. Wie weit sie ihm einst folgte, ist wohl noch nicht untersucht. Es ist aber bekannt, dass unsere Vorfahren ihre Straßen in gebirgigen Gegenden mit Vorliebe auf den Bergrücken hin anlegten, weil sie da durch Wasserläufe und Regengüsse weniger gestört werden konnten, und so mag sie einst bis zum Nordwestende des Iths, bis in die Gegend von Coppenbrügge, geführt haben. Natürlich war es immer schwierig, erst mal auf den Kamm eines Gebirges hinaufzukommen, und wer vor dem steilsten Stück der Ithstraße hinter dem Pfannenwege steht, muss sich vorstellen, dass allemal, wenn Wagen hier hinauffuhren, zahlreiche Pferde aus dem Dorfe Holzen vorgespannt werden mussten. War man aber erst mal oben, dann ging das Fahren schon leichter.

Der Pfannenweg mit dem Mühlenborn war also schon in uralten Zeiten für den Verkehr wichtig. Hier konnte leicht der Durchzug von Kaufmannswagen und Kriegsleuten überwacht und gesperrt werden. Dass dies tatsächlich einmal geschehen ist, dafür ist die schon wiederholt genannte Poppenburg ein Zeuge. Unzweifelhaft hat auf dem Felsen über der Quelle einmal eine Burg gestanden. Freilich für einen großen Steinbau, für eine Burg wie die Homburg war, war hier kein Platz. Wir müssen an ein festes Blockhaus denken, das da oben auf der Plattform des Felsens aufgebaut war und durch Felsspalten und Pfahlwerk noch besonders geschützt war. Wer heute da oben steht, überblickt aufs Beste den oberen Teil der Ithbörde mit den umgrenzenden Bergen mit der Homburg und dem Odfeld, mit den durch dieses Gebiet führenden Straßen. Aller Wahrscheinlichkeit nach war die Poppenburg ein Vorwerk der Homburg. Ein Ritter dieser Burg ließ einst das feste Haus über dem Mühlenborn errichten und setzte einen Burgwart mit Knechten hinein, um die Ithstraße unter seine Aufsicht zu bringen. Von der Homburg zur Poppenburg und umgekehrt ließen sich auch leicht und bequem verabredete Signale geben. Wahrscheinlich hat die Burg nur kurze Zeit bestanden, denn der Verkehr auf der alten Ithstraße ist wohl immer nur gering gewesen. Wir werden wohl an das 13. Jahrhundert zu denken haben, das besonders kriegerisch war und in dem die Edelherren von der Homburg besonders mächtig waren. Keine Urkunde über die Poppenborg hat sich erhalten. Nur ihr Name kann als ein sicheres Zeugnis gelten. Denn Poppenburg bedeutet Burg des Poppo. Poppo ist ein altdeutscher Name, der den Sinn hat: „der Gebieter“. In dem heutigen Familiennamen Bopp ist er noch erhalten. Wir kennen also heute noch den Namen eines Herrn auf der Burg über dem Mühlenborn. –

Noch ein weiteres Stück Geschichte lässt sich für den Mühlenborn feststellen. Alle Wasser der Quelle flossen natürlich ursprünglich die Schlucht hinunter, kreuzten die alte Ithstraße und eilten am Südhang des Iths hin durch die Aue (platt „Auge“) in westlicher Richtung nach Scharfoldendorf zur Lenne. Nun aber zieht dann eben ein Teil des Wassers, zunächst mit geringem Gefälle, an den Hängen der Poppenburg und des Greitberges entlang in das durch einen niedrigen Höhenzug, den „Puchmühlenbrink“, von der Quelle getrennte Dorf hinunter. Es ist ganz klar, dass dies ein künstlicher Wassergraben ist. Aber jedermann im Dorfe spricht von der „Bieke“, niemand von einem Graben. Die Erinnerung an das Ausgraben dieses Bachbettes ist also völlig verloren gegangen, und ich habe auch noch nie von einer schriftlichen Überlieferung darüber gehört. Es muss also schon sehr lange her sein, dass diese Bachanlage von den Holzenern geschaffen wurde. Sie wollten das herrliche Wasser der Quelle, das bis dahin wild durch Wald und Feld rann, für das Dorf selber nutzbar machen und hineinleiten. In erster Linie wollten sie es für den Antrieb einer Mühle verwenden, wofür die übrigen Wasserläufe und Quellen im Dorfgebiet nicht ausreichten.

Ich will hier auf den merkwürdigen Namen Siebenbach hinweisen, den die Holzener für den durch das Unterdorf fließenden viel schwächeren Bach haben. Dieser Bach setzt sich aus einer Reihe von dürftigen Rinnsalen und Quellen zusammen und hat danach schon früh seinen Namen bekommen: Viele Bächlein kamen zusammen und machten doch noch keinen ordentlichen Bach aus, der auch etwa eine Mühle hätte treiben können. Und so kamen denn die Holzener endlich überein, in gemeinsamer Arbeit einen Wassergraben zu bauen und den Poppenburgsborn ins Dorf zu leiten. Nach Überschreitung des Puchmühlenbrinks gewann das Wasser im Dorfe selber ein starkes Gefälle, das für den Mühlenbetrieb wichtig war.

