Buch

Schatz­gräber am Hollen­ſtein

Eine aben­teuer­liche Geſchichte

Wilhelm Matthießen, 1935

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Titelseite des Buchs „Schatzgräber am Hollenstein“ mit dem Bild eines Jungen an der Treppe im Hollenstein




Wir fahren in die Welt

Zufällig bin ich ſelber dabei geweſen, als dieſe Geſchichte begann. Und wäre ich nicht dabei geweſen, – weiß Gott, dann hätten die Jungen, die eben unſere Geſchichte machten, vielleicht zur Tante nach Cottbus in die Ferien müſſen, oder ſie wären mit ihren Eltern in den Sommerurlaub nach Bad Godesberg gefahren, – aber nie und immer dahin, wo einzig und allein dieſe großen Dinge, von denen ich erzählen will, geſchehen konnten.

Und das kam ſo: ich hatte für einige Tage in Berlin zu tun gehabt, dort aber meine Angelegenheiten ſo raſch erledigen können, daß ich mir auf der Heimfahrt gründlich Zeit nahm. Manch ſchöne alte Stadt beſah ich mir auf dieſer Reiſe, und ſo kam ich auch nach … Aber nein, ich will dieſen Ort lieber nicht nennen. Sein Name tut auch nichts zur Sache. Noch nie war ich dort geweſen. Und doch war es mir, als hätte ich mit dieſer Stadt ſchon irgendwie zu tun gehabt. Aber ich fand es nicht, ſo ſehr ich auch nachſann. Erſt als ich des Morgens nach dem Frühſtück im Hotel durch die alten Straßen wanderte und plötzlich vor der herrlichen Lorenzikirche ſtand, fiel es mir ein, ſo hell wie ein Blitz: hier war doch mein lieber Studienkamerad Doktor Klotzilius irgendwo Profeſſor an einem Gymnaſium! Seit langen Jahren hatten wir uns nicht geſchrieben, – wie das ſo geht, wenn jeder ſeinen Beruf hat und alle Kräfte für den Lebenskampf braucht. Aber jetzt mußte ich die Gelegenheit benutzen, – und wer konnte mir beſſer die wunderbare Stadt zeigen als Doktor Klotzilius! Ich trat alſo in den erſtbeſten Zigarrenladen, kaufte mir einiges „Räucherwerk“ und ließ mir dann das Einwohnerbuch geben. Richtig, da ſtand es. Klotzilius, Doktor Theobald, Studienprofeſſor, Achtermannſtraße 54. Ich ſtand alſo beinahe vor ſeiner Haustür. Wie würde ich ihn wiederfinden? Daß er längſt verheiratet war, wußte ich. Aber ob ſeine Frau es ihm endlich abgewöhnt hatte, ſich immer an der Naſe zu zupfen, wenn er über etwas nachdachte? Denn dieſe Naſe war doch wirklich von Natur aus ſchon lang genug! Doch nein, – ſchon nach der erſten halben Stunde, die ich mit ihm zuſammen ſaß, wußte ich: er tat es immer noch. Ja, die Sache lag noch viel ſchlimmer: die kleine Frau Profeſſor machte es jetzt auch! Ich konnte nicht anders: ich mußte furchtbar lachen. Herzlich lachte die Frau Profeſſor mit. „So geht das“, ſagte ſie, „ich hab es ihm eine Zeit lang immer nachgemacht, weil ich es ihm abgewöhnen wollte, und wie Gott den Schaden beſah, tat ich es auf einmal ſelber! Das hat man davon!“ „Tut er’s denn auch während des Unterrichtes?“ fragte ich. „Nein, noch nicht“, lachte ſie, „denn dafür hat er immer gut ſtudiert, da braucht er nicht nachzudenken. Denken Sie ſich aber auch nur mal, wie ſchrecklich das wäre! Das ganze Jungvolk bis hinauf zur Prima machte es ihm ja unwillkürlich nach! Stellen ſie ſich das vor! Aber nun entſchuldigen Sie mich, denn ich muß in die Küche … Selbſtverſtändlich bleiben Sie über Mittag hier!“ Auf eine Antwort wartete ſie gar nicht. Und Klotzilius und ich waren denn auch bald in ein liebliches Geſpräch über die alte ſchöne Zeit vertieft, als wir noch in Bonn am Rhein luſtige Studenten waren. Und dann der Krieg und dann das andere all … Wir merkten gar nicht, wie uns die Zeit verging. Auf einmal zog der Profeſſor ſeine Uhr heraus. „Du lieber Himmel, halb eins ſchon!“ Und dann zupfte er ſich an der Naſe. „Über was mußt du nun jetzt ſchon wieder nachdenken?“ fragte ich. Er nickte, „Tja, das will ich dir ſagen …! Heut fangen die Ferien an, und gleich kommt mein Junge von der Schule heim. Der große, weißt du, der Manfred.“ „Und mit dem haſt du natürlich deine Sorgen? Lernt er nicht gut?“ „Doch, doch!“ nickte der Profeſſor und zupfte ſich wieder an der Naſe, „nein, die Sache liegt ſo: der Bengel will auf keinen Fall mit uns nach Godesberg … Meine Frau hat nämlich die Erholung bitter nötig … Weißt du, fünf Kinder, das will etwas heißen! Die drei größeren Mädel fahren zu ihrer Großmutter nach Stettin. Nur die älteſte, die Erika, nehmen wir mit. Und dann den Manfred. Aber der Kerl will nicht!“ „Na, dann laß ihn doch auf Fahrt gehen!“ ſagte ich; „mit ſeinen beinahe fünfzehn Jahren iſt er doch alt genug! Und in ſo einem Kurort mopſt ſich ein ordentlicher Junge ja doch nur!“ „Na, ich will’s mir überlegen!“ ſagte der Profeſſor, „denn ich weiß nicht, was dieſe Bengel für Streiche machen, wenn ſie ohne Aufſicht ſind!“ Ich lachte: „Lieber Freund, für Streiche zu machen, iſt auch Godesberg groß genug!“ „Mtja,“ ſagte er und zog ſich wieder an der Naſe, „ſag mal, bleib doch noch dieſe Nacht hier! Heute Nachmittag muß ich ein paar wirklich nötige Elternbeſuche machen. Und ich möchte dich doch durch die Stadt führen!“

Nun ja, auf einen Tag kam es mir nicht an. Und als dann ſchon kurz nach Tiſch der gute Profeſſor ging, – er hatte mir einen ganzen Haufen Bücher hingelegt, mit denen ich mich unterhalten könnte, – nahm ich mir den Manfred vor. Das war ein großer helläugiger und hellhaariger Junge mit kräftigen, ganz unprofeſſorlichen Händen.

„Manfred,“ fing ich an … Aber da unterbrach er mich ſchon.

„Hören Sie mal“, ſagte er, „Sie ſind anſcheinend hundertprozentig in Ordnung. Es fehlt nicht mehr viel, und ſie haben meinen Vater platt geſchlagen, daß er mich auf Fahrt gehen läßt. Sie dürfen alſo ruhig Klotzmann zu mir ſagen.“

„Klotzmann?“

„Na ja, ſo ſagen die Kameraden alle zu mir. Klotzilius und Manfred, macht zuſammen Klotzmann. Das weniger Wichtige läßt man eben aus!“

„Schön, Klotzmann, dann frag eben deine Mutter, ob du mich für ein paar Stunden begleiten dürfteſt. Du könnteſt mir zum Beiſpiel mal die Stadt zeigen!“

Und da zupfte der Junge ſich an der Naſe, – alſo ein ganz echter Klotzilius. „Hm, das geht ſchlecht,“ ſagte er, „ich hab mich nämlich mit Möſch und Pröbchen um drei Uhr verabredet. Das ſind die zwei Jungens, die noch mit auf Fahrt wollen … Aber ſie dürfen nur mit, wenn Herr Profeſſor Doktor Klotzilius ſeinen Herrn Sohn auch mitgehen läßt. Sonſt müſſen ſie nach Cottbus! Als wenn Cottbus ſchon was wäre!“

„Da haſt du natürlich Recht,“ ſagte ich, „aber drum kannſt du doch mit mir gehen! Sag mal, wo trefft ihr euch denn eigentlich? Ihr habt doch ſicher einen geheimen Verſammlungſort?“

Der Junge lachte.

„Kommt gar nicht in Frage! Ja, ſo vor fünf, ſechs Jahren, da haben wir uns in dem alten Begräbniskeller von Sankt Lorenzi verſammelt. Aber das iſt ja alles Quatſch! Ich hole die zwei einfach ab, Pröbchen zu Hauſe und Möſch am Bau! Und dann ſetzen wir uns irgendwo in den Stadtpark. Fertig.“

„Umſo beſſer!“ nickte ich; „du gehſt alſo mit mir, wir holen die Jungen zuſammen, und dann unterhalten wir uns mal darüber, wie wir deinen Vater ganz herumkriegen!“

„Famos!“ ſagte Manfred, „machen wir! Es iſt doch ein Deubelsglück, daß Sie gekommen ſind!“

„Alſo ſag deiner Mutti Beſcheid!“

Der Junge ſah mich beinahe verächtlich an.

„Mutti –! Wie kommen Sie denn auf den Quatſch?“

Und er rief mit einer Stimme, die bald ins Dunkle, bald ins Helle überſchnappte, in die Küchentür hinein:

„Mutter, ich geh mit Herrn Matthießen ein paar Stunden raus! Ich will ihm ſo ’n bißchen von der Stadt zeigen!“

Die Frau Profeſſor kam denn auch gleich aus der Küche.

„Das iſt ein guter Gedanke!“ ſagte ſie, „ſetzen Sie dem Jungen doch den Kopf ein wenig zurecht!“

Manfred lachte ſeine Mutter ſtrahlend an und ſtrich ihr über die Backe.

„Frau Profeſſor,“ ſagte er, „Klotzilius-Köpfe ſitzen ſowieſo immer auf dem rechten Fleck!“

„Das iſt ein Junge! Das iſt ein Junge!“ zwitſcherte die kleine Frau und – zupfte ſich an der Naſe, – alſo, Herr Matthießen, um acht Uhr eſſen wir!“

Und ſchon waren wir hinaus.

„Sehen Sie die alte Apotheke da?“ fragte Manfred, „Apotheke zur Mumie heißt ſie. Vor drei-, vierhundert Jahren hätten ſie aus ägyptiſchen Mumien noch Arzneimittel gemacht. Es ſei eben an allen alten Wörtern und Sagen was Wirkliches, was Geſchichtliches daran, ſagt der Vater. Aber das wollte ich Ihnen ja gar nicht erzählen! Schauen Sie mal da! Apotheker Doktor Probe ſteht an der Türe! Dem ſein Junge iſt mein Kamerad, und alſo nennen wir ihn Pröbchen!“

Damit ließ er mich einfach ſtehen und flitzte in die Apotheke hinein. In ein paar Sekunden war er wieder da, und einen Jungen, der faſt einen Kopf kleiner war als er ſelbſt, hatte er bei ſich.

„Das iſt Pröbchen,“ ſtellte er vor, „und das, Pröbchen, iſt der Doktor Matthießen! Und der ſchlägt meinen Vater platt, daß wir auf Fahrt gehen dürfen! Wenn ihm das gelingt, dann ſagen wir wahrhaftig Du zu ihm!“

„Pröbchen“ blinzelte mich mit ſeinen ſchlauen Wieſelaugen an und gab mir ſein kleines ſchmales Händchen.

„Meine Mutter iſt auch längſt dafür!“ ſagte er, „ſie hat mir ſchon ein Pfund Lindenblütentee, ein halbes Pfund Kamillentee, ſechs Röhrchen Aſpirin … überhaupt beinahe den halben Laden in den Affen gepackt. Allerhand Zeug zum Fußbaden, zum Zähneputzen, zum Kopfwaſchen. Und dann Seife, da könnt ich einen ganzen Indianerſtamm mit waſchen.“

„Der Dreck wird natürlich in den nächſten Bach geſchmiſſen!“ lachte Manfred, „wenn jeder ein Stück Seife hat, das genügt doch! Aber nun komm weiter! Jetzt holen wir den Möſch!“

Schon bogen wir in die nächſte Querſtraße ein, und ſo nebenbei erklärte Manfred dies und das:

„Hier iſt das ehemalige Spital zum Heiligen Geiſt, hier die alte Münze, da irgend ſo ’n Muſeum,“ und dann zeigte er auf einen Neubau:

„Aha, da iſt der Möſch ſchon!“

Mit dem beſten Willen hätte ich keinen Augenblick vor dem alten Spital oder dem ſchönen Bau der Münze ſtehen bleiben können. Die Jungen riſſen mich einfach weiter. Das ſind eben die, die heute die Welt neu bauen! Und der Kamerad Möſch an der Bauſtelle war ihnen viel wichtiger, als das ſchöne gotiſche Spital. Und das war ſchließlich recht ſo!

„Da ſchauen ſie mal rauf!“ ſagte Pröbchen, „das iſt doch ’n anderer Stall als unſere alte Apotheke! Neubau vom Kolonialwarengeſchäft Franke!“

Und ich las denn auch gleich auf dem großen Schild, das davorſtand: „Bauherr: Albert Franke, Kolonialwaren. Ausführung: Johann Möſchenberg, Bauunternehmer.“

Und gerade wollte ich etwas ſagen, da pfiff „Klotzmann“ gellend auf den Fingern, dreimal.

Schon beugte ſich von dem oberſten Gerüſt ein dunkler Jungenkopf herab.

„Klotzmann?“ ſchrie er.

„Ja! Los! ’runter, Möſch! Ich glaub, unſere Sache kommt endlich auf zwei Beine zu ſtehen!“

Der junge Möſchenberg, alſo „Möſch“, gab einem Arbeiter die Waſſerwaage, die er gerade in der Hand gehalten hatte, und dann rief er:

„Sofort!“

Schon turnte er am Gerüſt hinab.

Bald ſtand er vor mir, ein mittelgroßer dickſchädeliger Junge in dreckigem, weißen Maureranzug und mit zementbeſchmierten Händen.

„Alſo Sie wollen die Sache deichſeln?“ ſagte er, nachdem uns Manfred vorgeſtellt hatte.

„Ja gewiß will ich!“ ſagte ich. Und es fiel mir gar nicht ein, etwa zu ſagen: Mein lieber Möſch, zieh dich zuerſt um! Nein, ſolche Jungen ſind ſtolz auf ihren Arbeitsanzug.

„Gehn wir alſo mal in die nächſte Konditorei!“ ſchlug ich vor, „da wollen wir denn beraten!“

„Hm, die nächſte wäre Chryſant! Aber die iſt verdammt vornehm!“ „Schadet nichts! Kommt rein, Jungens!“

Ja gewiß, in dem Kaffeehaus haben die Leute erſt geſchaut, als wir kamen, beſonders den Jungen mit dem Maureranzug ſahen die befrackten Kellner erſt ſchief an. Aber als dann dieſe Jungen anfingen zu – nein, eſſen kann ich nicht mehr ſagen, – als ſie anfingen, unzählige Kremſchnittchen, Apfeltorten, Kirſchkuchen, Rodon und andere ſehr nahrhafte Dinge in Maſſen zu verſchlingen, da ſchaute man uns ſchon freundlicher an. Und ſchließlich ſagte ich: „Jetzt wollen wir mal zur Sache kommen, Jungens!“

„Sofort!“ ſchnaufte Möſch, „nur dieſes Stückchen Bienenſtich muss ich noch aufhaben!“

Und er bekam es wirklich noch herunter.

„So, und wo wollt ihr denn nun eigentlich hin?“ fragte ich.

„In die Weſerberge,“ ſagte Manfred.

Pröbchen, der kleine Kerl, winkte ab.

„Hört mal,“ ſagte er, „der Mann iſt vollkommen in Ordnung! Warum ſollen wir ihm nicht genaues ſagen, wohin wir wollen ?“

„Ja,“ nickte Manfred, „du haſt recht! Wir wandern nach – – –“

Und dann ſagte er einen Ort, den ich aber wieder einmal nicht verraten will.

Redet doch nicht ſo lange drum herum,“ rief Pröbchen, „wir wollen einfach den Thero beſuchen!“

„Wer iſt denn Thero?“ fragte ich.

Klotzmann, Mösch und Pröbchen mit Herrn Matthießen im Café

„Thero? Ein Kamerad von uns! Der hat ſo ’n bißchen was an der Lunge und iſt ſeit drei Monaten in dem Neſt. Und jetzt bleibt er noch die ganzen Ferien dort. Er hätte ſich famos erholt. Aber ganz geſund werden könnte er dann erſt, wenn ſeine Kameraden kämen!“

„Und da wollt ihr hin? Könnt ihr denn dort unterkommen?“

„Quatſch! Wir machen ein Zeltlager!“ sagte Möſch.

„Für die ganzen fünf Wochen?“

„Selbſtredend, Mann! Der Thero ſchreibt, da wäre alles, alles, alles Wald! Und Heide! Wald und Heide! Und Berge!“

Da hatten ſie allerdings gut gewählt! Denn dieſe Gegend kannte ich in ihrer ganzen Herrlichkeit. Und um jeden Berg dort, jeden alten Hof, jedes Wegekreuz, jede Mühle, ja um viele große und ſeltſame Steine rankte ſich eine uralte Sage. Ja, wer da hätte mitreiſen können!

„Habt ihr denn die ganze Ausrüſtung zuſammen?“ fragte ich.

„So ziemlich,“ meinte Klotzmann, „das meiſte haben wir ja ſowieſo … ordentliche Affen, Kochgeſchirr, Spaten, Fahrtenmeſſer. Nur eins fehlt uns noch …“

„Und das wäre?“

„Das Zelt!“ ſeufzten ſie alle drei zuſammen.

„Mein Vater ſagt, dafür hätt’ er keine Pfennige,“ erklärte der Profeſſorsjunge, „Und wofür, das heißt, wenn er uns wirklich ziehen ließe, wir überhaupt ein Zelt brauchten? Wir ſollten einfach in den Jugendherbergen ſchlafen!“

Das war freilich dumm! Aber Freund Klotzilius würde ſchon mit ſich reden laſſen! Oder noch beſſer, man mußte ihm ſo kommen, daß er nicht mehr gut nein ſagen konnte.

„Paßt mal auf, Jungens, ich habe einen Plan!“ ſagte ich, „– ſieh mal, Manfred –“

„Bitte, Klotzmann!“ ſagte der Junge mit dem trockenſten Geſicht von der Welt.

„Gut, alſo, Klotzmann, – als anſtändiger Beſuch hätte ich dir doch ſchließlich was mitbringen müſſen.“

„Och, das ſind ſo alte Tantenanſchauungen. Damit iſt es heute nicht mehr ſo wild.“

„Wenn ſchon, mein Lieber, aber gefreut hätteſt du dich doch!“

„Kommt drauf an, was Sie gekauft hätten!“ lachte er.

„Und wenn ich euch nun ein Zelt kaufte?“

„Sie wollen uns wohl die Zähne lang machen, was?“ fragte Möſch.

Aber Pröbchen, das kleine ſchlaue Kerlchen, hatte mich längſt begriffen.

„Dummkopf,“ ſagte er, „der Mann meint das genau ſo ernſt wie der Hahn mit dem Regenwurm!“

„Das ſind ja liebliche Vergleiche!“ lachte ich, „aber Recht hat Pröbchen ſchon!“

„Und ſie täten das wirklich, Doktor?“

„Klar! Ich werde jetzt bezahlen, und dann zeigt ihr mir ein Geſchäft, wo man ſowas am beſten kriegt! – Na, und dann gehen wir heim und bauen das Zelt in der profeſſorlichen Studierſtube auf. Wollen mal ſehen, ob dein Vater, Klotzmann, auch dann noch nein ſagt!“

„Ne, dann nicht mehr!“ rief der Junge, „dann müßt’ er ja kein Menſch mehr ſein. Aber .…“ er zupfte ſich wieder einmal an der Naſe, „wiſſen Sie, laſſen Sie’s lieber! Wenn ich das Zelt kriege, und Erika und die andern kriegen nichts, – das geht nicht!“

„Klotzmann, darum kriegſt du das Zelt nun gerade! Kommen wir über den Hund, dann kommen wir auch über den Schwanz! Was wünſcht ſich die Erika denn?“

„Ich glaube, ſo ’n Gummivieh hätt’ ſie gerne, wo ſie in Godesberg im Waſſer drauf rumreiten kann … Aber die koſten auch ſchwer Geld!“

„So ſchlimm iſt es nicht!“ beruhigte ich ihn, „– und die Kleinen kriegen einfach ein Püppchen, – fertig!“

„O Mannometer!“ rief Möſch, „was müſſen Sie für ein Geld haben! Wiſſen Sie, wenn Sie noch mal hier in die Stadt kommen, dann beſuchen Sie uns mal! Möſchenberg, Oberländer Ufer 78 –“

„Wird gemacht!“ rief ich, „aber nun kommt!“

Ich warf ein Fünfmarkstück auf den Marmortiſch, und auf dieſen ſilbernen Klang ſchwebte denn auch gleich der Ober herbei … Aber fünf Mark reichten nicht. Noch ein Markſtückchen mußte ich dazulegen! Drei große Jungen können eben ſogar in weniger als einer halben Stunde unheimliche Kuchenmaſſen vertilgen!

Und zehn Minuten ſpäter ſchon hatten wir ein prachtvolles Zelt mit allem Zubehör erhandelt. Ich bekam es ſogar noch um einige Mark billiger, weil es als Muſterſtück auf der Leipziger Meſſe geſtanden hatte. Und dieſe Erſparnis wieder reichte dazu, für Erika Klotzilius ein wahres Ungeheuer von Gummitier zu kaufen.

Die kleineren Profeſſorenkinder rannten ſchreiend in alle Winkel, als wir dies Loch-Ness-Tier nachher in Klotzilius’ Küche aufblieſen. Der Profeſſor ſelber war noch nicht heimgekommen, und darum hatten wir noch Zeit, auch das Zelt in ſeiner Arbeitsſtube aufzubauen. Das Ungeheuer kam als Wache davor, und ich muß ſagen, als mein guter Freund kam und die Beſcherung ſah, da iſt er im erſten Augenblick nicht weniger erſchrocken geweſen als ſeine Kinder.

