Buch

Die wilden Jungen von der Feuer­burg

Eine aben­teuer­liche Jugend­geschichte

Albert Sixtus, 1925

Kaese-Logo





Einband des Buches „Die wilden Jungen von der Feuerburg“ mit einer Zeichnung von Doktor Teufel und zwei der Jungen vor der Burg




Die Ankunft

„Feuerburg! – Eine Minute Aufenthalt!“, rief der Schaffner, während die Maschine dicke, weiße Wolken in die Dämmerung des Sommerabends emporstieß. Auf dem abgelegenen Bahnhof war kein Laut zu vernehmen außer dem hastigen Atem der Lokomotive. Niemand stieg zu. Nur wenige Menschen verließen den Zug, darunter zwei größere Jungen, der eine vierzehn Jahre alt, der andere zwölf. Unschlüssig blieben sie auf dem Bahnsteig stehen und ließen ihre Blicke über die wenigen Leute hinter der Sperre wandern.

„Sie ist nicht da!“, schimpfte der ältere.

„Doch – da kommt sie schon!“, sagte der jüngere. „Der Fotografie nach muss es Ulla Schaffer sein.“

Um die Bahnhofsecke herum kam im Laufschritt ein vierzehnjähriges Mädchen und winkte munter mit dem Taschentuch. Die Jungen nahmen ihre Koffer auf, gaben die Fahrkarten ab und gingen durch die Sperre. Hinter ihnen fuhr der Zug weiter.

Das Mädchen streckte dem größeren Jungen die Hand entgegen und sagte außer Atem: „Beinahe zu spät gekommen! Nicht wahr, du bist Theo Hartmut?“

„Jawohl. Und dieser Stöpsel da, dieser Steppke, ist mein Bruder Emil. Hast du einen Wagen mitgebracht, Ulla?“

„Natürlich!“, antwortete Ulla und gab dem „Stöpsel“ die Hand. Der reichte ihr aber nur die Linke, denn mit der Rechten versuchte er, seinen Bruder zu knuffen.

Es begann eine kleine Balgerei, die aber bald zu Ende war. Gegen den Großen kam Emil einfach nicht an. Ulla hatte inzwischen das Gepäck auf den kleinen Handwagen gelegt. Die Brüder fassten die Deichsel und zogen das Gefährt die Bahnhofstraße entlang. Der Weg krümmte sich nach rechts und ging durch eine Unterführung der Bahnstrecke. Dann wurde die Aussicht frei.

Steil erhob sich aus der Ebene ein Berg. Sein Gipfel trug eine alte Burgruine. Den Abhang bedeckten die Häuser der kleinen Stadt Feuerburg. Auf Schloss Feuerburg wollten die Jungen die nächsten Wochen verleben. Der Schlossverwalter war ihr Onkel und Pate. Kastellan Konrad Schaffer und seine Frau Camilla hatten die beiden Neffen eingeladen, bei ihnen die großen Ferien zu verbringen. Die Kinder blieben stehen. Sie schauten zu der alten Burg empor. Hohe, graue Mauern mit zerbröckelten Zinnen und dunklen Schießscharten standen am Steilrande des Burgfelsens. Trotzig reckten sich Brustwehren und Basteien aus der Umwallung hervor. Wuchtige Türme schauten hoch über die Mauern hinweg und standen schwarz gegen den hellen Abendhimmel. Aber das frische Grün von Bäumen und Sträuchern, die dicht an den Mauern wuchsen, milderte den düsteren Eindruck.

„Gefällt mir!“, sagte Theo. „Ich glaube, da oben sind wunderbare Keller und Höhlen zum Räuberspielen. Machst du mit, Ulla?“

„Warum denn nicht? Ich spiele gern mit Jungen. Hört mal, bei uns gibt’s Gespenster!“

„Gespenster?“

„Jawohl, und auch der Teufel spukt im Schloss.“

Emil schüttelte sich wie ein nasser Pudel. „Brrr – Gespenster! Und gar der Teufel! Hör auf! Das ist Unsinn! So was gibt’s nicht!“

„Abwarten!“, sagte Ulla. „Morgen redet ihr vielleicht schon anders.“

Theo zuckte die Achseln. „Sie will uns Angst machen, weil sie selber welche hat. Mädel haben immer Angst.“

„Ach du Großklappe!“, rief Ulla und lachte laut. „Weißt du noch die Sache mit dem alten Kater?“

„Nein.“

„Aber ich. Das war vor zehn Jahren. Seitdem haben wir uns nicht wieder gesehen. Ich war damals bei deinen Eltern auf Besuch. Du warst vier Jahre alt und ich auch. Auf eurem Hof trieb sich ein alter Kater herum. Der sprang alle Leute wie ein kleiner Löwe an und zerkratzte ihnen die Beine. Vor dem hattest du schreckliche Angst. Geheult hast du. Ich musste dich immer beschützen und ihn mit dem Stocke wegjagen und war nicht älter als du!“

Theo war sehr verlegen. „Das kann nicht stimmen“, sagte er. „Ich weiß nichts davon.“

Für den Kleinen war die Katergeschichte ein gefundenes Fressen. Jetzt konnte er dem Großen den „Stöpsel“ heimzahlen. Vergnügt sprang Emil von einem Bein aufs andere.

„Haha! Angst vor ’nem alten Kater hat mein großer Bruder gehabt! Jetzt weiß ich wenigstens, womit ich ihn ärgern kann. Theo, dort kommt ein alter Kater, reiß aus!“

Der Große hob die Hand. „Halt den Schnabel, sonst kriegst du eins drauf!“

Aber ehe Theo zupacken konnte, war Emil davongerannt.

„Lass ihn laufen!“, sagte Ulla und spannte sich mit vor den Wagen. „Es ist doch alles nur Spaß. Oder bist du übelnehmerisch? Walter Lanzenberger nimmt nie was übel.“

„Wer ist denn das?“

„Ein Schulfreund von mir.“

„Wohnt er auch auf der Burg?“

„Nein, unten in der Stadt. Kann sein, er kommt mal rauf. Ich werd’s ihm sagen. Er geht mit mir in dieselbe Klasse. Wir haben nämlich noch ein paar Tage Schule.“

„Mal sehen“, meinte Theo. „Vielleicht gefällt er mir.“

„Umgekehrt, Theo, vielleicht gefällst du ihm. Von Schwächeren mag er überhaupt nichts wissen. Er balgt sich nur mit Stärkeren oder Gleichstarken.“

„Gut“, sagte Theo, „ich werde ihn also so bald wie möglich verdreschen.“

Der Weg stieg jetzt steil bergan. Emil hatte sich wieder eingefunden und schob den Wagen. Nach einer Viertelstunde war die Stadtgrenze erreicht. Da stand noch ein Teil der Stadtmauer mit dem runden Torbogen. Dumpf hallte das Rasseln der Räder von der Torwölbung wider. Hinter dem Tor standen die Häuser in langen Zeilen, eines dicht am andern. Hoch waren die Dächer, spitz die Giebel, braun und verwittert die Fronten. Aus den Schornsteinen stieg weißer und blauer Rauch. In den Häusern klirrten Teller und Löffel. Man saß bei der Abendsuppe. Hinter den unverhängten Fenstern konnte man die Leute am Tisch sitzen sehen: die Väter bequem mit aufgestützten Ellenbogen, die Mütter mit kleinen Kindern auf dem Arm. Hunde bellten, Katzen strichen über den Weg. Haustürglocken klingelten gellend und lange. Brunnen rauschten vor den Häusern. Kinder mit Handkörben klapperten auf Holzpantoffeln über das bucklige Pflaster. In den Bäckerläden war schon Licht. Durch die Schiebeklappen in den Schaufenstern wurden Brot und Semmeln herausgereicht.

Mit dem Bollerwagen bei der Ankunft

Bald waren die Kinder auf dem Markt angelangt. Ehrwürdig schaute das Rathaus aus dunklen Fensteraugen auf den Platz hinab. Die Kirchturmuhr verkündete die achte Abendstunde. Das geschah so: Zunächst schlug die kleinste Glocke dünn und blechern viermal. Dies bedeutete: Vier Viertelstunden sind zu Ende. Dann schlug die mittlere Glocke mit tieferem Klange die vollen acht Stunden. Hierauf erklangen acht dumpfe und tiefe Schläge von der größten Glocke. Wer sich beim Stundenschlag der mittleren Glocke verzählt hatte, dem sagte die große Glocke noch einmal, wie spät es war.

Kaum war die Kirchturmuhr fertig, so begann das gleiche Spiel auf dem Uhrturm der Burgruine. Doch klingelten die Schläge der Schlossuhr dünn und hastig durch die Luft. Und nun brauste vom Kirchturm das Abendgeläut über das Städtchen hin und weit ins Land hinaus.

Die Kinder standen still, um dem feierlichen Schwingen und Klingen zu lauschen. Dann überquerten sie den Markt und bogen in die Grabengasse ein. Sie lief neben dem alten Burggraben hin. Wo sie zu Ende war, fuhren die drei über eine hölzerne Brücke und standen vor dem Burgtor. Rechts und links davon schlossen sich die dicken, grauen Burgmauern an.

Die Jungen lehnten sich gegen das hölzerne Brückengeländer und blickten in die Tiefe. Unten auf dem Grunde des Burggrabens wuchsen viele Bäume und Sträucher. Sie bildeten eine dichte grüne Wildnis.

Ulla sagte: „In der Ritterzeit wuchsen da unten keine Bäume. Damals war der Graben mit Wasser gefüllt zum Schutz gegen die Feinde. Es gibt ein altes Bild von der Burg. Ich zeig’s euch mal. Da werdet ihr euch wundern, wie kahl die Umgebung der Burg ausgesehen hat. Die Ritter haben nämlich alle Bäume und Sträucher abhauen lassen.“ „Ich weiß, warum“, fuhr Theo fort, „erstens, damit sie den Gegnern nicht als Deckung dienten, und zweitens, damit die Armbrustschützen freies Schussfeld hatten.“

Ulla nickte. „Richtig. Außerdem konnte man mit dem Holz die Kamine heizen, denn Steinkohlen verwendete man noch nicht.“

Die Jungen rüttelten an den beiden dicken Ketten, die am Vorderrand der Brücke an schweren Eisenringen festgemacht waren. Schräg nach oben liefen die beiden rostigen Ketten und verschwanden in zwei dunklen Löchern über dem Tore.

„Wisst ihr, welchen Zweck diese Ketten hatten?“, fragte Ulla.

„Ich schon“, antwortete Theo, „aber dem Kleinen kannst du’s ja erklären.“

„Also pass gut auf, Emil. Wir stehen hier auf der Zugbrücke. Das Geländer war früher nicht vorhanden. Wenn Feinde kamen, wurde die Brücke an beiden Ketten hochgezogen und lehnte sich gegen das Tor. So war das Tor durch die dicken Eichenbalken der Brücke noch einmal geschützt. Die Belagerer konnten nicht hinüber. Zwischen ihnen und dem Tor war der tiefe Wassergraben.“

Der Kleine trat dicht an das Tor heran und schlug mit der Faust dagegen.

„Au“, rief er, „das ist ja mit starkem Eisenblech benagelt. Ach, und darin sind ja überall kleine, runde Gruben und Löcher! Ich weiß, das sind die Spuren von Kugeln und Bolzen. Aber sag mal, Ulla, was ist denn das für ein merkwürdiger Ausbau hier oben über dem Tor – gerade über mir? Unten ist das Ding offen, und ganz schwarz sieht’s inwendig aus.“

„Du stehst unter der Pechnase“, sagte Ulla. „Durch die Pechnase schüttete man den Stürmenden siedendes Pech auf die Köpfe.“

Emil machte einen kleinen Sprung rückwärts. „Pfui, solch kochende Pechsuppe möchte ich nicht auf den Schädel kriegen!“

„Ich auch nicht“, stimmte Theo zu. „Man wurde bei lebendigem Leibe entsetzlich verbrüht und verbrannt.“ – Kopfschüttelnd fuhr er fort: „Es ist traurig, dass die Menschen nichts Besseres zu wissen scheinen, als einander auf möglichst scheußliche Weise umzubringen.“

Unterdessen war Ulla an die kleine Pforte herangetreten, die sich rechts neben dem kleinen Guckloch befand. Das Mädchen packte den Klingelgriff und zog ihn dreimal.

Knirschend bewegten sich die Drähte in den rostigen Gelenken. Gellendes Läuten erklang im Innern der Ruine. Es näherten sich Schritte. Das Guckfenster wurde geöffnet, und gleich darauf stand Ullas Vater in der geöffneten Burgpforte.

„Ah, da ist ja unser Besuch!“, rief er. „Man erkennt euch kaum wieder, so groß seid ihr geworden. Herzlich willkommen!“

Er schüttelte ihnen die Hand und ließ sie ein. Sie rollten das Wägelchen durch die schmale Pforte. Dann blieben sie stehen, während der Kastellan den Riegel vorschob. Hinter dem Tor waren rechts und links hölzerne Winden mit großen Kurbeln aufgestellt. Aus den Mauerlöchern liefen zwei dicke Ketten zu den Winden hinab. Drehte man die Kurbeln, so konnte man die Brücke an den Ketten aufziehen und niederlassen. Steinerne Gegengewichte, die in schmalen Gruben auf- und abstiegen, erleichterten das Hochwinden der schweren Zugbrücke.

Rechts hinter dem Tor stand das Kastellanshäuschen. Die Mauern waren dicht mit Efeu bewachsen. Winzige Fenster lugten verträumt aus dem dunklen Grün hervor. An das Häuschen grenzte ein hübscher Garten mit einer Rosenlaube.

In der Tür stand Tante Camilla. Die Jungen liefen auf sie zu und drückten ihr die Hand.

„Herzlich willkommen!“, sagte sie. „Ulla wird euch euer Quartier zeigen. In unserem Häuschen ist nicht genug Platz. Darum werdet ihr in der Kemenate schlafen. Aber bleibt nicht zu lange. Es gibt bald Abendbrot.“

Theo und Emil nahmen ihre Koffer zur Hand und durchschritten den Zwinger. So wurde der vorderste Teil der Burg hinter dem Außentor genannt. An den Zwingermauern lief eine hölzerne Galerie entlang: der Wehrgang. Vom Wehrgang aus konnten die Feinde beschossen werden, wenn sie schon das Außentor eingerammt hatten. Durch Graben und Zugbrücke getrennt, folgte auf den Zwinger der äußere Burghof. Einige altersgraue Gebäude standen rechts und links. Vor Jahrhunderten hatten sie als Wirtschafts- und Stallgebäude gedient. Auch die Dienstmannen hatten hier gewohnt.

Es folgte der innere Burghof. In seiner Mitte stand eine mächtige Linde mit dickem Stamm. Sie mochte gegen fünfhundert Jahre alt sein. Links sah man zwei wohlerhaltene Gebäude dicht nebeneinander: die Kemenate oder das Frauengemach und daneben den sogenannten Palas mit dem Rittersaal.

Einige Türme ragten empor. Der höchste und stärkste, aber auch baufälligste Turm war der Bergfried. Sein Eingang lag nicht zu ebener Erde, sondern hoch oben. Wenn die Feinde bereits die ganze Burg erobert hatten, dann flüchteten die Belagerten in den Bergfried. Die Leitern zogen sie hinter sich in den Turm hinein. An diesem letzten Zufluchtsort konnten sie noch lange Widerstand leisten, wenn nicht Hunger und Durst sie zur Übergabe zwangen.

Nachdem die Jungen den Bergfried lange genug betrachtet hatten, schauten sie zum Uhrturm hinüber. Auf seinem Satteldach saß ein Glockentürmchen, ein sogenannter Dachreiter. Darin hingen die Glocken.

Plötzlich fing das Schlagwerk an zu rasseln, und dann klang zweimal ein helles „Ping“ von oben.

„Schon halb neun Uhr!“, rief Ulla. „Nun aber fix in die Kemenate!“

Sie ging voran und auf das linke der beiden großen Gebäude zu, die nebeneinander standen. Kemenate und Palas hatten einige Meter Abstand voneinander. Dennoch waren die beiden Bauwerke nicht ohne Verbindung. Hoch oben in luftiger Höhe schwang sich eine Art Brücke vom Palas zur Kemenate. Die Brücke war mit einem Dach und kleinen Fenstern versehen. Wohlgeschützt gegen Wind und Wetter konnte man in diesem überdachten Gang von einem Haus ins andere geben, ohne dass man Treppen und Ausgänge benützen musste.

Einige Stufen führten zur Kemenate empor. Die Kinder stiegen hinauf. Kühl und dunkel war es in dem mit Fliesen belegten Flur. In der Fensternische stand ein Kerzenleuchter mit Streichhölzern.

Ulla sagte: „Das habe ich für euch hingestellt, damit ihr euch nicht den Hals brecht, wenn ihr schlafen geht.“ Auf ausgetretenen Steinstufen stiegen die drei zum Oberstock empor und gingen dann durch einen langen Gang. Er war finster und zugig. An seinem Ende öffnete Ulla die Tür zu einem geräumigen Saal. Sie traten ein. Die uralten Fußbodenbretter ächzten und knarrten bei jedem Schritt. Durch runde Fensterbogen fiel das Licht der Abenddämmerung in den weiten, fast leeren Raum. An der hinteren Schmalseite des Raumes stand eine einzige, aber sehr große Bettstelle.

„Was?“, maulte Theo. „Nur ein Bett? Das ist natürlich für mich! Aber wo soll denn der Stöpsel da schlafen? Oben auf dem Dachboden? Da kann der doch die ganze Nacht nicht schlafen vor Furcht.“ Wutentbrannt fing Emil wieder an, den Großen zu knuffen. Doch Ulla trennte die Streiter. „Macht euch keine unnötigen Sorgen! Das Bett reicht für zwei. Ja, hier hätten sogar drei Jungen Platz. Schaut euch nur euer Nachtlager richtig an, ehe ihr schimpft!“

Das taten sie. Wahrhaftig, solch ein Bett hatten sie noch nie gesehen. Es war ein altes Ritterbett, unglaublich groß und geräumig. Ein mächtiger Kasten. Tante Camilla hatte zwei Matratzen in den Bettkasten gelegt und auf jede Laken, Kissen und Decke gebreitet. Trotzdem blieb zwischen den beiden Ruhelagern eine breite Lücke, in der ein dritter Schläfer Platz gefunden hätte. Das Bett stand zwischen vier kunstvoll geschnitzten Holzsäulen. Sie reichten fast bis zur Decke empor und trugen oben einen hölzernen Baldachin. Bettvorhänge hingen von da herunter.

„Wenn’s euch zu kalt wird, könnt ihr sie zuziehen“, sagte Ulla.

Theo lehnte diesen Vorschlag entrüstet ab. „Das werden wir bleiben lassen. Wir schwärmen nämlich für frische Luft. Aber sag mal, was für ein Riesenofen steht denn da drüben?“

Er ging hinüber, öffnete ein kunstvoll geschmiedetes Gitter und schaute in den schwarzen Schlund hinein.

Ulla lachte den Jungen aus. „Du weißt auch gar nichts. Das ist kein Ofen, wie ihr ihn zu Hause habt, sondern ein Kamin. Passt gut auf und spitzt die Ohren. Das Wort Kamin kommt von lateinisch caminus – Feuerstelle, Esse. Aus caminus entstand im Mittellateinischen das Wort caminata, aus caminata schließlich Kemenate. Die Kemenate ist nichts weiter als ein Raum mit einer Feuerstätte, einem Kamin, also ein heizbares Zimmer. Die Ritter waren große Kavaliere. Selber froren sie im Winter wie die Betteljungen, aber ihre Burgfrauen und Burgfräulein ließen sie nicht unter der Kälte leiden. Deshalb bauten sie ihnen eine Kemenate mit Kaminen. Punkt! Ich habe gesprochen.“

Der Große starrte das Mädchen in komischem Entsetzen an. „Du bist ja furchtbar gescheit“‚ sagte er. „Es kann einem richtig Angst vor dir werden. Nimm dich bloß in acht, dass du keinen Bart kriegst wie ein Professor! Woher weißt du denn dieses ganze Teufelszeug?“

„Aus den Geschichtswerken und Burgenbeschreibungen in der Schlossbücherei. Da lese ich manchmal drin.“

„So, so. Dann möchte ich noch etwas von dir wissen, du gescheite Burgmaid. Wahrscheinlich haben die Kamine ’ne tolle Hitze geworfen. Stimmt’s?“

„Im Gegenteil. Fast die ganze Hitze flog zum Schornstein hinaus, weil keine Kacheln oder Füllungen vorhanden waren, die die Wärme festhielt. In strengen Wintern konnte man’s nur nahe am Kamin aushalten, die Füße dicht an den prasselnden Buchenscheiten. Dann saß die ganze Bande um die Kamintür herum. Vorn schwitzten sie –“

„– und hinten klapperten sie mit den Zähnen“, ergänzte Emil, der Spaßmacher.

Ulla gab ihm lachend eins auf den Schnabel. „Ich gehe jetzt“, sagte sie. „Hier auf dem Ecktisch findet ihr alles, was ihr zum Waschen braucht. Macht euch schön, und dann kommt zum Abendbrot.“

Die Brüder packten ihre Koffer aus und wuschen sich. Dann liefen sie zur Kastellanswohnung und setzten sich hinter den Tisch. Vor jedem stand ein Teller mit dampfendem Rührei. Butterbrot gab’s dazu und Milch. Nach dem Essen mussten sie noch ein bisschen von zu Hause erzählen, aber viel wurde nicht daraus. Besonders Emil wurde von der Reisemüdigkeit gepackt. Schon halb im Schlafe tunkte er ein paar Mal mit der Nase auf den Tisch. Da befahl Onkel Konrad: „Feierabend! Marsch ins Bett!“ Die Brüder marschierten durch die dämmerdunklen Höfe zur Kemenate. Theo zündete die Kerze an, die in der Nische stand. Er fasste den schlaftrunkenen Kleinen beim Arm und führte ihn die Stufen empor und den finsteren Gang entlang. Nur mit Mühe zog sich der kleine Mann aus. Kaum lag er im Bett, so schlief er auch schon wie ein Murmeltier.

Der Große trat ans offene Fenster. Über den dunklen Waldhöhen am Horizont ging der Mond auf. Wie ein goldener Rundschild stand er am Himmel. Geheimnisvoll stand der Bergfried im bleichen Mondlicht. Käuzchen, die in seinem zerklüfteten Mauerwerk nisteten, stießen ihre klagenden Rufe aus. In den Bäumen und Sträuchern des Burggrabens sang dann und wann ein Vogel im Traum.

Die Stadt Feuerburg war schon zur Ruhe gegangen. Nur in wenigen Häusern schimmerte noch Licht. Selten klang ein Laut von unten herauf: das ferne Läuten einer Haustürglocke, gedämpftes Brunnenrauschen und Hundegeheul. Aus weiter Ferne, dort wo der Forst sich stundenweit hinzog, klang bald lauter, bald leiser das Rollen eines Güterzugs und das mühsame Atmen der Lokomotive, die schwere Lasten durch die Wäldernacht zog.

Leise rauschte der Wind in der Burglinde und erfüllte die Julinacht mit zartem Blütenduft.

Als die Glocke vom Uhrturm die zehnte Stunde verkündet hatte, verließ der Junge seinen Platz am Fenster und legte sich zur Ruhe nieder.

Theo, nachts aus dem Fenster schauend

Ein Gang durch das finstere Mittelalter

Wundervoll erfrischt und ausgeruht erwachten die Jungen am nächsten Morgen, vom munteren Gesang der Amseln geweckt. Nirgendwo sonst auf der Welt schienen diese schwarzrockigen Musikanten so schön, so klangvoll zu pfeifen wie hier in der luftigen Höhe der Feuerburg.

„Mensch, wir haben Ferien!“, schrie Emil und schlug im Bett einen Purzelbaum. „Vier Wochen keine Schularbeiten und Wiederholungen! Ach, ich muss gleich mal Kopf stehen!“

Er tat’s – und fiel mit Donnergepolter aus dem Ritterbett. Das Gesicht komisch verkniffen, blieb er auf dem Fußboden sitzen. Er hielt die rund zusammengelegten Daumen und Zeigefinger wie Brillengläser vor die Augen und sprach mit näselnder Stimme zu seinem Bruder hinauf: „Theo Hartmut, wann war der zweite Punische Krieg? Du weißt es nicht? Ich will dir’s sagen: von 218 bis 201. Wenn du jetzt deinem Professor nicht sagen kannst, wann der dritte Punische Krieg war, dann muss ich dir einen Eintrag geben. Setz dich, Faulpelz!“

Theo packte den Kleinen beim Schopfe, zauste ihn ein bisschen und sagte: „Ach, lass mich in Ruhe mit deinen Punischen Kriegen! Es gibt bessere Dinge als die ewige Menschenschlächterei. Waschen wir uns lieber. Ich fange an.“

Er lief zum Waschtisch hinüber. Verdutzt blieb er stehen, die Schüssel in der Hand. „Ja, wo ist denn ein Ausguss für das schmutzige Wasser? Ob ich’s einfach zum Fenster hinausschütte? Aha, hier ist so was.“

Aus der Mauer ragte ein viereckiger Stein hervor, innen schüsselartig vertieft, ein sogenannter Ausgussstein. Die Steinrinne führte durch die dicke Mauer hindurch. Theo goss das Wasser hinein. Lautes Rieseln und Plätschern klang von unten herauf wie von einem Wasserfall.

Emil streckte den Kopf zum Fenster hinaus. „Großartig“, rief er, „das Wasser saust einfach im Bogen in den Burggraben hinunter, und der Rest sickert an der Mauer entlang. Da führt so ein langer dunkler Streifen in den Graben hinab, Moos und Algen wachsen darauf. Die Leute haben sich’s damals einfach gemacht.“

Als die Jungen ihre Morgenwäsche beendet und sich angezogen hatten, trabten sie vergnügt zur Kastellanswohnung. In der kleinen Rosenlaube im Burggarten war der Frühstückstisch gedeckt. Große Gläser voll Milch standen auf dem weißen Tischtuch und daneben lagen knusprige Brötchen. Gute Landbutter gab’s dazu und Honig, so viel jeder mochte. Onkel Konrad war ein tüchtiger Bienenzüchter. Er hatte eine gute Ernte gehabt. Der Honig, den die fleißigen Immen jedes Jahr in den Blüten der Burglinde ernteten, schmeckte wundervoll. Ulla nötigte ihre Vettern, tüchtig zuzulangen. „Esst euch satt“, sagte sie, „denn nachher besuchen wir die Folterkammer und das Burgverlies. Wer da hungrig hineingeht, dem wird’s schlecht.“

Die Brüder zappelten vor Ungeduld. Aus Geschichtswerken und Erzählungen wussten sie zwar schon einiges über Folterkammern und Verliese, hatten aber mit eigenen Augen noch keine gesehen. Als sie das letzte Brötchen verzehrt hatten, befahl Ulla: „Kommt, ich habe nicht lange Zeit, denn ich muss zur Schule! Los!“

Sie liefen durch den Zwinger zum äußeren Burghof, wo sie ein altes Gebäude betraten. „Dies sind die ehemaligen Pferdeställe“, erklärte Ulla. „Etwas Besonderes seht ihr hier nicht, sondern nur die verrosteten Futterraufen. Weiter! Ich gehe voran. Bückt euch! Die Tür ist niedrig.“ Sie betraten einen finsteren, gewölbten Raum. Durch ein winziges Fenster, hoch oben angebracht, erhielt er nur ganz wenig Licht.

„Wir sind hier in der Folterkammer“, sagte das Mädchen. „Ihr seht hier in der Mauer eine Nische. Darin stand ein Becken mit glühenden Holzkohlen. In ihm wurden die Eisen und Zangen glühend gemacht, mit denen man die Gefangenen brannte. Da liegt noch die Marterzange, daneben der Handblasebalg. Damit fachte der Folterknecht die Kohlenglut an.“

Ulla entflammte eine Kerze, die in der Nische stand. Das Licht in der Hand, ging sie voran.

„Was für eine sonderbare Bank ist denn das?“, fragte der Große.

„Die Streckbank. Hier am Fußende seht ihr eine hölzerne Welle. Sie wird durch dieses Drehkreuz bewegt. Das dicke Seil auf der Welle kann auf- und abgewickelt werden. Dort am Kopfende der Bank seht ihr Seilstücke. Wer gefoltert werden sollte, den legte man mit dem Rücken auf die Bank. Die Hände musste er nach hinten strecken. Dann band man seine Handgelenke an der Bank fest. Die Füße wurden mit dem Seil gefesselt, das über die Welle läuft. Könnt ihr euch denken, was geschehen ist, wenn man das Drehkreuz so bewegte, dass sich das Seil auf die Welle wickelte?“

„Natürlich“, sagte Theo. „Der Mensch auf der Streckbank wurde auseinandergedehnt. Vielleicht sprangen ihm gar die Gelenke aus den Kapseln. Donnerlittchen, das muss weh getan haben!“

Ulla nickte. „Die berühmten Foltermeister konnten einen Menschen so weit ausdehnen, dass eine darunter gehaltene Kerzenflamme durch den Leib schimmerte, – so heißt es in alten Gruselberichten.“

Kopfschüttelnd standen die Jungen vor dem abscheulichen Marterwerkzeug. Sie bewegten das Drehkreuz und sahen zu, wie das Seil sich ab- oder aufwickelte.

Auf der Streckbank in der Folterkammer

„Man müsste mal probieren, wie es tut“, schlug der Große vor. „Wie wär’s, Kleiner?“

Theo hatte seinen Satz kaum beendet, da brüllte Emil auf, wie von der Wespe gestochen, und rannte zur Tür.

Theo rief ihm nach: „Von dir ist doch gar nicht die Rede. Mich sollt ihr ein bisschen strecken.“

Ängstlich schielte Emil um die Ecke. „Dich? Das ist was anderes. Aber du hältst es nicht aus.“

„Das werden wir sehen. Ulla mag die Welle drehen und aufhören, wenn ich genug habe.“

Er legte sich auf die Streckbank. Ulla fesselte seine Füße über den Knöcheln und band seine Hände am Kopfende fest.

