Eschershäuser Wappen

Carl Kaese junior
August Elsner
Otto Böse senior

Dem Gedenken unseres Ehren­bürgers
Wilhelm Raabe

anläss­lich seines 100. Geburts­tages
am 8. Sep­tember 1931 gewidmet

Verlag und Schrift­leitung der Eschers­häuser Zeitung

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Diese Seite enthält eine Digitalisierung der Festschrift „Dem Gedenken unseres Ehrenbürgers Wilhelm Raabe anläßlich seines 100. Geburtstages am 8. September 1931 gewidmet“, von Carl Kaese junior, August Elsner und Otto Böse senior, herausgegeben 1931 von Verlag und Schriftleitung der Eschershäuser Zeitung.

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Digitalisierung durch Christian Kaese, Eschershausen 2019.








Wilhelm Raabes Porträt von Franz Jüttner

Willkommen
in der Raabestadt Eschershausen

Im Anschluss an die Feierlichkeiten in Braunschweig zum 100. Geburtstage Wilhelm Raabes soll in Eschershausen, dem Geburtsort dieses großen Mannes, das Raabedenkmal geweiht werden.

Den verehrten Gästen, die uns zu dies Feierstunde besuchen, ent-bietet die Bürgerschaft Eschershausens durch die Stadtverwaltung herzlichste Willkommensgrüße.

Wie bei dem 90. Geburtstage freut sich auch die Bürgerschaft, die Freunde und Verehrer unseres großen Meisters, sowie die eingeladenen Gäste in ihren Mauern zu haben. Den vielen Bemühungen ist es nun gelungen, auch in der Geburtsstadt ein Raabe-Denkmal zu schaffen.

Wenn Wilhelm Raabe, unser großer Ehrenbürger, durch seine Werke selbst dafür gesorgt hat, dass, wie er einmal scherzhaft sagte: „Dieses Nest in alle Leute Mäuler kam“, hoffen wir, dass neben dem Geburtshause jetzt auch das Denkmal die Geburtsstadt Eschershausen mit dem großen Kreis der Raabefreunde und -verehrer für alle Zeiten eng verbinden möge.

Eschershausen, den 8. September 1931.

Der Rat der Stadt und Festausschuss



Die Klischees zu sämtlichen Abbildungen und Schriftwiedergaben stammen aus den Werkstätten der Graphischen Kunstanstalt des Herrn
Carl Brunotte, Düsseldorf,
der sie als gebürtiger Eschershäuser in alter Anhänglichkeit an seine Vaterstadt kostenlos zur Verfügung stellte. Auch an dieser Stelle sei ihm herzlichst dafür gedankt.





Carl Kaese:

Aus alten Zeiten.
Ein Beitrag zur Geschichte unserer Stadt.

„Ein Geschlecht der Menschen vergeht nach dem anderen,
ein Geschlecht gibt die Waffen des Lebens weiter an das andere“ –

(Hungerpastor).

Zwei Möglichkeiten gibt es, wenn wir unsere Zeitgebundenheit überwinden und die Vergangenheit, die für uns Lebende stets in unerreichbare Ferne gerückt ist, wenigstens im Geiste wieder erstehen lassen wollen. Einmal ist es die „kühne Seglerin“ Phantasie, die, in der Hand den Zauberschlüssel „Es war einmal“, vor keinem noch so dunklen Zeitalter Halt zu machen braucht, der sich willig alle Tore öffnen und dann hergeben, was an guten und schlechten Zeiten, an Gestalten und Schicksalen, an Wahrem und – Falschem hinter ihnen hervorgeholt wird. Unser Wahrheit suchendes, nüchtern und wissenschaftlich denkendes 20. Jahrhundert verwendet mit Vorliebe die andere, unendlich mühsamere aber sicherere Methode: Mit Hammer und Spaten, mit sorgfältigem Akten- und Quellenstudium rückt es der Vorwelt und Vergangenheit zu Leibe, und was dabei herauskommt, ist nicht immer nur für die Gelehrten, sondern oft auch für weitere Kreise interessant, denkwürdig und wichtig genug, um wert zu sein, der Vergessenheit entrissen zu werden. Kann doch in einem Zeitalter der äußersten wirtschaftlichen und politischen Nöte schon ein unter Umständen recht bedeutender Trost darin liegen, zu wissen, dass auch unsere Vorfahren nicht auf Rosen gebettet waren, dass in der „guten alten Zeit“ der Kampf ums Dasein nicht minder heftig tobte als heute, und dass vor allem den Zeiten des Niederganges auch immer wieder Zeiten des Aufstiegs folgten, sofern nur ein fleißiges und starkes Geschlecht mit festem Willen an die Lösung der ihm vom Schicksal gestellten Aufgaben heranging. Die Erinnerungsjahre unserer Stadt, die einhundertste Wiederkehr des Tages, da Wilhelm Raabe der unsrige ward, und die 1933 fällige Hundertjahrfeier der Verleihung der Stadtrechte, geben wohl genügend Anlass, einmal einen Blick in die Vergangenheit unserer Heimat zu tun und anhand zeitgenössischer Dokumente etwas aus dem Born der Zeiten zu schöpfen. Wer zu den Glücklichen gehört, die „in der richtigen Stimmung mit sich selber“ die Vergangenheit auf sich wirken lassen können, der wird auch aus den unscheinbarsten Mitteilungen und Tatsachen, die in aller Anspruchslosigkeit in den nachfolgenden Zeilen zusammengestellt sind, den tieferen Unterton oder, wie es in Wilhelm Raabes Odfeld-Erzählung heißt, „wie von der Ferne her ein geheimnisvolles tiefgründiges Tönen, Sausen und Brausen“ vernehmen, – das Rauschen des ganzen großen Weltgeschehens, dessen oberste Leitung wir Erdgebundenen nur ehrfurchtsvoll zu ahnen vermögen.

Auf die ältere Geschichte unserer Stadt kann nur ganz kurz eingegangen werden; erwähnt sei, dass die Gegend nachweislich schon zur jüngeren Steinzeit besiedelt war, dass, nachdem Kelten, Germanen und Sachsen einander abgelöst hatten, zur Zeit Karls des Großen die christlichen Sendboten hierherkamen und mit mehr oder weniger Gewaltanwendung die neue Lehre hier einführten. Des Ortes älteste urkundliche Erwähnung ist als Astiereshusen schon vor fast tausend Jahren in Urkunden des Klosters Corvey, das 822 gegründet wurde, zu finden; er gehörte (nach Rustenbach) damals als Pfarrdorf zum Untergau Wikanavelde im Gau Guddingo und kirchlich zum Archidiakonat Wallensen in der Diözese Hildesheim, deren Bischöfe am Ende des 11. Jahrhunderts verschiedentlich flämische Einwanderer in unseren Bergen ansiedelten, die bis in neuere Zeit eine eigene Gerichtsbarkeit besaßen (vergleiche Rustenbach, Häger und Hägergerichte) und als Gründer vieler Orte, vor allem der auf „hagen“ endigenden, anzusehen sind. Von da ab wird die Geschichte der Gegend im Wesentlichen mit den wechselvollen Geschicken der Homburg, dem um 1129 vom Grafen Siegfried IV. von Northeim (dem Gründer des Klosters Amelungsborn) an Stelle des alten castellum wikanafeldisten erbauten Herrensitze, verbunden gewesen sein, die in blutigen Fehden im Laufe der streitbaren Zeiten wiederholt ihre Besitzer wechselte, bis das Eigentum 1409 an die Braunschweiger Herzöge überging. Die Fleckensgerechtigkeit soll Eschershausen bereits unter der Herrschaft der Edelherren von Homburg erhalten haben, von denen 1245 ein Heinrich von Homburg als „dominus et advocatus civium“ urkundlich nachweisbar ist und 1384 ein anderer Heinrich den Zoll in Eschershausen seiner Gemahlin zur Leibzucht verschreiben ließ. Von dem letztgenannten und seinen Brüdern wurde am 23. Juli 1382 „aus Ehrfurcht vor dem allmächtigen Gotte und zum Seelenheil ihrer Eltern und Verwandten“ eine immerwährende Vikarei in der Kapelle des Dorfes Lüerdissen gegründet, aus der später die Diakonatpfarre unserer Stadt hervorgegangen ist. Die vielen Ritterfehden jener Zeit, unter denen naturgemäß in erster Linie die unbefestigten Plätze zu leiden hatten, fanden ihre Fortsetzung in den Kämpfen des Bischofs von Hildesheim gegen die Herzöge; so gelang es ersterem 1447, die Homburg mit den beiden Hauptplätzen Stadtoldendorf und Eschershausen durch einen Überfall wieder in seine Gewalt zu bringen, und 1462 plant er wiederum, „den kerkhof to E. myt hundert to voete unde vieven edder sessen to perde“ zu besetzen. Ganz besonderen Schaden brachten den braunschweigischen Landen die als Hildesheimer Stiftsfehde bekannten Streitigkeiten zwischen Herzog Heinrich dem Jüngeren und dem Hildesheimer Bischof zu Beginn des 16. Jahrhunderts, während der Bauernaufstand 1525 in hiesiger Gegend anscheinend nicht recht zum Ausbruch kam. Das Kloster Amelungsborn, dessen katholische Geistlichkeit sicherlich durch die Jahrhunderte hindurch einen bedeutenden Einfluss auf das Leben unserer Heimat gehabt hatte, wurde 1568 unter dem Abte Andreas Steinhauer evangelisch, nachdem schon 1542 in Nachbarorten die Reformation Eingang gefunden hatte. Die nächsten Jahrzehnte scheinen dem Lande unter der Regierung des Herzogs Julius einen gewissen Wohlstand gebracht zu haben, betrug doch das Staatsvermögen zu jener Zeit an die 900 000 Taler. Der allgemeine kulturelle Tiefstand aber, der am besten durch den Hexenglauben und durch die gerade in hiesiger Gegend häufigen Hexenprozesse dokumentiert wird, sowie das öftere Auftreten der Pest als der furchtbarsten Menschheitsgeißel, der zum Beispiel im Jahre 1613 im benachbarten Halle 55, in Dohnsen sogar 75 Personen zum Opfer fielen, lassen erkennen, wie schwer das Leben besonders auf dem platten Lande in diesen Jahren gewesen sein muss. Ihren Höhepunkt erreichten die Schreckenszeiten des ausgehenden Mittelalters aber erst, als das Unwetter des Dreißigjährigen Krieges über Deutschland hereinbrach, für unsere Gegend besonders, als im Sommer 1625 Tilly bei Höxter über die Weser ging und mit seinen Söldnerscharen in das Amt Wickensen einfiel, alles aufs schrecklichste verheerend und verwüstend. Die Leiden jener Zeit spotten jeder Beschreibung: als 1648 die Friedensglocken klangen, lagen im Herzogtum Braunschweig mehr als 300 Dörfer wüste, in Stadtoldendorf waren (nach der ausgezeichneten Chronik von Pastor Eggeling) „kaum noch 40 standhafte mehrenteils ganz enervierte und aller Nahrung entblößte Bürger“ vorhanden, und hier in Eschershausen werden die Verhältnisse keineswegs besser gewesen sein. Trotzdem verdankt der Ort, der in dem Erbregister des Hauses Homburg als freier Flecken bezeichnet wird und schon seinen selbstgewählten Bürgermeister und Rat hatte, diesem Jahrhundert die landesherrliche Bestätigung wichtiger Gerechtigkeiten, so der Brauereigerechtigkeit durch Herzog Friedrich Ulrich 1630, der Untergerichtsbarkeit in geringfügigen Zivilsachen und der Marktgerechtigkeit durch seine Nachfolger. Von 1691 ab durften außer jährlich zwei Krammärkten auch noch zwei Viehmärkte im Orte abgehalten werden. – Jahrzehnte hindurch wird es gedauert haben, bis sich im Übrigen das Land wieder einigermaßen von den Schäden des großen Krieges erholt hatte, und erst seit Beginn des 18. Jahrhunderts, als der Glanz des französischen Königtums über den europäischen Fürstenhöfen aufleuchtete, und als später der preußische Adler unter dem großen Friedrich anfing, seine Schwingen zu regen, konnte man in mancher Hinsicht von besseren Zeiten sprechen. Damit kommen wir in die Zeit, mit deren Verhältnissen in unserer Stadt wir uns etwas eingehender befassen können, denn bis hierher reichen die im Stadtarchiv befindlichen Akten zurück; ihrer Führung wollen wir uns im Folgenden etwas mehr anvertrauen.

Zu den vielen segensreichen Einrichtungen, die der seit 1758 regierende Herzog Carl I. von Braunschweig-Bevern, der Schwager Friedrichs des Großen, in seinem Lande schuf, zum Beispiel die Gründung und Förderung von hohen und niederen Schulen und Lehrerbildungsstätten, die Einrichtung der Brandversicherung und einer allgemeinen Witwenkasse, die Gründung von Fabrikationsstätten wie Eisenhütten, Glashütten und vor allem der Porzellanfabrik Fürstenberg, gehört auch die genaue Vermessung und Beschreibung sämtlicher Orte und Landgrundstücke des Herzogtums. So liegt uns aus dem Jahre 1761 eine „Beschreibung des Fleckens Eschershausen im Amte Wickensen“, angefertigt von dem subdelegierten Commissarius Ernst August Brauns, sowie die dazu gehörige Flurkarte von Georg Christian Geitel vor, und auch draußen in unseren Wäldern findet man wohl hier und da noch einen jener Grenzsteine, die das herzogliche „C“ mit der Jahreszahl tragen. Diese Fleckenbeschreibung gibt im Verein mit anderen Akten, insbesondere den alljährlich an „Serenissimus“ einzureichenden General-Berichten, ein getreuliches Bild von den damaligen Lebensverhältnissen unseres Ortes. Die Ausdehnung des bebauten Fleckens erstreckte sich zu jener Zeit von der jetzigen Ecke Mühlenbergstraße–Worth (diese war an der Südseite nur teilweise bebaut) an über die Worthstraße und die steinerne Lennebrücke von 1742 bis zu den Gärten „vor dem Thore“, die bei der Abzweigung der jetzigen Unteren Straße begannen; nur vier vereinzelte Häuser lagen jenseits des von dem Gerichts- und Feldvogt (Pfänder) bewohnten Torgebäudes, das nach der Karte ungefähr vor der jetzigen Buchdruckerei Bruns gestanden hat. Dieses Torgebäude, auch „Brincke-Thor“ genannt, war aber schon sehr baufällig, es wurde jedenfalls im Jahre 1771, „damit die Straße erhöht und trocken gemacht werden könne“ und wegen seiner Unbewohnbarkeit abgerissen. Die Kontributionsgasse, die sogenannte Driebe und die Friedhofstraße sowie die heutige „Alte Mühle“ bildeten wie heute noch den Kern des Ortes nach Südwesten hin. Das Rathaus und das Brauhaus standen an der Stelle der heutigen Amtsgerichtsgebäude am Marktplatze, über welchen der später kanalisierte Driebenbach anscheinend noch in offenem Graben der Lehne zufloss. Der vorherrschende Häusertyp der größeren Hofstellen war das niedersächsische hochgiebelige „Einhaus“ mit der großen Scheunentür, wie es zum Beispiel heute noch das Wohnhaus des Landwirts Jacob darstellt.