Erſt als aus dem Zelt heraus ein dreiſtimmiger Sprechchor klang, von Klotzmann, Möſch und Pröbchen meiſterlich eingeübt:

„Herr Profeſſor, ſei nicht hart!
Laß uns gehen auf die Fahrt!“ –

– da ſah ſich Doktor Klotzilius nach mir um. Und gab mir die Hand:

„Da haſt du was Schönes angerichtet, alter Junge! Na, dann in Gottes Namen!“

Die drei Jungen kamen brüllend vor Freude aus ihrem Zelt gekrochen.

„Nun bedankt euch zuerſt einmal bei dem Doktor!“ ſagte der Profeſſor.

Klotzmann hieb ſeine Hand in die meine.

„Bedanken? Zu dem ſagen wir jetzt einfach Du!“

Und ſo iſt es denn gekommen, daß die drei Jungen am anderen Morgen wirklich auf große Fahrt gingen.

Von Heinzelmännchen, Hexen und Rieſen

Wie dieſe Fahrt verlaufen iſt, das weiß ich nun wieder ſehr genau. Denn die Jungen haben dem „Vater des Zeltes,“ wie ſie mich mitunter nannten, fleißig geſchrieben und ſpäter noch viel fleißiger erzählt.

Es war alſo der Tag, an dem ſie abfuhren. Denn hätten ſie den Weg zu Fuß gemacht, dann wären ſie erst nach fünf Tagen angekommen. Und dieſer Weg war auch nicht ſchön. Immer auf der heißen platten Landſtraße hätten ſie wandern müſſen, immer durch rieſige Fabrikgebiete, und jede Stunde hätten ſie den Staub von hundert und aberhundert Autos und Laſtwagen ſchlucken müſſen.

Es wurde nun ſo langſam Abend. Immer länger fielen die Schatten in die einzige Straße von dem kleinen Walddörfchen. Und vor einem Häuschen, an dem in allen Fenſtern die Geranien blühten, ſaß ein alter Mann auf der Bank und rauchte die lange Pfeife. Neben der Bank war ein Haufen Scheitholz geſchichtet, und darauf ſaßen zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen. Das Mädchen, vielleicht vierzehn Jahre alt, war ein großes feines Kind mit dunkelblauen Augen und dichten hellblonden Hängezöpfen. Auch der wohl fünfzehnjährige Junge war ſchmal und lang und hatte ein paar Augen ſo klar wie die See.

„Erzählen Sie doch noch ein bißchen, Herr Schulmeiſter!“ ſagte er gerade.

Denn der alte Mann war vor vielleicht dreißig oder vierzig Jahren Lehrer im Dorfe geweſen. Aber Herr Lehrer durfte man zu ihm nicht ſagen. Früher hieß das einfach Schulmeiſter, ſagte er oft, und das finde er viel feiner als „Herr Lehrer“. Ein alter Schulmeiſter, das wäre ein Meiſter von der Schule! Und er verſtand es auch gar nicht, daß ſich jetzt auf einmal die Schneidermeiſter „Kleidermacher“ nannten und die Schuhmachermeiſter auf ihre Geſchäftsſchilder ſchrieben „Anſtalt für moderne Fußbekleidung“ … Nein, da wär ihm doch der ehrwürdige Meiſtertitel hundertmal lieber!

Nun, der alte Schulmeiſter ſchüttelte den Kopf.

„Nein, Kinder, für heute iſt es genug! Die Berge werfen ſchon ihre Schatten ins Dorf, und die Fledermäuſe fliegen um die alte Linde …“

„Meinen Sie, Herr Schulmeiſter, all die Rieſen und Hexen, von denen Sie uns erzählt haben, kämen dieſe Nacht an unſer Bett und machten uns bange?“ fragte das Mädchen.

„Nein, Utta,“ erwiderte der Schulmeiſter, „das meine ich nicht. Ihr müßt euch das überhaupt ganz anders vorſtellen. Rieſen hat’s natürlich nie gegeben, und Hexen auch nicht. Das waren vor tauſend und noch mehr Jahren alles tüchtige deutſche Männer und Frauen. Und weil die Fremden, die damals in unſer Land kamen, das nicht mehr verſtehen wollten, haben ſie Rieſen, Hexen und Unholde daraus gemacht.“

Das Mädchen ſtieß den Jungen an.

„Hab ich’s dir nicht geſagt, Thero? Die Mittin-Möhne hat mir das ſchon ſo oft erzählt! Ich glaube, meine Großmutter ſtammt auch von Hexen ab, Herr Schulmeiſter!“

Der alte Mann nickte.

„Das kann ſein, Utta! Deine Mittin-Möhne hat früher gewiß dasſelbe Geſicht gehabt, wie du! Und ihre Ur-Ur-Ur-Ur-Ahne hat wohl noch den Herzog Wittekind gekannt!“

„Dann hat die Ur-Urgroßmutter von Mittin-Möhne aber noch Glück gehabt, daß ſie nicht als Hexe verbrannt worden iſt!“ ſagte Thero.

„Ja, das hat ſie!“ nickte der alte Mann, „Und deine Ur-Ur-Ur-Großmutter, Thero, hat ſicher dasſelbe Glück gehabt! Denn du ſiehſt aus, als wäre Utta deine Schweſter!“

Da ſprang das Mädchen von dem Holzſtoß hinab und reihte Thero die Hand:

„Alſo komm, Thero,“ lachte ſie, „jetzt gehſt du mit deiner Schweſter noch ein bißchen zur Mittin-Möhne!“

Und gerade als die Beiden zum Dorf hinausrannten zu dem kleinen Häuschen der alten Mittin-Möhne, da marſchierten drei Jungen am anderen Ende in das Dorf hinein.

„Menſch, hier iſt ja alles wie ausgeſtorben!“ ſagte Möſch.

„Ja, die Leute kommen erſt jetzt langſam von den Feldern heim,“ meinte Pröbchen, „denn wir ſchreiben gerade Auguſt, und den nennt man bekanntlich zu Deutſch Erntemonat … Aber was kann man von dir ſchon verlangen, Möſch! In Deutſch haſt du ſowieſo nur genügend, und das Übrige bei dir ſind Ziegelſteine und Beton!“

„Wenn de weißt, daß Auguſt Erntemonat heißt,“ lachte Möſch, „kannſte damit ’n Haus bauen? Mit Beton und Ziegelſteinen kann ich das aber! Sollen wir uns um dieſen Kram ſtreiten? Sehen wir lieber mal zu, daß wir einen lebendigen Menſchen treffen!“

Und ſo kamen ſie an das Geranienhäuschen des Schulmeiſters. Der alte Mann klopfte eben ſeine Pfeife aus.

„Entschuldigen Sie, alter Herr,“ rief Klotzmann, „wir ſind die Kameraden von Thero! Können Sie uns ſagen, wo der Bauer Witte wohnt? Bei dem iſt der Thero nämlich einquartiert!“

Der alte Schulmeiſter hatte ſich langſam umgedreht.

„Na, da wird Thero ſich aber freuen!“ ſagte er, „in den letzten Tagen hat er nur davon geſprochen, ob ſeine Kameraden kämen!“

„Famos!“ rief Pröbchen, „Sie kennen den Thero?“

„Natürlich kenne ich ihn! Vor zehn Minuten hat er hier noch mit der Urenkelin von der Mittin-Möhne auf dem Holzſtoß geſeſſen!“

„Mittin-Möhne, wer iſt denn das?“ fragte Möſch.

„Das iſt eine uralte Frau –,“ ſagte der Schulmeiſter, „– und Mittin, das heißt Maria Katharina … Und die Mittin-Möhne lebt davon, daß ſie Pilze und Kräuter ſammelt im Walde … Die Utta iſt ihre Urenkelin. –“

„Iſt das Mädel denn in Ordnung?“ fragte Manfred.

Aber dieſen Ausdruck verſtand der alte Schulmeiſter noch nicht.

Er ſagte nur:

„Die Utta iſt lieb und ſchön.“

Und dann beſchrieb er den Jungen den Weg zum Häuschen der Mittin-Möhne.

„Alſo, Jungens, ihr müßt durch das ganze Dorf, dann links neben der dicken Linde den Weg hinauf, da ſeht ihr dann rechts den Felſen vom Hollenſtein, dann geht ihr noch zehn Minuten weiter, immer im Tale, und ſteht dann auf einmal vor dem Häuschen von der Mittin-Möhne!“

Klotzmann verbeugte ſich vor dem alten Herrn wie ein Ritterknappe.

„Wir danken Ihnen, Herr,“ ſagte er.

Der alte Mann zwinkerte froh mit den Augen:

„Ihr könnt ruhig Schulmeiſter zu mir ſagen! Denn vor einem Menſchenalter bin ich hier Schulmeiſter geweſen. Und ich freue mich, daß die Jungens, denen ich damals das ABC beigebracht habe, heute wieder ſolche Jungens haben, wie ihr es ſeid! Sagt mal, wandert ihr nur hier vorüber oder wollt ihr ein paar Tage bleiben?“

Manfred hatte ſogleich begriffen.

„Herr Schulmeiſter,“ ſagte er, „wir wollen doch zu unſerem Kameraden Thero! Hier irgendwo in der Gegend ſchlagen wir unſer Zelt auf. Keinem werden wir läſtig fallen!“

Der Alte nickte.

„Dann geht hinauf zum Hollenſtein! Da iſt Wald und noch einmal Wald, und ein klarer Waldbrunnen iſt auch dort! Thero kann euch ja hinaufführen!“

Die Dreie bedankten ſich noch einmal, und dann gingen ſie. Der alte Schulmeiſter aber ſchmunzelte: „Das ſind mal endlich keine Wanderflegel, ſondern richtige deutſche Jungens! Und der alte Schulmeiſter wird ihnen ſchon droben auf die Sprünge helfen! Spaten haben ſie ja bei ſich!“

Unterdes gingen die drei Jungen hinter der alten Linde den Weg hinauf, und ſie kamen durch einen Ausläufer des Bergwaldes …

Möſch ſchätzte dann und wann einen Baum ab.

„Menſch, das gäb ein Bauholz!“ ſagte er.

„Du biſt verrückt!“ rief Kloßmann, „ſo ein Wald, der muß ſtehenbleiben!“

„Da will ich euch mal was anderes ſagen!“ meinte Möſch, „denn wenn ich auch im Deutſchen nur genügend habe –! Und wenn ihr auch die alten Zahlen, wann die alten Kaiſer regierten, nur ſo herunterſchnurrt in der Geſchichtsſtunde –! Was der Geſchichtslehrer ſonſt ſagt, das wißt ihr gar nicht! Früher, als die alten Germanen noch hier hauſten, da waren gar nicht ſo viel Wälder. Da waren hier vielleicht noch mehr Wieſen und Felder als heute!“

„Halt, da iſt ein Häuschen! Sicher die Hütte von der Mittin-Möhne!“ rief Klotzmann.

„Aber ich ſehe keinen Menſchen! Sicher ſind ſie im Hauſe! Kommt, wir wollen uns ganz vorſichtig heranſchleichen!“ ſchlug Pröbchen vor.

Und das war gar nicht ſo ſchwer. Denn den ganzen Weg hinauf, bis zu dem Häuschen der alten Frau, lief eine hohe Weißdornhecke, an der ſtrichen die Jungen tief gebückt entlang. Droben das Gartentörchen in der Hecke ſtand auf; alſo ſchnell hineingewiſcht, dann ein raſcher Sprung hinter die hohen Stangenbohnen, und ſie konnten nun durch das blitzblanke kleine Fenſterchen in die Stube ſchauen. Ja, wenn ſie den Atem anhielten, hörten ſie von drinnen ſogar das Ticken der alten Standuhr. Sie ſahen die Abendſonne durch das lichte Rückfenſter mit den ſchneeweißen Mullgardinchen ſcheinen, – aber alles war ſtill. Keine Seele war in dem Stübchen. Und nun huſchten ſie noch zu den anderen Fenſtern, aber auch in dieſen Stuben war nur die Abendſonne.

Die drei Jungen ſchauten ſich an. Und Manfred zupfte ſich an der Naſe.

„Ich hab’s!“ ſagte er, „wie Thero und das Mädchen hier ankamen, war die alte Frau nicht da, und die Beiden ſind ihr alſo entgegengegangen und holen ſie ab! Das iſt es!“

„Mann, da müſſen wir was anſtellen!“ rief Pröbchen, „wenn wir nur in das Haus könnten!“

„Habt ihr ’ne lange Leitung!“ zwinkerte das ſchlaue Pröbchen; „wir haben doch von Theros Mutter ſo allerhand mitgekriegt für ihn, und der Lehrer hat ihm ſogar ’ne Tafel Schokolade geſchickt! Das bauen wir da drin fein auf, und dann verſtecken wir uns! Einer muß natürlich hinter den Stangenbohnen Wache halten und uns Beſcheid ſagen, wenn ſie kommen! Na, geht euch jetzt ’ne Laterne auſ?“

Manfred knallte Pröbchen die Fauſt auf die Schulter.

„Fein!“ ſagte er, „das machen wir!“

„Aber darum brauchſt du mich doch nicht auf die Schulter zu hauen, als wenn du mich hier ins Gemüſebeet rammen wollteſt! Bin ich vielleicht ’ne Steckzwiebel?“

„Nein, immer noch unſer Pröbchen! Aber weißt du, die Sache deichſeln wir jetzt auch richtig! Wir machen gleich ’n Abendeſſen für uns alle!“

„Aber wie kommen wir ins Haus? Wir können doch nicht durch den Schornſtein kriechen?“ ſagte Möſch.

Klotzmann zeigte zu der Türe hin.

„Die iſt offen!“ ſagte er, „es ſteht ja ein Beſen davor, mit dem Stiel nach unten. Das wäre der Donarbeſen, ſagte mein Vater, und damit hätten die alten Heiden ihr Haus unter den Schutz Donars geſtellt –! Auf dem Land ſieht man das heute noch oft!“

„Du wirſt ſicher mal Lehrer, Klotzmann!“ ſagte Möſch ganz trocken, „immer biſt du am Predigen! Hauptſache, daß die Bude offen iſt!“

„Schön, dann kochen wir aus Büchſenmilch einen feinen Kakao!“ rief Pröbchen, „und ſonſt haben wir ja noch genug Zeug in den Ruckſäcken!“

„Ja, weißt du denn überhaupt, ob die alte Mittin-Möhne Kakao trinkt?“ fragte Möſch.

„Alte Frauen trinken immer Kaffee!“ entſchied Manfred, „und damit baſta! Und jeder von uns hat ein ganzes Pfund fein gemahlenen Kaffee im Ruckſack! … Möſch, du hältſt am beſten die Wache! Denn du brächteſt es fertig, ſtatt Salz Zement über die Spiegeleier zu ſtreuen!“

„Mir ſoll es recht ſein!“ grinſte Möſch, „murkſt euch nur was zuſammen! Ich werde ſchon aufpaſſen!“

Nun ging in dem alten Häuschen ein rechtes Heinzelmännchentreiben an. Zuerſt ſpaltete Pröbchen Holz, und Klotzmann fand einen ſauberen Eimer mit klarem Waſſer, ſetzte den Keſſel auf den Herd, und bald praſſelte ein luſtiges Feuer. Dann ſuchte Pröbchen wieder unter allerlei Büchſen und Töpfen herum, denn er wollte das Salz finden. Aber zuerſt fand er eine Büchſe mit Kaffee.

„Schau mal hier, Klotzmann,“ ſagte er, „ganz gewöhnlicher Kornkaffee! Nur ein paar Böhnchen darunter! Ich kenn’ die Miſchung.“

Er ſchüttelte die Büchſe tüchtig.

„Viel mehr Bohnen müßten eigentlich drin ſein,“ ſtellte er feſt, „alſo kann es meinem ſcharfen Detektivauge nicht entgehen, daß die alte Frau ſich mitunter die Bohnen herausklaubt, weil ſie eine Taſſe echten Kaffee möchte! Was wird die ſich freuen!“

In der Zeit hatte Klotzmann ſchon die zinnerne Kaffeekanne entdeckt, umgeſpült, und auf dem knackenden Holzfeuer kochte auch bald das Waſſer! Alſo ſchnell die Kanne noch einmal heiß umgeſchwenkt, ein paar Hände gemahlenen Kaffee hinein und aufgebrüht!

Aber Pröbchen hatte ſchon wieder etwas Neues gefunden: einen großen Kump mit Kartoffeln vom Mittag her! Schnell alſo die Pfanne herbei, Speck aus den Ruckſäcken, Zwiebel aus dem Schrank von Mittin-Möhne, und bald ſchmurgelten die Bratkartoffeln lieblich in der Pfanne.

Währenddes ſchnitt Klotzmann eine Scheibe nach der andern von dem mitgebrachten Kommißbrot, von der Dauerwurſt dann, und ſchließlich tat er noch einen Kloß Butter auf ein Tellerchen.

Da ſprang die Türe auf, und Möſch ſtand da:

„Oben auf dem Weg kommen ſie! In zwei Minuten ſind ſie hier!“

Schnell verteilte Pröbchen die Bratkartoffeln auf ſechs Teller, Klotzmann warf wieder ein Stück Butter in die Pfanne und ſchlug ſäuberlich zwölf Eier hinein.

„So, jetzt können ſie kommen!“ ſagte er, „alles iſt wieder in Ordnung. Nur das Feuer brennt, und die Eier brutzeln in der Pfanne!“

Dann zogen ſie raſch die Türe zu, ſtellten den Beſen wieder davor, genau ſo, wie er geſtanden hatte, und waren hinter den Stangenbohnen verſchwunden. Keinen Augenblick zu früh! Denn ſchon ſahen ſie, wie das große blonde Mädchen das Gartentörchen aufmachte.

„Ahne, der Kamin raucht!“ rief es auf einmal.

„Und es riecht nach Kaffee!“ ſagte die ſchneehaarige alte Frau.

„Aber der Beſen ſteht doch noch da, Ahne!“ meinte das Mädchen.

Da aber tat Thero den Beſen ſchon weg und riß die Türe auf.

„Mittin-Möhne,“ rief er aus dem Häuschen heraus, „hier iſt der Tiſch gedeckt, die Bratkartoffeln dampfen in den Tellern, Butter ſteht da und Brot und Wurſt, und in der Pfanne – –! Schnell, Mittin-Möhne, die Eier verbrennen ſonſt noch!“

Die alte Frau lächelte.

„Kinder,“ ſagte ſie, „alles in der Welt geht mit natürlichen Dingen zu! Heinzelmännchen gibt es nicht mehr und hat es nie gegeben! Wir wollen mal zuſehen!“

Und auch ſie ging ins Häuschen. Zu allererſt nahm ſie die Eier vom Feuer, und dann ſchaute ſie über den Tiſch.

„Für ſechs Leute iſt gedeckt … Kommt, Kinder, ſetzen wir uns! Ach, wie der Kaffee duftet! Gieß mir ein Täßchen ein, Utta! Gieß überhaupt allen ein! Denn die Drei werden ſchon kommen!“

Doch ſie kamen eben nicht. Die alte Frau trank gerade das erſte Schlückchen von dem Kaffee.

„Ach, wie das ſchmeckt!“ ſchmunzelte ſie; „aber die Leute hier ſagen, ich wäre immer noch ſo eine halbe Hexe, – jetzt will ich die drei einmal heranhexen! Paßt mal auf, wie man das macht!“

Und ſie nahm ihren Stock und humpelte an das offene Fenſter, und dieſes Sprüchlein rief ſie hinaus:

„Hokuspokus, alte Hex!
Tiſch gedeckt für ſechs!
Kommt aus Wieſ’ und Wald,
Sonſt ſind die Kartoffeln kalt!“

„Paßt auf, jetzt werden ſie ſchon fommen!“ ſagte ſie, und ein kleines Lachen ſchmunzelte um ihren Mund.

Thero und Utta ſahen ſich an.

„Ich glaube beinahe,“ ſagte Utta, „deine Kameraden –“

Aber ſie kam nicht weiter.

Die Bohnenblätter raſchelten, und die drei Jungen ſtürmten herein.

„Thero! Thero!“ riefen Möſch und Pröbchen faſt zugleich.

Nur Manfred verbeugte ſich erſt vor der alten Frau:

„Ich danke Ihnen, daß ſie uns dieſe kleine Überraſchung nicht übelgenommen haben!“

Mittin-Möhne reichte ihm lachend die Hand. Und er nahm ſie und hielt zaghaft dieſe welken Finger.

Die Mittin-Möhne ſtrich ihm über den blonden Kopf.

„Jungens, in euch iſt Altdeutſchland wieder auferſtanden! Ihr ſeid ſo fein zu Frauen!“

„Nun laß mich dir doch auch mal meine Pfote geben!“ rief Thero.

Aber Manfred hielt ſchon Uttas Händchen und begrüßte ſie herzlich.

„Nun eßt doch mal endlich!“ knurrte Möſch, „die Hex hat ja gerufen, die Kartoffeln würden kalt!“

„Wir haben uns übrigens ſchon längſt mit Utta bekannt gemacht!“ ſagte Pröbchen und wühlte mit der Gabel in ſeinen Kartoffeln.

Da endlich ſetzte ſich der Profeſſorsſohn. Und ſeinem Freunde nickte er nur zu:

„Tag, Thero! Und übrigens bleiben wir die ganzen Ferien bei dir!“

Die Mittin-Möhne trank ſchon die zweite Taſſe Kaffee.

„Und wo habt ihr euch einquartiert?“ fragte ſie.

„Nirgendwo!“ ſagte Möſch, „denn wir haben ein Zelt mit, und dann machen wir ein Lager droben am Hollenberg! Der alte Schulmeiſter hat uns das geraten!“

„Unter den Rieſenmühlſteinen?“ fragte die alte Frau.

„Ja, davon hat der Schulmeiſter auch geſprochen!“ rief Pröbchen, „und er hat geſagt, der Thero ſollte uns hinführen!“

Die alte Frau ſtand auf, geſtützt auf ihren Stock:

„Kinder,“ ſagte ſie, „das iſt ein heiliger Berg! – Hat euch der Schulmeiſter ſonſt noch etwas davon erzählt?“

Sie ſetzte ſich wieder.

Manfred zuckte die Achſeln.

„Nein, nicht daß ich wüßte, Ahne … Nur daß eine klare Bergquelle dort oben wäre!“

Die Alte nickte.