„Soll ich wirklich?“, fragte Ulla. „Wenn du dir nun einen Arm ausrenkst?“

„Fang nur an. Ich sag’s schon, wenn’s zu viel wird.“

Mit beiden Händen packte Ulla das Drehkreuz und ließ es kreisen. Langsam wickelte sich das Seil auf die Welle. Theo verzog keine Miene. „Ich spüre gar nichts“, sagte er. „Weiter!“

Langsam kreiste die Kurbel. Immer straffer spannten sich die Stricke an Händen und Füßen. Jetzt hob sich Theos Körper etwas von der Unterlage ab und kam ins Schweben. Noch eine vorsichtige Umdrehung – da schrie er plötzlich auf: „Aus! Schluss!“

Hastig ließ Ulla die Welle rückwärts laufen, löste rasch die Stricke und befreite den Jungen. Der stand auf und lief in der Folterkammer auf und ab, Arme und Beine schüttelnd. Dabei knurrte er: „Das ist ein niederträchtiges Gefühl. Und es war nur der Anfang. Denn früher ging doch da das Vergnügen erst richtig los. Wenn da weitergedreht wird, brüllt man wie ein Stier.“

Emil grinste vor Vergnügen über das ganze Gesicht, als er seinen Großen hin- und herhopsen sah. Doch Ulla war bei der Sache nicht ganz wohl zumute.

„Hoffentlich hast du dir keinen Schaden getan“, sagte sie. „Vater würde mich mächtig ausschimpfen.“

Theo winkte mit einer großartigen Handbewegung ab. „Mach dir keine Sorgen. Mir ist nichts passiert. Es war gar nicht der Rede wert.“

Da fuhr Ulla in ihren Erklärungen fort. „Schreien konnten die Gemarterten nicht“, sagte sie. „Schaut euch mal das an!“

Vom Wandbrett nahm sie ein birnenförmiges Stück Holz herunter. Es bestand aus zwei Teilen und war so eingerichtet, dass die Hälften mittels einer Schraube auseinandergesperrt werden konnten.

„Wenn einer zu sehr schrie, dann steckte man ihm diese Birne in den Mund. Sie heißt wirklich so. Mit der Birne im Mund konnte er nicht mehr brüllen, sondern höchstens stöhnen. Nun will ich euch die sogenannten ‚kleinen‘ Marterwerkzeuge zeigen, mit denen die Folter gewöhnlich begann.“

Auf dem Wandbrett lagen zwei kurze eiserne Röhren, oben mit einer Schraube versehen. Ulla nahm eine davon in die Hand und steckte den Daumen in die Öffnung.

„Ihr seht hier eine Daumenschraube“, erklärte sie. „Wenn man die Schraube dreht, zerquetscht sie den Fingernagel und das vordere Daumenglied. Wer einmal mit der vollen Schärfe gefoltert worden war, dem sah man es an den Daumen an. Zeitlebens blieben sie zerquetscht und verkrüppelt.“

„Daumenschrauben müssen scheußlich weh tun“, meinte Emil. „Ich hab’ mir mal aus Versehen mit dem Hammer auf den Daumen gepocht. Bin herumgehopst wie’n Gummiball.“

„Ach, das war gar nichts!“, sagte Ulla. „Der Hammerschlag dauerte ja nur einen Augenblick. Aber die Schrauben saßen Viertel- und halbe Stunden auf den Daumen. Wisst ihr, was der Folterknecht tat, damit das ‚Vergnügen‘ immer größer wurde? Er lockerte sie von Zeit zu Zeit und drehte sie dann um so fester zu.“

„Hör auf!“, rief Emil. „Mir tut’s schon vom bloßen Zuhören weh.“

Schleunigst steckte er beide Daumen in den Mund und lutschte daran.

Theo hob ein Paar stiefelartige Eisenröhren vom Boden auf. Sie konnten zusammen- und auseinandergeschraubt werden. Innen waren sie mit stumpfen Stacheln gespickt. „Das sind die spanischen Stiefel oder Beinschrauben“, erklärte Ulla. „Sie quetschten die Beine so weit zusammen, dass die Wade nach vorn gedrückt wurde.“

Das Mädchen hob einen Hammer an seinem langen Stiel empor.

„Damit der Schmerz noch schlimmer wurde, schlug der Foltermeister mit diesem Marterhammer wuchtig auf diesen Schienbeinteil los. – So, nun schaut mal da hinten in die Ecke! Dort seht ihr ein Seil herabhängen. Es läuft durch eine Rolle, die am Deckengewölbe festgemacht ist. Man band dem Unglücklichen, der gefoltert wurde, die Hände auf dem Rücken zusammen und zog ihn am Seil in die Höhe. Von Zeit zu Zeit ließ man ihn ein Stück herabfallen und zog ihn wieder hoch. Könnt ihr euch vorstellen, wie entsetzlich die verdrehten Gelenke dabei geschmerzt haben? Ich glaube, ihr könnt es nicht. Dort seht ihr eine Leiter und darauf eine dicke hölzerne Stachelwalze. Das ist der ‚gespickte Hase‘. Man band den armen Teufel so auf die Leiter fest, dass die Stacheln sich in den Leib drückten. Außerdem hing man schwere Gewichte an Arme und Beine. Viele waren vor Schmerz wahnsinnig geworden, wenn der Folterknecht sie endlich vom gespickten Hasen herunternahmen.“

Theo und Emil schwiegen. Was sollte man zu solch entsetzlichen Grausamkeiten sagen? Hier hörte jeder Spaß auf. Bedrückt und erschüttert standen sie da und starrten die Folterwerkzeuge an.

„Kommt“, sagte Ulla, „ich will euch jetzt das Burgverlies zeigen. Dann soll es genug für heute sein.“

Sie verließen die Folterkammer, überschritten den Hof und gingen zu einem halbzerfallenen Turm hinüber. Man musste sich durch einen engen Eingang zwängen. Dann führten schmale, schlüpfrige Stufen in die Tiefe. Rabenschwarze Finsternis umgab die Hinabsteigenden. Nur Ullas Taschenlampe spendete ein wenig Licht. Tief unten im Bauch der Erde erweiterte sich der Gang zu einem stockfinsteren Raum, dem ‚oberen‘ Burgverlies. Fünf Meter dick war die Mauer – und darin nur ein einziges Luftloch. Kaum handbreit war das Loch und ebenso hoch. Innen war es glatt und blank, als wäre der Stein poliert. Von Erstickungsanfällen geplagt, hatten sich die Gefangenen im Klimmzug immer wieder zum Luftloch emporgezogen. So war der harte Stein im Lauf der Jahrhunderte blank gerieben, ja, sogar ausgehöhlt worden. Wo sich die Hände der Unglücklichen festgeklammert hatten, sah man flache Rinnen im Gestein, so lang wie Menschenfinger. Was mussten die Gefangenen in dieser Kerkergruft ausgestanden haben!

Und doch war dieses ‚obere‘ Burgverlies noch harmlos, verglichen mit dem ‚unteren‘, dem eigentlichen Hungerturm. Ulla leuchtete den Steinfußboden in der Mitte des Gefängnisses ab und hob eine hölzerne Klappe hoch.

„Achtung!“, rief sie, „wer ausrutscht, stürzt fünfzehn Meter tief in den Abgrund. Diese Öffnung hier nennt man das Angstloch.“

Dumpfe Moderluft stieg aus der Tiefe. Die Jungen blickten in einen finsteren ausgemauerten Schacht hinab. Das Licht der Lampe zitterte auf dem feuchten Mauerwerk. Ulla erklärte: „In dieses Loch sperrte man die zum Hungertod Verurteilten. Man ließ sie an einem Strick hinab. An seinem unteren Ende war ein Knüppel befestigt, auf den sich der Verurteilte setzen musste. Dort oben an der Decke seht ihr noch die eiserne Rolle, in der das Seil lief. Man gab den Unglücklichen nur einen Laib Brot und einen Krug Wasser mit. Waren Wasser und Brot zu Ende, dann starben sie einen langsamen, qualvollen Hungertod. Vor Jahren wurden da unten eine Menge morsche Knochen gefunden. Sie sind in Staub zerfallen, als man sie berührte.“

Schweigend schauten die Jungen in das entsetzliche Gefängnis hinab. Dann schloss Ulla die Falltür. Auf schlüpfrigen Stufen stiegen die Kinder zum Tageslicht empor und liefen in den inneren Hof zum Burgbrunnen. Er war von einer niedrigen Mauer umgeben. Sie reichte kaum bis zu den Hüften. Wieder musste die kleine Fremdenführerin ihre Freunde warnen. „Beugt euch nicht zu weit vor! Man verliert leicht das Gleichgewicht. Vor ein paar Jahren ist ein Burgbesucher in den Brunnen gestürzt – achtzig Meter tief hinab.“

„Achtzig Meter?“, staunte Theo. „Das ist ja so tief, wie unsere längsten Fabrikschornsteine hoch sind! War der Mann tot?“

„Natürlich. Der Feuerburger Brunnenbauer hat hier eine Seilwinde aufgestellt. Er ließ sich hinabwinden, um den Toten heraufzuholen. Dabei ist dem Brunnenbauer eine Höhlung aufgefallen. Sie lag etwa fünf Meter unter der Brunnenöffnung.“

Neugierig bückte sich der Kleine weit über die niedrige Mauer. Ulla riss ihn zurück. „Du willst wohl gern abstürzen?“, schimpfte sie. „Die Öffnung kannst du nicht sehen. Sie wird durch überhängendes Gestein verdeckt. Mein Vater dachte damals, dort wäre der Eingang zu dem unterirdischen Stollen, nach dem schon lange gesucht wird. Durch den Stollen konnten die Belagerten ins Freie flüchten, wenn die Burg erobert war. Vater ließ sich hinabwinden und fand dort einen waagerechten Gang. Der endete aber schon nach ein paar Metern. Er war zugemauert. Vielleicht ist dieser Eingang verraten worden, und die Ritter haben einen zweiten angelegt.“

„Kennt man diesen zweiten Zugang?“

„Nein.“

„Den werden wir entdecken“, sagte Theo.

Das Mädchen zuckte die Achseln. „Na, na – das ist nicht so leicht.“

Emil schleppte einen großen Stein heran und wollte ihn in den Brunnen plumpsen lassen. Ulla nahm ihm den Brocken weg. „Ist verboten“, sagte sie, „weil Steine den Brunnen verstopfen. Wir machen das anders.“

Einen alten Krug, der an der Mauer stand, füllte sie mit Wasser aus der Regentonne und kippte ihn über den Rand. In Fäden, Streifen und große Tropfen zerteilt, fiel das Wasser abwärts, glänzte silbern auf und verschwand. Mit angehaltenem Atem lauschten die Kinder. Neun Sekunden dauerte es, dann endlich ertönte ein fernes, dumpfes Brausen wie aus einem Keller, hinterher das Rieseln und Plätschern des Wasserrestes, der ein wenig später aufschlug.

In diesem Augenblick klangen vom Uhrturm drei helle Schläge.

„Oh, schon dreiviertel neun!“, rief Ulla. „Nun heißt es aber, die Beine unter den Arm nehmen, wenn ich noch rechtzeitig zur Schule kommen soll.“

Sie rannte davon und ließ die Jungen allein.

Wie man vor dreitausend Jahren telegrafierte

Schon gegen Mittag standen am Himmel ferne Gewitterwolken. Sie rückten näher heran, türmten sich auf zu mächtigen Wolkengebirgen und färbten sich dunkel. In der zweiten Nachmittagsstunde verfinsterte sich der Himmel. Der Sturm jagte Staubwolken durch die Straßen; und dann brach mit lautem Krachen das Unwetter los. Blitz folgte auf Blitz. Unaufhörlich rollten und knatterten die Donnerschläge über die Gegend dahin. Schauerlich hallten sie von dem alten Gemäuer wider.

Die Feriengäste standen am offenen Fenster der Kemenate. Solch ein Unwetter hatten sie in der Großstadt nie erlebt. Weithin konnten sie im aufzuckenden Gewitterschein die Gegend übersehen – bis zu den entferntesten Dörfern. Der Horizont rundum stand im Feuer der Blitze. Drei- und vierfach verästelt, gingen die flammenden Schlangen nieder. Weit draußen im Gelände stieg eine Rauchwolke empor. Der Blitz hatte gezündet. Eine Scheune stand in Flammen. Dann und wann trug der Wind zwischen zwei Donnerschlägen dünne, klagende Töne herüber: das Sturmgeläut einer Dorfkirche. Mit Pferden bespannt, rasselte im strömenden Regen eine Feuerspritze auf der Landstraße dahin und der Brandstelle zu. Die Rauchwolken wurden immer dicker und stiegen immer höher empor. Aber das Schauspiel dauerte nicht lange, denn eine Scheune ist bald niedergebrannt.

Nach und nach wurde das Gewitter schwächer. Länger wurden die Abstände zwischen den Blitzen, seltener das Rollen des Donners.

Theo wollte eben sagen: „Ich glaube, es ist bald vorbei.“

Aber er kam nicht dazu, diese Worte auszusprechen.

Plötzlich stand vor dem Fenster eine grelle, blaue Lichtwand, die im Nu zerriss. Ein furchtbarer Donnerschlag ließ das Haus erzittern. Stechender Geruch drang von draußen herein. Mit lautem Gepolter prasselten große und kleine Steine in den Burghof hinab. Eine weiße Staubwolke stieg empor, wurde aber sofort vom Regen erstickt.

Unter dem Luftdruck des einschlagenden Blitzes taumelten die Jungen rückwärts. Einige Augenblicke waren sie vor Schreck unfähig zu sprechen. Der Große ermannte sich zuerst und streckte den Kopf zum Fenster hinaus, um nachzusehen, ob die Kemenate brannte.

„Es hat eingeschlagen!“, rief er. „Aber nicht bei uns. Es muss ein kalter Schlag gewesen sein. Da drüben der Bergfried hat was abgekriegt. Sieh nur, ein ganzes Stück Zinne ist heruntergebrochen! Und in der Mauer sind neue Risse. Da wird der Turm nicht mehr lange zusammenhalten.“ Vorsichtig kam der Kleine zum Fenster und bestaunte die herabgestürzten Schuttmassen und die Risse im Bergfried. Da rief es von unten: „Hallo, hallo!“ Das war Ulla. Den Schirm in der Hand, sprang sie in langen Sätzen über die Pfützen.

„Habt ihr was abgekriegt?“, fragte sie.

„Nein. Was ist denn los? Brennt’s bei euch?“

„Gott sei Dank, nicht! Aber ihr sollt herunter zu uns kommen, weil es dort sicherer ist. Der Blitz schlägt gern hier in den Bergfried ein. Ich sagte es euch schon, aber ihr habt es mir ja nicht geglaubt.“

Die drei rannten durch den Regen zum Kastellanshäuschen und setzten sich in der kleinen, gemütlichen Stube um den Tisch. Das Unwetter tobte sich aus. Es verzog sich grollend in der Ferne. Draußen wurde es heller. Doch der Regen rieselte unermüdlich nieder. Es schien, als wolle es heute gar nicht mehr aufhören.

Die Kinder hatten keine Lust, den ganzen Nachmittag im Zimmer zu hocken. Deshalb huschten sie bald zur Rosenlaube hinüber. Die hatte ein regendichtes Dach. Beim Rauschen der Tropfen ließ sich’s gemütlich schwatzen. Theo und Emil stellten allerhand Fragen an Bäschen Ulla.

„Warum heißt denn dieses Schloss eigentlich Feuerburg?“, wollte der Große wissen.

„Dafür gibt es verschiedene Erklärungen. Wahrscheinlich hat die Burg ihren Namen davon bekommen, dass man vom Bergfried aus den anderen Burgen Feuersignale gab. Ein Feuer auf dem höchsten Turm sagte den Nachbarn, dass Feinde anrückten. Verwendete man Fackeln, so konnte man sogar von Burg zu Burg kurze Nachrichten weitergeben, je nachdem, ob nur eine Fackel gezeigt wurde oder zwei oder mehr. Natürlich musste vorher ausgemacht worden sein, was jede Fackelgruppe bedeutete.“

„Ulla hat recht“, sagte Theo. „Ich habe gelesen, dass die Griechen schon vierhundert Jahre vor Christus eine richtige Fackeltelegrafie hatten. Sie konnten damit ganze Sätze auf große Entfernungen weitergeben, sogar ziemlich schnell.“

„Wie machten sie denn das?“, fragte Ulla.

„Es war sehr einfach. Auf Anhöhen, Bergen oder Türmen wurden Männer als Signalposten verteilt. Die Posten mussten so aufgestellt sein, dass man gut von einem zum anderen sehen konnte. Jeder Posten hatte Flaggen und Fackeln bei sich, die Flaggen für den Tag, die Fackeln für die Nacht. Außerdem war eine Buchstabentafel vorhanden. Auf der Tafel standen die 25 Buchstaben des Alphabets in fünf Reihen zu je fünf Buchstaben untereinander, so wie ich es hier aufzeichne. Ich verwende deutsche Buchstaben, nicht griechische, und lasse das J weg. Dann sind es genau fünfundzwanzig.“

ABCDE
FGHIK
LMNOP
QRSTU
VWXYZ

Er riss ein Blatt Papier aus seinem Schülerkalender heraus, zeichnete ein Quadrat mit 25 Feldern auf und schrieb die 25 Buchstaben hinein.

Dann sagte er: „Zwei Griechen waren die Erfinder. Sie hießen Kleoxenos und Demokrit. Ungefähr im Jahre 450 vor Christus kamen sie auf diesen schlauen Gedanken. Das ist fast 2400 Jahre her. Das Alphabet lässt sich viel schneller erlernen als unser Morsealphabet. Zum Telegrafieren braucht man nur fünf Flaggen oder Fackeln. Die kann man selbst über große Entfernungen hin noch deutlich unterscheiden. Man gab durch Fackeln erst die Reihe an, auf welcher der Buchstabe stand, und dann die Nummer des Buchstabens in der Reihe. Wer bringt heraus, wie der Buchstabe A telegrafiert wurde?“

„Das ist ja kinderleicht!“, rief Emil. „Erst eine Fackel zeigen. Das heißt: der Buchstabe steht auf der ersten waagerechten Reihe. Dann nach einer kurzen Pause wieder eine Fackel hochhalten. Das bedeutet: es ist der erste Buchstabe auf der ersten waagerechten Reihe gemeint, also A. – Ulla, nun sag mal, wie ‚U‘ gefackelt wird.“

„U ist auf der vierten Reihe der fünfte Buchstabe, also erst vier Fackeln zeigen, dann fünf. Stimmt’s? Aber ich finde das umständlich. Wie lange soll denn das dauern, bis man ein Wort oder gar einen ganzen Satz durchbuchstabiert hat!“

„Im Gegenteil“, meinte Theo. „Ich will euch das klar machen. Die Telegrafenlinie soll hundert Kilometer betragen. Posten wollen wir durchschnittlich alle fünf Kilometer aufstellen. Es sind dann einundzwanzig Posten vorhanden, sagen wir der Einfachheit halber zwanzig. Jeder Posten soll eine Minute brauchen, bis er ein Fackelzeichen erkannt und weitergegeben hat. In nur zwanzig Minuten hat demnach das erste Fackelzeichen die hundert Kilometer durchlaufen. Wisst ihr, wie weit das ist? Gib mal einen Schulatlas her, Ulla. Danke schön! Da habt ihr’s. Es ist so weit wie von Dresden nach Leipzig oder von Hamburg nach Bremen. Ein gewöhnlicher Schnellzug braucht zwei Stunden dazu, ein Reiter einen Tag und ein Fußgänger zwei Tage. Das Fackeltelegramm aber schafft es in zwanzig Minuten. Ist das nicht eine ganz hübsche Geschwindigkeit? – Zweihundert Jahre vor Christus hat ein Grieche die Erfindung noch bedeutend verbessert. Ich habe mir seinen Namen gemerkt. Polybius hieß der Mann. Er stellte eine Art Fernrohre auf, allerdings ohne Linsen. Die Rohre waren genau auf den benachbarten Fackelposten eingestellt. Das war sehr vorteilhaft bei trübem Wetter oder in der Nacht Denn jetzt kannte man genau die Stelle am Horizont, von der die Lichtzeichen oder Flaggensignale kommen mussten.

Wenn es euch nicht zu langweilig wird, will ich euch schnell noch erzählen, wann das erste Lichttelegramm gesandt worden sein soll. Das ist noch viel länger her: über dreitausend Jahre. Ungefähr zwölfhundert Jahre vor Christi Geburt wurde die Stadt Troja niedergebrannt. Der Hauptanführer des griechischen Belagerungsheeres war der alte Agamemnon. Noch in derselben Nacht erfuhr seine Frau Klytämnestra die Eroberung Trojas. Und doch lagen fünfhundert Kilometer dazwischen. Das ist so weit wie von Berlin nach Nürnberg. Der Feldherr hatte Feuerzeichen von Berg zu Berg weitergeben lassen. So wusste seine Frau schon nach wenigen Stunden, was geschehen war. – Nun aber Schluss damit! Es gibt nettere Sachen. Hat jemand einen Vorschlag?“

„Ich!“, rief Emil. „Ulla soll uns Gespenstergeschichten erzählen!“

Das Burggespenst

„Gut“, sagte Ulla, „ich erzähle. Aber wenn ihr heute Abend vor Furcht nicht schlafen könnt, dann seid ihr selbst schuld. Also – da hat vor vielen hundert Jahren hier auf der Burg eine Gräfin gewohnt. Klarissa hieß sie. Schön soll sie gewesen sein aber auch sehr grausam. Ihrem Mann hat sie Gift in den Wein getan, und daran ist er gestorben.“

„Jawoll, jawoll“, sagte Emil, der Spaßmacher. „Gift in den Wein getan! Prosit – zur Gesundheit! Ausgetrunken und totgestorben! Großartig fängt das an! Nu mal weiter!“

Ulla fuhr fort: „Sie hat ihren Mann vergiftet, weil sie einen anderen Ritter heiraten wollte, den Ritter Bodo vom Eulenschloss.“

„Na, so eine Hexe!“, schrie Emil und donnerte mit der Faust auf den Tisch. „Wie geht denn die Geschichte weiter?“

„Einmal saß der Ritter Bodo vom Eulenschloss mit seinen Freunden zusammen und trank sehr viel Wein. Zwölf große Becher hat er ausgetrunken und dann im Rausch das schreckliche Geheimnis verraten. Natürlich kam die Geschichte nun heraus. Der Ritter wurde aus dem Lande gejagt und die Gräfin enthauptet.“

„Recht so!“, rief Emil. „Peng – Kopf ab! Und was nun weiter?“

„Jetzt kommt das, was ich nicht erzählen will.“

„Nur zu! Wir fürchten uns nicht.“

„Gut. Immer im Monat Juli – am Hinrichtungstag – spukt das Gespenst der Gräfin Klarissa in der Burg. Auf Treppen und Gängen kann sie einem begegnen als weißes Gespenst. Manchmal trägt sie den Kopf unterm Arm und hält ihn dir plötzlich vor das Gesicht.“

Verdutzt sah Emil seine Base an. Er wusste nicht, war das Ernst oder Scherz. „Gibt’s noch mehr Gespenster auf der Burg?“ fragte er.

„Hier wimmelt’s nur so von Gespenstern. Der alte Raubritter Kunz von Feuerburg hat eine Menge Kaufleute erschlagen und andere im Burgverlies verhungern lassen. Zur Strafe dafür fand er keine Ruhe im Grabe und muss in der Burg herumwandern. Am liebsten spukt er nachts da drüben bei euch in der Kemenate. Er hat einen Vollbart und klirrt gern mit Ketten. Mit einem Licht in der Hand trabt er durch den Gang, an dem euer Zimmer liegt. Manchmal guckt er sogar hinein.“

„Ist das dein Ernst?“, fragte Emil. „Er guckt hinein? Das alte Raubein – der Vollbart – der Kettenträger – der Lichtonkel? Na, das kann eine schöne Nacht werden. Wünsche wohl zu ruhen!“

Trotz seiner Späße wusste der Kleine doch nicht recht, was er von Ullas Gespenstergeschichten halten sollte, und ebenso erging es dem Großen.

Als der Abend gekommen war und die ganze Familie gemütlich in der Wohnstube saß, fragten die Jungen ihren Onkel gründlich aus.

„Ritter Kunz ist ein arger Raubritter gewesen“, sagte der Kastellan. „Draußen im Hohen Forst hat er den Kaufleuten aufgelauert. Die kamen mit schwerbeladenen Lastwagen aus Böhmen oder Bayern oder fuhren dorthin. Im Forst läuft die Landstraße durch eine enge Schlucht. ‚Kunzenschlucht‘ nennt man noch heute die Stelle. Dort brach er mit seinen Mordgesellen aus dem Dickicht hervor, machte die bewaffneten Wachmannschaften nieder und nahm die reisenden Kaufleute gefangen. Geld und Wertsachen wurden geraubt, die Kaufleute ins Burgverlies gesteckt. Ihr habt dieses abscheuliche Gefängnis gesehen. An die Angehörigen schrieb Kunz Briefe und verlangte darin ein hohes Lösegeld für die Freilassung. Traf das Lösegeld nicht rechtzeitig ein, so erhielten die Angehörigen bald einen zweiten Brief. Ein abgehackter Finger stak darin. In dem Begleitbrief hieß es ungefähr: Diesmal habe ich dem Gefangenen nur einen Finger abgeschnitten. Kommt das Lösegeld nicht bald, so schicke ich die ganze Hand. Ihr könnt euch denken, dass die Familie das Letzte hergab, um den Gefangenen zu befreien. So kam Kunz durch Raub, Mord und Erpressung zu großen Reichtümern. Aber schließlich empfing er seine verdiente Strafe. Verschiedene große Städte und mehrere Fürsten wurden der ewigen Räubereien müde. Kunz war nämlich nicht der einzige Raubritter. Man stellte ein Heer aus Fußsoldaten und Reitern auf. Für die damaligen Verhältnisse war es sehr groß. Das Heer wurde mit leichten und schweren Geschützen ausgerüstet. Die größten von ihnen konnten zentnerschwere Eisen- oder Steinkugeln schleudern. Nun ging es den Raubrittern an den Kragen. Eine Burg nach der anderen wurde zusammengeschossen und niedergebrannt. Die Raubritter köpfte man oder man hängte sie auf. Auch Kunz kam an die Reihe. Eines Tages erschien ein Städteheer vor der Feuerburg. Er verteidigte sich mit Löwenmut, unterlag aber. Als alles verloren war, floh er durch einen unterirdischen Gang. Seine Flucht nützte ihm nichts. Er wurde draußen im Walde ergriffen und bald darauf geköpft. Eine alte Sage erzählt von Kunzens zusammengeraubten Schätzen folgendes:

Ehe Kunz floh, vermauerte er den Teil seiner Schätze, den er nicht mitnehmen konnte, im unterirdischen Gang. Er hoffte nämlich, ihn herausholen zu können, wenn die Städter abgezogen waren. Sein Burgkaplan musste auf einem Stück Pergament den Ort verzeichnen, an dem der Schatz versteckt war. Das Schriftstück legte Kunz in einen eisernen Kasten und mauerte ihn in der Burg ein. Aber niemand weiß, an welcher Stelle. Der Schatz soll von einem feurigen Gespenst bewacht werden. So behauptet wenigstens die Sage.“

Der Onkel fuhr fort: „Ich habe einmal versucht, den unterirdischen Gang zu entdecken, hatte aber kein Glück. Nach dem Unglücksfall, von dem Ulla euch erzählt hat, bin ich an einem Seil hinab in den Brunnen geklettert bis zu der Höhlung, die der Brunnenbauer entdeckt hatte. Ich kam jedoch nicht weit. Nach ungefähr fünf Metern endete der Gang blind, das heißt, er war zugemauert. Versucht ja nicht einmal, in den Brunnen zu steigen! Wer abstürzt, ist verloren.“

„Werde mich hüten“, sagte Emil. „Ist mir viel zu nass da unten im Brunnen bei den Fröschen und Kröten.“

„Habt ihr euch die Folterkammer und das Burgverlies genau angesehen?“, fragte Onkel Konrad. „Und was meint ihr dazu?“

Emil schüttelte sich vor Abscheu wie ein Pudel, und Theo fügte hinzu: „Es ist eine Schande, dass wehrlose Gefangene so geschunden wurden.“

Es war schon ziemlich spät geworden, ehe sich die Jungen in der Kemenate in ihrem großen Bett zur Ruhe niederlegten, Es regnete nicht mehr. Aber die Nacht war stockdunkel. Als sie die Kerze ausgeblasen hatten, tuschelten sie noch lange miteinander und rieten hin und her, wo der Schatz stecken könne. Endlich waren sie nahe am Einschlafen. Da wurden sie durch die hellen Schläge vom Uhrturm wieder aufgeschreckt. Gespenstisch rauschte der Wind in der Burglinde, es heulte, polterte und knackte im Kamin. Dann und wann dröhnten in einem fernen Teil der Kemenate dumpfe Schläge. War es eine alte Tür, die der Wind gegen die Mauer stieß? Sie wussten es nicht. In später Nachtstunde wirken harmlose Geräusche manchmal recht unheimlich.

Nun war es Mitternacht geworden. Draußen vor den Fenstern stand die Nacht wie eine schwarze Wand. Kein Sternenschimmer, kein Mondstrahl vermochte die dicke Wolkendecke zu durchdringen. Unten in der Stadt schlug die kleine Glocke vom Kirchturm viermal, die mittlere zwölfmal und die größte ebenfalls zwölfmal. „Das sind im ganzen achtundzwanzig Schläge“, stellte Theo fest. „Nun noch einmal achtundzwanzig vom Uhrturm – macht zusammen sechsundfünfzig. He, Emil, die Geisterstunde hat angefangen!“

„Hör auf!“, sagte der Kleine und kroch unter die Decke. Theo wollte ihn wegen seiner Ängstlichkeit auslachen, aber er kam nicht dazu. Was war denn das?

Langsame Schritte schlurften die Treppe herauf und tappten den Gang entlang. Kreischend drehte sich ein Schlüssel im Schloss. Gleich darauf rumorte es im Nebenzimmer. Eine murrende, murmelnde Stimme ließ sich hören.