Die Einwohnerzahl betrug 1760 ohne Wickensen: 117 Männer, 143 Frauen, 112 Söhne, 143 Töchter, 8 Diener, Gesellen oder Knechte, 4 Lehrjungen und 20 Mägde, zusammen 547 Personen. Der Magistrat des Fleckens bestand aus fünf Mitgliedern: dem Gerichtsschultheißen Christoph Jacob Laurentius (vorher G. S. Osterloh) als Vertreter der fürstlichen Obrigkeit, dem hier gebürtigen Bürgermeister Friedrich Conrad Grove, der gleichzeitig Kämmerer, Posthalter und Contributionseinnehmer war, sowie aus drei Ratsmännern. Von diesen scheint der Gerichtsschultheiß allerdings derzeit keine große Hilfe gehabt zu haben, denn er schreibt darüber in seinem Bericht: Der erste „Franz Klie ist wegen des Genusses des starken Getränks die mehrerste Zeit unvermögend, seine Pflicht gehörig zu beobachten“; der zweite, „Heinrich Brinkmann ist ein schlechter und eigensinniger Mann und deshalb nicht zu gebrauchen“ und der dritte „Wilhelm Wehrmann kann wegen seiner Bader- und Barbierprofession den Ratstägen selten beiwohnen“. Für den ersteren wird deshalb der Brauer und Gemeinvorsteher Heinrich Schrader wieder in Vorschlag gebracht. Die höhere Gerichtsbarkeit oblag dem fürstlichen Amte zu Wickensen, während die (niedere) Zivilgerichtsbarkeit bei dem Stadtmagistrate lag, der auch über diesen Zweig seiner Tätigkeit (1760: vier beendete, ein laufender Prozess) alljährlich nach Braunschweig zu berichten hatte. Von den von Johanni bis Johanni laufenden Rechnungen weist die Kämmereirechnung 1759

eine Einnahme von 149 Taler 24 gute Groschen 4 Pfennig
und eine Ausgabe von 136 Taler 25 gute Groschen 2 Pfennig
mithin einen Vorrat von 12 Taler 35 gute Groschen 2 Pfennig

aus.

Die Amtszeit des Bürgermeisters Grove war von Johanni 1762 bis Johanni 1763 aus unbekannter Ursache durch die des Bürgermeisters Wessel unterbrochen.

Die gesamte Feldmark von Eschershausen umfasste im Jahre 1760 1416 Morgen und 30 Ruten, davon waren rund 876 Morgen Länderei (vor der Vermessung nur 780 Morgen), 285 Morgen Wiesen, 90 Morgen Gartenland und 44 Morgen Triften; der Rest entfiel auf bebaute Grundstücke, Straßen, Wege, Rotten, Teiche, Bäche usw. Die dem Ackerbau dienende Länderei war der damals üblichen Dreifelderwirtschaft entsprechend eingeteilt in sieben „Wannen“ mit zusammen 303 Morgen Brachfeld, 273 Morgen Sommerfeld und 300 Morgen Winterfeld. An Flurnamen finden sich zu dieser Zeit vor:

An der Fried
Auf dem Vitsdorfe (auch Witsdorfe)
Auf der Gniesbreite
Am Hüsche Brinck
Am Reinecken Sieck
Der kleine Steinbrink
Vor dem Wiemelsborn
Am Stadtberg
Im Ferken Loche
Am Bruchwege
Auf dem Papenkamp
Holtenser Bruch
Vor dem Vogeler
Am Buy
Am Ackerborn
Am Mülenberge
Auf dem Hallen Kampe
Auf den Kirchwiesen
Auf dem Pfennig Brink
An der Lenne
Auf der lüttjen Beeke
Bönemanns Camp
Am Kirchberge
Auf dem Kreutzfleck
Auf der Steine
Auf dem Bruche
Krabler Hof
Vor dem Othfelde
Auf dem Eichenkampe
Unter dem Othberg
Am Langen Sieke
Auf der Howiese
Auf dem Teibock
An der Schelen Hufe
In der Aue
In der Bue
Der kleine Papenkamp
Vor dem Riepen
Auf der Silberkuhle (der Kreutzcamp)
Der Schützenplatz

ferner im Orte:

An der Trift
An der steinen Brücke
Auf dem Kirchberg
An den Reuterbache
Vor dem Thore
Bey der Mühle
Auf der Worth

Soweit heute nicht mehr gebräuchlich und bekannt, ist ihre Lage aus der Flurkarte ersichtlich. –

Zehntpflichtig waren von der Länderei 280 Morgen dem fürstlichen Amte Wickensen, 275 Morgen der Pfarre, „wofür sie einen Bullen und Kempen zu halten schuldig war“, 28 Morgen dem Kloster Amelungsborn und 35 Morgen dem Herrn von Wrisberg. Dieser letzte – auch „Limmersch-Zehnte“ genannt – wurde in Geld erhoben, während die übrigen in natura gezogen wurden. An herrschaftlichen Gefällen waren 1760 vom Flecken aufzubringen: rund 471 Taler Kontribution, 62 Taler Landschatz, 109 Taler Proviantgeld, dazu noch zusammen 438 Himten Getreide und 10 Taler für Meierzins, Rottzins, Hof-, Wiesen- und Gartenzins. Obgleich die Fleckenseinwohner im Gegensatz zu den Landbewohnern in der Ober- und Niederbörde „freie Leute“ genannt wurden, waren sie doch noch folgender Herrendienste pflichtig: Die vier Halbmeier mussten jährlich einen Tag zum Pflügen der Gerstensaat nach Wickensen; jeder Einwohner von Eschershausen musste jährlich einen Tag zum Heumachen und einen Tag zum Schafewaschen und Kornbansen nach Wickensen. Die ferner sämtlichen Einwohnern obliegende Pflicht zur Bearbeitung des großen Küchengartens in Wickensen bestand zwar noch, war aber schon durch eine jährliche Zahlung von 25 Talern seitens des Fleckens abgelöst. Nachstehend die namentliche Aufzählung der 106 Hofstellen und ihre Gliederung (die Morgenzahl des Ackerlandes ohne Wiesen ist in Klammern beigesetzt):

Nr. ass.heutiger Besitzer des Grundstücks:
(die Gebäude sind zum Teil inzwischen erneuert)
a)
54 Die Pfarre (Pastor Meier) (53½) die Pfarre
53 Diakonatpfarre (Pastor Neuwirth) (7⅙) Konsum-Verein
74 Die Schule (Kantor Egel) (4⅓) Kantorat
23 Pfarrwitwenhaus (bewohnt von Harm Albrecht, Schuster) Witwe Quaest
52 Rathaus
G. Hirtenhaus (Kuhhirt Falke, Schweinehirt Bode)
Torgebäude (Gerichtsvoigt Friedrich Schulze)
b) 4 Halbspänner (mit Braugerechtigkeit)
2 Michel Dörries (57) Witwe Knüll
11 Christoph Arens (46) Fried. Kraus
38 Ludolph Diekmann (52) (Jobst Käse, Leibzüchter, Witwe Holtkamp) Kantor Fricke
88 Johann Heinrich Schrader (51) (Schäfer Meier, Witwe Müller) Fr. Krösche
c) 45 Riegesitzer (mit Braugerechtigkeit)
1 Gerichtsschultheiß Laurentius (–) (früher Herr von Koch) August Kuhlmann
3 Heinrich Klages Witwe (6) L. Schmalhoff
3 Wilhelm Bürenheim, Kellerwirt (3½) L. Schmalhoff
4 Hans Wollenweber (5⅓) Hermann Sander
5 Joh. Wilhelm Knüll, Kaufmann (22) (1. Haus) Wilhelm Scholle
6 Wilhelm Gömann (35) August Faß
8 Joh. Heinrich Dörries, Tischler (9) Gebrüder Körber
9 Heinrich Julius Klingemann, Kaufmann (2) W. Kreikenbohm
10 Joh. Wilhelm Klages (20) Hermann Klages
12 Friedrich Böse, früher Böttcher (7) Hermann Jürgens
13 Heinrich Kleinhans, Koch (9½) Witwe Klein
14 Joh. Heinrich Brinkmann (24) Friedrich Jacob
15 Ferdinand Knipping, Tischler (8) Robert Runne
16 Joh. Anton Brinkmann, Bader (8) August Ohm
18 Otto Brinkmann, Forellenfänger (11½) Witwe Propfe
34 Heinrich Kroesche (11) A. Stapel
39 Friedrich Spangenberg, Leineweber (15½) W. Schwekendiek
40 Conrad Wilhelm Oppermann, Grobschmied (7½) Hermann Warneke
41 Franz Wilhelm Klie (31) (Trompeter Brinkmanns Ehefrau) Carl Bremer
42 Bernhard Heinrich Wollenweber, Kaufmann (25½) K. Hundertmark
43 Joh. Wilhelm Knüll, Kaufmann (11) (2. Haus) Gustav Ripke
44 Joh. Wilhelm Klie, Musikant (4)
45 Conrad Bürenheim, Schuster und Braumeister (3½) August Grotrian
46 Heinrich Fricke, Gastwirt (8½) August Grupe Erben
48 Carl Voß (12) (Ältestes Haus im Kreise Holzminden) M. Stapel, Marktplatz
50 Joh. Jacob Schumacher, Musikant (6½) H. Schwekendiek
51 Joh. Jochen Baucke (8¾) K. Kuhlmann, Driebe
58 Christoph Föstemann (11) Gemeindehaus
62 Dietrich Tewes (23) (Witwe Bartram)
65 Hilmer Anton Klages, Leineweber (11½) W. Hölscher
66 Heinrich Hilmer Schrader, Invalide (10½) (Anne Grete Kasten) Willi Lange
67 Wilhelm Bürenheim 2. Haus (3¾) (Witwe Riefenstahl, Spinnerin, Conrad Klages, Soldat und Schneider) Karl Förstmann
69 Burchard Wietlake, Grobschmied (5½) (Christoph Dempewulff) Friederike Meyer
70 Wilhelm Heinemeyer, Drechsler (12) August Klinkerfuß
71 Christoph Nobbe, Schuster (2) August Heise
77 Heinrich Anton Loges (15) August Arste
81 Jürgen Kroesche (14) (Jürgen Reinecke, Maurer) Fr. Bosse Erben
84 Hilmer Jünke, Bäcker (9¾) Fritz Breier
86 Anton Steiner, Hausschlächter (12½) Wold. Körber
87 Ernst Schollen Witwe, Hölzerschneider (7) (später Julius Mahlmann) August Arste
89 Friedrich Conrad Grove, Bürgermeister etc. (12½) August Schüßler
90 Wilhelm Scholle, Grobschmied (3½) (Marie Engel Wehking, Spinnerin) Brauerei Allersheim
96 Cord Jochen Wollenweber, Rademacher (4½) Marg. Knüll
55 Heinrich Christ. Knickriem, Leineweber (–) (Daniel Greve, Soldat und Taglöhner) Karl Meyer
56 Andreas Kleinhans Witwe (–) (Witwe Dörries, Maurer Stein) Wilhelm Müller
d) 5 Bödener (ohne Braugerechtigkeit)
17 Joh. Friedrich Mönkemeier (9) Richard Hake
33 Joh. Daniel Schmid, Schuster (6½) Otto Klages
75 Joh. Friedrich Schopmeier, Leinweber (5) (Leopold Golm, Vogelhändler, Wilhelm Giebel, Lumpensammler) Hermann Ohrmann
91 Daniel Seulke, Tabakspinner (8) (Adolf Scholle, Hölzerschneider) H. Bertram
92 Jacob Daus Witwe (9½) (Christ. Ebeling, Leineweber) K. Specht
e) 38 Brinksitzer (ohne Braugerechtigkeit)
27 Joh. Stats Ahlbrecht, Leineweber (2½) Karl Klünker
29 Conrad Klinkerfus, Maurer (1) E. Jürgens’ Erben
61 Friedrich Dörries, Tabakspinner (2¼) Otto Dörries
76 Joh. Peter Böckers Erben (1¾) (Witwe Mönkemeier, Spinnerin) Wilhelm Brand
79 Diedrich Steiner, Grützmühle (1) Fritz Fischer
80 Christoph Heimers, Schneider (1⅓) Karl Schäfer
7 Joh. Jochen Wollenweber, Ratsdiener und Nachtwächter (–) Wilhelm Schütte
19 Rudolf Amelungs Erben (–) (Häusling Daniel Bues, Leineweber) Karl Fricke
20 Johann Böckers Witwe, Spinnerin Wilhelm Kühne
21 Joh. Philip Schopmeier, Leineweber (mit Leibzüchterin [Botenweib]) Wilhelm Ringe
22 Conrad Tewes, Musketier und Leineweber Auguste Mönkemeyer
24 Jürgen Siegmanns Erben, Leineweber Heinrich Gerke
25 Christoph Broemer, Tagelöhner Wilhelm Klünker
26 Hans Harm Bäcker, Hölzerschneider Otto Lohmann
31 Joh. Jürgen Schraders Witwe (Witwe Weimes, Korporal Kirchs Ehefrau) Witwe Seulcke
32 Friedrich Klages, Schneider Joh. Klages
35 Georg Wessel, Schuster August Wedeking
36 Gotthard Koch, Fleischer Karl Göhmann
37 Heinrich Albrecht, Hölzerschneider Karl Kühne
47 Joh. Wilhelm Jünke, Hoken- und Garnhandel August Kohlenberg
49 Edmund Heinen Witwe, Bademutter
57 Hans Heinrich Steiner, Hausschlächter Fr. Garbermann
59 Just Dormeyer, Schneider Heinrich Jürgens
60 Peter Schopmeiers Erben Friedrich Garbe
63 Joh. Wilhelm Schopmeier, Leineweber Heinrich Schäfer
64 Joh. Heinrich Baucke, Schneider Witwe Bartels
68 Heinrich Meiers Witwe, Spinnerin Georg Schoppmeyer
72 Wilhelm Wehrmann, Bader Friedrich Sander
73 Andreas Jürgen Fiedler, Knopfmacher (Witwe Becker, Spinnerin) Heinrich Maas
78 Anton Wepers Witwe (Katrin Brand, Spinnerin) August Gebhardt
82 Gabriel Kuhlmann (Joh. Ludwig Bürenheim, Kaufmann, Andreas Fricke) Wilhelm Engelke
83 Harm Hans Meier, Kleinschmied Karl Schütte
85 Andreas Klien Witwe, Näherin (Conrad Klie, Musikant) A. Fricke
93 Elmerhusen Brand, Dachdecker und Hölzerschneider Karl Kuhlmann
93 Conrad Böcker, Dachdecker und Hölzerschneider „ „
94 Joh. Heinrich Grove, Tagelöhner (Wildwächter Grove) früher Witwe Runge
95 Joh. Daniel Sölter, Mehlmüller Wilhelm Müller
28 Hans Jürgen Gniesmer, Totengräber und Schneider Heinrich Stolte
f) 11 Anbauer:
30 Hans Harm Brümmer, Leineweber (Hannoverscher Quartiermeister Woltjen Ehefrau) Karl Buberti
97 Jost Gerken, Hölzerschneider Heinrich Warnecke
98 Heinrich Weking, Viehhändler August Kiehne
99 Anton Fricke, Leineweber August Samsen
100 Friedrich Kasten, Kleinschmied H. Buberti
101 Joh. Wilhelm Eckermann, Schuster W. Schrieber
102 Conrad Fricke, Leineweber W. Schrieber
103 Friedrich Albrecht, Leineweber Chr. Reinecke
104 Friedrich Gömann Wilhelm Käse
105 Philip Schmalhoff, Leineweber (hat 1760 angebaut) Fritz Maaß
106 Hans Heinrich Grove, Schuster (als Soldat im Felde) Karl Fricke