Wann dieser Wassergraben gebaut ist, ist meines Wissens durch keine Urkunde belegt, und so müssen wir auch in diesem Falle wieder durch allgemeine Erwägungen zu einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu gelangen versuchen. Es muss in einer Zeit geschehen sein, in der das Dorf schon viele Menschen beherbergte, wo eine größere Zahl von Bauernhöfen da war und das Bedürfnis nach einer leistungsfähigen Kornmühle vorlag. Hierfür kommen doch wohl erst die späteren Jahrhunderte des Mittelalters in Betracht, und ich glaube, dass wir wieder an die Zeit der ritterlichen Homburger zu denken haben. Den Homburgern waren mehrere Bauernhöfe in Holzen untertan, und so hatten sie auch ein Interesse an einer Wassermühle im Dorfe. Sie werden also bei dem Bau des Wassergrabens und der Mühle mitgewirkt haben, in ihrem Auftrage wohl auch gerade der Burgwart der Poppenburg. Denken wir also wieder an das 13. Jahrhundert!

Im Laufe der Jahrhunderte sind vier Mühlen an dem Wassergraben entstanden. Die älteste war doch wohl die unterste, die auch heute noch im Betrieb ist und allein noch im Betrieb ist. Wenig höher hinauf liegt die alte Bokemühle, in der bis zur letzten Jahrhundertwende der Flachs gestampft und daneben auch Öl geschlagen wurde. Ein längeres Stück aufwärts liegt die Sägemühle, in der vor etwa fünfzig Jahren noch Fichten- und Buchenstämme aus Hils und Ith zerschnitten wurden und auch späterhin noch ab und an Grütze (Graupen) hergestellt wurde. Diese drei Mühlen sind seit vielen Jahrzehnten in den Händen der Familie Dempewolf; vorher gehörten sie der Familie Seulecke. Den Sanitätsrat Seulecke aus Eschershausen wird mancher meiner Leser noch gekannt haben; er stammte aus der Holzener Mühle. Ganz anderer Art war die Puchmühle oben auf dem nach ihr benannten Brinke. In ihr wurde das Rohmaterial für die Holzener Glashütte „gebucht“, das heißt gestampft und zerrieben. Sie arbeitete im 18. Jahrhundert.

Natürlich wurde das gute Wasser des Mühlenbachs auch von vornherein von den Dorfleuten in Haus und Stall genutzt. Ehe die Wasserleitung gebaut wurde, mussten die Bauern alltäglich viele „Reisen“ Wasser aus diesem Bach für Menschen und Tiere holen. Sie hatten wohl auch Brunnen; aber die gaben meist nicht so viel Wasser her, wie nötig war. Jetzt haben sie es bequemer. Das Wasser ist in die verschiedensten Räume geleitet, und man braucht nur den Hahn zu öffnen, um das schönste Wasser schöpfen zu können. Und die Kühe und Pferde tränken sich selber. Die alten Brunnen sind deshalb größtenteils zugeschüttet oder zugedeckt worden.

All das verdanken die Holzener ihrem Mühlenborn. Ja, sie verdanken ihm auch ihr Leben, ihr Dasein in diesem schönen Erdenwinkel. Denn jedermann im Dorfe weiß, dass die Hebamme all die kleinen Dorfkinder aus dem klaren, lebendigen Mühlenborn herausgefischt hat und weiter von dort holen wird durch alle Zukunft.

Die Eschershäuser Kirche
Die Kirche in der Wilhelm-Raabe-Stadt (Triestram)

Notizen zur Digitalisierung der Originale

In den Anfangsjahren des zweiten Weltkrieges wurden drei sogenannte Heimatbriefe veröffentlicht, zum Gruß an die Soldaten aus der Region Eschershausen.

Alle Hefte haben 16 Seiten im Format A5 (14,8 cm × 21,0 cm) ohne Einband, hergestellt aus jeweils vier gefalteten und gehefteten A4-Blättern aus einfachem Papier.

Alle drei Hefte sind in Fraktur gesetzt, weisen allerdings deutliche Unterschiede in Gestaltung und Typografie aus. Ich habe in diesem Digitalisat die Gestaltung vereinheitlicht, hoffentlich ohne den Charakter dabei zu stark zu verändern.

Das lange s aus dem Originalsatz wird hier als rundes s wiedergegeben. Lediglich im Kapital „Wat Greotvater vertellt“ wurde der Satz mit langem s beibehalten.

In der modernisierten Version sind Schreib- und Satzfehler korrigiert, Abkürzungen ausgeschrieben, die Schreibweisen und Zeichensetzung, außer in historischen Zitaten, an die aktuelle Rechtschreibung angepasst und einige stilistische Änderungen vorgenommen (beispielsweise Zahlwörter statt Ziffernschreibweise). Schriftauszeichnungen wurden vom Original übernommen.

Als Vorlagen dienten Originale aus dem kaeseschen Familienarchiv. Einige kleine Korrekturen von Carl Kaese junior in diesen Originaldrucken wurden hier übernommen (Ausgabe letzter Hand).

Die letzte Abbildung (Die Kirche in der Wilhelm-Raabe-Stadt von Triestram) ist nicht Teil der Originale; sie wurde von Carl Kaese junior einem Zeitungsartikel vom 10. Dezember 1949 (wahrscheinlich des Täglichen Anzeigers Holzminden) entnommen und beigelegt.

Christian Kaese
Eschershausen 2019