„Ja, das iſt es! Ein heiliger Quell! Aber nun eßt. Und wenn ihr gegeſſen habt, dann will ich euch noch mehr erzählen von den Rieſenmühlſteinen droben, wie ſich die Rieſen damit von Berg zu Berg geworfen haben … Und von dem Hollenſtein! Ihr kommt noch gerade vorm Dunkelwerden hinauf … Und Stroh für euer Zelt kriegt ihr bei dem Bauern nebenan.“

Aber es war ſchon dunkel, als die Jungen, jeder mit einer großen Strohſchütte über dem Rücken, den Berg hinanſtiegen. So lange hatte die Mittin-Möhne erzählt.

Das erſte Abenteuer

An dem Abend hatten die Jungen kaum mehr geſehen, wohin ſie ihr Zelt bauten. Das Dunkel lag über den Bergen, und in dem Wald, zu dem Thero ſie führte, unter dem Hollenſtein, hing ſchon die tiefe Nacht. Aber es war ganz windſtill, und darum brauchten ſie ihr Zelt nicht mit aller Kunſt anzupflocken, – das wollten ſie morgen nachholen, und überhaupt mußten ſie ſich dann erſt die richtige Stelle ſuchen. Heute breiteten ſie nur ihre Strohſchütten aus, dann wickelten ſie ſich in ihre Decken und verſuchten, einzuſchlafen. Doch ſo leicht ging das nicht. All die unbekannten Geräuſche im Wald, das Rufen der Käuzchen, das Windrieſeln in den Tannen, das Rauſchen der Waldbäche, das Rufen von Tieren, die ſie nicht kannten, – alles das ließ ſie ſchwer zur Ruhe kommen.

Und dann die Geſchichten, die die Mittin-Möhne erzählt hatte!

„Und die Mittin-Möhne meint, an jeder wäre etwas Wahres!“ ſagte Manfred, „ich finde das beinahe unheimlich!“

Möſch wälzte ſich in ſeinem Stroh und knurrte:

„Unheimlich oder nicht – was wahr dran iſt, werden wir ſchon finden! So’n alter Baumenſch, wie ich!“

„Du haſt uns ja neulich ſchon mal erzählt,“ fing Pröbchen an.

„Ich weiß ſchon! Wie Firma Möſchenberg den alten Bau an der Kloſterſtraße abriß, – da haben wir im Fundament eingemauert das Gerippe von einer Ziege gefunden … Ich hätt es euch ja gern gezeigt, aber wie die Luft drankam, iſt es in Staub zerfallen –!“

Klotzmann ſetzte ſich ſteil in die Höhe.

„Meinſt du, hier wären alte Gräber?“ fragte er.

„Nun ſchlaf doch mal endlich!“ rief Möſch, „das werd ich mir morgen ſchon beſehen! Das verſteht nur ’n Mann wie ich!“

„Aber darf man denn die Toten in ihrem Schlaf ſtören?“ meinte der feine Profeſſorenjunge.

„Haltet endlich mal die Schnuten!“ rief Pröbchen, „nur Lebendige kann man im Schlaf ſtören! Und ſo ’n Lebendiger bin ich! Die Toten ſind doch nur ganz einfach tot, und wenn man ihre Knochen ausgräbt … Wißt ihr, ich denk mir das ſo, wenn ich ſelber tot wäre! Und wenn ihr meine Knochen dann fändet und neben meinen Knochen das ſchnittige Fahrtenmeſſer. Menſch, dann würd ich mich doch als Toter noh freuen, wenn ihr durch mich auf den hochanſtändigen Gedanken kämet, auch auf Fahrt und ins Lager zu ziehen – mit einem ebenſo ſchnittigen Fahrtenmeſſer am Koppel! Da habt ihr alſo den Zinnober!“

„Der hat Recht!“ brummte Manfred.

„Selbſtredend!“ ſagte Möſch, „beſonders darin, daß wir gern ſchlafen möchten! Nacht, Klotzmann!“

Und er drehte ſich auf die andere Seite.

Klotzmann ſchlief denn auch bald. Aber immer wieder träumte er von den Rieſen, die ſich von Berg zu Berg mit Mühlſteinen ſchmiſſen. Und er hörte wieder die Mittin-Möhne ſagen: „Das waren natürlich gar keine Mühlſteine! Sie liegen ja noch droben auf dem Kaiſerſtein! Habt ihr ſchon mal Mühlſteine ohne Löcher in der Mitte geſehen? Ohne viereckige Löcher?“ Und dann tönte in ſeinen Traum wieder das Rauſchen der heiligen Quelle. Auf einmal aber fuhr er, mitten aus dem Schlafe auf, hellwach wie ein Haſe … Er hatte Stimmen gehört, ganz nahe, ganz menſchliche Stimmen –.

„Du,“ ſagte die eine, „hier ſind wir! Hier iſt der Hollenbrunnen!“

„Sind wir auch ſicher?“ fragte ein andrer.

„Menſch, zertrample doch nicht alles hier!“ ziſchte der erſte, „ſonſt finden ſie unſere Spuren! Bedenk doch, in Pyrmont haben ſie Gold gefunden in ſo einer Quelle! Goldene Keſſelchen! ’ne ähnliche Heidenquelle wär’ auch hier, ſagt der Schulmeiſter! Hähä! Er hat es nur zu laut geſagt!“

„Na, wir haben ja Zeit genug!“ ſagte wieder einer, – der kam gerade heran, und das Farnkraut raſchelte noch hinter ihm, – „ein Spatz in der Hand iſt mir lieber als eine Taube auf dem Dach … Ein Glück haben wir heute! Drei prachtvolle Kerle haben ſich gefangen! Toni, du haſt doch dein ſcharfes Meſſer da?“

Klotzmann ſtanden die Haare zu Berge. Wen konnte dieſer Bandit mit den Dreien anders meinen als ſie? Doch warum kümmerten die Leute ſich gar nicht um das Zelt? Wir ſind ihnen wohl ſchon ſo ſicher, als wären wir ihnen in die Falle gegangen! – denkt der Junge. Alſo ſie mußten jetzt einfach ausbrechen und in den Wald hineinſtürmen. Aber wie kriegte er nur die beiden Kameraden wach? Wenn er den Möſch weckte, das wußte er von früher her, würde der knurren wie ein Löwe: „Menſch, laß mich ſchlafen, ſonſt ſchmeiß ich dir einen Ziegelſtein an den Kopf!“ Aber Pröbchen! Das mußte er verſuchen …

Ganz leiſe rutſchte er zu dem Lager des Freundes hin, hielt ihm die Hand einen Zentimeter hoch über den Mund, – und dann rüttelte er ihn am Arm. Ganz ſacht. Und flüſterte ihm ins Ohr:

„Aufgewacht! Und halt den Mund!“

Richtig, Pröbchen war gleich wach. Und Manfred brauchte ihm nicht einmal den Mund zuzuhalten.

„Was iſt los?“ hauchte er.

„Still, – es ſind Räuber hier –!“

„Du biſt verrückt!“ flüſterte Pröbchen.

Doch dann hielten ſie auch ſchon beide den Atem an. Denn eben hörten ſie wieder das Sprechen der Kerle.

„Dann wollen wir die drei erſt erledigen,“ ſagte der eine; „denn was man hat, das hat man! Liegen ſie weit von hier?“

„Ganz in der Nähe! Aber wir ſchlagen beſſer einen Bogen, dann kommen wir nicht über die helle Schneiſe und haben auch den Wind gegen uns!“

Und einen Augenblick ſpäter waren ſie verſchwunden wie die Geſpenſter.

Die beiden Jungen fühlten im Düſtern, daß ſie ſich anſahen. Aber das erſte, was ſie jetzt taten, war: ſie weckten den Möſch. Natürlich, der ſchimpfte erſt ſchrecklich, aber als er dann alles begriffen hatte, war er ſofort auf den Beinen.

„Denen wollen wir aber mal die Suppe verſalzen!“ ſagte er.

„Ja, aber wie denn?“

„Still!“ flüſterte Manfred, „erſt müſſen wir einmal herumſpionieren, wohin ſie ſind!“

Vorſichtig ſchlugen ſie das Zelttuch zurück … Ja, links am Waldhang kniſterten noch die Büſche hinter den Kerlen her! … Und Klotzmann war denn auch ſchon in das Farnkraut hinaus verſchwunden.

„Wo iſt denn der auf einmal?“ fragte Möſch.

Doch da hörten ſie den Kameraden ſchon leiſe von dem Quellbrunnen her rufen.

Ein paar Schritte nur, und ſie ſtanden bei ihm.

„Nun ſagt mal,“ fragte Manfred, „könntet ihr von hier aus unſer Zelt ſehen, wenn ihr nicht wüßtet, daß es da iſt?“

Denn von dem feldgrauen Zelt ſah man jetzt wirklich keine Spur.

Es war nur Nacht, nur Schatten, nur Birken und Tannen und Farn.

„Ne, man ſieht wirklich nichts!“ ſagte Pröbchen, alſo können ſie doch auch uns nicht gut gemeint haben … Es ſind einfach –“

„Wilddiebe!“ ziſchte Möſch und hob die beiden Gewehre auf, die bei den zwei Spaten neben der Quelle an einem Tannenbaum, gut verſteckt, unter den weit hangenden Äſten, lehnten.

„Und die haben wohl ein paar Rehböcke oder ſogar eine arme Ricke in der Schlinge gefangen?“ rief Pröbchen, „… wartet mal, ich verſtehe was davon.“

Denn Dr. Probe, der Apotheker, hatte auch eine Jagd.

Der Junge nahm alſo die Gewehre, machte ſie ganz ſachverſtändig auf …

„Da, ſcharf geladen!“ ſagte er, „und ſogar Zwo-Millimeter-Schrot! Pfui Teufel! Wollen mal gleich die Patronen rausnehmen … So, da ſind ſie! Und jetzt ſchmeiß ich ſie in den Brunnen!“

Möſch hielt ſeinen Arm feſt.

„Du biſt dumm, Pröbchen! Das ſind, bitte ſehr, Beweisſtücke! Und jetzt will ich euch mal was ſagen! Zwanzig Minuten von hier, gerade drei Häuſer vor dem von der Mittin-Möhne, da iſt die Poſtagentur! Da läuft einer von uns augenblicklich hin und telefoniert an die Förſterei … Die Förſter ſind ſofort mit dem Rad hier …“

„Und in der Zeit ſind die Wilderer über alle Berge!“ meinte Klotzmann.

Pröbchen tippte ſich an den Kopf.

„Was verſtehſt denn du ſchon von der Jagd? Sie haben geſagt, ein paar Minuten weit wär’ es nur! Wären das zwei Minuten oder fünf Minuten geweſen, dann hätten die anderen Beiden das doch auch ſchon gewußt! Nein, Räuber Nummer drei iſt erſt gegangen und hat die Schlingen nachgeſehen! Und nun wollen ſie auf Umwegen hin! Macht immerhin zwanzig Minuten. Und was tun ſie da? Meinſt du, ſie nähmen die Böcke einfach auf den Buckel und kämen her? Ne, die werden an Ort und Stelle ausgeweidet! Und das Eingeweide wird vergraben! Einer hat ſicher ſeine Schüppe mit! Und dann: die drei Schlingen liegen doch nicht zuſammen! Auf jeden Wechſel kann man doch nur eine Schlinge ſetzen. Alſo, bis ſie die Böcke oder meinetwegen Haſen aus allen drei Wechſeln zuſammenhaben, dauert das doch ſicher eine geſchlagene Stunde! Dann ausweiden, vergraben, zurückkommen, – nein, meine Herren, wir können ſie vor zwei Stunden kaum zurückerwarten!“

„Kann ſtimmen! nickte Manfred, „die Kerle können doch hier auch gar nicht graben, ſolange kein Licht iſt. Erſt in einer guten Stunde geht aber der Mond auf, und in ungefähr zwei Stunden ſcheint er hier genau auf die kleine Brunnenlichtung! Pröbchen, du biſt zu ſchade zum Apotheker, du kannſt Detektiv werden!“

Pröbchen nickte.

„Und du haſt die längſten Beine von uns allen! Alſo ſetz dich mal in Schwung, lauf und klingle erſt die Poſtagentur, dann die Förſterei aus den Federn! Oder trauſt du dich nicht in die Nacht?“

„Quatſchkopf!“ ſagte Klotzmann nur, und dann war er verſchwunden zwiſchen Farn und Tannen.

Zuerſt wußte er gar nicht, wohin er rannte. Immer nur berghinab, und da ſchlugen ihm die Birkenzweige ins Geſicht, die Tannenreiſer, und er ſtolperte durch Gräben und über Hügel, – bis er endlich in den lichten Buchenwald kam und dann unten das breite Band der Landſtraße vor ſich dämmern ſah. Vor dem Straßengraben blieb er einen Augenblick ſtehen. Er wußte im Augenblick nicht, ob er nach rechts oder nah links ſollte; denn nichts ſah er vor ſich als das weite dunkle Tal, über dem die Eulen ſchrieen. Weit und breit kein Haus, kein Licht. Rechts war Tal und links war Tal …

Drunten tief rauſchte der Bach. War er oberhalb von dem Häuschen der Mittin-Möhne angekommen oder unterhalb? Wie ſollte er das jetzt feſtſtellen? Lief er in der falſchen Richtung, dann war vielleicht eine Stunde Zeit verloren …

Da auf einmal ſah er ein paar Autolichter auf der Landſtraße flammen, der ſchwere Motor ratterte durch die Nacht, und ungeblendet kamen die Feuer näher … Klotzmann ſprang mitten auf die Straße und ſchwenkte die Arme wie eine Windmühle … Er atmete auf. Das Auto blendete ab. Der Führer hatte ihn alſo geſehen. Und nun hielt es, ein ſchwerer Laſtwagenzug mit Schwemmſteinen aus dem Rheinland.

„Menſch, was hältſt du uns an?“ ſchrie der Führer, „wer biſt du überhaupt?“

„Sagen Sie mir nur,“ erwiderte Klotzmann, „ob das nächſte Dorf nach rechts oder nah links hinauf liegt!“

„Links herunter, noch rund drei Kilometer!“ erklärte der Wagenführer, „aber was willſt du denn da mitten in der Nacht?“

Eine halbe Sekunde dachte Klotzmann nach. Sollte er dem Manne die Wahrheit ſagen? Aber warum nicht?

„Wir haben ein Zeltlager droben, und jetzt ſind Wilderer da und bedrohen uns! Nehmen Sie mich doch mit zur Förſterei! Wiſſen Sie, wo die iſt ?“

„Ne, aber ſteig mal zu uns rauf! Du kannſt uns ja ſagen, wo du ’raus willſt!“

In einem einzigen Schwunge war Manfred droben, und donnernd raſte der Laſtzug weiter.

Der Junge ſagte kein Wort und ſchaute nur immer ſcharf nach links in das Tal hinab … Ja, richtig, da war ſchon das Häuschen der Mittin-Möhne! Aber weiter! Jetzt kam die Poſtagentur. Aber wo mochte nur die Förſterei ſein? Klotzmann erinnerte ſich ganz genau, daß ſie unterwegs ein Haus geſehen hatten mit einem gewaltigen Hirſchgeweih über der Türe.

Da, – warum blendete der Wagenführer jetzt ſchon wieder ab? Ach ja, zwei Motorräder. Und da ſchwenkte der eine Beifahrer auch ſchon ſeine Taſchenlampe im Kreiſe, – der Laſtwagenfahrer nahm Gas weg, und die Motorradfahrer ſtoppten auch. Klotzmann erkannte ſofort die Förſteruniformen …

„Sind Ihnen nicht drei Kerle begegnet auf dem Weg hier?“ fragte einer der Grünen.

Manfred ſprang von dem Wagen hinab.

„Ne, denen nicht!“ rief er, „aber mir ſind ſie begegnet! Ich wollte gerade das Forſthaus antelefonieren!“

Die Förster und die Jungen

Zuerſt ſchauten die Förſter mißtrauiſch, fragten, woher und wohin? Und im Licht der Scheinwerfer laſen ſie die Ausweiſe, hörten ſich zugleich Manfreds Erklärungen an …

„Das habt ihr fein gemacht!“ ſagte der Förſter ſchließlich, „– ſchnell, Junge, hinten auf das zweite Motorrad, und dann los!“

Die Lichter des Laſtwagens waren ſchon kaum mehr zu ſehen, als die Motorräder den Berg hinanknatterten.

Und das war gerade die Minute, wo Möſch und Pröbchen wieder in dem Zelt auf dem Stroh lagen … Möſch ſchaute nach ſeiner leuchtenden Armbanduhr. … „Jetzt iſt Klotzmann ſchon anderthalb Stunden weg, und von den Kerlen iſt auch nichts mehr zu ſehen!“

„Ich bin auch müd,“ ſagte Pröbchen, „ſchlafen wir alſo wenigſtens mal fünf Minuten! Nur dürfen wir nicht im Stroh raſcheln, denn das könnten ſie hören, wenn ſie kommen!“

„Sei ſtill,“ brummte Möſch, „ich ſchlafe wie ein Ziegelſtein, den du in eine Kalkgrube ſchmeißt!“

Und er drehte ſich auf die Seite, daß das Stroh nur ſo raſchelte. Alle Beide träumten ſie von Thero, von dem Hollenbrunnen, von der Mittin-Möhne, von Utta … und in Pröbchens Traum war Utta eine Schlange, die ziſchte ihm ins Ohr:

„Pröbchen, da kommen ſie!“

Pröbchen ſprang auf wie aus der Kanone geſchoſſen.

„Wollen ſie dir was tun, Utta?“ rief er.

Aber keine Utta war da. Düſter lag das Zelt. Und doch, die Stimme war noch immer da …

„Hände hoch!“ ſchrie einer … „Gewehr nieder!“

Möſch und Pröbchen wiſchten ſich den Schlaf aus den Augen. Und nun ſchauten ſie aus dieſen Augen hellwach wie die Eulen. Aber dann ſprang auch ſchon Pröbchen hinaus.

„Hände hoch, oder wir ſchießen!“ ſchrie der Förſter noch einmal.

Aber da hatten die Wilderer auch ſchon die Kolben an den Backen, ſie riſſen, alle drei zugleich, die Hähne zurück, – doch es knipſte nur – „Wollt ihr eure Patronen wiederhaben, Herrſchaften?“ rief Pröbchen, „wir haben ſie nämlich vorſichtshalber rausgeholt!“

Die Wilderer warfen die Gewehre hin.

Aber der Förſter ließ ſeinen Revolver noch lange nicht ſinken.

„Was wolltet ihr denn hier an der Quelle?“ fragte er; „wozu habt ihr die drei Schüppen mitgebracht?“

„Nur das Eingeweide vom Rehbock vergraben!“ knurrte einer.

„Sie hatten noch ganz was andres vor!“ wollte Klotzmann ſagen.

Aber Möſch hielt ihm die Hand vor den Mund.

„Menſch, dieſe Ausgraberei machen wir doch ſelbſt!“ ziſchte er.

Die Förſter hatten nichts gehört.

„Jetzt iſt es ſchon drei Uhr,“ ſagte er, „und ihr werdet eure Belobigung kriegen, Jungens! Nun aber legt euch mal endlich ins Stroh und ſchlaft. Und wenn ihr was nötig habt, dann kommt zu mir!“

Die Jungen aber hörten kaum mehr, was er ſagte, ſie ſahen kaum mehr, wie die Förſter, immer die Piſtolen in der Hand, die Wilderer vor ſich hergehen ließen, und wie alle dann in den Wald verſchwanden. Nur die Taſchenlampen der Grünen leuchteten noch eine Weile, hier und da funkte ein Schein zwiſchen den Tannen. Dann endlich war alles ſtill. Die Jungen aber lagen in tiefem Schlafe. Hundert Räuber und Wilddiebe hätten jetzt kommen können, und ſie wären nicht mehr aufgewacht.

Zwei ſonderbare Frauen

Doktor Klotzilius, der Profeſſor, hatte ſeinen Jungen daran gewöhnt, jeden Abend ſpäteſtens um acht oder halb neun Uhr ſchlafen zu gehen und morgens um fünf Uhr aufzuſtehen. Darum war Manfred auch der erſte, der von den Dreien erwachte. Freilich war es nicht fünf, ſondern es ging ſchon auf acht Uhr an. Und es ſah auch gar nicht ſo aus, als wäre es bereits lichter Tag. Faſt finſter war es noch im Zelt, und drumherum ging ein Brauſen und Heulen. Stoßweiſe ſtöhnte es durch die Tannen … Huuu! Huuuuh! Und es klickerte und klackerte um das Zelt.

Der Junge wiſchte ſich die Augen.

„Ich glaube, es regnet!“ brummte er, und dann ſchaute er durch den Zelteingang hinaus. Aber ſchnell zog er ſeinen Kopf zurück.

„Ne, es regnet nicht, es gießt!“

Und dann warf er ſeine Kleider in die Ecke … „Man braucht alſo hier wenigſtens nicht auf das zu Haus gewohnte Brauſebad zu verzichten!“ dachte er, „und hier koſtet es außerdem nicht einmal Waſſergeld!“

Damit rannte er hinaus. Ja, es war ein richtiger Gewitterregen. Das Waſſer, das da aus den Wolken in den Wald ſtürzte, das klatſchte, das nebelte und ſprühte. Und weit hinter den Bergen grummelte noch der Donner.

Die langen blonden Haare hingen Manfred ins Geſicht, als er wieder in das Zelt kam, ſich mit dem Badetuch abtrocknete und anzog. Die beiden anderen ſchliefen noch wie die Dachſe. Das Wetter aber hatte ſich dann auch bald verzogen. Nur noch einzelne Tropfen fielen, und dann rauchte nur ſo der ganze Wald. Nebelſchwaden wehten vom Tale herauf, wehten aus dem Wald heraus, wehten in den Wald hinein, verſchwanden, und neue kamen, aber immer dünner, immer feiner, und bald lag nur ein leichter ſilberner Hauch über dem Walde.

„Menſchenkinder, ſteht auf!“ rief Manfred, „es wird ein herrlicher Tag!“

„Verrückt!“ knurrte Möſch und mummelte ſich wieder in ſeine Decken, „wir haben doch höchſtens eine halbe Stunde –“

„geſchlafen!“ – wollte er ſagen, aber da lag er ſchon wieder und ſchnarchte.

Doch Pröbchen richtete ſich wie ein Wieſel auf aus dem Stroh. „Sollen wir Kaffee kochen?“ fragte er Manfred.