Angebaut wurden hauptsächlich Roggen, Gerste, Hafer, Erbsen, Bohnen und Flachs auf einem Boden, der damals „eben nicht in sonderlicher Güte“ war, und dessen Ertragfähigkeit bei der bergigen Beschaffenheit des Geländes damals wie heute jedenfalls sehr schwankte. 1761 wird bei obigen Feldfrüchten bei einer durchschnittlichen Einsaat von zwei Himten pro Morgen der Ertrag – „eins ins andere gerechnet“ – mit 12 Himten angegeben (Verhältnis 1 zu 6, heute 1 zu 12), es scheint aber fast, als ob diese Durchschnittszahl zu hoch gegriffen ist, denn für die Jahre 1771 und 1772 finden sich folgende Erträge pro Morgen aufgezeichnet:

17711772Preis Ende 1772 der Himten
Weizen4 Himten7½ Himten1 Taler 12 Groschen
Roggen4 Himten7½ Himten1 Taler 9 Groschen
Gerste3 Himten4½ Himten1 Taler – Groschen
Hafer4½ Himten6 Himten– Taler 17 Groschen
Erbsen0 Himten4½ Himten1 Taler 12 Groschen
Rauhzeug2 Himten4½ Himten1 Taler 12 Groschen
Sommersaat0 Himten5 Himten1 Taler 6 Groschen
Flachs12 Pfund60 Pfund12 Pfund =1 Taler

Die Wiesen wurden je nach Güte ein- oder zweimal gemäht, sie waren, wie man sagte, einhäuig oder zweihäuig, ihr Ertrag war 1760 zufriedenstellend, denn „die mehrsten haben genugsame Fütterung und können ihr Vieh gut erhalten“. Der Viehbestand betrug im Dezember 1760 insgesamt 53 Pferde, 88 Kühe, 23 Rinder, 16 Kälber, 1 Brummochse, 161 Schafe, 66 Schweine und 25 Ziegen. Drei Hirten, Kuh-, Schaf- und Schweinehirt, hatten für den Weidegang zu sorgen, davon wohnten der Kuhhirt Falke und der Schweinehirt Bode im Gemeinde-Hirtenhause. Das Vieh konnte außer auf den Brachfeldern und nach der Ernte auf dem übrigen Ackerlande auch „im Holze außerhalb der Gehäge“ gehütet werden; die Trift vor dem Tore (der heutige Anger) eignete sich, weil sie nur aus Flachsrotten bestand, nur für Schafe. Mit den umliegenden Ortschaften bestanden außerdem gemeinsame Koppelweiden. Die Hornviehzucht hatte 1758 unter einer großen Seuche sehr gelitten und 1760 den Vorkriegsstand noch nicht wieder erreicht. Pferde wurden vor allem gehalten, damit ihre Besitzer die Möglichkeit hatten, durch Fuhren für die Kaufleute (als „Kärrner“) nach „der Tran“ in Linse, dem Weser-Umschlagplatz, und nach den umliegenden Städten durch Vorspanndienste etwas nebenbei zu verdienen. Um 1770 wird jedoch der Obrigkeit gegenüber geklagt, dass das Ackern mit Hornvieh mehr und mehr für „unangenehm oder unanständig“ geachtet würde, und dass durch den Ankauf von Pferden im Hannoverschen dem Lande viel Geld verloren gehe, die Leute selbst aber teilweise sehr in Schulden geraten und dadurch oft ihren Hof nicht halten können. Die Gemeinheits-Schäferei sollte 200 Stück Schafe haben, infolge der Teuerung sind es aber beträchtlich weniger. Die Nutznießung hatten der Reihe nach jährlich zwölf Höfe, die Brinksitzer gehörten nicht dazu. Dem fürstlichen Amte Wickensen musste jährlich ein Schaf, ein Hammel und ein Lamm gegeben werden. Die Wolle wurde, soweit sie nicht im Hause Verwendung fand, üblicherweise vom Hirten nach Einbeck verkauft, 1670 kostete 1 Klütt = 22 Pfund 6 Taler. – Die Waldungen, Jagd und Fischerei gehörten der fürstlichen Kammer; erstere bestanden fast nur aus Eichen und Buchen, weshalb das zum Häuserbauen benötigte Tannenholz stets vom Harze geholt werden musste. Der Forellenfischerei wurde besondere Aufmerksamkeit gewidmet, sie unterstand dem fürstlichen Forellenfänger Otto Brinkmann, der in einem bei der Mühle gelegenen Teiche seine Fänge aufbewahrte. –

Von ganz besonderer Wichtigkeit waren in der ganzen Wesergegend der Flachsbau und die Leineweberei, deren Reste sich bis ins Ende des vorigen Jahrhunderts erhalten haben. Die Leineweber verfertigen Hauslinnen und vor allem das sogenannte „Leggelinnen“, das durch die Kaufleute aufgekauft und auf der Weser bis Bremen und von da sogar nach Übersee verschickt wurde. Allein der braunschweigische Weserkreis lieferte davon jährlich für 130 000 Taler. Auch das „Knütten“ leinener Strümpfe war in einigen Orten ein nicht unbedeutender Erwerbszweig; von Ottenstein wird zum Beispiel berichtet, dass man dort selten jemand ohne sein Strickzeug zu sehen bekam. Der Bauer ging neben seinem Wagen her und strickte, und selbst die Parteien, die sich vor Gericht stritten, vergaßen darüber nicht, die Nadel zu rühren. Diese Strümpfe wurden in großen Mengen, das Dutzend zu zwei bis drei Talern, nach Holland ausgeführt. – An Gewerbetreibenden, die aber alle mehr oder weniger Landwirtschaft dabei betrieben, werden 1761 aufgezählt:

12 Leineweber
6 Schneider
3 Musikanten
3 Grobschmiede
2 Tischler
2 Bäcker
1 Koch
1 Braumeister
1 Drechsler
7 Schuster
4 Kramer
3 Maurer
2 Kleinschmiede
2 Tobackspinner
1 Bader
1 Müller
1 Fleischer
1 Knopfmacher.

Die Gewerbe waren größtenteils zu Gilden zusammengeschlossen, die zwar der obrigkeitlichen Aufsicht unterstanden, dafür aber auch in mancher Hinsicht sehr gefördert wurden. Überhaupt lässt sich aus den Akten immer wieder feststellen, wie sehr man seitens der fürstlichen Regierung bemüht war, Handel und Gewerbe zu heben und die Lebensverhältnisse zu bessern. Der Kartoffelanbau, der heute gar nicht mehr wegzudenken ist, wurde um die Jahrhundertmitte eingeführt, da aber noch in den 80er Jahren von den Kanzeln empfehlend darauf hingewiesen werden musste, und da der Kartoffelanbau in unseren Akten gar nicht erwähnt wird, scheint seine Einführung auf ebenso viele Schwierigkeiten gestoßen zu sein, wie der damals so hoffnungsvoll immer wieder empfohlene Tabaksanbau, von dem der Chronist schreibt: „Da hier 2 Tobackspinners sind, die guten Abgang haben, würde es eine leichte Sache seyn, dergleichen anzubauen, wenn die Leute nur dazu aufgemuntert würden; alle Narung aber, die nicht gleich vorteilhaft in die Augen fällt, ist hiesiger Gegend verhaßt.“ – Man versuchte, um den Verkehr im Orte zu heben, noch fehlende Berufe hierherzuziehen, und trat sogar amtlicherseits an die durchreisenden Handwerksgesellen mit der Empfehlung, sich hier niederzulassen, heran. So wurden zum Beispiel gesucht: je ein Loh- und Weißgerber, Messerschmied, Blankschmied, Zeugmacher, Strumpfweber, Kürschner, Bürstenbinder, Kammacher, Seiler, Rademacher, Korbmacher, Täschner oder Handschuhmacher, ferner ein Nadler, der zugleich mit Draht und Kurzwaren handelt, einen Posamentierer oder Band- und Bortenweber, der mit Seide, Zwirn und Garn handelt; auch „mit Salze, Essig, Talch, Wachs, allerley Grütze, Obst und anderen Gartenfrüchten, mit ordinairen Zeuge, hölzernen Geräten, als Eimer, Schaufeln, Teller, Löffel usw. wird allhier jedwedem erlaubt seyn zu handeln.“ Die hiesigen Jahrmärkte waren infolge der Kriegszeiten noch schlecht, auch „auf die Wochenmärkte ist erst zu hoffen, wenn mehrere Einwohner hier seyn“. Geklagt wird über die Kaufleute KIingemann und Wollenweber, die zwar nach Stadtoldendorf zum Markte ziehen, hier aber „den Markt mittels Aussetzung einer Bude auf dem Marktplatze nicht ansehnlicher machen wollen.“ Im Übrigen heißt es aber, dass die hiesigen Kaufleute „das commercium so gut, als es die Umstände verstatten wollen, getrieben haben.“ Sie handelten hauptsächlich Leinen und Rohprodukte nach Bremen gegen Wein und andere Lebensmittel, die dann hier wieder vertrieben und auch en gros weiterverkauft wurden. Guss- und Stabeisen wurde von den „herrschaftlichen Fabriquen“ (zum Beispiel Carlshütte Delligsen) bezogen; das Salz wurde aus Salzdetfurth hierhergebracht, wobei sich der Preis sehr danach richtete, ob die Wege „gut oder schlimm“ waren. Obgleich hier „Leimen“ = Lehm zum Bauen an vielen Stellen gefunden wurde, holte man die Barn- und Ziegelsteine von Gronau, Gips kam von Stadtoldendorf und Kalk von Vorwohle, Bruchsteine holte man sich vom Othberge und „vom Holze“ . Versuche, Eisenstein am Vogler zu brechen, waren wegen Unergiebigkeit bereits wieder aufgegeben, dagegen standen die herrschaftlichen Glashütten im Solling, in Grünenplan und in Holzen um diese Zeit noch in Blüte. Die Preise für Baumaterialien waren 1761 „wegen der itzigen teuren Zeiten“ nicht festzustellen. Nach § 5 des General-Berichtes von 1769 wird der Preis für

Eichenholz 1 Fuß auf dem Stamme exklusive Hauer-, Fuhr- und Sägelohn mit 1 Groschen 4 Pfennig
1 Fuß zu Dielen mit 2 Groschen – Pfennig
Tannenholz 1 Balken von 40 Fuß mit 2 Taler 6 Groschen
1 Fuder Dielen mit 16 bis 20 Talern

angegeben. Einem uralten, seiner rechtlichen Entstehung nach nicht ganz geklärten Brauche entsprach schon zu dieser Zeit die Lieferung von freiem Feuerholz an die Ortseinwohner, die sogenannte Holzgerechtsame. Es scheint ein Verdienst des bekannten Oberjägermeisters von Langen zu sein, in dem 1746 ausgearbeiteten Forstreglement die Holzmengen, die auf jeden Hof entsprechend seiner Größe entfielen, genau festgelegt und begrenzt und damit die Möglichkeit zu der heute vielfach geübten Ablösung und Kapitalisierung gegeben zu haben. Der einem neueren Verzeichnis (1925) zufolge in Eschershausen befindlichen 83 Hofstellen mit Holzberechtigung (etwas über 1000 Raummeter Derbholz und 80 hdt Reiserholz) wird aber in der FIeckensbeschreibung von 1761 keinerlei Erwähnung getan, die freie Feuerung galt dem Chronisten wohl als selbstverständlich. Zwar wird 1769 der Preis für ein Malter Brennholz fünffüßig mit 8 Groschen Forstzins und 5 Groschen Hauerlohn und Accidenz und für ein Schock Waasen mit 3 Groschen Forstzins und 5 Groschen Hauerlohn und Accidenz angegeben, doch dürften auch damals die Berechtigten, wie heute noch üblich, nur die Selbstkosten der Forstverwaltung für die Aufbereitung bezahlt haben.

Zu den aus alter Zeit stammenden Rechten gehört auch die Braugerechtigkeit, die hier 45 Hofstellen besaßen. Zwei Höfe verrichteten jedes Mal ein Gebräu, welches 12½ Halbfass hielt; das Brauhaus stand in der Nähe des Rathauses und hatte eine Wasserleitung aus der Driebe. Die Brauergilde hatte zunächst nur den hiesigen Ort mit Bier zu versorgen, wo nur der Ratskeller im Rathause (Kellerwirt Bürenheim, 74 Taler Pacht) und das Wirtshaus „Zum Weißen Roß“ am Marktplatz Nr. 46 (Heinrich Fricken, Pacht 25 Taler) die Kruggerechtigkeit hatten. 1770 wünscht sie aber ihr Bier auch in den beiden Scharfoldendorfer Krügen verlegen zu können, die jährlich ungefähr 50 Halbfass benötigten, wofür 10 Taler Pacht geboten wurden. „Das Bier an sich ist gesund und von gutem Broyhaus-Geschmack“. –

Da Arzt und Apotheke 1760 noch nicht am Orte waren, mussten sich die Einwohner des Arztes und der Apotheke zu Stadtoldendorf bedienen. Es wird deshalb im Berichte des Gerichtsschultheißen gewünscht, dass sich ein Apotheker finden möge, der sich hier anbaut und etabliert, er könne vorerst „unter der Aufsicht des Physici zu Stadtoldendorf stehen und nebenbei mit Gewürz und anderen Waren handeln“. Anno 1770 wird auch schon berichtet, dass der Apotheker Braun seine hiesige Apotheke in gutem Stande, aber nur „mäßige Nahrung“ davon habe, da der hier immer noch zuständige Arzt von Stadtoldendorf, Dr. Hoffmann, beim Publikum sehr unbeliebt war und die Leute deshalb lieber nach Alfeld oder Bodenwerder gingen und so das Geld außer Landes brachten.