Den großen Jungen überlief eine Gänsehaut. Er klopfte auf Emils Bettdecke. „Kleiner, horch mal!“

Der steckte die Nasenspitze heraus. „Was ist denn los?“

„Hörst du was, Kleiner?“

Emil machte die Ohren frei und lauschte. Aber inzwischen war es ruhig geworden. „Ich höre nichts“, sagte er. Da begann es wieder. Ein Schlüssel rasselte im Schloss. Schritte tappten über den Gang, jetzt in entgegengesetzter Richtung. Eine Kette klirrte. Sie stieß auf den Fußboden auf.

„Hu, ich fürcht’ mich!“, schrie der Kleine. „Der Ritter Kunz!“ Blitzschnell verschwand der Junge unter der Bettdecke. Wie ein Maulwurf wühlte er sich tief hinein. Der Angstschweiß lief ihm aus allen Poren. Dem Großen war nicht besser zumute. Wenn das Gespenst jetzt die Tür öffnete, hätte er es wie der Kleine gemacht.

Doktor Teufel mit Kerze

Aber die Schritte entfernten sich. Sie tappten die Treppe hinunter. Theo schlich zum Fenster. Vorsichtig schob er den Kopf übers Fensterbrett.

Ein hagerer, bärtiger Mann trat unten aus der Tür. In der einen Hand trug er ein Licht, in der anderen eine Kette. Das Licht warf gespenstische Schatten auf die Mauer. Im nächsten Augenblick verlöschte ein Windstoß die Kerze. Man hörte nur noch leises Tappen, Klirren und Murmeln, das sich immer mehr verlor, bis es gänzlich erstarb.

Fröstelnd stieg Theo wieder ins Bett. Er wickelte den „Maulwurf“ aus den Decken heraus. Der war schon halb erstickt und schwitzte über und über. Um ihn zu beruhigen, sagte der Große: „Ich hab’ zum Fenster hinausgesehen. Es war kein Gespenst da. Unten ist jemand zur Tür herausgetreten und fortgegangen. Ich denke, es ist Ulla gewesen, die uns erschrecken wollte. Sie hat sich wohl als Mann verkleidet und mit Ketten geklirrt.“

Aber der Kleine beruhigte sich erst, nachdem Theo den Riegel vor die Tür geschoben hatte. Das war ein schweres Stück Arbeit, denn das verrostete Schloss hatte wohl jahrzehntelang keinen Tropfen Öl bekommen. Schließlich siegte die Müdigkeit über die Furcht – und in der zweiten Nachtstunde schliefen die Brüder tief und fest dem Morgen entgegen.

Der Spuk klärt sich auf

Müde und verdrossen saßen die Jungen mit Ulla und Tante Camilla am Frühstückstisch. Es war ihnen anzumerken, dass sie Schlaf eingebüßt hatten.

„Ihr seid wohl heute zuerst mit dem linken Fuß aus dem Bett gestiegen?“, fragte Ulla.

„Jawohl“, gab Theo grob zurück, „und daran bist du schuld!“

„Ich?“

„Wer denn sonst? Niemand anders als du hat heute Nacht diesen Unfug in der Kemenate angestellt.“

„Welchen Unfug? Drück dich bitte etwas deutlicher aus!“

Jetzt mischte sich Tante Camilla ins Gespräch. „Nun aber mal heraus mit der Sprache! Was hat es gegeben?“

„Was es gegeben hat?“, knurrte Theo. „Der Kleine ist vor Angst beinahe im Bett erstickt.“

Wütend fuhr Emil in die Höhe. „Blas dich bloß nicht auf, Großer! Du hast dich genauso gefürchtet, als das Gespenst murmelte und auf dem Gange mit der Kette klirrte.“

Ulla lachte laut auf. „Ach, das ist kein Gespenst gewesen, sondern der Teufel. Der war wieder einmal mit der Messkette unterwegs. Ich habe es euch doch gleich bei eurer Ankunft gesagt, dass hier der Teufel spukt.“

Theo schimpfte: „Eine feine Erklärung ist das: ‚Es war kein Gespenst, sondern der Teufel.‘ So ein Unsinn!“

„Es stimmt schon“, sagte Ulla. „Der Teufel war’s – der Doktor Teufel.“

„Erzähl keine Märchen!“, spottete Theo. „Seit wann hat denn der Teufel den Doktortitel?“

„Ich will euch die Sache erklären“, sagte Tante Camilla. „Hier wohnt ein Doktor namens Teufel. Er wurde beauftragt, die Burg und ihre Geschichte zu erforschen. Leider habe ich vergessen, euch zu erzählen, dass er in der Kemenate haust. Er war einige Tage verreist und ist erst heute Nacht zurückgekehrt.“

Ulla sagte: „Ich habe wohl daran gedacht, aber nichts verraten. Ihr wart ja so schrecklich neugierig auf die Burggeister. Da solltet ihr den mit dem Schlüsselbund klappernden Doktor für ein Gespenst halten. Dass er nun gar mit Licht und Messkette durchs Haus marschieren würde, wusste ich nicht. Aber besser konnte es gar nicht klappen.“

Lachend schaute Ulla den verdutzten Vettern ins Gesicht.

„Still“, flüsterte Frau Schaffer, „er kommt!“

Eine lange, dürre Gestalt durchschritt den Zwinger in der Richtung auf das Außentor. Im Tageslicht hatte der Doktor nichts Gespenstisches an sich. Er trug einen schwarzen Rock, dazu einen Hut mit breiter Krempe. „Guten Morgen!“, murmelte er im Vorübergehen und ging durch die kleine Seitenpforte in die Stadt hinab.

„Ich weiß nicht“, sagte Emil, „ein bisschen unheimlich kommt er mir doch vor.“

Tante Camilla nickte mit dem Kopf. „Sonderbar, dass der Kleine ausspricht, was wir alle empfinden. Er ist uns fremd geblieben wie am ersten Tage. Nur das Nötigste spricht er mit uns. Seine Mahlzeiten nimmt er in der Stadt ein. Der Wirt vom ‚Goldenen Löwen‘ sagte uns, dass der Doktor sein Essen schweigend hinunterwürgt und sich fast nie auf ein Gespräch einlässt. Sein Zimmer in der Kemenate hält er sorgfältig verschlossen. Ich darf es nur in Ordnung bringen, wenn er anwesend ist. Manchmal verreist er auf mehrere Tage, ohne uns zu sagen, wann er zurückkehrt. Ist er eines Morgens plötzlich wieder da, dann wundere ich mich. Ich habe nämlich einen ziemlich leisen Schlaf und müsste es hören, wenn er das Burgpförtchen aufschließt. Aber das höre ich fast nie. Ich nehme an, dass er den alten Schleichweg benutzt, der über die Felsen bis zur Mauerbresche führt. Dort schlüpft er dann ungesehen und ungehört herein. Der alte Weg ist nur uns Burgbewohnern bekannt. Unbegreiflich, wie der Doktor bei Nacht den gefährlichen Schleichpfad findet, auf dem man schon tagsüber Hals und Beine brechen kann. Ja, er ist doch ein recht sonderbarer Herr!“

„Ein Ekel ist er!“, rief Ulla. „Man müsste ihm mal einen ordentlichen Streich spielen!“

„Aber Ulla“, mahnte die Mutter, „so darfst du nicht von ihm sprechen! Bis jetzt hat er sich nichts zuschulden kommen lassen.“

Ulla schwieg. Dann nahm sie ihre Mappe und machte sich auf den Weg zur Schule. Die Jungen begleiteten sie ein Stück. Sie wollten sich bei der Gelegenheit einmal das Städtchen näher ansehen.

Als die Kinder gegangen waren, unterhielten sich die Kastellansleute über den Doktor.

Frau Schaffer sagte: „Es kommt mir merkwürdig vor, dass er sich um Mitternacht mit der Messkette in der Burg herumtreibt. Was kann er schon bei stockfinsterer Nacht ausmessen und aufzeichnen?“

„Ich begreife es auch nicht“, pflichtete der Kastellan bei. „Altertumsstudien treibt man doch besser bei Tageslicht.“

„Ich glaube, wir müssen ihm ein bisschen auf die Finger sehen“, sagte die Kastellanin. „Er fühlte sich unbeobachtet, weil er nicht wusste, dass unsere Neffen in der Kemenate schlafen. Mir geht es wie Ulla. Ich bin misstrauisch.“

„Du lieber Himmel“, rief der Kastellan, „er ist doch ein Mann der Wissenschaft, ein Gelehrter! Wir dürfen ihm nicht unrecht tun. Solche Leute haben oft Eigenheiten, die ganz harmlos sind.“

Frau Schaffer zuckte die Achseln. „Hoffentlich hast du recht. Warten wir’s ab.“

Im Rittersaal

Am Nachmittag gab es eine Arbeit, die den Jungen Spaß machte. Onkel Konrad ging mit ihnen zum Burgfried. Dort lagen noch die Steine, die der Blitzschlag heruntergeworfen hatte. Sie räumten die Brocken beiseite und türmten sie in der Ecke zu einem Haufen auf. Bei den größeren Steinen mussten alle drei kräftig zupacken. Schließlich wurden Schutt und Mörtelbrocken weggekehrt, so dass der Platz vor dem Bergfried wieder sauber war.

Mit gerunzelter Stirn betrachtete der Kastellan die neuen, tiefen Risse im Mauerwerk. „Der Turm wird immer baufälliger“, sagte er. „Er ist ja auch hier auf der Burg das älteste Bauwerk. Mindestens tausend Jahre hat er auf dem Buckel. Der unterste Teil mit seinen roh zusammengefügten Blöcken stammt vielleicht noch aus der Heidenzeit. Noch ein paar starke Gewitter oder ein tüchtiger Sturm – und der Turm fällt wie ein Kartenhaus zusammen. Ich werde in die Stadt zum Baumeister gehen. Er soll sein Urteil abgeben. Wenn nötig, mag er den Turm abtragen oder sprengen lassen, bevor ein Unglück geschieht.“

Onkel Konrad machte sich fertig und ging mit seiner Frau zur Stadt. Ulla schlug den Jungen vor, den Rittersaal zu besichtigen. Sie holte den großen Schlüsselbund und schloss auf. Im Rittersaal war eine Sammlung alter Waffen untergebracht. Da gab es uralte Bronzeschwerter, bei einer Ausgrabung im alten Wall gefunden, ferner Ritterschwerter, Schilde, Dolche, Lanzen, Sturmsensen, Hellebarden, Ritterrüstungen, Hakenbüchsen, Flinten und Pistolen, auch einige kleine Feldschlangen und Mörser mit den dazugehörigen Stein- und Eisenkugeln.

Mit einem Gefühl, das aus Neugier und Grauen gemischt war, betrachteten die Kinder das altertümliche Mordwerkzeug.

„Was für ein merkwürdiges Ding ist denn das?“, fragte Theo und zeigte auf einen kurzen, dicken Knüppel, an dem eine faustgroße Kugel hing. Wie ein Igel war sie über und über mit fingerlangen Stacheln gespickt, allerdings mit Stacheln aus Eisen.

„Es ist ein Morgenstern“, erklärte Ulla. „So nannten ihn die Bauern, weil die Kugel mit ihren Zacken einem Stern ähnlich sieht. Mit dem Morgenstern zertrümmerten die Bauern die Eisenhelme der Ritter und schlugen ihnen die Schädel ein.“

Nachdenklich berührte Theo die Spitzen der Stacheln mit den Fingern und sagte: „Wir haben hier auf der Burg nun die Folterkammer gesehen, und jetzt betrachten wir die Waffensammlung aus alter Zeit. Jedes Mal graut uns davor, und immer denken wir dabei: Gott sei Dank, bei uns gibt es so etwas nicht mehr! Aber –“

„Ich weiß, was du sagen willst“, unterbrach Ulla ihren Vetter. „Lass mich mal weiterreden. Wisst ihr, was mein Vater immer sagt? Er sagt: „Lasst mal fünfzig oder hundert Jahre vergehen. So ums Jahr zweitausend herum werden die Menschen, genau wie wir, Waffensammlungen und Altertumsmuseen besuchen. Da werden sie die grausamen Waffen sehen, mit denen die Menschen unserer Zeit sich gegenseitig ums Leben brachten, also Schnellfeuerkanonen, Maschinengewehre, Panzerkampfwagen, Bombenflugzeuge, Minen, Gasgranaten, Flammenwerfer und vieles andere. Und es wird ihnen davor grauen, dass es Menschen gab, die mit solch entsetzlichen Waffen aufeinander losgingen, genau wie es uns vor den alten Schwertern und Sensen und Morgensternen graut und vor den Folterkammern, in denen man Wehrlose marterte. Ob man, wie im Mittelalter, die Glieder mit glühenden Zangen abzwickt oder die Menschen bei lebendigem Leibe mit Flammenwerfern verbrennt oder ihre Leiber von den glühenden Sprengstücken platzender Granaten zerfetzen lässt, das kommt doch alles auf dasselbe hinaus. Es ist eine fürchterliche Menschenschinderei. Der Krieg ist ein Verbrechen. Kriege müssten überhaupt abgeschafft werden. – So sagt mein Vater, und ich glaube, er hat recht.“

„Ja, er hat wirklich recht“, meinte Theo. „Wenn doch alle Menschen so dächten!“

Während sich die Großen unterhielten, hatte sich Emil beiseite geschlichen. Heimlich machte er sich mit einem alten Spieß zu schaffen, einer sogenannten Hellebarde.

Emil mit Hellebarde

Sie trug außer einer kräftigen Spitze eine beilartige Schneide zum Zerhauen des Helms. Denn Hellebarde bedeutet ja Helmbarde, also Helmbeil, Helmaxt. Unbeobachtet von den Großen hatte Emil die Hellebarde mit beiden Fäusten gepackt und war damit auf die gegenüberliegende Wand losgerannt, um die Waffe auszuprobieren. Plötzlich gab es einen lauten Krach. Die Spitze des Spießes stieß ein Loch in die Mauer, dass der Kalk herunterbröckelte, und Emil lag brüllend am Boden. Der Spieß war klirrend und polternd zur Erde gefallen und hatte dem Jungen einen derben Schlag versetzt, glücklicherweise nur mit dem hölzernen Schaft, nicht mit der Spitze oder dem Beil.

Ulla und Theo waren froh, dass dem Kleinen nichts passiert war. Sie zankten ihn wegen seiner Dummheit und Unvorsichtigkeit aus. Ulla sagte: „Wenn Doktor Teufel den Krach und das Gebrüll gehört hat, kommt er sicherlich herüber und wird tüchtig schimpfen.“

Theo steckte den Finger in das Loch, das der Spieß in den Kalkbewurf der Mauer gestoßen hatte. „Da ist etwas Hartes, Kaltes dahinter“, stellte er fest, „ein eiserner Träger oder etwas Ähnliches. Haben denn die Ritter schon mit Eisenträgern gebaut? Das ist mir unwahrscheinlich.“

„Ich kann es dir nicht sagen“, erwiderte Ulla. „Aber komm, wir wollen die Hellebarde wieder an ihren alten Platz zurückstellen.“

Sie nahm einen Lappen und wischte vorsichtig den Kalkstaub von der Spitze weg.

Während sie noch damit beschäftigt war, näherten sich rasche Schritte. Doktor Teufel betrat den Rittersaal.

„Was war denn hier los?“, schimpfte er. „Ihr wisst doch, dass es euch verboten ist, die alten Waffen in die Hand zu nehmen!“

Jetzt bemerkte er das Loch in der Wand.

„Wer hat denn das gemacht?“, fragte er.

Als er keine Antwort bekam, steckte er den Finger in die beschädigte Stelle, klopfte gegen die Wand, klopfte noch einmal und horchte.

„Aha!“, sagte er, „hm, hm!“

Seine Blicke wanderten von der Hellebarde zur Mauer. Er hatte erraten, was vorgefallen war. Zornig packte er Ulla bei den Schultern, schüttelte sie und schrie: „Ich werde deinem Vater erzählen, was für ungezogene Gören ihr seid!“

Emil sagte: „Ulla war’s doch gar nicht.“ Aber der Doktor beachtete die Worte des Kleinen nicht. Wütend stapfte er davon.

Als er gegangen war, sagte Ulla: „Sonst spricht er mit meinen Eltern kein Wort. Wenn es aber gilt, uns zu verklatschen, da kann er reden. Lauter blaue Flecke hat er mir in die Arme gezwickt. Na, warten Sie nur, Herr Teufel!“

Theo holte ein wenig Gips. Er rührte das weiße Pulver mit Wasser an und verschmierte das Loch in der Wand. Der Schaden war geheilt. Die Strafe konnte nicht schlimm ausfallen. Merkwürdigerweise blieb sie ganz aus. Als die Kinder sich an den Abendbrottisch setzten, gab es kein Wort des Vorwurfs.

Ulla flüsterte den Vettern zu: „Der Doktor scheint nichts gesagt zu haben. Das wundert mich. Aus Freundschaft hat er es bestimmt nicht getan. Er muss einen besonderen Grund dafür haben. Aber welchen?“

Walters Automatenspiel

Schon am allerersten Tage – auf dem Wege vom Bahnhof zur Burg – hatte Ulla von ihrem Schulkameraden Walter Lanzenberger erzählt. Theo erinnerte sich daran und sagte: „Ulla, es wird Zeit, dass du uns das Wundertier vorführst. Einen netten Spielkameraden könnten wir brauchen. Weißt du, wir besuchen dich heute an deinem letzten Schultag in der Frühstückspause, und du machst uns mit dem Jungen bekannt. Einverstanden?“

Ulla nickte und lief zur Schule. Kurz vor zehn Uhr standen die beiden Buben vor dem alten Schulgebäude. Da bei dem schönen Wetter die Fenster offen waren, konnte man die tiefen Stimmen der Lehrer und die hohen der Kinder hören. In einer Klasse im Erdgeschoss mussten die Schüler Vögel nennen, die uns Federn geben. Das ging wie am Schnürchen: Die Gans gibt uns die Gänsefedern, das Huhn gibt uns die Hühnerfedern, der Schwan gibt uns die Schwanenfedern.

Als der Wissensvorrat erschöpft war, hörte man den Lehrer sagen: „Ah, jetzt hebt sogar unser Oswin die Hand.“ (Oswin schien kein Licht zu sein. Man merkte es dem Lehrer ordentlich an, wie er sich freute.) „Na, Oswin, sag mal deinen Satz!“

Drin im Zimmer entstand eine erwartungsvolle Pause. Eine Bank knarrte unter den Bewegungen des schwerfällig aufstehenden Jungen. Dann tönte es mit quäkender Stimme aus dem Fenster: „Ich weiß noch einen Vogel, der uns Federn gibt – den Füll!“

„Den Füll? – Ja, wieso denn?“

„Nu, Herr Lehrer, er gibt uns die Füllfedern.“

In der Klasse erhob sich ein lautes Gelächter. Der Lehrer rief: „Das hast du wieder einmal fein gemacht, Oswin. Setz dich, mein Junge.“

Theo und Emil zappelten vor Vergnügen unter den Fenstern herum und schnippten mit den Fingern. Schade, der Lehrer schloss das Fenster. Die Brüder liefen um das Schulhaus herum nach der anderen Langseite. Hier waren die älteren Jahrgänge untergebracht. Da oben hinter den Fenstern musste Ullas Klasse sein. Dort wurde Rechenstunde gehalten. Die Kinder sagten die Ergebnisse ihrer Hausaufgaben an. Es war eine aus Jungen und Mädchen gemischte Klasse. Auch Ullas Stimme konnte man hören. „Noch zwei Stunden Kopfrechnen!“, rief der Lehrer. Er stellte sich ans Fenster und sagte: „Ein Arbeiter pumpt einen Teich in zehn Tagen leer. Wie lange brauchen zehn Arbeiter dazu, Lanzenberger?“

Oben, dicht am Fenster, knurrte eine brummige Jungenstimme: „Zehn Arbeiter brauchen zehnmal so lange wie einer – also – hundert – Tage.“

Der Lehrer schlug die Hände über dem Kopf zusammen und sagte spottend: „Ausgezeichnet! Zehn Arbeiter brauchen zehnmal so lange wie einer. Aber nur, wenn sie solche Faulpelze sind wie du, Lanzenberger! Sag mal, Lanzenberger, du bist doch sonst ein ganz leidlicher Schüler, aber fürs Rechnen hast du wohl nichts übrig?“

„Gar kein Interesse, Herr Lehrer! Strengt zu sehr an!“ Die Gebrüder Hartmut guckten einander verblüfft an. Sie waren neugierig, was der Lehrer zu dieser zwar ehrlichen, aber doch recht unpassenden Antwort sagen würde. Doch in diesem Augenblick begann das Glöckchen auf dem Dach der Schule zu läuten. Es übertönte alles mit seinem Klang und zeigte das Ende der Stunde an. Sie liefen nach dem Haupteingang, um Ulla nicht zu verfehlen. Es dauerte ziemlich lange, bis sie kam. Längst tummelten sich die anderen auf der Spielwiese, da kam endlich das achte Schuljahr, und Ulla begrüßte die Vettern. Sie zeigte auf einen großen Jungen, der mit verdrießlichem Gesicht breitbeinig dastand, die Hände in den Hosentaschen.

„Das ist Walter Lanzenberger“, sagte sie, „er hat schlechte Laune. Der Lehrer hat ihm eine große Rechenarbeit bis nach den Ferien aufgebrummt.“

„Wir wissen warum“, fiel Emil ein. „Großartig war das! Eine Ruhe hat der – wie’n toter Regenwurm!“

Ulla ging mit den Vettern zu Walter hinüber, um sie ihm vorzustellen. Der zog die rechte Hand ein kleines Stück aus der Tasche, winkte ab und sagte: „Weiß schon! – Dein Besuch!“

Emil kam diese abgehackte Redeweise komisch vor. „Du“, sagte er, „bei euch in Feuerburg gibt’s wohl lange Sätze nur auf Karten?“

Walter tat, als ob er die Frage nicht gehört hätte. Geringschätzig schaute er auf Emil herab. „Der Kleine? – Kommt nicht in Frage! – Weg damit!“

Er packte Emil und setzte ihn auf die niedrige Schulhofmauer. Der blieb natürlich nicht sitzen, sondern kletterte wieder herunter. Walter hatte inzwischen Emils großen Bruder vom Kopf bis zu den Füßen gemustert.

„Hm“, knurrte er, „mal versuchen! – Fingerhakeln! – Los!“

Er ritzte mit einem Ästchen einen Strich in die Erde. Dann stemmte er den rechten Fuß fest gegen den Boden, während das linke Bein in die Kniebeuge ging, und streckte die Faust mit dem zum Haken gekrümmten Zeigefinger vor. Theo wusste, was los war. Das Fingerhakeln hatte er von einem bayrischen Mitschüler gelernt. Es galt, den Gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen und ihn über den Strich zu sich herüberzuziehen. Theo hakte den gekrümmten Zeigefinger bei Walter ein. Die beiden Jungen fingen an zu ziehen. Sie versuchten, durch einen plötzlichen Ruck den Gegner zu überraschen. Sie gaben anscheinend nach und zogen unversehens wieder an. Abwechselnd wandten sie einmal List, einmal Gewalt an. Alles vergebens. Keiner wankte, keiner wich. Von der Anstrengung waren beide schon rot wie die gesottenen Krebse, und immer noch war keine Entscheidung gefallen. Da machte das Geläut der Schulglocke dem Wettstreit ein Ende.

„Aus!“, rief Walter. „Passt! Beide gleichstark!“

Mit Wucht hieb er die Faust auf Theos Schulter. „Ich besuch dich mal – heute!“

Theo gab den Schlag mit gleicher Wucht zurück und sagte: „Abgemacht!“

Walter rannte seinen Klassenbrüdern nach, die dem Wettkampf neugierig zugeschaut hatten und sich nun am Eingang anstellten. Ehe Ulla ging, fragte Theo: „Was ist denn eigentlich Walters Vater?“

„Gendarm!“, antwortete Ulla. „In manchen Gegenden sagt man auch Landjäger oder Polizist dafür. Der legt mit ein paar Griffen die stärksten Vagabunden hin, ehe sie überhaupt wissen, was los ist. Aber ich muss jetzt gehen.“

Die Brüder bummelten im Städtchen herum. Beim Papierhändler ergötzten sie sich an den Bilderbogen im Schaufenster. Sie waren in grellen, bunten Farben gedruckt und erzählten in sechzehn fortlaufenden Bildchen die Entdeckung Amerikas oder die Taten des Räubers Rinaldo Rinaldini oder die Sage von der schönen Genoveva und dem bösen Golo. Sie schilderten die „verkehrte Welt“, in der das Schwein den Fleischer schlachtet, der Hase den Jäger schießt, das Holz den Holzfäller zersägt und das Ei den Koch im Topfe siedet. Ulkige Verse standen darunter. Die Jungen kauften sich für zwei ganze Groschen zehn der lustigsten Bogen. Oben in der Burg breiteten sie auf dem Tisch in der Laube all die Herrlichkeiten aus und genossen mit Vergnügen die farbenfrohe Bilderwelt.

Am Nachmittag war plötzlich Walter Lanzenberger da. Die Kinder entdeckten ihn auf der Burgmauer. Barfuß und nur mit einem Schwitzer und einer kurzen, blauen Hose bekleidet, saß er da. Die Hose hatte seine Mutter aus einem Paar abgelegter Beinkleider des Vaters geschneidert. Die Taschen voll Kieselsteine, hockte der Junge mit gekreuzten Beinen wie ein Chinese auf einem Einschnitt der Zinne. Er zielte nach den Dächern der Häuser unterhalb der Burg. Die Kinder stiegen die schmale Steintreppe hinauf, die empor zum Wehrgang und zur Mauerzinne führte.

„Wie bist du in die Burg gekommen?“, fragte Ulla. „Durchs Tor nicht! Das wüsste ich!“

„Haha – Tor?“, sagte der große Junge langsam. „Das kann jedes Baby. Da bin ich ’rauf.“

Er zeigte auf die Außenseite der Burgmauer. An den Vertiefungen und Vorsprüngen der Mauer hatte er sich festgehalten. Mit den Füßen in die Kalkfugen zwischen den Steinen tretend, war er wie eine Katze emporgeklettert.

Ohne die anderen zu beachten, schleuderte er seine Kieselsteine durch die Luft. Er tat das mit einem drolligen Ernst, als hinge davon das Heil der Welt ab.

„Was machst du da?“, fragte Ulla.

„Automat spiel’ ich.“

„Automat?“

„Ja, Automat.“

Seine Würfe wurden jetzt sicherer. Er hatte die richtige Entfernung heraus. Zum dritten Mal kollerte der Kiesel in den Schornstein des kleinen Hauses hinein. Da öffnete sich plötzlich dort unten die Haustür. Ein kleiner, fetter Mann kam herausgesprungen wie die Schokoladentafel aus dem Automaten. Er fuchtelte mit den Armen wild in der Luft herum. Was er brüllte, konnte man wegen der Entfernung nicht verstehen. Es klang wie „wäwäwä! – wäwä!“

Flink duckten sich die Kinder hinter die Mauerzinne, um nicht gesehen zu werden. Sie schüttelten sich vor Lachen, während Walter keine Miene verzog.

„Na?“, fragte er. „Ist das kein Automat? Oben Stein ’rein – unten Mann ’raus!“

„Was sagt dein Vater, wenn ihm die Leute das erzählen?“

„Sagen? – Nix! – Bloß so!“

Er machte einige bezeichnende Bewegungen mit der Hand.

Todernst blickte er geradeaus und wackelte mächtig mit den großen Ohren.