„Ach, du biſt auch ſchon wach –! Hör einmal, mit den Wilddieben, das kommt mir vor, als wenn wir es geträumt hätten!“

„Es muß ſchon wahr ſein,“ grinſte Pröbchen, „ſieh nur mal raus! Ihre Spaten liegen noch da an dem Hollenbrunnen!“

Klotzmann ging zum Zelt hinaus. Und ſchon kam er zurück, die gewaltigen Spaten über der Schulter.

Pröbchen zog ſich eben die Stiefel an.

„Siehſte wohl?“ grinſte er, „und nun wollen wir mal gleich ſelber nachgraben!“

Manfred winkte ab.

„Kommt gar nicht in Frage! Hier die ſchöne Quelle vermurkſen? So ſeh ich aus!“

„Na ſchön, dann kochen wir wenigſtens Kaffee!“

„Mit dem naſſen Holz, nicht wahr? Wie willſt du damit ein Feuer ankriegen? Übrigens müſſen wir erſt den Förſter fragen, ob wir hier überhaupt abkochen dürfen!“

„Na, das hätteſt du dieſe Nacht ſchon tun können –,“ ſagte Pröbchen und gähnte, „jetzt hab ich Gottſeidank den einen Stiefel an …“

Aber kaum hatte er den zweiten gepackt, da rief er:

„Himmel, da kommt ſchon wieder einer!“

Ja, deutlich und immer deutlicher hörten ſie Schritte draußen, Laub und Nadeln raſchelten …

„Das war ’n weiter Weg!“ knurrte wer, „na, endlich hab ich die Bande gefunden!“

Klotzmann hob einen von den ſchweren Spaten zum Schlage hoch.

„He, Jungens!“ rief es da draußen.

„Laß mich gefälligſt ſchlafen!“ knurrte Möſch.

Da ſtreckte der Fremde den Kopf zum Zelt hinein.

Aber es war nur ein Forſtgehilfe.

„Ihr ſollt zur Förſterei kommen!“ rief er, „mal ’n bißchen fix! Der Förſter ladet euch zum Frühſtück ein!“

Jetzt war auch Möſch plötzlich hellwach.

„Wird gemacht, junger Mann!“ ſchrie er. Und dann ſprang er vor das Zelt, wiſchte ſich mit einem Stück Moos über das Geſicht … „So, jetzt bin ich auch gewaſchen …“ Und die Fetzen des grünen Mooſes hingen ihm wie der Bart eines Waſſermanns um Kinn und Mund.

„Waren Sie dieſe Nacht mit dabei?“ fragte Möſch den jungen Förſter.

„Nein, leider nicht! Die ganzen Nächte war ich auf Wache, und gerade heute, wo keiner dran dachte, haben ſie die Lumpen gefangen! Vor Ärger könnt’ ich mich ſelber auffreſſen!“

„Hoffentlich hat der Förſter was Beſſeres da!“ ſagte Möſch trocken.

„Das will ich hoffen!“ lachte Manfred, „aber bauen wir mal zuerſt das Zelt ab!“

„Nicht nötig,“ meinte der Forſtgehilfe, „das klaut euch jetzt keiner mehr!“

„Dann um so beſſer!“ rief Möſch, „ich habe nämlich ſchweren Hunger!“

Und ſie marſchierten ab. Der junge Förſter führte ſie waldauf, waldab, hügelauf, hügelab, dann wieder durch ein Stoppelfeld, durch Wieſen, über einen Bergbach, an Rübenfeldern und Gärten vorbei, durch Obſtwieſen, – und in kaum einer halben Stunde marſchierten ſie in das Forſthaus ein. Schon von draußen roch es nach friſchgekochter Milch und friſchgebackenem Brot … Da kam auch ſchon die Förſterin, eine gewaltig große und dicke Frau. Alle drei Jungen packte ſie zuſammen in den Arm.

„Kinder, Kinder!“ rief ſie, „daß ihr ſo ſchlau waret und den Lumpen die Patronen aus dem Gewehr genommen habt! Hättet ihr das nicht getan, dann hätten ſie meinen Mann jetzt womöglich totgeſchoſſen! Kommt alſo und eßt und trinkt! Die Milch hat eben gekocht, und der Kakao wird gleich fertig ſein! Und was ihr wollt, kriegt ihr dabei! Schinken, Wurſt und Speck. Und nehmt nachher mit, was ihr wollt! Meine prachtvollſten Schinken, jeder dreißig Pfund ſchwer, die wären mir für euch auch nicht zu ſchade! Und dann überhaupt, wenn ihr was nötig habt, – Milch oder Kartoffeln, Eier und Speck –! Alles könnt ihr hier kriegen! Und wenn ihr hundert Jahre hier wohntet! In der Förſterei gibt es noch immer was für euch!“

„Aber wir wollen doch gern alles bezahlen!“ rief Manfred.

„Halte den Mund!“ ſchrie die Förſterin, „denkſt du vielleicht, ich bin ſchon zu Ende? Was fällt dir überhaupt ein, hier eine ſolche Frau wie mich zu unterbrechen? Meinſt du vielleicht, ein paar lauſige Würſte und Schinken wären mir mehr wert als mein Mann, he? Ich werde euch alſo wohl noch anbieten dürfen, he? Und wenn ihr was anderes meint, dann kommt ihr bei mir an die falſche Adreſſe! Dann werfe ich euch einfach raus und ſchmeiße euch die Schinken, die Würſte, Eier, Kartoffeln und Brot nach, und dann müßt ihr euch herausfreſſen aus dem Berg, wenn ihr nicht erſticken wollt!“

„Frau,“ lachte der Förſter, „nun halt doch endlich einmal an!“

Die Frau ſchaute ihren Mann von oben bis unten und dann von unten bis oben an.

„Was fällt denn dir auf einmal ein?“ ſagte ſie und ſtemmte die Fäuſte in die Hüften; „wer iſt hier Herr im Hauſe, du oder ich? Ja, das kann ich mir ſchon denken, du, ja du hätteſt den größten Spaß gehabt, wenn du jetzt erſchoſſen wäreſt! Na, dieſen Spaß haben dir die prachtvollen Jungens ja verſalzen! Und das geſchieht dir gerade recht, Alter, daß du jetzt weiterleben mußt!“

Die drei Jungen wußten nicht mehr, wo ihnen der Kopf ſtand. War die Förſterin wirklich ſo fürchterlich?

Der Förſter huſtete. Und ſein Huſten klang wie das Grummeln von einem fernen Gewitter.

„Frau,“ ſagte er, „ich habe Hunger!“

„Du boshafter Kerl!“ ſchrie ſie, „warum ſagſt du das denn nicht gleich? Glaubſt du etwa, ich könnte das riechen?“

„Seit geſtern nachmittag habe ich nichts gegeſſen!“ brummte er noch.

„Aha, du wollteſt dich wohl verhungern laſſen?“ rief die gewaltige Frau, „na, dir werd ich es ſchon geben!“

Und damit brauſte ſie wie ein Rheindampfer ab in die Küche. „Nun kommt nur, Jungens,“ ſagte der Förſter, und er machte die Türe zu dem großen Jagdzimmer auf. Da war herrlich der Tiſch gedeckt, mit Tellern und Taſſen, mit Honig, Marmelade, Wurſt und Schinkenſpeck, mit weißem und ſchwarzem Brot. Und kaum hatten die Jungen ſich geſetzt, da kam ſchon ein Mädchen mit einer rieſengroßen Kakaokanne in der einen, mit der Kaffeekanne in der anderen Hand. Dem Förſter goß ſie Kaffee, den Jungen Kakao ein. Und eben war er fertig damit, – da ſchnaubte die Förſterin heran. Einen Teller hatte ſie, der war beinahe ſo groß wie ein Karrenrad, und darin war Rührei mit Speck.

„Weg damit!“ ſagte ſie und ſchob den Kaffeeteller des Förſters beiſeite. „Hier das iſt dein Teller! Und das wird jetzt gegeſſen! Merk dir das! Gefuttert wird hier und nicht geſtorben!“

Und weil ſie merkte, daß die Jungen gerade nicht hinſahen, ſtrich ſie ihrem Mann raſch einmal mit der roten Hand über den grauen Scheitel.

Pröbchen hatte es trotzdem geſehen, aber er grinſte nur und machte ſich ein dickes Honigbrot zurecht.

Ja, das war eine Frau! Mit der mußte man ſich gut halten!

Und Brot und Butter und Wurſt und Honig, – alles verſchwand wie Schnee an der Sonne.

Endlich wiſchte ſich der Förſter den Bart.

„Ich glaub’, ich habe genug, Frau!“ ſagte er.

„Daß du dich unterſtehſt!“ knurrte ſie, „jetzt ißt du mal vor allen Dingen hier die zwei kalten Schnitzel!“

Sie ſetzte ſich neben ihn.

„Ich werde hier ſchon aufpaſſen, daß du nicht Hungerkünſtler ſpielſt! … Ach, der Herr Schulmeiſter!“

Der alte Mann mit dem ſilbergreiſen Haar war eingetreten. Aber die Frau Förſterin ließ ihn nicht einmal Guten Tag ſagen. Gleich brauſte ſie los:

„Lenchen, du faule Trine, wo ſteckſt du denn ſchon wieder? Herr Schulmeiſter, ſetzen ſie ſich ’ran! Gerade fangen wir an, Kaffee zu trinken! Lenchen! Zwei Lot Kaffee mahlen! Bring Butter, Wurſt, Brot! Denkſt du, wir wollen verhungern?“

Der Schulmeiſter rieb ſich die Hände.

„Frau Förſterin, alles iſt ja da … Und ich habe ja auch ſchon gefrühſtückt …“

„Das ſagt man ſo!“ rief die Frau, „ja, es gibt Leute, die ſagen, ſie hätten gefrühſtückt, wenn ſie ſechs Schnitten Brot und ein halbes Dutzend Eier gegeſſen haben! Und ſo einer ſind Sie auch, Herr Schulmeiſter! … Lenchen! Sechs Eier in die Pfanne!“

„Aber ich bitte Sie, Frau Förſterin,“ wehrte der alte Schulmeiſter.

Die Förſterin ſchüttelte den Kopf. Und dann ſagte ſie finſter: „Die Eier werden gegeſſen, und wenn Sie ſich auf den Kopf ſtellen, Schulmeiſter! Sie ſind auch einer von denen, die lecken der Biene ein Honigpfötchen ab und ſagen, ſie hätten gegeſſen! So etwas gibt's bei mir nicht!“

„Ja,“ lächelte der alte Mann, „ich trinke ja gern ein Täßchen Kaffee mit, aber vor allem wollte ich doch einmal die Jungens hier ſprechen … Denken Sie ſich nur, Frau Förſter, die Kerle von letzter Nacht wollten den Hollenbrunnen abgraben!“

„Und meinen Mann erſchießen!“ knurrte die Frau, „aber der hat kein Glück gehabt! Jetzt muß er weiterleben!“

„Gottſeidank iſt der Hollenbrunnen immer noch lebendig!“ ſagte der Schulmeiſter.

„Und mein Mann auch,“ erwiderte die Frau.

Aber da schob der Förſter ſeinen Teller weg, ſtrich ſich den grauen Bart und ſagte:

„Wir wollen jetzt endlich einmal vernünftig darüber reden! Das Vernünftigſte wäre nämlich geweſen, Herr Schulmeiſter, Sie hätten gar nicht davon geſprochen! Jetzt wird die Geſchichte bekannt, und dann kommt von der Regierung gewiß eine Kommiſſion mit ein paar hochgelehrten Herren Profeſſoren, die kehren dann das Unterſte nach oben! Und unſer alter ſchöner Hollenbrunnen iſt geweſen!“

„Ach was, ſo ſchlimm wird’s nicht werden!“ meinte der Schulmeiſter, „die Herren wiſſen auch, was ſich gehört! Natürlich, lieber wär’s mir ſchon, wenn alles ſo bliebe, wie es iſt!“

Der Förſter nickte:

„Ganz meine Anſicht! Aber vielleicht iſt es doch noch gar nicht zu ſpät! Die Geſchichte kommt vor Gericht womöglich gar nicht zur Sprache! Laſſen wir’s alſo einfach laufen, wie es läuft!“ Wie ſpitzten die drei Jungen die Ohren! Das mußten ſie gleich der Mittin-Möhne erzählen. Und ſie konnten es gar nicht abwarten, bis ſie hinauskamen. Aber ſo ſchnell ging das nicht. Zuerſt packte ihnen die Förſterin noch alle drei Affen mit guten und nahrhaften Dingen voll: mit Butter und Brot, mit Wurſt und Räucherſpeck, mit Reis und Schmalz und Zucker und Salz. Einen Ruckſack Kartoffeln ſollte ihnen im Lauf des Tages der Forſtgehilfe in den Wald hinaufbringen. Dann erklärte ihnen noch der Förſter, wo ſie abkochen ſollten. Denn beim Zelt am Hollenbrunnen dürften ſie kein Feuer machen. Aber ein paar Minuten weiter hinauf, bei den Felſenbrocken am Hollenſtein, dort wo die Rieſenmühlſteine lägen, da könnten ſie feuern, ſo viel ſie wollten.

Und nun marſchierten ſie eilig das Dorf hinauf. Zuerſt wollten ſie bei dem Bauern Witte ihren Freund Thero abholen. Bald ſtanden ſie denn auch vor dem großen Hofe … Ja, das mußte er ſein! Über dem gewaltigen Dielentor war ein mächtiger, von Sonne, Wind und Wetter gebleichter Pferdeſchädel angenagelt, genau wie es geſtern Thero beſchrieben hatte.

„O Fallada, da du hangeſt –!“

ſagte Pröbchen, als ſie von einem kleinen Spitz umkläfft, in die Tenne hineinſchritten. Drinnen mußten ſich ihre Augen erſt an das Zwielichtdunkel gewöhnen. Und ſie hörten nichts als das Sumſen der Fliegen … Und dann immer wieder ein Klatſchen, wie man einen Stein ins Waſſer wirft … War denn niemand zu Hauſe? Alles auf den Feldern? Doch das Feuer flackerte luſtig hinten im Winkel auf dem gemauerten Herde, und ein gewaltiger Kupferkeſſel hing darüber … Richtig, jetzt ſahen ſie’s, – neben dem Herd im Winkel ſaß auf einem Bänkchen ein uraltes Mütterchen und ſchälte Kartoffeln. Und jedesmal, wenn ſie eine in den großen Zinkeimer warf, der vor ihr ſtand, gab es dieſes Plumpſen, das ſie eben gehört hatten.

Sie gingen nun über die Tenne, – ſo weit war es bis zum Herde, als müßten ſie durch einen Saal … Und jetzt endlich ſchaute die alte Frau auf. Aber ſie ſchälte ruhig weiter ihre Kartoffeln. Sie ſah kaum, wie die Jungen ſie begrüßten.

„Seid ihr Wanderer,“ fragte ſie, „und wollt zu eſſen haben? Dann müßt ihr noch zwei Stunden warten!“

„Nein,“ erwiderte Pröbchen, „wir wollten nur den Thero abholen! Hier iſt es doch richtig auf Witten Hof?“

„Nein, Hitten hab ich keine zu verkaufen!“ ſagte die Alte.

„Hitten?“ rief Klotzmann jetzt lauter, „Hitten? Was ſollen wir mit Hitten? Wir handeln doch nicht mit Ziegen!“

Die Alte ſchüttelte den Kopf:

„Von Wiegen verſtehe ich nichts! Dann kommt heute abend noch einmal … Dann kann euch der Witten-Bauer auf der Kartoffelwaage wiegen!“

Kloßmann ſchrie jetzt ordentlich:

„Den Thero ſuchen wir! Der ſoll doch hier wohnen!“

„Wo denkt ihr hin? Die Bohnen für in die Suppe, die muß ich erſt noch fitzen!“ war die Antwort, „heute mittag gibt es nämlich Bohnenſuppe! Ihr könnt ſie ja aufs Feld tragen, dann kriegt ihr einen Teller voll mit!“

„Herrgott, das Fräuchen iſt halbtaub!“ rief Pröbchen, „verſuch du es doch einmal, Möſch! Du haſt die gröbſte Stimme von uns allen!“

Und nun gröhlte der Handwerkerjunge der Alten ins Ohr:

„Frau, Sie ſind wohl​​ taub?“

Als das die Alte hörte, da warf ſie die dicke Kartoffel, die ſie gerade geſchält hatte, ſo wütend ins Waſſer, daß es weit umherplatſchte. „Solche frechen Bengels ſind mir denn doch noch nicht vorgekommen!“ rief ſie, „ich ſoll taub ſein? Sowas hat mir denn doch noch kein Menſch geſagt!“

„Mütterchen,“ brüllte Möſch wieder, „ich war ja noch gar nicht fertig, ich wollte ſagen: Frau, ich glaub, daß der Thero mit auf dem Feld iſt!“

„Das kannſt du doch auch gleich ſagen!“ brummte ſie, „warum redet ihr denn zuerſt ſo ein dummes Zeug daher, daß ihr Hitten kaufen wolltet und euch wiegen laſſen! Ja, das iſt die Jugend von heute! Aber der Thero iſt nicht auf dem Feld! Der iſt heut morgen gleich zur Mittin-Möhne gelaufen! Halt wartet! … Holt da hinten einmal den Korb!“

Die Jungen ſchauten ſich um. Ja, da in der Ecke ſtand ein großer Korb.

Und Manfred ſchleppte ihn herbei … Es waren gewiß zwanzig Pfund Stangenbohnen darin!

„Da,“ rief ſie jetzt, „holt euch Bänkchen, dann ſetzt euch und macht zuerſt mal die Fäden von den Bohnen ab! Und dann fitzt ihr ſie klein. Nachher, wenn die Bohnenſuppe fertig iſt, packt ihr euch den großen Keſſel und dann ins Feld damit! Ihr könnt dann ja gleich mit dem Witten-Bauern verhandeln, ob er euch eine Hitte verkauft!“

Die Jungen ſchauten ſich an. Ja, da waren ſie ſchön angekommen! Aber was ſollten ſie machen? Nun auf eine halbe Stunde kam es jetzt auch nicht an. Denn den Keſſel ins Feld zu ſchleppen, das hätten ſie gewiß nicht nötig. Der Bauer würde ſchon um zwölf Uhr einen Knecht oder eine Magd mit dem Handwägelchen ſchicken! Alſo gaben ſie ſich tapfer an die Arbeit … Freundlich nickte die Alte. Und wie ſie denn nun mitten drin im Schneiden und Fitzen waren, da fing ſie auf einmal mit ihrem alten brüchigen Stimmchen zu ſingen an:

„Rieſenmühle, mahle!
Hohe Sonne, ſtrahle!
Rauſche, Hollenbrunn!
Links und rechts und rum und um!“

„Paßt genau auf!“ flüſterte Pröbchen, „das iſt ſicher ein altes Kinderlied! Das müſſen wir uns merken!“

Aber ſchon zitterte das alte Stimmchen weiter:

„Rieſen, rührt die Trummen!
Schwarzer Mann will kummen!
Säuft den Hollenbrunn!
Links und rechts und rum und um!“

Ganz heimelig wurde es den Jungen und unheimlich zugleich …

Die Schwalben flogen ein und aus in der Tenne, und eine große graue Katze ſtrich langſam heran … Jetzt ſang die Alte wieder:

„Rieſen ſind verblutet,
Sonne iſt verglutet
Tief im Hollenbrunn!
Links und rechts und rum und um!“

„Habt ihr es euch gemerkt?“ fragte Manfred.

„Quatſch!“ grinſte Pröbchen, „aufgeſchrieben hab ich es mir! Und kein Menſch von euch hat das gemerkt!“

„Mütterchen, wiſſen Sie noch mehr ſolche alten Lieder?“ rief Klotzmann – Die alte Frau lachte boshaft.

„Ah, fein mit Gold und Silber geſtickt! Noh eine ganze Maſſe von dieſen alten Miedern hab ich in der Truhe! Neulich war ſchon mal ſo ’n Kerl hier, der wollte uns alles das abkaufen! So einer hat euch wohl auch geſchickt! Raus mit euch!“

Sie griff an den Herd, und ſchon ſchwang ſie einen rieſigen Schürhaken in der Hand. Die Jungen wußten nicht, was ihnen lieber geweſen wäre. Lachend und ſchreiend rannten ſie hinaus, und der kleine Spitz kläffte ihnen nach, bis ſie das letzte Haus vom Dorfe hinter ſich hatten.

Nein, ſie brauchten erſt gar nicht zur Mittin-Möhne zu gehen. Denn ganz gewiß war die mit Thero und Utta ſchon den Berg hinaufgegangen zum Hollenbrunnen an das Zelt. Und von da aus vielleicht zum Hollenſtein.

Doch wie ſie nun in die Wälder hinaufſtiegen, blieb Manfred immer wieder zurück.

„Biſt du vielleicht ſchon müde?“ rief Möſch.

„Nein, laß mich nur! Ich muß die ganze Zeit nachdenken über das Kinderliedchen von der alten Wittenbäuerin!“

Pröbchen blieb ſtehen und ließ Klotzmann herankommen.

„Sowas muß doch immerhin allerhand bedeuten! Nicht wahr?“ fragte er.

„Ich weiß nur nicht, was!“ meinte Manfred, „wir wollen die Mittin-Möhne fragen! Die iſt wenigſtens nicht taub!“

„Du biſt eben kein Detektiv, wie ich!“ ſagte Pröbchen großartig, „du freuſt dich, daß das alles ſo ſchön iſt! Aber ’n Detektiv wie ich, der denkt ſchon ’n bißchen weiter, Mann!“

„Und was denkſt du denn?“

„Na, weil du es biſt, will ich es dir ſagen! Paß mal auf –“

Und er tippte mit dem Zeigefinger der rechten an den Daumen der linken Hand …

„Erſtens: ſolche Liedchen entſtehen doch nicht von heut auf morgen! Stimmt’s?“

„Ja, ſie müſſen uralt ſein!“

„Richtig!“ und nun tippte Zeigefinger rechts an Zeigefinger links. „Die alte Wittenbäuerin iſt doch ſicher beinahe hundert Jahre alt … Das Liedchen hat ſie als Kind ſchon gekannt! Und wo hat ſie es her? Von ihrer Ahne, die es auch ſchon als Kind gekannt hat! Begriffen?“

Klotzmann nickte.

„Drittens: So ’n Liedchen iſt alſo ſozuſagen ’ne Geheimſchrift! Aber ich will dich ja gar nicht fragen, wie man ’ne Geheimſchrift auflöſt! Du darfſt ja keinen Karl May leſen!“

Aber da drehte ſich Möſch auf einmal um. Er ſtand hoch auf einem Felſen über dem Wald.