Von 1774 beziehungsweise 1787 datiert ein vom Gerichtsschultheißen Laurentius, dessen verdienstvolle Tätigkeit sich verschiedentlich aus den Akten ergibt, verfasstes ausführliches Reglement,

  1. die Feueraufsicht zur Abwendung der Feuersgefahr,
  2. die Anstalten, so bei Entstehen der Feuersgefahr zu besorgen

betreffend. Der Ort war danach in vier Quartiere eingeteilt, denen je drei Feueraufseher vorstanden. Bei Feuersgefahr, die durch Rufen, Blasen des Nachtwächters und Läuten der Sturmglocke angezeigt wurde, musste jeder Hauswirt, sofern es Nacht war, ein Licht in sein Straßenfenster stellen, „damit die zu Hülfe eilenden desto besser fortkommen können“, und nebst seinem Gesinde mit Eimern zur Brandstätte eilen, wo der Gerichtsschultheiß und Bürgermeister die Oberleitung hatten. Die Feueraufseher des ersten Quartiers hatten für Spritze, Feuerleiter, Haken und Fässer zu sorgen, die des zweiten mussten die Leitern anlegen und an Sachen retten, was möglich war. Das dritte Quartier hatte die Leute „in gedoppelten Reihen“ aufzustellen, „worin die vollen Eimer hin- und die leeren zurückgereicht“ wurden; die Aufseher des vierten Quartiers endlich hatten für Wasser zu sorgen, nötigenfalls die Lenne abzudämmen und dergleichen. Für fahrlässigen Umgang mit Feuer und Licht waren ganz empfindliche Strafen ausgesetzt. An „Feuerinstrumenten“ werden 1761 aufgeführt: 18 Handsprützen, 4 Haken und 2 Leitern; 1787 ist aber schon „eine eigene gute Feuersprütze“ für den hiesigen „städtischen Ort“ (!) angeschafft worden. –

Die Kirche hatte damals schon das Aussehen wie heute, war sie doch schon 1746 an Stelle eines älteren Baues, der 1736 während des Gottesdienstes zum Teil eingestürzt war, fertiggestellt und geweiht worden. Jus patronatus hatte das Stift Hildesheim. Die Primariatpfarre war um 1760 nach dem Berichte „ein altes Gebäude mit Schornstein versehen und groben Steinen gedecket,“ das Diakonatpfarrhaus war „ziemlich“, das Pfarrwitwenhaus indessen „ein alt schlecht Haus“. Die Rechnung über die Klingelbeutelgelder, die den Armen zukamen, wurde in diesem Jahre von Pastor Meier abgelegt, Diakonus war Pastor Neuwirth. – Als „Schulbedienter“ waltete Kantor Egel in dem Schulgebäude Nr. 74 bei der Kirche seines Amtes als Lehrer der Jugend. Da er sich eine Magd hielt, trotzdem er verheiratet war, scheint er besser gestellt gewesen zu sein als seine Kollegen in Nachbarorten, die sich vielfach noch durch Spinnen und Weben im Nebenerwerb kümmerlich durchschlagen mussten. Nähere Nachrichten über die Schulverhältnisse fehlen leider.

Auf die Verbesserung der Wege innerhalb des Ortes wurde seit Jahren hingearbeitet; besonders schwierig war es, die vor den Häusern befindlichen Miststätten zu beseitigen, da zum Beispiel „der Bürgermeister selbst dergleichen vor dem Hause an der Hauptstraße“ hatte und sich die andern natürlich darauf bezogen, wenn ihnen die Beseitigung aufgegeben wurde. Auch die Stalltüren sollten, wo nötig, auf die Rückseiten der Häuser verlegt werden; zu der notwendig erachteten Bepflasterung der Hauptstraße glaubte man aber erst nach Wiederherstellung der Ruhe schreiten zu können.

Die Heerstraßen und Wege als die einzigen Verbindungen mit der Umwelt waren in diesen Kriegszeiten in äußerst schlechtem Zustande; die vielen durchziehenden Truppen mit Geschütz- und Munitionstransporten blieben häufig in den grundlosen Wegen stecken und fuhren dann einfach über die Felder oder verlangten Vorspann von der Bevölkerung. Die fürstliche fahrende Post ging seit Michaelis 1760 nicht mehr über Wickensen–Eschershausen nach Holzminden–Höxter, sondern von Vorwohle über Stadtoldendorf; durch einen Boten zu Fuß musste die Verbindung damit aufrechterhalten werden. Die Postexpedition hatte der Postverwalter und Bürgermeister Grove, „der auch die reitende Reichspost allhier expedieret.“ –

In herzoglichen Militärdiensten sind 1760 aus dem Flecken fünfzehn Mann, davon sieben Mann unter der regulären Truppe, zwei Mann unter Garnisonregimentern und sechs Landsoldaten. Außerdem standen in auswärtigen (hannoverschen) Kriegsdiensten Christian Klages und Ludwig Klinkerfus als Dragoner, Fr. Wehrmann als Unteroffizier bei der Infanterie, Anton Meier und Johann Heinrich Mönkemeier bei den „Reutern“ und Conrad Mönkemeier unter der „Schimmelgarde“. Durch andauernde Einquartierungen wurden die Einwohner sehr geplagt und bei den hohen Preisen für alle Lebensmittel sehr geschädigt. Anno 1760 passierten fast täglich Kriegesleute den Ort und begehrten Boten zum Wegweisen und Tornistertragen, verlangten Essen und Trinken – alles musste seitens der Einwohner geduldet werden, „wenn sie sich nicht üblen und harten Begegnungen bloßstellen wollten“. Ungleich lebendiger weiß uns Wilhelm Raabe den kriegerischen Hintergrund dieser Zeit in seiner Odfeld-Erzählung zu schildern: „Mitten im dicksten Weser- und Weserbergnebel und im Schlachtenlärm des Herzogs Ferdinand und des Herzogs von Broglio auf der ganzen Linie von der Hube bis zum Hils und vom Hils bis zur Weser! Die dortige Feldmark von heute ist wohl nicht mit der vom Jahre 1761 zu vergleichen. Es war damals noch mehr Baum und Busch sowohl vom Solling wie vom Weserwald übrig als wie jetzt. Auch die Wege waren andere und liefen anders. Was man heute Chaussee nennt, war damals die Heerstraße des 7jährigen Krieges, auf der jedermann marschierte, ritt, fuhr und steckenblieb, wie es die Gelegenheit gab. So ein Weg aus jener Zeit nahm oft die zehnfache Breite des jetzigen Straßenkörpers ein. Weithin über die Felder gingen die Gleisen und Fußstapfen. Was frei Feld und was die öffentliche Heerstraße sei, das war manchem armen Bauer, adligen Grundbesitzer und auch manch einer fürstlichen Kammer nicht unterscheidbar. – Für den Ökonomen war dazumal kein gut Wetter. Kisten und Kasten, Scheunen und Ställe waren leer, ohne dass diesmal zu große Trocknis, zu arge Feuchte, Hagel, Rotz, Räude, Würmer- und Mäusefraß mit dem betrübten Faktum das mindeste zu schaffen hatten. Den Hagel, der die Saaten niederschlug, die Mäuse, welche die Scheunen und Vorratskammern leer machten, hatte sich das deutsche Volk, Fürsten und Untertanen in einem Bündel, selber dazu eingeladen. – Die, welche das Korn gesäet hatten, hatten es wahrlich zum wenigsten Teil für sich selber geerntet. Die Waldungen trugen überall Spuren, dass Heereszüge sich ihre Wege durch sie gebahnt hatten. Überall Spuren und Gedenkzeichen, dass schweres Geschütz und Bagagewagen mit Mühe und Not über die Straße und durch die Hohlwege geschleppt worden waren. Zerstampft lagen die Felder und Wiesen, Kochlöcher waren überall eingegraben, Äser von Pferden und krepiertem Schlachtvieh noch unheimlich häufig in den Gräben und Büschen und an den Wassertümpeln der Verwesung überlassen.“ Da bereits 1757 und 1758 Kämpfe in der Gegend stattgefunden hatten (1758 warf General Luckner mit seinen Husaren und hannoverschen Jägern die Franzosen bei Eschershausen–Halle zurück), dürfte diese Schilderung voll und ganz zutreffen, und was diese Zustande im Einzelnen für die damalige Bevölkerung bedeuten, können am besten diejenigen unter uns ermessen, die das letzte große Völkerringen persönlich an der Front mitgemacht haben.

Aber auch diese Zeiten gingen vorüber, und trotzdem Herzog Carl I. während des Krieges, dem Beispiele des Preußenkönigs folgend, auch noch sein Geld durch Verringerung des Münzgehaltes verschlechterte und dadurch inflationsähnliche Erscheinungen heraufbeschwor, gelang es seiner nachher sehr sparsamen Regierung, vor allem aber der seines Nachfolgers, des Herzogs Carl Wilhelm Ferdinand, den Wohlstand im Lande wieder zu heben und die Kriegsschäden nach und nach auszumerzen. Dass auch Eschershausen an dieser Entwicklung teilhatte, dürfen wir aus dem starken Steigen der Einwohnerzahl schließen, die 1793 mit 725 Personen angegeben wird, also innerhalb 33 Jahren eine Bevölkerungszunahme von über dreißig Prozent ausweist. Aber wenn eine vor hundert Jahren gedruckte vaterländische Schrift von der Regierungszeit des Herzogs Carl Wilhelm Ferdinand sagt: „Das ganze Land blühete unter ihm. Der Untertan lebte zufrieden, gleichsam in einem kleinen Paradiese des Wohlstandes und des Handels; die Abgaben waren in allen Ständen verringert, vornehmlich befand sich der Landmann in einem Reichtume, den er vorher nie gekannt hatte“, so stellt dies der damaligen Regierung wohl das denkbar beste Zeugnis aus – der Geist der Zeit ist damit jedenfalls nicht gekennzeichnet, der jenseits des Rheines in der französischen Revolution sich triumphierend austobte und in seinem schicksalsschwangeren Schoße so viel neues Unheil für Deutschland barg. Vielleicht sind es aber feinste Schwingungen dieses Zeitgeistes, wenn wir in den Akten lesen, dass es in den 1790er Jahren wegen der in Wickensen noch zu leistenden Herrendienste der Eschershäuser Bürgerschaft zwischen dem damaligen Drost von Rosenstern und dem Magistrate (1798: Bürgermeister Meyer) öfters zu Unzuträglichkeiten kam. Ersterer beanstandete unter anderem die geringe Anzahl der zum Dienst erschienenen Pflichtigen, kürzte die diesen zustehende – aus einem Knobben Brot, Käse und Buttermilch bestehende – Verpflegung und wollte weder Ratsherren, Soldaten, die Männer von Wöchnerinnen noch sogar die Bademutter vom Dienste dispensiert wissen, während die Stadtverwaltung anderer Meinung war und auch dabei blieb. Von Seiten der Bürgerschaft wird dagegen noch 1801 sehr über die unmenschliche, schlechte und harte Behandlung „beim Bansen“ geklagt; der Verwalter führe schimpfliche Reden, habe eine Frau aus der Luke gestürzt und dergleichen. Erst dreißig Jahre später (1839 bis 1842) wurden alle diese aus ältesten Zeiten stammenden Herrendienste der Bürgerschaft, Schäfereiberechtigten etc. nach vorliegenden Dokumenten durch einmalige Zahlung von einigen hundert Talern an die herzogliche Hauptfinanzkasse „auf ewige Zeiten aufgehoben“.

Um die Jahrhundertwende hat uns kein Geringerer als Goethe gelegentlich einer Reise von Göttingen nach Pyrmont 1801 Tagebuchaufzeichnungen darüber hinterlassen, wie es hier aussah. Es heißt da unter anderem von Eschershausen: „Die Bauern hatten weiße Kittel, rot vorgestoßen, weiße, kattunene Westen, blaue, tuchene Beinkleider und blaue Kamaschen. Die Bauerhäuser mit artigem Schnitzwerk und Inscriptionen verziert, übrigens aber große Haustüren, inwendig befand sich eine Tenne, gleich in der Nachbarschaft das Vieh, Herd, Küche und Wohnung der Menschen, alles beisammen unter einem Dach. Die Öfen und Rauchlöcher gingen fast alle auf der Seite des Hauses unter dem Dache, auch zur Haustüre selbst heraus.“ –

Nachdem der greise Herzog Carl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig als Oberbefehlshaber preußischer Truppen im Kampfe gegen Napoleon am 14. Oktober 1806 bei Auerstädt tödlich verwundet war und das Unglück nun mit voller Wucht über Preußen–Deutschland hereinbrach, kam auch unsere Heimat 1807 zu dem neugebildeten Königreich Westfalen und musste die französischen Regierungsformen annehmen. Eschershausen als Hauptort des gleichnamigen Cantons gehörte zur Unterpräfektur des Distrikts Einbeck im Leine-Departement. In den wenigen vorliegenden Papieren zeichnet als Canton-Maire Seulcke, als Unterpräfekt C. F. Pini, erwähnt werden noch (1813) Tribunalrichter Kubel in Einbeck und Senator und Madame Knüll von hier.

Das Rad der Geschichte rollte weiter. Als Napoleon „mit Mann und Ross und Wagen“ sich aus Russland zurückziehen musste, als in der Zwischenzeit die preußischen Reformen eines Stein und Hardenberg, als Johann Gottlieb Fichte, Schleiermacher und die Freiheitssänger Arndt, Körner, Kleist und andere den Boden vorbereitet hatten, auf dem sich ein neues Nationalbewusstsein entwickeln konnte, als neue Hoffnung und Freiheitssehnsucht in den bisher trägen Massen geweckt waren, da fand sich auch für unser Heimatland die Stunde, da es das Joch der Fremdherrschaft abschütteln konnte. Am 26. Dezember 1813 erließ Herzog Friedrich Wilhelm jene denkwürdige Proklamation, in der er seinem Lande seine Rückkehr anzeigt, gleichzeitig aber das Volk zu weiterem Befreiungskampfe aufruft, und in der Verordnung vom 2. Januar 1814 betreffend Complettierung des braunschweigischen Truppenkontingentes heißt es: „Für unsere gemeinschaftliche Unabhängigkeit und für die Ehre des deutschen Namens zu kämpfen, hat auch schon eine bedeutende Anzahl von reiner Vaterlandsliebe entflammter Jünglinge und Männer freiwillig sich zu unseren Fahnen eingefunden“ und weiter: „Wir setzten diesen wichtigen Gründen die Versicherung hinzu, dass wir Uns selbst an die Spitze der Verteidiger des Vaterlandes stellen, sie in den Kampf führen und jede Gefahr mit ihnen teilen, das Verdienst belohnen und für die im Felde invalide gewordenen und für die hinterbliebenen Witwen und Waisen nach den Kräften unseres Landes vorbildlichst sorgen werden.“ Er hat sein Wort vorbildlich gehalten, unser „schwarzer Heldenherzog“: am 16. Juni 1815 starb er bei Quatrebras den Soldatentod – für die Witwen und Waisen seines Landes zu sorgen, sollte ihm nicht mehr vergönnt sein.