Ulla legte dem Jungen die Hände auf die Schultern. „Walter“, sagte sie, „ich hab’ ’ne Bitte. Sprich mal heute ausnahmsweise in richtigen Sätzen. Meine Vettern denken sonst, du hast einen Dachschaden am Kopf. Du kannst nämlich sehr schön sprechen, wenn du willst.“

„Will nicht!“, entgegnete Walter. „Strengt zu sehr an!“

Der kleine, fette Mann da unten hatte sich wieder beruhigt und war, die Fäuste schüttelnd, ins Haus zurückgegangen. Emil richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Er blickte auf die Stadt hinab, rollte die Augen, schleuderte die Arme wie ein schlechter Schauspieler und begann ein Gedicht Schillers zu deklamieren, das er von seinem großen Bruder gehört hatte:

„Er stand auf seines Daches Zinnen
Und schaute mit vergnügten Sinnen
Auf das beherrschte Samos hin.“

Hier brach sein Vortrag ab. „Kannst wohl nicht weiter?“, fragte Ulla. „Doch! Aber mir ist eben was eingefallen. Wo sind denn nun hier die Zinnen? Ich kann mir bei dem Wort gar nichts denken.“

„Lass dich nur nicht von den Zinnen beißen“, spottete Ulla. „Der Aufbau auf der Mauer vor dir – diese Mäuerchen mit den Lücken dazwischen, das sind die Zinnen. Man nennt sie wohl auch Wimpergen. Immer wechselt ein Zinneneinschnitt mit einem Aufbau ab. Die Einschnitte dienen als Schießscharten. Hinter den Aufbauten deckt man sich.“

Theo machte einen Vorschlag. Er sagte: „Ulla, von diesem Kram verstehst du am meisten. Worauf du dir nichts einzubilden brauchst, denn du bist ja auf der Burg aufgewachsen und hast viel in den alten Schwarten geschmökert. Erzähl uns mal, wie es hier ausgesehen haben mag, wenn die Burg belagert wurde.“

„Meinetwegen“, sagte Ulla, „mein Vater hat mir schon oft alles genau geschildert. Er sagt immer: Es schadet gar nichts, wenn man weiß, wie grausam und blutig es bei solchen Belagerungen zugegangen ist. Desto eher bekommt man das ganze Kriegshandwerk satt, ganz gleich, ob es sich um alte oder moderne Kriege handelt. – Also passt gut auf! Hier, wo wir stehen, standen die Armbruster und die Büchsenschützen. Sie duckten sich hinter die Einschnitte der Zinne, die Armbruster mit gespannter Armbrust, die Büchsenschützen mit brennender Lunte. Die größten Büchsen hießen Hakenbüchsen. Sie waren so schwer, dass ein einzelner Mann sie nicht tragen konnte, denn sie wogen bis zu einem Zentner. Der Schütze legte die Hakenbüchse auf ein Holzgestell oder auf die Mauer. Der Haken war ein festes Stück Eisen, das an der unteren Schaftseite angebracht war. Beim Schießen stemmte man es ein. Es fing beim Abschuss den Rückstoß auf. Die Bleikugeln, die man aus den größten Hakenbüchsen verschoss, wogen hundert bis zweihundert Gramm.“

„Au!“, rief Emil. „So eine Kugel möchte ich nicht in den Bauch kriegen!“

„Ich auch nicht“, sagte Theo. „Eine Bleikugel ist ein niederträchtiges Mordwerkzeug. Sie zerfetzt die Eingeweide und zerschmettert beim Auftreffen jeden Knochen in zahlreiche Splitter. Wer eine Bleikugel abgekriegt hat, war meistens verloren. Er verblutete sich.“

„Nun will ich mal weitererzählen“, fuhr Ulla fort. „Ließ sich unten vor der Mauer ein Feind sehen, dann donnerten die Hakenbüchsen, und die Armbrustbolzen zischten durch die Luft. Aber man hielt noch andere Überraschungen für den Gegner bereit. Wurde ein Angriff erwartet, dann loderten an vielen Stellen kleine Holzfeuer. An Gestellen befestigt, hingen eiserne Kessel darüber, mit Pech oder Öl gefüllt. Dichter Rauch wirbelte empor. Es stank nach brennendem Holz, nach Pech und siedendem Öl. In Qualm, Feuerschein und Gestank huschten die Verteidiger hin und her. Denkt man sich dazu das Donnern der Hakenbüchsen, das Krachen der Wallgeschütze und Mörser und das Geschrei der Kämpfenden, dann kann man sich vorstellen, was für ein Höllenlärm während eines Angriffs herrschte. Auch die Angreifer blieben nicht untätig. Aus großen Kanonen, die man „Stücke“ nannte, schossen sie zentnerschwere Stein- und Eisenkugeln gegen die Mauern, bis ein Loch entstand, eine Bresche. Durch die Bresche versuchten dann die Sturmtruppen in die Burg einzudringen. Manchmal fegte eine Kanonenkugel einen Teil der Zinne hinweg, zerschmetterte die Verteidiger, warf sie ins eigene siedende Pech und Öl, so dass sie jämmerlich verbrüht und verbrannt wurden. Das brennende Pech erzeugte fürchterliche Brandwunden. Wer sich je wieder davon erholte, dem sah man es an seinen grässlichen Narben zeitlebens an, dass er ins Pech geraten war.“

„Nein, dass er Pech gehabt hatte“, rief Theo. „Jetzt weiß ich, woher der Ausdruck ‚Pech haben‘ kommt. Unser Professor sagt zwar, die Redensart käme von der Vogelstellerei und von den mit Pech getränkten Leimruten, auf denen die Vögel hängen bleiben. Aber es kann ebenso gut anders sein. Mir kommt meine Erklärung nicht unwahrscheinlich vor.“

Ulla zuckte die Achseln. „Ich kann das wirklich nicht entscheiden. Da müssten wir ein ganz gelehrtes Haus fragen.“

„Den Doktor Teufel?“, fragte Emil. „Nein, lieber nicht. Aber sagt mal, wie wurde denn die Bresche geschlagen, als es noch keine Kanonen gab?“

Darüber konnte Theo Auskunft geben. „Mit Mauerbrechern“, sagte er. „Das waren schwere Baumstämme, zehn bis zwanzig Meter lang, an der Spitze mit Eisen beschlagen. Der Mauerbrecher hing unter einem fahrbaren Schutzdach freischwebend an Ketten. Von den Soldaten wurde die Belagerungsmaschine ‚Katze‘ oder ‚Tummler‘ genannt. Das Ganze bildete einen länglichen Schuppen, der auf Rollen lief. Man rollte die ‚Katze‘ bis dicht an die Mauer heran. Zwanzig kräftige Männer oder mehr stellten sich rechts und links vom ‚Rammbaum‘ auf.“

Ulla wandte ein: „Ich verstehe nicht, warum die Leute in der belagerten Burg den Schuppen mit dem Rammbaum nicht einfach zusammenschossen oder in Brand steckten.“

„So leicht war das nicht“, erwiderte Theo. „Pfeile oder Steinwürfe konnten der Maschine nicht viel anhaben, denn das Dach war mit mehreren Lagen Flechtwerk gut gepolstert. Auch Brandpfeile und brennende Pechkränze richteten wenig aus, weil ganz oben auf dem Dach Blechplatten und nasse Tierhäute lagen. Die Männer zogen den aufgehängten Baumstamm rückwärts und ließen ihn dann mit aller Kraft gegen die Mauer schmettern. Unter den wuchtigen Stößen zerbrachen mit der Zeit selbst die festesten Quadersteine. So hat man also in alter Zeit Breschen geschlagen, als das Pulver noch nicht erfunden war.“

Ulla sagte: „Nun will ich euch schnell noch erzählen, wie es beim Sturm zuging. Entweder drangen die Belagerer durch die Bresche ein, oder sie legten Sturmleitern an die Außenmauer und kletterten hinauf. Auch gab es hölzerne Belagerungstürme. Sie wurden bis an die Mauer herangeschoben. Oben war der Turm mit Mannschaften besetzt. Sie ließen eine Klappbrücke auf die Mauer herab und drangen in die Burg ein. Aber die Belagerten waren auf ihrer Hut. Ich erzählte schon, dass sie den Stürmenden heißes Pech und kochendes Öl auf die Köpfe schütteten. Gar mancher fiel schwer verbrüht von der Sturmleiter. Wenn nichts anderes vorhanden war, goss man kochendes Wasser hinunter und warf Steine und Felsblöcke hinterdrein. Wo es den Stürmern gelang, eine Leiter an der Zinne festzuhaken, dort trat der Sturmhaken in Tätigkeit. Kommt, ich will euch einen zeigen!“

Sie liefen zum Wehrturm hinüber. In dem düsteren Raum, der sein Licht nur durch einige Schießscharten erhielt, standen verrostete Pechkessel. In der Ecke lehnte eine Stange. Sie war oben mit einem kräftigen Eisenhaken versehen.

„Das ist ein Sturmhaken“, sagte Ulla. „Damit hakte man die Leitern der Feinde aus und stieß sie um. Auch die Angreifer hatten Sturmhaken bei sich. Mit ihnen rissen und stießen sie das ‚Blendwerk‘ auseinander.“

„Blendwerk?“, fragte Theo erstaunt. „Ich denke, Blendwerk ist so etwas wie Täuschung, Schein, Einbildung, Zauberei?“

„Stimmt! So versteht man’s heutzutage. Aber damals bestand das Blendwerk aus Aufbauten, die gegen Sicht und Schuss schützten. Da gab es auf Zinnen und Brustwehren Holzwände mit Schießlöchern, oder es gab Balkenwände, die mit Erde überdeckt waren, oder man stellte Säcke und Weidenkörbe auf, mit Erde und Moos gefüllt.“

Walter Lanzenberger hatte aufmerksam zugehört und bis jetzt kein Wort verloren. Zum Erstaunen aller fing er plötzlich an: „Da haben also die Belagerten überall eine Masse Blendwerk aufgebaut, damit die Belagerer denken sollten, in der Burg wäre eine große Besatzung. Denn die Feinde konnten ja nicht sehen, wie viel Leute dahinter standen. War dann die Burg eingenommen, so fanden die Eroberer nur wenige Mannschaften. Es war alles nur Blendwerk gewesen.“

Ulla ging auf den großen Jungen zu, starrte ihn wie ein Wundertier an und sagte: „Das war die längste Rede, die ich jemals von dir gehört habe. Mach so weiter, Walter! Zum Andenken schenke ich dir das!“

Sie nahm aus ihrem Gürtel eine schöne rote Rose, die im Burggarten gewachsen war, und wollte sie dem Jungen anstecken. Der aber knurrte wieder auf seine alte Weise:

„Rose anstecken? – Quatsch! – Weg damit!“

In hohem Bogen flog die Königin der Blumen über die Burgmauer. Betrübt sah Ulla ihr nach. Walter stellte sich breitbeinig hin, schüttelte den dicken Kopf und rief:

„Viel zu viel von dem scheußlichen Krieg geschwatzt! – Langweilig! – Endlich wieder Spaß machen!“

Und damit waren alle einverstanden.

Lustiges Abenteuer mit Fliegen

Sie stiegen die Mauertreppe hinab. Emil war sehr munterer Laune. Er sperrte den Mund auf und sang:

„Kommt ein Vogel geflogen,
Setzt sich nieder auf mein F-f-fuß –“

Weiter kam er nicht. Bei dem Worte „Fuß“ fing er an zu husten und spuckte eine große Brummfliege aus. Sie war ihm beim Singen in den offenen Mund geflogen.

Walter beguckte die arme Brummfliege, die auf die Treppenstufe gefallen war und sich Kopf und Flügel putzte. Er sagte:

„Fliegen? Nix! – Schmecken bitter. – Aber Maikäfer gut. – Schmecken wie Haselnuss.“

Sofort fing Emil an zu lachen und brüllte: „Maikäferfresser! Maikäferfresser!“

Walter sah ihn geringschätzig von oben herab an: „Noch mal sagen – und ich setz’ dich auf’n Uhrturm.“

Da hielt der Kleine den Mund. Er wusste, mit Walter war nicht zu spaßen. Ulla sah dem Brummer zu, der tüchtig hin und her marschierte, um schneller zu trocknen. Dabei sagte sie „Der Brummer hat mich auf einen Gedanken gebracht. Doktor Teufel kann keine Fliegen leiden. Kürzlich hat er beim Zimmer-Aufräumen zu meiner Mutter gesagt: ‚Hängen Sie ein Dutzend Fliegenfänger bei mir auf. Ich werde verrückt, wenn mir die Viecher um den Kopf herum schwirren.‘ Dabei sind höchstens drei bis vier Fliegen in seinem Zimmer, und die machen ihn schon verrückt. Nun möcht’ ich mal erleben, wie verrückt er wird, wenn ein paar Hundert in seiner Stube herumschwirren. Das muss doch ’ne sehenswerte Verrücktheit sein. Wollen wir uns den Spaß machen?“

Allgemeines Hallo und begeisterte Zustimmung! Aber woher ein paar Hundert Fliegen nehmen? Walter wusste Rat. „Hab’ einen Freund“, sagte er, „heißt Ewald. – Vater ist Müller und Bauer. – Dort gibt’s Fliegen. – Im Kuhstall. – Massenhaft!“

Die vier Rangen schlüpften durch die Mauerbresche und betraten den Schleichweg. Auf dem halsbrecherischen Pfad kletterten sie in den Burggraben und trabten darin entlang. Der Graben war eine grüne Wildnis von regellos aufgewachsenen Büschen und Bäumen. Viele Vögel hatten hier ihre Nester. Ängstlich schwirrten die gefiederten Sänger empor. Sie kreischten und schimpften und beruhigten sich erst wieder, als die Kinder außer Sicht waren.

Die standen bald darauf vor Walters Vaterhaus. Neben der Tür war ein rechteckiges Schild befestigt mit der Aufschrift „Gendarmeriestation“. Aber Walter verschmähte die Tür. Ein Kellerfenster stand offen. Er steckte die Beine durch. Plumps, war der Junge unten! Nach einer Weile kehrte er wieder auf demselben Wege zurück. Listig blinzelnd lüftete er an der nächsten Ecke seinen Schwitzer und zeigte einen darunter versteckten Kartoffelsack. Dazu sagte er in seiner abgehackten Redeweise: „Jetzt Kartoffelsack – dann Fliegensack. Hab’ am Dienstzimmer gehorcht. Bauer drin gesessen. Einbruch gemeldet. Vater muss hin.“

Emil fragte: „Wird hier in der Gegend viel eingebrochen?“

„Massenhaft! – Hier mehr Einbrüche in einem Jahr als in Vaters vorigem Stationsort in zehn Jahren.“

„Werden denn die Spitzbuben erwischt?“

„Selten. – Muss ganze Bande sein. – Arbeiten modern mit Gummihandschuhen. – Niemals Fingerabdrücke zu finden.“

Die vier Spielgefährten liefen den Berg hinab und kamen bald an der alten Mahlmühle an. Das Mühlrad drehte sich nicht. Das Hoftor war verschlossen. In der Mühle war es still. Walter pfiff auf den Fingern. Es war ein greller, zwitschernder Pfiff, den er dreimal wiederholte.

„Mein Signal“, sagte er, „Ewald kennt’s.“

Aber im Hofe rührte sich nichts. „Niemand zu Hause“, brummte Walter, „müssen wieder abziehen.“

„Pfeif noch mal“, schlug Theo vor, „vielleicht hat er’s nicht gehört.“ Wieder erklang das grelle Zwitschern. Da endlich kam Antwort, draußen von den Feldern, wo gemäht wurde. Ein braungebrannter barfüßiger Junge kam den Feldweg entlang gerannt. Es war Ewald.

„Was ist los?“, fragte er. „Ich hab’ keine Zeit, muss für die Schnitter neuen Kaffee holen.“

Walter sagte: „Will im Kuhstall eure Fliegen wegfangen. Hast du’n alten Radreifen?“

Fliegen fangen im Kuhstall

„Im Wagenschuppen werden welche sein. Such dir einen, aber mach schnell!“

Ewald schloss das Hoftor auf und ging ins Wohnhaus. Walter fand einen kleinen verrosteten Radreifen. Er rollte ihn zu Ulla hinüber, warf den Sack hinterher und rief: „Annähen!“

Verdutzt schaute das Mädchen Reifen und Kartoffelsack an. Da riss Walter von dem unteren Ende seines Schwitzers einen langen Wollfaden los. Er zog aus einer Blechschachtel eine Stopfnadel, fädelte sie ein, drückte den Reifen in die Sacköffnung und fing aus Leibeskräften zu nähen an. Ulla begriff jetzt, was er vorhatte, nahm ihm die Nadel weg und vollendete flink die Arbeit. In der Schuppenecke fand sich eine Bohnenstange. Sack und Reifen wurden an der Stange festgemacht, und es war nun eine Art Schmetterlingsnetz entstanden, nur viel größer. Mit diesem Riesennetz gingen die vier in den Kuhstall. Die Decke war schwarz von Fliegen. Ulla nahm den Stallbesen zur Hand, Walter strich mit dem Netz an der Decke entlang. Die Fliegen stürzten in den Sack hinein. Ulla half mit dem Besen nach. Mehr und mehr füllte sich der Sack mit Fliegen. Bald war der größte Teil von ihnen gefangen, sehr zur Freude der armen Kühe, die schrecklich unter den Plagegeistern litten.

Der Müllerjunge Ewald stand schon eine ganze Weile mit seinen Kaffeekrügen ungeduldig an der Tür und mahnte zum Aufbruch. Walter band den Kartoffelsack zu und riss ihn vom Reifen los. Es summte, brummte und brauste ganz toll darin. Das waren nicht nur Hunderte, sondern Tausende von Fliegen..

Auf dem Schleichweg kehrten die Spielkameraden zur Burg zurück. Der Doktor saß nicht in seinem Zimmer. Das hatten sie rasch ausgekundschaftet. Es konnte also losgehen. Aber wie sollten die Fliegen ins Zimmer befördert werden? Einzeln, durchs Schlüsselloch stecken? Das wäre eine Quälerei gewesen und hätte lange gedauert. Walter überlegte einen Augenblick. „Ich will’s machen“, sagte er. „Hat das Zimmer einen Kamin?“

„Ja.“

„Dann kommt mit!“

Er stieg die Treppe zum Dachboden empor, die andern hinter ihm drein. Auf dem Dachboden herrschte ein düsteres Halbdunkel. Bei jedem Schritt zerriss man staubiges Spinnengewebe. Allerhand Gerümpel lag und stand herum: vom Holzwurm zerfressene Möbelstücke, verrostete Rüböllampen, verbogenes Eisengerät, angebrochenes Tongeschirr, alte Spinnräder und ein Handwebrahmen. An dem Rahmen hatten vielleicht vor vierhundert Jahren die Burgfräulein an langen Winterabenden beim Weben gesessen, wenn die Burg eingeschneit war. Den Fliegensack in der Hand, stieg Walter auf einer morschen Leiter zum Dachfenster empor. Hier reckte er sich mit halbem Leibe aus der Öffnung und überblickte prüfend das Dach. Dicht neben dem Fenster erhob sich ein Schornstein, weiter drüben ein zweiter.

„Der hier ist es“, sagte er zu den Kameraden am Fuße der Leiter. „Auffangen!“

Wupp, kam der Schwitzer geflogen, schwupp das Hemd! Ulla fing die Kleidungsstücke auf. „Was hast du eigentlich vor?“, fragte sie verwundert.

„Durch den Kamin in Teufels Zimmer kriechen. Dort Fliegen herauslassen.“

„Junge, wenn du abstürzt!“

„Walter stürzt nicht ab.“

Er stieg aus dem Dachfenster hinaus, hielt sich am Schornstein fest, kletterte auf den Essenkranz und ließ die nackten Beine in den Schornstein baumeln.

„Ha“, rief er, „breite Schornsteine sind das! Da kann der Dickste durch. Ich fahre jetzt in des Teufels Küche, auf Wiedersehen!“

Rücken, Hände und Füße gegen die Schornsteinwände gestemmt, arbeitete er sich langsam in die Tiefe. Bald war sein Kopf verschwunden. Die Kameraden legten das Ohr gegen den Teil des Schornsteins, der sich innerhalb des Bodenraums befand. Deutlich vernahmen sie, wie Walters Füße innen an den Wänden kratzten und schabten. Dann rannten die Kinder die Treppen hinab und zum Zimmer des Doktors. Nicht lange, so war Walter unten angekommen. Sie hörten ihn drin rumoren.

Hui, jetzt ging im Zimmer das Spektakel los! Drei- bis viertausend wütende Fliegen bekamen auf einen Ruck die Freiheit wieder und benahmen sich danach. Wie toll, verrückt und blind schossen sie kreuz und quer in Bogen, Spiralen und wilden Kurven durch das Zimmer. Sie stießen gegen Möbel, Vorhänge und Lampen und prasselten mit ihren Köpfen gegen alles Feste. Dabei gaben die kleinsten ganz hohe Töne von sich. Es klang wie ein helles: „Sisisi!“ Andere summten in tieferer Lage ihr „Sasasa“. Aber die größten orgelten mit drohendem „Sososo“ durch die Luft. Dazwischen klang dumpfer Trommelschlag, wenn die allergrößten Brummer mit ihren Dickköpfen die Fensterscheiben rammten. „Klock!“, sagten sie dabei, „klockklock! – sobbersobber! – klock!“

Die Zuhörer an der Tür hüpften von einem Bein aufs andere und wischten sich die Lachtränen von den Gesichtern.

Plötzlich rief Ulla: „Hu, ein Mohr kommt die Treppe herunter!“

Da sagte der Schwarze gemütlich: „Kein Neger! Nur Walter Lanzenberger.“

Walter als Kaminkletterer

Er war an den Steigeisen innen im Schornstein aufs Dach zurück geklettert und hatte dann die Treppe benutzt. Der Junge sah fürchterlich aus. Im Schornstein hatte er sich über und über mit Ruß beschmiert. Aus dem kohlschwarzen Gesicht fletschten die Zähne groß und weiß wie bei einem Mohren. Kopf, Hals, Brust, Rücken, Arme und Beine: alles rabenschwarz von Ruß! Eine schöne Bescherung.

So kannst du nicht nach Hause gehen“, sagte Theo. „Komm mit in unser Zimmer. Dort schrubbe ich dich ab. Ulla, hole ein bisschen Scheuersand aus eurer Küche und, wenn möglich, einen Eimer heißes Wasser. Denn mit kaltem Wasser kriegen wir den Ruß nicht herunter. Und bring eine Wurzelbürste mit und Scheuerseife.“

Das Mädchen holte die gewünschten Dinge und stellte sie vor die Tür. Drin im Zimmer schrubbte Theo seinen neuen Freund ab. Er rieb ihm mit Seife, Sand und Bürste fast die Haut herunter, aber seine Mühe hatte Erfolg. Als Walter endlich wieder zu Ulla und Emil auf den Gang hinaustrat, glänzte er wie ein frischgeschältes Ei. Es war die höchste Zeit, dass er kam. Doktor Teufel kehrte aus der Stadt zurück. Die vier Kinder versteckten sich hinter einem Vorhang, der eine Nische neben der Tür verdeckte. Zeitlebens vergaßen sie nicht den Anblick, der sich ihnen bot.

Als der Doktor die Tür öffnete, wurde er von einer ganzen Armee Fliegen überfallen. Er drehte sich wie ein Kreisel und schlug unter lautem Wutgebrüll in die schwirrende, sausende, brummende Wolke hinein. Im Nu hatte er die Fliegenklappe erwischt. Diese Waffe in der Hand, hüpfte er wie ein Gummiball auf und ab und drosch blindlings auf Wand, Decke und Möbel los, ganz gleich, wohin er traf. Es krachte und klatschte – und dazwischen ertönte das Zorngeschrei der Fliegenarmee: „Sisisi – sasasa – sososo! – klock – klockock – sobbersobber – klock!“

Jetzt klirrte es. Scherben polterten zu Boden. Der Doktor hatte eine Vase zerschlagen. Er achtete nicht darauf. Mit einer Tischdecke, die er als Fliegenwedel benutzte, kam er aus dem Zimmer gestürmt und jagte die Brummer auf den Gang. Dann schloss er seine Tür und öffnete die Fenster.

Die vier Attentäter benutzten die günstige Gelegenheit, um zu verschwinden. Sie schlichen zu einem verborgenen Rasenplätzchen hin. Zwischen Büschen und Bäumen versteckt lag es in der Nähe des Bergfrieds. Dort legten sie sich lang auf den Rücken. Wenn sie sich ansahen, mussten sie von neuem lachen. Es dauerte eine ganze Weile, ehe sie sich beruhigten.

Der verschwundene Schatz

Der grüne Platz, auf dem sie lagerten, war sehr hübsch. Man konnte alles beobachten, was auf dem Burghof vorging, und wurde doch selbst nicht gesehen. Der Kleine lag auf dem Rasen, alle Viere von sich gestreckt, und stöhnte: „O Menschenskinder, ich bin schwerkrank!“

„Was fehlt dir denn?“

„Semmel und Kaffee. Die Faulheitskrankheit hab ich! Wenn ihr mir nichts zu essen bringt, verhungere ich.“

„Deine Krankheit kann geheilt werden“, sagte Ulla und lachte. „Ich will Mutter fragen, ob ich euch den Kaffee hier servieren darf.“

Walter richtete sich auf. Er wollte gehen. Aber Ulla hielt ihn zurück. „Dir wird wohl keine Perle aus der Krone fallen, wenn du eine Tasse Kaffee mit uns trinkst“, sagte sie. Da blieb er.

Nach einiger Zeit brachte Ulla einen großen Handkorb. Sie breitete eine bunte Decke auf den Rasen und stellte Tassen und Kannen darauf. Brötchen, Butter und ein großes Glas Honig hatte sie nicht vergessen. Den Honig stellte sie vor Emil hin, sie wusste, wie gern er ihn aß.

Der nahm sich einen großen Löffel voll. „Ich fühle mich schon besser“, sagte er. „Noch ’nen Löffel und ich bin gesund. Aaah – Faulheit ist ’ne wunderschöne Krankheit – und Honig die beste Medizin. Ich werde jetzt jeden Tag faulheitskrank sein, Ulla. Weißt du, Ulla, du bist überhaupt das netteste Mädel von der Welt.“

„Weil du Honig kriegst?“

„Nee, überhaupt! Du verstehst Spaß. Du nimmst nicht jede Kleinigkeit übel. Du kannst klettern und springen wie‘n Junge. Du heulst nicht bei jeder Kleinigkeit und bist nicht so eingebildet wie manche Mädel. Da wohnt bei uns in der Nachbarschaft eine, die heißt Isabella-Antoinette Maulkopf. Stellt euch das mal vor. Familienname: Maulkopf. Vorname: Isabella-Antoinette. Das passt zusammen – na, wie denn gleich? Wie Honigsemmeln mit Mostrich. ‚Kaulmops‘ sagen wir immer zu ihr. Wenn sie’s hört, sagt sie: ‚Ungebildeter Flegel!‘ Na ja, sie kann ja nichts dafür, dass sie so’n blödsinnigen Namen hat. Aber braucht sie so eingebildet zu sein? Braucht sie nicht. Soll sie mal mit uns Räuber und Fänger spielen, dann zieht die Kaulmops die Nase kraus wie’n Stück Rosenkohl und sagt ganz von oben herab: ‚Da lädiere ich mir doch meine Garderobe.‘ – Garderobe lädieren. Na, so ein Quatsch! Wir Jungen sagen da lieber: ‚Da zerrupf’ ich mir’s Gelumpe!‘ und das versteht jeder. Die Kaulmops trägt immer eine Kette aus lauter großen falschen Perlen um den Hals. Mal ging das Ding verloren. Na, das Theater, das sie gemacht hat! ‚Ich hab’ mein Collier verloren!‘ hat sie gewinselt. ‚Mein Collier ist weg!‘ Und die Mutter hat aus dem Fenster gerufen: ‚Helft doch meiner Isabella-Antoinette das Collier suchen!‘ Na schließlich hab’ ich das Ding im Gras gefunden. Ich hab’s hinter dem Rücken versteckt und bin auf den Kaulmops zugegangen und hab gesagt: ‚Ich hab’s gefunden, aber ich geb’ dir’s erst wieder, wenn du dreimal bellst, denn du bist’n Wauwau.‘

‚Frechheit‘, hat sie gesagt, ‚wieso Wauwau?‘

‚Nu klar‘, hab ich geantwortet, ‚weil du ein Hundehalsband trägst.‘

‚Hundehalsband, du Flegel? Ich trage ein Collier!‘

‚Gerade deshalb‘, habe ich gesagt. ‚Collier heißt auch Hundehalsband. Das hat unser Französischlehrer gesagt. Und wenn du nicht dreimal bellst, kriegst du’s nicht wieder. Ich trage das Ding aufs Fundbüro, und dort kannst du dir’s abholen.‘

Und sie hat nicht bellen wollen und hat sich geziert und schön getan und gebettelt, aber ich bin hart geblieben wie’n Osterei. Und schließlich hat sie gebellt, und ich hab ihr die Kette wiedergegeben. Aber sie konnte nicht mal richtig bellen. ‚Wiep-wiep-wiep‘, hat sie gekräht wie eine Henne, die den Husten hat. Und seitdem schneidet mich der Kaulmops. Ich wäre kein Kavalier, sagt sie. Aber ich mache mir nichts draus.“

Die drei Großen lachten über Spaßmacher Emils ulkige Geschichte. Dann überlegten sie sich, wie sie sich weiter die Zeit vertreiben könnten. Theo schlug vor: „Wie wär‘s, wenn wir uns abwechselnd was vorlesen würden? Ich hab ‘ne spannende Seeräubergeschichte in meinem Koffer. Nein, da ist sie nicht mehr. Die hab ich gestern im Rittersaal liegen lassen. Ich hole sie.“

Als er wiederkam, das Buch unterm Arm, merkten ihm die anderen an, dass er etwas Besonderes erlebt hatte. „Leute, ich hab was entdeckt“, sagte er.

„Doch nicht den Schatz?“

„Ja, aber er ist weg. Nun hört mal zu. Im Rittersaal fiel mir ein Bild auf, das gestern nicht dort gehangen hatte. Es war ein Ölbild von irgend einem alten Grafen. Das hing an der Wand, in die Emil gestern das Loch gestoßen hatte. Ich nehme das Gemälde weg, und was entdecke ich dahinter? Ein Loch. Aber es war nicht das Loch, das wir zugegipst hatten, sondern an derselben Stelle eine rechteckige Öffnung: dreißig Zentimeter breit, zehn Zentimeter hoch und zwanzig Zentimeter tief. Darin hat irgend etwas gesteckt, vielleicht eine eiserne Kassette. Ich könnte mich schwarz ärgern. Gestern fühle ich in der Öffnung etwas Hartes und rede dummes Zeug von eisernen Trägern, denke aber nicht an den Schatz. Aber auch von euch war keiner so schlau. Nun ist der Doktor zuvorgekommen.“

„Der Doktor? Meinst du?“

„Wer denn sonst?“

Walter Lanzenberger nickte bedächtig. „Wird stimmen. Der weiß alles über den Schatz. Der hat in seinem Zimmer alle alten Geschichtsbücher und Chroniken. Hab‘s gestern gesehen.“

Theo sagte: „Jetzt weiß ich, warum er nachts mit der Messkette herumlief. Nach dem Schatz hat er gesucht in der Nacht, damit ihn niemand sah. Nun ist alles futsch.“

Walter schüttelte den großen Kopf. „Wieso futsch? Einfach sein Zimmer durchsuchen!“

„Dürfen wir denn das?“

„Nee. Aber wir wollen ja von dem Schatz nichts wegnehmen, bloß feststellen, ob er da ist. Der Schatz gehört dem Besitzer der Burg, nicht dem Doktor. Der Doktor kriegt nur den Finderlohn. Wenn niemand mitgeht, tu ich’s allein.“

Da sagte Theo: „Ich begleite dich, Walter.“

„Wann?“

„Morgen Mittag, wenn er im Goldnen Löwen sitzt. – Pst, da kommt der Doktor!“

Sie verhielten sich mäuschenstill. Der Doktor wanderte dicht an ihrem Versteckplatz vorbei, ohne die Lauscher zu bemerken. In der Hand hielt er eine bräunlich gefärbte Papierrolle, die er eifrig studierte.

„Es ist ein altes Pergament“, flüsterte Ulla.

Jetzt blieb der Doktor vor den Sträuchern stehen, die den Rasenplatz umsäumten. Walter kroch lautlos durchs Gebüsch. Er sah, wie der Doktor die Lage der Gebäude und Türme mit dem Pergament verglich, auf dem eine Zeichnung zu sein schien. Und dann hörte der Junge den Doktor verdrießlich murmeln: „Was nützt das alles? Den Gang kenne ich längst. Gerade die Hauptsache fehlt. Scheußlich!“

Walter kroch zu den anderen zurück. „Er sucht noch“, sagte er, „also hat er den Schatz noch nicht. Morgen sehen wir uns mal die Pergamentrolle an. Will wissen, was draufsteht. Aber Schnabel halten – sonst –“

„Ja, ja“, sagte der Kleine, „ich schweige – wie denn gleich? – wie’n taubstummer Karpfen.“

Das alte Pergament

Am nächsten Tag in der Mittagsstunde kletterten Walter und Theo durch den Schornstein in Doktor Teufels Zimmer. Um sich die Anzüge nicht durch Rußflecken zu verderben, trugen sie nur eine Badehose. Außerdem hatten sie über die Hände alte Handschuhe gezogen und über die Füße Socken. Die wollten sie ausziehen, bevor sie das Zimmer betraten, damit keine Rußspuren zurückblieben. Die waghalsige Kletterpartie verlief ohne Unfall. Glücklich kamen sie unten an.