„Nun kommt doch endlich!“ ſchrie er hinab, „die Mittin-Möhne und Thero und Utta ſind hier! Ich erkenne genau das rote Kopftuch von der Möhne und das Haar von der Utta!“

Mit langen Beinen rannte Manfred ſofort hinauf. Und dann rief er hinab zu Pröbchen, der gemütlich und langſam nachkam:

„Komm doch endlich! Ein Feuer haben ſie droben ſchon brennen!“

Als ſie auf der Höhe ankamen, lief ihnen Thero bereits mit offenen Armen entgegen.

„Was haben wir auf euch gewartet!“ rief er, „Kerls, wo waret ihr denn eigentlich?“

„Ihr wißt noch von nichts?“ rief Möſch, „na, da werden wir euch ſchön was zu erzählen haben!“

Sie kamen an das Feuer heran … Da hing von einem Spieß herab eine hochrandige rieſengroße Pfanne, darin ſchmorten Zwiebeln, Speck und Butter. Und die Mittin-Möhne hatte einen Korb vor ſich, ein Meſſerchen in der Hand, und Pilz auf Pilz warf ſie in die brutzelnde Pfanne. Utta ſaß dabei, hatte die langen und feinen Hände um die hochgezogenen Kniee geſchlungen und ſah zu. „Das iſt ſicher eine von Frau Hollas Töchtern!“ ſagte Manfred leiſe. Und dann ſetzte er ſich rechts, Thero links neben Utta, und er ſah, wie die alte Mittin-Möhne zu ihnen hinüberſchaute.

„Erzählen wir alſo!“ ſagte er.

Aber das Erzählen tat Pröbchen.

Sie machen Streiche

Die Mittin-Möhne nickte, als der Junge zu Ende war.

„Ja, dies Liedchen hab ich auch einmal gekannt. Jetzt fällt es mir wieder ein … Ich hatte es ſchon lange vergeſſen.“

„Meinen Sie, es hätte etwas Beſonderes zu bedeuten?“ fragte Manfred, und ſeine Augen funkelten.

„Aber gewiß! In allen dieſen uralten Kinderliedchen ſteckt ein Geheimnis, und oft ein ſehr großes ſogar!“

„Dann müſſen wir es herausfinden, Mittin-Möhne!“ rief Pröbchen.

Die alte Frau ſchüttelte den Kopf.

„Das haben ſchon ganz andere Leute verſucht als ihr!“ ſagte ſie. „Noch im Frühjahr iſt ein Maler aus Oldenburg hier geweſen, drei Wochen lang, und jeden Tag hat er hier am Hollenſtein gegraben. Die Dorfleute, die ihm mit Spaten und Hacke halfen, haben jeder Tag für Tag zwei blanke Taler verdient. Aber gefunden hat er nichts als einen Haufen alte Scherben, zwei ganze Kiſten voll, und die hat er alle mitgenommen … Vor viertauſend Jahren wären dieſe Scherben einmal Töpfe geweſen, ſagte er …“

„Alſo doch!“ rief Manfred.

„Ja, und er wollte auch im Herbſt wiederkommen! Eigentlich wundert es mich, daß er nicht ſchon da iſt! Ihr könnt euch ja einmal im Blauen Ochſen erkundigen, – da will er auch diesmal wieder wohnen!“

„Was hat er denn eigentlich geſucht?“ fragte Pröbchen.

„Gräber, alte Heidengräber!“

„Lächerlich!“ rief Möſch, „als Fachmann ſeh’ ich doch ſofort, daß man hier …“ er ſtieß mit der eiſernen Zwinge eines Stockes auf die Erde, daß es klirrte – „hier in dieſem gewachſenen Felsboden keine Gräber machen kann!“

„Das denke nur ja nicht!“ rief die Mittin-Möhne, „vor zweitauſend und noch mehr Jahren haben die Leute ſchon allerlei gekonnt! Nein, das hat einen ganz anderen Grund! Der Hollenbrunnen liegt doch ſo nah … Und nie hat man früher die Toten an heiligen Quellen begraben! Am Hollenbrunnen da fänd’ er vielleicht noch ganz etwas anderes als die Aſche von Toten! Aber die Mittin-Möhne wird ſich hüten, ihm etwas zu verraten!“

Die Jungen und Utta mit der Mittin-Möhne am Feuer

„Uns auch nicht?“ fragte Klotzmann.

„Euch ſchon. Aber nicht vom Hollenbrunnen. Daran dürft ihr mir nichts verderben …“

Eben hatte ſie den letzten Pilz in die Pfanne geworfen. Und nun tat ſie noh ein paar Hände zerſchnittener Waldkräuter hinein …

„In einem kleinen halben Stündchen ſind ſie fertig!“ ſagte ſie, „dann können wir eſſen … Vielleicht ſucht ihr in der Zeit noch ein Körbchen Blaubeeren … Die ganze Bergheide iſt voll davon …“

Und bald ſaß denn die alte Frau allein am Feuer. Die Holzſcheite kniſterten, in der Pfanne brutzelte und ſchmorte es. Aber ſonſt kein Laut. Die ungeheure Stille des hohen Mittags lag über dem Hollenſtein. Von dem Dorfe ſah man nichts. Nur rundherum wie ein grünes Meer die Wipfel der Wälder. Und hoch droben am blauen Himmel hing, unbeweglich faſt, ein Buſſard.

Die alte Frau ſaß regungslos auf dem mooſigen Steine, ein ganz kleines Windchen ſpielte in ihren ſchneeweißen Haaren, die unter dem Kopftuch hervorſchimmerten, und die Hände, die ſie rechts und links auf den Felsblock ſtützte, ſahen aus wie die wächſernen Hände der Toten.

Sie dachte zurück in die alten Zeiten. Und es war ihr bald, als hörte ſie die Heerhörner Armins des Cheruskers dröhnen, und dann wieder, als ſähe ſie die blumengeſchmückte Jugend zur Feier des Hohen Maien hinaufziehen zum Hollenbrunn.

Indes hatten ſich die Kinder ringsumher in der Bergheide und dem Jungwald zerſtreut und ſuchten in Körbchen und Kochgeſchirre die ſüßen ſchwarzen Beeren. Utta war gerade mit Thero und Manfred zuſammen. Sie fingerte mit raſchen Händchen noch ſchnell ein Häuflein Beeren in ihr Körbchen, dann ſtrich ſie ſich ihre wilden blonden Haare aus der Stirn zurück …

„Jungens, ich glaube, wir haben genug!“ ſagte ſie, „– und nun will ich euch einmal etwas zeigen! … Ach, da kommen ja auch Möſch und Pröbchen … Meint ihr vielleicht, ich hätte euch umſonſt hierhergeführt, wo die Felsklötze gerade am wildeſten liegen?“

„Sind etwa Gräber hier, Utta?“ fragte Thero.

Das blonde Mädchen lachte.

„Was denkt ihr euch wohl? Aber ’ne wunderſchöne kleine Höhle hab ich entdeckt! Was damit war, weiß ich nicht … Ich liege oft ſtundenlang drin, ſtecke ein bißchen den Kopf raus und ſehe zu, wie die Eidechſen vor der Höhle im Heideſand ſpielen und nach den Fliegen ſchnappen!“

Möſch klopfte der Kleinen auf die Schulter.

„Ich bin ein Mann vom Fach und werde die Sache ſchon unterſuchen!“

Utta lachte ſo hell, daß es war, als ginge ein Licht hier unter den düſteren Königsfarnen auf …

„Dann ſuch doch mal, du Fachmann! Du ſtehſt beinahe mit der Naſe davor! Aber ich wette, daß du die Höhle nicht findeſt!“

Möſch ſah das Mädchen beinahe mitleidig an.

„Na, du wirſt Bauklötze ſtaunen!“ ſagte er nur.

„Da bin ich aber auch neugierig!“ meinte Thero, „denn davon hat die Utta ſogar mir nichts geſagt!“

„Sehr vernünftig von ihr!“ meinte Möſch, „die wollte eben warten, bis ’n Mann vom Fach kam!“

Er hatte ſich inzwiſchen umgeſehen. Ja, Plätze mit Sand, wo die Eidechſen ſich ſonnen konnten, gab es hier genug. Und ſchon ſprang auch Pröbchen hin.

„Hier iſt es!“

„Unſinn!“ rief Möſch, „wie ſoll denn dahinter in die glatte Felswand eine Höhle kommen? Mal weiter ſehen!“

„Hier vielleicht?“ meinte Thero.

„Wieſo?“ grinſte Möſch verächtlich, „das iſt ganz lockerer Boden … Ne, aber hier iſt es!“

„Wieſo denn gerade hier?“ fragte Utta, aber ihr Geſichtchen glühte. „Das werden wir Ihnen mal erklären, meine Dame! Rundherum überall iſt gewachſener Fels oder Erde … Aber hier! Wollen ſich das die Herrſchaften mal beſehen? Hier hängen zufällig zwei Felsblöcke gegeneinander, ungefähr wie ein Trichter … Komiſcher Zufall ſowas! Und unten gehen ſie wieder ein bißchen auseinander … Oben im Trichter haben ſich denn allerlei Pflanzen feſtgeſetzt, Erde dabei … Na, und unten iſt es eben noch hohl, ſtimmt’s, Utta, oder ſtimmt es nicht?“

Das Mädchen nickte.

„Ja, du haſt recht! Von der Höhlendecke kommen ja die Wurzeln ſo tief ſchon hinab, daß ſie einen am Halſe kitzeln!“

„Na alſo!“ ſagte Möſch, und dann ſchob er die Farne beiſeite und war auf einmal dahinter in der Höhle verſchwunden. Aber im Augenblick kam er wieder zurückgekrochen. Dürre Blätter und Dreck ſtrich er ſich aus den Haaren.

„Daß mir keiner mehr in das Loch hier kriecht!“ ſagte er aufgeregt, „die Erde von droben kommt ja beinahe runter! Noch mal ’n tüchtiger Platzregen, und die Sache iſt paſſiert! Urteil vom Fachmann! Merkt euch das!“

„Alſo eine große Enttäuſchung, Utta!“ meinte Pröbchen.

„Und ich habe Wunder gedacht, was ich euch für eine Entdeckung zeigen könnte!“ ſagte das Mädchen.

„Die kann ja noch kommen!“ rief Manfred, „nicht wahr, Utta?“

„Beſtimmt!“ ſagte ſie und ſtrahlte ihn an, „meine Möhne weiß, glaub ich, noch viel mehr!“

„Alſo gehen wir zur Möhne!“ kommandierte jetzt Thero, „Heidelbeeren haben wir ja ſo viele, daß wir ſie heute mittag gar nicht alle eſſen können!“

Aber als ſie dann zur Mittin-Möhne kamen, – wer ſaß jetzt da bei ihr?

„Der Maler!“ rief Thero, „ja, wenn man den Wolf nennt, dann kommt er gerennt! … Tag, Herr Maler!“

„Guten Tag, meine Herren Jungen!“ rief der Maler, „jetzt bin ich mal wieder hier, aber diesmal wird was ausgegraben, oder ich will Dämlack heißen! Guten Tag, Fräulein Utta! Man wird immer ſchöner, nicht wahr? Ich werde Sie malen!“

„Quatſchkopp!“ knurrte Möſch, – aber dann fiel ihm plötzlich etwas ein. Und laut ſagte er:

„Fräulein Utta weiß hier ein altes Grab! Aber das ſagt ſie keinem! Und wenn Sie es wiſſen wollen, dann müſſen Sie ſich ſchon zu uns halten!“

Der kleine Maler mit dem langen Zwergenbart ſprang auf und griff ſich in ſeine graue Mähne, als wenn er ſie auf der Stelle ausreißen wollte.

„Tatſächlich ein Grab?“ rief er.

„Das kann ſchon ſtimmen!“ lächelte Utta ganz ſpitzbübiſch, „aber wenn ich Ihnen das ſagen ſoll, – ach du lieber Himmel! Dann müſſen Sie erſt den Thero, dann die Mittin-Möhne, dann den Klotzmann, – überhaupt alle müſſen Sie malen!“

„Mit ſolchen Sachen macht man keinen Unſinn, Utta!“ rief die Mittin-Möhne.

„Aber, Möhne, ich mache doch gar keinen Unſinn! Ich weiß wirklich eine Grabhöhle! Und ich hätte ſo ſchrecklich gern ein Bild von dir und all den Jungens!“

Der Maler war ganz rot im Geſicht vor Begeiſterung.

„Fräulein Utta, ich fange ſofort an!“

„Eſſen Sie erſt ein paar Pilze mit!“ lächelte die Mittin-Möhne.

„Danke, danke, gnädige Frau! Ich habe ſchon im Blauen Ochſen gegeſſen! Und außerdem könnten giftige darunter ſein! Ich eſſe niemals Pilze!“

„Möhne, ich hab aber Hunger!“ ſagte Utta, „ich wollte, wir hätten etwas Brot mitgebracht! Das ſchmeckt in der Pilztunke ſo herrlich!“

„Brot?“ rief Möſch, „Brot? Haben wir alles! Vernünftige Männer vergeſſen nie etwas! Aber die Frauen –! Na ja!“

Und er holte ein ganzes Graubrot aus dem Affen, ſtieß das breite Fahrtenmeſſer hinein:

Und herrlich ließen ſie es ſich ſchmecken. Das Brot ging von Hand zu Hand, und mit dicker brauner Pilztunke getränkt, verſchwand es in den hungrigen Mägen.

Der Maler aber ſaß da und ſtrichelte in ſeinem Skizzenbuch.

Möſch ſtieß den Profeſſorenſohn leiſe in die Rippen.

„Klotzmann, du haſt mir ’ne feine Idee gegeben!“ grinſte er, „den Maler wollen wir mal fein reinlegen! Ich ſag es dir ein andermal! Denn erſt muß er uns malen! Ich ſeh ſchon, der Kerl iſt in ſeinem Handwerk ein Fachmann! Alle Achtung vor einem Fachmann!“

Utta ſtand auf.

„Bitte ſitzen bleiben, Fräulein Utta!“ rief der Maler, „ich bin noch nicht fertig …“

Und dann nahm er ſeinen Aquarellkaſten, und aus den ſilberzarten Bleiſtiftſtrichen wurde in ein paar Augenblicken ein Köpfchen voll Farbe und Licht.

Er hielt es Utta hin.

„Bitte, Fräulein Utta, – das gehört Ihnen, wenn Sie mir das Grab zeigen!“

Die Mittin-Möhne ſchüttelte unwillig den Kopf.

„Herr Euler,“ ſagte ſie, „merken Sie denn gar nicht, daß die Kinder nur Unſinn machen?“

Herr Euler, der Maler, winkte ab.

„Nein, nein! In allem kindlichen Unſinn liegt ein tiefer Sinn! Und übrigens hab ich morgen Geburtstag, und an meinem Geburtstag habe ich immer Glück! Um elf Uhr bin ich geboren! Und um elf Uhr morgen treffen wir uns wieder hier, meine Herren Jungen und Sie, Fräulein Utta! Dann kriegen Sie auch die Bilder von den Herren Jungen, – und Sie zeigen mir das Grab! Abgemacht?“ Er hielt Utta die Hand hin.

Das Mädchen ſchaute ganz beſchämt.

„Ja, wenn es nur wirklich ein Grab iſt!“ ſagte ſie kleinlaut, „ich möchte Sie nicht enttäuſchen, Herr Euler!“

Aber der Maler ging ſchon und wehte mit ſeinen langen Armen hinter ſich her zum Abſchied wie mit Flügeln.

„Bis morgen um elf Uhr!“ rief er, „küß die Hand, Mittin-Möhne!“

Und bald war er drunten im Walde verſchwunden.

An dieſem Nachmittag ſaßen die Jungen und Utta noch lange vor dem Zelt am Hollenbrunnen zuſammen. Die Mittin-Möhne ſuchte derweil ſeltene Kräuter und Wurzeln im Walde …

„Nein, das wär’ nicht ſchön von uns!“ ſagte Utta gerade.

„Quatſch!“ rief Pröbchen; „meinſt du, weil er dich ſo fein gemalt hat? Was kann der Mann denn dafür, daß du ein immerhin ziemlich nettes Mädchen biſt, keine Knollennaſe haſt, keine Eſelsohren und keinen Mund wie ein Nilpferd? Überhaupt, wer ſo was übelnimmt, der iſt kein Kerl! Und nebenbei bemerkt, wollen wir ihm doch etwas zum Geburtstag ſchenken! Iſt es denn ſchlimm, wenn wir ihn mal schön überraſchen?“

Und ſo blieb’s denn dabei. Eine Stunde ſpäter ſetzten ſich Manfred und Pröbchen auf die Bahn. Aber nur zwanzig Minuten weit hatten ſie zu fahren, da hielt der Zug in dem erſten Städtchen jenſeits der Berge. Geld hatten die Beiden ja genug. Gewiß zehn Mark waren die herrlichen Dinge wert, die ihnen die Förſterin mitgegeben. Alles das, Butter und Wurſt, Kartoffeln und Speck, hätten ſie ja ſonſt für teure Groſchen bei den Bauern zuſammenkaufen müſſen.

Zuerſt alſo gingen ſie in eine Konditorei. Aber ſie aßen jeder nur ein einziges Kremſchnittchen. Was ſie aber ſonſt noch mit dem Konditor verhandelten, das hat außer ihnen ſelber kein Menſch gehört. Dann liefen ſie weiter, in ein anderes Geſchäft … der Konditor hatte ihnen genau beſchrieben, wo es wäre. Aber als ſie an dem alten niedrigen Häuschen anlangten, dämmerte es ſchon, und ganz dunkel war es, als ſie wieder hinausſchlichen. Deshalb ſah niemand, was ſie dort gekauft hatten und nun zwiſchen ſich trugen. Es war auch die höchſte Zeit, daß ſie wieder an die Bahn kamen, und gerade erreichten ſie noch den letzten Zug. Auch in dem Dorfe begegnete ihnen kein Menſch mehr auf der Straße. Bauer, Knecht und Magd, alle waren ſie nach der ſchweren Erntearbeit zeitig zu Bett gegangen. Und als dann die beiden Jungen droben am Zelt ankamen, ſagten ſie auch nicht mehr viel. Todmüde fielen ſie ins Stroh und ſchliefen. Schliefen bis in den hellen Tag.

Es ging auf elf Uhr an, da ſahen ſie den Maler den Berg heraufſteigen. Sie erkannten ihn gleich, vor allem an dem rieſengroßen Sonnenſchirm, und die Schüppen von den drei Arbeitern, die hinter ihm kamen, blitzten im Vormittagslicht. „Sogar ſeine Flöte hat er wieder bei ſich!“ rief Utta.

Und die Kinder winkten von dem Felſen herab bald dem kleinen Künſtler zu, bald nach der anderen Seite. Denn dort ſahen ſie jetzt den alten Schulmeiſter mit Thero. Da, jetzt trafen ſie zuſammen, und die Jungen ſahen, wie der Schulmeiſter dem Maler die Hand gab. Was er ſagte, konnten ſie nicht hören, aber ſie meinten, ſie könnten ihm jedes Wort vom Munde ableſen …

„Meinen herzlichſten Glückwunſch zum Geburtstage, Herr Euler!“

Und im gleichen Augenblick riefen auch ſchon die drei Jungen von droben herab im Sprechchor:

„Hoch ſoll er leben! Hoch ſoll er leben! Und dreimal hoch!“

Der Maler ſtrahlte nur ſo und flügelte mit ſeinem Sonnenſchirm und den langen Armen hinauf.

„Nehmen Sie ſich in Acht!“ rief Pröbchen, „wenn jetzt ein Windſtoß kommt, dann werden Sie noch Weltmeiſter im Segelfliegen vom Hollenſtein herunter!“

„Sei nicht ſo vorlaut!“ ſagte der alte Schulmeiſter.

„Ach, laſſen Sie nur!“ erwiderte der Maler, „gerade ſo hab ich die Jungen am liebſten!“

Der alte Mann ſchüttelte den Kopf.

„Ich verſtehe Sie gar nicht, daß Sie dieſen Bengels trauen! Wo ſollen denn hier Gräber herkommen? Glauben Sie mir, ich kenne am Hollenſtein doch jeden Winkel!“

„Aber den nicht, Herr Schulmeiſter!“ ſagie Möſch, „der iſt nämlich erſt ſeit ein paar Tagen da … Zwiſchen zwei rieſigen Steinen iſt da jetzt, wahrſcheinlich durch den letzten Regen, die Erde wie in einen Trichter geſtürzt! Alſo muß doch drunter ein Hohlraum geweſen ſein!“

Jetzt wurde auch der alte Lehrer aufmerkſam.

„Iſt das wirklich wahr?“ fragte er.

Und Utta nickte ernſthaft.

„Ja ſicher war da eine Höhlung! Man konnte mit dem Arm gar nicht bis an das Ende langen!“

Der Maler machte jetzt ſo raſche Schrittchen, daß die anderen ihm kaum nachkommen konnten. Und jetzt ging’s ſchon hinein in das Gewirre von Felsblöcken, auf denen Moos und Flechten wuchſen, Farne und das niedere Geſträuch der Preißelbeeren und Blaubeeren. Wie Bergzwerge huſchten und wiſchten die Jungen zwiſchen dem Geſtirn herum, oft war gar keiner von ihnen zu ſehen, dann ſchauten ſie wieder gleich Kobolden um die Ecken …

„Kennen Sie ſich aus, Herr Schulmeiſter?“ fragte Utta.

„Nein, Kind, hier nicht …“

Sie lächelte ſpitzbübiſch.

„Sehen Sie wohl? Und hier gerade iſt es …“

Sie blieb ſtehen.

„Hier? Wo denn? Ich ſehe nichts! Sie, Herr Euler?“

Aber auch der Maler ſchaute ſich ratlos um, – bis auf einmal, – da hatte er’s gefunden. Mit der Spitze des Sonnenſchirms zeigte er auf zwei Felſen … übermannshohe Blöcke. Oben auf den Spitzen grünte weiches Moos, aber dann kam auf beiden Innenſeiten der nackte Stein. Ganz deutlich ſah man es: da war die Erde in die Tiefe geſackt, die Heidelbeerſträucher waren abgeriſſen, und eine kleine Haſel hing noch mit freien Wurzeln ſchief hinab.