Eschershausen, das schon im Januar 1814 Sitz eines Kreisgerichts (Kreisamts), umfassend die bisherigen Cantons Eschershausen und Stadtoldendorf, wurde, fiel auch bei der oben erwähnten Neuorganisation des braunschweigischen Heeres eine nicht unbedeutende Rolle zu: Das vierte Bataillon der Landwehr trug den Namen unserer Stadt, es rekrutierte sich aus den Militärpflichtigen der Kreisgerichte Eschershausen, Greene, Holzminden, Ottenstein und Thedinghausen. Die Kleidung der Landwehrmänner, die sie sich im Allgemeinen, abgesehen von den Waffen, selber beschaffen mussten, bestand aus einem dunklen, möglichst schwarzen „Pohlrocke“, einem „Pantalon“, einem Paar Stiefeletten, einer schwarzen Tuchmütze mit Schirm, einem „Capotrocke“, zwei Paar Schuhen und zwei Hemden; als Abzeichen hatte das Bataillon Eschershausen einen grünen Kragen am Pohlrocke (Braunschweig hellblau, Wolfenbüttel gelb, Helmstedt orange, Blankenburg rot).

Infolge der Neueinrichtung der Verwaltung mussten seitens des Stadtmagistrats (Bürgermeister Seulcke) wieder sorgfältige Personenverzeichnisse, sogenannte Seelen-Listen, aufgestellt werden, die eine wahre Fundgrube für Familienforscher unserer Tage bilden können. Gleich in dem ersten dieser Verzeichnisse von 1814 tritt uns eine Fülle heute noch bekannter Eschershäuser Familiennamen entgegen: Ahlschwede, Ahlbrecht, Allerkamp, Buberti, Büchner, Brümmer, Brandt, Brinkmann, Brunotte, Bruns, Cohrs, Dörries, Fricke, Grupe, Göhmann, Gerke, Giers, Grotehenn, Hordt, Hußmann, Hasper, Herwig, Hartmann, Jürgens, Kolenberg, Krebs, Kuckuck, Kese, Kuhlmann, Kraus, Knüll, Klages, Klinkerfus, Knipping, Krösche, Lange, Meyer, Merkel, Müller, Möller, Mönkemeyer, Morig, Mahlmann, Niemeyer, Peters, Pistorius, Runge, Rasch, Reese, Ripke, Sander, Severith, Seulcke, Siegmann, Sottmann, Schünemann, Schmalhoff, Schomburg, Schopmeyer, Scholle, Stolzenberg, Stapel, Stake, Schüßler, Schulze, Schrader, Tappen, Twele, Uhde, Wellhausen, Wedeking, Wichmann. Ferner werden erwähnt Kreisamtmann Henke, Kreisamtmann Mittendorf, Actuar Wilke, Pastor primarius Cappe, Pastor diaconus Schonermark, Witwe des Superintendenten Alberti, Witwe des Kantors Hoff, Dr. Eicke und andere. Letzterer war 1791 ärztlicher Begleiter Schillers auf der Reise nach Karlsbad. Die Einwohnerzahl betrug 1815 einschließlich Wickensen 223 Familien mit zusammen 1132 Seelen, dürfte aber wohl nicht ganz stimmen, da 1818 das fürstliche Kreisamt erneut anordnet, zuverlässige Männer von Haus zu Haus zu schicken und diesen zehn Mariengroschen Strafe für jeden zu wenig und fünf Mariengroschen für jeden zu viel angegebenen Einwohner aufzuerlegen. 1818 erscheint dann auch die Einwohnerzahl mit 1024 Seelen, davon 1017 Lutheraner; Israeliten waren hier nicht sesshaft. –

Im Jahre 1820 wurden an Stelle der früheren Quartiermeister der 1780er Jahre Rottmeister (auch Viertelsmeister) neu eingeführt und verpflichtet, außer der Feueraufsicht und den Feuerwehrdiensten haben sie nun auch gewisse polizeiliche Aufsichtspflichten, insbesondere über die Wirtshäuser und Jahrmärkte. Diese wurden ihnen jedoch 1823 schon wieder abgenommen, da „zum Nachteil der guten Sache Reibungen zwischen denselben und den Husaren und Fußjägerdetachement“ entstanden waren. 1825 erscheinen erstmalig als Vorläufer der heutigen Stadtverordneten sechs Stadtdeputierte (1829 deren acht); im Jahre 1828 findet sich der Bürgermeister Herr von Rosenstern als Leiter des 1252 Seelen (633 Männer und 619 Frauen) umfassenden Gemeinwesens.

Wilhelm Raabes Geburtsurkunde
Wilhelm Raabes Geburtsurkunde im Kirchenbuche.

Am 7. Juli 1827 wird der Vater unseres Dichters, Gustav Raabe, zum Actuar beim Herzoglich Braunschweigisch-Lüneburgischen Kreisamt Eschershausen ernannt; leider findet sich sein Name nur einmal unter einer Akte vom 22. Dezember 1828:

in fidem copiae
Raabe

K. A. Actuar.

Auch in den Seelenlisten dieser Jahre wird der Name Raabe nie aufgeführt, da entgegen früherer Gepflogenheit nur die Besitzer der Wohngrundstücke namentlich darin verzeichnet werden. Da auch Standesregister damals noch nicht geführt wurden, zeigt allein das Verzeichnis der Geborenen und Getauften des Kirchenbuches unter der laufenden Nr. 27 im Jahre 1831 an, dass am 8. September „Gottes Wunderwagen“ hier angehalten und einen der besten unter seinen Fahrgästen hier „– wie immer – zur rechten Zeit und am richtigen Orte“ abgeladen hatte. –

Die Regierungszeit des Herzogs Carl II. 1815 bis 1830 war, wie bekannt, eine wenig glückliche für sein Land gewesen. Als er am Abend des 7. September 1830 in tiefer Dunkelheit sein Land verlassen musste, waren, wie noch 1831 geklagt wird, „die Wunden noch nicht vernarbt, die vorher ein zwanzigjähriger Krieg geschlagen hatte. Die Zeiten waren wieder einmal äußerst schwer geworden, und das Raabewort erweist sich mit Bezug auf ihn selbst als volle Wahrheit: „Wer denkt, wenn er an die Freuden seiner Kinderjahre zurückblickt, daran, dass seine Eltern auf dem Kampfplatze waren? Auf dem Kampfplatze in der bittersten, bösesten Bedeutung des Wortes!“ Ähnlich wie heute, volle hundert Jahre später, bewirkte ein durch verschiedene Ursachen stark verringerter Außenhandel ein außerordentlich starkes Ansteigen der Konkurse in Handel und Industrie und damit eine große Arbeitslosigkeit Die wichtigsten Erwerbszweige des Wesergebietes, wie Strumpf- und Leinenhandel, waren durch hohe Zölle gelähmt. Außerordentlich hohe Steuern, Zehnten, Zinskorn, dazu geringe landwirtschaftliche Erträge, Hagelschlag, Überschwemmung und Misswachs (1830) bewirkten eine starke Verschuldung der Landwirtschaft, sodass häufig der Besitzer übler dran war als der Pächter (der pro Morgen circa zwei bis drei Taler zahlte), und bei der Menge der Leistungen, die mit dem Besitz verknüpft waren, nur ein geringes Interesse an seiner Erhaltung bestand. Notwendige Bauten konnten bei dem großen Kapitalmangel nicht ausgeführt werden, die fast durchweg baufälligen Häuser ließ man mangels staatlicher Hilfe einfach einfallen. Zwangsweise Verkäufe und Teilung der Höfe waren an der Tagesordnung, die Besitzer sanken zu Tagelöhnern herab (in Boffzen sind in dieser Zeit an die zwanzig Ackerhöfe auf diese Weise untergegangen). Die Schulen waren vollkommen ungenügend, auf hundert Kinder kam häufig nur ein Lehrer; die Bevölkerung auf dem platten Lande war der Wilddieberei und dem Schmuggel, vor allem aber dem Branntweingenuss ergeben. Unser Gewährsmann, Dr. L. Krüger im Braunschweigischen Magazin 1831 schreibt: „Die Menschen sind in hiesiger Gegend (Weserkreis) zu einem großen Teil gänzlich verwildert, dem Trunke und dem Müßiggange in einem solchen Grade ergeben, dass oft nur äußerste Not imstande ist, sie zu anhaltendem Fleiße anzutreiben.“ (Etwas Beschäftigung fand sich bei den Arbeiten in den herrschaftlichen Forsten sowie beim Neubau von Chausseen). Alles in allem: die Bevölkerung befand sich in einer traurigen Lage und im Zustande stets zunehmender Verarmung.

In Eschershausen wurden vom 17. September 1831 ab wegen befürchteter Unruhen und zum Schutze der Bürgerschaft wieder regelmäßige Nachtwachen eingerichtet; von außen her drohte dem Lande eine Cholera-Epidemie, sodass sich die Stadtdeputierten in diesem Jahre außer mit der Aufbringung rückständiger Steuern, Prüfung städtischer Rechnungen auch mit Vorkehrungen wegen der Cholera befassen mussten. Die Einwohnerzahl zählte man 1831 mit 1244 Seelen (1836: 1281). Von Amtspersonen dieses Jahres sind zu erwähnen:

Bürgermeister von Rosenstern,
Pastor Cappe,
Pastor Deichmann,
Amtmann Baumgarten,
Kantor Tellgmann,
emeritierter Schulmeister Böcker,
Doktor Eicke (Haus Nr. 111),
Chirurgus Brinkmann (Nr. 47),
emeritierter Apotheker Schulze,
Apotheker Horn,
Bauverwalter Seuleke,
Kämmerer Schmalhoff,
Amtsvogt Arent,
Gefangenenwärter Stümpel,
Stadtdiener Büchner,
Schäfer Hansmann,

ferner waren Klempner Bertram, Schlosser Mahlmann andere stadtbekannte Persönlichkeiten. Kellerwirt war in diesem Jahre Kuhlmann, der 200 Taler Pacht zahlte; Nebenwirt Hasper bezahlte 40 Taler, Nebenwirt Gerke 26 Taler und Schankwirt Dralle (Nr. 31 a) circa 30 Taler Pacht. – Die städtischen Rechnungen für 1831 sind zwar erst vier Jahre später fertiggestellt, zeugen aber von sehr geordneten Finanzen.

Wilhelm Raabes Geburtshaus um 1831

An interessanten Ausgabeposten erscheinen unter anderem

Schlosser Mahlmann für Reparatur der Bürgergardegewehre6 Taler – Groschen
Für Anbinden der Pappeln im Gemeindeanger– Taler 8 Groschen
Verlust an schlechten Münzsorten1 Taler 2 Groschen
Ausfütterung der Ochsen15 Taler – Groschen
Für Absägen der Hörner an Kuhhirt Klages– Taler 5 Groschen
Reitender Förster Brandes für Rekognition der Kuhhude2 Taler – Groschen
Kurkosten und Medizin für Arme51 Taler – Groschen
Für 1 Tonne Bier an herzogliches Amt Wickensen bei der Ankunft Seiner Durchlaucht des Herrn Herzogs Wilhelm de 18312 Taler 8 Groschen
Für Feuergeräte29 Taler – Groschen

(hierzu zahlten die umliegenden Gemeinden Holzen, Scharfoldendorf, Lüerdissen und Dielmissen entsprechende Anteile).

Im Laufe der Jahre hatte Eschershausen mit der Steigerung der Einwohnerzahl und mit der Vermehrung der Gewerbetreibenden ein mehr und mehr städtisches Ansehen bekommen; die endlich chaussierte Hauptstraße mit den breiten Steinen für die Fußgänger an den Seiten, die nach hier verlegte Poststation und der Sitz des Kreisamtes bildeten mit einigen neuerbauten Häusern den Stolz der Einwohner, die sich umso mehr als wirkliche „Städter“ fühlen mussten, als der Ort in amtlichen Verfügungen früherer Jahre den übrigen Städten stets gleichgeachtet und öfters sogar als Stadt bezeichnet wurde. Auch die Urkunde vom 20. April 1831, den Huldigungseid nach dem Regierungsantritte des Herzogs Wilhelm betreffend, lautet: „Wir entbieten daher den Bürgermeister der Stadt Eschershausen, von Rosenstern, an gedachtem Tage (25. April) nach beendigtem vormittägigem Gottesdienste im Bevernschen Schlosse hieselbst sich einzufinden, und den erwähnten Eid abzuleisten.“ Umso mehr war die Bürgerschaft enttäuscht, als der Ort nach dem Inhalte des Entwurfs einer neuen Landschaftsordnung den übrigen Landstädten „nicht allein nicht zugerechnet wurde, sondern sogar zu fürchten stand, dass er zum Nachteile seiner bisherigen städtischen Privilegien unter das platte Land völlig zurückgeschoben werden solle.“ Am 1. Oktober 1832 wurde deshalb seitens des Bürgermeisters ein ebenso untertänig wie ausführlich gehaltenes Gesuch an den Herzog gerichtet mit der Bitte, den versammelten Ständen des Herzogtums zu eröffnen, „dass Eschershausen in die Reihe der Städte aufgenommen und dem sechsten von Holzminden und Stadtoldendorf gebildeten Wahlbezirke rücksichtlich des Wahlrechts der demnächstigen Landtagsabgeordneten beigeordnet werden solle.“ Dem Gesuche waren acht Stück landesherrliche Bestätigungen alter Privilegien auf Pergament mit Siegelkapseln betreffend die Gerichtsbarkeit, Marktgerechtigkeit, Brauereigerechtsame, sowie das Schenken und Versellen des Bieres, nebst anderen jüngeren Urkunden beigefügt, die sich jetzt im Landeshauptarchiv zu Wolfenbüttel befinden. Durch die herzogliche Kreisdirektion Holzminden ging der Ortsbehörde dann die vom 25. April 1833 datierte Antwort des Landesherrn zu:

„Wir finden uns daher bewogen, den genannten Flecken in Verwaltungsangelegenheiten den Landstädten des Herzogtums hierdurch gleich, und in administrativer Beziehung unmittelbar unter die höhere Verwaltungsbehörde zu stellen –“ nach mühevollen Jahrhunderten war Eschershausen nun wirklich eine Stadt geworden!