Dort standen Schreibtisch, Bett, Büchergestell, und in der Ecke lag ein verschlossener polierter Kasten. Darin konnte der Schatz nicht gesteckt haben. Dafür war der Kasten viel zu modern gearbeitet und, mit der Mauerlücke im Rittersaal verglichen, viel zu groß. Eifrig forschten die Jungen nach dem Pergament. Sie sahen auf dem Schreibtisch nach und durchstöberten die alten Schweinslederbände. Vergebens! Dann krochen sie suchend in allen Winkeln herum. Schon hatten sie beinahe die Hoffnung aufgegeben, da guckte Theo zufällig in den Kamin hinein und sah in der rechten Ecke einen niedrigen Eisenkasten stehen. An ihm hingen noch die Reste des Mauerkalks. Kein Zweifel: vor ihnen stand die verschwundene Kassette aus dem Rittersaal. Neugierig hoben sie den Deckel.

Leer!

Verblüfft schauten die Jungen einander an. Walter behauptete: „Ist kein Schatz drin gewesen. Nur das Pergament. Weitersuchen!“

Als Theo unter das Bett kroch, riss er dabei aus Versehen eine Hausjoppe herunter, die über dem Pfosten gehangen hatte. Etwas Langes, Rundes fiel heraus und kollerte knisternd über den Boden: das Pergament! Er rollte es auseinander. Das vergilbte Blatt war mit verschnörkelten Schriftzeichen bedeckt. Die untersten Zeilen waren verwischt, durch braune Stockflecken unkenntlich geworden und bis auf einige Wörter überhaupt nicht zu entziffern.

Den oberen Teil des Blattes nahm eine Zeichnung ein. Sie stellte in kunstlosen Linien den Grundriss der Burg dar. Deutlich unterschied man den Zwinger, den äußeren und inneren Burghof. Dieser kleine Kreis im inneren Burghof bedeutete den Brunnen, dieser große den Bergfried. Einige Rechtecke deuteten Kemenate, Rittersaal und andere Gebäude an. Jenes Viereck sollte wohl den alten Wein- und Bierkeller darstellen. Eng nebeneinander liegende Striche bezeichneten die Kellerstufen. Neben der siebenten Stufe sah man in verblasster Farbe ein Sternchen.

„Die Botschaft ist in lateinischer Sprache niedergeschrieben“, stellte Theo fest.

Walter sagte: „Los, übersetzen! Kannst doch Latein!“

„Nur ein bisschen. Und das hier ist Mönchslatein. Da gibt es merkwürdige Zusammenziehungen und Abkürzungen. Die verstehe ich überhaupt nicht. Aber ich will’s versuchen. Pass auf, das erste Wort heißt ‚descende!‘ Das bedeutet: ‚Steig hinab!‘ – und nun …“

„Still!“, rief Walter. „Ich höre was. Es kommt jemand. Es ist der Doktor. Er rasselt schon mit den Schlüsseln. Fort! Socken und Handschuhe mitnehmen! Das Pergament halte ich mit den Zähnen fest. Los!“

Sie kletterten ein Stück im Schornstein hinauf. Dann mussten sie einhalten. Der Doktor stand bereits im Zimmer. Wenn sie weiterkletterten, hätte er das Scharren der Füße und den niederrieselnden Ruß gehört. Den Rücken gegen die eine Schornsteinwand gestemmt, die Füße gegen die andere, verharrten sie regungslos in dieser unbequemen Lage und wagten kaum zu atmen. Der Doktor redete nach seiner Gewohnheit laut vor sich hin, wie es manche Leute tun, die viel allein sind. „Mal sehen, ob ich mit chemischen Mitteln die verblasste Schrift sichtbar machen kann“, sagte er.

Die Jungen hörten ihn rumoren. Offenbar machte er sich am Schreibtisch zu schaffen. „Hier ist das Pergament nicht!“, schimpfte er. „Zum Kuckuck, wo habe ich’s bloß hingelegt! – Ah – jetzt weiß ich’s, es steckt noch in der Joppe.“

Einige Schritte zum Bett hin. Wieder ein zorniger Ausruf: „Hier auch nicht! Wo kann es denn stecken?“

Man hörte ihn hin und her tappen, Stühle rücken, ächzend niederknien und schimpfen. Den Jungen im Kamin wurde schwül. Lange konnten sie sich nicht mehr halten. Die Knie zitterten. In Strömen lief ihnen der Schweiß vom Leibe.

Nun hockte sich der Alte gar am Kamin nieder und schaute hinein. Deutlich sahen sie seinen Kopf. Wenn er jetzt zufällig nach oben blickte … Wenn einer von ihnen husten musste …

Aber der Doktor nahm nur den eisernen Kasten heraus. Wie gut, dass sie ihn vorhin gleich wieder an den richtigen Platz gestellt hatten, sonst hätte der Mann bestimmt Verdacht geschöpft.

Der Doktor warf den Kassettendeckel zu, dass es krachte, und schrie wütend: „Hier auch nicht! Vielleicht hab ich’s auf dem Burghof verloren. Schleunigst suchen, ehe es die verdammten Bengel erwischen!“

Die „verdammten Bengel“ waren heilfroh über diese Wendung der Dinge. Doktor Teufel rannte hinaus, schmiss die Tür zu und vergaß in der Eile, den Schlüssel herumzudrehen. Walter und Theo warteten, bis der Doktor fort war. Dann kletterten sie schnell hinunter und huschten durch die Tür hinüber in ihr Zimmer. Dort wartete Emil schon mit einem Krug voll heißem Wasser auf sie. „Hat’s geklappt?“, fragte er.

„Beinahe erwischt worden“, sagte Theo, „aber das Pergament haben wir.“

Walter ließ die zwischen den Zähnen eingeklemmte Rolle auf den Tisch fallen. Der Kleine schrubbte die beiden sauber. Die Tür wurde verriegelt. Dann saßen sie zu dritt vor dem Schriftstück, das sie auf den Tisch ausgebreitet hatten.

Theo kratzte sich verlegen hinter den Ohren. „Das ist elend schwer zu übersetzen“, sagte er. „Ich weiß nicht, was ‚specus‘ heißt.“

Aber Emil hatte sein Lateinlexikon im Koffer. Er legte den dicken Wälzer auf den Tisch und schlug nach, „Da steht’s“, sagte er, „specus heißt Höhle, Gang, Kanal, Stollen, Wasserleitung, Tiefe. Bitte, bedienen Sie sich, meine Herrschaften, Eine Bedeutung wird wohl passen.“

Theo schrieb die geheimnisvolle lateinische Inschrift in sein Notizbuch. Sie lautete:

„Descende in cellam vinarium ad gradum septimum. Quaere stellam, preme lapidem, descende in specum. Thesaurus … iuxta fenestram … duos pedes … ad septentriones …“

Die ersten beiden Zeilen übersetzte Theo folgendermaßen:

„Steige hinab in den Weinkeller bis zur siebenten Stufe. Suche den Stern, drücke den Stein, steige in die Tiefe.“ Die Wörter auf den nächsten, fast unleserlichen Zeilen bedeuteten:

Die Jungen am Tisch mit dem Pergament

„Der Schatz … neben dem Fenster … zwei Fuß … nach Norden …“

Emil sagte: „Ich glaube, wir können ‚specus‘ mit ‚unterirdischer Gang‘ übersetzen. Von einem unterirdischen Gang hat ja auch der Doktor gesprochen.“

„Stimmt“, meinte Theo, „aber es bleibt trotzdem zu vieles unklar. Was soll das heißen: ‚Suche den Stern!?‘ – Ist ein Sternbild am Himmel gemeint, das die Richtung angibt? Da können wir lange suchen. Dann soll auf einen Stein gedrückt werden. Auf welchen Stein? Der Schatz soll irgendwo liegen – neben einem Fenster – zwei Fuß weit von einem Punkte entfernt – nach Norden zu. Aber in unterirdischen Gängen gibt’s doch gar keine Fenster. Also da soll der Teufel draus klug werden!“

„Nur keine Aufregung!“, rief Emil. „Doktor Teufel weiß auch nicht mehr als wir, sonst hätte er nicht gesagt: ‚Was nützt mir das alles? Den Gang kenne ich längst. Gerade die Hauptsache fehlt. Scheußlich!‘ – Und die fehlende Hauptsache: das sind eben die beiden unvollständigen Zeilen.“

Die Jungen wären am liebsten sofort nach dem alten Keller gelaufen, um nach Stern und Stein zu forschen. Aber sie konnten es jetzt nicht wagen. Unermüdlich durchsuchte der Doktor alle Ecken und Winkel nach dem verschwundenen Pergament. Walter hielt es für geraten, dem Doktor das Schriftstück wieder in die Hände zu spielen. Er legte die Rolle im Schatten eines Steines nahe beim Burgbrunnen nieder. Vom Fenster aus sahen sie, wie der Doktor das Pergament fand. Verwundert schüttelte er den Kopf. Die Sache kam ihm wohl nicht ganz geheuer vor. Aber nun verschwand er endlich in seinem Zimmer und ließ sich nicht mehr sehen.

Die Burg hatte lauschige Plätze, wo man unter Bäumen im Freien saß, mit weitem Blick in die Ferne. Zu den schönsten Plätzen gehörten die alten Basteien. Das waren niedrige Türme ohne Dach, nur halb so hoch wie die anderen. Erst am Ende der Ritterzeit hatte man sie errichtet. Wie runde Balkone ragten sie aus der Mauerlinie hervor. Auf der offenen Plattform konnten Kanonen und Büchsenschützen aufgestellt werden. Rings um jede Bastei herum lief eine steinerne Brustwehr mit Schießscharten. Der alte Festungsbaumeister hatte vier von den sechs Basteien an die vier Ecken der Umwallung gesetzt. Da gab es eine Nord-, Süd-, Ost- und Westbastei und außerdem zwei Zwischenbasteien.

Da der Doktor auf der Burg blieb, konnten die Kinder heute nichts unternehmen. Ulla führte die Jungen zur Westbastei hinüber. Auf halbzerfallenen Stufen stiegen sie aufwärts und betraten das Halbrund der Plattform. In der Mitte stand ein dichtbelaubter Baum, darunter eine Bank.

Von der Westbastei aus hatte man eine wunderbare Aussicht auf die Gegend. Tief unten lagen die Häuser und Gassen der Stadt Feuerburg. Puppenklein gingen die Menschen auf den Straßen hin und her. Weiter draußen zogen sich die weißen Bänder der Landstraßen dahin. Die alte Höhenstraße mit ihren Baumreihen zeichnete sich scharf gegen den Himmel ab. Schon in grauen Zeiten waren dort die Kaufleute mit ihren Waren nord- und südwärts gezogen. Silbern glänzte aus dem Tal das Flüsschen herauf. Gemächlich drehte bei der alten Mühle das Wasserrad. Man sah den glitzernden Bogen des niederstürzenden Wassers. Wenn der Wind günstig stand, glaubte man, sein Rauschen und Brausen zu hören. Ein davonfahrender Eisenbahnzug zog seine lange Rauchfahne über den Bahndamm dahin. Noch lange lag der weiße Streifen über der Gegend, während der Zug, winzig wie eine Kindereisenbahn, schon in den Wäldern verschwunden war.

Mit aufgestützten Ellenbogen auf die Brüstung gelehnt, genossen die Kinder noch lange das schöne Bild. Dann setzten sie sich auf die Bank und plauderten von dem Pergament und dem Schatz. Hier waren sie vor Lauschern sicher. Die Jungen wollten so bald wie möglich den unterirdischen Gang durchsuchen. Ulla hatte mancherlei Einwände.

„Ihr stellt euch die Sache zu einfach vor“, sagte sie. „Solche Gänge sind baufällig. Die Luft ist dick und schlecht. Ihr könnt verschüttet werden oder ersticken. Ich habe in einem Buche gelesen, dass manche Fluchtgänge mit heimtückisch angelegten Hindernissen versehen sind, um nachdringende Feinde aufzuhalten. Da gibt es Fallgruben mit spitzen Pfählen in der Tiefe und Wasserlöcher, deren dünne Decke unter den Tritten zusammenbricht. Wer nicht aufpasst, stürzt ab, wird aufgespießt oder ertrinkt. An manchen Stellen sind die Gänge so niedrig gebaut – natürlich mit Absicht –, dass man nur auf dem Bauche durchkriechen kann. Dazu das Wasser, das von der Decke tropft, und der Schlamm. Lasst es lieber bleiben!“

Aber die Jungen ließen sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen.

Da sagte Ulla: „Ich gehe auf keinen Fall mit, aber nicht, weil ich zu feig bin, sondern aus einem anderen Grunde. Verunglücken wir nämlich alle vier da unten, so weiß kein Mensch, wo wir geblieben sind. Nicht wahr, Emil, du bleibst bei mir? Wenn die Großen Pech haben, kommen wir ihnen zu Hilfe.“

Dem Kleinen war es im Grunde recht. Übermäßige Anstrengung liebte er ohnehin nicht. Er war ein bisschen bequem und faul. Emil zog einen Flunsch, spielte ehrenhalber ein wenig die gekränkte Leberwurst, aber es war ihm nicht ernst damit. – Nun überlegten die Jungen, was sie auf die Fahrt mitnehmen sollten.

„Licht ist am nötigsten“, sagte Ulla. „Habt ihr eine Taschenlampe?“

„Ja“, antwortete Theo, „aber ich nehme außerdem ein paar Kerzen mit für den Fall, dass die Batterie verbraucht ist.“

„Gut! Ferner braucht ihr eine lange Schnur zum Abrollen, wenn die Gänge sich verzweigen. Ihr findet euch sonst nicht wieder zurück.“

„Die Schnur kaufen wir uns“, sagte der Große. „Ich hab noch genug Geld in der Reisekasse.“ Er notierte in seinem Taschenkalender: Kerzen, Bindfaden, Streichhölzer und Heftpflaster.

„Müssen eine Waffe haben“, behauptete Walter. Theo wollte das nicht einsehen. „Wozu denn eine Waffe? In dem Gang gibt’s doch bestimmt keine Menschen.“

„Weiß man nicht“, behauptete Walter. „Doktor Teufel kennt den Gang, vielleicht auch andere. Wird keine Waffe mitgenommen, bleib ich bei Muttern.“

Dickköpfig bestand Walter auf seinem Wunsch.

Ulla überlegte hin und her. Schließlich sagte sie: „Nehmt doch den kleinen Eisenknüppel aus dem Rittersaal mit, der sich in die Tasche stecken lässt. Wer damit eins versetzt kriegt, hat genug.“

Walter gab nickend sein Einverständnis kund.

„Eine starke Leine braucht ihr ebenfalls, damit ihr euch anseilen könnt“, fuhr Ulla fort. „Ich werde euch das Dachdeckerseil verschaffen, das auf dem Uhrboden liegt.“

Die Jungen kletterten auf dem Schleichweg in die Stadt hinunter, um einzukaufen. Ulla besorgte alles andere. Dann trafen sie sich auf der Westbastei. Neben der Basteitreppe war ein viereckiges Loch, wahrscheinlich eine alte Pulverkammer für das Basteigeschütz. Sie versteckten alles in dem dunklen Kämmerchen und wälzten einen Stein davor. Über ihren Vorbereitungen hatten die Kinder ganz und gar vergessen, auf das Datum des heutigen Tages zu achten. Wenn die Sage recht hatte, ging nach Mitternacht die Gräfin Klarissa als Gespenst in der Burg um.

Ein geheimnisvolles Licht

Der Nachtwächter der kleinen Stadt Feuerburg hatte in dieser Nacht ein merkwürdiges Erlebnis. Zwischen zwölf und ein Uhr nachts machte er die Runde unterhalb der Burg auf dem Grabenweg. Von da aus überschaute er Stadt und Umgebung nach aufgehenden Feuern. Die Nacht war sternenlos und finster, der Himmel von Wolken bedeckt. Er sah nichts Verdächtiges.

Aber als er hinauf nach der Burg schaute, erblickte er etwas Seltsames. Über dem Bergfried stand ein leuchtender Schein. Deutlich hob er sich vom schwarzen Himmel ab. War es ein Feuer? Etwa gar eine Gespenstererscheinung? Heute sollte ja die Gräfin Klarissa als Gespenst umgehen, wie die Sage behauptete. Unsinn, dachte er, Gespenster gibt es nicht. Also kann es nur ein aufgehendes Feuer sein.

Der brave Wächter kannte seine Pflicht. Er hob das große, schwere Feuerhorn zum Mund und blies hinein.

„Tut-tut-tut!“, dröhnte es über die stille Stadt hin.

Dann setzte er das Horn ab und rief: „Feuer! ’s ist Feuer auf der Burg!“

Abwechselnd blasend und rufend rannte er die Gassen entlang und zum Marktplatz hinunter. In der Postschänke brannte noch ein letztes Licht. Dicht vor dem erleuchteten Fenster ließ er sein Horn ertönen: „Tut-tut-tut! ’s ist Feuer auf der Burg!“

Das Gespenst über der Burg

Wie aus der Pistole geschossen, kamen die letzten drei Gäste zur Tür heraus: der Bürgermeister, der Arzt und der Apotheker. Sie hatten hier eine wichtige Besprechung gehabt.

Der Bürgermeister rief: „Zum Donnerwetter noch mal, Wächter, was machen Sie denn für ein Höllenspektakel? Wo brennt’s denn?“

„Auf der Burg!“, meldete dieser.

Die drei Männer schauten hinauf.

„Nee, mein Lieber“, sagte der Bürgermeister, „Feuer sieht anders aus. Das würde seine Form verändern, größer oder kleiner werden und flackern und zucken. Der Lichtschein da oben aber bleibt ganz gleich. Vielleicht ist es eine elektrische Erscheinung, St. Elmsfeuer oder etwas Ähnliches, wie man es auf den Mastspitzen der Schiffe sieht.“

Der Wächter entgegnete: „Ich habe ja nie an so etwas geglaubt, aber sonderbar ist es doch: gerade heute Nacht soll die Gräfin spuken.“

„Hören Sie auf mit dem Blödsinn!“, rief der Bürgermeister. „Die ganze Stadt haben Sie mir schon rebellisch gemacht. Da kommt schon die Feuerwehr.“

Zwei Männer waren zum Spritzenhaus gerannt und hatten es aufgeschlossen, um die Spritze herauszuziehen. „Geht wieder ins Bett“, befahl der Bürgermeister, „es ist kein Feuer, es ist was anderes. Aber einer von euch kann mir mal den Gendarm Lanzenberger holen.“

Hinter den Fenstern zuckte der Schein von Streichhölzern auf. Lampen wurden angezündet. Die Neugierigen schauten aus den Fenstern heraus oder stellten sich vor die Haustüren. Jeder wollte wissen, warum der Wächter das Feuerhorn geblasen hatte. Mit Windeseile lief die Nachricht von Haus zu Haus: „Es spukt auf der Burg. Über dem Bergfried schwebt ein Gespenst.“

Niemand wollte sich diesen Anblick entgehen lassen. In Scharen strömten die Neugierigen zur Burg hinauf. Fast die ganze Stadt war auf den Beinen. Die Kastellansleute hatten so fest geschlafen, dass sie von dem Feuerlärm nichts hörten. Da wurden sie plötzlich durch das gellende Läuten der Torglocke aufgeschreckt. Der Kastellan eilte mit der Laterne zum Tor und öffnete die Pforte. Dort standen die drei Gäste aus der Postschenke, bei ihnen der Gendarm Lanzenberger, Walters Vater.

Der Bürgermeister sagte: „Auf dem Bergfried ist irgend ein leuchtender Popanz angebracht worden. Wir müssen ihn herunterholen, damit die Leute wieder in ihre Betten kommen.“

„Was für ein Popanz?“

„Na, schauen Sie nur mal hin.“

Mit Erstaunen bemerkte der Kastellan die merkwürdige Lichterscheinung über dem Turm. „Davon hatte ich keine Ahnung“, sagte er. „Was soll denn das bedeuten?“

„Das möchten wir von Ihnen erfahren“, entgegnete der Bürgermeister. „Sie müssen ja schließlich wissen, was auf der Burg vorgeht.“

Der Kastellan zuckte die Achseln. „Ich bin ebenso überrascht wie Sie.“

Während die vier Männer eintraten, schlüpfte Walter Lanzenberger unbemerkt mit herein. Er rannte nach der Kemenate zu seinen Freunden.

Die Männer wollten den Bergfried besteigen, um festzustellen, was da oben los wäre. „Davon muss ich abraten“, sagte der Kastellan. „Der Turm ist so baufällig, dass er jeden Augenblick zusammenstürzen kann.“

Der Gendarm wandte ein: „Der Mann, der da oben die Gespenstervorstellung gibt, ist doch auch hinaufgestiegen. Er kann doch nicht durch die Luft geflogen sein.“

„Ich weiß es nicht“, sagte Kastellan Schaffer. „Es ist auf alle Fälle besser, Sie warten bis zum Morgen und lassen die große Schiebeleiter der Feuerwehr heraufbringen. Die reicht bis zum obersten Zinnenkranz. Unsere eigene Leiter ist zu kurz. Mit ihr kommen wir nur bis zum oberen Eingang des Bergfrieds. Von da bis zur Plattform müssten Sie die baufällige Wendeltreppe benutzen. Die bricht bestimmt unter Ihnen zusammen.“

Walter schlich sich mit seinem Freunde Theo in die Nähe der Männer, um etwas von ihrer Unterhaltung aufzuschnappen. Auch Ulla hatte sich eingefunden. Die Kinder hielten sich im Dunkeln. Jetzt wurden sie zufällig von den Strahlen der Laterne getroffen.

„Kommt mal her“, rief Kastellan Schaffer. „Der Popanz da oben ist wohl euer Werk?“

„Ausgeschlossen“, sagte Theo, „solchen Blödsinn machen wir nicht.“

Der Gendarm winkte seinen Jungen heran. „Sag mal, du Schwede, bist du das gewesen?“

Walter schüttelte seinen großen Kopf. „Nee, Vater! Nicht gewesen!“

Leise sagte der Gendarm zu Herrn Schaffer: „Er war es nicht. Walter ist zwar ein großes ‚Räbchen‘, das viele dumme Streiche macht, aber er schwindelt nicht. Hat er etwas ausgefressen, dann steht er für seine Heldentaten ein. Es müssen andere Leute in Frage kommen. Außer Ihnen wohnt nur der Doktor Teufel auf der Burg? Ein sonderbarer Herr, was?“

„Ja, ein sehr merkwürdiger Herr, aber man kann ihm nichts Schlechtes nachsagen.“

„Wo ist denn sein Zimmer?“

„Dort.“

Sie blickten zu dem erleuchteten Fenster der Kemenate empor. Auf dem zugezogenen Vorhang erkannte man deutlich den Schatten eines Kopfes. Augenscheinlich saß der Doktor an seinem Schreibtisch.

„Eigenartig“, sagte der Gendarm, „warum nimmt er keinerlei Notiz von den Vorgängen auf der Burg? Ob er am Schreibtisch eingeschlafen ist? – Walter, hole mal den Doktor herunter. Sag ihm, ich hätte eine Frage an ihn zu richten.“

Walter rannte wie ein Wiesel los, kehrte aber ohne ihn zurück. „Ich klopfte an seine Tür“, berichtete er, „aber er antwortete nicht. Nun drückte ich die Klinke nieder. Da sagte er: ‚Lassen Sie mich in Ruhe, ich habe zu arbeiten.‘“

„Da haben Sie es!“, schmunzelte der Kastellan. „Wenn er nicht will, will er nicht.“

Die Männer betrachteten jetzt wieder die Lichterscheinung. Wegen der großen Höhe des Turmes konnten sie nichts Genaues erkennen. Man sah nur so viel: Von einem runden, leuchtenden Kopf gingen zarte Bänder und Streifen aus. Sie schimmerten grün wie Phosphor, wechselten unaufhörlich ihre Lage und stiegen und fielen geräuschlos mit jedem Luftzug. Die Bänder und Streifen flatterten wie ein vielfach zerschlitztes, langes Gewand.

Der Kastellan schlug den Herren vor, den Uhrturm zu besteigen. Von seiner Höhe aus konnte man die Erscheinung besser übersehen. Sie stiegen die stockdunkle Treppe zum Uhrturm empor. Die Sturmlaterne des Kastellans und die Taschenlampe des Gendarms gaben notdürftiges Licht. In flachen Schneckenlinien wand sich die Wendeltreppe um den runden Mittelpfeiler herum, nur selten von einem Treppenabsatz unterbrochen, auf dem man verschnaufen konnte. Hier und da war ein winziges Fenster angebracht. Dem dicken Apotheker ward das Steigen sauer. Er schwitzte vor Anstrengung.

„Wir sind bald oben“, tröstete der Kastellan. „Hier sehen Sie schon die Uhrgewichte.“

Er deutete auf zwei zentnerschwere Steine, die an dicken Seilen hingen. Nun kam das dumpfe Schlagen des riesigen Pendels immer näher. Noch ein paar Stufen, und über ihren Köpfen schwang die eiserne Pendelscheibe, groß wie ein Wagenrad. An einer drei Meter langen Eisenstange wanderte sie mit unheimlicher Langsamkeit hin und her, wie ein verwunschener Geist, der aus dem Dunkel auftaucht, einen Augenblick vom Licht getroffen wird und wieder zurück muss ins Dunkel.

Bald darauf gingen sie an einem großen Kasten vorüber, der mit Glasscheiben abgedeckt war. Geheimnisvoll drehten sich darin die Räder des Uhrwerks.

„Erschrecken Sie nicht, meine Herren“, sagte der Kastellan.

Aus dem Kasten erklang der scharfe Krach des Räderwerks, das zum Schlage ansetzte. Die Schlagwerksrolle begann zu rollen, ihre propellerartigen Flügel schnurrten geschwind um die Achse herum. Krachend schlug der schwere Schlagwerkshebel viermal nach unten und zog jedes Mal einen verrosteten Draht ein Stück herunter. Der Draht führte durch ein Loch im Gebälk bis zur kleinsten Glocke unterm Dachreiter empor. Viermal rasselte und knirschte der Draht. Viermal schlug unterm Dach der Hammer gegen die kleine Glocke und verkündete, dass vier Viertelstunden zu Ende waren. Dann knirschten die beiden Drähte je einmal, die die Hämmer der mittleren und großen Glocke zogen. Ein heller und ein dunkler Glockenton meldeten den Schluss der ersten Stunde nach Mitternacht. Die Geisterstunde war zu Ende. Vom Lichtschein der Laternen aufgeschreckt, flatterten die Fledermäuse aus den Turmluken.

Die Herren hatten nun den Raum unterm Dach erreicht. Durch eine Luke schauten sie zum Bergfried hinüber. Vom Uhrturm aus konnte man die Erscheinung zwar etwas deutlicher sehen, aber immer noch nicht genau genug. Am Kopfe schienen dunkle Flecken zu sein, die Augen und Mund andeuteten. Für das „Gespenst“ galt offenbar die Geisterstunde nicht. Nach wie vor schwebte es in kleinen Kreisen über dem Turm und zog, wie ein seltsamer Komet, einen flatternden Schweif leuchtender Kleiderfetzen hinter sich her.

Der Gendarm sagte: „Ich werde einen blinden Schuss abgeben, um den Kerl zu erschrecken, der dort oben hinter der Zinne sitzt und sich einen Jux mit uns macht. Möglich, dass er Angst bekommt und den Popanz verschwinden lässt. Dann wissen wir, woran wir sind.“

Er entnahm seiner Patronentasche eine dicke Kugelpatrone und zog das Bleigeschoss aus der Patronenhülse heraus, so dass nur Zündhütchen und Pulverladung in der Patrone blieben. Dann wurde das doppelläufige Gewehr geladen. Er hob es an die Backe, schob es durch die Turmluke und schoss. Dumpf dröhnte der Schuss durch die Nacht. Pulverschwaden erfüllten die Turmstube mit beißendem Geruch.

„Ah!“, riefen die Menschen unten vor der Burgmauer. „Aha, jetzt wird das Gespenst erschossen!“

Aber das „Gespenst“ tat, als ob nichts geschehen wäre. Nach wie vor schwebte es wie eine grünleuchtende Wolke über dem Bergfried.

Der Gendarm schüttelte den Kopf. Dann sagte er: „Es geht mir zwar selbst über das Bohnenlied, aber ich glaube nicht an Gespenster. Einmal sah ich in einer schwülen Julinacht einen Lichtschein im Walde und ging darauf zu, denn ich dachte, es wäre das Lagerfeuer einer Zigeunerbande. Aber was entdeckte ich? Mitten auf einer feuchten Waldwiese schwebte eine blaue Flamme. Mannshoch war sie und begann erst eine Handbreit über dem Boden. Sie hatte also keine Verbindung mit der Erde. Die Flamme flackerte und knisterte nicht, sie schwankte nicht im Winde. Unheimlich ruhig stand das blaue Feuer da wie eine Geistererscheinung. Ich muss sagen, dass mir etwas unbehaglich war, als ich im einsamen Walde der blauen Geisterflamme gegenüberstand. Und doch handelte es sich nur um eine Zusammenballung unbekannter, wahrscheinlich elektrischer Kräfte, die man ‚Irrlicht‘ nennt. Kleine Irrlichter habe ich oft gesehen, und zwar über Mooren und Sumpfwiesen. Sie tauchen bald hier, bald da auf und entstehen wohl aus den Gasen faulender Stoffe. Immer habe ich eine Erklärung für das anscheinend Unerklärliche gefunden, und so wird es auch hier sein. Ich werde jetzt den Bergfried besteigen und der Sache auf den Grund gehen.“

„Sie setzen ihr Leben aufs Spiel“, warnte der Kastellan.