„Tatſächlich!“ ſagte der alte Schulmeiſter, „zwei Ellen tief hat ſich das geſenkt … Sicher war darunter ein Hohlraum! Fangen wir gleich an, Herr Euler!“

Er war richtig in Begeiſterung gekommen. Und ſchon klommen auch die Arbeiter hinauf, dann in den Felſentrichter hinein, und ihre Hacken und Schüppen gruben ſich in das weiche Erdreich. Bald hier, bald dorthin ſprang der Maler, wußte in ſeiner Aufregung alles beſſer als die Arbeiter; mit einem Bandmaß rannte er hin und her, notierte Zahlen, ſtrich ſie wieder aus …

„Zeichnen Sie doch die ganze Sache!“ meinte der Schulmeiſter, „das wäre vernünftiger!“

„Sie haben gut reden!“ rief der Maler, „ſehen Sie …“

Ja, vor Aufregung zitterte der Bleiſtift in ſeinen Fingern.

„Na, die Leute kommen wenigſtens ſchnell voran!“ ſeufzte der Lehrer.

Aber der Maler gab keine Antwort. Jedes Bröckchen Erde zerrieb er zwiſchen den Fingern. Wer weiß, vielleicht fand er irgendetwas von altem Schmuck? Eine Bronzeſpange? Einen Armreif? Alte Münzen?

Auf einmal zuckte er zuſammen … Und auch die Arbeiter hielten ein … Unter der Hacke hatte es hohl geklungen!

Der Maler war ganz blaß geworden.

„Vorſicht! Vorſicht!“ ſchrie er, „ſchlagt mir nichts in Scherben!“

„Es geht jetzt ganz leicht!“ rief einer der Leute, „die Erde hat wohl noch nicht ganz alle Hohlräume ausgefüllt!“

Der kleine Maler turnte hinauf. Aber er war noch nicht droben, da riefen ſchon alle drei Arbeiter zuſammen:

„Eine eiſerne Kiſte! Ganz roſtig!“

Doch gewiß eine Viertelſtunde dauerte es noch, bis die Kiſte freigelegt war und vor ihnen ſtand. Beſonders groß war ſie nicht, aber ungeheuer ſchwer, gewiß zwei Zentner mußte ſie wiegen.

Die beiden Männer, der Lehrer und der Maler, rüttelten an dem überſtehenden Deckel. Nein, die Eiſentruhe war feſt verſchloſſen. Die beiden Männer ſahen ſich an. Was mochte darin ſein? Ein Schatz? Waffen mit goldenen Griffen? Goldene Trinkgefäße, die man hier vor dem Feinde in Sicherheit gebracht hatte?

„Vielleicht finden wir den Schlüſſel auch noch!“ ſagte plötzlich ein Arbeiter.

Damit kletterte er wieder in das Loch und warf eine Schaufel Erde nach der anderen heraus … Mit bebenden Fingern wühlte der Maler die Erdklumpen durch …

„Hallo, ich hab ihn!“ ſchrie er auf einmal und hielt einen mächtigen Schlüſſel hoch. Und der Schlüſſel paßte wirklich in das Schloß … Doch erſt dem Stärkſten der Arbeiter gelang es, ihn zu drehen. Das Schloß knirſchte … Der Deckel ließ ſich heben …

Der Maler prallte zurück, als wäre ihm aus der Kiſte eine Schlange ins Geſicht geſprungen. Der alte Schulmeiſter ſtand da und ballte die Fäuſte. Und die Arbeiter … die lachten, lachten. Bald wälzten ſie ſich im Mooſe vor Lachen. Und hinter allen Felſen klang das helle Gelächter der Kinder. So fröhlich, daß endlich der Maler und der Schulmeiſter mit einſtimmen mußten, – ob ſie wollten oder nicht.

Denn was war in der Kiſte geweſen? Beinahe bis oben hin war ſie mit Steinen gefüllt, und auf den Steinen lag, ſauber auf Ölpapier, eine wunderſchöne Apfeltorte, und auf der Apfeltorte ſtand mit Zuckerguß:

„Seinem lieben Freund Euler zum Geburtstage!
Hermann der Cherusker.“

Die große Entdeckung

Nein, Herr Euler, der Maler, war nicht übelnehmeriſch. Noch am gleichen Nachmittag lud er die drei Jungen mit Utta und Thero in ſeinen Gaſthof zum Geburtstagskuchen ein. Die Wirtin hatte eine rieſengroße Pflaumentorte gebacken und noch einen Topfkuchen dazu. Den Ehrenplatz in der Mitte der Tafel unter den ſchattigen Kaſtanien aber nahm die Torte Hermanns des Cheruskers ein. Davon hatte der Maler ſogar ein feines Bildchen geknipſt. Und von nun an waren er und die Jungen die beſten Freunde. Nur das Graben, das hatte er vorläufig aufgegeben.

„Ich glaube, man muß erſt einmal mit dem Kopf graben!“ hatte der alte Schulmeiſter geſagt, „und dann kommen Hacke und Spaten dran!“

Und ſo gab's nun viele Tage droben auf dem Hollenſtein einen rechten Zwergenſpuk. Durch alle Klüfte und Spalten huſchte bald da, bald dort eine kleine Geſtalt, und dann ſah man wieder den grauen Maler, wie er mit ſeinem Bandmaß umherging, mit Kompaß und Landkarte. Die Jungen nannten ihn jetzt einfach den Zwergkönig Eugel, und dieſer Titel gefiel ihm ausnehmend gut.

Eines Morgens in aller Frühe ſtieg er nun einmal wieder zum Hollenſtein hinan. Die Sonne war eben aufgegangen, und der ganze Berg ſtand im dampfenden Tau.

Jetzt kam er an dem Hollenbrunnen vorüber. Das klare Waſſer rauſchte und rieſelte aus dem Quelloch die breite Rindenrinne hinab, dann ein Stückchen über die Quellwieſe und endlich in die dunkle Waldſchlucht hinab.

Aber in dem Zelt rührte ſich noch nichts.

„Sie werden noch ſchlafen!“ dachte der Maler, „ich will ſie nicht ſtören!“

Dann ging er mit leichten leiſen Schritten jenſeits wieder in den dämmerigen Wald hinein und den Berg hinauf bis zum Fuße des Hollenſteins. Dort ſetzte er ſich auf einen der kreisrunden „Rieſenmühlſteine“ und packte ſeine geliebte Flöte aus. Was er nun eigentlich ſpielen ſollte, daran dachte er gar nicht. Ganz, ganz leiſe huſchte eine zarte Melodie über die Bergheide. Und es war, als ſpiele tief, tief drunten im Hollenſtein einer von den Unterirdiſchen ſein feines und ſchwirrendes und trauriges Liedchen. Aber dann wurde es auf einmal heller, und ſo feinſilbern klang die Flöte, man konnte gar nicht begreifen, daß das noch Menſchenwerk und Menſchenatem war.

„Still! Ganz ſtill!“ hauchte da eine Stimme.

Aber Zwergkönig Eugel hatte es doch gehört. Und nun ſah er Utta und Thero hinter einem ſchwarzen Wacholder hervorkommen … Er nickte ihnen nur zu und blies weiter. Immer ſchwingender wurde die Melodie. Und immer verzauberter leuchtete es in Uttas Augen, – bis ſie auf einmal hoch auf einen der Rieſenmühlſteine ſprang und nach der Melodie zu tanzen anfing … Wie ein Licht war das ſchöne Kind, und die Melodie wie ein Zauberwind, in dem es weht … Und nun eine neue Melodie. Für einen winzigen Augenblick zuckte Utta zuſammen. Aber dann ging ein Strahlen über ihr Geſicht … Sie hatte die Melodie wiedererkannt … Mit feiner ſchwebender Stimme ſetzte das Mädchen ein …

„Rieſenmühle, mahle!
Hohe Sonne, ſtrahle!
Rauſche, Hollenbrunn!
Links und rechts und rum und um!“

Da, wie aus der Erde geſtiegen, ſtanden die drei Jungen, einer hier, einer dort. Hinter Felſen und Wacholdern waren ſie hervorgekommen. Wie ein Geiſterkönig aber ſaß der alte Meiſter da und blies weiter. Und Utta ſang:

„Rieſen, rührt die Trummen!
Schwarzer Mann will kummen!
Säuft den Hollenbrunn!
Links und rechts und rum und um!

Rieſen ſind verblutet,
Sonne iſt verglutet
Tief im Hollenbrunn!
Links und rechts und rum und um!“

Sie ſchwieg, die Flöte ſchwieg, und lachend ſprang das Mädchen von dem Stein hinab. Der Zauber war aus.

„Wer hat euch denn ſo ſchnell herangehext?“ fragte der Maler.

„Im Traum hörten wir den alten Eugel flöten,“ rief Manfred, „und wenn der Geiſterkönig ruft, dann müſſen ſeine Geiſter zur Stelle ſein! Wir ſind einfach aufgeſprungen, haben die Köpfe unter die Brunnenrinne gehalten und ſind hierhergerannt!“

„Ja, Ja,“ nickte der Maler, „beim Flöteſpielen kommen mir immer die beſten Gedanken!“

„Anderen Leuten auch!“ nickte Möſch, „und da iſt mir als altem Fachmann was eingefallen! Sehen Sie mal, hier das Geſtein iſt doch für Mühlſteine wie geſchaffen! Und ich denke mir die Sache ſo: man hat hier die Mühlſteine bis auf das Loch in der Mitte gleich fix und fertig zubehauen … Na, und dann iſt vielleicht, wie das ja früher oft war, ein Krieg gekommen, und man hat ſie liegen laſſen!“

„Klingt ja ganz nett!“ lobte der Zwergkönig, „aber frühſtückt zuerſt einmal, dann will ich euch ſagen, was ich meine! Wir werden heute tüchtig Arbeit haben hier oben!“

„Alles ſchon mitgebracht!“ rief Pröbchen, „und hier iſt unſer angeſtammtes Feuerloch. Da wird jetzt Kaffee gekocht … Hier, Möſch, Butterbrote machen! Aber nicht wieder die Butter draufkleiſtern wie mit ’ner Maurerkelle! Und du, Klotzmann, kannſt Waſſer holen. Ich mache in der Zeit das Feuer an, denn davon verſteht ihr ja allemale nichts!“

Utta tanzt zum Flötenspiel des Malers

Die Sache klappte denn auch herrlich. Gleich beim erſten Verſuch ging das Feuer an, kein Wind wehte die Flamme beiſeite, im Augenblick kochte das Waſſer, und eine halbe Stunde ſpäter war das ganze Geſchirr ſchon wieder abgewaſchen und ins Zelt geräumt worden.

„Wiſſet, Zwergkönig Eugel,“ meinte jetzt Thero, „Möſch, der Zwerg, hat Euch eben ſeine Gedanken geſagt, aber Eure anderen weiſen Untertanen ſind auch nicht müßig geweſen im Denken! Soll ich Euch ſagen, was Thero, der Zwerg, ſich gedacht hat?“

Der Maler ſah den Jungen aufmerkſam an.

„Nun?“

Aber Thero ſprach jetzt wieder ganz natürlich:

„Ich habe mir mit Utta und der Mittin-Möhne das alte Liedchen überlegt … „Rieſenmühle, mahle, Hohe Sonne, ſtrahle!“ Die Rieſenmühlſteine ſollen vielleicht Sonnen vorſtellen? Und die haben die alten Heiden hier ausgehauen und hergelegt, weil ſie vielleicht ihr Sonnwendfeuer darauf abbrennen wollten?“

Der Maler nickte.

„Hm, das iſt nicht ſo ganz dumm! Aber ſo viel weiß ich beſtimmt: Sonnenſteine aushauen und darauf Sonnwendfeuer abbrennen, – das hat’s nicht gegeben! Und die Sonne anbeten, das hat’s auch bei uns nicht gegeben! Aber nun denkt doch mal ein bißchen weiter … Wie geht denn die zweite Strophe?“

„Rieſen, rührt die Trummen!“

ſagte Manfred vor ſich hin,

„Schwarzer Mann will kummen!
Säuft den Hollenbrunn!“

„Ja, das bedeutet doch wohl,“ meinte Utta, „daß damals, vor tauſend Jahren vielleicht, fremde Völker hier eingebrochen ſind. Und die haben einen anderen Glauben gehabt und wollten nun alles zerſtören … Darum ſollten die Rieſen ihre Trummen rühren und ſich wehren!“

Der Maler ſchlug ſich mit der Fauſt auf das Knie.

„So und nicht anders iſt es geweſen! In der Schule habt ihr doch ſchon gehört, wie Kaiſer Karl die Irminſäule hat umwerfen laſſen! Wir wiſſen heut ſogar, wo ſie geſtanden hat! Auf den Externſteinen! Und dieſe Sonnenſcheiben …“

Möſch ſaß gerade mit dem Rücken zum Tale hin … Und immer wieder blinzelte er zum Felſen des Hollenſteins empor. Plötzlich ſprang er auf …

„Herr Euler,“ rief er, „Sie haben recht, Thero hat auch recht, aber wirklich verlaſſen kann man ſich doch nur auf ’nen Fachmann wie mich … Geben Sie mir doch mal Ihr Glas her –“

Erſtaunt ſah ihn der Maler an, und dann reichte er ihm ſein Zeißglas.

„Was willſt du denn damit?“ fragte er.

„’n Augenblick! Nur mal kucken!“

Und er richtete das Glas auf die ſteile Wand des Felſens, die über und über mit Moos und Flechten bewachſen war … Aller Augen folgten ihm.

„Wie hoch ſchätzt ihr die Felsſpitze?“ fragte er.

„Hm, dreißig, vierzig Meter!“ ſagte der Maler, „aber was ſoll das?“

Möſch ſah ihn beinahe mitleidig an.

„Ne, ’n alter Baumenſch ſchätzt ſowas auf den erſten Blick … Die iſt nur vierundzwanzig bis fünfundzwanzig Meter hoch! Und ein bißchen ſchräg iſt ſie auch, und Spalten hat ſie auch, – da kommen wir ohne weiteres ran!“

„Ja, aber nun ſag doch mal endlich,“ rief Klotzmann.

„Langſam, langſam! Eins nach dem andern! Herr Euler, ſehen jetzt Sie mal durch das Glas! Ob Sie was finden?“

Aber der Zwergkönig ſah es nun auch ohne Glas. Er hatte eben Maleraugen.

„Kinder,“ rief er, „nein … das iſt ja unmöglich … Und doch es ſtimmt, es muß ſtimmen! Da iſt ja an zwei, nein an drei … an vier Stellen das Moos und Flechtwerk viel dichter, viel grüner … Und dieſe Stellen ſind beinahe genau kreisrund … Das müſſen wir unterſuchen! Ob die Rieſenmühlſteine da oben her ſind?“

Möſch ſchlug ſich mit der Fauſt auf die Bruſt, daß es dröhnte.

„Laſſen Sie ſich das vom Fachmann verſichern!“ ſagte er, „die paſſen da drauf wie Deckel auf die Pötte!“

„Wie kommen wir aber da rauf?“ fragte Pröbchen, „’ne Apothekenleiter genügt da nicht! Und Eichhörnchen oder Affen ſind wir auch nicht.“

„Für unſereinen iſt das doch ’ne Kleinigkeit!“ ſagte Möſch, „wir könnten ja ’n bißchen Bergſteiger markieren, aber, –“ er kratzte ſich hinter dem Ohr, „wer – da runterfällt, der hat im Leben keine Kopfſchmerzen mehr … Ah, jetzt hab ich’s! Da hinten liegt eine Fichte, die hat der Sturm wohl dieſen Winter umgeweht … Mal meſſen!“

Schon rannte er hinüber, und die anderen ſahen ihn mit ausgeſtreckten Armen an dem ſchönen ſchlanken Baum entlanglaufen, von der Wurzel bis zur Krone, und meſſen.

„Beinahe zwanzig Meter!“ ſchrie er zurück, und die Kreiſe da oben liegen höchſtens elf Meter hoch! Alſo runter mit den Äſten! Nur eine Handlang davon am Stamm ſtehen gelaſſen, und wir haben die feinſte Leiter, die es gibt!“

„Aber wo kriegen wir ein Beil her?“ fragte Klotzmann.

Möſch kam eben zurück, die Hände in den Hoſentaſchen.

„Nimm deine langen Beine in die Hand,“ ſagte er, „und dann holſt du bei dem Köhler eins … Du weißt ja, wo er den Meiler brennen hat! In zwanzig Minuten kannſt du wieder hier ſein!“

Aber es dauerte beinahe zwei Stunden, ehe die ſonderbare Leiter an der Felswand lehnte. Indes war der Maler umhergerannt, hatte gemeſſen, viſiert, gezeichnet, photographiert.

Endlich ſteckte die Fichte mit dem ſpitz zurechtgeſchlagenen Fuße feſt in der Erde, und ſogleich turnte Möſch hinauf.

„Keine Angſt, Herrſchaften,“ ſagte er, „als alter Maurer iſt man ſchwindelfrei.“

Und ſchon ſtand er droben an dem erſten grünen Mooskreis.

„Fühl einmal die Ränder ab!“ rief der Maler.

Aber der Junge ſchien das gar nicht zu hören. Gleich büſchelweiſe riß er Moos, Flechten und Kräuter fort, und es dauerte gar nicht lange, da ſchien klar und deutlich, kreisrund, das Sonnenrad von oben herab.

„Menſch, Eugel,“ rief Möſch in ſeiner Begeiſterung hinab, „jetzt ſeh ich es genau! Alles um die Scheibe haben ſie weggehauen, und ſpäter haben dann die anderen die Scheibe heruntergeſchlagen! In die Fugen könnte man den einen Rieſenmühlſtein ſicher genau einpaſſen!“

„Stell einmal den Durchmeſſer feſt!“ rief der Maler hinauf.

„Bin ſchon dabei!“

Und Möſch ließ das Stahlband aus der Kapſel ſchnellen, daß es wie eine ſilberne Schlange über den Kreis blitzte …

„Zwoundachtzig Zentimeter!“ ſtellte er feſt.

„Das iſt alſo hier der Stein, auf dem ich eben mit der Flöte geſeſſen habe!“ ſagte der Maler; „Kinder, Kinder, was haben wir da gefunden!“

Und Möſch kletterte jetzt hinab und ſah ſich ſein Werk auch einmal von unten an.

„Sieht ganz luſtig aus!“ ſagte er.

„Luſtig?“ rief der Maler, „das nennſt du luſtig? Auf einem heiligen Ort ſteht ihr! Hier haben vielleicht vor tauſendzweihundert Jahren noch eure Urahnen gebetet, Kinder! Und dann ſind die Fremden gekommen und haben die Sonnenſcheiben heruntergeſchlagen! … Aber nun alle Mann angefaßt, jetzt ſtellen wir die Leiter an den nächſten Kreis.“

„Aber wir haben doch vier Kreiſe da oben,“ meinte jetzt Pröbchen, als die Tannenleiter endlich wieder ſtand – „und nur zwei Rieſenmühlſteine?“

„Die anderen ſind vielleicht beim Hinabſtürzen zerbrochen!“ ſagte Manfred.

Aber ſchon kletterte Möſch wieder hinauf. Wieder warf er ganze Klumpen von allerlei Flechtwerk und Gekräut hinter ſich. Bald der eine, bald der andere bekam einen Klumpen an den Kopf, und dann gab’s jedesmal ein großes Gelächter; nur der Maler ſtand da ganz ernſt und ſah geſpannt zu, wie ſich langſam das Kreisrund droben herauslöſte …

„Paſſen Sie auf, Herr Euler!“ rief Utta gerade.

Aber da war es ſchon geſchehen: ein taſchentuchgroßes Stück Moos hatte er auf dem Kopfe ſitzen, wie eine Kappe. Sogar über die Ohren hing ſie ihm noch! Und nun ſah er erſt recht aus wie der Zwergkönig Eugel.

„So eine kühle Mütze habe ich noch nie aufgehabt!“ lachte er, „die tut ja ordentlich gut hier in der heißen Sonne!“

Und er ſchüttelte nur etwas die Erde heraus, dann ſetzte er ſie wieder auf, und er hatte ſie noch immer auf, als Möſch endlich zu dem vierten Kreiſe hinaufſtieg. Aber kaum hatte der Junge hingetaſtet, da ſchrie er hinab:

„Hier iſt die Sonnenſcheibe noch dran!“

„Unmöglich!“ rief der Maler.

„Was, unmöglich? Da muß ich aber recht ſehr bitten …! Was der Herr Bauunternehmer Möſchenberg junior mit eigenen Händen fühlt, das iſt niemals unmöglich! Das iſt ſo, und da beißt keine Maus den Faden ab! Ich kann doch ganz genau die hohen glatten Ränder abtaſten! So, jetzt kommt das Moos wieder geflogen!“

Und es dauerte keine Viertelſtunde, da leuchtete von droben herab die kreisrund ausgehauene Steinſcheibe. Und immer heller wurde ſie, denn die pralle Sommerſonne trocknete im Nu den von Moos und Erde noch feuchten Felſen. Nur an einer Ecke war ein Stück herausgehauen. Möſch behauptete, er könnte noch die Stellen ſehen, wo man den zerſtörenden Meißel angeſetzt hätte …

„Warum mögen ſie nur aufgehört haben?“ fragte Manfred.

„Die ganze Sache war ihnen vielleicht zu mühſam?“ meinte Pröbchen.

„Ich denke es mir noch anders!“ ſagte Thero, „das eine Stück hat ſich vielleicht gelöſt und hat den Mann, der da arbeitete, erſchlagen und in die Tiefe geriſſen …“

„So mag es ſein!“ nickte der Maler, „und dann hat die anderen das Grauſen gepackt, ſie haben geglaubt, der alte Heidengott rächte ſich!“

„Da, jetzt hat er den Möſch auch geholt!“ ſchrie Utta plötzlich.

Denn der Junge war auf einmal verſchwunden, als wäre er mitten in den Felſen hineinſpaziert. Nur die Zweige eines winzigen Buchenbuſches, der ſich dort oben wohl in einen Felſenriß geſät hatte, zitterten und raſchelten noch ein wenig.

„Junge, Möſch!“ rief der Maler, „wo biſt du?“

Aber keine Antwort.

„In dem Buchenbuſch droben muß er ſtecken!“ meinte Klotzmann, „anders kann es doch gar nicht ſein, ſicher iſt ein Felſenſpalt dahinter!“

„Aber der kann doch höchſtens handbreit ſein,“ ſagte Pröbchen, „und Möſch hat einen furchtbar dicken Kopf!“

„Ich glaube, das täuſcht von hier drunten!“ rief Manfred, „wartet, ich will mal hinauf und nachſehen!“

Der Maler hielt ihn zurück.