Rund hundert Jahre sind seitdem schon wieder im Strome der Zeiten hingerauscht, „ein Geschlecht der Menschen verging nach dem anderen – ein Geschlecht gab die Waffen des Lebens weiter an das andere!“ – Was wir heutigen Menschen in der kampf- und nötereichen jüngsten Vergangenheit und Gegenwart erlebt haben und noch erleben, es erscheint uns oft so einmalig und so außerordentlich, als ob keine frühere Generation gleichen Sorgen und Notzeiten gegenübergestanden und gleiche Opfer hätte bringen müssen. Wie manche verzweifeln an dem Sinn des Lebens und sehen gar keinen Ausweg aus der Not unserer Tage! Und doch ist letzten Endes alles schon dagewesen und auch unsere Gegenwart nur ein Wellental in dem ewigen Auf und Ab des Lebens. Da „wir nicht in die Welt gekommen sind, um uns auszusuchen, sondern um vorlieb zu nehmen“, müssen auch wir uns durchbeißen und durchkämpfen, damit wir unserer Bestimmung gemäß die Waffen des Lebens weitergeben können an ein neues Geschlecht: möchten es im Sinne unseres Meisters Wilhelm Raabe immer die rechten Waffen sein! –

Für die freundliche Erlaubnis zur Veröffentlichung der Kirchenbuchseite sei auch an dieser Stelle Herrn Pastor primarius Spangenberg herzlichst gedankt, ebenfalls Herrn Intendantur-Inspektor Lucé, Münster für die Beschaffung der alten Ansicht vom Raabehause.





August Elsner:

Wilhelm Raabe und seine Geburtsstadt.

Das Schicksal vieler großer Männer, erst nach ihrem Tode bekannt und berühmt zu werden, hat Wilhelm Raabe nicht ganz geteilt; jahrzehntelang nur von einer kleinen Gemeinde geschätzt und gelesen, war ihm doch im hohen Alter noch die Anerkennung weiter Kreise seines Volkes zu erleben vergönnt, sodass er wehmütig-freudig schreiben konnte:

„Vom Abendsonnenglanz geblendet – Dank!“

Auch die verschiedenen Ehrungen, die seine Heimatstadt Eschershausen ihrem größten Sohne zuteilwerden ließ, beginnen erst nach der Jahrhundertwende. Zum 70. Geburtstage 1901 wurde Wilhelm Raabe auf Antrag des damaligen Stadtverordneten-Vorstehers Lehrer Hage, sowie der Herren Pastor primarius Cohrs, Pastor diaconus Schraepel, Apotheker Constantin Cruse, Fabrikbesitzer L. Haarmann und Fabrikbesitzer Thomae in der Sitzung des Stadtmagistrats und in der Stadtverordnetenversammlung zum Ehrenbürger ernannt. Die Ehrenurkunde hatte folgenden Wortlaut:

„Im stolzen Gedenken, daß ein Sohn Eschershausens, der in und über Deutschlands Gaue hinaus wohlbekannte Dichter und

Schriftsteller Wilhelm Raabe
anhier am 8. September 1831 geboren

durch seinen echten kerndeutschen Humor tausend und abertausend Herzen fröhlich gestimmt und wiederum durch seinen tiefen, ergreifenden Ernst tausend und abertausend Gemüter zu innerer Einkehr gebracht hat, insonderheit aber

in dankbarer Anerkennung, daß er treu anhängend den Stätten seiner Jugend in seinen Schriften uns geführt hat von den lieblichen Ufern der Weser, durch die Wälder des Voglers, über die Klippen des Iths, vorbei an den alten Klostermauern Amelungsborns, über das Odfeld nach Eschershausen und zur Feste der Homburger, daß er dadurch die Liebe zur engeren Heimat, diese Hauptgrundlage des bürgerlichen Lebens in uns gefestigt und gestärkt, hat, haben wir,

Magistrat und Stadtverordnete von Eschershausen, in unserer Sitzung am 8. März dieses Jahres den Beschluß gefaßt,
dem Dichter und Schriftsteller Wilhelm Raabe das Recht eines Ehrenbürgers unserer Stadt zu erteilen.

Ihm zur Ehre! Uns zur Ehre!

Das zur Urkund ist dieser Ehrenbürgerbrief verfaßt, gefertigt und dem neuen Mitbürger an seinem 70. Geburtstage übergeben.

Eschershausen, den 8. September 1901.
Der Stadtmagistrat.

A. Peters, Bürgermeister.Die Stadtverordneten,
Karl Hage, Vorsitzender.“


Diese Ehrenurkunde wurde von Bürgermeister Peters und den Herren Hage und Haarmann auf der Festsitzung zum 70. Geburtstage Wilhelm Raabes am 8. September 1901 im Altstadtrathause zu Braunschweig überreicht. Das Dankschreiben des Dichters vom 16. September lautete:

„An den Wohllöblichen Magistrat der Stadt Eschershausen.

Wie liebe freudige Antheilname aus dem Vaterhause hat mich die hohe Ehre berührt, die mir meine Geburtsstadt Eschershausen dadurch bewiesen hat, daß sie mir ihr Ehrenbürgerrecht zu meinem 70sten Geburtstage verliehen hat! Aber ich kann wahrlich meinen Mitbürgern auch die Versicherung geben, daß die alte Heimath mit ihren schönen Bergen, Thälern und Wäldern, daß die wackere Landsmannschaft an der Weser auf meinen Wegen durch’s Leben mir nimmer aus den Gedanken entschwunden gewesen sind.

Nun hat die Stadt Eschershausen aber doch das Beste dazu getan, dem Greise seine ältesten Kindheitsverpflichtungen noch selber in’s Gedächtnis zurückzurufen, und was er seinerseits ferner ihr zu Liebe wirken kann, das wird geschehen, so lange seine Kräfte reichen!

Seiner Heimathstadt Eschershausen in Treuen ergebener Bürger

Wilhelm Raabe
Braunschweig, 16. September 1901.“

Fünf Jahre später, zum 75. Geburtstage, wurde der Teil der Hauptstraße, an welchem Raabes Geburtshaus liegt, von den städtischen Behörden zu Ehren des Dichters „Raabe-Straße“ genannt. Die Stadt erhielt folgende Antwort:

„An den Wohllöblichen Magistrat der Stadt Eschershausen.

Meinen herzlichen Dank sage ich meiner lieben Vaterstadt für ihren freundlichen Entschluß, zu meinem fünfundsiebzigsten Geburtstage eine ihrer Straßen nach meinem Namen benennen zu wollen.

Des uralten edlen Gemeinwesens in bürgerlicher Treue ergebener

Wilhelm Raabe
Braunschweig, 16. September 1906.“

Mit Wilhelm Raabe und seiner Geburtsstadt sind die „Brüder vom Großen Sohl“ eng verbunden. Alljährlich am letzten Sonntage vor Weihnachten wandert eine lose Vereinigung ehemaliger und jetziger Lehrer und Schüler des Kaiser Wilhelm-Gymnasiums Hannover zum „Großen Sohl“, der höchsten Erhebung des Hilses, um hier in der freien Natur in althergebrachten Formen ihre Wintersonnwend- und Weihnachtsfeier zu begehen. Im Jahre 1904 von Oberstudiendirektor Dr. Hans Freytag gegründet, begann 1907 die große Zeit der Bruderschaft, in der Wilhelm Raabe ein Freund derselben wurde. Von diesem Jahre an erfolgte der Abstieg aus den Bergen nicht mehr, wie bisher, nach Alfeld, sondern nach Eschershausen, wo eine schlichte Weihnachtsfeier die Wanderung beschloss.

Bevor abends mit den Fackeln zum Sonnenwendfeuer auf den Kirchberg gezogen wurde, ging man zu Raabes Geburtshaus. Hier wurde Wilhelm Raabe von Dr. Freytag als einer der besten deutschen Schriftsteller, der mit dem Zauber seiner Dichtung die ganze Gegend verklärt und mit tiefem heiterem Gemüt aufgedeckt hat, was nur deutsche Herzen in ihrer Tiefe an Schönem hegen, gefeiert, und ihm zu Ehren die Fackeln geschwenkt. Am 8. September 1908, dem 77. Geburtstage Wilhelm Raabes, waren drei Brüder vom Großen Sohl bei dem Dichter und überbrachten ihm die Glückwünsche der Bruderschaft. Zur fünften Sohlfahrt 1908 schrieb Wilhelm Raabe:

„Der Bruderschaft vom Großen Sohle sendet zu ihrem 5. Wintersonnenwende- und Weihnachtsfest auf dem Berg und im Tal die herzlichsten Grüße und zum Übertritt in das Jahr 1909 die aufrichtigsten Glückwünsche der Alte an der Oker,

Wilhelm Raabe.“

Auf der sechsten Sohlfahrt Weihnachten 1909 wurde vom Oberbruder Dr. Freytag mitgeteilt, dass Wilhelm Raabe eingewilligt habe, Ehrenbruder der Brüder vom Großen Sohl zu sein. Der schönste Nachklang zu dieser Sohlfahrt war der Brief Wilhelm Raabes an die Bruderschaft vom 25. Dezember 1909:

„Meinen teuren, tapfern und – nunmehro auch wirklichen – ‚Brüdern‘ vom Großen Sohl aus der behaglichen Weihnachtsstube meinen herzlichen Sonnenwendfeiergruß und ebenso Dank für das schöne Kunstblatt und die Einladung, den großen Aufstieg zu den Höhen meiner verschneiten Heimatsberge mitzumachen! Wie gern würden die neunundsiebenzigjährigen Knochen das getan haben, wenn sie es gekonnt hätten! Aber im Geist bin ich doch dabei gewesen, sowohl auf des Berges Gipfel, wie in der wohligen Bundestaberne in Eschershausen. –
Ein fröhliches Christfest und ein hoffnungsreicher gesunder Obertritt ins Jahr 1910 jedem Einzelnen vom Bunde und dem Bunde im Ganzen!

Wilhelm Raabe“

Weihnachten 1930 fand die zwanzigste Sohlwanderung statt, sie klang aus auf dem Friedhof am Lindener Berge zu Hannover in einer Trauerfeier für den am 11. Oktober 1930 verstorbenen Oberbruder Hattenbach. Um das Zustandekommen der jährlichen Sohlwanderungen macht sich der Bundeskanzler der Bruderschaft, Oberleutnant außer Dienst Schmidt-Vogelsang, Hannover, besonders verdient.

Als erste Raabegedenkstätte noch zu Lebzeiten des Dichters wurde auf dem „Großen Sohl“ ein Gedenkstein mit einer Raabeplakette errichtet und der daneben erbaute Turm „Raabeturm“ genannt. Prof. Dr. Hans Freytag, Hannover, weihte diese Gedenkstätte mit den Worten:

„Wir wollen diesem Stein, den wir bei den Geistern dieses Berges in treuer Hut wissen, einen Heilsruf von dem Manne bringen, dessen Bild das Denkmal trägt. Ein Ruf, wie er selten bei Denkmalseinweihungen vernommen wird. Er möge von diesem Berge hinabklingen in das tiefe Tal, weit ins Land hinaus. Wilhelm Raabe, unser heimatlicher Dichter, der Braunschweiger Kleiderseller und der Ehrenbruder vom Großen Sohl soll leben hoch!“

Im Januar 1911 wurde das Geburtshaus Wilhelm Raabes vom Verkehrsverein mit einer kupfernen Gedenktafel geschmückt, die allerdings dem Weltkriege zum Opfer fiel. Nach dem Kriege wurde eine neue Tafel durch den inzwischen gegründeten Raabe-Verein angebracht, die dieses Mal aus heimischem Dolomitgestein hergestellt wurde.

Der erwähnte, nach Wilhelm Raabe benannte Verein, hatte sich zur Aufgabe gemacht, das Interesse an Kunst und Literatur in der Einwohnerschaft zu wecken und zu pflegen und belehrende und unterhaltende Darbietungen zu vermitteln, was besonders in der Inflationszeit einem dringenden Bedürfnis entsprach. So konnte der Verein zum Beispiel eine ganze Anzahl Vorstellungen des braunschweigischen Landestheaters und anderer Bühnen im Laufe der Jahre ermöglichen und durch Raabe-Abende und andere Vorträge aus Literatur und Wissenschaft im Sinne unseres Dichters tätig sein.