„Das kann mich nicht abhalten, meine Pflicht zu tun. Wenn ich bewaffnete Einbrecher festnehme, darf ich auch nicht darnach fragen, ob es lebensgefährlich ist.“

Die Männer verließen den Uhrturm. Die große Leiter wurde herbeigeschleppt, auf der die Maurer manchmal Ausbesserungsarbeiten ausführten. Kräftig packten die Jungen mit zu, als es galt, die schwere Leiter aufzurichten und an den Burgfried zu lehnen.

Die Taschenlampe in der Hand und das Gewehr umgehängt, stieg Gendarm Lanzenberger die Leiter empor bis zum oberen Turmeingang. Die Untenstehenden sahen, wie er die Tür ableuchtete. Wie ein Flämmchen huschte der Lichtschein der Lampe über die Mauer. Jetzt verschwand das Flämmchen. Der Gendarm hatte sich hinüber in den Eingang geschwungen.

Er betrat die finstere Turmstube. In vergangenen Zeiten hatte sie den Rittern als letzte Zuflucht gedient. Kleine Schießlöcher und Gießöffnungen für Pech waren in der Mauer, aber überall klafften auch tiefe Risse und Sprünge. Eine Wendeltreppe führte zur Plattform empor. Wer sie erreichte, musste dort die Lösung des Rätsels finden. Aber die Stufen waren geborsten. Manche hingen, halb aus der Mauer gelöst, schief auf ihrer Unterlage. Bei jedem Schritt bröckelte und knisterte es. Kalkstaub rieselte auf Kopf und Nacken. Vorsichtig stieg der Gendarm aufwärts. Bald musste er am Ziele sein.

Am Fuße des Turms standen die anderen und bangten, ob das Wagstück gelingen werde. Es schien alles gut zu gehen.

Da erscholl plötzlich oben im Turm lautes Poltern. Aus der Tür flogen Steine heraus und sausten wuchtig zu Boden. Ein Glück, dass niemand getroffen wurde! Staub und Steinsplitter rieselten nach. Walter Lanzenberger zögerte nicht einen Augenblick.

Mit einem Satz war er auf der Leiter, kletterte wie eine Katze empor und verschwand oben in der Öffnung. Einige Sekunden verstrichen. Man machte sich schon auf Schlimmes gefasst. Da erschien Vater und Sohn in der Tür, beide anscheinend unverletzt. „Es ist nichts passiert!“, rief der Gendarm herunter. „Nur mein rechter Fuß hat etwas abgekriegt. Ein Stein ist draufgefallen. Wird nicht so arg sein.“

Die beiden Lanzenberger stiegen herunter und berichteten. Der obere Teil der Wendeltreppe und ein Stück Mauer waren zusammengebrochen und an dem Gendarm vorbei in die Tiefe gestürzt. Ein Steinbrocken hatte seinen Fuß getroffen.

„Zu ärgerlich“, sagte der Gendarm. „So nahe am Ziel, und nun dieser dumme Unfall. Ich war nahe vor dem viereckigen Ausstieg zur Plattform und sah schon das Gespenst. Es schwebte geräuschlos wie ein Luftballon. Dabei war leises Knistern zu hören wie von Seidenpapier. Ein Mensch hat nicht da oben gesessen. Der hätte sich bestimmt durch einen Aufschrei verraten, als die Treppe zu Bruch ging. Ich habe aber keinen Ton gehört.“

„Wir wollen mal nach Ihrem Fuß sehen“, sagte der Arzt. „Hoffentlich ist kein Knochen gebrochen. Wenn doch, gibt’s ein paar Wochen Krankheitsurlaub für Sie.“

„Urlaub kann ich jetzt nicht brauchen!“, rief der Gendarm. „In meinem Bezirk ist der Teufel los. Fast jede Woche gibt es Einbrüche und Diebstähle. Aber die Kerle arbeiten so geschickt, dass sie fast keine Spuren hinterlassen. Es muss eine ganze Bande sein, die wie Pech und Schwefel zusammenhält.“

Die Männer gingen zur Kastellanswohnung hinüber. Dort untersuchte der Arzt den Fuß und legte einen Verband an. Es handelte sich glücklicherweise nur um eine Prellung.

Inzwischen war es zwei Uhr nachts geworden. Da ertönte plötzlich vor der Burg lautes Johlen und Pfeifen. Die Zuschauer lärmten, weil das Gespenst verschwand. Langsam verschwand die leuchtende Gestalt im Turm. Eine Weile sah man noch den Kopf wie einen kleinen untergehenden Mond, dann war auch dieser verschwunden. Die Zuschauer hätten nun nach Hause gehen können; aber sie hofften wohl, das Gespenst würde bald wieder auftauchen. Deshalb harrten sie noch eine Weile aus. Manche versuchten jetzt, die Burgmauer zu ersteigen. Andere setzten sich in die Wipfel der Bäume und lärmten wie die Spatzen.

Da sagte der Bürgermeister: „Die Kerle werden sich noch die Knochen brechen. Bringen Sie ein paar Fackeln her, Herr Kastellan. Ich will auf die Burgmauer treten und die Leute nach Hause schicken.“

Einen kleinen Fackelvorrat hatte der Kastellan noch vom letzten Burgfest. Der Bürgermeister erstieg die Zinne über dem Tor. Zwei brennende Fackeln wurden geschwungen, damit die Leute ihr Stadtoberhaupt erkannten.

„Einwohner von Feuerburg“, rief er, „hört, was ich euch zu sagen habe! Die Erscheinung, die ihr gesehen habt, war natürlich kein Gespenst, sondern nur ein leuchtender Popanz, den irgendein Lausekerl da oben angebracht hat. Doch das wisst ihr ja selber, denn ihr seid ja kluge Leute.“ Lebhaftes Beifallklatschen lohnte das kleine Kompliment. Bürgermeister Barthmann fuhr fort:

„Ich habe eine Bitte an euch und weiß, ihr werdet sie mir nicht abschlagen. Geht nach Hause in eure Betten und schlaft noch ein paar Stunden, sonst schmeckt euch die Arbeit nicht. Die Untersuchung ist eingeleitet. Morgen erfahrt ihr alles Nähere aus den Zeitungen. Und nun: gute Nacht und – guten Morgen!“

„Guten Morgen!“, tönte es hundertstimmig von unten herauf und von den Bäumen und Mauern. Dann trollten sich die Einwohner langsam nach Hause, Dort aber wartete ihrer eine böse Überraschung. An zahlreichen Stellen war eingebrochen worden. Diebe hatten die günstige Stunde zwischen ein und zwei Uhr benutzt, um die fast menschenleeren Häuser auszurauben. Dem Kürschnermeister waren kostbare Pelze gestohlen worden. Dem Uhrmacher fehlten goldene Uhren, Ketten und Schmuckstücke. Ja, man hatte sogar seinen Schaukasten eingeschlagen und ausgeplündert. An mehr als zwanzig Stellen hatten die Diebe gehaust. Es musste eine ganze Bande gewesen sein. Ein paar einzelne hätten das in so kurzer Zeit niemals zustande gebracht.

Aber das Tollste: sogar beim Gendarm war eingebrochen worden. Die Einbrecher hatten ein Erdgeschossfenster eingedrückt und dazu einen Lappen benutzt, der mit Schmierseife bestrichen war. An der Schmierseife blieben die Scherben hängen und klirrten nicht. Auf dem erbrochenen Schreibtisch lag ein Zettel in verstellter Schrift mit folgendem höhnischen Vers:

„Wir mausen wie die Raben,
wir leben immer noch,
und wenn du uns willst haben,
versuch’s und fang uns doch!“

Noch nie hatte das Städtchen eine so unruhige Nacht erlebt. Die Leute schwirrten in den Straßen herum wie ein aufgestörter Wespenschwarm. Als Walter den Spottvers las, rief er: „Euch werden wir schon heimleuchten, ihr Halunken!“

Er ging sofort wieder auf die Burg zu seinem Freund Theo. Der wollte sich gerade ins Bett legen. Emil erwachte halb und halb. Er hörte, was die großen Jungen verabredeten, und knurrte mit verschlafener Stimme: „Na, dann Hals- und Beinbruch, und bringt mir’n großen Sack Goldstücke mit.“ Dann schnarchte er ruhig weiter.

Walter sagte zu Theo: „Komm, wir steigen in den unterirdischen Gang hinunter. Vater hat viel zu tun. Über zwanzig Einbrüche. Die Kerle haben bei uns Mutters goldene Uhr mitgenommen und ein paar Mark aus dem Schreibtisch. Frechheit!“

Aus dem Pulverloch der Westbastei holten sie die Rucksäcke mit den Sachen. Walter schob den kleinen Eisenknüppel in seine tiefe Hosentasche. Vorher ließ er ihn ein paar Mal durch die Luft pfeifen. „Du, der ist nicht schlecht“, sagte er. „Wer damit eins über die Pfoten oder auf die Kohlrübe bekommt, hat genug.“

Dann schlichen sie zu dem alten Weinkeller hin.

Im unterirdischen Gang

Noch einmal schauten sich die Jungen um, bevor sie ihre Fahrt in die Unterwelt begannen. Graue Dämmerung lag über der Erde. Schon leuchtete im Osten ein heller Schein und verkündete das Nahen der Sonne. Eine Drossel stimmte in der Burglinde ihr Morgenlied an.

Noch immer war das Zimmer des Doktors erleuchtet. Regungslos lag sein Schatten auf dem Vorhang. War er am Tisch eingeschlafen? Geräuschlos schlichen die Jungen über den Hof, um den Mann da oben nicht aufzuwecken. Sie tappten die schlüpfrigen Stufen zum Weinkeller hinab. Theo trug den Zettel mit der geheimnisvollen Inschrift in der Hand und las: „Steige in den Weinkeller hinab bis zur siebenten Stufe! Suche den Stern! Drücke den Stein!“

„Hier ist die siebente Stufe“, sagte er und blieb stehen. „Nun heißt es den Stern finden. Ob er in die Wand eingemeißelt worden ist? Auf der Stufe sehe ich nichts.“

Sorgfältig leuchtete er die Steine ab. Seine Taschenlampe legte einen hellen Lichtkreis auf das alte Mauerwerk. Es bestand aus rohbehauenen Quadern.

Walter hatte seine abgehackte Art zu reden jetzt aufgegeben. Wenn er wollte, konnte er schön zusammenhängend sprechen, und jetzt wollte er, denn die Sache interessierte ihn.

„Schau dir mal diesen Quader an“, sagte er. „Der Mörtelkalk in seinen Fugen hat keine Verbindung mit den Nachbarsteinen. Er ist nur ganz flach aufgelegt. Guck mal, ich kann meine Messerklinge hineinschieben.“

Theo legte seine Hand auf die Fugen.

„Ich spüre einen schwachen Luftzug, der durch die Ritzen streicht“, stellte er fest. „Es scheint ein Hohlraum dahinter zu sein, vielleicht ein Keller. Aber wo ist der Stern?“

Sorgfältig suchten sie den Stein ab, fanden aber nichts. Schließlich legte Walter den Finger auf die linke untere Ecke. Dort saß ein talergroßes rundes Kalkhäufchen auf dem Quader. „Der Kalk sieht aus, als wäre er noch nicht lange drauf“, behauptete er. „Vergleiche ihn mal mit dem Kalk in den Fugen.“

„Ja“, bestätigte Theo, „er ist heller und frischer. Du, Walter, wir kratzen ihn weg. Kann sein, dass etwas darunter steckt.“

Mit einem Stück Stein klopften sie das Kalkhäufchen los und kratzten eine kleine, runde, flache Grube aus. Auf dem Grund der Grube fanden sie das Sternzeichen. Man konnte es für ein altes Steinmetzzeichen halten. Bekanntlich versahen die mittelalterlichen Steinmetze die von ihnen bearbeiteten Werkstücke mit einem besonderen Zeichen.

Theo sagte: „Mir scheint, jemand hat absichtlich den Stern mit Mörtel überdeckt, um ihn unkenntlich zu machen. Doktor Teufel?“

Walter zuckte die Achseln. „Möglich. Na, nun wollen wir mal den Stein drücken.“

Sie legten die Hände auf die rechte Seite der Steins und pressten mit aller Kraft. Doch der Quader bewegte sich um keinen Millimeter. Dann versuchten sie es in der Mitte und schließlich links. Da gab es einen knirschenden Ruck. Der Quader schlug unversehens nach innen wie eine sich öffnende Tür. Der Ruck kam so unverhofft, dass die Jungen mit dem Kopf gegen die Mauer stießen.

Sich die Stirn reibend, betrachteten sie den merkwürdigen Quader. Er war wie eine Tür eingehängt. Rechts lief er in zwei starken Zapfen. Die ließen sich nur schwer bewegen, aber von einem gewissen Punkt ab gehorchten sie einem leisen Druck. Theo Hartmut steckte den Kopf durch die Öffnung und beleuchtete den schmalen Schacht hinter dem Stein. Der Schacht führte brunnenartig nach unten. Eine hölzerne Leiter stand darin. Sie sah ziemlich neu aus. An der Decke hing eine verrostete Kette mit großen Gliedern.

Die Schatzsucher hatten keine Lust, sich der morschen Kette anzuvertrauen und vielleicht in einen Brunnen zu stürzen. Um festzustellen, ob die Schachtsohle trocken war, banden sie an das Ende ihres Kletterseils einen Stein und ließen das Lot in die Tiefe gleiten. Deutlich hörten sie unten den Stein aufschlagen. Beim Aufwickeln stellten sie fest, dass das Ende des Seils trocken geblieben war. Als umsichtige Jungen vertrauten sie sich weder der Leiter an – sie konnte morsche Sprossen haben –, noch hängten sie sich an die verrostete Kette. Jeder band sich ein Ende des Seils um den Leib. Dann stieg Walter die Leiter hinab. Theo blieb an der Steintür stehen, hielt das Seil fest und ließ es nur stückweise hinabgleiten. Sollte wirklich eine Leitersprosse brechen, dann konnte Theo den Freund vor dem Sturz bewahren. Er sah ihn verschwinden, hörte das Geräusch des Hinabsteigenden, und schließlich rief Walter hinauf: „Ich bin unten. Die Leiter ist fest. Kannst nachkommen.“

Theo schwang sich durch das Einsteigloch und stand bald neben dem Kameraden auf dem Schachtboden. Neugierig musterten die Jungen ihre Umgebung. Zwei mannshohe Eingänge mündeten im Schacht. Welcher von beiden mochte wohl der richtige sein?

Um die Taschenlampe zu schonen, brannten die Jungen eine Kerze an. Dann betraten sie den linken Stollen. Der Boden war nur wenig schlüpfrig. Die von der Decke fallenden Tropfen versickerten im Gestein. Der Stollen war nach zwanzig Schritten zu Ende. Eine Ziegelmauer schloss ihn ab.

„Weißt du, wohin der Gang führt?“, fragte Walter.

„Nach dem Burgbrunnen?“

„Wahrscheinlich. Wir sind in dem Fluchtgang, den der Ritter zumauern ließ. Dein Onkel, der Kastellan, hat mal auf der anderen Seite der Mauer gestanden, als er vom Brunnen aus eindrang. Versuchen wir’s jetzt mit dem zweiten Tunnel.“

Sie kehrten in den Schacht zurück und drangen in den anderen Stollen ein. Theo schritt voran, die Kerze in der Hand. Der Gang führte zunächst geradeaus, dann bog er scharf nach rechts ab. In dem Augenblick, als sie die neue Richtung einschlagen wollten, löschte ein Tropfen, der von der Decke fiel, die Flamme aus.

In der tiefen Dunkelheit tauchte dicht vor Theo plötzlich ein leuchtender Kopf auf mit glotzenden Augen und fletschenden Zähnen. Der Junge erschrak so, dass ihm einen Augenblick der Herzschlag aussetzte. Dann drängte er mit aller Macht rückwärts und hätte beinahe seinen Freund Walter über den Haufen gerannt.

„Was rennst du denn?“, fragte Walter. „Das Gespenst!“, rief Theo. „Fort, fort, fort!“

„Ach Quatsch – Gespenst! Licht machen und drauf los!“ Walter zündete die Kerze an und ging voraus, im Lichte der Kerze entpuppte das Gespenst seine wahre Natur. Der Kopf bestand aus einem gasgefüllten Gummiluftballon. Die Ballonoberfläche war mit grüner Leuchtfarbe überzogen, Augen, Nase und Zähne waren mit schwarzer Farbe aufgemalt. Unter dem Kopf hingen lange Streifen dünnen Seidenpapiers, ebenfalls mit Leuchtmasse getränkt. Das Ganze schwebte an einem dünnen, aber festen Seidenfaden. Er war auf eine Spule aufgewickelt.

Die Jungen hatten nun zwar das Gespenst erwischt, aber sie wussten immer noch nicht, wie es auf den Turm gekommen war und von da wieder herunter. Mit Kerze und Lampe leuchteten sie das graue Gemäuer ab. Nichts. Als Theo nach oben blickte, sah er über sich eine runde Öffnung. Ihr oberes Ende schien mit einem Stück dunkelblauen, fast schwarzen Glases verschlossen zu sein. „Guck mal“, sagte er, „blaues Glas!“

Der Popanz im Tunnel

Walter leuchtete in den Schacht hinein. „Hm, es ist noch etwas anderes drin. Ich will einmal auf deine Achseln steigen, damit ich’s besser sehe.“

Theo faltete die Hände auf dem Rücken. Walter trat hinein und schwang sich empor. Auf den Schultern des Freundes stehend, leuchtete er den Schacht ab. Erstaunt rief er: „Da steckt ein eiserner Bügel in der Mauer, und darüber sind noch mehrere; immer einer über dem anderen bis ganz hinauf. Den untersten kann ich erreichen: Will mich mal dranhängen. – Der sitzt bombenfest.“

Walter stieg wieder herunter. „Weißt du, was das für Bügel sind?“, fragte er.

„Sicherlich Steigeisen.“

„Ja, aber dein dunkelblaues Glas ist nicht Glas, sondern Himmel.“

„Himmel?“

„Jawohl. Wir stehen hier wahrscheinlich genau unter dem Bergfried. Der Schacht führt im Turme aufwärts bis zum Dach. Es ist ein alter Fluchtschacht, den die Ritter benutzten, wenn sie sich auf dem Bergfried nicht mehr halten konnten. Auf den Steigeisen kletterten sie in den unterirdischen Gang hinunter und erreichten irgendwo das Freie. Weil das Turmdach längst zerfallen ist, leuchtet jetzt der Himmel herein. Kannst du dir nun denken, wie das Gespenst auf den Turm gekommen ist?“

„Dumme Frage! Natürlich durch diesen Schacht. Einer hat heute Nacht hier unten gestanden, den Gespensterballon hochsteigen lassen und ihn wieder eingezogen. Aber wer mag das gewesen sein? Doktor Teufel?“

Walter zuckte die Achseln. „Den haben wir doch soeben noch an seinem Schreibtisch hocken sehen. Aber geschickt war die Sache gemacht. Wegen des Gespenstes rennen alle Leute nach der Burg, und inzwischen plündert man die Wohnungen aus. Und nun wollen wir hübsch nach Hause gehen.“

Theo glaubte nicht recht gehört zu haben, doch Walter fuhr fort: „Ich finde es kindisch, weiterzurennen. Vor Gespenstern habe ich keine Angst, aber wir können auf Einbrecher treffen. Was wollen wir machen, wenn die uns eine Pistole unter die Nase halten? Mit unserem altmodischen Knüppel können wir nicht viel ausrichten. Viel besser, mein Vater sucht mit ein paar Leuten den Gang ab und nimmt die Kerle fest, wenn er sie findet.“ Das war ein vernünftiger Vorschlag, aber er gefiel Theo nicht. Er wollte den schlechten Eindruck verwischen, den er vorhin gemacht hatte, als er vor dem Gespenst ausriss. Darum sagte er: „Ich denke, wir wollten den Schatz suchen – und nun hast du Angst.“

Walter lachte kurz auf. „Angst? Das stimmt wohl kaum. Fang du nur nicht an zu heulen, wenn wir in der Patsche sitzen. Am besten, wir losen.“

Er nahm ein kurzes und ein langes Streichholz aus der Schachtel, verdeckte die Enden mit Daumen und Zeigefinger und hielt die Köpfe seinem Freunde hin. „Kurz bedeutet umkehren, lang – weitergehen.“

Theo zog. Er hielt das lange Streichholz in der Hand. Das Los hatte entschieden, dass sie ihr Abenteuer fortsetzten.

Gefährliche Schatzsucherei

Aufs Geratewohl gingen die Jungen vorwärts. Zunächst verlief der Gang eine kurze Strecke in waagerechter Richtung, dann senkte er sich stark nach unten. Er folgte der schrägen Lage des Berghanges, auf dem die Stadt Feuerburg lag. Theo blickte auf seinen kleinen Taschenkompass. „Der Tunnel verläuft in westlicher Richtung“, stellte er fest, „wir sind jetzt unter der Stadt, vielleicht unterm Marktplatz.“

„Kann sein“, meinte Walter. „Über uns laufen die Leute in den Straßen herum und haben keine Ahnung, dass wir hier unten wie Maulwürfe durch die Gänge traben. Du, was ist denn hier in der Mauer für ein Loch?“

Er blieb an einer viereckigen Öffnung stehen und steckte den Arm hinein. „Da drin steckt wohl kaum ein Schatz“, sagte er. „Dazu ist das Loch viel zu eng. Leuchte mal hinein.“

Theo tat es. Sie blickten in einen langen Kanal, der schräg nach oben führte. Sein Ende war nicht zu erkennen.

„Ich denke, das ist ein Entlüftungsschacht“, sagte Walter. „Mir kommt’s vor, als wäre die Luft hier frischer.“

„Nein“, behauptete Theo im Scherz, „das ist ein mittelalterliches Telefon. Wollen mal hineinrufen.“

Sie klatschten in die Hände, miauten wie Katzen, bellten wie Hunde, heulten und pfiffen und riefen: „Huhu, haha, hihi! Hier ist der Teufel, der will euch holen!“

Sie ahnten nicht, was sie anrichteten, und wie recht Theo mit seiner scherzhaften Behauptung gehabt hatte, hier sei ein mittelalterliches Telefon. Der Kanal leitete den Schall verstärkt weiter wie ein Trompetenrohr. Er war in alter Zeit angelegt worden, damit man sich von der Stadt aus mit den Leuten im unterirdischen Gang verständigen konnte, und mündete im Rathaus. Doch davon wusste schon längst niemand mehr etwas.

Im Feuerburger Rathaus war auch die Wohnung des Bürgermeisters. An diesem Morgen war die betagte Köchin Berta schon frühzeitig auf, um in der uralten, verräucherten Küche für ihren übermüdeten Bürgermeister einen starken Kaffee zu kochen. Mit dem leeren Kohleneimer stieg sie in den Keller hinab. Kaum waren ein paar Schaufeln Kohlen in den Eimer gepoltert, als ein wildes Rufen, Heulen, Pfeifen, Bellen und Miauen begann. Die Köchin wusste nicht, woher das schreckliche Geräusch kam. Das viereckige Loch oben in der Wand hatte sie immer für eine Art Luftschacht gehalten.

Vor Schreck ließ sie die Kohlenschaufel fallen und stürmte die Treppe empor zu ihrer Herrschaft. „Nun ist auch bei uns der Teufel los“, jammerte sie. „Er steckt im Keller. Gerufen hat er und gepfiffen und miau gemacht und gebellt. Ach, Herr Bürgermeister, dass mir so etwas auf meine alten Tage passieren muss! Ich gehe nicht mehr in den Keller. Lieber suche ich mir einen anderen Dienst!“

Kopfschüttelnd hörte sich der Bürgermeister den seltsamen Bericht an. Als er den Kohlenraum betrat, war von dem Spuk nichts mehr zu hören, denn die beiden Jungen waren inzwischen weitergewandert. Er musste die Kohlen selber einschaufeln, damit er zu seinem Morgenkaffee kam.

Die Reise durch den niedrigen Gang strengte an. Manchmal glitten die Jungen auf dem schlüpfrigen Boden aus und schlugen sich im Fallen Knie und Ellenbogen wund. Die Luft wurde schlechter. Kopfschmerzen stellten sich ein. Längst bereute Theo seine Dickköpfigkeit, und Walter dachte: Nun erst recht! Theo hat es ja so gewollt!

Der Gang wollte kein Ende nehmen. Es musste eine Riesenarbeit gewesen sein, ihn ins Gestein zu hauen. Sorgfältig war er aus dem Felsen herausgemeißelt worden. Gewiss hatte man Jahrzehnte zu seiner Herstellung gebraucht. Und wer waren die Unglücklichen gewesen, die man zur Arbeit heranzog? Sicherlich Gefangene. Walter und Theo stellten sich vor, wie die armen Menschen hier unten in drückender Luft und bei schlechter Kost geschuftet hatten, von grausamen Wächtern geschunden und geschlagen, ohne Hoffnung auf Befreiung, ja, in Gewissheit des sicheren Todes. Denn wer wirklich das Ende der Arbeit erlebte, den brachten die Schergen der Raubritter um, damit er nichts verriet.

Theo sagte: „Ein Glück, dass die Raubritter, diese Himmelhunde, schließlich ihre gerechte Strafe erhielten.“ Und Walter fügte hinzu: „Nur schade, dass das Volk immer viel zu lange wartet, bis es mit seinen Peinigern Schluss macht.“

Nachdenklich tappten die Jungen weiter durch den Gang. An manchen Stellen lag niedergebrochener Schutt, aber im Großen und Ganzen war der Fluchtgang gut erhalten. Hier und da sah es so aus, als ob der Schutt erst vor kurzer Zeit beiseite geräumt und in den seitlichen Nischen untergebracht worden wäre.

Einmal blieben die Abenteurer erschrocken stehen. Die von der Decke rieselnden Tropfen plumpsten mit dumpfem Klange ins Wasser. Es hörte sich an, als ob sie in einen tiefen Brunnen fielen. Vorsichtig traten die Jungen näher, um nicht abzustürzen. Aber es war eine Gehörstäuschung gewesen. Die Tropfen fielen nur in eine Pfütze, die sich in einer Bodensenkung gebildet hatte. Behutsam wurde die Wasserlache umgangen.

Eine halbe Stunde waren sie nun wohl schon unterwegs. Jetzt türmte sich ein ernstliches Hindernis vor ihnen auf: ein großer Schutthaufen. Gebückt krochen sie darüber hinweg und rutschten auf der anderen Seite hinunter. Schon wollten sie aufrecht weitergehen, da blitzte von links ein greller Lichtschein durchs Dunkel, und eine Stimme rief: „Bist du es, Kratzer?“

Die Jungen knipsten ihre Lampe aus und drückten sich eng an die Wand. Neben ihnen öffnete sich eine Tür. Die Jungen kauerten sich dahinter. Aus der Tür trat ein Mann heraus. Er trug auf der Brust eine helle elektrische Lampe. Durch die Türritzen spähend erkannten die Jungen zu ihrem Schrecken den Doktor Teufel. War das denn möglich? Der saß doch oben in der Burg an seinem Schreibtisch! Zeit, über dieses Rätsel nachzudenken, blieb ihnen nicht. Der Doktor leuchtete mit seiner Laterne den Gang nach allen Seiten ab und rief ärgerlich: „So antworte doch, Kratzer, und lass die dummen Späße! Zum Donnerwetter, Kratzer, du sollst Antwort geben!“

Er lief ein paar Schritte vorwärts und entdeckte die Jungen hinter der Tür. Sie sprangen auf den Schutthaufen hinauf. Zu spät! Schon hatte sie der Doktor an den Beinen erwischt und zog sie herunter. Der Strahl seiner grellen Scheinwerferlampe fiel auf ihre Gesichter.

„Verwünscht!“, rief der Doktor. „Die Jungen von der Burg! Wie seid ihr hereingekommen, ihr Lausebengel?“

Die Jungen entdecken Doktor Teufel im Tunnel

Sollten sie die Wahrheit sagen und von dem Pergament erzählen? Der wütende Mann vor ihnen sah aus, als hätten sie nichts Gutes von ihm zu erwarten. In solcher Not musste wohl eine Ausrede erlaubt sein.

„Na, wird’s bald?“, drängte der Doktor. „Ich habe nämlich da drin ein paar Daumenschrauben.“

„Ach, machen Sie keine Witze“, sagte Walter. „Ich will Ihnen erzählen, wie es war. Wir haben gestern Räuber und Fänger gespielt. Ich fand Theo im Kellergewölbe und wollte ihn festnehmen. Er riss sich los und rannte die Treppe hoch, ich ihm nach. Aber ich erwischte ihn und drückte ihn gegen die Wand. ‚Ergib dich!‘ hab ich gesagt. Aber er ergab sich nicht. Da drückte ich ihn immer fester und fester gegen die Wand. Auf einmal gab es einen Krach. Der Stein klappte zurück. Beinahe wären wir in das Loch gestürzt. Da haben wir gedacht: das müssen wir uns einmal ansehen. Na, und da sind wir eben heute Morgen hinuntergeklettert. Wir konnten sowieso nicht schlafen, weil das Gespenst auf dem Turm war.“ Keine Miene in des Doktors Gesicht verriet, ob er an Walters Märchen glaubte. „Habt ihr die Steintür offengelassen?“, fragte er.

„Ja“, antwortete Walter, bereute es aber sofort. Der Alte wurde blass vor Wut. „Offengelassen?“, schrie er. „Dass jeder den Eingang sehen kann? Das sollt ihr büßen!“

Er packte die Jungen und stieß sie in den Raum hinein, aus dem er vorhin herausgetreten war. Von dem Haken neben der Tür nahm er einen verdreckten Mantel und zog ihn an. Der Mantel hatte wohl den Zweck, den Anzug beim Klettern über den Schutthaufen vor Beschmutzung zu schützen. Der Doktor schob von außen einen schweren Balken vor die Tür, der als Riegel diente, und ließ die Jungen allein. Sie hörten ihn über den Schutthaufen klettern. Wahrscheinlich wollte er die offengelassene Geheimtür schließen.

Sie saßen wie die Mäuse in der Falle. Walter hatte mit seinen Befürchtungen recht gehabt.