„Du biſt zu groß und alſo auch zu ſchwer! Pröbchen, geh du lieber!“

Aber der winkte ab.

„Danke, ich bin nicht ſchwindelfrei!“ ſagte er, „außerdem muß ich ſpäter mal die Apotheke von meinem Vater übernehmen!“

„Und du, Thero?“

Aber Manfred ſtieg ſchon Äſtchen für Äſtchen an der Tannenleiter empor, und immer langſamer, je höher er in die Spitze kam. Ja, die krümmte ſich ein wenig, aber ſie trug ihn doch … Jetzt faßte er vorſichtig mit der Hand in den Buchenbuſch.

„Haſt du etwas gefunden?“ rief der Maler hinauf.

Der Junge drehte ſich um.

„Nein, noch nicht –! Aber da, – ſchaut doch einmal!“ er zeigte mit der Hand den Berg hinab … „Da kommt die Mittin-Möhne!“

Alle drehten ſich um. Aber keine Mittin-Möhne war zu ſehen.

„Du kohlſt ja, Klotzmann!“ rief Pröbchen.

Aber der Profeſſorenſohn war nirgend mehr zu ſehen. Nur zitterten wieder die Äſtchen der Buche.

Der Maler ließ die Arme ſinken …

„Nun iſt auch der fort! Ja, iſt denn dieſer Berg verhext?“

„Es ſcheint ſo!“ ſagte da eine dünne Stimme … „denn hier iſt die Berghexe ſchon!“

„Die Mittin-Möhne!“ rief Utta.

„Aber wo denn?“ fragte der Maler … Die anderen Kinder liefen ſchon ein Stückchen den Berg hinab, denn jeder wollte der Möhne zuerſt die Neuigkeit erzählen. Utta war ſtehen geblieben. Und als dann die anderen Jungen mit der alten Frau wieder zurückkamen, da raſchelten wieder droben die Äſtchen, und Utta war fort …

„Mir war doch, als hätte ich droben gerad etwas Rotes verſchwinden ſehen,“ ſagte Thero, „genau als wär ein Kobold mit rotem Mützchen hineingehuſcht … Das muß ihr Mützchen geweſen ſein …“

Aber nun war alles ſtill droben, kein rotes Mützchen war mehr zu ſehen, kein Zipfel von einem blauen Kleidchen.

Aber das rote Mützchen und das blaue Kleidchen ſtieg indes ganz vorſichtig den engen dämmerigen Felsſpalt hinan. Der machte jetzt eine Biegung, und dann wurde es ganz düſter. Nur von hoch droben ſchimmerten winzige Fetzchen vom blauen Himmel durch Heide- und Beerengeſträuch hinab. Aber ſonſt ließ ſich der ſchmale Weg ganz gut gehen. Weich ſchritten Uttas Füßchen über dickes Moos …

Da auf einmal zuckte ſie zuſammen. Ganz in der Nähe hörte ſie ſprechen. Aber wer konnte das anders ſein als die beiden Jungen, die gerade vor ihr in derſelben Kluft verſchwunden waren? …

„Wer hätte das gedacht?“ rief Manfred eben …

Raſch ſchlich ſie ein paar Schritte weiter, – da auf einmal wurde der Spalt breiter, und ſie ſah die beiden Jungen vor einer richtigen Treppe ſtehen. Es waren breite und ſchön glatt gemeißelte Stufen, die führten geradenwegs hinauf auf die Felsſpitze … Wie mitten aus der Erde ſtiegen ſie empor …

Leiſe legte das Mädchen dem langen Manfred die Hand auf die Schulter …

„Hier bin ich auch –“

Die Beiden fuhren herum, als hätte eine Schlange ſie gebiſſen.

Möſch hatte ſich zuerſt gefaßt.

„Die hat aber vielleicht Mut, Klotzmann!“ ſagte er, „was meinſt du, ſollen wir ſie mitnehmen oder lieber runterſchmeißen ?“

Aber Utta war ſchon an ihnen vorübergehuſcht wie ein Elfchen und die Felstreppe hinauf.

„Schnell ihr nach!“ rief Möſch, „ſonſt heißt der Felſen womöglich nächſtens noch Uttaſtein, weil ſie zuerſt droben geweſen iſt!“

„Das iſt doch ein ſchöner Name!“ lachte Manfred, „oder hätteſt du lieber, wenn er Möſchenneſt hieße ?“

Aber Utta war längſt droben. Und als die beiden Jungen ihre Köpfe über den Rand des Treppenloches ſteckten, ſahen ſie das Mädchen droben auf der Felsplatte tanzen und hörten es ſingen dazu:

„Hollentochter am Hollenſtein,
Schöne Hollentochter tanzt den Reihn,
Ri Ra Ringelreihn!“

„Menſch, wenn die nur nicht runterfällt!“ ſagte Möſch.

Aber Manfred ſtand da wie angezaubert. Nun winkte ihm Utta lachend mit der Hand zu und ſang weiter:

„Menſchenkindern, die ſich regen,
Holle bringt den Segen!
Ri Ra Hollenreihn!
Korn läßt Holle ſprießen
Und mit Sonne gießen!
Ri Ra Hollenreihn!“

Dann auf einmal hielt ſie im Tanzen beide Arme hoch, die Handflächen zum Himmel, und die Arme wehten nun im Tanze wie zwei weiße Blumen …

„Holle kommt zum Segnen,
Läßt es ſchnei’n und regnen!
Holle, Hollentöchterlein,
Und Frau Holles Sonnenſchein!
Ri Ra Ringelreihn!“

„Die iſt ja verrückt!“ ſagte Möſch, „gehn wir zwei mal ’n Haus weiter! Die Sache hier muß doch fachmänniſch unterſucht werden! Für dies alberne Singen kann ich mir nichts kaufen!“

Ja, in der Schule hatte Möſch auch immer mangelhaft gehabt im Singen. Und als er nach der Schulentlaſſung in die Tanzſtunde ſollte, da hatte er ſeine Mutter ganz mitleidig angeſehen. „Männer, die auf Baugerüſten klettern, brauchen nicht tanzen zu können!“ hatte er geſagt, „und wenn ich ſpäter mal von meinem Bau komme und Feierabend mache, dann fällt es mir doch gar nicht ein, in eine Tanzbude zu gehen! Dann leiſte ich mir, wie der Vater und ſonſt jeder anſtändige Geſell und Meiſter, meinen Pott Bier und rauche eine Zigarre dazu!“

Ja, ſo war Möſch …

„Ich finde, hier gehört das Liedchen von Utta genau ſo gut dazu!“ brummte Manfred …

Und gerade ſang ſie wieder: „Holle, Holle, Sonnenſchein –“

„Hör doch mal endlich auf mit deinem Geſchnatter, du alberne Gans!“ rief Möſch ihr zu, „wenn du hier runterkegelſt, weine ich dir keine Träne nah! … Stell dir nur vor, Klotzmann, ich ſtände jetzt auf Eiſenträgern von ’nem Hochhaus, fuffzig Meter über der Straße und finge dann auf einmal an, zu hopſen und Duliöh zu ſingen! Was glaubſt du, wie mein Vater mir den Hintern vollhaute! Und das ganz mit Recht! Ich könnte ja einem anſtändigen Menſchen drunten auf den Kopp fallen, daß der auch noch den Hals bräche! Da, nun hör mal, wie die unten ſchreien, und das verrückte Menſch kümmert ſich gar nicht drum! Da, jetzt ſchmeißt ſie ſogar ihre Mütze runter … Da, und nun ’n Büſchel Heidekraut! Nicht für möglich ſoll man es halten!“

Jetzt ſtand das blonde Kind hart am Abgrunde und ſchaute unbekümmert hinab.

„Nun ſeid doch endlich ſtill!“ rief ſie, „ſeht doch, die Möhne hat gar kein bißchen Angſt … Und der Thero auch nicht! Die kennen mich eben!“

„Wie ſeid ihr denn da hinaufgekommen?“ fragte der Maler …

Sein Mooskäppchen hatte er inzwiſchen weggeworfen, denn er war vor Angſt richtig ans Schwitzen gekommen.

„Die Treppe rauf!“ lachte Utta zurück.

„Die Treppe? Ich danke, das iſt doch keine Treppe!“

„Wenn ich’s Euch ſage, Zwergkönig Eugel! Hier iſt eine richtige Treppe, fein in den Stein gehauen … Nur der untere Teil iſt verſchüttet. Den muß man nur freigraben! Ich glaube, dann kann man rauf und runter ſpazieren wie auf den Glockenturm von einer Kirche.“

Der Maler war ganz aufgeregt.

„Wartet, ich komme, ich komme!“ rief er, „iſt der Felsſpalt breit genug für mich?“

„Wenn Sie mit dem Rücken gegen den Felſen gehen, ja! Warten Sie, ich bin ſofort drunten und helfe Ihnen durch den Buchenbuſch …“

„Nein, ſchick lieber einen von den Jungen! Die ſind ſtärker! Er ſoll mir dann die Hand geben und mich hineinziehen!“

Die Beiden hatten alles mit angehört.

„Geh du ſchon, Möſch!“ ſagte Klotzmann, „du haſt ſo kräftige Hände, breit wie Schaufeln!“

„Das will ich meinen!“ nickte der Junge, und dann machte er es wie die Bauarbeiter, wenn ſie einen Spaten anfaſſen: er ſpuckte in die Handflächen und rieb dann ſeine beiden Pratzen gegeneinander. Der Maler ſtand ſchon hoch droben auf der Tannenleiter, als Möſch am Ende des Spaltes ankam.

„Sind Sie da?“ rief er, „– ſo, jetzt ſetzen Sie den rechten Fuß in die Felsſpalte, dann geben Sie mir die Hand, und ich ziehe Sie rein!“

Und eine Hand und eine Stiefelſpitze kamen durch das Gebüſch.

„Den Fuß noch höher! Noch etwas!“ kommandierte Möſch, „da, jetzt feſt aufſetzen. Und wenn ich nun ſage: Hau! dann paſſen Sie auf, und wenn ich ſage: Ruck! Dann laſſen Sie die Tanne los! Alſo … Jetzt packe ich Ihre Hand! … So! Achtung! Hau –! Ruck!“

Es war geglückt. Aber ſo ſtark hatte Möſch gezogen, daß er ſelber hintenüber fiel und der Maler über ihn her. Beulen hatten ſie beide an den Köpfen, Schrammen an den Händen, und es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis ſie in dem engen Spalt wieder auseinander waren. Und das erſte, was jetzt Möſch ſagte, war:

„So, rauf ſind Sie zwar gekommen! Aber runter kommen Sie nicht mehr! Das kann ich Ihnen gleich jetzt ſchon ſagen! Wir müſſen richtige Leitern haben!“

„Darüber mach ich mir noch keine Sorge!“ ſagte der Maler und wiſchte ſich das Blut von den Kratzern an den Handknöcheln, „zeig mir nur erſt einmal die Treppe!“

Und er quetſchte ſich hinter dem Jungen her durch den düſteren Spalt. Endlich wurde es lichter, und nun ſtieg der Zwergkönig Eugel mit andächtigem Geſicht die Steintreppe empor … Möſch war ihm ſchon vorausgeſprungen.

„Gräber zu ſuchen, bin ich ausgezogen,“ ſagte der Maler, „und nun haben wir ein altes Heidenheiligtum gefunden!“

Aber als er droben ankam, lief ihm Möſch mit verſtörtem Geſicht entgegen …

„Klotzmann iſt fort, und Utta auch!“ ſchrie er.

Der Maler wurde blaß wie eine Wand.

„Dann ſind ſie heruntergefallen!“

Seine Knie wankten auf einmal. . . Und jetzt kam auch noch Geſchrei von drunten herauf.

„Utta! Utta! … Und der Junge auch!“ rief es durcheinander.

„Das kommt von der blöden Singerei!“ knirſchte Möſch, und vorſichtig ging er bis an den Felsrand, ſchaute hinab …

„Sind ſie –“

„– tot?“ wollte er rufen. Aber das Wort blieb ihm in der Kehle ſtecken … Drunten, mitten auf dem Rieſenmühlſtein, ſtand Utta und winkte ihm lachend hinauf …

„Hollentochter am Hollenſtein,“

ſang ſie ihm zu,

„Schöne Hollentochter tanzt den Reihn …“

Und Klotzmann ſprach eben mit der Mittin-Möhne.

„Bin ich nun verrückt, oder ſeid ihr es?“ bellte Möſch hinunter, „könnt ihr vielleicht fliegen?“

„Nein, aber klettern!“ rief Manfred, und Utta drehte dem Möſch eine lange Naſe. Der Maler aber atmete auf aus tiefſtem Herzen.

„Gott ſei Dank!“ ſtöhnte er, „ich hätte ja nimmermehr froh werden können!“

„So eine Frechheit!“ ſchrie Möſch, „wie kamt ihr denn da ſo ſchnell runter? Klotzmann, die Gans da hat dich ſicher auf ihre Flügel genommen!“

„Nein, wir haben oben den Fliegenden Koffer gefunden!“

„Nun macht mal bitte keinen Unſinn!“ rief der Maler, „wie ſeid ihr hinuntergekommen?“

„Wieder einmal die Treppe hinab!“ erwiderte Manfred, „wartet, ich komme ſchnell hinauf!“

Und damit war er an der Seite des Felſens verſchwunden im Ginſtergeſtrüpp.

„Hallo! Der läuft an die Oſtſeite vom Hollenſtein!“ rief Möſch, und gleich ſprang er den Felſen weiter hinauf, turnte über die ſchroffen Zinken weg, rutſchte wieder ein Stückchen hinab. Und nun ſtand er da, hielt ſich an einem Ginſterſtrauch feſt und ſchaute in die Tiefe. Hier war der Hollenſtein wie von einem Rieſenſchwert bis tief auf den Grund auseinandergeſchlagen. Strauch- und Buſchwerk wucherte ſchwarz bis oben herauf, ſchier undurchdringlich, nur ganz dicht an der Felswand ſah er zerrauft und zertreten aus. Die gegenüberliegende Wand war wohl drei Meter entfernt.

Jetzt ſtand auch der Maler neben Möſch.

„Sehen Sie, da find ſie hinab!“ zeigte der Junge.

Aber es raſchelte auch ſchon drunten im Buſchwerk, und Manfreds blonder Schopf tauchte auf, ſtieg langſam höher an der Wand und höher … Ja, es ſchien gar nicht anders möglich, – da mußten Stufen ſein! …

Aber auf einmal war’s zu Ende. Senkrecht fiel hier der kahle Felſen ab. Und der Junge ſtand gewiß noch drei Meter unter der Höhe. Aber da, – jetzt griff er in die Wand, nahm das Knie hoch, – und ruck! war er ein Stückchen höher. Nun griff er mit der linken Hand, zog den rechten Fuß nach, – ruck! wieder höher! Man konnte gar nicht recht erkennen, wo er eigentlich hintrat. Es ſah aus, als käme ein großes Klettertier an einer Efeuwand empor.

„Da ſind nämlich Löcher in dem Felſen!“ rief er, und ſchon ſchwang er ſich droben über den Rand hinauf. Möſch ſtarrte ihn an.

„Löcher? Richtige Steiglöcher? Und wie ſeid ihr darauf gekommen?“

„Wir haben uns auf den Bauch gelegt und an der Wand herumgeſtochert, – da ſind eine ganze Menge Dohlen herausgeflogen, und weil Dohlen bekanntlich keine Neſter bauen ſondern in Fels- und Mauerlöchern hauſen, wußten Utta und ich ſofort Beſcheid!“

„Und die Treppe?“ fragte der Maler.

„Die muß in den Felſen hineingeführt haben … Da iſt alles verſchüttet!“

„Alſo dieſelbe Treppe, die droben wieder herauskommt!“ rief der Maler, „Kinder, Kinder, was haben wir für einen Schatz entdeckt!“

„Soll ſchon was ſein!“ brummte Möſch, „ſo ’ne olle Treppe! Wenn wir wenigſtens 'ne ordentliche Kiſte Geld fänden! Da könnte von mir aus ruhig der Deubel mit radgroßen Augen draufſitzen!“

„Hier das alles iſt viel mehr wert als eine Kiſte Geld,“ ſagte der Maler, „ſeht mal her …“

Er legte den Kompaß auf einen Stein und wartete, bis die Nadel ausgezittert hatte; alſo da iſt Norden und hier, genau hier iſt Oſten … Möſch, du verſtehſt ja was davon! Hier haſt du meinen Spazierſtock! Und nun viſier mal genau die Weſt-Oſt-Linie! Über die Bergſpitzen weg! Was ſiehſt du?“

Möſch hob den Stock in Augenhöhe … Aber nach einer halben Minute ſchon ſetzte er ihn wieder ab.

„Donnerwetter!“ ſagte er, „wer hätt’ das gedacht?“

„Was denn?“ rief Manfred.

Möſch zeigte über die öſtlichen Berge hin.

„Da ſieh doch!“ ſchrie er, „dreißig Kilometer weit kannſt du es verfolgen … Alles liegt genau auf derſelben Linie, haargenau … Die alte Kapelle von Bergkirchen, wo der Wittekindsbrunnen iſt, der Hohenrauksberg, der Heidenſtein auf dem Kahlenberg, dahinter die Altenmarsburg … Warum haben die Heiden das alles ſo angelegt, Zwergkönig Eugel?“

Der Maler ſaß jetzt da, glücklich wie ein Kind zu Weihnachten.

„Denkt doch einmal nach, Jungen! Wann geht die Sonne ganz genau im Oſten auf? Zur Sommerſonnenwende! Und was haben wir hier für Steine entdeckt? Alte Sonnenſteine! Hier haben unſere Vorfahren ihre Sonnenwendfeuer abgebrannt! Von hier aus haben ſie am Tage Blinkzeichen gegeben und Feuerzeichen des Nachts, wenn der Feind ins Land kam! Von hier aus hat vielleicht der Cherusker Hermann ſeine Krieger zuſammengerufen, als er zum Teutoburger Walde zog! Und das ging ſo ſchnell, wie heut das Telegrafieren! Jungen, ich ſag es noch einmal, – hier iſt heiliges Land! O, wir werden es noch unterſuchen! Vielleicht hat hier auch eine Irminſäule geſtanden.“

„Verbrennen Sie ſich nur nicht die Finger!“ grinſte Möſch, „ich bin nämlich zufällig im Bilde. Haben Sie Graberlaubnis von der Regierung? Aber jetzt wird Firma Möſchenberg zuerſt einmal die Kletterlöcher in der Felswand unterſuchen!“

Und ſchon ließ er ſich vorſichtig hinab, Stückchen um Stückchen, und minutenlang wühlte er in jedem Loch herum. Die Finger mit Dohlendreck wiſchte er dann an dem Mooſe ab.

Endlich ſtand er auf der geſchickt in die Felsvorſprünge gemeißelten Treppe.

„Der Fachmann hat’s ſchon rausgefunden!“ rief er, „die Löcher ſind genau viereckig! Auf der anderen Felſenſeite müſſen auch welche ſein! Da haben früher Balken dringelegen! Vielleicht eine Brücke von dem einen auf den anderen Felſen!“

„Dann müſſen wir dieſen anderen auch ſofort unterſuchen!“ ſagte der Maler.

„Meinen Sie, da hätte Hermann der Cherusker ſein Zigarrenetui liegen laſſen?“ fragte Möſch, „jedenfalls hat Herr Möſchenberg junior jetzt schweren Kohldampf! Vor zwei Stunden kriegt mich keiner mehr droben zu ſehen! Mahlzeit, die Herren!“

Und er war im Geſtrüpp verſchwunden.

Die flammende Nacht

Im erſten Kapitel habe ich erzählt, wie ich den Anfang dieſer Geſchichte miterlebt habe. Aber auch bei dem Schluſſe bin ich ſelber geweſen. Und das kam ſo. Eines Morgens überflog ich, ehe ich mich an meine Arbeit ſetzte, raſch die Zeitung, und da blieb auf einmal mein Auge an einer Stelle haften. Wahrſcheinlich nur, weil ich den Namen des Dorfes geleſen hatte, in dem der Junge meines Freundes Doktor Klozzilius mit ſeinen Kameraden die Ferien verbrachte … Und ſo hieß es in dieſem Zeitungsbericht

„Auf dem ſogenannten Hollenſtein bei …“ jetzt folgte der Name des Dorfes – „entdeckte der bekannte Oldenburger Maler Euler unter tätiger Mithilfe einiger Jungen, die dort in den Ferien weilten, ein altgermaniſches Heiligtum. Außerhalb an dem Felſen führt eine noch gut erhaltene aber ſeit Jahrhunderten längſt überwachſene Treppe empor, mitten in den Felſen hinein. Als hier der Schutt beiſeite geräumt war, fand man einen kurzen gemeißelten Gang, der wieder auf eine Treppe ſtieß. Und dieſe ebenfalls wohlerhaltene Treppe führt geradenwegs auf den Gipfel des Hollenſteins, wo Herr Euler eine noch ſehr gut erkennbare Beobachtungsſtelle für den Sonnen- und Mondlauf entdeckte. Die Achſe dieſer Beobachtungsſtelle liegt haargenau in weſt-öſtlicher Richtung …“

Und ſo ging es weiter. Ich las den Bericht gar nicht zu Ende, ſo aufgeregt war ich … Den Oldenburger Maler kannte ich doch gut! Von dem hängt ein herrliches Bild in meiner Stube, und eine ganze Menge ſeiner Radierungen habe ich in meinen Mappen.