In den Inflationsjahren 1921 bis 1923 wurde von den Städten sogenanntes Bildernotgeld herausgegeben. Um mit diesen Geldscheinen Interesse bei Sammlern zu finden, verband man damit Ehrungen großer Männer unseres Volkes oder hielt Erinnerungen an historische Begebenheiten wach. Ursprünglich gab wohl ausschließlich der Kleingeldmangel Anlass zur Anfertigung der Geldscheine. Später kam die Geldnot der Städte hinzu und nicht zuletzt auch der Gedanke, dass die bunten Bilderchen gut als Werbemittel zur Belebung des Fremdenverkehrs der ausgebenden Städte angesehen werden könnten. Wenn auch nicht geleugnet werden soll, dass diese rein praktischen Gründe bei der hiesigen Stadtverwaltung damals vorhanden gewesen sind, so muss doch betont werden, dass sie allein es nicht vermocht hätten, den Gedanken zur Tat werden zu lassen, sondern vielmehr der Umstand, dass Eschershausen als Geburtsstadt eines der größten deutschen Männer berechtigt und in der Lage war, mit Hilfe seines Erbes, diesem Plane eine ganz besondere Vergeistigung und Vertiefung zu geben. Die Eschershäuser Raabe-Serie, wie sie genannt wird, besteht aus sechs Scheinen, deren jeder auf seiner Bildseite ein Raabewort versinnbildlicht, während die Wertseite Ansichten von Eschershausen, dem Raabehause und dem Raabedenkmal trägt. Bei der Auswahl der Zitate hat der damalige Vorsitzende der Gesellschaft der Freunde Wilhelm Raabes, Prof. Dr. Brandes, mitgewirkt; die Entwürfe stammen aus der Feder eines Künstlers von Ruf, des Kunstmalers Franz Jüttner-Wolfenbüttel. Der erste Schein mit dem Zitat: „Frei durchgehen!“ aus „Deutscher Adel“ zeigt eine rüstige Mannesgestalt in felsiger Gegend, die unbekümmert um die zähnefletschenden, grauenhaft geifernden Tiergestalten, die von allen Seiten drohen, aufrecht ihres Weges schreitet. Heimatstimmung atmet der zweite Schein mit dem bekannten Worte: „Die Berge sind den Göttern heilig!“ In Bildern und gleich trefflicher Symbolik ist hier das christliche Zisterzienserkloster Amelungsborn, dem heidnischen Wodansfelde, dem Odfelde gegenübergestellt. – Auch der nächste Schein ist der Verherrlichung der schönen Heimat und damit des deutschen Vaterlandes gewidmet. Dem Künstler scheint aus der Chronik der Sperlingsgasse, eine Reiseerinnerung des Meisters Strobel an das Weser- und Voglergebirge vorgeschwebt zu haben: „Ich verließ meinen Ruheplatz und ging durch den Buchenwald den nächsten Berg hinauf bis zu einer freien Stelle, von wo aus der Blick weit hinausschweifen konnte ins schöne Land des Sachsengaues. Welch eine Scholle deutscher Erde!“ Dazu als Motto das schöne Wort nach dem 137. Psalm: „Vergesse ich dein, Deutschland, großes Vaterland, so werde meiner Rechten vergessen!“ – Wo der Heimat gedacht wird, da dürfen ihre besten Söhne nicht fehlen. So zeigt ein anderer Schein das würdige Mal an die Erinnerung unserer Helden, flankiert von gesenkten Fackeln und von Symbolen der Tapferkeit und des Ruhmes. Wie eine Mahnung an kommende Geschlechter klingen seine Worte: „Es ist deutscher Adel, den Tod nicht ernst zu nehmen und die Toten mit Ernst und Respekt zu behandeln!“ – Zu den unsterblichen Toten gehört auch Wilhelm Raabe, dessen gütiges Greisenantlitz den folgenden Schein ziert; er wird zu Lebzeiten wohl kaum daran gedacht haben, dass seine eigene Meinung über die Frage, was ist Ruhm? „Ruhm ist: mitgedacht werden, wenn an ein ganzes Volk gedacht wird!“ einmal so treffend zur Ehrung seiner selbst Verwendung finden würde. Der letzte Schein der Serie dürfte mit Recht auch seinem Inhalte nach als der wertvollste gelten. Hier sehen wir das deutsche Volk bei der Arbeit, auf dem Acker, in den rauchenden Fabriken und in den Werkstätten, sowie auf dem Bauplatze. Als Zitat sind die Worte aus „Gutmanns Reisen“: „Und dieses deutsche Volk glauben sie unterkriegen zu können!“ gewählt.

Wilhelm Raabes Geburtshaus 1931
Wilhelm-Raabes Geburtshaus 1931.
Das Haus wurde 1828 von Zimmermeister Friedrich Wunderlich für sich erbaut und hatte zunächst die Assekuranznummer 91 b, später 138. 1850 war der Schneidermeister Ferdinand Hartmann Eigentümer, von dem es 1852 der Bürgermeister August Rustenbach käuflich erwarb. Im Erbgange kam es an die Familie Lucé, die es heute noch bewohnt.

In neuester Zeit, am 15. August dieses Jahres, wurde auf Anregung des Apothekers Cruse vom Verkehrsverein eine der schönen und sehenswerten Ithklippen dem Gedächtnis Wilhelm Raabes geweiht. Bronzeinschrift und Bildnisplakette sollen auch an dieser vielbesuchten Aussichtsstätte mit dem prachtvollen Blick auf des Dichters Heimat die Erinnerung an ihn wachhalten.

Die größte Ehrung unseres großen Meisters soll aber in der Errichtung des Raabe-Standbildes nach dem Entwurf des Bildhauers Sagebiel-Braunschweig vor der neuen Schule und ferner darin bestehen, dass diese seinem Gedenken geweiht werden und seinen Namen tragen soll. Der Herr Braunschweigische Minister für Volksbildung hat durch Erlass vom 4. August dieses Jahres genehmigt, dass die neuerbaute Schule „Wilhelm-Raabe-Schule“ genannt wird.

Da unsere neue Schule in diesen Blättern noch eine besondere Würdigung finden wird, sei es an dieser Stelle gestattet, auf die Vorgeschichte derselben noch etwas ausführlicher einzugehen.

Zunächst dürfte in diesem Zusammenhange eine Schilderung unserer ganz alten Schulverhältnisse aus der Zeit vor etwa hundert Jahren nicht ohne Interesse sein. In einer Eingabe des Superintendenten Biesterfeldt, Stadtoldendorf, an das Herzogliche Amt Eschershausen aus dem Jahre 1843 heißt es:

„Die Schule zu Eschershausen ist zwar höheren Orts zu einer Bürgerschule erhoben, allein ihre ganze Einrichtung ist noch so mangelhaft, daß sie ebensowenig den Anforderungen, die man an eine Bürgerschule überhaupt machen darf, als den wirklich vorhandenen Bedürfnissen entspricht. Das letztere möchte wohl hinlänglich schon aus dem einen Umstande erwiesen sein, dass gegenwärtig nicht weniger als 23 schulpflichtige Kinder, theils von Honoratioren, theils aus bemittelteren Bürgerfamilien zu Eschershausen, die öffentliche Schule gar nicht besuchen, sondern nur Privatunterricht genießen, was wohl schwerlich der Fall sein würde, wenn die Schule das leistete, was man von einer Bürgerschule mit Recht fordern darf. Daß sie das aber in ihrer gegenwärtigen Einrichtung, wenn es auch den an derselben angestellten Lehrern weder an Eifer noch an Tüchtigkeit fehlt, unmöglich leisten kann, wird auch schon eine flüchtige Andeutung der Verhältnisse genügend dartun.

Die Zahl der die Schule wirklich besuchenden Kinder beläuft sich gegenwärtig auf 212. Diese werden in drei verschiedenen Classen von 3 Lehrern unterrichtet. In allen drei Classen, selbst in der Oberclasse sind die Geschlechter noch vereinigt und nehmen gemeinschaftlich an allen Unterrichtsgegenständen Theil.“ Die wöchentliche Stundenzahl des Schulunterrichts war entschieden zu niedrig, es entfielen auf die Oberklasse 20, auf die Mittelklasse 26 und auf die Elementarklasse 18 Stunden, auf einzelne der wichtigsten Lehrgegenstände konnte, besonders in der Ober- und Elementarklasse, nicht einmal so viel Zeit als in einer guten Landschule verwandt werden. In der Oberklasse waren zum Beispiel für deutschen Sprachunterricht nur wöchentlich eine Stunde, für Bibelkunde eine Stunde und für Lesen gar keine Stunde vorgesehen, sodass „die Kinder, besonders die Knaben, wenn sie allein auf den Schulunterricht beschränkt sind, in allen diesen Kenntnissen unmöglich soweit gebracht werden können, als es nach den Anforderungen unserer Zeit Knaben aus dem Bürgerstande bringen müssen.“

Ende der 1850er Jahre wurde der Unterricht in vier Klassen, untergebracht in drei verschiedenen Gebäuden, erteilt. Eine Klasse befand sich in der früheren Diakonatpfarre, jetzt im Eigentum des Konsumvereins. Zwei Klassen waren in dem 1841 von den Steuereinnehmer Albertischen Erben erworbenen Hause neben dem Kantorat, jetziger Eigentümer Richtmeister Maas, untergebracht. Die vierte Klasse wurde im Kantorat unterrichtet.

Der Antrag auf Errichtung des jetzigen alten Schulhauses wurde am 27. Dezember 1859 vom Pastor Bräss eingebracht. In der Sitzung der Stadtverordneten vom 17. Juni 1860 wurde der Antrag zunächst abgelehnt, jedoch schon am 23. Juli 1860 einstimmig angenommen. Als Bauplatz wurde der Steinertsche Garten zwischen Physikus Dr. Elster (jetzt Uhrmachermeister Hartmann), und Steuereinnehmer Runge (jetzt Stadthaus) erworben. Im Frühjahr 1861 wurden die ersten Bauarbeiten (Anfuhr der Bausteine) in Angriff genommen. Die Grundsteinlegung erfolgte am 19. November 1862, die Einweihung am 17. Oktober 1864. Als Schulklassen verwendet wurden zunächst die vier Klassen im Erdgeschoss, das Obergeschoss wurde zu Wohnungen für zwei Lehrer hergerichtet. Erst in den späteren Jahren wurden das Obergeschoss und das Dachgeschoss, zuletzt im Jahre 1922, zu Klassen umgebaut.

Die Unzulänglichkeit des alten Schulgebäudes und die Notwendigkeit der Schaffung einer neuen Schule trat zum ersten Male im Jahre 1911 hervor. Bekanntlich werden die Schulen von Zeit zu Zeit von dem Kreisarzt in Bezug auf gesundheitliche Anforderungen einer genauen Besichtigung unterzogen. Bei der Besichtigung im Jahre 1911 schrieb der damalige Kreisphysikus, jetzt Kreisarzt, Medizinalrat Dr. Schulze in seinem Protokoll über die Besichtigung der Bürgerschule am 4. und 8. Februar 1911 wörtlich:

  1. Die Belichtung ist in allen Klassen eine zu geringe, 1:9 bis 1:13 statt 1:5–7, wobei zu berücksichtigen ist, dass vier Klassen das Licht von zwei Seiten erhalten.
  2. Der Luftkubus auf den Kopf des Kindes ist zu gering in Klasse III und IV (2,5 statt 5 Kubikmeter).
  3. Die Lage und Einrichtung der Aborte pp. bedürfen sehr der Verbesserung.

Ein im nächsten Jahre dem Konsistorium gemachter Verbesserungsvorschlag fand keine Genehmigung, da der Entwurf in Ermangelung genügenden Baugrundes nicht so angefertigt werden konnte, wie es nach damaligen hygienischen Anforderungen für notwendig erachtet wurde.

Der Turnunterricht wurde, soweit nicht auf dem Schulhofe möglich, im Schulflur erteilt. Infolge der damit verbundenen Störung des Unterrichts in den angrenzenden Klassen und des Schmutzes und Staubes im Flur wurde dann später auf dem Hausboden der Schule – unmittelbar unter unverschaltem Dache – geturnt. Kinder und Lehrer waren hierbei im Sommer der großen Hitze und im Winter bei Sturm und Kälte der Gefahr der Erkältung ausgesetzt.

Nachdem in allen braunschweigischen Städten und selbst größeren Landgemeinden trotz der schweren Nachkriegszeit das Volksschulbildungswesen in den letzten Jahren wesentlich verbessert war, konnte man auch die Stadt Eschershausen nicht länger ohne irgend eine Verbesserung der Schulverhältnisse lassen. Es ist hierbei zu bedenken, dass die Bedeutung der Stadt nicht nur nach ihrer Einwohnerzahl bemessen werden kann; denn die hier befindliche verhältnismäßig ausgedehnte Industrie (Eschershausen gilt mit seinen modern eingerichteten Werken als das Herz der deutschen Asphaltindustrie), die Landwirtschaftliche Winterschule usw. machen Eschershausen zum Mittelpunkte eines wesentlich größeren Wirtschaftsgebietes. Auch die Tatsache, dass die inzwischen eingerichtete Mittelschule zur Hälfte von Kindern aus den Nachbarorten besucht wird, dürfte zu der Behauptung berechtigen, dass die benachbarten Gemeinden wirtschaftlich und kulturell als zu Eschershausen gehörig zu betrachten sind.

Die Lücken in unserem Schulwesen wurden auch in einer Eingabe von Interessenten vom 19. Juni 1929 erörtert und dabei um Bereitstellung von Schulräumen zur Errichtung einer Zubringerschule für das Holzmindener Gymnasium ersucht. Diesen Wünschen konnte nur Rechnung getragen und die geschilderten Mängel konnten nur beseitigt werden durch den Bau einer neuen Schule.

Der erste Antrag der Stadt zunächst auf Einleitung von Verhandlungen wegen Errichtung einer Turnhalle wurde am 21. November 1927 gestellt. Die erste mündliche Verhandlung mit Ministerialrat Böse fand ein Jahr später, und zwar am 28. November 1928, statt. Viele Schwierigkeiten bereiteten anfänglich die Fragen der Art der Ausführung (ob Neubau oder Anbau an die alte Schule) und die Wahl des Bauplatzes. Nachdem aber der als Städtebaufachmann weithin bekannte Stadtbaurat einer Nachbarstadt von einem Anbau an die alte Schule abgeraten und die Gärten oberhalb des Petersschen Hauses als für einen Schulneubau geradezu idealen Bauplatz erklärt hatte, wurde am 17. Juli 1929 der Ankauf der benötigten Grundstücke von der Stadtverordnetenversammlung einstimmig beschlossen. Endgültige Beschlussfassung über die Ausführung des Schulneubaues selbst, ebenfalls einstimmig, erfolgte am 12. Juni 1930. Die Ausarbeitung des Projektes unter Berücksichtigung der vom Ministerialrat Böse auf dem Gebiete des Schulneubaues gesammelten Erfahrungen erfolgte durch den Diplom-Ingenieur Josef Kerlé, Architekt B. D. A. Braunschweig. Demselben wurde auch die Bauleitung übertragen. Mit den Bauarbeiten unter Aufsicht des Bauführers Pittelkow ist am 20. August 1930 begonnen worden. Die Vorschläge für Anpflanzungen und Anlage der Schulgärten stammen vom Gartenarchitekten Kaiser-Braunschweig. Sämtliche Bauarbeiten und Lieferungen wurden, soweit wie irgend möglich, von hiesigen Handwerksmeistern und Kaufleuten ausgeführt.





Ministerialrat Böse:

Die neue Wilhelm-Raabe-Schule.

Der neue Schulbau sollte zwar dem jüngsten Stande der Baukultur auf dem Gebiete des Schulwesens entsprechen, aber trotzdem den Rahmen nicht überschreiten, der von vornherein durch die beginnende Finanznot gezogen war. Der Baubedarf für die Unterbringung der Volks-, Mittel- und Berufsschule der Stadt Eschershausen stand fest. Nötig waren mindestens zwölf Klassenräume und ferner Werkräume, Turnhalle, Zeichenklasse, Kochküche, Badeanlagen und Räume für Lehrer, Schularzt, Rektor und für die Unterkunft des Hausmeisters. Gemessen an den Schulbaukosten anderer Orte wäre dazu eine Bausumme von vier- bis fünfhunderttausend Reichsmark erforderlich gewesen. Diese stand weder der Stadt noch dem mithelfenden Staate zur Verfügung. Daher zurück zu den elementarsten Überlegungen, an welchen Stellen gespart werden kann. Die Anschläge der bisherigen Schulhochbauten zeigten in aller Deutlichkeit die verteuernden Einzelheiten. Die riesigen Unterkellerungen, die starken Fundamentierungen, die großen Treppenhäuser, die hohen Flure und nicht zum wenigsten die kostspieligen schallsicheren und freitragenden Decken der Klassen und Säle verursachen in erster Linie die erheblichen Kosten. Gibt es eine Möglichkeit, eine Lösung, die diese Aufwendungen vermindert?