Ratlos standen die Jungen im Dunkeln. Dann machten sie Licht und sahen sich um. Sie befanden sich in einem niedrigen Raum. Vielleicht hatten hier früher die Gefangenen gehaust, die den Gang ausgraben mussten. Einige rostige Eisenringe in der Mauer ließen das vermuten. Jetzt diente das Gelass als Lagerraum. Einige Kisten waren darin aufgestapelt. Manche enthielten Pelze, manche Kleider, manche allerhand Wertsachen. Obenauf lag eine kleine goldene Damenuhr. Sie trug das Monogramm „I. M. P.“ Walter nahm sie in die Hand. „Diese Uhr gehört meiner Mutter“, sagte er. „Ich sehe es an den eingravierten Buchstaben. Wie es scheint, ist das, was in den Kisten steckt, heute Nacht gestohlen und hierher gebracht worden. Der Doktor gehört mit zur Einbrecherbande. Wahrscheinlich ist er ihr Lagerverwalter. Kann sein, dass er uns umbringt, damit wir nichts verraten können. Wenn ihm der Mut fehlt, tun es die anderen. Theo, wir sitzen in einer ekligen Patsche.“

Theo antwortete nicht. Er machte sich schwere Vorwürfe. Niedergeschlagen hockten die Jungen auf den Kisten und dachten über ihr Schicksal nach. Die Lage war verzweifelt. Emil schlief um diese Stunde gewiss noch wie ein Murmeltier. Mit Ulla hatten sie nicht mehr gesprochen, bevor sie in den Gang gestiegen waren. Es würden Stunden vergehen, bevor man nach ihnen suchte, und selbst das nützte nicht viel. Es war fraglich, ob die Suchenden das Einstiegsloch an der Kellertreppe finden würden, denn der Doktor war eben dabei, es zu schließen. Bodenlos leichtsinnig hatten die Jungen gehandelt. Sie bereuten es bitter.

Walter raffte sich zuerst auf. „Hat keinen Zweck, Trübsal zu blasen. Vielleicht finden wir hier eine Waffe. Dann kann noch alles gut werden. Eine halbe Stunde braucht der Doktor zum Hinweg nach der Steintür, eine halbe Stunde zurück. Wir haben also eine Stunde Zeit. Die müssen wir ausnützen.“

Sie durchwühlten die Kisten. Eine Waffe fanden sie nicht. Doch in der Ecke entdeckten sie eine lederne Aktentasche. Sie enthielt Stemmeisen, Meißel, Bohrer, Feilen, einen Knabber zum Aufknacken von Geldschränken, ferner Wachs, Siegellack und eine Tüte. Walter öffnete die Tüte und ließ Theo hineinschauen. Ein graubraunes Pulver war darin. „Riech mal“, sagte Walter.

Theo schnupperte – und nieste kräftig. „Pfeffer“, sagte er. „Wozu brauchen denn Einbrecher Pfeffer?“

„Das weißt du nicht? Dieses gemeine Mittel wenden Einbrecher manchmal gegen ihre Verfolger an; sie werfen ihnen Pfeffer in die Augen und blenden sie damit für eine Weile. Meinem Vater ist es einmal passiert. Steck die Tüte ein. Benutzen wollen wir sie nicht. Es wird auch anders gehen. Nimm diesen Knabber.“

Er reichte Theo einen Stahlstab von etwa dreißig Zentimeter Länge. Das Werkzeug trug an der Spitze zwei Schneidbacken, schnabelartig geformt wie an manchen Dosenöffnern.

Walter fuhr fort: „Wir wollen es so machen: du stellst dich rechts von der Tür auf, ich links. Ehe er überhaupt weiß, was los ist, schlagen wir zu, ich mit dem Eisenknüppel auf seine rechte Hand, du mit dem Knabber auf seine linke. Seine Hände werden für einige Augenblicke wie gelähmt sein, so dass er sie nicht gebrauchen kann. In diesem kurzen Augenblick sausen wir zur Tür hinaus und schieben draußen den Riegel vor. Es muss blitzschnell gehen. Wird schon klappen.“

Sie probierten einige Male den Schlag aus. Dann setzten sie sich auf die Kisten und warteten. Das dauerte eine Ewigkeit. Endlich hörten sie Schritte. Sie bliesen die Kerze aus und nahmen ihre Plätze ein. Der Riegel draußen wurde zurückgeschoben. Die Tür öffnete sich. Die Lampe blitzte auf. Der Doktor trug eine Pistole in der Hand. Er bemerkte nicht sogleich die Jungen, die sich dicht an die Türpfosten gepresst hatten.

„Wo sind denn die beiden Lümmel?“, sagte er. In diesem Augenblick ließ Walter den Knüppel auf die Hand niedersausen, die die Pistole trug. Klirrend fiel die Waffe zu Boden. Walters zweiter Schlag zerschmetterte die Birne der elektrischen Lampe vor des Doktors Brust. Gleichzeitig hatte Theo mit aller Kraft zugeschlagen. Die Jungen warfen die Tür zu, schoben den Außenriegel vor und rannten davon. Aber in der Aufregung begingen sie einen bösen Fehler. Als sie zwanzig Schritt gerannt waren, rief Walter: „Halt, das ist ja falsch! Wir laufen nach der verkehrten Seite. Wir müssen doch über den Schutthaufen weg. Kehrt!“

Sie rannten ein paar Schritte zurück. Da dröhnte ein Schuss – jetzt ein zweiter – und wieder einer. Die Kugeln prallten von der Tunnelwand ab und fuhren als Querschläger pfeifend in den Gang hinein. Da kehrten die Jungen wieder um. War denn das möglich, dass der Doktor sich schon befreit hatte? Keine Zeit zum Überlegen, nur vorwärts, vorwärts, fort aus dem Bereich der zurückprallenden Kugeln! Die Jungen taumelten, stolperten, stürzten durch den schrecklichen unterirdischen Gang. Sie verwünschten ihre Neugierde, die sie in diese schauderhafte Lage gebracht hatte. Zehn Minuten wohl jagten sie hintereinander her, immer dem hüpfenden Lichtschein ihrer Taschenlampe nach. Je weiter sie sich entfernten, desto schwacher klangen die Schüsse. Schließlich verstummten sie ganz. Da blieb Theo einen Augenblick stehen und sagte keuchend: „Teufel ist nach der falschen Seite gerannt – nach der Burg zu.“

Auch Walter bremste seinen Lauf. „Der rennt überhaupt nicht“, sagte er, „der sitzt noch dort, wo wir ihn eingesperrt haben, und schießt durch die geschlossene Tür. Wahrscheinlich will er seine Kumpane alarmieren. Zu dumm, dass mir das jetzt erst einfällt! Bei uns sind wieder einmal die Beine fixer gewesen als die Gedanken.“

Theo schüttelte den Kopf. „Kann nicht stimmen. Du hast doch die Kugeln gehört, die hinter uns her pfiffen.“

„Das kam uns nur so vor, Theo. Er hat durch das Holz der Tür geschossen. Dabei sind die Stahlmantelgeschosse von den steinernen Wänden abgeprallt. Also – ich habe das dämliche Rennen satt. Hier liegt gerade ein schöner Stein. Pause.“

Er ließ sich auf die Steinbank plumpsen, um zu verschnaufen. Theo setzte sich daneben. Ganz still saßen die Jungen, bis sich die keuchenden Lungen und die klopfenden Herzen etwas beruhigt hatten. Dabei lauschten sie nach rechts und links, ob sich Schritte näherten. Aber sie vernahmen nichts außer dem Fallen der Wassertropfen und dem langsamer werdenden Pochen ihrer Herzen.

Walter sagte: „Der Tunnel muss irgendwo einen Ausgang haben. Von dort müssen die gestohlenen Sachen nach dem Lager gebracht worden sein. Vielleicht gibt es sogar mehrere Ausgänge. Durch eins der Löcher werden wir schon hinaus können. Bloß dürfen wir nicht den anderen Einbrechern in die Hände fallen.“

„Vielleicht sind sie nach Hause gegangen“, meinte Theo.

„Hoffentlich“, sagte Walter. „Aber einer scheint noch da zu sein, dieser Kratzer, von dem der Doktor redete. Mir ist, als hätte ich diesen Namen schon früher gehört, ich weiß aber nicht, wann und wo. Komm, wir marschieren weiter. Ich will raus aus diesem elenden Loch.“

Sie setzten ihren Weg fort. Der Tunnel, der bisher ziemlich waagerecht verlaufen war, stieg jetzt allmählich an. Auf den Taschenkompass blickend, stellte Theo fest: „Wir gehen fast immer in westlicher Richtung. Was liegt westlich der Stadt Feuerburg?“

„Der Hohe Forst. Er zieht sich an einem Abhang hin. Kann sein, dass wir im Walde herauskommen, vielleicht in einer Schlucht. Es gibt da tiefe, verwachsene Gründe, wo selten ein Mensch hinkommt.“

Das Tunnelstück, das sie jetzt durchschritten, führte durch lehmigen Boden. An manchen Stellen war es mit Ziegeln ausgemauert. Der Boden wurde immer schlüpfriger. In kurzen Abständen lagen Holzknüppel auf dem Weg. Sie bildeten eine Art Treppe und gaben dem Fuße Halt. Dumpf polterten die Schuhe über die Knüppeltreppe. Immer steiler ging es aufwärts. Nun war rechter und linker Hand an der Mauer sogar ein hölzernes Geländer zum Festhalten angebracht. Noch einige Schritte, und die Jungen standen vor einer niedrigen Tür. Sie atmeten schwer. Jetzt musste sich’s entscheiden, ob sie in wenigen Augenblicken frei sein würden.

Sie hielten die Augen ans Schlüsselloch und an die Türritzen, um nach dem grünen Schimmer von Bäumen und Sträuchern auszuspähen. Aber hinter dem Schlüsselloch war dicke Finsternis.

Da drückten sie vorsichtig die Klinke nieder. Au, wie das kreischte! Die Tür ließ sich nach außen öffnen. Sie traten in einen niedrigen Keller ein. Dicht an der Tür war ein großer Briketthaufen aufgeschichtet. Auf Zehenspitzen schlichen sie daran vorbei und zur nächsten Tür. Wieder kreischte das verwünschte Schloss. Als sie die Köpfe durch den Türspalt steckten, prallten sie erschrocken zurück. Gebückt stand in dem halbdunklen Kellerraum ein Mann, nahm Weinflaschen aus einer Holzkiste heraus und streifte die Strohhüllen ab.

Theo und Walter im Tunnel

Der Mann knurrte, ohne aufzublicken: „Doktor, was schleichst du denn wie ein alter Kater herum? Bist verdammt lange fortgeblieben. War im Lager etwas nicht in Ordnung?“

Die Jungen drückten sich rückwärts und wollten leise die Tür schließen. Als der Mann keine Antwort bekam, brüllte er: „Donnerwetter, wer ist denn dort?“

Doch da stürmten die Jungen schon durch die nächste Tür. Absichtlich stieß Walter gegen den Briketthaufen, um den Ausgang zu verrammeln. Mit Donnergepolter stürzte der Haufen in sich zusammen. Theo und Walter stolperten im Dunkeln die Knüppeltreppe hinab. Sie rutschten aus – standen auf – liefen weiter – glitten abermals aus.

Hinter ihnen kletterte der Mann schimpfend über den Briketthaufen. Dann war er da, packte sie wie die Katzen beim Genick und schob sie erst durch die Türen, dann die Kellertreppe empor bis in den Hausflur. Mit dem Fuß stieß er gegen die schwere Falltür, die den Zugang zum Keller verschloss. Krachend flog sie zu.

Ein „feiner“ Verein

Freundlich sah der Mann mit seinem schwarzen Vollbart und den noch schwärzeren Augen bestimmt nicht aus. Es war ein riesiger Kerl mit Bärenkräften. Die Arme der Jungen schmerzten unter dem Druck der harten Tatzen. Er zog Walter noch näher an sich heran und sagte höhnisch: „Das Bürschchen muss ich doch kennen. Bist du nicht der Sohn vom Gendarm Lanzenberger? Und wer ist der andere Lümmel?“

Theo nannte seinen Namen. Der Schwarzbart öffnete die Stubentür einen Spalt weit und rief hinein: „Tarnt euch ein bisschen, es kommt ungeladener Besuch.“

Die Räuberbande im Versteck

Er ließ eine Minute verstreichen, dann schubste er die Jungen über die Schwelle. Eine beißende Qualmwolke schlug ihnen entgegen. Auf Stühlen, Bänken und Kisten hockten viele Männer. Augen und Nase hatten sie mit schmalen, schwarzen Masken verdeckt, so dass man die Gesichter nicht deutlich erkennen konnte. Einer von ihnen war noch dabei, die Maske aufzusetzen. Sie führten eine brüllende Unterhaltung und hatten dicke Zigarren mit goldenen Binden im Mund. Dazu tranken sie Wein aus allen möglichen Gefäßen: Tassen, Töpfen, Biergläsern und Vasen. Als der Schwarzbart mit den Knaben eintrat, verstummte die Unterhaltung mit einem Schlage. „Die habe ich aus dem Keller gezogen“, schrie der Schwarze, „sie sind durch den Gang gekommen.“

„Du bist wohl verrückt, Kratzer?“, johlten die Männer. „Das ist ja eine schöne Bescherung.“

Die Jungen wussten nun, wer Kratzer war.

Ein langer Blonder in einem eleganten grauen Anzug trat auf sie zu und fragte: „Wer hat euch den Eingang gezeigt?“

Walter wiederholte das Märchen, das er schon dem Doktor erzählt hatte. Den meisten erschien die Geschichte glaubhaft, nur einige brüllten: „Das kann ebenso gut Schwindel sein.“

„Habt ihr unterwegs Doktor Teufel getroffen?“, fragte wieder der Elegante, den die anderen mit „Baron“ anredeten.

„Nein“, antwortete Walter. Er konnte doch unmöglich gestehen, dass sie den Mann eingesperrt hatten.

„Da ist etwas nicht in Ordnung“, sagte der Baron. „Was wollen wir mit den Burschen machen?“

Schwankend erhob sich einer der Männer. Er war schwer betrunken. Auf dem oberen Teil der Stirn, die nicht von der Maske verdeckt wurde, saß eine mächtige Warze. Er hob sein Glas und schrie mit wieherndem Lachen: „Schlips zuziehen! – Prosit!“

Er meinte, man solle die Jungen aufhängen. Die armen Burschen zitterten am ganzen Leib und verwünschten ihren Leichtsinn. Eine Weile herrschte Schweigen. Dann sagte Kratzer mit grober Stimme: „Es ist am besten, der Verein stimmt ab.“

„Ein ‚feiner‘ Verein!“, dachten die Jungen.

Sie wurden von dem Schwarzbart hinausgeführt. Er sperrte sie in einen engen Raum, der oben ein ganz kleines Fenster hatte, viel zu schmal zum Durchkriechen. Dann legte er von außen den Riegel vor und kehrte zu seinen Kumpanen zurück. Das Kämmerchen diente als Abstellraum. Ein Regal war drin, ferner Besen, Bürsten, Eimer, ein alter Ofenhaken und allerhand Gerümpel.

Drüben in der Wohnstube erhob sich ein lautes Stimmengewirr. Aus dem Durcheinander hörte man immer wieder den dumpfen Bass Kratzers und die scharfe Stimme des Barons heraus. Verstehen konnte man aber die einzelnen Sätze nicht.

Theo fragte: „Was könnten wir den Einbrechern sagen, damit sie uns loslassen? Ist dir etwas eingefallen?“

„Ja. Ich werde ihnen drohen.“

„Unsinn! Daraus machen sie sich doch nichts!“

„Das wollen wir abwarten, Theo. Ich werde Ihnen sagen, dass die anderen Kinder auf der Burg den Eingang kennen und Alarm schlagen sollen, wenn wir nicht rechtzeitig zurückkehren. Wahrscheinlich werden uns die Lumpenkerle dann in ihrer Wut verprügeln, aber das halten wir schon aus. Umbringen können sie uns nicht, sie müssen ja damit rechnen, dass sie gefasst werden, weil ihr Schlupfwinkel verraten ist. Auf Mord steht aber die Todesstrafe. Davor haben sie Angst. Lass mich reden, Theo! Es kommt jetzt auf jedes Wort an. Aha, da holen sie uns schon.“

Der Riegel wurde zurückgeschoben. Kratzer führte sie in die Stube zurück; er schien eine Art Anführerrolle zu spielen. Barsch schrie er sie an: „Ihr gesteht jetzt die Wahrheit, oder wir schlagen euch alle Knochen kaputt. Nur ihr beiden kennt den Zugang zum Tunnel, sonst niemand. Stimmt das?“

„Nein“, sagte Walter, „noch zwei Kinder wissen davon: Ulla Schaffer, die Tochter des Kastellans, und Emil, der Bruder meines Freundes.“

„Verdammt!“, knurrte Kratzer.

Walter merkte, dass er sich nicht verrechnet hatte. Darum fuhr er fort: „Wenn wir nicht bis sechs Uhr zurück sind, sollen die Kinder den Kastellan und den Gendarm benachrichtigen, damit sofort nach uns gesucht wird; sie sollen ein paar Feuerwehrleute mit Leitern und Seilen mitnehmen. Das haben wir alles ausgemacht, ehe wir einstiegen.“

Walters Aussage hatte eine ungeheure Wirkung. Die betrunkenen Kerle sprangen auf, als wären sie von Hornissen gestochen worden. „Was?“, schrie Kratzer und sah nach der Uhr. „Es ist schon sieben Uhr vorbei. Vielleicht ist der unterirdische Gang schon besetzt. Was tun wir?“

Der Baron gebot Ruhe. „Da gibt es gar nichts zu überlegen“, sagte er. „Dass der Doktor nicht wiederkommt, ist verdächtig. Wahrscheinlich hat ihn die ‚Polente‘ bereits geschnappt. Kratzer, du sperrst die Jungen drüben wieder ein. Wer was mitnehmen will, packt es zusammen, aber fix! Ich mache das Auto fertig. Die Falltür verrammeln wir so, dass sie keiner hochheben kann. In zehn Minuten muss alles fertig sein, und dann verduften wir über die Grenze.“

Die Jungen hatten im Hinausgehen die letzten Sätze des Barons gerade noch gehört.

„Warte doch, Kratzer“, schrie der Kerl, der die Warze auf der Stirn hatte, „wir können doch nicht die Pelze im Stich lassen und die Wertsachen. Es wäre doch jammerschade um die schöne Ware.“

„Gut“, sagte Kratzer, „ich steige nochmals hinunter und will sehen, ob ich noch ans Lager herankomme. Wer geht mit?“

Es meldeten sich einige. Walter und Theo bekamen ein paar Fußtritte und stürzten kopfüber in ihr Gefängnis hinein.

Der Räuber-Baron

Im Hause begann ein wirres Durcheinanderrennen und Türenzuschlagen. Packpapier knisterte, Kisten wurden zugenagelt, einer rief nach Bindfaden, der andere nach Hammer und Zange. Jeder wünschte etwas anderes. Einige fingen an, sich zu prügeln. Der Baron musste sie mit dem Revolver auseinander treiben.

Wirklich – ein „feiner“ Verein!

Kaum zehn Minuten waren vergangen, da dröhnte Kratzers Stimme durchs Haus: „Türmt! Macht euch dünne! Die Polente ist schon bis zum Lager vorgerückt. Man hört im Tunnel eine weit entfernte Schießerei. Es muss beim Lager sein.“

Der Tumult im Haus schwoll nun aufs tollste an. Draußen fuhr ein Lastwagen vor. Säcke und Kisten wurden verladen. Schimpfend stiegen die Männer ein. Dann rollte der Wagen davon. Nach all dem Lärm herrschte nun im Haus eine unglaubliche Stille.

Die Jungen hatten den Alarmruf Kratzers gehört. Sie wunderten sich über die kopflose Flucht. Polizei sollte im unterirdischen Gang sein? Das war doch ganz undenkbar. Vermutlich hatte der eingesperrte Doktor wieder einmal einen Wutanfall bekommen und ein kleines Schnellfeuer eröffnet, um die Kumpane herbeizurufen. Diese deuteten aber die Schüsse falsch und vermuteten die Polizei im Tunnel.

Walter und Theo verhielten sich vorläufig still und horchten, ob sich im Haus noch Schritte vernehmen ließen. Als es ruhig blieb, gingen sie an ihre Befreiung. Mit den Füßen stampften sie gegen die untere Türfüllung, bis sie sich lockerte. Dann schlugen sie mit einem eisernen Feuerhaken das Brett vollends heraus. Durch die schmale Öffnung krochen sie auf den Hausflur hinaus. Zunächst verrammelten sie die Falltür, damit Doktor Teufel nicht entwischen konnte, wenn er sich befreien sollte. Die Einbrecher hatten das Verrammeln der Tür in der Eile unterlassen. Ein leeres Bierfass wurde auf die Klappe gerollt und aufgerichtet, ein alter Kanonenofen hingeschoben und Möbelstücke.

Beim Anblick der Klappe sagte Theo: „Man sieht es gleich dieser geheimnisvollen Falltür an, dass hier eine Verbrecherbude ist.“

„Irrtum!“, rief Walter. „Dabei ist gar nichts Geheimnisvolles. Solche Falltüren gibt es hier in der Gegend häufig. Fast jedes ältere Haus hat eine solche Klappe über dem Kellerzugang, bloß weil dadurch Platz gespart wird. Aber nun wollen wir fort aus dieser Spelunke, damit uns nicht wieder etwas dazwischenkommt.“

Da die Haustür von außen verschlossen war, sprangen sie zum Fenster hinaus. Vergnügt atmeten sie draußen die frische Waldluft ein. Von außen sah die Einbrecherhöhle ganz harmlos aus. Das schindelgedeckte Häuschen unterschied sich in keiner Weise von den anderen Waldwärterhütten, die hier im Hohen Forst standen. Hoch aufgestapelt lagen an den Balkenwänden dürre Reisigbündel. Sie lieferten billiges Feuerholz und hielten im Winter die kalten Nord- und Ostwinde ab. Vor der Hütte blühte und grünte ein hübscher Gemüsegarten. Aus eisernem Rohr rieselte klares Wasser in einen Steintrog. Die Jungen hielten ihren Mund ans Rohr, um ihren Durst zu stillen. Ah, wie gut das kühle Wasser schmeckte! Wunderbar belebt und erfrischt konnten sie nun den Heimweg antreten. Doch mussten sie sich vorher über die Richtung klar werden. Auf dem Wege sahen sie frische Radspuren. Sie rührten von dem Lastwagen der Einbrecher her.

Sich umschauend, sagte Walter: „Es stimmt schon, wir sind im Hohen Forst. Mir ist, als hätte ich dieses Häuschen schon gesehen. Wahrscheinlich bin ich hier mit meiner Mutter beim Heidelbeer- und Pilzsuchen vorübergekommen. Das ist nämlich die einzige Sommerfreude meiner Mutter. Verreisen können wir nie. Dazu langt Vaters Gehalt nicht, und da muss eben der Wald die Sommerfrische ersetzen. Mutter scheut einen stundenweiten Weg nicht, wenn sie irgendwo ein gutes Beeren- oder Pilzfleckchen weiß. – Ja, ich bin bestimmt schon hier gewesen. Es muss aber lange her sein. Stelle mal mit deinem Kompass fest, wo Osten liegt.“

„Dort“, sagte Theo, „ungefähr in der Richtung der Morgensonne.“

„Das weiß ich schon“, spottete Walter, „aber ich wollte dich gern nochmals fragen. Es ist doch schade um den vornehmen Kompass, wenn er zu wenig benutzt wird. Er würde das vielleicht übel nehmen. Also geradeaus marschiert, Richtung: die Morgensonne!“

Lachend spazierten sie los. Unterwegs blieben sie ab und zu stehen, um einen Himbeerstrauch zu plündern oder Heidelbeeren zu pflücken. Sie hatten einen Mordshunger.

Theo und Walter gehen durch den Hohen Forst zurück

Wenn man geradeaus marschiert und Umwege vermeidet, kommt man rasch von der Stelle. Schon nach einer Viertelstunde schimmerte gelb eine breite Fahrstraße durchs Unterholz. Sie gingen auf ihr entlang und waren bald aus dem Walde heraus. In der Ferne ragte das dunkle Gemäuer der Feuerburg auf. Unten aus dem grünen Tal leuchteten weiß und rot die sonnenbeschienenen Häuser eines langgestreckten Dorfes.

„Da ist Langenbach“, sagte Walter. „Noch eine halbe Stunde, und wir sind daheim.“

Im Schatten einer Buche hielten sie kurze Rast. Theo sagte, indem er auf die Landschaft da unten zeigte: „Mir ist das alles wie ein Traum. Von der Burg bis zum Waldhaus sind wir im unterirdischen Gang gelaufen: unter der Stadt hin, unter Bächen, Wiesen und Feldern, über uns ist die Eisenbahn gefahren, Menschen sind gegangen, Hasen und Rehe sind durch den Wald gesprungen – und wir immer drunter weg, als ob das gar nichts wäre. Hätte ich es nicht selbst erlebt, ich glaubte es nicht.“

„Ja, ja“, fügte Walter hinzu, „und unverschämt viel Glück haben wir gehabt. Es konnte auch anders kommen.“

Sie standen auf. Theo sagte, um seinen Freund ein bisschen zu uzen: „Weißt du aber, was mich am meisten gefreut hat? Dass du die ganze Zeit über in so schönen langen Sätzen gesprochen hast.“

Das hätte Theo nicht sagen dürfen. Walter runzelte die Stirn und knurrte in seiner alten Weise: „Gequasselt hab ich? Werde mir das Maul verbinden. Pause!“

Auf dem ganzen Weg bis zur Stadt gab er nicht mehr einen einzigen Ton von sich.

Wieder daheim

Frau Lanzenberger sorgte sich nicht um ihren Sohn. Sie dachte, er wäre beim Vater. Gegen neun Uhr morgens kam der Gendarm müde und verärgert nach Hause. Er hatte fast nichts ermitteln können. Niemand konnte ihm eine Beschreibung der Einbrecher geben. Nur hier und da hatten ein paar alte oder kranke Leute, die zu Hause geblieben waren, ein verdächtiges Lastauto vorüberfahren sehen. Dicht mit Männern besetzt, war es in der zweiten Morgenstunde in Richtung Langenbach vorübergerollt. Nun wartete der Gendarm auf seinen Kameraden Arnold, der einen Polizeihund hatte. Das Tier sollte auf die Spuren gesetzt werden.

„Wo ist denn Walter?“, fragte Frau Lanzenberger ihren Mann.

„Ich weiß es nicht. Nachts war er mit auf der Burg. Ob er noch oben bei seinen Freunden ist?“

Nun wurde die Mutter doch unruhig. Sie schickte einen Nachbarsjungen auf die Burg und ließ nach Walter fragen. Ulla lief nach der Kemenate. Sie fand weder Walter noch Theo. Das Ritterbett war nur zur Hälfte besetzt. Emil lag wie ein Rollmops unter seiner Decke und schlief immer noch. Als sie ihn munter hatte, brummte er: „Guten Abend! Die sind heute früh ganz zeitig in den unterirdischen Gang gestiegen. Wünsche wohl zu ruhen. Gute Nacht!“

Er wälzte sich knurrend auf die andere Seite. Aber Ulla zog ihm das Kopfkissen weg. In großer Sorge sagte sie: „Dann müssten sie doch längst zurück sein. Es ist schon neun Uhr vorbei. Steh auf, du Faulpelz, und hilf mit suchen! Hoffentlich sind die Jungen nicht verunglückt!“ Sie rannte nach dem Weinkeller, wo sich bald darauf auch Emil einfand. Zwar fanden die Kinder den Stein mit dem Stern, es gelang ihnen aber nicht, die Geheimtür zu öffnen. Da lief Ulla zur Gendarmenwohnung in der Hoffnung, dort etwas zu erfahren. An der Haustür traf sie mit den beiden gänzlich verdreckten Jungen zusammen, die soeben von ihrer Fahrt zurückkehrten und wie die Stromer aussahen.

Vater Lanzenberger war ärgerlich. Als aber die Jungen erzählten, was sie auskundschaftet hatten, wurde er vergnügt, denn jetzt schien Licht in die rätselhafte Angelegenheit zu kommen. Draußen fuhr ein Auto mit den Kriminalbeamten vor. Auch Gendarm Arnold kam mit dem Polizeihund.

Auf dem Schreibtisch wurde eine genaue Karte der Umgegend ausgebreitet. Die Jungen beschrieben die Lage des Waldhauses. Es konnte sich nur um die Hütte des Waldwärters Kratzer handeln. Sofort ließ der Kriminalkommissar zwei Beamte dorthin fahren. Sie sollten das Haus überwachen und jeden festnehmen, der es betrat. Die übrigen stiegen zur Burgruine empor. Jetzt endlich klärte sich das Rätsel auf, dass der Doktor zugleich am Fenster und im unterirdischen Gang gesehen worden war. Als man auf die Türklinke drückte, sagte eine Stimme im Zimmer: „Lassen sie mich in Ruhe. Ich habe zu arbeiten!“

Verblüfft schauten die Herren einander an.

„Hier Kriminalpolizei!“, rief der Kommissar. „Aufmachen!“

Es rührte sich nichts. Aber als er abermals auf die Klinke drückte, plärrte die Stimme von neuem: „Lassen Sie mich in Ruhe! Ich habe zu arbeiten!“

Nun wurde die Tür aufgebrochen. Dabei entdeckte man einen Draht. Er führte von der Klinke zu einem polierten Kasten, der auf dem Schreibtisch stand. Der Kasten enthielt ein Grammophon. Berührte man die Klinke, so wurde durch elektrischen Kontakt das Laufwerk auf kurze Zeit eingeschaltet. Die Platte drehte sich ein Stück und gab immer dieselben Worte wieder. Der Doktor hatte die Platte vorher mit den genannten Worten besprochen. So kam es, dass man seine Stimme hörte, während er selbst nicht im Zimmer war. Auf dem Schreibtisch stand eine Pappscheibe. Sie zeigte Kopf und Brust einer menschlichen Figur und diente dazu, einen Schatten auf den Vorhang zu werfen.