Was war alſo zu tun? Und ſchon hatte ich meinen kleinen Reiſekoffer in der Hand … Ein paar Kragen, etliche Taſchentücher, etwas Wäſche hinein, obendrauf warf ich die Zeitung, dann knipſte ich die Taſche zu; ein paar Geldſcheine ſtopfte ich noch in meine Brieftaſche, und zehn Minuten ſpäter ſtand ich an der Tankſtelle und gab meinem Motorrad das Frühſtück: zehn Liter Brennſtoff und einen halben Liter Öl. Das Köfferchen war ſäuberlich auf den Rückſitz geſchnallt. Und ſchon jagte ich den Rhein hinab, dann durch das Land der Schlote, Hochöfen und Zechen den Bergen zu. 350 Kilometer, das war für dieſe famoſe Maſchine ja kein Kunſtſtück. Und ich konnte drum ganz gemütlich fahren. Es war eben kein Wettrennen. Dafür wäre der ſchöne Spätſommertag auch viel zu herrlich geweſen. Erſt in Dortmund aß ich zu Mittag. Und eine Stunde vor der Dämmerung kam ich in dem Dörſchen an, das mein Ziel war. Vor dem „Blauen Ochſen“, der einzigen Wirtſchaft, gegenüber dem Kapellchen, hielt ich an … Du lieber Himmel, was war denn hier los? Ich hörte deutlich: drinnen wurde eine Rede gehalten; düſter war das Zimmer, und die Petroleumlampe qualmte über dem langen Tiſch. Der Wirt legte die Finger an den Mund … „Pſt!“ … Der Mann am Kopfende redete weiter. Ich blieb in der Türe ſtehen und ſah mir zuerſt einmal die Leute an. Neben dem jungen Redner, – ſicher war es der Lehrer des Ortes, – ſaß ein altes Männchen mit einem feinen glattraſierten Geſicht … „Das iſt der alte Lehrer, der Schulmeiſter!“ flüſterte mir der Wirt zu, „und der da neben –“ „Nein, danke, das brauchen Sie mir nicht zu ſagen!“ meinte ich. Denn ich kannte das ſpitzbärtige Männchen ſofort! Das war der Maler Euler. Und auch er hatte mich geſehen. Sofort ſchob er ſeinen Stuhl zurück und ſtand auf. Gleich nahm er mich unter den Arm, und wir gingen hinaus. Draußen ſtand ein Tiſch, die Beine in die Erde gerammt und ein paar Bretter darüber … Da ſetzten wir uns hin. Und um die Linden ſchwirrten die Fledermäuſe.

„Matthießen, wo kommen Sie denn her?“ fing Euler an, „aber das iſt ja ganz egal! Hauptſache, daß Sie da ſind! Der alte Schulmeiſter, das iſt ’n Kerl! Und die Mittin-Möhne, die müſſen Sie kennenlernen!“

Ich wußte gar nicht, wer das alles war. Aber ſchon fuhr der Maler fort:

„Wiſſen Sie, was wir heute nacht anfangen? Die Schulen und die geſamte Jugend der Umgegend haben wir mobil gemacht! Im Umkreis von über hundert Kilometern! Da müſſen Sie mitkommen! Wir geben Flammenzeichen vom Hollenſtein aus, und dann wollen wir mal ſehen, ob die Jugend auf den hundert anderen Bergen die verſteht! Denn die meiſten von dieſen Bergen kann man ja vom Hollenſtein aus überhaupt nicht ſehen! Aber wenn wir hier leuchten, dann ſieht’s der Hohenrauksberg, und von dem aus wieder ein Dutzend andere Berge, und von denen wieder andre! Nein, lieber Freund, die alten Deutſchen waren längſt nicht ſo dumm, wie manche Dummköpfe meinen, die unſere Ahnen für Wilde halten!“

Jetzt endlich hörte er auf. Und der Wirt brachte uns auch ſchon zu trinken. Aber der Maler nahm nur ein Schlückchen. Dann redete er weiter:

„Punkt zehn Uhr fangen wir mit unſeren Flammenzeichen an. Und von elf Uhr an erwarten wir die Rückmeldungen! Ob alle verſtanden haben! …Wollen wir alſo langſam hinaufgehen zum Hollenſtein? Jetzt redet drinnen der Lehrer, dann der Landrat … Wir zwei wiſſen das ja alles … Kommen Sie!“

„Ich muß doch erſt bezahlen!“ ſagte ich.

„Ach was! Ich wohne hier, und das ſchreibt mir der Wirt auf die Rechnung!“

„Und dann, lieber Euler, hab ich Hunger!“

„Ich auch!“ lachte der Maler, „aber die Jungen haben droben an ihrem Zelt ſchon gekocht, dreißig Würſtchen habe ich ihnen geſtiftet! Da bleibt auch für uns noch etwas übrig! Kommen Sie, alter Freund, gehen wir zum Hollenſtein!“

Und durch immer tiefere Dämmerung und rauſchenden Wald gingen wir hinauf.

Aber einſam rauſchte der Hollenbrunnen in die Nacht.

„Die Jungen ſind ſchon droben!“ ſagte der Maler, „überhaupt, wiſſen Sie, ohne dieſe Jungen hätte ich das nie gefunden. Man braucht es ihnen kaum einzupauken! Sie wiſſen auf einmal wieder, was ihnen das Erbe der Ahnen bedeutet!“

Und der Hollenbrunn rauſchte.

Still und ſchweigend ſchritten wir höher. Und als wir droben ankamen, leuchtete uns, hinter allerlei Buſchwerk verſteckt, gedämpft ein rötliches Feuer entgegen. Näher gingen wir heran und ſahen fünf Geſtalten darumhocken … nein, ſechs waren es. Eine uralte Frau darunter. Das mußte die Mittin-Möhne ſein. Und neben ihr das Mädchen, deſſen Blondhaar im Feuerſchein lohte, war gewiß Utta, ihr Urenkelkind. Die anderen: meine Jungen. Ich kannte ſie gleich wieder, obſchon ihre Geſichter durch die rote Flamme ſo geiſterhaft umleuchtet waren. Da war Manfred, der Profeſſorenſohn, da war Pröbchen, der flinke ſchlauäugige Junge, da war der dickköpfige Möſchenberg. Und der vierte? Sicher Thero!

Der Maler hielt mich zurück.

„Still!“ flüſterte er, „die Mittin-Möhne erzählt gerade! Sicher wieder eine Geſchichte vom Hollenſtein!“

Heimlich und leiſe raunte die Stimme der Alten durch die Nacht … „Nein, das geht nie und nimmer mit rechten Dingen zu! ſagte der alte Schäfer. Denn es begab ſich ſeit neun Tagen ſchon das Seltſame, daß es unten am Hollenſtein, wo er ſeine Herde austrieb, regnete in Strömen, dagegen oben auf den Wieſen, wo ſeine Schafe weideten, hell und blank die Sonne ſchien. Er beſchloß nun, einmal auf ſein Mittagsſchläfchen zu verzichten, ob er etwas gewahr werden könnte. Ja richtig, da ſah er um die Zeit, wo er ſonſt ſich in ſeinem Karren aufs Ohr legte, die Frau Holla aus dem Berge kommen als eine ſchöne Frau. Die breitete auf den Wieſen einen Haufen Flachs aus, um ihn in der Sonne zu trocknen. Er ſah ihr lange zu, bis ſie fertig war mit ihrem Geſchäft und wieder im Berge verſchwand. Da der Schäfer des Abends die Schafe hinuntertrieb zum Berg, ſieh, da regnete es unten wieder, was nur vom Himmel wollte. Und ſo ging es Tag um Tag. Da konnt der Schäfer nimmer länger ſchweigen und redete darüber, wie ſeltſam es ſei, daß unten am Berg der Regen giſchte, während droben derweil die Sonne ſchien. Und dann kam es, daß er ſchließlich auch das andere erzählte, wie die weiße Frau ihren Flachs gebreitet hab in der Sonne. Da die Leute ſolches hörten, drangen ſie in den Schäfer, er möge zum Beweis das nächſtemal ſolchen trockenen Flachs ein paar Hände voll mitbringen. Das verſprach er denn auch. Wie er nun wieder auf den Berg kam, war alles genau ſo wie an früheren Tagen. Es nahte ſich diesmal aber der Schäfer in großer Ehrerbietung der hohen goldhaarigen Frau, die wieder mit weißen Händen den Flachs breitete, und bat ſie, ob er ein paar Hände voll mitnehmen dürfe von dem, der ſchon trocken wäre, damit die Leute unten ihm glaubten, daß hier oben ſchönes Wetter ſei. Sie gewährte es mit gütigem Lächeln, und er füllte ſich die Taſchen. Wie er ins Dorf gekommen war, wollte er den Flachs herzeigen. Er griff in die Taſche, nahm eine Handvoll heraus, und alles um ihn her ſtieß einen Schrei der Verwunderung aus, indem er ſelbſt ſprachlos war vor Staunen und Freude: der Flachs hatte ſich in pures, funkelhelles Gold verwandelt …“

Die Möhne ſchwieg. Nur die Flammen unter dem Kochkeſſel kniſterten in den dürren Scheiten. Endlich ſah Manfred auf, ſchaute Utta an:

„Du, Utta, dieſer Schäfer war ſicher dein Ahnherr. Haſt ja das pure Gold von ihm geerbt in deinem Haar!“

„So ein Quatſch!“ brummte Möſch, „ſieh lieber nach, ob die Würſte gar ſind! Dann können wir endlich unſere Bouillon fertig machen! Kalt iſt es hier ja wie in ’nem Hundeſtall! Man muß ſich mal gründlich den Magen wärmen!“

Ja, das war wieder ſo richtig Möſch, und ich mußte laut hinauslachen. Die Jungen ſprangen auf. Und Pröbchen ſchwang den brennenden Knüppel hoch, mit dem er die ganze Zeit über in dem Feuer geſtochert hatte. Jetzt fuchtelte er damit dicht vor meiner Naſe.

„Donnerwetter, der Vater des Zeltes;“ ſchrie er, „… und der Zwergkönig Eugel!“

Das war eine Freude. Ein halbes Dutzendmal drückte mir jeder die Hände, und ſchließlich tanzten ſie wie die Indianer um mich her … Bis endlich Thero rief:

„Kinder, das Bouillonwaſſer brennt an!“

Und bald ſaßen wir denn im Kreiſe und ließen uns Butterbrote, warme Würſte und heiße Fleiſchbrühe ſchmecken.

Kaum waren wir fertig, da kamen die Herren aus dem „Blauen Ochſen“ ſchon. Wie ein Geſpenſterzug ſah es aus, als ſie langſam mit Windlichtern den Berg heranſtiegen. Eine lange Reihe war es: der Landrat, der alte Schulmeiſter, der neue Lehrer, der Förſter mit einem ſeiner Forſtgehilfen, ein gelehrter Altertumsforſcher und Profeſſor von der Univerſität, der Beamte von der Landesaufnahme, der hier droben alles vermeſſen hatte, und endlich noch ein paar Fremde, die aus reiner Neugierde mitgekommen waren.

„Halb zehn!“ ſagte jetzt einer der Profeſſoren, „wir können langſam anfangen! Die Herren Jungen ſollen die Ehre haben, uns hinaufzuführen auf den Hollenſtein!“

„Iſt auch nicht mehr als recht ſo!“ knurrte Möſch. Aber das hatte keiner gehört.

Und der Zug ſetzte ſich wieder in Bewegung. Nur die Mittin-Möhne blieb diesmal unten. Still ſaß ſie am Feuer und ſchürte dann und wann mit einem Aſt in der Flamme.

An dem Felſen kletterten indes die Lichtchen höher und höher. Denn nur der Schein der Laternen war zu ſehen. Dann endlich verſchwanden auch die, und der Hollenſtein lag wieder in tiefer Finſternis.

Denn droben brannte jetzt nur noch ein einziges Licht, und das war ſorgſam hinter einem Felsblock verborgen.

Neumondnacht war es. Und an der ſamtdunklen Himmelskuppel flimmerte und leuchtete das ungeheure Heer der Sterne. Es war faſt, als hörte man das Sternenſilber hinab über die nächtlichen Berge fließen.

„Eine heilige Nacht!“ ſagte endlich der Profeſſor. „Begreifen Sie jetzt, warum das heilige Heidenzeichen der Weltenbaum war, in deſſen Zweigen die ewigen Sterne kreiſen?“

„Es iſt jetzt viertel vor zehn, Herr Profeſſor!“ ſagte Möſch trocken.

„Dann werde ich alſo noch einmal erklären, wie wir unſeren Verſuch angelegt haben! Geben Sie alle gut acht! Wir wollen feſtſtellen, ob uns die Feuerwarten weit hinter dieſen Bergen, die wir gar nicht mehr ſehen können, verſtehen … Ich habe den Leuten, die auf der Wildenburg warten, in verſiegeltem Umſchlag einen Satz mitgegeben, den ſie uns zurückſchicken ſollen! Hundertundzwei Kilometer weit iſt das. Und einen zweiten ſolchen Satz haben die auf dem Rothenberg mitbekommen. Dieſe Höhe liegt in nordweſtlicher Richtung, alſo ganz entgegengeſetzt von der Wildenburg, ſiebenundachtzig Kilometer weit! Aber ſie dürfen die Umſchläge erſt aufmachen, wenn ſie unſer Feuerzeichen bekommen. Dann müſſen ſie zurückfunken: ‚Verſtanden‘ und dahinter dann ihren Spruch!“

„Fein ausgeknobelt!“ rief Pröbchen, „was feuern wir ihnen dann hinüber?“

„Wir werden melden: Feind zieht in Eilmärſchen Ems hinauf, vier Legionen ſtark!“

„Und welche Zeichen haben Sie vereinbart?“ fragte ich.

„Ganz einfach … Jeder Buchſtabe hat ein Zahlzeichen. a iſt 1, b iſt 2, c iſt 3 undſoweiter. Wir halten jedesmal ein großes dichtes Tuch vor die Flamme, ziehen es weg, das iſt eins, dann wieder davor, weg, iſt zwei, wieder davor, – weg – iſt drei. Und wenn ein Buchſtabe zu Ende iſt, dann halten wir das Tuch fünf Sekunden vor die Flamme, iſt ein Wort zu Ende, zehn Sekunden! Drüben die müſſen das dann ableſen. Und einen ganzen Satz können wir ſo in beinahe fünf Minuten gefeuert haben! Fünf Minuten braucht wieder die nächſte Wache; aber nun geht's natürlich ſchneller, weil gleich zwei, dreie es aufnehmen und in die verſchiedenſten Richtungen weiter funken! Wenn alles klappt, können wir ſchon von elf, ſpäteſtens halb zwölf an Antwort bekommen!“

In dieſem Augenblick ſchlug es von weit, weither, aus dem Kirchturm irgendeines Dorfes zehn Uhr. Die Jungen ſtanden ſchon mit ihren Streichhölzern neben dem hochgeſchichteten Brandholzhaufen und der Forſtgehilfe bei ihnen mit einer Kanne Benzin.

Jetzt hatte die Uhr drunten ausgeſchlagen …

Nächtliches Fauer auf dem Hollenstein

„Los!“ rief der Maler, und ſchon hatte der junge Förſter das Benzin über das Holz geſchüttet, dann flammte ein Streichholz auf, und der ganze Stoß ſtand ſofort lichterloh in Brand.

Jetzt ſprangen die Jungen an die beiden Stangen, die rechts und links vor dem Scheiterhaufen aufgerichtet waren, packten die ſtarken Zugſtricke, probierten ein wenig, – ja das Tuch ließ ſich ganz leicht hochziehen …

„Seht ihr?“ ſchrie Manfred, „da drüben auf dem Hohenrauksberg! Da brennt’s auch ſchon!“

„Und Altenmarsberg auch! Und Bergkirchen!“

„Und da! Und da!“

„Herrlich! Herrlich!“ rief Utta.

Mehr konnte ſie nicht ſagen. Und auch alle die anderen ſchwiegen. Aufregend wunderbar war es, wie jetzt plötzlich von Weſt nach Oſt auf ſchnurgeradem Wege Flamme hinter Flamme aufbrannte … O, die Jungen waren plötztlich wieder ganz in der alten Zeit … Und Manfred ſchrie wie ein Adler in die Nacht hinaus:

„Heil, Herzog Wittekind!“

Sogar Möſch, der überhaupt nicht ſingen konnte, gröhlte vom Hollenſtein hinab das uralte Lied:

„Härmen, ſla Därmen!
Sla Pipen, ſla Trummen!
De Kaiſer will kummen
Mit Hacken und Stangen,
Will Härmen uphangen!“

„Ruhig jetzt!“ kommandierte der Profeſſor, „wir fangen an zu ſignaliſieren! Das Tuch hoch!“

Ein Ruck, das ſchwere Segeltuch flog an den Stangen empor, die Flamme war verdeckt … Da, und jetzt genau dasſelbe auf dem Hohenrauksberg.

„Das heißt, ſie haben verſtanden! Jetzt liegen die da hinten mit ihren Bleiſtiften und Papier und ſchreiben die Zahlen mit! So, jetzt, – ruck! Herunter wieder und ſechsmal langſam hintereinander wieder hoch, wie ihr heute mittag geübt habt! Alſo, – jetzt! Ich zähle: 1, 2, 3, 4, 5 … Buchſtabe zu Ende! Das war f … Jetzt runter und wieder fünfmal rauf … So! Das e … Weiter, weiter!“ Und herauf und hinunter flog das Tuch, Zahl auf Zahl rief der Profeſſor.

Endlich war er fertig … Das Tuch blieb jetzt unten … Und auf dem Hohenrauksberg ging es dann auch gleich wieder hinab … Das hieß noch einmal: wir haben verſtanden! Die Jungen ſchwitzten auf einmal. Das war eine Arbeit geweſen! Und wie mußte man dabei aufpaſſen …! Nun endlich war’s für eine Weile aus. Denn was jetzt die Hohenrauksberger machten, das konnte man nicht ſehen, weil ſie ja an der anderen Seite abblendeten.

Wir hatten nun Zeit. Aber dieſe Zeit wurde uns nicht lang. Alle ſetzten wir uns etwas abſeits von dem blendenden Feuer und hörten zu, was die gelehrten Herren über die alte Heidenzeit berichteten. Sogar die Jungen waren ganz ſtill. Nur Möſch konnte es mitunter nicht laſſen, ſeine ruppigen Bemerkungen zu machen.

Langſam wandelten die Sterne höher und höher, immer tiefer wurde die Nacht, immer ſtrahlender das Funkeln der ewigen Lichter …

Auf einmal rief Utta:

„Da, da, – auf dem Hohenrauksberg fangen ſie wieder an –“

Richtig! Das Tuch ging dort hoch.

„Achtung!“ ſollte das heißen. Und im nächſten Augenblick hatte faſt jeder Notizbuch und Bleiſtift zurechtliegen … Da, jetzt ging’s los! Auf, ab! Auf, ab! Der Förſter, der die ſchärfſten Augen hatte, diktierte laut die Zahlen … 23 … 9 … Nach einer Weile 12, dann 4, dann 5, 14, 2, 21, 18, 7 … „Wildenburg heißt das!“ ſchrie Pröbchen … Ja, der Junge war fix, das mußte man ihm laſſen …

Und weiter ging’s. Faſt zehn Minuten lang … Und dann brauſende Heilrufe in das nächtliche Land hinab …

Beinahe feierlich verkündete der Profeſſor die Botſchaft …

„Wildenburg verſtanden! Keine Sorge! Wittekind wieder im Land!“

„Heil dir, Herzog Wittekind!“ ſchrieen die Jungen.

„102 Kilometer weit!“ rief der Maler, „und kaum anderthalbe Stunde hat es gedauert! Das war alſo der Satz, den Sie ihnen in dem verſiegelten Umſchlag mitgegeben hatten, Profeſſor!“

„Schnell, auf die Poſten!“ rief da der Förſter, „ich glaube, die vom Rothenberg melden ſich!“

„Acht gegeben …“

Und wieder diktierte der Förſter die Zahlen. Bis dann der Profeſſor überſetzte:

„Rothenberg verſtanden! Wir kommen! Deutſchland über alles!“

Aber ſchon ſtanden die Jungen wieder bei der Flamme, und auf einmal ſtimmte Manfred mit klingender Stimme das alte Feuerlied an … Sogleich fielen die anderen ein, und mächtig klang es über die Wälder in das nächtliche Tal hinab: „Flamme empor! Flamme empor!“ Und mit der aufglühenden Flamme wuchs das Lied, groß, gewaltig!

Heilige Glut! Heilige Glut!
Rufe die Jugend zuſammen,
Daß bei den lodernden Flammen
Wachſe der Mut! Wachſe der Mut!

Leuchtender Schein! Leuchtender Schein!
Siehe, wir ſingenden Paare
Schwören am Flammenaltare
Deutſche zu ſein! Deutſche zu ſein!

Und als dann langſam ein Feuer nach dem andern erloſch, ſtiegen wir ſtill wieder hinab von dem heiligen Stein. Die Mittin-Möhne war nicht mehr da. Es war, als ſei ſie hinabgeſtiegen in den Hollenbrunnen.

Damit kann ich nun dieſe ſonderbare Schatzgräbergeſchichte ſchließen. Noch ein paar Tage blieb ich in dem Dörfchen, machte eine rechte Freundſchaft mit der Mittin-Möhne und dem alten Schulmeiſter. Von nichts wurde geſprochen als von der alten Heldenzeit und ihren Sagen und Geſchichten. Nur einer hatte nicht mehr das Mindeſte dafür übrig. Das war natürlich Möſch. Er kümmerte ſich jetzt nur noch um eins auf der ganzen Welt: um mein Motorrad. Und in zwei Tagen donnerte und knatterte er ſchon wie ein Rennfahrer von morgens bis abends durch die Dörfer. Oft fuhr Utta auf dem Rückſitz mit. Manchmal der junge Lehrer. Möſchs höchſte Sehnſucht aber wäre es geweſen, die Mittin-Möhne einmal in die Stadt zu fahren. „Das wäre ſo richtig was für mich!“ ſagte er, „die alte und die neue Zeit!“



Notizen zur Digitalisierung des Originals

Die „Schatzgräber am Hollenstein“ erschien als zweiter Band in der „Jungdeutschen Buchreihe“, herausgegeben von Hubert Göbels (1905–1997).

Das dünne, 80-seitige Büchlein im Format von 14,5 cm × 21 cm ist in einen Pappeinband gebunden. Die verwendete Schriftart ist eine Fraktur, Textauszeichnungen sind in Sperrsatz gesetzt. Für das Digitalisat wurden Rechtschreibung, einschließlich des langen ſ, Textauszeichnungen und Absätze vom Original übernommen, die wenigen Satzfehler jedoch korrigiert.

Für diese Digitalisierung wurde eine Ausgabe aus kaeseschem Familienbesitz verwendet. Das Original der Erstausgabe enthält folgende Widmung an Lothar Kaese: „Gewidmet von Deinem Freund Rolf Lange, zu Deinem 11. Geburtstag … im Kriegsjahr 1941 …“

Christian Kaese
Eschershausen 2023