Aus den modernen Bauerfahrungen auf anderen Gebieten, insbesondere im Siedlungsbau und bei der Errichtung industrieller Bauwerke haben wir auch für den Schulbau manches Wertvolle zu lernen. Sie zeigen uns den Weg vom Hochbau hinweg zum Bau zur ebenen Erde. In die Schulbausprache und in die Sprache des Schulmannes übersetzt, gelangen wir zur Schulklasse ohne Korridor, zur Schule ohne Treppenhaus, zur leichten Fundamentierung und zur leichten Bedeckung und Bedachung. Dieser Schritt bedeutet ferner Abkehr von der Schulkaserne und Fortschritt zum Eigenbereich der einzelnen Schulklasse, zwar Wand an Wand gereiht, zu zwei und zwei nach Westen und Osten gerichtet zum Vierklassenblock vereint, aber dennoch jede Klasse mit ihrem Eigenbereich und mit allen Möglichkeiten zur ungeahnten Entfaltung ihres Eigenlebens ausgestattet.

Wilhelm-Raabe-Schule
Hauptbau der Wilhelm-Raabe-Schule.
Die beiden Vierklassenblocks liegen dahinter.

An die Stelle des teuren Schulflurs tritt zu jeder einzelnen Klasse die aus Eisen und Glas gebaute Veranda als liebster Platz der Arbeitsgruppen für den Sandkastenbau, für die Erholung, zum Plaudern, mit dem grünen Spiel- und Gymnastikplatz davor, eingefasst mit lebender Hecke und so recht verlockend zum Tummeln und zur körperlichen Betätigung. Den Kopfenden der Klasse vorgelagert liegen zwei Auskleideräume, für Mädchen und Knaben, durch den Klassenraum getrennt. An den Wänden dieser Auskleideräume reihen sich die Einzelschränke für die Arbeitsschürzen, Turnkleidung, Handtuch, Bücher, Malkasten, Knetmasse, Lesekästen, für Handarbeitsbeutel und Nähkasten für jedes Kind. Darüber ziehen sich die Schiebefenster der Schaukästen und die Lehrmittelschränke der einzelnen Klasse bis zur Wasch- und Trinkgelegenheit im gleichen Raume hin. So reiht sich Einzelheit an Einzelheit in dieser geistigen Planschau, und lebendig und wirklich werden alle Träume von der Freilichtschule, von der naturverbundenen Körper- und Geistesschule, von dem eigenen Reich der Klassengemeinschaft.

Doch zurück zur Wirklichkeit; der Rechenstift hat die nächste Arbeit zu leisten. Was kostet solch ein Vierklassenblock? An reinen Baukosten entstehen dafür noch keine 60 000 Reichsmark. Damit ist der Plan zwingend gesichert, die Klassenbauten sollen im Viererblock gebaut werden; für ihren Gestehungspreis konnten bislang im Hochbau vier Schulklassen nicht erbaut werden. Dagegen müssen alle anderen Schuleinrichtungen, die von den Klassen gemeinsam benutzt werden, in einem Hauptbau vereinigt werden.

Auf dieser Grundlage können sich sicher alle Freunde der Schule in gleicher Weise mit dem Ergebnis abfinden. Der Architekt besonders, weil er nur erstklassiges Material verwenden darf, zwar einfach und schlicht geformt, aber so dauerhaft, dass in den nächsten zehn Jahren keine Reparaturen daran vorkommen dürften. Kein Flachdach wegen der geringen Dauerhaftigkeit und Bestrahlungswirkungen, sondern ein Schrägdach mit bester Ziegelbedeckung; die Wände aus bestem Klinker, die Klasse lichtfroh und auf drei Seiten von einem durchlaufenden Fensterband umzogen; an der Sonnenseite die Großfensterwand mit Flügeltür nach außen auf die Veranda; der Anstrich farbenfroh und freudig; der Fußboden mit dreifachem Isolierschutz gegen Fußkälte mit buchenhartem Stabfußboden.

Der Schularzt wird seine helle Freude daran haben. Alle Klassen atmen Sonne, jeder Winkel ist dreiseitig beleuchtet und daher völlig schattenfrei; kein Schulschrank und Kartenbört stört mehr als Staubfänger; der hohe ringsum laufende Wandtafelfries aus tiefgrauem Stahlfit wirkt beruhigend. Endlich sind die lange geforderten Auskleideräume geschaffen mit den Wascheinrichtungen für die Kinder und Trockenvorrichtungen für nasse Kleider. Das Schulgestühl ist beweglich gemacht; Bänke wie Zwangsjacken sind ersetzt durch Tische und Stühle, zum Heraustragen auf den Rasenplatz, zum Zusammenstellen bei der Bildung von Arbeitsgruppen oder zur Herrichtung von großen Tisch- und Arbeitstafeln.

Der Lehrer darf sich wohlfühlen in diesen Einrichtungen, die ihm zwar nur Mittel zum Zweck seiner Aufbauarbeit sind, aber in ihrer Eigenart und Eigenwirkung seine eigentlichen Bildungs- und Erziehungsaufgaben nur um so anregender und dringender erscheinen lassen. Handelt es sich doch letzten Endes um die Gemeinschaftserziehung innerhalb einer Arbeitsschule, um die Erziehung zum gesunden Menschen der Zukunft, erzogen an einer Arbeitsstätte, die so eindrucksvoll gestaltet werden muss, wie es dem erwachenden Werden und Wachsen der Jugend entspricht. Den Blick ins Grüne gerichtet, den Unterricht ins Freie verlegt, den Wandtafelfries und die vielen sonstigen kindertümlichen Lehr- und Lernmittel als Helfer in unerschöpflichen Möglichkeiten zur Seite, den Stechkontakt für das Lichtbild im Unterricht, die Arbeitstische mit flacher Platte zum Schrägstellen, ohne Schieblade aber mit Seitenschränken für Bücher und andere Lernmittel, draußen der Sandkasten, der Gymnastikplatz mit der Möglichkeit, jederzeit bei geistigen Ermüdungen der Kinder die Glieder zu recken, den Lungen frische Luft zuzuführen, die Gehirne durchbluten und die Sinne entspannen zu können, – mit diesen vielen Möglichkeiten zur Arbeit und Freude kann ein Lehrer schon voran kommen.

Während im Blockbau der Anspruch des Einzellehrers und der Einzelklasse befriedigt wird, handelt es sich bei dem Hauptgebäude um die Ansprüche der Schule als Stätte der allgemeinen Gemeinschaftserziehung, der Sozialerziehung, der sozialen Fürsorge, der körperlichen Erziehung Jugendlicher und Erwachsener, um Bedürfnisse der öffentlichen Volksbildung überhaupt. Hier ist der Ort und die Gelegenheit, die vielen Beziehungen zu knüpfen, mit denen das neuzeitliche Schulleben und das öffentliche Leben, insbesondere die allgemeine Volksbildung verbunden sein sollen. An dieser Stelle tritt das Schulinteresse weit über seinen bisherigen Rahmen hinaus und wird Allgemeininteresse der gesamten Bevölkerung. Nicht nur eine Turnhalle für den Schulbedarf und nur mit den Einrichtungen für das Schulkind, sondern als Mittelpunkt und Sammelstätte für alle Bedürfnisse der Leibes- und Sportpflege, für die Sport- und Turnverbände. Diese Turnhalle soll nicht nur als Raum für Gymnastik und Turnen dienen, sondern weiterhin durch den Einbau einer Bühne und einer Kinokammer für Vorträge, Aufführungen, Deklamationen, Feiern und Feste der Jugend und der Allgemeinheit benutzt werden. Das Schulbrausebad dient nicht nur dem Schulbaden, sondern gewinnt, erweitert durch einige Brausezellen und Wannenbäder, an allgemeiner Bedeutung. Die Schulküche wird zur Stätte sozialer Fürsorge, das Lesezimmer zum Heim für das Volksbildungswesen, der Zeichensaal zum Bildungsraum auch für die Erwachsenenkurse. Zu diesen Wirkungen treten die ästhetischen Erziehungseinflüsse des Gebäudes und seiner Einrichtungen auf kleine und große Besucher. Neue Sachlichkeit bedeutet noch lange keine kahle Nüchternheit. Der frohe Farbenanstrich kostet das Gleiche wie ein düsteres Grau. Eine liebevolle Innenausstattung wirkt stark auf nahezu alle Menschen. Erfahrungsgemäß beeinflussen schöne Schulen das Wohlverhalten von Kindern und Erwachsenen im außerordentlichen Maße.

Durch den Ausbau und mit den Ausmaßen des Hauptgebäudes wuchsen die Geldfragen zur bangen Sorge. Wie werden wir sie zwingen, wie werden die Stadtväter damit fertig werden, wie werden sich die Parteivertreter dabei verhalten? Werden sie ihrem bekundeten Willen „dem deutschen Kinde zu dienen“ die Stärke entgegensetzen, um gleichzeitig die Sorgen an die Zukunft zu überwinden? Der Bau wurde einst einstimmig von allen Stadtvätern und von allen Parteivertretern beschlossen; er ist vollendet auf dem steilen Wege vom Willen zur Tat. Sie leuchtet stolz der Zukunft voran. Möge Raabes Mahnung, die von Anbeginn über diesem Bau schwebte, weiterhin in guten und schlechten Tagen über seiner Aufgabe weilen: „Das deutsche Volk hat es nötig, in diesen schwankenden Tagen, wo so manches in seinem Geschick zum Abschluss drängt und die fieberhafte Erregung des Herzens immer peinigender wird, die Geister der Vergangenheit heraufzuholen, dass der siegesfreudige Glaube an eine glückliche, stolze Zukunft ihm nicht verloren gehe.“

Stehe und wirke die Wilhelm-Raabe-Schule in Eschershausen im Glauben an diese bessere deutsche Zukunft und ihrer Geschlechter.



Wilhelm-Raabe-Denkmal
Das Wilhelm-Raabe-Denkmal.


Notizen zur Digitalisierung des Originals

Im Jahr 1931 jährte sich der Geburtstag des aus Eschershausen stammenden Schriftstellers Wilhelm Raabe zum einhundertsten Mal. Im selben Jahr wurde der Neubau der nach Raabe benannten Schule in Eschershausen fertiggestellt. In einem Festakt zu Raabes Geburtstag am 8. September wurde vor der neuen Schule ein überlebensgroßes Denkmal des Schriftstellers, entworfen vom Bildhauer Karl Sagebiel (1891–1943), eingeweiht. Die vorliegende Festschrift wurde zu diesem Anlass veröffentlicht.

Die Festschrift erschien in zwei verschiedenen Ausgaben; beide mit einem Format von 23,6 cm × 31,0 cm etwas größer als DIN A4 (21,0 cm × 29,7 cm).

Die Festausgabe hat 22 Seiten zuzüglich eines hellgrünen kartonierten Einbandes. Die Seiten 3 bis 21 sind identisch mit der einfachen Ausgabe. Die einfache Ausgabe hat 22 geheftete Seiten ohne Einband.

Unterschiede gibt es in Gestaltung und Titel der Titelseite. Dazu enthält die Festversion ein Stadtwappen und den Vermerk „Herausgegeben vom Rat der Stadt Eschershausen“, die einfache Ausgabe nennt dagegen „Verlag und Schriftleitung der Eschershäuser Zeitung“. Die Seiten 1 und 2 der Festausgabe enthalten ein Vorwort des Stadtrates und Festausschusses sowie einen Dank an Carl Brunotte, der die Druckstöcke zur Verfügung stellte – beides fehlt in der einfachen Ausgabe. Zudem gibt die Einbandrückseite der Festausgabe C. Bruns in Eschershausen als Druckerei an.

Das Digitalisat enthält die Texte beider Ausgaben, und beide Titelseiten.

Gesetzt wurde die Festschrift in der Schriftart Kleukens-Antiqua, entworfen von Friedrich Wilhelm Kleukens, erschienen in der Bauerschen Gießerei im Jahr 1910. Eine einzige Zeile (die Überschrift des ersten Artikels „Aus Alten Zeiten“) ist in einer anderen Schriftart gesetzt, und zwar der Industria Gravur von der Gießerei Berthold aus dem Jahr 1920.

Heute gibt es originalgetreue Digitalisierungen der Kleukens-Antiqua, meist unter dem Namen „Trieste“. Für diese Fassung wurde die Schriftart Trieste Standard Medium von Elsner+Flake, erstellt 1996, verwendet. Die Schriftgröße des Fließtextes ist 11,5 Punkt, was eine gute Annäherung an das Original darstellt. Die im Original in Industria Gravur gesetzte Überschrift wird hier ebenfalls in Trieste wiedergegeben.

Ich habe zwei verschiedene Versionen erstellt, eine vorsichtig modernisierte Version, und eine Version, die nach Art eines Faksimiles den Charakter des Originals behält.

In der modernisierten Version sind Schreib- und Satzfehler korrigiert, Abkürzungen ausgeschrieben, die Schreibweisen, außer in historischen Zitaten, an die aktuelle Rechtschreibung angepasst und einige stilistische Änderungen vorgenommen (beispielsweise Zahlwörter statt Ziffernschreibweise). In der Faksimile-Version folgt die Schreibweise dem Original, einschließlich der Satzfehler.

Die Seiten sind nun für A4-Größe formatiert, wobei der zweispaltige Satzspiegel beibehalten wurde. Durch das kleinere A4-Format sind die Seitenränder leider schmaler als im Original, dadurch wirken die Seiten weniger großzügig.

In der modernisierten Version ist der Zeilenabstand stark erhöht, wodurch ein leichteres Schriftbild entsteht. Die Faksimile-Version behält den Originalsatzspiel von 26,3 cm Höhe, jeweils 9,0 cm Spaltenbreite, einen Spaltenabstand von 0,4 cm und den engen Zeilenabstand. Hierdurch ergibt sich ein dunkleres, gedrängteres Schriftbild.

Im Original sind die beiden Schreiben Wilhelm Raabes „An den Wohllöblichen Magistrat der Stadt Eschershausen“ als Kopie des handschriftlichen Briefes dargestellt. Hier findet sich eine Abschrift, Dank gebührt meinem Vater Lothar Kaese für Hilfe beim Entziffern.

Als Vorlagen für die Digitalisierung dienten zwei Originale der beiden Ausgaben aus dem kaeseschen Familienarchiv.

Die Endnoten sind von mir nach eigenen Informationen und Recherchen, teilweise unter Zuhilfenahme von Wikipedia, erstellt.

Christian Kaese
Eschershausen 2019