Der Plan war gar nicht übel. Man hörte den Doktor sprechen, man sah seinen Schatten am Fenster; in Wirklichkeit aber steckte der Mann im unterirdischen Gang, um die Beute seiner „Vereinsfreunde“ zu notieren und zu ordnen. Und doch hatte alle Pfiffigkeit nichts genützt. „Ihr seid zwei tüchtige Kerle und habt der Polizei einen großen Dienst erwiesen“, sagte der Kommissar. „Für die ausgestandene Angst sollt ihr entschädigt werden. Einige der Bestohlenen haben Belohnungen für die Wiederbeschaffung des Gestohlenen ausgesetzt. Von diesen Belohnungen werdet ihr wahrscheinlich einen Teil bekommen.“

Die Jungen mussten nun das Äußere der Einbrecher beschreiben.

„Den Waldwärter Kratzer kenne ich“, sagte Gendarm Lanzenberger. „Ich hätte ihm nichts Schlimmes zugetraut. Er machte immer einen sehr ruhigen und soliden Eindruck. Zwar kam er mir etwas verschlossen und misstrauisch vor; doch schob ich diese Eigenheit darauf, dass er als unverheirateter Mann ganz allein in der einsamen Waldhütte hauste. Die Blumen in seinem Garten pflegte er mit großer Sorgfalt. Ja, kenne sich einer in den Menschen aus!“

Der Kerl mit der Warze auf der Stirn war dem Gendarm ebenfalls kein Unbekannter. Es war der Dienstknecht Ebenstein aus Langenbach, ein roher und gewalttätiger, mit Zuchthaus vorbestrafter Mensch.

Über den eleganten „Baron“ wusste der Kommissar Bescheid. Er sagte: „Ich fresse einen Besenstiel, wenn das nicht der ‚feine‘ Spitzbube und Hochstapler Gustav Schnudeke, genannt Rulpser, aus Berlin ist. Der Kerl hat eine Menge auf dem Kerbholz. In unseren Fahndungsblättern wird er schon lange gesucht. Wahrscheinlich ist ihm der Boden in Berlin zu heiß geworden, so dass er für eine Weile seine üblichen Hoteldiebstähle aufgab und sich lieber in der Provinz einer Einbrecherbande anschloss. Von seinen Kollegen wird er ‚Baron‘ genannt, auch ‚Hotel-Justav‘ oder ‚Seidensocke‘.“

Gegen die drei Einbrecher wurden sogleich Steckbriefe und Haftbefehle ausgefertigt. Einer der Beamten verständigte telefonisch die Grenzpolizei, damit die Gauner abgefasst werden konnten, bevor sie ins Ausland verschwanden.

Dann drangen die Beamten in den unterirdischen Gang ein. Walter und Theo gingen mit; sie zeigten, wie man die Geheimtür öffnete, und wiesen den Weg. Der Doktor saß nicht mehr im Lager. Er hatte so viele Schüsse, die dicht nebeneinander lagen, durch die Tür gefeuert, bis ein genügend großes Loch entstanden war. Das hatte er mit Hilfe der Einbrecherwerkzeuge erweitert, die Hand durchgesteckt und den Außenriegel beiseitegeschoben. Er hatte sich tüchtig plagen müssen, denn die Tür bestand aus hartem Holz. Die Diebesbeute war noch vorhanden. Man nahm an, dass er bis zum Wachhaus vorgedrungen und jetzt dort festgenommen worden war. Aber das traf nicht zu. Als die Herren aus der Falltür emporstiegen, fanden sie nur die beiden Beamten vor, die die Waldhütte überwachen sollten. Sie erzählten, bei ihrer Ankunft sei die Falltür noch genauso verrammelt gewesen, wie es die beiden Jungen beschrieben hatten. Durch die Hütte konnte also der Doktor nicht entwischt sein. Gab es einen dritten Ausgang?

Nun wurde das Lager besichtigt und geräumt. Man fand fast alles, was in der letzten Nacht gestohlen worden war, dazu eine Menge Gegenstände aus früheren Diebstählen. Der Kürschnermeister, der Uhrmacher und viele andere Leute bekamen ihre Sachen vollzählig wieder. Walters Mutter freute sich königlich, als sie ihre schöne Uhr wiederbekam.

Schon in der zweiten Nachmittagsstunde lief die Nachricht ein, dass Kratzer, Ebenstein und der Baron im Auslandsschnellzug festgenommen worden waren. In ihrer Wut über das missglückte Unternehmen verrieten sie die anderen. Bereits am Abend des ereignisreichen Tages saßen die meisten hinter Schloss und Riegel. Die Polizei hatte vorzügliche Arbeit geleistet. Der Doktor aber war und blieb verschwunden. Es half nichts, dass man den Gang noch einmal aufs gründlichste absuchte und nach weiteren Ausgängen forschte. Da kehrten die meisten Beamten nach Hause zurück. Nur der Kommissar blieb mit einem Beamten auf der Burg.

Walter und Theo wuschen sich gründlich, zogen sich um und aßen sich satt. Eigentlich hätten sie ins Bett gehört. Dazu hatten sie aber keine Lust. Bei einer guten Tasse Kaffee setzten sie sich in die Laube und erzählten ausführlich ihre Erlebnisse. Kopfschüttelnd hörten die Kastellansleute zu. Das war ja eine ganz tolle Geschichte! Mitten im Erzählen sprang Theo plötzlich auf. Er zeigte nach dem Bergfried und schrie: „Um Gottes willen! Seht ihr? Da oben ist ein Mensch!“

Auf der Zinne des Bergfrieds stand ein Mann. Er warf die Arme verzweifelt in die Luft und schrie um Hilfe.

Im nächsten Augenblick geschah etwas Schreckliches. Es krachte und donnerte. Staub wirbelte auf. Mit lautem Geprassel stürzte der Turm zusammen und riss den Menschen mit hinunter. Sein Fall wurde von dem kurzen Aufleuchten vieler glitzernder Lichtpunkte begleitet. Sie fielen mit ihm in die Tiefe wie ein goldener Regen.

Alle rannten nach der Unglücksstätte. Blutend und stöhnend lag auf dem Trümmerhaufen eine menschliche Gestalt. Es war Doktor Teufel. Sein Kopf ruhte auf einer großen Steinplatte. Sie trug in der Ecke das verhängnisvolle Zeichen: den Stern.

Auf den Trümmern glänzte und blitzte es von vielen goldenen Münzen. Sie waren von der Zinne herabgefallen. Die Männer hoben den Verunglückten auf und legten ihn ins Gras. Er schlug noch einmal die Lider auf, führte eine Goldmünze, die er mit der Hand umklammert hatte, dicht an die Augen und seufzte:

„Der Schatz. – Zu spät. – Alles vergebens. Kommen Sie nahe heran – noch näher. – Sie konnten mich nicht finden. Bin durch den Fluchtschacht auf den Turm gestiegen – fand oben den Stern, zwei Fuß neben dem Nordfenster – habe den Kalk herausgekratzt, den Stein herausgewuchtet. Da stürzte der Turm zusammen. – Alles vorbei. – In meinem Tagebuch steht, was Sie wissen wollen. Ich bin nicht so schlecht, wie es scheint. Die beiden Jungen wollte ich nicht umbringen, nur einschüchtern. – Oh, ich sehe nichts mehr. Es wird ganz finster. Es geht wohl – zu Ende. – Leben Sie wohl.“

Doktor Teufel stürzt zu Tode

Das Tagebuch

Als der Arzt den Tod festgestellt hatte, wurde der Verunglückte nach dem Leichenhaus gebracht. In seiner Tasche hatten die Kriminalbeamten ein Notizbuch gefunden. Es war das Tagebuch, von dem Doktor Teufel in seinen letzten Augenblicken sprach. Der erste Teil enthielt sorgfältig mit Tinte geschriebene Angaben über sein Leben. Dann folgten nur noch kurze Bleistiftnotizen. Das Wichtigste soll im Folgenden wiedergegeben werden:

„Ich bin armer Leute Kind. Meine Eltern wohnten hoch oben im Grenzgebirge, wo noch allerhand seltsame Bräuche herrschen und der Aberglaube den Menschen die Köpfe verdreht. Meine Mutter stammte von Zigeunern ab. Sie konnte handlesen, kartenschlagen, wahrsagen und ‚besprechen‘. In finsterem Aberglauben wuchs ich auf. Ich glaubte daran, dass es verborgene Schätze gäbe, die man mit Hilfe geheimer Kräfte heben könne. Mein sehnlichster Wunsch war, einen Schatz zu finden und mit einem Schlage reich zu werden. Mein Vater wurde beim Schmuggeln von Grenzjägern erschossen. Meine Mutter siechte an einer rätselhaften Krankheit dahin und starb bald nach ihm. Sie glaubte steif und fest, dass sie von Zigeunern vergiftet worden sei, weil sie eine Abtrünnige wäre und einen Mann geheiratet hätte, der nicht den Zigeunern entstammte. Darum habe man ihr das heimtückische Pflanzengift ‚Dry‘ beigebracht, das sich im Körper nicht nachweisen lässt. Nur Zigeuner verstünden, es zu bereiten, und von diesen nur die allerklügsten. (Ich weiß wirklich nicht, ob daran etwas Wahres ist und ob es das genannte Gift gibt.) Nach Mutters Tod kam ich zu den Bauern. Aber die Arbeit war zu schwer für mich. Ich war zu schwächlich. Doch in der Schule kam ich gut vorwärts. Ich fand einen Gönner, der mich eine höhere Schule besuchen ließ. Später borgte er mir eine kleine Summe Geld, damit ich studieren konnte. Ich war ein bettelarmer Student und habe während meiner Studienjahre viel hungern müssen. Aber ich ertrug alle Entbehrungen und erkämpfte mir schließlich den Doktortitel. Ich versuchte, an einer höheren Schule und dann in Privatschulen unterzukommen. Doch die Schüler hassten mich wegen meines finsteren Aussehens und machten mir das Leben zur Hölle, vielleicht auch deshalb, weil ich den hässlichen Namen ‚Teufel‘ führe. Da gab ich’s auf. Ich taugte weder zum Lehrer noch zu einem anderen Beruf. Nun glaubte ich fest an die Wahrheit dessen, was mir meine Mutter in ihren letzten Augenblicken zugeflüstert hatte: ‚Mich haben sie vergiftet, dich haben sie verwünscht. Nie wirst du Glück im Leben haben.‘ – Mit Schreibarbeiten und Nachhilfestunden bei Schülern und verbummelten Studenten hielt ich mich mühsam über Wasser. Als ich schon völlig am Verzweifeln war, fiel mir ein altes Buch in die Hände. Darin las ich von dem großen Schatz, der auf der Feuerburg versteckt liegen soll. Meine alte Knabensehnsucht erwachte wieder. Ich trug zusammen, was ich an Notizen über die Burg erreichen konnte, und arbeitete mich gründlich in die Vergangenheit des alten Raubnestes ein. Dann schilderte ich dem Besitzer der Burg meine Verhältnisse und fragte an, ob ich eine ausführliche Geschichte der Burg verfassen und die Schlossbücherei benützen dürfe. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich Erfolg. Er gab seine Einwilligung, stellte mir ein Zimmer auf der Burg zur Verfügung und zahlte mir ein Jahresgehalt. Ich ging an die Arbeit. Zwar verfasste ich das versprochene Werk, verbrachte aber die meiste Zeit mit der Suche nach dem Schatz. Jeden Stein habe ich geprüft, jede Mauerfuge betrachtet, jede Wand abgeklopft. Eines Tages fand ich im Keller einen großen Stein, der durch einen Stern gekennzeichnet war, und fand den Eingang zum unterirdischen Fluchtgang. Aber am Ende des Tunnels fiel ich dem Waldwärter Kratzer und einem seiner Kumpane in die Hände. Erst hielten sie mich für ein Gespenst, dann fesselten sie mich. Die Stube lag voll gestohlener Gegenstände. Ich sah, dass ich es mit Einbrechern zu tun hatte. Kratzer schrie mich an: ‚Du musst sterben! Wenn wir dich leben lassen, verrätst du uns der Polizei.‘ – Da sagte ich: ‚Niemanden werde ich von dem unterirdischen Gang erzählen, denn ich suche hier nach einem verborgenen Schatz. Verrate ich euch, so ist auch für mich der Schatz verloren. Lasst ihr mich aber leben, dann teile ich ihn mit euch.‘ – Das leuchtete ihnen ein. Kratzer erzählte mir, wie er den Tunneleingang gefunden hatte. Vor einem Jahr war die morsche Rückwand seines Kellers zusammengebrochen. Als er den Schutt wegräumte, entdeckte er dahinter einen gewölbten Raum, von dem er bisher nichts gewusst hatte. Aus diesem Raum führte eine uralte Tür in den unterirdischen Gang. – Kratzer hatte schon immer kleine Diebstähle begangen, ohne dass er gefasst worden war. Nun wusste er ein sicheres Versteck für die gestohlenen Dinge: den Gang, dessen Zugang selbst bei einer Haussuchung kaum entdeckt werden würde. Er säuberte den Tunnel, soweit es nötig war. Den Schutthaufen beim Lager ließ er liegen, damit man den Gang rasch verrammeln konnte, wenn Gefahr drohte. Von nun an betrieb Kratzer sein Handwerk im großen. Er sammelte eine Diebesbande um sich und raubte mit ihr die Dörfer aus. Ich wurde gezwungen, mich seiner Bande anzuschließen, und musste einen Eid schwören, nichts zu verraten. Auf Verrat stand die Todesstrafe. Von da ab spielte ich den Hehler, zählte und notierte die gestohlenen Gegenstände und verkaufte sie in großen Städten an Halunken, mit denen ich in Schnapsbuden und düsteren Kneipen zusammentraf. Gewissenhaft habe ich die gemeinsame Kasse verwaltet und jedem sein Teil richtig ausgezahlt. Ich selber habe bis jetzt nichts von diesem Sündengeld genommen und werde nichts nehmen.“ In dem Tagebuch folgten dann lange Aufzählungen des Gestohlenen und des erzielten Gewinnes. Weiter hinten schrieb der Doktor:

„Wie es scheint, wundern sich die Kastellansleute, dass ich so oft verreise. Sie können ja nicht wissen, dass ich in den Städten das gestohlene Gut an den Mann bringe. Es ist ein jämmerliches Leben, das ich führe. Was gäbe ich darum, wieder ein freier und ehrlicher Mensch zu sein! Aber die Verbrecher halten mich in ihren Klauen. Liefere ich sie der Polizei aus, dann trifft mich die Rache ihrer Kumpane. Ich kann nicht mehr zurück von dem Wege, den ich beschritten habe. Was ich auch beginne: es schlägt mir alles zum Unheil aus.“

Nur mit Bleistift geschrieben, hieß es auf den letzten Seiten des Buches:

„Der Baron hat eine neue Idee. Er will sich den Aberglauben der Leute zunutze machen und das Gespenst der Gräfin auf dem Bergfried erscheinen lassen. Während die Einwohner nach der Burg laufen, soll die Stadt ausgeplündert werden. Klappt der Trick nicht beim ersten Mal, dann gewiss beim zweiten oder dritten Mal. Ich soll mir einen großen Gummiluftballon besorgen, dazu Seidenpapier, Leuchtfarbe und eine lange Seidenschnur und daraus das Gespenst herrichten.“

„Das Gespenst ist fertig. Es wird seinen Zweck erfüllen. Der Baron trug mir auf, ein Grammophon und Wachsplatten zu kaufen und eine Platte zu besprechen. Eine Pappscheibe wird meinen Schatten aufs Fenster werfen.“

„Zwei Jungen sind auf der Burg als Feriengäste eingetroffen. Sie haben ein Loch in die Wand des Rittersaals gestoßen. Ich fand an dieser Stelle einen eingemauerten Kasten mit dem langgesuchten Pergament, aber es nützt mir nichts. Die entscheidenden Zeilen, die den Ort angeben, wo der Schatz liegt, sind nicht mehr zu entziffern.“

Dies war das Letzte, was der Doktor notiert hatte. Das Ende des Trauerspiels hatten die Jungen selber miterlebt. Der Unglückliche fand zwar den Schatz, aber gleichzeitig auch den Tod.

Ende gut, alles gut

Als Walter Lanzenberger und Theo Hartmut am Ende dieses anstrengenden Tages in ihre Betten plumpsten, fielen ihnen sofort die Augen zu. Sie schliefen bis weit in den Vormittag des anderen Tages hinein, Theo sogar bis gegen Mittag.

Theo erwachte vom Ton einer Autohupe. Er lief ans Fenster und sah auf dem Burghof einen großen Wagen halten. Ein fremder Herr stieg aus und ging zu den Trümmern des Bergfrieds hinüber. Da eilte auch schon der Kastellan herbei. Die beiden Männer unterhielten sich lebhaft miteinander.

Theo wusch sich und schlüpfte in seine Kleider. Kaum war er fertig, so stürmten Ulla, Walter und Emil ins Zimmer.

„Endlich ausgeschlafen, du Murmeltier?“, fragte Ulla. „Denke dir, Herr Gräfe, der Besitzer der Burg, ist angekommen. Vater hat ihn telegrafisch herbeigerufen. Er ist die ganze Nacht durchgefahren. Jetzt will er mit dir und Walter sprechen.“

„Au“, rief Theo, „da gibt’s ’ne kostenlose Kopfwäsche!“

„Und eine kalte Abreibung“, ergänzte Walter. „Aber das ist mir Wurst. Mehr als fressen kann er uns nicht.“

Aber der Mann dachte gar nicht daran. Er gab den Jungen die Hand und fragte nach ihren Namen. „Ich habe von eurem Wagestück gehört“, sagte er. „Na, jedenfalls steht fest, dass ohne euch die Einbrecher nicht so schnell entlarvt worden wären. Auch der Schatz wäre wohl noch eine gute Weile in seinem Versteck geblieben. Zur Belohnung sollt ihr einen Teil davon erhalten, nicht die alten Münzen, sondern gutes Geld. Es soll zu eurer Ausbildung verwendet werden. Was willst du mal werden, Walter Lanzenberger?“

Walter blickte zögernd zu Boden. Endlich brachte er heraus: „Kriminalbeamter – vielleicht einmal Polizeileutnant.“

„Das glaub’ ich“, lachte Herr Gräfe, „aber dazu gehört allerhand Wissen und Können. Bist du ein fleißiger Schüler?“

Walter schüttelte den Kopf. „Ich? – Nee – stockfaul.“

Herr Gräfe brach in ein schallendes Gelächter aus. „Ehrlich bist du, das muss dir der Neid lassen. Doch das genügt nicht. Setz dich also von jetzt ab auf die Hosen und büffle, damit du die Aufnahmeprüfung bestehst. Ich werde mit deinem Vater sprechen, auf welche Schule wir dich am besten schicken. Nun wollen wir uns mal den anderen Jungen ansehen. Was willst du werden, Theo Hartmut?“

„Ingenieur.“

„So, so, Ingenieur. Das ist ein wichtiger und interessanter Beruf. Wird es deinen Vater freuen, wenn ich dein Studium bezahle?“

„Sehr, Herr Gräfe. Mein Bruder Emil möchte nämlich auch etwas lernen, aber für zweie reicht’s nicht.“

„Na, dann wäre ja alles in bester Ordnung. Gib mir die Adresse deines Vaters, damit ich ihm schreiben kann.“

Als das geschehen war, sagte Herr Gräfe: „Und nun habe ich noch ein Hühnchen mit euch zu rupfen. Ich freue mich, dass eure Fahrt in die Unterwelt glücklich abgelaufen ist. Ebenso gut konnte sie ein trauriges Ende finden. Es war leichtsinnig, allein in den unterirdischen Gang zu klettern, besonders von dem Augenblick an, als ihr das Gespenst entdeckt hattet und damit rechnen musstet, den Einbrechern in die Hände zu fallen.“

Walter gab seinem Freunde einen Rippenstoß, um ihn an seine Dickköpfigkeit zu erinnern, mit der er darauf bestanden hatte, das Abenteuer fortzusetzen. Er verriet aber nichts davon. Petzen? Klatschen? Nee, kommt nicht in Frage!

„Tapferkeit ist eine schöne Tugend“, fuhr Herr Gräfe fort, „und ein rechter Junge soll tapfer sein und keine Memme, die bei jeder Kleinigkeit davonläuft. Aber Tollkühnheit hat immer etwas Unüberlegtes an sich. Der Tollkühne setzt sein Leben und das Leben anderer leichtsinnig aufs Spiel. Also hütet euch in Zukunft vor tollkühnen Streichen, ihr wilden Jungen von der Feuerburg!“

Walter und Theo blickten betreten zu Boden. Dann reichten sie Herrn Gräfe die Hand, sprachen ihren Dank aus und verabschiedeten sich.

Auf dem Wege zum Kastellanshäuschen sagte Theo: „Nun haben wir doch noch unsere Kopfwäsche gekriegt.“

„Und eine nasskalte Abreibung dazu“, fuhr Walter fort. „Aber wir sind ja Gott sei Dank nicht wasserscheu, und außerdem hat der Mann nicht ganz unrecht, nicht wahr, Theo? Ich kenne einen, der absolut weitermarschieren wollte, als wir den Gespensterpopanz gefunden hatten.“

„Fängst du schon wieder an?“, sagte Theo und knuffte seinen Freund tüchtig in die Seite. Der knuffte tüchtig zurück. Aber dann lachten alle beide, tanzten wie die Bären umeinander herum und rannten zu Tante Camilla, um ihr und Ulla und Emil von ihrem großen Glück zu erzählen.

Auf Wiedersehen auf der Feuerburg!

Herr Gräfe blieb einige Tage auf der Burg. Er ordnete verschiedene Ausbesserungsarbeiten an. Den unterirdischen Gang ließ er auf beiden Seiten zumauern, damit niemand darin verunglücken konnte. Unter den Trümmern des Bergfrieds fand man gegen siebenhundert goldene und silberne Münzen. Außer ihrem Metallwert besaßen sie einen hohen Sammelwert. Der Besitzer der Burg war auf diese Weise mühelos zu einem kleinen Vermögen gekommen. Da er ein sehr freigebiger und menschenfreundlicher Mann war, der genug zum Leben hatte, verteilte er reichliche Geldgeschenke an die Polizeibeamten, die Kastellansleute und den Wächter. Aus dem Rest errichtete er eine Stiftung. Deren Zinsen waren bestimmt für die Ausbildung armer, aber begabter Jungen der Stadt Feuerburg und ihrer Umgebung.

Nach drei Tagen begrub man den Doktor. Fast die ganze Stadt ging mit zu Grabe, die meisten wohl aus Neugierde. Doch wurden alle tief ergriffen von der Grabrede, die der Pfarrer hielt. An Hand der Tagebuchnotizen schilderte er die düsteren Anlagen des Verstorbenen, seine freudlose Kindheit, die Armut seiner Studienzeit, die verbitternden Misserfolge in allem, was er begann, und sein trauriges Ende. Zum Schluss sagte der Pfarrer: „Der Tote hat sein Tagebuch überschrieben: ‚Aus einem unnützen Leben‘. Aber jetzt, da sein Leben abgeschlossen vor uns liegt, müssen wir sagen, dass es doch nicht unnütz war. Der unglückselige Schatz, der ihm den Tod brachte, wird manchen armen, klugen Sohn unserer Stadt vor einem ähnlichen Schicksal bewahren und ihm den Weg ebnen in eine freie, glückliche Zukunft.“

Es dauerte einige Tage, bis die Kinder mit all den aufregenden und niederschlagenden Ereignissen der letzten Tage fertig geworden waren. Aber dann kehrte die alte Fröhlichkeit zurück, und sie verlebten noch manch frohe Stunde miteinander. Oft badeten sie in dem Flüsschen unterhalb der Stadt. Es war eine Lust, sich in der frischen, kristallklaren Flut zu tummeln. Bis auf den Grund hinab war sie durchsichtig und wurde von keinerlei Schmutzabwassern aus Häusern und Fabriken getrübt.

Dann und wann wurden Ausflüge unternommen: nach dem Hohen Forst, nach den umliegenden Aussichtspunkten, sogar bis zum Eulenschloss hinüber. Aber wenn die Ferien einmal bis zur Hälfte vergangen sind, dann geht es rasend bergab, und die übrigen Tage eilen wie ein Rad dahin, das schneller und immer schneller einen Hügel hinabrollt.

Noch vierzehn Tage, noch eine Woche, noch drei, noch zwei Tage – und schließlich heißt es: „Morgen fahren wir nach Hause.“

Der letzte Abend vereinigte die Freunde noch einmal in der Laube im Burggarten. Onkel Konrad hatte Papierlaternen aufhängen lassen. Die großen, bunten Lichtbälle erfüllten die Laube mit rotem und grünem Schein. Mutter Camilla hatte ein herrliches Abendbrot aufgetragen, aber keinem wollte es recht schmecken. Schon saß allen die Abschiedsstimmung in der Kehle. Wehmütig schauten sie durchs Laubenfenster in die Gegend. Sie wurde vom letzten Schimmer der Abendröte überglänzt. Unten vor der Stadt lagen die kahlen Felder. Schon wehte der Wind über die Stoppeln.

Onkel Konrad erhob sein Glas: „So geht alles vorüber“, sagte er, „Gutes und Schlimmes. Und so sind auch diese Ferien vorübergegangen mit ihren Aufregungen und mit ihrer Freude. Wir müssen uns trennen, aber nicht für immer. Wenn wir alle gesund sind, dann wollen wir nächstes Jahr um dieselbe Zeit hier wieder fröhlich beisammen sein. Ihr seid herzlich eingeladen.“

Das gab einen Jubel! Die Kinder stießen mit Onkel und Tante an und sangen:

„Hoch soll’n sie leben,
hoch soll’n sie leben,
dreimal hoch!“

Lange saßen sie noch beieinander und erinnerten sich plaudernd und lachend aller lustigen Erlebnisse. Nur wenn sie an den Doktor dachten, wurden sie ernst, und keiner wagte, über ihn zu scherzen, der ein so bitteres Ende gefunden hatte.

Schon verkündeten die Glocken vom Uhrturm die elfte Stunde. Stumm lauschten die Kinder den hallenden Schlägen. Als der letzte Schlag verklungen war, sagte Theo:

Abendliche Abschiedsfeier auf der Burg

„So! Das war vorläufig das letzte Mal, dass wir den Stundenschlag der alten Turmuhr hörten. Morgen um diese Zeit sind wir längst zu Hause in unseren Betten. Und wenn wir noch nicht schlafen sollten, dann hören wir unten die Straßenbahn vorüberschnurren und das Hupen der Autos. Ich glaube, da werden wir uns nach der alten Feuerburg zurücksehnen, nicht wahr, Kleiner?“

Emil antwortete nicht. Mit trüber Miene hockte er da, nickte nur und schluckte die Abschiedstränen hinunter. Tante Camilla mahnte zum Aufbruch. „Es ist besser, ihr geht jetzt schlafen“, sagte sie, „denn vor euch liegt eine lange und anstrengende Reise.“

Da stiegen sie auf die Stühle, löschten die Kerzen in den Papierlaternen und sagten einander gute Nacht. Walter Lanzenberger drückte jedem wortlos die Hand. Dann trollte er sich laut pfeifend zum Burgtor hinaus, um seine Rührung zu verbergen.

Am nächsten Morgen halb fünf Uhr rollte ein Wägelchen, mit den Koffern der Knaben beladen, den Burgweg hinab und durch die schlafende Stadt dem Bahnhof zu. Die Brüder zogen den Wagen. Ulla begleitete sie. In der Hand trug sie ein Päckchen, das in weißes Seidenpapier eingeschlagen war. Am Bahnhof wartete schon Walter Lanzenberger. Er war früh aufgestanden, um seine Freunde nochmals zu sehen. Schweigend und leicht fröstelnd standen die Kinder in der dämmergrauen Frühe auf dem Bahnsteig.

Als draußen in der großen Gleiskurve die weiße Rauchfahne des heranfahrenden Zuges aufstieg, öffnete Ulla ihr Päckchen und steckte den beiden Vettern eine Rosenknospe an. Die Rosen waren noch feucht von glitzernden Tautropfen.

„Die letzten Rosen aus dem Burggarten“, sagte sie. „Sie sollen euch in eurer großen, lauten Stadt an die Feuerburg erinnern. Darf ich dir auch eine Knospe geben, Walter? Oder sagst du wieder: ‚Rose anstecken – Quatsch! Weg damit!‘?“

„Nee“, sagte Walter und schüttelte seinen mächtigen Kopf. „Heute ausnahmsweise – danke schön!“

Geduldig ließ er sich die schöne Knospe an seinen abgeschabten Schwitzer stecken.

Da fuhr auch schon der Zug ein. „Feuerburg! – Eine Minute!“, rief der Schaffner.

Ein letzter Händedruck, dann sprangen die beiden Jungen in den Wagen.

In diesem Augenblick stieg im Osten die Sonne rot wie ein Feuerball übers Gebirge. Sie überglänzte Ullas Haar mit goldenrotem Schimmer. In die glühende Morgenröte hinein donnerte der Frühzug und trug die Jungen mit sich fort.

Die beiden auf dem Bahnsteig riefen mit hellen Stimmen: „Auf Wiedersehen!“

Und aus den Fenstern des davoneilenden Zuges klang es zum letzten Mal:

„Auf Wiedersehen auf der Feuerburg!“

Ulla und Walter nehmen Abschied am Bahnhof

Ende



Notizen zur Digitalisierung des Originals

Die Erstausgabe dieses Abenteuerromans für die Jugend erschien 1925 im Jugend-Verlag, Berlin-Charlottenburg. „Die wilden Jungen von der Feuerburg“ ist der erste Teil der Feuerburg-Trilogie, die weiteren Bände sind „Neue Abenteuer von der Feuerburg“ (ebenfalls 1925) und „Ferienabenteuer der Feuerburg-Jungen“ (1929).

Für diese Digitalisierung wurde eine Ausgabe aus dem Jahr 1950 für den Bertelsmann-Lesering verwendet. Das Buch aus kaeseschem Familienbesitz im Format 12 cm × 18 cm ist gebunden, mit mehrfarbigem Schutzumschlag versehen, und enthält 148 Seiten. Die verwendete Schriftart ist Garamond. Für die wenigen Textauszeichnungen wurde Sperrsatz verwendet.

Im Digitalisat sind Schreibweisen an die aktuelle Rechtschreibung angepasst, Textauszeichnungen und Absätze wurden vom Original übernommen.

Christian Kaese
Eschershausen 2023